Der Hof bestand aus zwei Gebäuden, aus einem Langhause und aus

einem kleineren halbrunden Anbau. Das Langhaus war ganz wie die

gewöhnlichen Hallen eingerichtet, hatte seine Bänke längs den Wänden

und den zwischen den Hauptsäulen befindlichen Hochsitz. Es diente

zur Abhaltung der Opferschmäuse, wobei Feuer auf dem Boden zwischen

den Sitzreihen angezündet waren. Über den Feuern hingen die Kessel

zum Sieden des Opferfleisches. Das eigentliche Heiligtum bildete der

Anbau, das _afhús_, das einen eigenen Eingang hatte und mit der Halle

durch keine Thüröffnung verbunden war. Das _afhús_ war ein überwölbter

Halbrundbau, angelehnt an die schmale Giebelseite des Langhauses. In

der Mitte des Halbkreises war der mit Eisen gedeckte Altar (_stallr_,

_stalli_), auf dem geweihtes Feuer brannte und heilige Geräte, Ring,

Blutkessel, Sprengwedel standen. In den alten Opfersteinen hatte eine

runde Vertiefung das Blut aufgefangen, beim kunstvolleren Altar diente

eine besondere Schale, ein kleiner Kessel (_hlautbolli_) dazu. Hinter

dem Altare an der Rückwand des Halbrundes standen die Götterbilder

auf einer bankartigen Erhöhung. Das _afhús_ durften wol nur wenige

Auserlesene, vor allen der Gode zum Vollzug der Opferhandlung betreten,

das Langhaus nahm die „Sudgenossen“, die Opferteilnehmer auf.

Um den Tempel ging ein mannshoher Zaun mit verschliessbaren Thüren, der

_skíđgarđr_, _stafgarđr_.[739]

Die Anlage des nordischen Tempels erinnert stark an die Kirche mit

Langschiff, Chor und Apsis, nur dass zwischen Chor und Langschiff keine

Verbindung besteht. Diese Übereinstimmung ist schwerlich zufällig.

Wir kennen nordische Tempel erst aus einer Zeit, da die Nordleute

längst mit christlichen Kulturvölkern im Verkehre waren. Da konnte der

Kirchenbau leicht auf den Tempelbau übertragen werden. Jedenfalls ist

schon wegen des Verdachtes nachgeahmter Formen nicht die geringste

Gewähr dafür, den verhältnissmässig so späten nordischen Tempel für ein

Abbild des altgermanischen zu nehmen.

3. Götterbilder.

Tacitus berichtet Ann. 2, 45, dass die Germanen zur Zeit Armins durch

die langen Kämpfe mit den Römern sich gewöhnt hätten, Feldzeichen

zu folgen. In der Germania Kap. 7 erzählt er, dass die Feldzeichen

bestanden aus _effigies_ und _signa_ [740], dass sie von Priestern in

heiligen Hainen aufbewahrt und gleichsam als Vertreter der Götter von

dort in den Kampf getragen wurden.[741] Unter _signa_ sind Attribute

und Waffen der Götter, also etwa Wodans Speer, Donars Hammer, Tiuȥ

Schwert zu verstehen, unter _effigies_ Tierbilder, plastische, auf

Tragstangen befestigte Bilder verschiedener symbolischer, den einzelnen

Stammgöttern geheiligter Tiere, _ferarum imagines_, wie sie Tacitus

Hist. 4, 22 nennt, wie wir sie auch sonst und durch Abbildungen auf

der antoninischen Säule bezeugt finden. Es waren Bilder von Drachen,

Wölfen, Stieren, Ebern, Adlern und Raben.

