Herwor tritt zum feuerumwaberten Grabhügel, in dem ihr Vater Angantyr

und seine Brüder, die Arngrimssöhne ruhen. „Erwache, Angantyr, dich

weckt Herwor, deine einzige Tochter. Gib mir aus dem Grabe das scharfe

Schwert, das dem Swafrlami Zwerge schweissten. Euch Arngrimssöhne

alle unter den Wurzeln der Bäume weck ich auf mit Helm und Brünne und

scharfem Schwert, mit Schild und Geschirr und rotem Geere. So möge es

euch sein zwischen den Rippen, als ob ihr im Ameisenhaufen modert,

gebt ihr mir nicht das gute Schwert, das Toten nicht taugt!“ Also ein

Wecklied und, so er säumt, schwere Drohung singt den Toten aus dem

Grabe herauf.

Eine Totenbeschwörung ohne Erwähnung von Zauberliedern erzählt die

Færeyingasaga Kap. 40. Der listige Thrand, der, obwol getauft, doch

im Herzen grundheidnisch geblieben war, wollte wissen, wie Sigmund

Brestisson ums Leben kam, ob er ertrank, als er sich selbdritt

durch Schwimmen zu retten suchte, oder ob er das Land erreichte

und dort erschlagen ward. Da liess Thrand im Hause desjenigen, der

des Todschlags verdächtig war, vier Gitter am Boden zum Viereck

zusammensetzen und liess um die Gitter herum neun Plätze am Boden

einmerken. Grosse Feuer waren angezündet. Thrand setzte sich auf einen

Stuhl zwischen die Feuer und die Gitter und verbot den Anwesenden, ihn

anzureden. Nachdem er eine Zeit lang gesessen war, kamen die Geister

der Ertrunkenen und auch Sigmunds Gestalt, blutig, den Kopf in der

Hand, in die Stube herein. Als sie verschwunden waren, erhob sich

Thrand, stöhnend vor Erschöpfung, und erklärte, dass Sigmund ermordet

sei.

9. Wahrsager und Zauberer.

Nahe ans Priestertum, oft kaum von ihm zu scheiden, rührt Zauberei

und Wahrsagerei, nur dass der Priester meist offen an die Volksgötter

sich wendet, während über dem Treiben der Zauberer und Wahrsager etwas

Geheimes liegt. Sie handeln mehr im Auftrage einzelner als auf Geheiss

des ganzen Volkes, sie rufen häufiger zu Gespenstern und Geistern

als zu den hohen himmlischen Göttern, sie kehren ihre Macht oft zu

bösen unehrlichen Thaten. Zauberei und Wahrsagerei kann teilweise als

eine niedere Gattung des Priestertums bezeichnet werden. Der enge

Zusammenhang mit dem Gespensterglauben und der Umstand, dass Zauberer

und Wahrsager meistens im Dienste einzelner, seltener im Dienste einer

grösseren Gemeinschaft ihres Amtes walten, bewahrten dieses niedere

Priestertum, das vom Aberglauben unzertrennlich ist, vor dem Untergang.

Auch im Christentum wucherte es, freilich oft sinnlos entstellt, weiter.

Es gibt Leute, denen besondere Fähigkeiten angeboren sind,

Sonntagskinder, Geistersichtige, mit dem zweiten Gesicht Begabte.

Solchen werden ohne weiteres Geister und Geschehnisse, die andern

Leuten verborgen sind, offenbar, sie blicken in die Vergangenheit

und in die Zukunft, sie erschauen gleichzeitige, aber weit entfernte

Begebenheiten. Ihre Seele ist von Raum und Zeit unabhängig, was sie

erfährt, wird aber ihrer leiblichen Persönlichkeit bewusst, und

darum sind sie im Stande, wunderbare Auskünfte zu erteilen. Von

solchen Hellsehern unterscheiden sich die gewerbsmässigen Wahrsager

dadurch, dass sie nur mit Hilfe bestimmter Förmlichkeiten, mit Opfer,

Beschwörung, mit magischem Zeichen, also durch die sog. Zauberkunst

in den Besitz übernatürlichen Wissens gelangen. Unmittelbar aus den

heiligsten, das gesamte Wissen des Heidentums in sich begreifenden

Geschäften, aus Gottesdienst und Dichtkunst muss zugleich aller

Zauberei Ursprung geleitet werden. Opfern und Singen tritt über

in die Vorstellung von Zaubern; Priester und Dichter, Vertraute

der Götter und göttlicher Eingebung teilhaft, grenzen an Weissager

und Zauberer. Zauber und Weissagung sind uralt und allen Völkern

gemeinsam; sie reichen zurück in die Uranfänge der Menschheit und

wurzeln in der niederen Mythologie. Sie sind die ältesten Kultformen,

die dazu dienen, dem Menschen die Geisterwelt unterthan zu machen.

