In merkwürdig übereinstimmender Form hat sich das episch-mythische

Lied bei den vedischen Indern und bei den Germanen entwickelt. Die

mythische Erzählung ist aus Prosa und strophisch angeordneten Versen

gemischt. In poetische Form werden nur die Reden und die wichtigsten

Stellen der Handlung gekleidet, das übrige ergänzt der vortragende

Priester nach Gutdünken durch erzählende Prosa. Diese gemischte

Form wies Oldenberg[772] in der ältesten indischen Litteratur nach.

Einzelne Hymnen des Rigveda sind scheinbar Bruchstücke; sie waren eben

dazu bestimmt, durch Prosaerzählung ergänzt zu werden, und solche

prosaische Zwischensätze begegnen auch wirklich in der Überlieferung.

Nach ihrem Muster ergänzt bieten die Hymnen, von denen eben nur die

metrisch verfassten Stücke zur Aufzeichnung gelangten, etwas Ganzes,

Abgeschlossenes, eine aus gebundener und ungebundener Rede gemischte

Erzählung. Hierzu stimmen nun mehrere der ältesten Eddalieder, in

denen ebenso die gemischte Form die herrschende ist. Müllenhoff (ZfdA.

23, 151 ff.) sagt darüber: „Zwei Formen der epischen Überlieferung,

prosaische Erzählung mit bedeutsamen Reden -- Wechsel- oder Einzelreden

-- der handelnden Personen in poetischer Fassung und erzählende epische

Lieder in vollständig durchgeführter strophischer Form finden wir

im Norden neben einander in Gebrauch und keineswegs ist die Prosa

der gemischten Form nur eine Auflösung oder ein späterer Ersatz der

gebundenen Rede.“ Innerhalb der Edda und auch in der Saxo vorliegenden

Überlieferung waren viele Götter- und Heldenlieder als Wechsel-

oder Einzelrede, dramatisch bewegt, in einen freien prosaischen

Rahmen eingestellt. Am schönsten ist die Wechselrede im Skirnirliede

durchgeführt, wie Skirnir für Freyr um die schöne Gerd wirbt, oder

im Grimnirlied, wie Odin dem Agnar die Herrlichkeit von Walhall

verkündigt. Die Gedichte sind freilich so spät, dass sie nur als

Ausläufer und Nachklänge einer uralten, vielleicht gemeingermanischen

Gattung gelten können. Merkwürdig aber berührt die Einstimmung mehrerer

mit dem Gottesdienst aufs engste verbundenen Dichtformen der Inder

und Germanen, die vielleicht auf gemeinsamen Ursprung hinweisen. Da

hier wie dort gerade die Göttersage, und wol in Nachahmung derselben

auch die Heldensage, so behandelt wurde, liegt der Schluss nahe, dass

dereinst die Priester an hohen Festen einzelne Mythen, die mit der

Kulthandlung in Zusammenhang standen, also z. B. beim Tiuȥfeste des

Gottes Brautwerbung, die Erweckung der bräutlichen Erdgöttin, ihre

Befreiung aus den Banden des winterlichen Todesschlafes, in dieser aus

gebundener und ungebundener Rede gemischten Kunstform zum Vortrag zu

bringen pflegten, dass überhaupt die Mythendichtung, die Erzählung von

den Thaten der Götter, das Preislied und feierliche Gebet ursprünglich

allein von den priesterlichen Sängern ausging.

Erscheint uns hier der Priester als Dichter und Sänger von

wechselreichen, kunstvoll gestabten Götterliedern, der dem Volksglauben

die Weihe poetischer Gestaltung verlieh, so war er nicht weniger

Verkündiger des Rechts, _êsago_. Das germanische Recht wendet sich

nicht bloss an den nüchternen Verstand, sondern auch ans Gemüt.[773]

Die alten Volksrechte bedienen sich häufig poetischer Ausdrucksmittel.

