zunächst ein Irrtum Thietmars berichtigt werden. Er vermischt Opfer-
und Bestattungsbräuche. Die Tiere wurden nicht darum geschlachtet,
dass die zum Opfer getöteten Menschen in der Unterwelt davon Gebrauch
machten; solches war nur der Leichenfeier eigen. Beim Opfer fielen
Menschen und Tiere den Göttern zu. In der Hauptsache verlaufen das
dänische und schwedische Landesopfer gleich. Beide fanden nur alle neun
Jahre statt, die Neunzahl spielt beiderseits bei den Opfern eine Rolle.
Vielleicht sind die 99 Menschen in Dänemark neben den 9 in Schweden
doch zu hoch gegriffen. Neun Tage dauert das schwedische Fest. Das
dänische Opfer fiel mit dem Julfest zusammen, das schwedische mit dem
Sommeropfer.
* * * * *
Man muss dem Umstand Rechnung tragen, dass wir die ursprünglichen
germanischen Jahresfeste nur unsicher aus der überlieferten
Zeitrechnung, aus dem römischen Kalender und der christlichen Festfolge
zu erschliessen vermögen. Zweifellos hingen die einstigen Hauptfeste
mit der Jahresteilung zusammen. Als aber, noch im Heidentum, der
römische Kalender eindrang, fanden Verschiebungen aller Art statt, die
christliche Festfolge vermehrte noch die Verwirrung. So wurden die
Jahresfeste verlegt und auf verschiedene Tage verteilt. Man gelangt
nur zum allgemeinen Satze, dass für die Volksopfer die Jahresteilung,
für Gemeindeopfer Ackerbau und Viehzucht maassgebend gewesen zu sein
scheinen.
Die siebentägige Woche und die Einteilung des Jahres in zwölf
Monate[713] kam den Germanen aus der Fremde, durch die Römer zu und
zwar noch vor der Bekehrung, sonst wären die heidnischen Götternamen
nicht für die Wochentage gewählt worden. Damals muss die interpretatio
romana schon sehr fest eingebürgert gewesen sein, denn allgemein und
ohne Schwanken werden die dies Martis, Mercurii, Jovis, Veneris dem
Tiu, Wodan, Donar und der Frija zugeteilt. Die Monate, sofern sie
germanisch bezeichnet wurden, heissen nach Zeit und Wetter, Pflanzen
und Tieren, Geschäften in Haus und Feld, nicht nach religiösen
Vorstellungen. Erst später wurden gleich einigen Kalendertagen
auch Monatsnamen persönlich gedacht und spielen deshalb im jüngeren
Volksglauben eine Rolle.
II. Das Tempelwesen.
1. Heilige Haine.
Das Waldleben hatte von jeher tiefen Einfluss auf alle Verhältnisse
des germanischen Volkes, so auch auf Glauben und Gottesdienst. „In
dem Wehen, unter dem Schatten uralter Wälder fühlte sich die Seele
des Menschen von der Nähe waltender Gottheiten erfüllt.“[714] Die
ältesten Zeugnisse heben den Waldkultus hervor, der Wald war die
Behausung der Götter. Heilige Haine vertreten geradezu eigentliche
erbaute Tempel. Bei echt germanischen Tempeln fehlt auch nicht der
Wald, es sei denn, die Natur versage ihn wie auf Island. Die ältesten
germanischen Bezeichnungen lehren: Tempel ist zugleich Wald. „Was
wir uns als gebautes, gemauertes Haus denken, löst sich auf, je
früher zurückgegangen wird, in den Begriff einer von Menschenhänden
unberührten, durch selbstgewachsene Bäume gehegten und eingefriedigten
heiligen Stätte. Da wohnt die Gottheit und birgt ihr Bild in
rauschenden Blättern der Zweige.“[715] „Die Götter, im Wald und auf der
Berghöhe gegenwärtig, bedurften keiner gebauten Wohnung, keines sie
darstellenden Bildes. Am deutlichsten hat das Tacitus von den Germanen
