und seine Brüder, die Arngrimssöhne ruhen. „Erwache, Angantyr, dich
weckt Herwor, deine einzige Tochter. Gib mir aus dem Grabe das scharfe
Schwert, das dem Swafrlami Zwerge schweissten. Euch Arngrimssöhne
alle unter den Wurzeln der Bäume weck ich auf mit Helm und Brünne und
scharfem Schwert, mit Schild und Geschirr und rotem Geere. So möge es
euch sein zwischen den Rippen, als ob ihr im Ameisenhaufen modert,
gebt ihr mir nicht das gute Schwert, das Toten nicht taugt!“ Also ein
Wecklied und, so er säumt, schwere Drohung singt den Toten aus dem
Grabe herauf.
Eine Totenbeschwörung ohne Erwähnung von Zauberliedern erzählt die
Færeyingasaga Kap. 40. Der listige Thrand, der, obwol getauft, doch
im Herzen grundheidnisch geblieben war, wollte wissen, wie Sigmund
Brestisson ums Leben kam, ob er ertrank, als er sich selbdritt
durch Schwimmen zu retten suchte, oder ob er das Land erreichte
und dort erschlagen ward. Da liess Thrand im Hause desjenigen, der
des Todschlags verdächtig war, vier Gitter am Boden zum Viereck
zusammensetzen und liess um die Gitter herum neun Plätze am Boden
einmerken. Grosse Feuer waren angezündet. Thrand setzte sich auf einen
Stuhl zwischen die Feuer und die Gitter und verbot den Anwesenden, ihn
anzureden. Nachdem er eine Zeit lang gesessen war, kamen die Geister
der Ertrunkenen und auch Sigmunds Gestalt, blutig, den Kopf in der
Hand, in die Stube herein. Als sie verschwunden waren, erhob sich
Thrand, stöhnend vor Erschöpfung, und erklärte, dass Sigmund ermordet
sei.
9. Wahrsager und Zauberer.
Nahe ans Priestertum, oft kaum von ihm zu scheiden, rührt Zauberei
und Wahrsagerei, nur dass der Priester meist offen an die Volksgötter
sich wendet, während über dem Treiben der Zauberer und Wahrsager etwas
Geheimes liegt. Sie handeln mehr im Auftrage einzelner als auf Geheiss
des ganzen Volkes, sie rufen häufiger zu Gespenstern und Geistern
als zu den hohen himmlischen Göttern, sie kehren ihre Macht oft zu
bösen unehrlichen Thaten. Zauberei und Wahrsagerei kann teilweise als
eine niedere Gattung des Priestertums bezeichnet werden. Der enge
Zusammenhang mit dem Gespensterglauben und der Umstand, dass Zauberer
und Wahrsager meistens im Dienste einzelner, seltener im Dienste einer
grösseren Gemeinschaft ihres Amtes walten, bewahrten dieses niedere
Priestertum, das vom Aberglauben unzertrennlich ist, vor dem Untergang.
Auch im Christentum wucherte es, freilich oft sinnlos entstellt, weiter.
Es gibt Leute, denen besondere Fähigkeiten angeboren sind,
Sonntagskinder, Geistersichtige, mit dem zweiten Gesicht Begabte.
Solchen werden ohne weiteres Geister und Geschehnisse, die andern
Leuten verborgen sind, offenbar, sie blicken in die Vergangenheit
und in die Zukunft, sie erschauen gleichzeitige, aber weit entfernte
Begebenheiten. Ihre Seele ist von Raum und Zeit unabhängig, was sie
erfährt, wird aber ihrer leiblichen Persönlichkeit bewusst, und
darum sind sie im Stande, wunderbare Auskünfte zu erteilen. Von
solchen Hellsehern unterscheiden sich die gewerbsmässigen Wahrsager
dadurch, dass sie nur mit Hilfe bestimmter Förmlichkeiten, mit Opfer,
Beschwörung, mit magischem Zeichen, also durch die sog. Zauberkunst
in den Besitz übernatürlichen Wissens gelangen. Unmittelbar aus den
heiligsten, das gesamte Wissen des Heidentums in sich begreifenden
Geschäften, aus Gottesdienst und Dichtkunst muss zugleich aller
Zauberei Ursprung geleitet werden. Opfern und Singen tritt über
in die Vorstellung von Zaubern; Priester und Dichter, Vertraute
der Götter und göttlicher Eingebung teilhaft, grenzen an Weissager
und Zauberer. Zauber und Weissagung sind uralt und allen Völkern
gemeinsam; sie reichen zurück in die Uranfänge der Menschheit und
wurzeln in der niederen Mythologie. Sie sind die ältesten Kultformen,
die dazu dienen, dem Menschen die Geisterwelt unterthan zu machen.