Sie gebrauchen ähnliche bildliche Wendungen wie die epischen Gedichte,

sie reden vom helllichten Tage und von leuchtender Sonne, von der

nebeldüstern Nacht, vom glänzenden Gold und vom weissen Silber, vom

grünen Rasen, vom hohen Helm und roten Schild, vom wilden Meer und vom

salzigen See, vom heissen Hunger, von glühender Glut. Der Deich heisst

ein goldener Reif, der um ganz Friesland liegt. Die Unendlichkeit von

Zeit und Raum spricht sich in den Wendungen aus: so weit als der Wind

von den Wolken weht und die Welt steht, so weit als Wind weht und Kind

schreit, Gras grünt und Blume blüht. Hochpoetisch ist die ergreifende

Schilderung der drei Nöte im friesischen Recht. „Das ist die erste Not:

wo immer ein Kind gefangen und gefesselt wird nördlich über das Meer

oder südlich in das Gebirge, so muss die Mutter ihres Kindes Besitz

verpfänden und veräussern, und ihr Kind lösen und sein Leben retten.

Die zweite Not ist diese: wenn da schlimme Jahre kommen und der heisse

Hunger über das Land fährt, und das Kind Hungers sterben würde, so muss

die Mutter ihres Kindes Besitz verpfänden und veräussern und ihm damit

kaufen Kuh und Korn, und solche Dinge, womit sie ihm das Leben retten

kann. Die dritte Not ist diese: wo immer das Kind ist stocknackt oder

hauslos, und dann die nebeldüstre Nacht und der bitterkalte Winter über

die Umfriedungen sich herabsenkt, so fährt da jeglicher Mann in seinen

Hof und in sein Haus, und das wilde Tier sucht den hohlen Baum und der

Berge Schlüfte, um sein Leben zu erhalten; dann weint das unmündige

Kind und jammert über seine nackten Glieder und seine Hauslosigkeit,

und betrauert seinen Vater, der ihm helfen sollte wider den kalten

Winter und wider den heissen Hunger, dass er so tief und so dunkel

unter Eichenbrettern und Erde eingeschlossen und festgehalten und

bedeckt ist. Deshalb muss die Mutter ihres Kindes Besitz verpfänden und

veräussern, weil sie die Verantwortung und Fürsorge dafür hat, so lange

es noch nicht volljährig ist.“ Anstatt einfach zu bestimmen, wenn das

Waisenkind durch Brand oder Raub ins Elend gerät, darf die Mutter die

ihr anvertrauten Mündelgelder angreifen, wird mit so eindringlicher

Kraft dem empfindenden Gemüt die Not vorgeführt, dass das Urteil nicht

anders fallen kann, als es muss so geschehen. Der Rechtweiser wird zum

Dichter, der das Herz des Hörers tief bewegt. Gewaltig sind auch die

Flüche, welche das ganze Unheil des Verfehmten, seine Rechtlosigkeit,

wo immer er auch hinkehre, lebendig schildern. Wer beschworenen Frieden

(_trygđamál_, _gridamál_) bricht, soll geächtet sein, so weit Menschen

landflüchtig sein können, soweit Christenleute in die Kirche gehen

und Heidenleute in ihren Tempeln opfern, soweit Feuer brennt und Erde

grünt, Kind nach der Mutter schreit und Mutter Kind gebiert, Holz Feuer

nährt, Schiff schreitet, Schild blinket, Sonne den Schnee schmelzt,

Feder fliegt, Föhre wächst, Habicht fliegt den sommerlangen Tag und der

Wind steht unter seinen Flügeln, Himmel sich wölbt, Welt gebaut ist,

Winde brausen, Wasser zur See strömt und Männer Korn säen. Ihm sollen

versagt sein Kirchen und Gotteshäuser, guter Leute Gemeinschaft und

jederlei Wohnung, die Hölle ausgenommen.[774] Die Verfehmung geschieht

durch das sinnliche Ausmalen alles dessen, was dem Missethäter

entzogen wird.

