divinatorischer Loosung, leider ohne genauere Beschreibung des
Verfahrens, das meistens als allgemein bekannt, keineswegs als
Geheimkunst vorausgesetzt zu sein scheint. Das Hymirlied hebt damit
an, dass die Götter, die ein Gelage zurüsten wollten, die Zweige
schüttelten und das Opferblut beschauten (_hristo teina ok á hlaut
sǫo_), da fanden sie, bei Ägir sei Überfluss. Bei ihm wird denn
auch schliesslich nach Einholung des Kessels Hymirs das Festgelage
abgehalten. Für Kultgebräuche erfahren wir aus der Stelle, dass, um
einen Orakelspruch zu erhalten, ein Opfer angerichtet wurde. Die
Weissagung oder die Antwort der angerufenen Gottheit erfolgte aus
dem Blute des geschlachteten Tieres und aus den (mit eingeritzten
Zeichen versehenen) durch einander geschüttelten Looszweigen. Nach
der Gautrekssaga Kap. 7 segelte König Wikar nordwärts von Agdir nach
Hordaland in Norwegen und bekam heftigen Gegenwind. Da fällten sie den
Span um günstigen Wind, und es fiel so, dass Odin einen Mann verlangte,
der ihm zum Opfer aus der Mannschaft durch das Loos bestimmt und
gehängt werden sollte (_þeir feldu spán til byrjar ok fell svá at Óđinn
vildi þiggja man at hlutfalli at hanga or herinum_). Darauf wurde die
Ausloosung vorgenommen, und es kam König Wikars Loos heraus (_ok kom
upp hlutr Víkars konungs_). Gewöhnlich heisst es: _fella blótspán_,
den Opferspan fällen.[780] Gemeint ist wol dasselbe wie mit den
Zweigen, nämlich bezeichnete Holzstückchen. Mit dem Looswurf war Opfer
verbunden, daher der Name _blótspánn_. Man opferte, warf die Loose,
las den Spruch daraus und that darnach. In der Gautrekssaga schliesst
sich einfache Ausloosung der divinatorischen Befragung unmittelbar
an. Diese hatte den allgemeinen Bescheid erbracht, Odin verlange ein
Menschenopfer, jene wählte das Opfer aus der Schar der Genossen aus.
Die Mitwirkung eines Priesters ist weder hier noch dort erwähnt. In
der Hervararsaga Kap. 11 (Fornaldar sögur 1, 451) wird erzählt: Zu der
Zeit war in Reidgotaland grosser Misswachs, so dass es zur Verödung des
Landes zu kommen schien; da wurden Loose von weisen Männern gemacht und
der Opferspan dabei gefällt (_váru þá gǫrđir hlutir af vísendamǫnnum
ok feldr blótspánn til_) und so erging das Orakel (_en svá gekk
fréttin_), dass nicht eher wieder ein gutes Jahr kommen würde, als bis
der vornehmste Knabe im Lande geopfert werde. Hier ist beachtenswert,
dass weise Männer die Loose herstellen; also wird zur divinatorischen
Loosung doch ein höheres Wissen vorausgesetzt. Die Vita Anskarii Kap.
18 berichtet von einem Schweden, der an der Vertreibung des Bekehrers
Gauzbert teilgenommen hatte, dass er hinterher den Zorn der Götter zu
fürchten angefangen habe. Da suchte er einen Weissager auf (_qua de re,
sicut moris est ibi, quendam adivit divinum_), damit dieser durchs Loos
erkunde, welchen Gott er beleidigt habe und wie er ihn versöhnen könne.