Hier liegen die Anfänge des eigentlichen Priestertums. Ebenso wie der
niedere Volksaberglaube unter jedem höheren Götterglauben im Grunde
gleichmässig fortwuchert, so steht auch der Zauberer dem Priester
zur Seite. Hier sollen nur die Formen des Zauberwesens in Betracht
gezogen werden, die im germanischen Heidentum neben dem öffentlichen
Priestertum auftreten. Die Berichte sind fast alle mangelhaft, indem
sie nur eine Seite, Opfer, Beschwörung, Zeichen, Gebärde und Werkzeug,
Weissagung hervorheben, während in Wirklichkeit wol immer das ganze
Verfahren mit allen förmlichen Einzelheiten zur Anwendung gelangte.
Nicht nur die christliche Zeit verdammte die Zauberei, sondern auch
schon das Heidentum, allerdings wol nur die heimliche, schädliche
Zauberkunst. Es gab auch erlaubte, hilfreiche und erlösende Zauberei,
eine weisse Kunst neben der schwarzen. Der Zauberer und Wahrsager,
sofern er erlaubter Kunst pflegt, vertritt gewissermaassen den
Privatpriester, der dort amtiert, wo die Fähigkeiten und das Wissen des
Einzelnen nimmer ausreichen, mit Hilfe überirdischer Mächte Unheil zu
bannen und Segen zu erwirken.
Ahd. _zoubar_ wird mit _incantatio_, _divinatio_, also mit Beschwörung
und Wahrsagerei glossiert, an. taufr heisst auch Amulet, ags. _téafor_
Rötel, Menige, vermutlich Zauberfarbe, womit die magischen Zeichen,
die Runen ausgemalt wurden. Zauberer, der Zauber treibt, ist ein
weiter, allgemeiner und umfassender Begriff, wie ja die heutige Sprache
darunter alle einzelnen Handlungen, aus denen die Zauberei besteht,
einrechnet. Der nds. Ausdruck _wicken_, weissagen, zaubern, wozu ags.
_wicce_, engl. _witch_ gehört, ist in seinem Ursprung nicht klar. Ags.
_wítega_, ahd. _wîȥago_, an. _vitki_ meint den Weissager. An. _spámađr_
und _spákona_ bedeuten Wahrsager und Wahrsagerin, _forspár_ heisst der
Zukunft kundig, _fjǫlkunnigr_ im allgemeinen vielkundiger Zauberer.
Mit _spákona_ gleichbedeutend, wenn auch etymologisch weit abstehend,
wird _vǫlva_ als Bezeichnung weiser Frauen gebraucht. Ahd. _kalstarari_
steht zu _kalstar_, _galstar_ und meint den der Zauberlieder Kundigen.
Im Nordischen wird _trollskapr_, _trolldom_ auch von Zauberei gesagt,
natürlich bloss von böser, schädlicher Schwarzkunst, und somit der
Zauberer auf eine Stufe mit den Trollen gestellt. Das Wort Büssen im
Sinne von Bessern, Heilen wendet das westfälische _böten_ in Bezug
auf alte Zaubermittel des Volkes gegenüber der gelehrten Arzneikunst
an. Ahd. _hlioȥari_, mhd. _lieȥære_ gehört zu _hlioȥan_, _lieȥen_,
Loose werfen, und steht dem lat. _sortilegus_, _sortiarius_ (frz.