An vielen Stellen der altgermanischen Gesetze bricht deren einstige

teilweise dichterische Gestalt deutlich durch. Längst sind die

zahlreichen stabreimenden Formeln hervorgehoben, die ebenso wie die

epischen Formeln dem erzählenden Gedichte den Rechtssatzungen ein

eigenartiges Gepräge verleihen und mit bewusster poetischer Absicht

geschaffen und wirkungsvoll angewandt sind. Aber auch regelrechte

Stabreimverse begegnen in den nordischen, englischen und friesischen

Rechten. Zumal die letzteren zeigen viele rhythmische Gesätze. Daraus

ist zu schliessen, dass dereinst der Rechtsvortrag, wenigstens

teilweise, in feierlich gehobener, formelhaft gestabter Rede geschah.

Zu den Spuren, die auf einstige poetische Form, auf Stabreimverse,

hinweisen, stehen ebensoviele Nachklänge schwungvoller, bilderreicher

und doch schlichter Dichtersprache. Der Priester-Sänger verkündigte

auch das Recht wie die Göttersagen in kunstreich gefügten Stabreimen.

Im Veda begegnet eine Sammlung von Rätselfragen und Rätselsprüchen,

deren Entstehung in priesterlichen Kreisen zu suchen ist.[775] Es

war Sitte, dass der leitende Priester beim Opfer den, der dasselbe

darbrachte, mit ritualen und mythologischen Fragen ausforschte. So

wird beim Pferdeopfer der das Opfer spendende König gefragt nach dem

äussersten Ende der Erde, nach dem Nabel der Welt, nach dem Samen des

Hengstes, nach dem höchsten Himmel des Wortes, worauf der Opferer

antwortet, dass der Opferaltar das äusserste Ende der Erde, das

Opfer der Nabel der Welt, der Somasaft der Same des Hengstes, der

Brahmapriester des Wortes höchster Himmel sei. Solche Fragen kamen

gegen den Schluss grosser Opfer häufig vor. Nicht bloss dem Opferer

wurden von einem der Priester Rätsel zur Lösung vorgelegt, sondern auch

die Priester mussten einander Rätsel aufgeben und der Gefragte hatte

sie auf die vorgeschriebene Weise zu beantworten. So fragt ein Priester

den anderen: Wer wandelt wol allein? Wer wol wird wieder geboren? Was

wol ist das Mittel gegen den Schnee? Was wol die grosse Hinstreuung?