Hier liegen die Anfänge des eigentlichen Priestertums. Ebenso wie der

niedere Volksaberglaube unter jedem höheren Götterglauben im Grunde

gleichmässig fortwuchert, so steht auch der Zauberer dem Priester

zur Seite. Hier sollen nur die Formen des Zauberwesens in Betracht

gezogen werden, die im germanischen Heidentum neben dem öffentlichen

Priestertum auftreten. Die Berichte sind fast alle mangelhaft, indem

sie nur eine Seite, Opfer, Beschwörung, Zeichen, Gebärde und Werkzeug,

Weissagung hervorheben, während in Wirklichkeit wol immer das ganze

Verfahren mit allen förmlichen Einzelheiten zur Anwendung gelangte.

Nicht nur die christliche Zeit verdammte die Zauberei, sondern auch

schon das Heidentum, allerdings wol nur die heimliche, schädliche

Zauberkunst. Es gab auch erlaubte, hilfreiche und erlösende Zauberei,

eine weisse Kunst neben der schwarzen. Der Zauberer und Wahrsager,

sofern er erlaubter Kunst pflegt, vertritt gewissermaassen den

Privatpriester, der dort amtiert, wo die Fähigkeiten und das Wissen des

Einzelnen nimmer ausreichen, mit Hilfe überirdischer Mächte Unheil zu

bannen und Segen zu erwirken.

Ahd. _zoubar_ wird mit _incantatio_, _divinatio_, also mit Beschwörung

und Wahrsagerei glossiert, an. taufr heisst auch Amulet, ags. _téafor_

Rötel, Menige, vermutlich Zauberfarbe, womit die magischen Zeichen,

die Runen ausgemalt wurden. Zauberer, der Zauber treibt, ist ein

weiter, allgemeiner und umfassender Begriff, wie ja die heutige Sprache

darunter alle einzelnen Handlungen, aus denen die Zauberei besteht,

einrechnet. Der nds. Ausdruck _wicken_, weissagen, zaubern, wozu ags.

_wicce_, engl. _witch_ gehört, ist in seinem Ursprung nicht klar. Ags.

_wítega_, ahd. _wîȥago_, an. _vitki_ meint den Weissager. An. _spámađr_

und _spákona_ bedeuten Wahrsager und Wahrsagerin, _forspár_ heisst der

Zukunft kundig, _fjǫlkunnigr_ im allgemeinen vielkundiger Zauberer.

Mit _spákona_ gleichbedeutend, wenn auch etymologisch weit abstehend,

wird _vǫlva_ als Bezeichnung weiser Frauen gebraucht. Ahd. _kalstarari_

steht zu _kalstar_, _galstar_ und meint den der Zauberlieder Kundigen.

Im Nordischen wird _trollskapr_, _trolldom_ auch von Zauberei gesagt,

natürlich bloss von böser, schädlicher Schwarzkunst, und somit der

Zauberer auf eine Stufe mit den Trollen gestellt. Das Wort Büssen im

Sinne von Bessern, Heilen wendet das westfälische _böten_ in Bezug

auf alte Zaubermittel des Volkes gegenüber der gelehrten Arzneikunst

an. Ahd. _hlioȥari_, mhd. _lieȥære_ gehört zu _hlioȥan_, _lieȥen_,

Loose werfen, und steht dem lat. _sortilegus_, _sortiarius_ (frz.