_sorcier_) gleich. Der Zauberer ist also, wie der Priester, ein Looser,
der aus den Loosen die Zukunft liest. Im Ags. bedeutet _hléođor_
Orakel, _hléođorstede_ Orakelplatz, _hléodorcwide_ Orakelspruch. Im
Ahd. begegnet _hleotharâȥȥo_ oder _hleodarsiȥȥeo_ als negromanticus,
hariolus glossiert. _Wîȥagun_ und _leodarseȥȥun_ werden gleichbedeutend
gebraucht. Dazu steht das Femininum _hleodarsâȥa_ vaticinium: gemeint
ist das Niedersitzen zu Orakelzwecken[793], das im 11. Jahrhundert
Burchard von Worms beschreibt. In der Neujahrsnacht setzte man sich
schwertumgürtet aufs Dach des Hauses, um zu ergründen, was das
Jahr bringen werde. Andere setzten sich zu gleichem Zweck an einem
Kreuzwege auf eine Rindshaut. Man gedenkt der nordischen Sitte des
Draussensitzens (_útiseta_, _sitja úti_), um Geister zu bannen. Es
gab also Leute, die zur Nacht an bestimmten Plätzen niedersassen und
Geister beschworen, um von ihnen Weissagung zu erlangen. Der ahd.
Ausdruck lehrt, dass gewerbsmässige „Orakelsitzer“ auf diese Art die
Zukunft erforschten. Mithin ergeben sich auch aus den Benennungen die
wichtigsten Ämter des Zauberers ziemlich genau übereinstimmend mit
denen des Priesters, als Opfern, Beschwören, Runenmalen, Loosewerfen,
Spähen, Weissagen, Heilen, im schlimmen Sinne aber Verwirren und
Schädigen. Waren in den rein gottesdienstlichen Verrichtungen bereits
den öffentlichen Priestern hochberühmte weise Frauen zur Seite
getreten, so geschieht dies noch weit mehr im Zauberwesen, dessen
sich vorwiegend Frauen, die Hexen, und mit starker Hervorkehrung der
schlimmen Seite bemächtigen.
Die Saga von Eirik dem Roten[794] beschreibt das Verfahren einer
solchen Vǫlva. Gegen Ende des 10. Jahrh. herrschte in Grönland grosser
Notstand, Hunger und Siechtum. Infolge starken Unwetters waren Jagd
und Fischerei wenig ergiebig gewesen. Da lebte eine weise Frau
(_spákona_) mit Namen Thorbjorg, die kleine Vǫlva genannt. Von neun
Schwestern war sie allein am Leben geblieben. Thorbjorg pflegte im
Winter auf Gastgebot umherzufahren. Diejenigen, welche Unterweisung
über ihr Schicksal und über das bevorstehende Jahr wünschten, entboten
sie zumeist zu sich. Thorkel, der grösste Bauer der grönländischen
Siedelung, wollte wissen, wann das herrschende Missjahr zu Ende gehen
werde. Da lud er die weise Frau zu sich ein und rüstete ihr guten
Empfang, wie er beim Besuch solcher Frauen üblich war. Ein Kissen mit
Hühnerfedern gefüllt wurde auf den Hochsitz gelegt, als sie abends
mit dem ihr entgegengesandten Mann eintraf. Sie war also gekleidet:
sie trug einen dunkelblauen Mantel, der am Rand von oben bis unten
mit Steinen besetzt war. Um den Hals hatte sie Glasperlen. Auf dem
Kopfe hatte sie eine Mütze aus schwarzem Lammsfell, mit weissem
Katzenpelz gefüttert. In der Hand trug sie einen Stab mit einem
messingbeschlagenen, steinverzierten Knopfe. Sie hatte einen Gürtel um,
an dem ein grosser Beutel hing, der das nötige Zauberzeug (_taufr_)
enthielt. An den Füssen hatte sie Schuhe aus rauhem Kalbsfell mit
langen und starken Riemen, an deren Enden grosse Messingknöpfe sassen.
An den Händen hatte sie Handschuhe aus Katzenpelz, innen weiss und
zottig. Sie wurde ehrerbietig begrüsst und von Thorkel zum Hochsitz
geleitet. Er bat sie, Herde, Vieh und Haus in Augenschein zu nehmen.
Sie sprach bei allem nur wenig. Abends wurden Tische aufgetragen.