ausgesprochen: _ceterum nec cohibere parietibus deos, neque in ullam
humani oris speciem assimilare ex magnitudine coelestium arbitrantur:
lucos ac nemora consecrant, deorumque nominibus appellant secretum
illud, quod sola reverentia vident_. Nur Bäume hegten den Gott und über
Bäumen stand der Himmel offen. Als aber allmälig feste Niederlassungen
erfolgten und als der friedliche Ackerbauer selbst ein Haus bezogen
hatte, lag der Gedanke nah, auch für die Götter bleibende Wohnstätten
zu errichten, und aus feierlichen Steinkreisen auf dem Waldgebirg
gingen Höfe oder Tempel hervor. Die ältesten Ausdrücke unsrer wie der
griechischen Sprache können sich von dem Begriff des heiligen Haines
noch nicht losreissen, sondern gehen von diesem aus und erst unmerklich
in die Vorstellung einer erbauten Stätte über.“[715]
Die altgermanischen Wörter für Heiligtum, Opferstätte schwanken in
ihrer Bedeutung zwischen Hain und Tempel, weil eben zum Gottesdienste
einerseits heilige gehegte Wälder, andrerseits aufgerichtete Gebäude
dienten. Das ahd. _haruc_[716] geben die Glossen mit _lucus_, _nemus_,
_fanum_, _ara_ wieder, ags. _hearh_[717] wird entsprechend als _lucus_,
_sacellus_, _fanum_ ausgelegt. Im Nordischen bedeutet _hǫrgr_[718]
ursprünglich Steinhaufen, vielleicht geschichteter Steinaltar oder
Steinkreis als Hag um den Opferplatz, wie solche noch in England und
Skandinavien zu sehen sind. Zugleich aber nimmt _hǫrg_ die allgemeine
Bedeutung „Heiligtum“, die besondere „kleiner Tempel“ an.[719] Ahd.
_paro_ (gen. _parawes_)[720], ags. _bearo_ (gen. _bearwes_), welche
_lucus_ und _arbor_ ausdrücken, deuten auf den heiligen Hain oder Baum.
In den germanischen Sprachen begegnet unter verschiedenen Formen ein
Wort für sich allein und in Zusammensetzungen; es lautet _weh_, _weg_
(an. _vé_, ags. _weoh_, _weg_, as. _weg_) _wih_, _wig_ (gotländisch,
dän., schwed. _vî_, ags. _wih_, _wig_, as. ahd. _wih_). Die
Grundbedeutung ist Kultstätte (as. _friduwih_, befriedete Kultstätte)
und demnach, wie die ahd. Glosse „_forst edo haruc edo uuih_“
lehrt, auch heiliger Hain, ferner Kultgegenstand (_idolum_, _ara_,
_vexillum_).[721]
Ahd. _lôh_ (_lucus_), das wie nord. _lundr_ in vielen deutschen
Ortsnamen erscheint[722], weist wol manchmal auf ursprünglichen
Opferhain. Am besten unterrichtet Tacitus an vielen Stellen über den
Waldkult der Germanen.[723] Bei den Nahanarvalen ist ein altehrwürdiger
Hain (_lucus antiquae religionis_), wo den Alcis gedient wird. Bei den
Semnonen steht der uralte schauerliche Opferwald, den man nur gefesselt
betreten darf (_silva auguriis patrum et prisca formidine sacra_);
dort versammeln sich Abgesandte aller Suevenstämme. Der Nerthus ist
ein unberührter Hain (_castum nemus_) geweiht, worin allerdings auch
ein templum sich erhebt. Die Feldzeichen der Stämme, Tierbilder und
Abzeichen der Götter, die dem Heere voran in die Schlacht getragen
wurden, befanden sich gewöhnlich im geweihten Walde. Im Donarswald (_in
silvam Herculi sacram_) versammeln sich die Völker zur Schlacht. In
den heiligen Hain (_sacrum in nemus_) ruft Civilis den Adel zusammen.
Opfersteine, bei denen die gefangenen Feinde geschlachtet wurden, traf
man in den Wäldern (_lucis propinquis barbarae arae apud quas tribunos
mactaverant_). Die Häupter getöteter Opfertiere bleichten an den
Baumstämmen.