_sorcier_) gleich. Der Zauberer ist also, wie der Priester, ein Looser,

der aus den Loosen die Zukunft liest. Im Ags. bedeutet _hléođor_

Orakel, _hléođorstede_ Orakelplatz, _hléodorcwide_ Orakelspruch. Im

Ahd. begegnet _hleotharâȥȥo_ oder _hleodarsiȥȥeo_ als negromanticus,

hariolus glossiert. _Wîȥagun_ und _leodarseȥȥun_ werden gleichbedeutend

gebraucht. Dazu steht das Femininum _hleodarsâȥa_ vaticinium: gemeint

ist das Niedersitzen zu Orakelzwecken[793], das im 11. Jahrhundert

Burchard von Worms beschreibt. In der Neujahrsnacht setzte man sich

schwertumgürtet aufs Dach des Hauses, um zu ergründen, was das

Jahr bringen werde. Andere setzten sich zu gleichem Zweck an einem

Kreuzwege auf eine Rindshaut. Man gedenkt der nordischen Sitte des

Draussensitzens (_útiseta_, _sitja úti_), um Geister zu bannen. Es

gab also Leute, die zur Nacht an bestimmten Plätzen niedersassen und

Geister beschworen, um von ihnen Weissagung zu erlangen. Der ahd.

Ausdruck lehrt, dass gewerbsmässige „Orakelsitzer“ auf diese Art die

Zukunft erforschten. Mithin ergeben sich auch aus den Benennungen die

wichtigsten Ämter des Zauberers ziemlich genau übereinstimmend mit

denen des Priesters, als Opfern, Beschwören, Runenmalen, Loosewerfen,

Spähen, Weissagen, Heilen, im schlimmen Sinne aber Verwirren und

Schädigen. Waren in den rein gottesdienstlichen Verrichtungen bereits

den öffentlichen Priestern hochberühmte weise Frauen zur Seite

getreten, so geschieht dies noch weit mehr im Zauberwesen, dessen

sich vorwiegend Frauen, die Hexen, und mit starker Hervorkehrung der

schlimmen Seite bemächtigen.

Die Saga von Eirik dem Roten[794] beschreibt das Verfahren einer

solchen Vǫlva. Gegen Ende des 10. Jahrh. herrschte in Grönland grosser

Notstand, Hunger und Siechtum. Infolge starken Unwetters waren Jagd

und Fischerei wenig ergiebig gewesen. Da lebte eine weise Frau

(_spákona_) mit Namen Thorbjorg, die kleine Vǫlva genannt. Von neun

Schwestern war sie allein am Leben geblieben. Thorbjorg pflegte im

Winter auf Gastgebot umherzufahren. Diejenigen, welche Unterweisung

über ihr Schicksal und über das bevorstehende Jahr wünschten, entboten

sie zumeist zu sich. Thorkel, der grösste Bauer der grönländischen

Siedelung, wollte wissen, wann das herrschende Missjahr zu Ende gehen

werde. Da lud er die weise Frau zu sich ein und rüstete ihr guten

Empfang, wie er beim Besuch solcher Frauen üblich war. Ein Kissen mit

Hühnerfedern gefüllt wurde auf den Hochsitz gelegt, als sie abends

mit dem ihr entgegengesandten Mann eintraf. Sie war also gekleidet:

sie trug einen dunkelblauen Mantel, der am Rand von oben bis unten

mit Steinen besetzt war. Um den Hals hatte sie Glasperlen. Auf dem

Kopfe hatte sie eine Mütze aus schwarzem Lammsfell, mit weissem

Katzenpelz gefüttert. In der Hand trug sie einen Stab mit einem

messingbeschlagenen, steinverzierten Knopfe. Sie hatte einen Gürtel um,

an dem ein grosser Beutel hing, der das nötige Zauberzeug (_taufr_)

enthielt. An den Füssen hatte sie Schuhe aus rauhem Kalbsfell mit

langen und starken Riemen, an deren Enden grosse Messingknöpfe sassen.

An den Händen hatte sie Handschuhe aus Katzenpelz, innen weiss und

zottig. Sie wurde ehrerbietig begrüsst und von Thorkel zum Hochsitz

geleitet. Er bat sie, Herde, Vieh und Haus in Augenschein zu nehmen.

Sie sprach bei allem nur wenig. Abends wurden Tische aufgetragen.