Jener verrichtete die üblichen Gebräuche (_quae circa cultum hujusmodi
observare solebat_) und erklärte, keiner der Heidengötter, wol aber der
Christengott zürne ihm. Im Kap. 19 erfragen die Dänen durch Loosung,
wohin sie sich wenden sollten, um Beute zu machen. Da fiel das Loos auf
eine entfernte Stadt im Lande der Slaven. Beispiele für einfache Frage
um ja oder nein bietet die Vita im Kap. 19, 27, 30. Aus Layamons Brut
zieht Müllenhoff, zur Runenlehre S. 40 f. noch eine Stelle an, wo der
Herzog Ascanius nach denen, die des teuflischen Sanges mächtig sind,
über Land sendet, um zu erfahren, was sein Weib im Schooss trüge. Da
warfen sie die Loose und fanden an der Kraft des unheilvollen Liedes,
dass die Frau mit einem Sohne ginge. Hier wird der Beschwörungslieder
gedacht, die zur Weissagung nötig waren. Denn das höhere Wesen, das
um die Zukunft befragt wurde, musste mit Gebet oder Beschwörung dazu
gebracht werden, das Gewünschte zu offenbaren.
Es war Sitte, die Götter mit Loosung zu befragen, ob ihnen ein Opfer
genehm sei oder nicht. Bestand von vornherein die Absicht, ein Opfer
darzubringen, so genügte die einfache Frage auf ja oder nein. Manchmal
aber, wie in der Sage von Wikar und vielleicht auch, als die Schweden
ihre Könige Domaldi und Olaf opferten, wurde in schweren Zeiten das
Loos auf allgemeine Befragung des göttlichen Willens geworfen. Erst der
Ausspruch zeigte, dass die Götter ein blutiges Menschenopfer heischten.
War keine bestimmte Persönlichkeit genannt, so mochte gewöhnliches
Ausloosen einen oder mehrere aus einer grösseren Menge ausscheiden.
Auch ins Strafrecht reicht die Sitte der Loosung herein und erhielt
sich unter den Friesen[781] bis ins Christentum. Der Grund ist leicht
zu erkennen. Hatte ein Neidingswerk den Grimm der Götter erregt, und
war der Missethäter unbekannt, so boten sich die Volksgenossen zum
Loose, zum Gottesurteil, damit die Gottheit selber zur Sühne den
Schuldigen herausgreife. Nach Caesar bell. gall. 1, 53 erzählt der aus
der Gefangenschaft der Sueven gerettete Valerius Procillus, es sei
dreimal über ihn das Loos geworfen worden, ob er alsbald verbrannt oder
auf später aufbewahrt werden solle; das Loos fiel für ihn günstig (_se
praesente, de se ter sortibus consultum, utrum igni statim necaretur an
in aliud tempus reservaretur. sortium beneficio se esse incolumem_).
In Alchuines Vita des hl. Willibrord Kap. 10 wird vom König Redbad
berichtet, er habe über den gefangenen Willibrord und seine Genossen
je dreimal an drei Tagen hinter einander das Loos geworfen (_per tres
dies semper tribus vicibus sortes suo more mittebat_); mit Gottes Hilfe
fielen die Loose den Gefangenen günstig, nur einen einzigen traf das
Todesloos (_damnatorum sors_), der das Martyrium erleiden musste.
Die Vita Willehadi Kap. 3 berichtet, dass Willehad ums Jahr 778 östlich
der Laubach durch Ermahnungen an die Landesbewohner, den Aberglauben
aufzugeben, ihren Zorn erregte. Wegen seiner Lästerungen gegen die
Götter hätten sie ihn für des Todes würdig erklärt. Einige aber hätten
dazu geraten, ihn nicht ohne weiteres zu töten, sondern erst das Loos
zu befragen, damit die Götter zeigten, ob er den Tod verdient habe,
sonst ihn freizulassen, worauf denn nach der Sitte der Heiden das Loos
geworfen worden sei, ob er leben oder sterben solle (_secundum morem
gentilium missa est sors super eo, vivere an mori debuisset_). Nach
Gottes Fügung habe über Willehad das Loos des Todes (_sors mortis_)
nicht fallen können. Der hl. Wulfram rettete zweimal friesische Knaben
vom Opfertod, zu dem sie durchs Loos bestimmt waren (Vita Wulframmi
Kap. 6 und 8, ASS. 3, 1, 359 und 361).
Das friesische Recht bestimmt: Wird bei einem Auflauf einer getötet,
so können in Ermanglung anderer Beweismittel gegen den Schuldigen bis
zu sieben durch den Kläger wegen der Tötung angeklagt werden, und
jeder von den sieben kann sich mit zwölf Eideshelfern frei schwören.