Im tiefsten, dunkelsten Urwald, wo kein Holz geschlagen werden darf,
ist das Heiligtum der Götter, da stehen die Opfersteine, da werden
Menschen und Tiere geschlachtet oder aufgehängt, da werden die heiligen
Feldzeichen der Völker aufbewahrt. Dort ist aber auch Volksversammlung
und Gericht. Vermutlich war ein besonderer Teil des Urwaldes zum
eigentlichen Gottesdienst abgegrenzt, während fürs Ding gelichtete,
wenigstens von Buschwerk und Unterholz gerodete Strecken erforderlich
scheinen. Der den Göttern geweihte uralte, wilde Bannwald rief einen
schauerlichen Eindruck hervor, ebenso aus ehrfürchtiger Scheu vor
der unmittelbaren Gegenwart der Götter wie wegen der blutigen Opfer,
wegen der verwesenden Leichen und bleichenden Gebeine. Nicht bloss den
Römern, auch den germanischen Volksgenossen selber war ein solcher
Urwald unheimlich. Die Schrecken der Vorzeit hafteten auch später
vornehmlich am Tempelhain, so an dem zu Uppsala, während die übrigen
Örtlichkeiten der frohen Feste halber wol einen freundlicheren Anblick
boten. Der eigentliche Opferplatz, wo die Gottheit die Opfer empfing,
war der furchtbare Mittelpunkt des Gottesdienstes.
Die Bekehrer hatten oft mit heiligen Wäldern, insbesondere mit heiligen
Bäumen zu thun. Der Wald gilt ohnehin als Aufenthalt der Geister, der
Baum als beseelt; somit wird er leicht zur Behausung, zum Heiligtum
der Götter. Bonifacius fällte bei Geismar die Donarseiche und erbaute
aus ihrem Holz eine Peterskapelle. Unter Sachsen und Friesen[724]
dauerte die Verehrung der Haine am längsten fort. Bischof Unwan von
Bremen liess im Anfang des 11. Jahrh. bei abgelegenen Bewohnern seines
Sprengels solche Wälder, in denen geopfert wurde, ausrotten. Nach einem
Treffen, das im Jahre 779 zwischen Franken und Sachsen geschah, liess
sich ein schwerwunder Sachse aus seiner Burg heimlich in einen dem
höchsten Gott geweihten Hain tragen. Schon in alten Urkunden ist von
_Heiligenforst_ bei Strassburg, _Heiligenloh_ im Hoyaschen, _Heiligelo_
bei Alkmaar in Holland, _Heiligenholtz_ bei Zwifalten, _Halahtre_ in
Westfalen die Rede.[725] Diese Namen bewahren das Andenken heidnischer
Götterwälder, die der Benutzung des Volkes entzogen, dem Dienste der
Götter geheiligt waren.
2. Tempelbauten.
Aus dem Walde wuchs allmälig der gezimmerte Tempel[726] hervor,
vielleicht Anfangs in der Art, dass um einen besonders heiligen Baum,
der als Sitz der Gottheit galt, eine Hütte aus Holz und Zweigen
aufgeführt wurde. Derlei mag der _indiculus superstitionum_ IV „_de
casulis id est fanis_“, von kleinen Tempelchen, im Auge haben. Man
gedenkt der Halle König Vǫlsungs, die freilich weltlichen Zwecken
dient, aber möglicherweise einen altfränkischen Waldtempel darstellt.
„König Wolsung Hess eine herrliche Halle machen und zwar auf die Art,
dass eine grosse Eiche in der Halle stund; die Zweige des Baumes
mit schönen Blättern breiteten sich übers Dach, der Stamm reichte
in die Halle hinunter.“[727] Hernach stösst Odin das Schwert für
Sigmund in den Stamm dieser Eiche. Darf man eine Wodanseiche im
fränkischen Urwald, um welche ein Tempel gezimmert war, worin der Gott
seinen Lieblingen sich offenbarte, als letzten Ausgangspunkt dieser
Sagenbildung vermuten? Die sächsische _Irminsûl_ muss hier erwogen
werden. Im nordischen Hause stützen eine oder zwei Säulenreihen als
Grundpfeiler den ganzen Bau. Besonders wichtig sind die zwei am
Hochsitz befindlichen sog. _ǫndvegissúlur_, an denen Götterbilder
eingeschnitzt sind, denen abergläubische Verehrung erwiesen wird.