Thorbjorg bekam Grütze mit Geismilch gekocht; ihre Speise war aus den

Herzen aller Tiere, die es an Ort und Stelle gab, zubereitet. Sie

gebrauchte einen messingnen Löffel und ein ehernes Messer mit einem

Heft aus Walrosszahn; die Spitze war abgebrochen. Als die Tische

abgetragen waren, fragte Thorkel, wie es ihr mit dem Haus und den

Leuten schiene, und wenn sie Offenbarung erhielte über das, worüber er

sie gefragt hatte und was das Volk zu wissen wünschte. Sie erwiderte,

sie könne das nicht vor dem nächsten Morgen verkündigen, nachdem sie

die Nacht darüber geschlafen. Andern Tags gegen Abend ward alles in

Stand gesetzt, dass sie Zauber (_seiđ_) üben könnte. Sie verlangte,

man solle ihr Frauen, die sich auf die zum Seid nötigen Lieder

(_frœđi_), die sog. _varđlokkur_ (d. i. Geisterlockungen?) verstünden,

herbeischaffen; da fand sich niemand, der sie wusste, obschon in den

nächstliegenden Höfen nachgefragt ward. Da sagte Gudrid: Zwar bin ich

weder zauberkundig noch eine weise Frau; aber meine Pflegmutter auf

Island lehrte mich Lieder, die sie _varđlokkur_ nannte. Die Lieder

und was dazu gehört, sind aber derart, dass ich sie als Christin

nicht ausüben kann. Da bat Thorkel so lange und inständig, bis sie

endlich doch einwilligte. Thorbjorg setzte sich auf den Zaubersessel

(_seidhjallr_) und die Frauen bildeten ein Kreis darum, Gudrid sang das

Lied so schön und gut, dass niemand von den Anwesenden jemals einen

schöneren Gesang gehört zu haben glaubte. Auch die Wahrsagerin meinte,

der Sang sei schön anzuhören, und dankte ihr, als sie zu Ende war; sie

sagte, nun seien viele Geister (_natúrur_) erschienen, denen das Lied

wolgefiel und die zuvor keinen Beistand noch Gehorsam hätten leisten

wollen. Nun sind mir auch viele Dinge ersichtlich, die mir und andern

zuvor verborgen waren. Ich kann dir sagen, Thorkel, dass das Hungerjahr

nur noch den Winter über dauern und im Frühling Besserung eintreten

wird. Auch die Seuche, die hier geherrscht hat, wird sich über Erwarten

schnell bessern. Der Gudrid weissagte sie eine ansehnliche Heirat.

Dann gingen die Leute zu der Weissagerin und jeder fragte das, was

er am meisten zu wissen verlangte. Sie war gut mit ihren Aussagen

und es schlug wenig fehl, was sie sagte. Hierauf begab sie sich

wieder auf einen andern Hof, wo man ihrer Dienste bedurfte. Nach der

Víga-Glúmssaga Kap. 12 zog die Oddbjorg auf Island herum. Sie richtete

ihre Weissagungen günstiger oder ungünstiger ein, je nachdem man sie

besser oder schlechter bewirtete. Die Orvar-Oddssaga Kap. 2 gedenkt

einer Volva und Seidkona namens Heidr, welche durch ihre Wissenschaft

ungeschehene Dinge voraus wusste und von Gastmahl zu Gastmahl zog, den

Leuten den Gang der Witterung und ihre Schicksale vorauszusagen. Mit

fünfzehn Knaben und fünfzehn Mädchen, vermutlich den Gehilfen ihrer

Zauberkunst zieht sie herum, durch nächtlichen Seiðr erfährt sie, was

sie zu wissen begehrt, und die Leute erhalten dann von ihr Bescheid

auf allerlei Fragen. Wie sie den Ingjaldr in Wiken besucht, geht er

ihr wie einem hohen Gaste mit vielem Gefolge entgegen und ladet sie

förmlich ein, sein Haus zu betreten. Als ein ungläubiger Zuhörer,

Oddr, sie beleidigt, packt sie ihre Sachen zusammen und zieht weiter,

obwol Ingjald mit reichen Geschenken sie zu halten sucht. In der

Vatnsdœlasaga Kap. 10 und Landnáma 3, 2 wird von einer Finnin, die aber

auch Vǫlva genannt wird, namens Heidr berichtet. Im Hause des Norwegers

Ingjald nimmt sie allgeehrt den Hochsitz ein; die Leute fragen sie

(_gengu til frétta_) um ihr künftiges Geschick. Zwei jungen Helden,

dem Ingimund und Grim, welche nichts von ihr wissen wollen, weissagt

sie ihre künftige Fahrt nach Island und gibt zum Wahrzeichen an, dass

Ingimunds silbernes Freysbild aus seinem Beutel verschwinde und erst

auf Island beim Eingraben der Hauptsäulen des Hauses wieder gefunden

werde. Alles trifft genau nach ihrer Aussage ein. Dieselbe Saga Kap.