Ist das geschehen, so werden die sieben zur Kirche geführt und Loose
am Altar über sie geworfen. Zwei Stäbchen werden geschnitten, das eine
mit einem Kreuze bezeichnet, das andere bleibt unbezeichnet; beide
werden mit reiner Wolle umhüllt auf den Altar gelegt. Darauf ergreift
ein Priester, wenn er da ist, sonst ein unschuldiger Knabe eins von den
Loosen; ist es das mit dem Kreuze bezeichnete, so gelten die sieben,
für welche die Eide geschworen sind, für unschuldig; wo nicht, so
folgt ein weiteres Verfahren: jeder von den sieben hat sein eigenes
Stäbchen mit seiner Marke zu zeichnen, so dass er und die andern
erkennen können, dass es das seinige ist.[782] Die sieben Stäbchen
werden wieder mit reiner Wolle umhüllt, wieder auf den Altar oder auf
die Reliquien gelegt, und es nimmt der Priester oder Knabe vom Altar
hinter einander die einzelnen Stäbchen und fragt, wem das Stäbchen
gehöre. Wer als letzter sein Stäbchen erhält, gilt für den Schuldigen,
die andern sechs als unschuldig. Das Verfahren ist durchaus heidnisch,
die Anpassung an christliche Verhältnisse rein äusserlich, sie
beschränkt sich darauf, christliche Heiltümer an Stelle der heidnischen
zu setzen.
Mit den angeführten Stellen ist die Sitte, durch Looswurf die Gottheit
um Auskunft anzurufen, hinreichend bezeugt. Es wurde eine Frage
vorgelegt, die Antwort ergab sich aus der Art der Fragestellung
als einfaches ja oder nein, aber auch als förmlicher Spruch. Die
Befragung geschah mit Loosen, mit Holzstäbchen, die mit auszulegenden
Zeichen, im Norden auch mit den gewöhnlichen Schreiberunen versehen
waren. Opfer leitete die Handlung ein, unter Absingen von Gebeten
oder Beschwörungen wurden die vermutlich auch schon unter besondern
Förmlichkeiten zugerichteten Loose ausgeworfen und aufgelesen, hierauf
je nach der Frage mit kürzerem oder längerem Spruche gedeutet.
Möglicherweise stammt die dreifache Bezeichnung des Begriffes „lesen“
in den germanischen Sprachen -- ahd. as. afries. _lesan_, an. _lesa_;
ags. _rǽdan_, engl. _read_, eigentlich „raten“; got. _siggwan_
-- aus der alten Gewohnheit des divinatorischen Loosens.[783] Die
deutsch-nordische Bezeichnung hält sich ans Auslesen und Aufnehmen
der beritzten Stäbchen, die englische ans Raten und Deuten, die
gotische endlich an den feierlichen Vortrag des Spruches, der in
Liedesweise gesungen ward. In wichtigen Angelegenheiten oblag
dem Priester diese Loosung, welche Vertrautheit mit der Dichtung
verlangt. Es war Kenntniss der Lieder vonnöten, wodurch Götter und
Geister zur Offenbarung ihres Willens oder zukünftiger Ereignisse
herangezwungen wurden, ferner unter Umständen auch die Fähigkeit, aus
den eingeritzten Zeichen der Stäbchen die darin angedeuteten Formeln
abzulesen und zu Verkündigungen zusammenzusetzen. Looswurf, mit Opfer,
Zauberlied und Zeichendeuterei verknüpft, entstammt dem Heidentum
und war priesterliches Amt. Darum ist solches Loosen auch späterhin
als heidnischer Greuel verfehmt und verachtet. Das unschuldige Loos,
das nur zur Ausscheidung eines einzelnen oder mehrerer aus einer
Menge diente, konnte ruhig weiter bestehen und fand auch bis auf die
Gegenwart bei Aufteilung von Gemeindeland und ähnlichen Dingen immer
Verwendung.