Darauf antwortet der Gefragte: Die Sonne wandelt allein, der Mond wird

wieder geboren, das Feuer ist das Mittel gegen Schnee, die Erde die

grosse Hinstreuung. Nun wird wieder gefragt: Welches Licht ist wol der

Sonne gleich? Welcher Strom ist wol dem Meere gleich? Wer begiesst die

Erde am meisten? Von wessen Mutter wird man nicht gekannt? Die Antwort

lautet: Das Wahre ist das der Sonne gleiche Licht, der Himmel der dem

Meere gleiche Strom, Indra begiesst die Erde am meisten, von der Mutter

der Kuh wird man nicht gekannt. Die Dinge, um welche die Rätsel fragen,

sind bald der Natur, bald dem Geistesleben entnommen. Himmel und Erde,

Sonne und Mond, das Luftreich, der Regen und seine Entstehung, der

Sonnenlauf, das Jahr, die Jahreszeiten, Monate, Tage und Nächte sind

beliebte Gegenstände bildlicher Einkleidung, ihre Enträtselung und

die Form, in der das geschah, galten als die höchste Weisheit. Die

Rätsellieder sind nun bei den Germanen sehr reich entfaltet und weisen

in Einzelheiten wie im Zusammenhang auf hohes Alter. Namentlich die

altnordische Dichtung enthält auffallend viele Rätsellieder, bei denen

zweierlei zu beachten ist, dass Odin die Rätselfragen stellt, also

auch hierin unerreichter Meister aller Weisheit ist, dass die Rätsel

sich mit Vorliebe auf mythologische Dinge beziehen. Im Wafthrudnirlied

legt Odin dem weisen Riesen alle möglichen Fragen vor, deren

Beantwortung genaue Kenntniss der nordischen Mythologie bis in alle

Einzelheiten voraussetzt. Als Gest zeigt er sich dem König Heidrek in

der Rätselkunde überlegen, auch hier aber treten Rätsel mythologischen

Inhaltes zwischen den allgemeinen mehrmals hervor; die letzte Frage

lautet wie im Wafthrudnirliede: Was raunte Odin dem toten Baldr ins

Ohr? Im Alwisliede erfragt Thor vom Zwerg die Sprache der verschiedenen

Welten. Bekannt ist die Eigenart der nordischen Skaldenkunst, die in

ihren vielverschlungenen, der Göttersage entnommenen Umschreibungen

und Bildern eigentlich fortwährend mythologische Rätsel aufgibt.

Den Anstoss hierzu erhielt sie wol kaum aus sich selber, eher aus

der mythologischen, ursprünglich priesterlichen Rätseldichtung. Der

Grundgedanke, dem letztere entspringt, ist bei den Skalden nur auf

die Spitze getrieben. Man darf nun freilich nicht schliessen, dass

diese Lieder, so wie wir sie kennen, bei Opfern gebraucht worden

wären, sondern nur, dass diese eigentümliche Kunstgattung des

mythologischen Rätselliedes möglicher Weise aus dem Gottesdienst

entsprungen sein kann. Da mag das Rätsellied einmal wie bei den

Indern dazu gedient haben, unter Opferleitern und Opfergenossen die

Kenntnis der vorzunehmenden Handlung, der damit verknüpften Bräuche und

Mythen, festzustellen. Der fragende Gott ist als Vorbild des fragenden

Priesters gedacht.

War der Priester beim Vortrag der Mythen und Rechtssatzungen

mehr Epiker, so bethätigt er sich anderwärts mehr lyrisch, als

+Spruchdichter+. In höchstes Altertum reichen die meistens zu

Heilzwecken geübten Besegnungen, die Zaubersprüche zurück. Sie

ruhen auf allgemein menschlicher Grundlage, nehmen jedoch bestimmte

zeitliche und örtliche Färbung an. Erwachsen auf dem Boden der niederen

Mythologie, suchen sie stets gerne Anschluss an die herrschende

höhere Mythologie, an den Götterglauben. Priester und Zauberer waren

die ursprünglichen Schöpfer, Kenner und Wahrer solcher kräftiger

Heilsprüche, deren allgemeine Auffassung etwa dahin geht: Siechtum ist

durch Unholde verursacht. Heilung wird erreicht durch Vertreibung der

Unholde mit Hilfe guter Geister und Götter. Den ererbten Formelschatz

haben die germanischen Priester gestabt und an den Götterglauben

angeschlossen.

Zaubersprüche gehören bei den Indogermanen zu den ältesten Spuren

dichterischer Bethätigung.[776] Für den Vortrag war Gesang mit

gedämpfter, murmelnder Stimme vorgeschrieben. Daher das griechische

ἐπᾴδειν, lat. _carmen_, frz. _charme_, lat. _magicum susurramen_,

Zaubergemurmel. Die germanischen Sprachen kennen mehrere Bezeichnungen,

welche auf den Vortrag solcher Poesien schliessen lassen.[777] Zu

_bigalan_, besingen, ἐπᾴδειν gehört _galdra-_ (an. _galdr_, ags.