44 weiss von einer isländischen Spákona Thordis, welche am Ding bei

schwierigen Rechtsstreitigkeiten um Rat angegangen wird. Ihre Tracht

war ein schwarzer Mantel mit Kapuze, ihr Stab, Hognudr benannt, besass

die Kraft, einem Mann, dessen linke Wange man dreimal damit berührte,

das Gedächtniss zu rauben und wieder zu geben, wenn man darauf mit dem

Stabe an die rechte Wange schlug.

Den weissagenden Frauen ist gemeinsam das Umherziehen im Lande,

das Aufsuchen der Gastmähler, um dort ihre Kunst zu üben. Sie

treiben nächtlichen Seid mit Beschwörungsliedern, wodurch Geister

herangezwungen werden, durch welche ihnen ihre Wissenschaft von

der Zukunft vermittelt wird.[795] Sie haben besondere Tracht und

führen einen Stab (_valr_), nach welchem sie auch _vǫlor_, d. h.

Stabträgerinnen[796] genannt werden.

Das grossartige, vielbesprochene Gedicht, das die Geschicke der Götter

und der Welt von Anfang bis zum Ende erzählt, ist einer Vǫlva in den

Mund gelegt und heisst daher _vǫlospǫ́_, Weissagung der Vǫlva. Die

Volven, die im nordischen Volksglauben begegnen, befassen sich nur

mit gewöhnlicher Wahrsagerei. Sie verkünden die künftige Witterung,

allenfalls auch bevorstehende wichtige Ereignisse im Leben des

Einzelnen oder der Gemeinde. Ganz anders jene Seherin, die im Geiste

der hebräischen Propheten oder der hellenistischen Sibyllen die Zukunft

der Welt enthüllt. Da der Inhalt des Gedichtes als fremd erwiesen ist,

so unterliegt die Einkleidung nicht weniger diesem Verdacht. Zwar soll

nicht behauptet werden, dass Wort und Begriff Vǫlva aus der Sibylle

abzuleiten sei, wol aber, dass eine nordische Vǫlva, ein fahrendes

Zauberweib, als Seherin und Prophetin in so erhabenem Stile nicht

denkbar ist ohne das Vorbild der Sibylle.[797]

* * * * *

Wie man sich Zauberzwang dachte, zeigt die allerdings erst im 14.

Jahrhundert verfasste Bósasaga (hrsg. von Jiriczek 1893) im Kap. 5.

Bosi und sein Freund Herraud sollen getötet werden, da zwingt die

galdrkundige Busla den König Hring, seine schlimme Absicht aufzugeben.

Am Abend ging Busla in das Haus, worin Hring schlief, und hub die Bitte

an, die Buslabitte (Buslubæen) heisst und hernach hochberühmt wurde.

Darin sind viele schlimme Worte, die Christenleute nicht im Munde

haben sollen. „Höre die Buslubæn, bald wird sie gesungen, so dass man

sie hören soll in aller Welt, unheilvoll allen, die sie vernehmen, am

schlimmsten aber dem, dem ich sie vorspreche. Mögen die Wichte irre

gehen, Beispielloses geschehe, Felsen erbeben, Welt erzittere, Wetter

tobe, gibst du nicht Frieden dem Herraud und Schutz dem Bosi. Dein Herz

sollen sonst Würmer zernagen, dein Ohr nicht mehr hören, dein Auge aus

dem Kopfe springen.“ Dem König wird angewünscht, dass bei Segelfahrt

das Tauwerk zerreisse, die Segel in Fetzen gehen, das Steuer zerbreche,

dass beim Ritt das Zaumwerk reisse, das Pferd lahme, die Pfade und Wege

in Unholdshänden stehen, dass ihm auf dem Lager wie im Feuer, auf dem

Hochsitz wie auf Wogen zu Mute sei. Will er zur Liebsten, so soll er

sich verirren. Der König wollte aufspringen, aber war ans Bett gebannt;

seine Diener erwachten nicht. Da hub Busla das zweite Drittel ihres

Liedes an. „Trolle, Alfen, Zaubernornen (_töfrnornir_), Bergriesen

sollen deine Hallen verbrennen, Reifriesen sollen dich hassen, Hengste

dich treten, Stroh dich stechen, Sturm dich betäuben, Weh dir werden,

thust du nicht meinen Willen.“ Endlich hub Busla die Verse an, die

Syrpuverse heissen, in denen der stärkste Zauber (_mestr galdr_) ruht.