Die nach Island fahrenden Norweger nehmen ihre Hauptsäulen mit und
stellen sie in der neuen Heimat ebenso in die Mitte des Hauses. Auch im
Tempelbau, der vom Hausbau nicht wesentlich abwich, kehren diese Säulen
wieder. Karl der Grosse zerstörte im Jahre 772 einen Hauptsitz des
sächsischen Aberglaubens, die unweit Eresburg in Westfalen errichtete
_irminsûl_, die Hauptsäule.[728] Er verbrannte das sächsische
Heiligtum. Im tiefen Wald, wol im Osning, im heiligen Götterhain,
ragte die Säule auf, die bald als fanum, bald als idolum bezeichnet
wird. Später wurde an ihrer Stelle eine Peterskirche gebaut. Rudolf
von Fulda erzählt vom Baumkult der Sachsen und erklärt die irminsûl
als einen grossen, unter freiem Himmel hoch aufgerichteten Holzstamm,
eine Hauptsäule.[729] Was ist nun in Wirklichkeit unter der sächsischen
Säule zu verstehen? Ihr eignete wol dieselbe religiöse Bedeutung
wie der nordischen Haussäule. Durch eingeschnitztes Götterbild mag
vielleicht auch sie zum Heiligtum, zum Idol, geweiht gewesen sein. Sie
stand aber allein im Freien und diente so als Symbol. Der aufgerichtete
Grundpfeiler, die Hauptsäule vertrat vielleicht symbolisch den Tempel,
der ursprünglich um den heiligen Baum, nachher um die hölzerne
Hauptsäule gezimmert war. Für den germanischen Tempel der Urzeit,
dessen Einrichtung nirgends genau geschildert ist, lernen wir nur
das eine, dass sein Ursprung an den heiligsten Baum des geweihten
Forstes, an die uralte mächtige Göttereiche anknüpfte. Den Baum löste
bei späterem kunstvollerem Bau die im Mittelpunkt aufgerichtete
hochragende Hauptsäule, ein gewaltiger verarbeiteter Baumstamm ab. Wie
der Götterbaum den Grundpfeiler des heiligen Gebäudes abgab, so scheint
er auch das Götterbild, das zunächst an ihm haftete, veranlasst zu
haben. So wuchs, wol auch unter der Anregung römischer Kultur, aus
dem ursprünglichen Gottesdienst im Urwalde die gezimmerte Behausung
der Götter und ihre bildliche Darstellung heraus. Der Götterbaum als
_irminsûl_ entfaltet beides.
Zur Zeit des Tacitus ist die Kultstätte meistens der heilige Hain.
Aber an zwei Stellen ist zweifellos vom Tempel im Haine die Rede.
Nachdem der Priester die Nerthus an Festtagen umhergeführt hat, gibt
er sie ihrem Heiligtum zurück (_satiatam conversatione mortalium deam
templo reddit_). Im Jahre 14 machten die Legionen des Germanicus den
marsischen Tanfanatempel dem Erdboden gleich (_celeberrimum illis
gentibus templum, quod Tanfanae vocabant, solo aequatur_). Die Bekehrer
hatten nicht bloss Göttereichen zu fällen, sondern auch Tempelbauten
niederzulegen, zu verbrennen oder zum Dienste des Christentums
umzuweihen. Allmälig hatten sich die im Walde gebauten Tempel vermehrt,
mitunter wurden auch römische Bauten, gemauerte steinerne Tempel dem
germanischen Götterdienst nutzbar gemacht. Als Radegund, die Gemahlin
Chlotars, aus Thüringen nach Frankreich zog, führte sie ihr Weg in
der Nähe eines fränkischen Tempels vorüber. Die glaubenseifrige
Christin gebot ihren Leuten, den Heidentempel anzuzünden. Die Franken
wehrten sich, aber Radegund setzte ihren Willen trotzdem durch. Das
Heiligtum wurde verbrannt, hernach aber Frieden gestiftet. So erzählt
die vita sanctae Radegundis (_acta Bened. sec._ 1 S. 327) aus dem
6. Jahrh. Gregor von Tours (_vitae patr._ 6) weiss von einem mit
Zieraten erfüllten Tempel zu Köln (_fanum quoddam diversis ornamentis
refertum_), worin die Barbaren beim Opfer Schmaus und Gelage hielten.