_gealdor_, ahd. as. _galdar_) oder _galstra-_ (ahd. _galstar_). Neben

dem alten starken Verbum bigalan steht das schwache _begalôn incantare_

(_enchanter_). Der Sinn von _galdra-_ ist Zaubersang. Im Nordischen

begegnet auch _ljóđ_, Lied, im engeren Sinne von Zauberlied. Die

Formel, die den Zauber wirken sollte, wurde demnach gesungen. Neben

_galdra-_ und teilweise damit begrifflich zusammenfallend trifft man

_rûnô_. Das Wort „Rune“, das durch alle germanischen Sprachen hindurch

geht, ist mit griech. ἐρέϝω, ἐρευνάω verwandt. Aus derselben Wurzel,

nur mit anderem Ablaut, stammt an. _reyna_, prüfen, erforschen, _raun_,

Versuch. Vielleicht bedeutete _rûnô_ ursprünglich Befragung, bald

aber verstand man unter Runen die heimlichen Mittel, durch welche

gefragt wurde. Sehr früh ist _rûnô_ Zauberlied. In dieser Bedeutung

entlehnten die Finnen zu Anfang unserer Zeitrechnung das Wort. Die Rune

wurde _geraunt_, leise geflüstert. _Galdra-_ ist Zaubersang, _rûnô_

Zaubergemurmel. Vielleicht waren beide Arten des Vortrags vereinigt

in dem mit gedämpfter Stimme gesungenen, gemurmelten Liede. Rune ist

ausserdem das Zauberzeichen, das im Verein mit dem Sange den Zauber

erst wirksam machte. Endlich wird mit Rune auch der Buchstabe, das

Schriftzeichen benannt, nachdem die Germanen die römischen Buchstaben

sehr frühzeitig zu einer eigenartigen Schriftgattung umgebildet hatten.

Der allgemeine Begriff „Geheimniss“ ist wol aus _raunen_, heimlich

flüstern, und dem Zauberwesen, das an den Runen haftete, geleitet.

Beschwören (ahd. _biswerian_) weist auf denselben Gedankenkreis. Es

steht zu Surren, Schwirren, Schwarm (slav. _svirja_, flüstre) und

besagt also auch das Summen der Zauberformel, die wir als gesummtes

Lied oder geraunten Spruch zu denken haben.

Aus der ahd. Zeit sind zwei Zaubersegen, die sog. Merseburger Sprüche,

erhalten, deren Aufbau von grösster Wichtigkeit ist. Dem eigentlichen

Spruche voran geht eine kleine Erzählung, welche zeigen soll, wann der

Spruch erfolgreiche Anwendung fand. So lautet der zweite Spruch:

Phol und Wuodan fuhren zu Holz,

Da ward Balders Fohlen sein Fuss verrenkt.

Da besang (_biguol_) es Sinhtgunt, Sunna ihre Schwester,

Da besang es Friia, Volla ihre Schwester,

Da besang es Wuodan, wie er wol konnte:

Sei es Beinverrenkung,

Sei es Blutverrenkung,

Sei es Gliederverrenkung.

Bein zu Bein, Blut zu Blut,

Glied zu Glied, als ob sie geleimt seien!

Es wird also eine Sage aus der Götterwelt erzählt. Auf einer Jagdfabrt

nahm Balders Ross Schaden. Niemand konnte es heilen, nur Wodan mit

Hilfe des Segens. Diese Erzählung ist als Beispiel vorangestellt, wie

damals soll der Segen auch jetzt und immerdar helfen. Auf diese Art

wurden öfters Sprüche mit epischen Eingängen versehen; so nimmt der

erste Merseburger Spruch und ein ags. Segen gegen Hexenstich Bezug

auf das Walten der Kampfgöttinnen. Von wem solche epische Eingänge

verfasst sind, ist unschwer einzusehen. Den Priestern kommt die Wahrung

kräftiger Zauberlieder zu; durch epische Einleitungen aber stellten sie

einen tieferen, innerlichen Zusammenhang mit dem Götterglauben her.

Diese Gattung des epischen Zauberspruches, wo nicht bloss die Formel

geraunt, sondern eine kleine Geschichte zuvor feierlich erzählt wurde,

hiess bei den Germanen _spell_.[778]

