Ist auch dieser letzte grosse Läuterungs- und Reinigungsakt glücklich

vorüber, so beginnt der Opferschmaus, bei dem es sehr heiter und

fröhlich zugeht. Niemand darf sich davon ausschliessen, selbst der

zufällig vorüberwandernde Fremdling muss an dem Mahle teilnehmen.

Welches Gemeindeglied hätte sich aber auch einem solchen Feste

entzogen, bei welchem sogar der übermässigste Genuss von Speise und

Trank nicht allein keine nachteiligen Folgen nach sich ziehen konnte,

sondern im Gegenteil dem Geniessenden die grössten Vorteile brachte.

Denn je mehr Minne jemand trinkt, um so stärker und schöner wird er,

und je mehr er isst, um so sicherer kann er sein, dass er das ganze

Jahr hindurch von Krankheiten verschont bleibt. Zum Schlusse -- es

mag wol oft der helle Morgen gekommen sein, ehe ein solches deutsches

Opferfest beendet war -- nimmt ein jeder etwas von den Kohlen und der

Asche des Feuers und den übrig gebliebenen Resten des Opferschmauses

mit sich nach Hause, um die Dinge dort in allerhand Nöten als kräftige

Heilmittel zu gebrauchen. Ausserdem erhält noch jede Familie ein

brennendes Scheit von dem Opferfeuer, mit welchem sodann auf dem Hofe

das vorher sorgfältig ausgelöschte Herdfeuer wieder neu entzündet wird,

damit auf diese Weise auch das Haus der Segnungen des Opfers teilhaftig

werde.

So ging es bei dem Mittsommeropfer her und ganz ähnlich verliefen auch

die andern Jahresopfer unserer heidnischen Vorfahren.

* * * * *

Von Opfern, welche der einzelne Hausstand brachte, seien nur die

bei der Aussaat und nach der Ernte erwähnt. Der Hausvater und sein

Ingesinde brachten ein Brotopfer, mit Trankopfer verbunden, bei dem

Treiben des ersten Pfluges in den Acker für die mütterliche Göttin

Erde, damit sie aus ihrem Schoosse heraus dem Lande die erforderliche

Feuchtigkeit und dadurch der Saat Gedeihen gebe; ein Körneropfer

beim Ausstreuen der ersten Handvoll Saatkorn für den Windgott, dass

er die Frucht vor Vogel-, Wild-, Mäuse- und Würmerfrass bewahre;

nach vollendeter Bestellung des Saatfeldes ein Eier- oder Hahnopfer

für den Wettergott, um von ihm gnädigen Schutz vor Hagelschauer

und Wetterschlag zu erbitten. Dabei wurden zauberkräftige Gebete

gesprochen, etwa wie die angelsächsische Flurbesegnung mit dem

feierlichen Anruf: Heil dir Erde, wachse in des Gottes Umarmung,

erfülle dich mit Frucht den Menschen zu Nutze.[697] Kleinere Opferfeuer

mögen auch dabei entzündet worden sein. Das letzte Ährenbüschel aber

gehörte dem Wode und seinem Pferde als Dankopfer. Auch hier fehlten

die Weihsprüche nicht. Daneben begegnen Hahn- und Bocksopfer als

Erntebrauch, wol mit Beziehung auf Donar. Hirtenopfer werden in Milch,

Butter und Käse bestanden haben; dazu gehören die Viehbesegnungen, die

allerdings nur in christlicher Fassung uns überkommen sind.

So greift der Opferdienst in die ganze Acker- und Viehwirtschaft des

Einzelnen wie der Gesamtheit fortwährend ein. Wenn diese Opferbräuche

auch in der christlichen Zeit nicht versäumt wurden, darf füglich

angenommen werden, dass das Heidentum nicht weniger eifrig dem

Opferdienst oblag.