Eine seltsame Loosung begegnet in der Jómsvíkingasaga Kap. 42.[784]
Der Jarl Hakon besass eine Wage mit zwei silbernen, ganz vergoldeten
Schalen, dazu zwei Loose, ein silbernes und ein goldenes, beide mit
Götterbildern versehen. Darin lag eine wundersame Kraft, weshalb der
Jarl in allen wichtigen Angelegenheiten sich dieser Loose bediente.
Er legte sie in die Wagschalen und bestimmte, was jedes von ihnen für
ihn bedeuten sollte. Wenn die Loosung gut ausfiel und das, was er sich
wünschte, herauskam, da wurde das Loos, das seinen Willen bedeutete,
unruhig in der Schale und gab einen Klang von sich. Die Sache ist wol
so zu denken, dass die gleich schweren Loose, deren eines, was man
wünschte, das andere, was man nicht wünschte, bezeichnete, in die
Schalen gelegt wurden. Dasjenige Loos, das zuerst in Bewegung kam und
stieg, dachte man, werde in Erfüllung gehen.
* * * * *
Um die Zukunft zu erforschen, wurde auch eifrig auf Vorzeichen
geachtet und zwar nicht bloss auf solche, die sich zufällig von selber
einstellten, sondern namentlich auf solche, die mit Opfer und Gebet
oder Beschwörung von den Göttern oder Geistern verlangt worden waren.
Auf Vorzeichen, die einem zufällig begegnen, achtet ja noch der heutige
Aberglaube. Ein schönes Beispiel fürs Heidentum gewährt das Reginslied
20 ff., wo Odin die dem Helden günstigen Zeichen aufzählt:
20. Viele Vorzeichen sind, wenn das Volk sie wüsste,
Günstig beim Schwingen des Schwerts!
Heilbringender Angang für Helden ist es,
Wenn ein schwarzer Rab’ sie umschwebt.
21. Ein andrer ist’s, wenn zum Ausgang fertig
Zur Thüre hinaus du trittst
Und auf der Strasse stehend findest
Ruhmgieriger Recken zwei.
22. Günstig auch ist’s, wenn den grauen Wolf
Unter Eschen du heulen hörst,
Und Glück verspricht’s, erspähst du den Gegner
Eher als er dich sieht.
24. Fürchte Gefahr, wenn dein Fuss gestrauchelt
Auf dem Weg, den du wanderst zum Streit;
Böse Disen stehn dir zu beiden Seiten
Und wünschen dir Wunden an.
Keine Art von Aberglauben hat durchs ganze Mittelalter tiefere Wurzel
geschlagen als die Vorbedeutungen, die man unter den Benennungen
_aneganc, widerganc, widerlouf_ verstand.[785] Tier, Mensch, Sache,
auf die man frühmorgens, wenn der Tag noch frisch ist, beim ersten
Ausgang oder Unternehmen einer Reise unerwartet stiess, bezeichneten
Heil oder Unheil und mahnten, das Begonnene fortzusetzen oder wieder
aufzugeben. Aber hier ist nicht der zufälligen Vorzeichen zu gedenken,
sondern derer, die mit Kultbräuchen unter Einwirkung von Priestern und
Weissagern von den höheren Mächten erbeten wurden.
Tacitus spricht im Kap. 10 auch von den Vorzeichen und nennt allgemein
Befragung der Vogelstimmen[786] und des Vogelfluges. Leute, die der
Vogelsprache kundig sind, erfahren die Zukunft. Das Zeichen, das die
Vögel mit Flug und Stimme geben, gilt allen Völkern und so auch den
Germanen für gut oder böse, verheisst Glück und Unglück, ermuntert
und warnt bei allem Vorhaben. Wie befiederte Worte rauschen sie durch
die Luft, der Kundige versteht es, sie zu deuten. Wohin und woher sie
fliegen, legt er ebenso als Zeichen aus wie ihre Gestalt und Stimme.