Gab es neben diesen symbolischen Feldzeichen, die zur Zeit Armins erst

aufkamen, auch wirkliche Götterbilder? Germania Kap. 9 „_neque in ullam

humani oris speciem assimulare ex magnitudine caelestium arbitrantur_“

ist rhetorische Phrase, aber bei den Alcis (Germania Kap. 43) behauptet

Tacitus bestimmt, es seien keine Bilder vorhanden gewesen (_nulla

simulacra_). Bei der Nerthusumfahrt könnte man allerdings an ein Bild

denken. Aber es kann auch hier beim Symbol geblieben sein, ein Wagen,

ein Schiff fuhr um, unsichtbar dachte man darin Nerthus oder Nehalennia

zugegen. Späterer Brauch, wo wirkliche Bilder umher geführt wurden,

ist für die Urzeit nicht maassgebend. Freilich wenn mit Wagen und

Decke, _si credere velis, numen ipsum_, die Göttin selbst im heiligen

See gebadet wurde, muss ein Bild da gewesen sein. Es dürfte sich wol

wie mit dem Tempelbau verhalten. Ursprünglich genügte der Wald als

Opferstätte, die Götter waren unsichtbar zugegen, hernach aber wurde

ein Haus gezimmert und ein Bild darin aufgestellt. Zur Zeit des Tacitus

löste die neue Sitte eben den älteren tempel- und bilderlosen Kult ab,

wobei das Vorbild der Römer maassgebend war. Zur Zeit der Bekehrung

herrschten in allen germanischen Ländern Tempel und Götterbilder

vor.[742]

Deutsche Söldner im römischen Heerdienst lernten von ihren Kameraden

den Brauch, bildergeschmückte Weihsteine aufzustellen. So erhuben sich

Altäre dem Herkules-Donar, Mars-Thingsus-Tiuȥ, der Isis-Nehalennia.

Aber diese Weihsteine, welche die Inschriften tragen, die Bildwerke,

die den Schmuck abgeben, sind bis auf den letzten Meisselstrich

römisch, sie entstammen römischem Kulte und sind von römischen

Steinmetzen hergestellt.[743] Die Germanen haben sie nur veranlasst,

bezahlt, allenfalls dem römischen Götternamen ein latinisiertes

germanisches Beiwort beigefügt.

Aus rohen Steinen, Steinpfeilern und Holzpfählen, die man aufrichtete,

mag allmälig das symbolartige Götterbild entstanden sein. Erwägt man

die _irminsûl_ der Sachsen und die norwegisch-isländische Hauptsäule

mit ihrem abergläubischen Kulte und mit den daran eingeschnitzten

Götterbildern, so möchte man in solchen roh geformten, vielleicht

zunächst nur mit Köpfen versehenen Holzpfählen die Anfänge germanischer

Götzenbilder vermuten.[744]

Das älteste Zeugniss eines holzgeschnitzten Götterbildes führt in die

zweite Hälfte des 4. Jahrhunderts zu den Goten. Athanarich liess eine

Bildsäule auf einem Wagen (ξόανον ἐφ’ ἀρμάξης ἑστώς) herumführen mit

dem Befehl, die Leute sollten davor niederfallen und opfern (Sozomenus,

hist. eccl. 6,37). Die Nachrichten aus der Bekehrungszeit lauten sehr

allgemein und geben keinen genauen Begriff von den Götzen, welche die

Glaubensboten vorfanden. Auch muss man in Betracht ziehen, dass mit

den Götterbildern, namentlich denen aus Stein oder Metall, schwerlich

ursprünglich germanische gemeint sein werden, denn diese waren aus Holz

gemacht, vielmehr Überreste aus der Römerzeit, die aber in den Dienst

des germanischen Glaubens übernommen worden waren. Nach Gregor von

Tours 2, 29-31 spricht Chrothild zu Chlodowech, den sie bekehren will:

Eure Götter sind aus Stein, Holz oder Metall gemacht. Columban und der

hl. Gallus trafen im Jahre 612 bei Bregenz am Bodensee einen Sitz der

Abgötterei, drei vergoldete Erzbilder, die das Volk anbetete.[745] Sie

waren in der Wand einer Aureliakapelle angebracht. Das Volk hatte sich

vom Christenglauben wieder ihnen als den alten und echten Schutzgöttern

des Landes zugewandt. Der Heilige zerschlug sie und warf sie in den

See und brachte das Christentum wieder zu Ehren. Wahrscheinlich hatten

die Alamannen, als sie in die althelvetische Gegend vorrückten, diese

Bilder römischer Schutzgenien, _tutores hujus loci_, vorgefunden und

ihnen Verehrung erwiesen. Mussten sie doch die Bilder der auch ihnen

vertrauten Landgeister darin erkennen; und auf neu gewonnenem Boden

galt es, diese für sich günstig zu stimmen. Die Friesen beteten nach

der vita Willehadi (MG. 2, 380) Steine und stumme, taube Bilder an

(_lapides, simulacra muta et surda_).[746] Am lebhaftesten hat sich

der Bilderdienst bei den Nordleuten entwickelt, schon darum, weil

bei ihnen das Heidentum länger währte.[747] Meistens standen mehrere

Bilder, nach ihrem Range geordnet, in einem Tempel, der demnach nicht

einem einzigen, sondern einer Mehrheit von Göttern geweiht war. In

Uppsala nennt Adam von Bremen drei Bildsäulen, Thor in der Mitte, links

und rechts von ihm Odin und Freyr. Nach der Eyrbyggjasaga Kap. 4 und

Kjalnesingasaga Kap. 2 wurden in den isländischen Tempeln zu Hof und

Hofstadir neben Thor auch andre Götter aufgestellt, wahrscheinlich

Freyr, Njord und Odin. In einem Tempel, den Hakon Jarl und Gudbrand

gemeinsam besassen, stand Thor auf seinem Wagen neben Thorgerd und

Irpa (Njála Kap. 89). In Hrafnkels Tempel (Hrafnkelssaga S. 23)

standen neben Freyr mehrere andere Götter. Die späte Friðthjofssaga

nennt Baldr neben anderen Götzen. Die Nachricht der Jómsvíkingasaga

Kap. 12 von einem gotländischen Tempel mit hundert Götterbildern

ist natürlich stark übertrieben. Die Götterbilder waren zumeist aus

Holz geschnitzt, bekleidet und mit Gold und Silber geschmückt. Ihr

Vorkommen ist keineswegs bloss auf die Tempel beschränkt. Thors Bild

ist auf den Hauptsäulen des Hauses eingeschnitzt, auf der Rücklehne

eines Stuhles, auf dem Vordersteven eines Heerschiffes. Man trug

allenfalls ein aus Zahn geschnitztes Bildniss Thors, ein aus Silber

geschmiedetes Bildniss Freys in der Tasche, um es jeden Augenblick

anbeten zu können. Götterbilder aus Teig oder Thon, wahrscheinlich zum

Hausgebrauch bestimmt, erwähnt ein norwegisches Rechtsbuch (Eidsifja

Þings lǫg 1,24). Wenn der Isländer Olafr pá aufs Getäfel seines

Wohnhauses zu Hjarðarholt Darstellungen aus der Götter- und Heldensage

einschnitzen lässt, worauf Ulf Uggason der Skald in der zweiten Hälfte

des zehnten Jahrhunderts seine berühmte Húsdrápa dichtete, so gehört

eine derartige Verwendung der Mythen kaum mehr zum eigentlichen Kult;

sie mag nur beiläufig erwähnt sein.

Die hölzernen Götterbilder müssen zuweilen lebensgross und kostbar

gekleidet gewesen sein. Gunnar Helming brachte den Freysgötzen zu Fall

und that seine Gewänder um. Er vertrat bei der Priesterin und dem Volke

gegenüber völlig die Rolle des Gottes. Das gold- und silbergeschmückte,

hammerbewehrte Thorsbild im Gudbrandsdal, das Olaf der Heilige

zerschlägt, war ebenfalls sehr gross. Die wolgekleidete Thorgerd

Hölgabrud war lebensgross, ihren goldenen Fingerring steckt Sigmund

Brestisson an seinen Finger.