6. Festliche Umzüge.

Noch heute ist „begehen“ die gewöhnliche Bezeichnung für die Feier

eines Festes. Das Wort besagt aber eigentlich „einen feierlichen Umzug

halten“. Ein Aufzug[698] gehörte zum Opfer und Gottesdienst. Unter

verschiedenen Formen und mit verschiedener Bedeutung treffen wir

solche Festzüge im germanischen Heidentum. Am klarsten und genauesten

kennen wir den Zug bei der Nerthusfeier und bei der schwedischen

Freysfeier. Den Wagen der Nerthus schirrte der Priester und begleitete

seine Umfahrt durch die Gaue der verbündeten Völkerschaften. Wohin der

Wagen kam, wurde Fest und Frieden gehalten. Vermutlich zog das Volk,

wie später beim Sommerempfang, dem Wagen der Göttin entgegen, um sie

feierlich einzuholen. Das Volk nahm den heiligen Wagen in geordnetem

Zuge in die Mitte und führte ihn zu sich heim; der weiter fahrenden

Göttin wurde dann später Geleit gegeben. Spiel und Tanz fehlten dem

Aufzug so wenig wie den Frühlingsfesten. Freyr besuchte, auf dem

Wagen fahrend und von einer Priesterin geleitet, zur Winterszeit die

schwedischen Gaue. Der Gott wurde festlich eingeholt und gefeiert. Sein

Umzug segnete das Land zur Fruchtbarkeit. Der Gotenkönig Athanarich

befahl, das Bild eines gotischen Gottes auf einem Wagen vor den

Wohnungen aller des Christentums Verdächtigen herumzuführen. Weigerten

sie sich, niederzufallen und zu opfern, so sollte ihnen das Haus über

dem Kopfe angezündet werden.[699] Also auch derselbe Brauch eines

umfahrenden Wagens. Der Schiffszug in den Niederlanden hing vielleicht

einstens mit dem Isis-Nehalenniadienste zusammen. Der Grundgedanke

dieser Feier scheint der Einzug der Gottheit ins Land zu sein. Aufzüge

scheinen überhaupt jedem Opfer eigentümlich zu sein. Flurgänge, um

Ackerland fruchtbar zu machen, wobei Götterbilder herumgeführt wurden,

bezeichnet der _indiculus superstitionum_ als heidnische Sitte: _de

simulacro quod per campos portant_. Die Kirche hat sich des Brauches

bemächtigt, der in den Flurgängen der Gemeinde mit Priester und Heiltum

statt des alten Götterbildes fortlebt. Romanischer Glaube mag übrigens

in deutschen Festzügen mehrfach nachwirken.

Der feierlichste Aufzug war der zur Schlacht. Die Götter schritten,

ihre Anwesenheit durch die heiligen Feldzeichen bekundend, den

Heerscharen voran, aus deren Mitte feierlicher Gesang, besonders zu

Ehren Donars, erscholl. Es mag ein kurzes Lied mythischen Inhaltes

gewesen sein, das, eine Ruhmthat des Gottes ins Gedächtniss rufend,

diese als Beispiel göttlichen Heldentums hinstellte. Darauf ertönte

der Kriegsruf, der unter den vor den Mund gehaltenen Schilden tosend

anschwellende _barditus_.[700] Wie die kurze vorgeschickte Göttersage

zum Zaubersegen, etwa in den Merseburger Sprüchen, so mag sich das

Donarlied zum _barditus_ verhalten haben, einem brausenden, dem Feinde

fürchterlichen Hurra, unter dem die Germanen nach Beendigung des

Schlachtliedes den Sturmlauf begannen.

7. Ständige Jahresfeste.

Gab es bei den Germanen eigentliche Festzeiten, die sich jährlich

an bestimmten Tagen wiederholten? Die Frage ist darum schwer zu

beantworten, weil die ursprüngliche Jahresteilung der Germanen nur

mangelhaft bekannt ist. Das Jahr zerlegten die Germanen in zwei

Hälften, Winter und Sommer, denn diese Wörter gehen durch alle

Sprachen gleichmässig hindurch. Ob die andern Jahreszeiten, Lenz und

Herbst schon der Urzeit angehören, ist zweifelhaft. Das Jahr hub mit

dem Winter, im Oktober vielleicht in der Tag- und Nachtgleiche oder

im November, an. In der altdeutschen Sprache hat das Wort Winter

geradewegs auch die Bedeutung Jahr. Zu Winters Anfang und zu Sommers

Anfang waren grössere Opferfeste üblich, die nicht bloss in der

Gemeinde, sondern in der Völkerschaft, im ganzen Lande gefeiert wurden.

Da kamen die Volksgenossen zum Herbstding und Frühlingsding aus Nah

und Fern zusammen, da wurden Opfer und Gottesdienst gefeiert, Gericht

gehalten, Volksfeste begangen u. dgl. mehr. Ein festes Datum für die

Zusammenkünfte lässt sich nicht behaupten. Es war wol auch nach Klima

und Landesbeschaffenheit verschieden und wurde eben allgemein auf den

ersten Winter- oder Sommermond verlegt. Ostern, die Märzfelder der

Merowinger, die Maifelder der Karolinger, die zahllosen Frühlingsfeste,

die im Volksbrauche auch unter dem Christentum fortlebten, die uralten

Volksspiele vom Einholen des Sommers, vom Streit zwischen Sommer und

Winter, Feste, die sich im allgemeinen zwischen Fasten und Pfingsten

abspielen, andererseits die herbstlichen Kirchweih- und Schlachtfeste

dürften einzelne Züge aus den altgermanischen Winter- und Sommeropfern

bewahren. Aber ein Gesamtbild lässt sich nimmer gewinnen. Denn das alte

grosse Volksfest ist mit Gemeindefesten der Bauern und Hirten vermischt

und auf verschiedene Tage des römisch-christlichen Kalenders verstreut.

Ausserdem sind viele fremdartige und junge Bräuche eingedrungen.