Dort standen auch Götterbilder. Kranke Glieder wurden in hölzerner
Nachbildung aufgehängt. Bei den Angelsachsen gab es eingehegte Tempel
(_fana cum septis_), die ziemlich vollkommen gewesen sein müssen, sonst
hätte schwerlich Gregor dem Augustin anempfohlen, christliche Kirchen
daraus zu machen. Die ags. Sprache gewährt auch ein germanisches
Wort für den Begriff „Altar“. Im Walde genügte der Opferstein, im
Tempel erhub sich ein Altar, _wigbed_ (aus älterem _wihbéod_), der
Tempeltisch.[730] Er diente wol wie der nordische _stallr_ zur
Aufnahme heiliger Gerätschaften, des Eidringes, der Opferblutschale
u. dergl.[731] Sächsische Tempel (fana) nennt das _capitulare de
partibus Saxoniae_. Den friesischen Göttern[732] waren in allen Teilen
des Landes Tempel errichtet. Darin lagerten oft Schätze. Genauer
beschrieben ist aber nur Fosites Heiligtum auf Helgoland.
Der hl. Willebrord brach auf Walchern ein altehrwürdiges, von
einem tapferen Wächter behütetes Heiligtum.[733] Da im Dünensande
vor Walcheren Trümmer römischer Steinbauten und Nehalenniasteine
sich vorfanden, handelt es sich vermutlich um einen Tempel aus der
Römerzeit, den die Germanen nach Abzug der Römer zum Dienste ihrer
eigenen Götter benutzten. Überhaupt muss man mit der Möglichkeit
rechnen, dass die auf römisches Gebiet einrückenden Germanen, hier
und da ihre Opferstätten in verlassene römische Tempel verlegten.
Nahmen die germanischen Söldner doch auch ebenso willig den Brauch
bildergeschmückter Weihsteine von ihren römischen Kameraden an, nicht
bloss zum Kaiserkult und zum Dienst der römischen Truppengenien,
sondern auch zu Ehren heimischer Volksgötter. Wo steinerne
Tempelbauten unter Germanen erwähnt werden, liegt dieser Verdacht sehr
nahe. In des Jonas von Bobbio _vita Columbani_ Kap. 17 (J. Grimm, Myth.
73) ist von römischen Thermen, mit Steinbildern geschmückt, die Rede,
denen die Burgunden bei Luxeuil in Franche comté Verehrung erwiesen.
Echt germanische Tempel waren aus Holz gefertigt, allenfalls aus
Rasenstücken und rohen Steinen kunstlos geschichtet, aber nicht aus
kunstvoll behauenen Steinen regelrecht gemauert.[734]
Am ausführlichsten ist das Heiligtum des Fosite auf Helgoland
geschildert, wohin Willebrord zwischen 690 und 714 verschlagen wurde.
Für die dem Gotte geheiligte Stätte hatten die Friesen die höchste
Verehrung. Alles, Tempel, Äcker, Wälder, Quellen, weidende Tiere,
Schätze gehörten dem Gotte. Keiner der Heiden des Landes wagte,
Tiere, die dort weideten, oder irgend welchen Gegenstand des Landes
zu berühren, nur schweigend schöpften sie das Wasser der Quelle, die
dort entsprang. Nach König Redbads Satzung galt es für ein des Todes
würdiges Verbrechen, als Willebrords Gefährten Tiere der Insel zu
ihrer Nahrung schlachteten, und Willebrord drei Leute in der heiligen
Quelle taufte. Drei Tage liess König Redbad das Loos ziehen; dadurch
entschieden die Götter bei einem der Gefährten Willebrords, dass er
getötet werden musste; er selbst und die andern durften die Insel
verlassen. Das Volk ums Jahr 700 glaubte, jeden, der das geweihte Land
nicht in tiefster Verehrung betrete, müsse die Strafe des Gottes,
Raserei oder sofortiger Tod treffen. Im 11. Jahrhundert, als bereits
das Christentum eingezogen war, herrschte noch der Glaube, dass jeder,
der auf der Insel das geringste raube, Schiffbruch oder schweren Tod
erleiden müsse, daher denn alle, von tiefer Furcht erfüllt, bereit
waren, von ihrem Seeraub den zehnten Teil den Eremiten darzubringen,
die auf dem Lande angesiedelt waren.