Odin ist Meister aller Runenweisheit und Galdr, Gott der Skalden, sein

Geist durchweht und belebt die Dichtung; Fosite ist Rechtweiser. Damit

ist die Kunst gebundener Rede und feierlichen Vortrages jeden Inhalts,

die Kunst des Zauberliedes von den Göttern eingesetzt. Zunächst

an göttliche Weisheit aber reicht der Priester. Die Stellung des

altgermanischen Priesters darf nicht gering angeschlagen werden. Alle

Bedingungen zur erhabenen Ausnahmestellung des vertrauten Mitwissers

der Götter waren vorhanden und hätten ebenso entfaltet werden können,

wie wir es beim indischen Priestertum der Brahmanen, beim keltischen

der Druiden erfüllt sehen. Eine germanische Priesterherrschaft aber

gedieh trotzdem nicht, weil der gesunde, kräftige Volksgeist dagegen

war. Die Könige und Herzöge, die weltlichen Leiter der Volksgeschicke,

wachten darüber, dass der Priester niemals die Schranken seines

Amtes überschritt. Der Priester vertrat wol die Gottheit beim Ding

und sorgte, dass ihr Dienst richtig vollzogen, dass jeder Frevel

gesühnt wurde. Er verkörperte aber nur das religiöse und rechtliche

Bewusstsein, konnte mahnend dem Bruche göttlicher Satzung entgegen

treten, aber nur als Berater, nicht als Lenker und Richter. Die

Führerschaft stand ihm nicht zu. Der weltliche Sänger und später

der weltliche Gesetzsprecher teilten sich gar bald in die einst dem

Priester allein gehörigen Ämter. Der Hausvater aber bedurfte des

Priesters nicht, er mochte höchstens seinen Rat angehen. Brahmanen

und Druiden brachten es fertig, dass nichts ohne geistliche

Mitwirkung geschah. Die Germanen beschränkten den Priester auf die

gottesdienstlichen öffentlichen Verrichtungen und nahmen, wo es ihnen

gut dünkte, seinen weisen Rat in Anspruch.

7. Die Priester als Erforscher der Zukunft.

Tacitus schildert in einer vielbesprochenen Stelle das Loosen[779],

dessen Verfahren er einfach nennt. Der Zweig eines fruchttragenden

Baumes wird in Stäbchen zerlegt, die Stäbchen werden mit gewissen

Zeichen versehen und blindlings und zufällig über ein weisses Tuch hin

verstreut. Alsdann hebt bei öffentlicher Beratung der Staatspriester,

bei Privatangelegenheiten der Hausvater, nachdem er zuvor die Götter

angerufen hat, gen Himmel schauend dreimal je ein Stäbchen auf und

deutet die zuvor auf die Stäbchen eingeschnittenen Zeichen. Lauten sie

verneinend, so unterlässt man für diesen Tag eine weitere Befragung;

stimmen sie zu, so wird noch weiterhin die Beglaubigung durch

Vorzeichen in Anspruch genommen.

Man darf jedenfalls dem Berichte des Tacitus auch ein Opfer beifügen,

ohne welches im Heidentum feierliches Gebet kaum möglich scheint.

Somit ergeben sich folgende Hauptpunkte des Verfahrens: Zurichtung der

Loose, bestehend in Holzstäbchen mit eingeritzten Zeichen, Opfer und

Gebet an die Götter, deren Willen erkundet werden soll, Looswurf und

Aufnahme dreier Loose, Auslegung der aufgehobenen Loose nach den darin

eingeritzten Zeichen, daraufhin Beschluss, ob die Befragung fortgesetzt

oder aufgegeben werden soll. Schwer ist über zwei Dinge Klarheit zu

gewinnen, ob die Befragung der Loose auf ein blosses _ja_ oder _nein_

oder auf einen förmlichen Orakelspruch ausgeht; ferner welcher Art die

eingeritzten Zeichen waren. Aus dem ganzen Zusammenhang möchte eher

auf einfache Befragung um ja oder nein geschlossen werden, zumal da

überdies noch Vorzeichen in Betracht kommen. Aber die eingeritzten

Zeichen, von deren Auslegung die Rede ist, weisen wieder eher auf einen

förmlichen Orakelspruch, den der Priester wol in feierlichem Stabreim

verkündigte. Welcher Art die Zeichen waren, ist auch nicht zu sagen.

Man denkt an die Runen, worunter aber mystische, magische Zeichen,

nicht die späteren Schriftrunen verstanden werden müssen. Wol kommen

diese im Norden auch zu zauberhaftem Gebrauche vor. Man raunte eine

Zauberformel und ritzte die Anfangsrune des wichtigsten Begriffes.