Prokop bell. got. 4, 20 erzählt, wie Hermigisel, König der Warner,
über Feld reitend, auf einem Baum einen Vogel erblickte und krähen
hörte. Auf Vogelgesang sich verstehend, sagte der König seinem Gefolge,
es werde ihm sein Tod nach vierzig Tagen geweissagt. In der Rigsþula
45 wird von Konr dem Jungen, dem Sohne des Jarl gerühmt, er verstand
die Stimmen der Vögel zu deuten. Im Lied von Helgi dem Hjorwardssohne
1-4 spricht Atli mit einem weisen Vogel, der im Haine Glasir haust. Dem
Sigmund und der Borghild verheisst ein Rabe die künftige Heldengrösse
ihres Sohnes Helgi (Helgakv. Hund. 1, 5/6). Sigurd, dem der Genuss
von Fafnirs Herz dazu verhalf, hörte in den Reden der Spechtmeisen
(_igđur_) sein künftiges Schicksal (Reginsm. 32 ff.). Nach Sigurds
Ermordung ruft ein Rabe zum Adler im Baumesgipfel, dass Atli es rächen
werde. Gunnar versteht das Gerede der Vögel (Brot af Sigurþarkviþu
5 u. 13). Also namentlich Königen und Edelingen eignet die Gabe,
Vogelstimmen auszulegen. Sicherlich verstanden sich ebenso die
opfernden Priester darauf. Jarl Hakon opferte vor einem Kriegszug dem
Odin. Als zwei laut krächzende Raben während des Opfers geflogen kamen,
sah er darin ein gutes, glückverheissendes Zeichen (Heimskringla,
Olafssaga Tryggvasonar Kap. 28).
Tacitus[787] berichtet ferner von weissen, zu keinem Menschendienste
benützten Rossen, die in Hainen und Wäldern auf öffentliche Kosten
gehegt wurden. Diese werden an den heiligen Wagen gespannt, worauf
der Priester und König oder Fürst des Staates sie begleitet und auf
ihr Schnauben und Wiehern achtet. Kein Vorzeichen geniesst grössere
Glaubwürdigkeit nicht allein beim Volk, sondern auch bei den Edelingen,
bei den Priestern. Sich selber halten sie für die Diener, jene Rosse
aber für die vertrauten Mitwisser der Götter. In Norwegen bei Drontheim
weideten Freys Rosse im Umkreis seines Tempels, vermutlich zum selben
Zweck. Der _indiculus superstitionum_ XIII handelte _de auguriis vel
avium vel equorum_ und auch der heutige Aberglaube (J. Grimm, Nr. 239)
hält Pferdegewieher für ein Glückszeichen.
Opferschau vollzieht der weissagende Priester (_sacerdos sortilegus_)
bei den Menschenopfern, welche die Normannen nach Dudos Erzählung
vor der Ausfahrt zu vollbringen pflegten. Dem Opfer wurde der Schädel
zerschmettert und das Gehirn blossgelegt; dann wurde aus den Herzfasern
des zu Boden Gestreckten geweissagt. Die Wahrsagerinnen der Kimbern
fällen ihren Spruch aus dem Blute, das aus der durchschnittenen Kehle
des Opfers in den Kessel strömte (Strabo 7, 2). Die nordische Sprache
gebraucht das Wort „_hlaut_“ für Opferblut. Im Hymirlied 1 gewinnen
die Götter eine Weissagung, indem sie Looszweige warfen und das Blut
beschauten (_hristo teina ok á hlaut sǫo_). _Hlautbolli_ ist die
Schale, die das Blut der geopferten Tiere aufnimmt, _hlautteinn_ oder
_hlautviđr_ der ins Blut getauchte Zweig. Die Etymologie von _hlaut_
(zu got. _hlauts_, d. h. Loosen und Wahrsagen)[788] lehrt die Thatsache
der Opferschau, der Weissagung aus dem Opferblut. Denn das Opferblut
heisst ja sicher nur darum „Loosung“, weil es zur Loosung diente.
8. Zauberlieder.
Der Zauber, der in Lied (_galdr_, _rúnar_) und Zeichen (_rúnar_)
beschlossen liegt, galt im Norden für eine höchst wertvolle, nicht im
geringsten unehrliche Kunst, und so hielten es, wie die mit _rûna_
gebildeten zahlreichen Frauennamen lehren, auch die übrigen Germanen.