Hier finden wir alle wesentlichen Merkmale des germanischen Heiligtums,
Wald, Tempel, Opferquelle, Tempelgut an Hort und Herde, alles unter
besonderem unverletzlichem Frieden. Mit der Schilderung des friesischen
Heiligtums stimmt die des schwedischen Haupttempels überein, die wir
Adam von Bremen[735] verdanken.
Das Schwedenvolk hat einen sehr berühmten Tempel, der Uppsala heisst
und nicht weit von der Stadt Sigtun liegt. In diesem Tempel, der ganz
von Gold gebaut ist, betet das Volk die Bildnisse dreier Götter an,
und zwar so, dass der mächtigste von ihnen, Thor, mitten im Saale
seinen Thron hat; rechts und links sitzen Wodan und Fricco. Nahe bei
diesem Tempel steht ein sehr grosser Baum, der seine Zweige weithin
ausbreitet und im Winter wie im Sommer immer grün ist. Welcher Art
derselbe ist, weiss niemand. Dort ist auch eine Quelle, wo die Heiden
Opfer anzustellen und einen Menschen lebendig zu versenken pflegen.
Wenn dieser nicht wiedergefunden wird, so ist der Wunsch des Volkes
bestätigt. Den Tempel umgibt eine goldene Kette, die am Giebel des
Gebäudes hängt und den Herankommenden entgegenblinkt. Das folgende
Kapitel 27 schildert auch noch den beim Tempel gelegenen Hain, dessen
Bäume durch die verwesenden Körper geopferter Menschen schaurig geweiht
waren. Der uralte schaurige Bannwald steht hier noch wie ein Denkmal
vergangener Zeiten neben dem freundlichen Bild des Tempels und des
über der Quelle rauschenden immergrünen Baumes. Beachtenswert ist die
goldene Kette, die den Tempel umgibt. Sie erinnert an die _vébǫnd_
des nordischen Rechtes, an die heiligen Schnüre, die, an Haselstangen
geknüpft, das Gericht abgrenzten.
Genaues über Bau und Einrichtung des Tempels berichten nur
norwegisch-isländische Quellen.[736] Der nordische Tempel, in Norwegen
aus Holz[737], auf Island auch aus Torf, Steinen oder Lavablöcken
erbaut, entspricht aber schwerlich dem altgermanischen.
Thorolf, der in Norwegen einen Tempel besessen hatte, brach ihn
ab, nahm die Erde, die unter dem Altar gewesen war, und das meiste
Holzwerk mit, liess in Island den Ort seiner Niederlassung durch seine
Hochsitzpfeiler, auf welchen Thor eingeschnitzt war, bestimmen und
schritt alsbald zum Wiederaufbau seines Gotteshauses. „Da liess er
den Tempel erbauen, und es war das ein grosses Haus; es waren Thüren
an den Seitenwänden und nahe an dem einen Ende; innerhalb standen da
die Hochsitzpfeiler und darin waren Nägel, die hiessen Götternägel
(_reginnaglar_). Im innern Teile des Hauses war ein Haus in der Art,
wie nun der Chor in den Kirchen ist, und es stand da eine Erhöhung
mitten auf dem Boden und ein Altar, und darauf lag ein Ring ohne Ende
von zwei (andere Lesarten: neun, zwanzig) Unzen Gewicht, und auf den
sollte man alle Eide schwören; den Ring sollte der Häuptling an der
Hand tragen bei allen Volksversammlungen. Auf der Erhöhung sollte
auch der Blutkessel stehen und darin der Blutzweig, als wäre es ein
Sprengwedel, und damit sollte man aus dem Kessel das Blut spritzen,
welches _hlaut_ genannt wurde; das war solches Blut, wenn Tiere
geschlachtet wurden, die man den Göttern opferte. Um die Erhöhung
herum waren in dem Nebenhause den Göttern ihre Plätze angewiesen.“
In der Kjalnesingasaga wird vom Goden Thorgrim erzählt: „Er war ein