Thorbjorg bekam Grütze mit Geismilch gekocht; ihre Speise war aus den
Herzen aller Tiere, die es an Ort und Stelle gab, zubereitet. Sie
gebrauchte einen messingnen Löffel und ein ehernes Messer mit einem
Heft aus Walrosszahn; die Spitze war abgebrochen. Als die Tische
abgetragen waren, fragte Thorkel, wie es ihr mit dem Haus und den
Leuten schiene, und wenn sie Offenbarung erhielte über das, worüber er
sie gefragt hatte und was das Volk zu wissen wünschte. Sie erwiderte,
sie könne das nicht vor dem nächsten Morgen verkündigen, nachdem sie
die Nacht darüber geschlafen. Andern Tags gegen Abend ward alles in
Stand gesetzt, dass sie Zauber (_seiđ_) üben könnte. Sie verlangte,
man solle ihr Frauen, die sich auf die zum Seid nötigen Lieder
(_frœđi_), die sog. _varđlokkur_ (d. i. Geisterlockungen?) verstünden,
herbeischaffen; da fand sich niemand, der sie wusste, obschon in den
nächstliegenden Höfen nachgefragt ward. Da sagte Gudrid: Zwar bin ich
weder zauberkundig noch eine weise Frau; aber meine Pflegmutter auf
Island lehrte mich Lieder, die sie _varđlokkur_ nannte. Die Lieder
und was dazu gehört, sind aber derart, dass ich sie als Christin
nicht ausüben kann. Da bat Thorkel so lange und inständig, bis sie
endlich doch einwilligte. Thorbjorg setzte sich auf den Zaubersessel
(_seidhjallr_) und die Frauen bildeten ein Kreis darum, Gudrid sang das
Lied so schön und gut, dass niemand von den Anwesenden jemals einen
schöneren Gesang gehört zu haben glaubte. Auch die Wahrsagerin meinte,
der Sang sei schön anzuhören, und dankte ihr, als sie zu Ende war; sie
sagte, nun seien viele Geister (_natúrur_) erschienen, denen das Lied
wolgefiel und die zuvor keinen Beistand noch Gehorsam hätten leisten
wollen. Nun sind mir auch viele Dinge ersichtlich, die mir und andern
zuvor verborgen waren. Ich kann dir sagen, Thorkel, dass das Hungerjahr
nur noch den Winter über dauern und im Frühling Besserung eintreten
wird. Auch die Seuche, die hier geherrscht hat, wird sich über Erwarten
schnell bessern. Der Gudrid weissagte sie eine ansehnliche Heirat.
Dann gingen die Leute zu der Weissagerin und jeder fragte das, was
er am meisten zu wissen verlangte. Sie war gut mit ihren Aussagen
und es schlug wenig fehl, was sie sagte. Hierauf begab sie sich
wieder auf einen andern Hof, wo man ihrer Dienste bedurfte. Nach der
Víga-Glúmssaga Kap. 12 zog die Oddbjorg auf Island herum. Sie richtete
ihre Weissagungen günstiger oder ungünstiger ein, je nachdem man sie
besser oder schlechter bewirtete. Die Orvar-Oddssaga Kap. 2 gedenkt
einer Volva und Seidkona namens Heidr, welche durch ihre Wissenschaft
ungeschehene Dinge voraus wusste und von Gastmahl zu Gastmahl zog, den
Leuten den Gang der Witterung und ihre Schicksale vorauszusagen. Mit
fünfzehn Knaben und fünfzehn Mädchen, vermutlich den Gehilfen ihrer
Zauberkunst zieht sie herum, durch nächtlichen Seiðr erfährt sie, was
sie zu wissen begehrt, und die Leute erhalten dann von ihr Bescheid
auf allerlei Fragen. Wie sie den Ingjaldr in Wiken besucht, geht er
ihr wie einem hohen Gaste mit vielem Gefolge entgegen und ladet sie
förmlich ein, sein Haus zu betreten. Als ein ungläubiger Zuhörer,
Oddr, sie beleidigt, packt sie ihre Sachen zusammen und zieht weiter,
obwol Ingjald mit reichen Geschenken sie zu halten sucht. In der
Vatnsdœlasaga Kap. 10 und Landnáma 3, 2 wird von einer Finnin, die aber
auch Vǫlva genannt wird, namens Heidr berichtet. Im Hause des Norwegers
Ingjald nimmt sie allgeehrt den Hochsitz ein; die Leute fragen sie
(_gengu til frétta_) um ihr künftiges Geschick. Zwei jungen Helden,
dem Ingimund und Grim, welche nichts von ihr wissen wollen, weissagt
sie ihre künftige Fahrt nach Island und gibt zum Wahrzeichen an, dass
Ingimunds silbernes Freysbild aus seinem Beutel verschwinde und erst
auf Island beim Eingraben der Hauptsäulen des Hauses wieder gefunden
werde. Alles trifft genau nach ihrer Aussage ein. Dieselbe Saga Kap.