Ist doch Odin selber Urheber und Erfinder des Runenzaubers (_galdrs
fadir_) und weiss die aus dem Schlummer erweckte Brynhild dem Sigurd
nicht besser zu lohnen als mit Unterweisung in der Runenkunde. Bei
der Anwendung von Runen war Lied und Zeichen vereinigt, beim Galdr
wird meistens allein das Lied erwähnt. Beim nordischen Runenzauber
wird das Lied gesungen, und darauf werden die entsprechenden Zeichen,
meist die Anlaute der Hauptbegriffe, eingeritzt. Denn im Norden trat
ja die Schreiberune an Stelle der alten bei Tacitus vorkommenden
magischen Zeichen. Brynhild gedenkt der Siegrunen, die unter Anrufung
Tyrs aufs Schwert zu ritzen sind, der Bierrunen, welche gegen
Zaubertränke unter Segenssprüchen aufs Trinkhorn, auf den Rücken der
Hand, auf den Fingernagel zu ritzen, der Bergerunen, die auf die
innere Handfläche geritzt, bei Absingen von Liedern (Oddrúnargrátr
6) aus Kindesnöten lösten, der Brandungsrunen, die auf Schiffsteven,
Steuer und Ruder eingebrannt gegen Seesturm nützten, der Zweigrunen,
die auf Rinde und Holz eines gen Osten die Äste ausbreitenden Baumes
eingeschnitten zum Arzte machten, der Gerichtsrunen (_málrúnar_),
beim Dinge zu gebrauchen, der Geistesrunen (_hugrúnar_), um feinen
Verstand zu gewinnen. Im Skirnirlied 32-36 spricht Skirnir einen
Fluch und ritzt zugleich die Runen auf den Zweig (_gambanteinn_);
um ihn wieder aufzuheben, schabt er die eingeschnittenen Zeichen ab
(_svá ek þat af ríst, sem ek þat á reist_). Nach der Egilssaga Kap.
60 errichtet der vom König Eirik schwer gekränkte Skald Egil diesem
eine Schimpfstange (_níđstǫng_), indem er eine Haselstange auf einem
Felsen dem Lande zu aufpflanzt, mit einem darauf gesetzten dem Lande
zugewendeten Pferdskopfe. Dazu spricht er die Worte: Hier setze ich
eine Schimpfstange und richte diesen Schimpf gegen den König Eirik und
die Königin Gunnhild; ich richte diesen Schimpf gegen die Landwichte,
welche dieses Land bewohnen, so dass sie alle auf verirrten Wegen gehen
mögen und keiner seine Heimat finde oder erreiche, ehe sie den König
Eirik und die Königin Gunnhild aus dem Lande getrieben haben. Dieselben
Worte schnitt er mit Runen auf die Stange ein. Das Einritzen der Formel
scheint hier wie in andern ähnlichen Fällen, die Maurer, Bekehrung
2, S. 65, Anm. 66, zusammenstellt, allerdings mehr in der Absicht zu
geschehen, den Schimpf zur allgemeinen Kenntniss zu bringen. Doch steht
wol immer noch im letzten Hintergrund dieses Brauches die Anschauung,
dass Runenzauber nur durch Lied und Zeichen zugleich wirksam werde.
Der Skald Egil macht auch sonst von seiner Runenkunde Gebrauch. Wie
ihn einmal (Kap. 44) die zauberkundige Königin Gunnhild mit einem
Trinkhorn vergiften will, ritzt er Runen in das Horn, schneidet sich
in die hohle Hand und rötet die Runen mit dem Blute: da zerspringt das
Horn und der Trank läuft zur Erde. Der Bericht der Saga darf wol noch
dahin ergänzt werden, dass Egil zum Runenritzen die gehörige Formel
raunte. Der Unkundige konnte aber auch mit verkehrten oder verstellten
Zeichen Unheil anrichten. Egil kommt (Kap. 75) zu einer norwegischen
Bauerntochter, die heftig erkrankt ist. Ein Bauernsohn aus der
Nachbarschaft hatte ihr vergebens mit Runen zu helfen versucht, es war
darauf hin nur schlimmer geworden. Egil untersuchte ihr Bett und fand
unter dem Kopfkissen einen Walfischknochen mit eingeschnitzten Runen,
die aber falsch waren. Er schabte sie ab, verbrannte das Abgeschabte
im Feuer und ritzte neue Runen, die er unters Kissen der Kranken legte.