Nicht ists erlaubt, sie nach Sonnenuntergang herzusagen. Und so heisst

es gegen Ende: „Sechse mögen her kommen, sag mir ihre Namen, alle

ungebunden, ich will sie dir zeigen: errätst du sie nicht richtig, so

sollen dich Hunde tot beissen und soll dein Saal zur Hölle sinken:

ᚱ. ᚨ. ᚦ. Υ. ᛉ. ᚢ.

Rate diese Namen, sonst soll alles Schlimme über dich ergehen, das ich

dir angewünscht habe, ausser du erfüllst mein Verlangen.“ Wie eine

Mare kommt Busla über den schlafenden König und quält ihn mit immer

stärkeren Verwünschungen, bis er ihr den Willen thut. Neben dem Galdr,

der das bewirkt, begegnet auch noch das Runenzeichen, freilich nicht in

der ursprünglichen Anwendung. So, glaubte man, übten die Hexen zumal

auf Schlafende ihre schädigende Macht aus mit Alpdruck und Verwünschung.

* * * * *

Eine besondere Art von Zauberei hiess im Norden _seidr_, das Ausüben

derselben _síđa_, _efla seiđ_, _fremja seiđ_, _setja seiđ_.[798] Seid

wird von Männern (_seiđmađr_, _seiđberandi_) und besonders auch von

Frauen (_seiđkona_) getrieben. Das Wesen solcher Zauberleute wird als

ein absonderliches geschildert; einzelne Angaben über die Art ihrer

Heimlichkeiten fehlen. Nur soviel ist zu entnehmen, dass der Seid bei

Nacht geschah, dass der Zauberer auf einem Stuhle sass (_seiđhjallr_),

dass es auch dabei besonderer Lieder und Formeln bedurfte. Man bediente

sich des Seids zur Erregung von Sturm und Unwetter (_gjǫrningaveđr_)

und zur Stillung, wobei der Zaubernde in Walfischgestalt oder auf einem

Walfisch reitend mitten in den Wogen, das gefährdete Schiff umkreisend,

erscheinen kann, um Nacht und Nebel auf die Feinde zu werfen, um Feinde

zu töten, um irgendwie Schaden zu stiften, um jemand gegen Eisen fest

zu machen, um die Zukunft zu erkunden. Den Liedern (_frœđi_, _galdr_,

_varđlokkur_), welche beim Seid gesungen wurden, wohnte ganz besondere

bezaubernde Kraft inne. In der Laxdœlasaga Kap. 37 ist davon die Rede.

Zwei Isländer, Hrutr und Thorleikr lagen in Fehde. Thorleikr nahm die

Hilfe des zauberkundigen Kotkell und seiner Frau Grima in Anspruch, um

Hrutr zu schaden. Kotkell, Grima und ihre Söhne fuhren bei Nacht zum

Hofe Hruts und stellten einen gewaltigen Seid an. Als der Seidgesang

anhub, wussten die, welche im Hause weilten, nicht recht, was es

bedeuten sollte; aber der Sang war sehr schön anzuhören. Hrutr allein

kannte das Lied und verbot jedem, in dieser Nacht aus dem Hause zu

schauen, und befahl allen, sich womöglich wach zu halten, dann werde

nichts Schlimmes geschehen. Trotzdem fielen alle in Schlaf; Hrutr blieb

am längsten wach, zuletzt entschlief auch er. Kari hiess ein Sohn

Hruts, der war damals 12 Winter alt und der hoffnungsvollste von den

Söhnen Hruts, den er sehr liebte. Gegen ihn war der Zauber gerichtet,

daher konnte er nicht schlafen, sondern wurde immer unruhiger. Endlich

sprang er auf und sah hinaus. Er näherte sich dem Seid und fiel tot

nieder.

Handbuch der Germanischen Mythologie · 第 56 / 68 段