Der Bilderdienst scheint im Norden gegen das Ende des Heidentums so

sehr entartet zu sein, dass man schliesslich zwischen Göttern und

Götterbildern keinen Unterschied mehr machte. So nur ist der Betrug

möglich, den sich Gunnar mit dem Freysbilde erlaubt. Dem Thorsbilde zu

Hunthorp in Norwegen setzte man Speise vor und meinte, dass es diese

verzehre. Vom Thorsbilde zu Raudsey meinte man, es gehe spazieren und

lasse sich auf einen Kampf mit dem christlichen Könige ein. Grimkels

Göttin Thorgerd zieht mit den andern Götzen aus ihrem Tempel und redet

mit ihrem Verehrer; Thorgerds Bild bewegt den Arm und vermag einen

Ring zu geben oder vorzuenthalten. Man traut den Götzen auch zu, dass

sie sich selbst aus ihrem brennenden Tempel zu retten im Stande seien.

Aber alle diese Nachrichten betreffen die späteste Zeit des Heidentums

und sind in ziemlich späten Quellen überliefert. Wir erkennen nicht

sicher, ob der nordische Bilderdienst wirklich so tief entartete, oder

ob nur spätere christliche Übertreibung diesen bedenklichen Verfall

dem ausgehenden Heidentum einschwärzte. Es ist ein arger Abstand, aber

auch ein grosser Zeitunterschied zwischen dem urdeutschen Gottesdienst,

wo der ehrwürdige heilige Hain zum Tempel der Gottheit diente, deren

Gegenwart im Rauschen der Baumwipfel nur geahnt wurde, und dem

spätnordischen Götzendienst.

Die altgermanischen Götterbilder waren aus Holz geschnitzt, Darauf

weist die Bezeichnung des gotischen Bildes mit ξόανον, Schnitzbild; im

Norden heissen die Bilder Holzgötter (_trégođ_) oder geschnitzte Götter

(_skurđgođ_).