Alsbald erwachte das Mädchen aus ihrer Betäubung und wurde gesund.
Odin rühmt sich in den Hǫ́vamǫ́l 139/40, 146/163 der Runen und Lieder,
die er weiss und deren Wirkungskreis er aufzählt. Dabei scheinen
_rúnar_ und _ljóþ_ im Sinne von Zauberliedern gleichbedeutend zu sein,
wenn schon in Strophe 142/4 wieder die rúnar als Zeichen gemeint sind.
So denkt sich Snorri (Ynglingasaga Kap. 7) in dem Satze „_međ rúnum ok
ljóđum þeim er galdrar heita_“ die Runen als Zeichen neben den Liedern.
Beim Galdr ist seltener von Zeichen die Rede, gewöhnlich nur vom
Zaubersang. Doch scheint auch hier Zeichen oder Gebärde nötig gewesen
zu sein.
Frauennamen auf _rûn_[789], die allen germanischen Stämmen gemeinsam
sind, erweisen das Vorhandensein des Runenzaubers. Häufig trifft man
dieselben Appellativa als Namen, und damit ist der Ursprung solcher
Namen angezeigt. _Haljarûna_ ist Höllenzauber, aber auch die dieses
Zaubers kundige und mächtige Frau; der Begriff gewinnt persönliche
Bedeutung und wird so zum Namen. Siegrunen zu ritzen und zu singen
muss der verstehen, der Sieg erringen will; Sigrûn, Hildrûn, Rûnhild,
Guntrûn, Badurûn, Ortrûn sind Frauen, die Sieg-, Kampf-, Schwertrunen
wissen. Fridurûn bringt Friede. Alarûn (Aleraune) ist aller Runen
mächtig. _Ǫlrúnar_ beschützen vor Zaubertrank, Ǫlrún begegnet zugleich
als Name. _Málrúnar_ bedarf man beim Ding, der Name Dômarûna gehört
wol zu _dôm_, Gericht. Albrûn kennt Elbenzauber. Wolfrûn gehört
vielleicht zum Heere, dessen Spuren der leichengierige Wolf und Rabe
folgt. Weniger deutlich sind Namen wie Heidrún (fränk. Chaiderûna),
Goldrûn, Adalrûn, Wolarûn, Baldrûn, Berhtrûn. Weisheit und Vorsicht
überhaupt legen den Frauen die Namen auf _leis_, _rût_, _snot_, _wîs_
und _war_ bei; aber die übermenschlichen Eigenschaften der Voraussicht
in die Zukunft und der zauberischen Einwirkung auf dieselbe werden
den Trägerinnen der Namen in _rûn_ zugeteilt. Da der Zusammenhang des
Runenzaubers und der Frauennamen im Norden völlig klar am Tage liegt,
da die andern Germanen dieselben Namen besitzen, darf auch ihnen
unbedingt der Runenzauber zugewiesen werden.