44 weiss von einer isländischen Spákona Thordis, welche am Ding bei
schwierigen Rechtsstreitigkeiten um Rat angegangen wird. Ihre Tracht
war ein schwarzer Mantel mit Kapuze, ihr Stab, Hognudr benannt, besass
die Kraft, einem Mann, dessen linke Wange man dreimal damit berührte,
das Gedächtniss zu rauben und wieder zu geben, wenn man darauf mit dem
Stabe an die rechte Wange schlug.
Den weissagenden Frauen ist gemeinsam das Umherziehen im Lande,
das Aufsuchen der Gastmähler, um dort ihre Kunst zu üben. Sie
treiben nächtlichen Seid mit Beschwörungsliedern, wodurch Geister
herangezwungen werden, durch welche ihnen ihre Wissenschaft von
der Zukunft vermittelt wird.[795] Sie haben besondere Tracht und
führen einen Stab (_valr_), nach welchem sie auch _vǫlor_, d. h.
Stabträgerinnen[796] genannt werden.
Das grossartige, vielbesprochene Gedicht, das die Geschicke der Götter
und der Welt von Anfang bis zum Ende erzählt, ist einer Vǫlva in den
Mund gelegt und heisst daher _vǫlospǫ́_, Weissagung der Vǫlva. Die
Volven, die im nordischen Volksglauben begegnen, befassen sich nur
mit gewöhnlicher Wahrsagerei. Sie verkünden die künftige Witterung,
allenfalls auch bevorstehende wichtige Ereignisse im Leben des
Einzelnen oder der Gemeinde. Ganz anders jene Seherin, die im Geiste
der hebräischen Propheten oder der hellenistischen Sibyllen die Zukunft
der Welt enthüllt. Da der Inhalt des Gedichtes als fremd erwiesen ist,
so unterliegt die Einkleidung nicht weniger diesem Verdacht. Zwar soll
nicht behauptet werden, dass Wort und Begriff Vǫlva aus der Sibylle
abzuleiten sei, wol aber, dass eine nordische Vǫlva, ein fahrendes
Zauberweib, als Seherin und Prophetin in so erhabenem Stile nicht
denkbar ist ohne das Vorbild der Sibylle.[797]
* * * * *
Wie man sich Zauberzwang dachte, zeigt die allerdings erst im 14.
Jahrhundert verfasste Bósasaga (hrsg. von Jiriczek 1893) im Kap. 5.
Bosi und sein Freund Herraud sollen getötet werden, da zwingt die
galdrkundige Busla den König Hring, seine schlimme Absicht aufzugeben.
Am Abend ging Busla in das Haus, worin Hring schlief, und hub die Bitte
an, die Buslabitte (Buslubæen) heisst und hernach hochberühmt wurde.
Darin sind viele schlimme Worte, die Christenleute nicht im Munde
haben sollen. „Höre die Buslubæn, bald wird sie gesungen, so dass man
sie hören soll in aller Welt, unheilvoll allen, die sie vernehmen, am
schlimmsten aber dem, dem ich sie vorspreche. Mögen die Wichte irre
gehen, Beispielloses geschehe, Felsen erbeben, Welt erzittere, Wetter
tobe, gibst du nicht Frieden dem Herraud und Schutz dem Bosi. Dein Herz
sollen sonst Würmer zernagen, dein Ohr nicht mehr hören, dein Auge aus
dem Kopfe springen.“ Dem König wird angewünscht, dass bei Segelfahrt
das Tauwerk zerreisse, die Segel in Fetzen gehen, das Steuer zerbreche,
dass beim Ritt das Zaumwerk reisse, das Pferd lahme, die Pfade und Wege
in Unholdshänden stehen, dass ihm auf dem Lager wie im Feuer, auf dem
Hochsitz wie auf Wogen zu Mute sei. Will er zur Liebsten, so soll er
sich verirren. Der König wollte aufspringen, aber war ans Bett gebannt;
seine Diener erwachten nicht. Da hub Busla das zweite Drittel ihres
Liedes an. „Trolle, Alfen, Zaubernornen (_töfrnornir_), Bergriesen
sollen deine Hallen verbrennen, Reifriesen sollen dich hassen, Hengste
dich treten, Stroh dich stechen, Sturm dich betäuben, Weh dir werden,
thust du nicht meinen Willen.“ Endlich hub Busla die Verse an, die
Syrpuverse heissen, in denen der stärkste Zauber (_mestr galdr_) ruht.