eifriger Opferer; er liess einen grossen Tempel errichten auf seinem
Hofe, der war 120 Fuss lang und 60 Fuss breit; Thor wurde da zumeist
verehrt; da war es innen rund gemacht wie eine Haube (d. h. gewölbt);
das war alles mit Tapeten behängt und mit Fenstern versehen; da stand
Thor in der Mitte und beider Hand andere Götter. Vorn davor stand
eine Erhöhung, mit grosser Kunstfertigkeit gemacht und oben mit Eisen
getäfelt; darauf sollte ein Feuer sein, das nie erlöschen sollte; das
nannten sie das geweihte Feuer. Auf dieser Erhöhung sollte ein grosser
Ring liegen, aus Silber (andere Lesart: aus Gold) gemacht; den sollte
der Tempelgode an der Hand tragen bei allen Volksversammlungen; auf
den sollte man alle Eide schwören wegen Klagsachen. Auf der Erhöhung
sollte auch ein grosser Kessel stehen von Kupfer; darein sollte man
all das Blut lassen, das von dem Vieh käme, das dem Thor geschenkt
würde, oder von den Menschen; das nannten sie _hlaut_ und _hlautbolli_.
Mit dem Blute sollte man die Menschen bespritzen und das Gut.“ Wie
die Tempel zu den Opferfesten benützt wurden, lernen wir aus der
Hákonarsaga góða: „Das war alte Sitte, wenn ein Opfer sein sollte, dass
alle Bauern dahin kommen sollten, wo der Tempel war, und dahin ihre
Sachen bringen, deren sie bedurften, solange das Opfermahl währte. Bei
diesem Mahle sollten alle Leute Bier haben; da wurde auch allerhand
Vieh geschlachtet, und ebenso Pferde, all das Blut aber, das daher kam,
das nannte man _hlaut_, aber _hlautbollar_ (Blutkessel) das, worin das
Blut enthalten war; und _hlautteinar_ (Blutzweige), die waren gemacht
wie die Sprengwedel; damit sollte man die Altäre völlig bespritzen, und
ebenso die Wände des Tempels von aussen und von innen, und so auch das
Blut über die Leute sprengen; das Fleisch aber sollte man zur Bewirtung
der Leute brauchen. Feuer sollte mitten auf dem Boden im Tempel sein,
und darüber die Kessel, und die Vollbecher sollte man über das Feuer
bringen; der aber, der das Mahl hielt und der Häuptling war, sollte den
Vollbecher weihen und alle Opferspeise. Da trank man Odins, Njords,
Freys Becher und das Gedächtniss angesehener Blutsfreunde. Sigurd Jarl
war der freigebigste der Männer; er that ein Werk, das sehr berühmt
war, dass er ein grosses Opfermahl zu Hladir hielt und alle Kosten
allein trug.“
Die grossen Tempel waren prächtig ausgeschmückt; an der Tempelthüre
zu Hladir und auch anderwärts war ein goldener Thürring angebracht.
Bei den skandinavischen Tempeln darf man an reiches Holzschnitzwerk
denken. Im Innern hingen bei Festen Teppiche. Auch Goldverzierungen
an Säulen und Wänden, an Gerätschaften und Götterbildern scheinen
üblich gewesen zu sein. Vom schwedischen Tempel zu Uppsala sagt Adam,
allerdings übertreibend, er sei ganz aus Gold gewesen. In Wirklichkeit
handelte es sich wol nur um reiche goldene Zierat. Die freilich wenig
glaubhafte längere Saga von den Droplaugssöhnen[738] erwähnt eines
von einem Gehege umschlossenen isländischen Tempels, der von Gold und
Silber erglänzte. Darin waren Bilder Thors und Freys, der Frigg und der
Freyja, angethan mit prächtigen Gewändern.
Den Angaben der alten Quellen begegnen die Überreste isländischer
Tempel, die Sigurður Vigfússon untersuchte. Vom nordischen Tempel
gewinnen wir etwa folgendes Bild:
[Illustration]