4. Tempelfrieden.

Ein besonderer Gottesfrieden ward im Heidentum den geweihten Stätten

und Festzeiten beigelegt. Wer ihn brach, that ein Neidingswerk und

verfiel dem Zorne der Götter, dem Opfertode. Des Festesfriedens

bei der Nerthusumfahrt gedenkt Tacitus, im Leben des Willebrord

vernehmen wir vom helgoländer Gottesfrieden. Im Norden ist der Tempel

ein _griđastađr_, eine Stätte besonderen Friedens. _Hofshelgi_,

Tempelheiligkeit heisst der Tempelfrieden. Es war nicht erlaubt,

mit Waffen in der Hand den Tempel zu betreten. Das besagt die

Egilssaga Kap. 49: „Die Leute da innen waren alle waffenlos, denn

da war Tempelheiligkeit.“ In der Vatnsdælasaga Kap. 17 wendet sich

Ingimund zu Rafn mit den Worten: „Es ist nicht Sitte, Waffen in den

Tempel mitzunehmen, und du wirst den Zorn der Götter erfahren, wenn

nicht Bussen erlegt werden.“ Wer den Gottesfrieden durch Gewaltthat

verletzte, ward Wolf im Heiligtum, _vargr í véum_, geächtet,

friedlos. Schuldbeladene Leute durften im Tempel nicht verweilen. Das

friesische Recht setzt Opfertod auf die Verletzung der Tempel (_lex

Frisionum addit. sap. tit._ 12). Ebenso erblickt das nordische Recht

darin unsühnbaren Frevel. Nach der Njála Kap. 89 hatte Hrappr den

dem Gudbrand und Hakon Jarl gemeinsamen Tempel verbrannt. Der Jarl

lässt eifrige Verfolgung des Missethäters eintreten und sagt: „Der

Mann, der das gethan hat, wird weggejagt werden aus Walhall und nie

dahin kommen.“ Nach der Kjalnesingasaga Kap. 5, 11, 12 hatte Bui auf

Island einen Tempel angezündet. Der Gode Thorgrim nennt die That ein

beispielloses Verbrechen, andere schelten sie ein Neidingswerk, ein

todeswürdiges Verbrechen. _Hofshelgi_ mochte auch auf weiteren Umkreis

über die eingehegte Opferstätte hinaus ausgedehnt werden. So ist ganz

Helgoland befriedet. Der Isländer Thorolf richtete auf der Spitze des

Vorgebirges Thorsnes eine grosse Friedensstätte ein. Da durfte der

Boden weder durch vergossenes Blut noch mit menschlicher Notdurft

verunreinigt werden. Nachmals entsteht unter den Dingleuten Kampf,

die Stätte wird mit Blut befleckt. Da gilt der Platz als durch das

vergossene Blut entweiht, das Ding und die zweifellos damit verbundene

Opferstätte werden verlegt.[748]

5. Tempelgut.

Zum germanischen Tempel gehörte Besitztum an liegenden und lebenden

Gütern, aber auch an Schätzen. Ganz Helgoland war dem Fosite eigen. Wie

auf Helgoland Fosites Herden weideten, so wurden beim Freystempel zu

Drontheim heilige Pferde des Gottes unterhalten (Flateyjarbók 1, 337)

und bei den alten Deutschen nach Tacitus Germ. 10 in heiligen Hainen

werkheilige weisse Rosse, aus deren Wiehern die Zukunft vorausgesagt

ward. Über gotisches Tempelgut belehrt ein Fundstück. Die Runenschrift

auf dem zu Pietroassa in Rumänien gefundenen goldenen Armring wird

GUTANIO WI HAILAG

gelesen und gedeutet: das gotische heilige Göttereigen

(Tempelgut).[749] Der westgotische Goldhort, von dem einige Stücke

sich erhielten, war vermutlich der heilige unter dem Schutze der

Götter stehende und diesen zugehörige Kult- und Stammesbesitz, dessen

Verwaltung und Aufbewahrung den Königen und Priestern zukam.

Dass die altfriesischen Götter neben Gütern aller Art auch Schätze

an Gold und Silber[750] besassen, beweist die Lebensbeschreibung des

Liudger Kap. 14 und 15. Bischof Alberich entsandte den Liudger um 776

aus Utrecht in die östlich der Laubach gelegenen friesischen Gaue,

um die dortigen Heidentempel zu zerstören. Er nahm aus ihnen die

Schätze, von denen zwei Drittel der König Karl, ein Drittel Utrecht

erhielt. Es war ein grosser Tempelschatz erbeutet worden (_attulerunt

magnum thesaurum, quem in delubris invenerant_). Als König Karl 772

die sächsische Irminsul und ihren Tempel drei Tage lang zerstörte,

erbeutete er dabei Gold und Silber (_aurum vel argentum, quod ibi

repperit, abstulit_).

Beim isländischen Tempel hören wir näheres darüber.[751] Zuweilen

werden Tempel ein für allemal mit liegendem Gute seitens des

Erbauers oder auch späterer Schenker ausgestattet. So berichtet die

Landnáma 4 Kap. 2: „Eine Bergwiese lag noch zwischen dem Lande des

Thorstein torfi und des Hakon, ohne von jemandem in Besitz genommen

zu sein; die legten sie zum Tempel, und sie heisst fortan _Hofsteigr_

(Tempelwiese).“ Ebenda 5 Kap. 3 heisst es vom Goden Jǫrundr zu

Svertingsstaðir: „Er errichtete da einen grossen Tempel; ein Landstück

lag noch ungenommen östlich des Fljot, zwischen Krossa und Joldusteinn;