Nicht ists erlaubt, sie nach Sonnenuntergang herzusagen. Und so heisst
es gegen Ende: „Sechse mögen her kommen, sag mir ihre Namen, alle
ungebunden, ich will sie dir zeigen: errätst du sie nicht richtig, so
sollen dich Hunde tot beissen und soll dein Saal zur Hölle sinken:
ᚱ. ᚨ. ᚦ. Υ. ᛉ. ᚢ.
Rate diese Namen, sonst soll alles Schlimme über dich ergehen, das ich
dir angewünscht habe, ausser du erfüllst mein Verlangen.“ Wie eine
Mare kommt Busla über den schlafenden König und quält ihn mit immer
stärkeren Verwünschungen, bis er ihr den Willen thut. Neben dem Galdr,
der das bewirkt, begegnet auch noch das Runenzeichen, freilich nicht in
der ursprünglichen Anwendung. So, glaubte man, übten die Hexen zumal
auf Schlafende ihre schädigende Macht aus mit Alpdruck und Verwünschung.
* * * * *
Eine besondere Art von Zauberei hiess im Norden _seidr_, das Ausüben
derselben _síđa_, _efla seiđ_, _fremja seiđ_, _setja seiđ_.[798] Seid
wird von Männern (_seiđmađr_, _seiđberandi_) und besonders auch von
Frauen (_seiđkona_) getrieben. Das Wesen solcher Zauberleute wird als
ein absonderliches geschildert; einzelne Angaben über die Art ihrer
Heimlichkeiten fehlen. Nur soviel ist zu entnehmen, dass der Seid bei
Nacht geschah, dass der Zauberer auf einem Stuhle sass (_seiđhjallr_),
dass es auch dabei besonderer Lieder und Formeln bedurfte. Man bediente
sich des Seids zur Erregung von Sturm und Unwetter (_gjǫrningaveđr_)
und zur Stillung, wobei der Zaubernde in Walfischgestalt oder auf einem
Walfisch reitend mitten in den Wogen, das gefährdete Schiff umkreisend,
erscheinen kann, um Nacht und Nebel auf die Feinde zu werfen, um Feinde
zu töten, um irgendwie Schaden zu stiften, um jemand gegen Eisen fest
zu machen, um die Zukunft zu erkunden. Den Liedern (_frœđi_, _galdr_,
_varđlokkur_), welche beim Seid gesungen wurden, wohnte ganz besondere
bezaubernde Kraft inne. In der Laxdœlasaga Kap. 37 ist davon die Rede.
Zwei Isländer, Hrutr und Thorleikr lagen in Fehde. Thorleikr nahm die
Hilfe des zauberkundigen Kotkell und seiner Frau Grima in Anspruch, um
Hrutr zu schaden. Kotkell, Grima und ihre Söhne fuhren bei Nacht zum
Hofe Hruts und stellten einen gewaltigen Seid an. Als der Seidgesang
anhub, wussten die, welche im Hause weilten, nicht recht, was es
bedeuten sollte; aber der Sang war sehr schön anzuhören. Hrutr allein
kannte das Lied und verbot jedem, in dieser Nacht aus dem Hause zu
schauen, und befahl allen, sich womöglich wach zu halten, dann werde
nichts Schlimmes geschehen. Trotzdem fielen alle in Schlaf; Hrutr blieb
am längsten wach, zuletzt entschlief auch er. Kari hiess ein Sohn
Hruts, der war damals 12 Winter alt und der hoffnungsvollste von den
Söhnen Hruts, den er sehr liebte. Gegen ihn war der Zauber gerichtet,
daher konnte er nicht schlafen, sondern wurde immer unruhiger. Endlich
sprang er auf und sah hinaus. Er näherte sich dem Seid und fiel tot
nieder.