Die 18 Lieder Odins vermögen allgemein in allen Anliegen, Kümmernissen
und Schmerzen zu helfen, ärztlich zu heilen, Feindeswaffen stumpf zu
machen, Fesseln zu sprengen, Geschoss im Fluge zu hemmen, schädlichen
Zauber auf den, der ihn entsendet, zurückzulenken, Flamme zu löschen,
Hass unter Männern zu versöhnen, Wind und Woge zu sänftigen,
nachtfahrende Hexen zu verwirren, Krieger heil aus der Schlacht zu
führen, Tote aufzuwecken, bei der Taufe ein Kind gegen Waffen zu feien,
Frauenneigung zu gewinnen, Berge und Hügel aufzuschliessen und Schätze
zu heben und noch andere heimliche Dinge mehr. Gróa singt ihrem Sohne
allerlei Galdr, von der Schulter zu schieben, was schlimm ihm dünkt,
in Urds Schutze zu wandern, anschwellende Ströme zu mindern, Feindes
Herz zur Versöhnung zu gewinnen, Fesseln zu sprengen, Meer und Wind zu
gebieten, gegen schneidende Kälte sich zu schützen, vor gespenstischer
Weiber Trug sich zu retten, im Wortstreit weise zu sein. Wie genau
Lieder (_ljóþ_, _galdr_) und Runen zusammengreifen, ergeben die Stellen
in der Rigsþula 44/6 und in den Sigrdrifumál, welche der Runenkunde
(d. h. dem Zeichen und Spruch) dieselben Zauberkräfte zuteilen, welche
in den Hǫ́vamǫ́l und im Groogaldr den Liedern und Galdrar beigemessen
sind. Konr der Junge war kundig der Runen, der lange wirkenden
Lebensrunen; er wusste Krieger zu schützen, Schwerter stumpf zu machen,
Meer zu beschwichtigen. Mit dem Jarl Rig stritt er in der Runenkunde,
er war listig und wusste es besser. Da erwarb er sich das Recht, Rig
zu heissen und Runen zu wissen. Solche Zauberlieder (_rúnar_, _ljóp_,
_galdrar_, ursprünglich wol _spell_ genannt) umgeben also den Menschen
in allen Lebenslagen mit mächtigstem Schutze. Sie wirken dem, der sie
kennt, und denen er wol will, Heil, sie geben ihm Macht, die Zukunft zu
erforschen.
Eine besondere Art von Zauberei heisst _útiseta_, Draussensitzen.[790]
Sie bestand darin, dass der Kundige die Nacht über unter freiem Himmel
draussen sass und mit unbekannten Zauberhandlungen, am meisten wol
durch Beschwörung Geister und Tote aufweckte (_vekja upp trǫll_),
um von ihnen die Zukunft zu erfahren oder überhaupt von verborgenen
Dingen Wissenschaft zu erhalten. Damit ist der _valgaldr_, das
Totenlied, verwandt. Ein altgermanischer Ausdruck dafür scheint got.
_haljarûna_[791], ahd. _hellirûna_, ags. _helrûna_ gewesen zu sein. Er
bedeutet Höllenzauber, wie später die stärkste und unwiderstehlichste
Beschwörung Höllenzwang genannt wird, weiterhin die des Höllenzaubers
mächtige Frau. Gemeint ist das Zauberlied, das die Höllengeister
aufruft. Saxo erzählt eine Totenbeschwörung, bei welcher eine auf Holz
geritzte Zauberformel, also eine Rune, den Toten zum Reden zwang.[792]
Valgaldr und Haljarûna erweisen wiederum die Gleichheit von Galdr und
Rune. Den Geisterbann wie alles Orakelwesen verdammte das Christentum
als sündhaft, aber dem Heidentum war er keineswegs ehrenrührig,
vielmehr ein erlaubtes Mittel, sich in den Besitz übernatürlicher
Kenntnisse zu setzen. Übt ihn doch Odin selber. Er ritt hinunter
zur Hölle, wo er das Grab der Vǫlva wusste; er sang ihr den starken
Totenzauber, bis sie genötigt aus dem Todesschlafe sich erhub und ihm
Rede stand über Baldrs Schicksal (Baldrs Draumar 4). In den Hǫ́vamǫ́l
157 weiss Odin, wie er den Gehängten vom Galgen herab zur Zwiesprache
zwingt mit geritzten und gefärbten Runen. Es ist also ein Valgaldr,
bei dem Zauberzeichen zur Anwendung kommen, aber zugleich ein Lied;
wird es doch als zwölftes der Hauptlieder des zaubermächtigen Gottes
aufgezählt. Der junge Held Swipdag weckt vor seiner gefährlichen
Werbefahrt die tote Mutter aus dem Grabe, um von ihr heilsame
Zauberlieder zu empfangen.
Erwache, Groa! Erwache, du Gute,
Ich rufe dir durch des Todes Thor!