So schneidet Skirnir (Skirn. 37) der Gerd einen _Thurs_ (die Rune ᚦ)

und drei andere Runen, die den Zauber ungestillter Liebessehnsucht

bewirken. Um Sieg zu gewinnen, wurde die Rune Tyrs ᛏ aufs Schwert

geritzt, um gegen Frauentrug sich zu feien, die Rune _Nauþ_ ᚾ aufs

Horn, den Rücken der Hand und den Fingernagel gemalt (Sigrdr. 6/7). Die

Verwendung der Schreiberunen zu Zauberzwecken in der Art, dass die Rune

den Hauptbegriff der Zauberformel festbannte, steht also ausser Frage.

Umgekehrt mochte auch eine Weissagung aus zufällig aufgelesenen Runen

entnommen werden, sofern eine bestimmte Beziehung zwischen einer Anzahl

von Formeln und Zeichen bestand. Wenn z. B. Tyr oder Nauþ; (d. h. Not)

herauskam, wurde Sieg oder Not geweissagt. Aber zur Zeit des Tacitus

und Caesar waren die in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung

von den Römern entlehnten germanischen Schreiberunen wol noch gar nicht

vorhanden. Doch das Wort Rune ist freilich älter als seine Anwendung

auf die Schrift, und so mögen schon die Zeichen auf den Holzstäbchen

Runen gewesen sein. Ihre Form und ihr Gehalt bleibt uns rätselhaft,

aber grosse Wahrscheinlichkeit besteht, dass es ähnlich zuging wie

bei den späteren Schreiberunen, wenn sie, vielleicht eben an Stelle

älterer magischer Runen, zum Zauber benützt werden. Man muss eine

bestimmte Anzahl von Zeichen denken, die dem Loosenden ihrer Bedeutung

nach völlig vertraut waren. Die aufgelesenen Zeichen liessen sich zu

einer Weissagung vereinigen. Wenn das Gebet in feierlichen Stäben

und Formeln ging, so war auch der Weissagespruch aus altehrwürdigen

Formeln gereimt, welche eben durch die Loose gesucht wurden. Wenn nicht

Tacitus verschiedene Dinge zusammenwarf, so waren diese Zeichen nicht

geheim, denn jeder Familienvater mochte für seinen Hausstand das Loos

werfen. Man sollte allerdings eher meinen, dass das Verfahren mit den

Looszeichen, die einen Spruch ergaben, schwieriger und nur wenigen im

Volke, vor allen den Priestern vertraut war; denn es ist nicht einfach,

sondern setzt tieferes Wissen voraus, Kenntniss der Zeichen und ihrer

Bedeutung und Fähigkeit, daraus einen gestabten oder doch formelhaften

Spruch zu finden. Die gewöhnliche Loosung auf ja oder nein aber ist

höchst einfach, sie bedarf nur eines oder zweier Zeichen und kann jeder

Zeit und von jedem ohne besondere Weisheit geübt werden. Im gegebenen

Falle hätte etwa ein dreimaliges _ja_ Ausführung des Vorhabens

veranlasst, ein dreimaliges _nein_ oder unentschiedene Auskunft dagegen

Einstellung.

Dass aber unter Priestern und weissagenden Frauen schon früh die

divinatorische Loosung, das Fragen nach förmlichem Spruche, vorkam,

lehrt Caesar, bell. gall. I Kap. 50. Bei den Germanen herrschte die

Sitte, dass die Frauen durch Looswurf und Orakelspruch (_sortibus et

vaticinationibus_) entschieden, ob ein Treffen zu liefern sei oder

nicht. Der aus den Loosen gewonnene Spruch lautete dahin, dass die

Germanen Unsieg hätten, wenn sie vor Neumond kämpften (_non esse fas

Germanos superare, si ante novam lunam proelio contendissent_). Dieser

Spruch kann nicht aus blossem ja oder nein abgeleitet sein.

Handbuch der Germanischen Mythologie · 第 54 / 68 段