das Land umfuhr Jǫrundr mit Feuer und legte es zum Tempel.“ Ebenda 5

Kap. 2: „Asbjorn heiligte das von ihm in Besitz genommene Land dem

Thor und nannte es Thorsmork.“ Von einzelnen Personen und ganzen

Gemeinden wurden Weihgeschenke an die Tempel gemacht. Bei einer

schweren Hungersnot wurde auf Island, der Vigaskútusaga Kap. 7 zufolge,

in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts der Vorschlag gemacht,

die Kinder auszusetzen und die alten Leute zu töten, zugleich durch

das Geloben von Weihegeschenken an die Tempel den Zorn der Götter zu

besänftigen. Die Islendingabók Kap. 2 erzählt von einer Schenkung,

die Grímr geitskór, Ulfljots Pflegebruder, an die isländischen Tempel

machte. Grimr hatte das Land bereist, um eine passende Stätte für das

allsommerlich abzuhaltende Allding ausfindig zu machen; dafür hatte er

von jedem Isländer einen Pfennig empfangen. Er aber gab dann dieses Gut

zu den Tempeln. Die Haupttempel des Landes wurden durch eine besondere

Steuer, den Tempelzoll (_hoftollr_) unterhalten. Der Gode erhob von

seinen Dingleuten diese Abgabe zur Unterhaltung des Tempels und zur

Bestreitung der Opferkosten, wozu er ausserdem aus eigenen Mitteln

beisteuerte. So sagt die Eyrbyggjasaga Kap. 4: „Zum Tempel sollten alle

Leute Zoll geben; aber der Gode sollte den Tempel aus eigenen Mitteln

erhalten, so dass er nicht zerfiel, und die Opferfeste darin abhalten.“

In der Egilssaga Kap. 87 wird berichtet: „Oddr war da Häuptling im

Borgarfjord südlich der Hvita; er war Hofsgode und hatte einen Tempel,

zu dem alle Leute südlich der Skardsheide Tempelzoll bezahlten.“ In

der Kjalnesingasaga Kap. 2 heisst es vom Tempel des Goden Thorgrim:

„Da sollten alle Leute Tempelzoll dazu bezahlen. Das Vieh, welches zum

Opfer gegeben wurde, sollte man zur Gastung der Leute anwenden, wenn

Opferfeste gehalten wurden.“ Demnach war das Vermögen des heidnischen

Tempels ganz ähnlich wie das Kirchengut der christlichen Zeit und

bestand ebenso wie dieses aus gesetzlichen Abgaben und frommen

Schenkungen. Der Þorsteins þáttr uxafóts Kap. 1 bemerkt auch richtig:

„Jedermann sollte zum Tempel geben, wie nun zur Kirche Zehnt.“

6. Staats- und Privattempel.

Die gemeinsamen Opfer einer grösseren Anzahl von Volksgenossen oder

gar des Gesamtvolkes erforderten entsprechende Opferstätten. Es gab

Haupttempel, Heiligtümer, an denen die Gau- oder Landesbewohner

Anteil hatten, neben zahlreichen kleineren Tempeln, die von der

Gemeinde oder von einzelnen vermöglichen Leuten errichtet worden

waren. Hauptopferstätte fürs Volk der Sueven, vielleicht überhaupt

der Erminonen, ist der Semnonenhain, ein Haupttempel der ingwaeischen

Nordseestämme stand auf der Nerthusinsel, für die Marsen, vielleicht

für alle Istwaeonen war es das Tanfanaheiligtum. Bei den Friesen

war Helgoland das Volksheiligtum, auch nach der Insel Walchern

strömten die Leute von weither zusammen, bei den Sachsen scheint der

_Irminsûl_ diese Bedeutung zugekommen zu sein. Genaueren Einblick ins

Tempelwesen gewähren die nordischen Länder. In Dänemark gab es vier

Hauptopferstätten[752], Viborg (_Vébjorg_) in Jütland, Odense (_Ođins

vé_) in Fünen, Ringsted-Hleidra, das Thietmar von Merseburg beschreibt,

in Seeland, Lund (an. _lundr_, der Opferhain) in Schonen. Ziemlich im

Mittelpunkt der einzelnen Landesteile lagen die Haupttempel, wo die

Landesbewohner zu den ständigen Opferfesten sich versammelten. Der

Haupttempel auf Seeland scheint zugleich das dänische Volksheiligtum

gewesen zu sein, wo alle neun Jahre das grosse dänische Volksopfer

gefeiert wurde. Meistens, doch nicht regelmässig, waren die Haupttempel

bei den Dingstätten errichtet, weil Recht und Religion mit einander

unzertrennlich verknüpft waren, und weil der Bequemlichkeit halber

wol meistens Ding- und Opferzeiten zusammenfielen. In Schweden war

zu Uppsala der Reichstempel, auch hier mit dem grossen, alle neun

Jahre stattfindenden Landesopfer. Eine Gliederung in verschiedene

Opfer und demnach wol auch in mehrere Tempel zeigt sich auch auf

Gotland, worüber die Gutasaga Kap. 1 angibt: „Das gesamte Land hatte

für sich ein höchstes Opfer mit Leuten. Ausserdem hielt jedes Drittel

ein Opfer für sich; die kleineren Dinge hatten geringere Opfer mit

Vieh, Speise und Trank.“ Norwegen zerfiel in Volklande (_fylki_) und

Hundertschaften (_herǫđ_). Das Fylki hatte mehrere kleinere Tempel,

welche dem Bedürfniss der _herǫđ_ dienten, aber daneben einen

Haupttempel (_hofuđhof_) zum Gottesdienst des ganzen Volklandes. Ja

selbst mehrere Volklande mochten zu einem gemeinsamen Dingverbande mit

einem Haupttempel sich zusammenthun. Die Egilssaga Kap. 49 gedenkt

eines Haupttempels in der Landschaft Gaular, bei welchem die Leute

aus Firdir, Fjalir und Sogn zusammenzukommen pflegten. Der Tempel zu

Hladir war Fylkishof für das Strindafylki und Haupttempel für die ganze

Landschaft Drontheim, der zu Skiringssal Haupttempel für die Landschaft

Vikin (Sǫgubrot af fornkonungum Kap. 10). Ausser den grossen Tempeln

gab es in Norwegen zahlreiche kleinere öffentliche und private, deren

Andenken viele Ortsnamen festhalten.[753]

Endlich ist die Entstehung des isländischen Freistaates zur Kenntniss

des Hofwesens von Belang.[754] Begüterte Norweger, die im Stammlande

einen eigenen Tempel besessen hatten, nahmen dessen Grundpfeiler und

anderes Holzwerk mit nach Island hinüber, um sofort in der neuen Heimat

den Tempel wieder aufzurichten. An solche Tempelbesitzer (Goden) und

ihr Herrschaftsgebiet (Godord) knüpft die Entstehung der isländischen

Staatsverfassung an, indem die Regierung in ihre Gewalt gegeben wurde.

Die Bezirksverfassung vom Jahre 965 regelte die Anzahl der Godord. Man

teilte die Insel in vier Viertel, deren jedes drei, das Nordviertel

aber vier Dingverbände in sich schliessen sollte. Jeder Dingverband

bestand aus drei Godorden mit je einem Haupttempel (_hofuđhof_).

Somit gab es auf Island 39 Goden, die Besitzer und Vorsteher von 39

Haupttempeln. Sicherlich mochte nach wie vor jeder nach freiem Belieben

und Vermögen sich Tempel erbauen, aber denen kam nicht die Bedeutung

des Haupttempels zu, vielmehr nur untergeordnete private Stellung. Man

sieht aber auch aus dieser isländischen Verfassung deutlich die wol

gemeingermanische Unterscheidung zwischen staatlichem, öffentlichem

und privatem Tempel, welche der des Staatsopfers und des Einzelopfers

entspricht. Die heidnische Tempelverfassung wirkt vielleicht auch noch

in der norwegischen Kirchenordnung nach, welche _fylkiskirkjur_ oder

_hǫfuđkirkjur_, die den heidnischen _hǫfuđhof_, den Staatstempeln,

den Volksheiligtümern entsprachen, neben den kleineren, privater

Pflege überlassenen _herađskirkjur_ (Hundertschaftskirchen) und

_hœgindiskirkjur_ (Bequemlichkeitskirchen, Privatkapellen) unterschied.

III. Das Priesterwesen.

1. Die ältesten Nachrichten von germanischen Priestern.

Handbuch der Germanischen Mythologie · 第 52 / 68 段