Es versteht sich wol von selbst, dass eine Vereinigung des ganzen

Volkes nicht allzu oft stattfinden konnte. Denn die Reise zum Ding

war zeitraubend. Andererseits forderten aber die Angelegenheiten des

Volkes solche Versammlungen, die aber keineswegs bloss dem Opferfeste,

vielmehr ebenso dem Gerichte und der Beratung, die im Heidentum

vom Gottesdienste gar nicht zu trennen sind, gewidmet waren. Darum

betont J. Grimm in den Rechtsaltertümern S. 245, 821 ff. mit Fug die

ursprüngliche Zusammengehörigkeit von Volksding und Volksopfer. Je

nach Umständen wird bald die eine, bald die andere Bedeutung stärker

hervorgetreten sein. Im Christentum fiel das Opfer weg, aber Volksding

und Volksfest hafteten. Die Frühlingsfeste, welche in Verbindung

mit Waffenübungen und Schützenfesten stehen, weisen zurück auf eine

Zeit, wo die Ankunft des Frühlings nicht nur mit einem Danke an die

Götter für das, was die Natur gab, sondern mit einer Zusammenkunft

der gesamten waffenfähigen Mannschaft begrüsst wurde, wo die während

des Winters nicht geübten Fertigkeiten bei Kampfspielen erneuert und

die Kriegszüge des Sommers beschlossen wurden. Sie erinnern an die

fränkischen März- und Maifelder, wo die Musterung im Vordergrund

steht. Die wesentlichen Merkmale jener Versammlung im Herbst und

Frühling waren etwa diese: Gebet und Opfer um gutes Jahr und glückliche

Unternehmungen, Beratungen über Angelegenheiten des Volkes, zu

Sommersanfang besonders über bevorstehende Feldzüge, Waffenmusterung,

Gerichte, Umzüge und Volksspiele, Opferschmaus und Gelage. Besonders

im Norden finden wir den alten Brauch der Volksdinge am besten auch

unter der christlichen Religion bewahrt. Die Norweger hatten neben

dem _Heradsding_, dem Ding der Hundertschaft, _Volklandsdinge_. In

vier grossen Verbänden traten die Norweger zusammen. Die Isländer

vereinigten sich im Herbst und Frühling in kleineren Verbänden, im

Juni zum _Allding_. Zugleich hören wir im Norden von besonders grossen

Opferfesten der Dänen und Schweden. Die Zeiten der nordischen Dinge

sind allerdings teilweise eigenartig und ohne Zusammenhang mit den

altgermanischen ungebotenen Dingen, namentlich auf Island allein durch

die Landesbeschaffenheit bestimmt.

Weil die ungebotenen Dinge der Germanen vielfach zu Winters und Sommers

Anfang stattfanden, weil zur selben Zeit der Volksbrauch noch allerlei

Spiele und Feste kennt, weil die Germanen das Jahr in Winter und

Sommer einteilten, wird man nicht fehlgehen, wenn man dahin ständige

Festzeiten der heidnischen Germanen verlegt, die im grösseren Verband,

unter Teilnahme des ganzen Volkes, als Volksfeste gefeiert wurden.

Noch weitere Volksfeste scheinen vorhanden gewesen zu sein. Zu

Mittwinter wurde _jul_ gefeiert. Das nordische _jól_, _júl_ begegnet

auch im englischen _yule_; in Pommern ist Jul eine Bezeichnung für die

Weihnachtszeit, scheint aber aus Schweden oder Dänemark eingeführt

zu sein. Im Gotischen und Angelsächsischen kommt dasselbe Wort als

Monatsname vor: ags. _æra geola_, _æftera geola_[701], erster und

zweiter Julmonat, zur Bezeichnung des Januar und Februar, got. _fruma

jiuleis_, erster Julmonat zur Bezeichnung des November. Ist der Monat

nach dem Feste oder das Fest nach dem Monat benannt? Der Ursprung des

Wortes liegt im Dunkel. Weinhold dachte an Entlehnung aus lateinischem

_julius_, die Mittwintermonate (December, Januar) hätten die Germanen

bei Annahme des römischen Kalenders mit dem Namen des Mittsommermonats

belegt. Andere Erklärungen suchen Urverwandtschaft mit lateinischem

_joculus_; Jul sei die heitere Festzeit.[702] Das heidnische Julfest

der Nordleute fand im Januar nach Dreikönig statt und währte drei Tage.

Die Zeit gibt für Dänemark Thietmar von Merseburg an, für Norwegen die

Bezeichnung _Þorrablót_, das Þorriopfer. Þorri ist ein Monatsname,

dem Januar entsprechend. Þorri hub zwischen dem 9. und 16. Januar an.

König Hakon verfügte, dass man das Julfest in Norwegen um dieselbe Zeit

feiern sollte, wie die Christen Weihnachten.

In Deutschland ist kein sicheres Zeugniss des heidnischen

Mittwinterfestes vorhanden. Wol spielen die Zwölften, die Zwölfnächte

zwischen Weihnacht und Dreikönig im Volksaberglauben eine grosse

Rolle.[703] Da sind alle Geister los und suchen die Menschen heim.

Der Wode, Frau Holle, die Percht, das wütende Heer ziehen um und

werden mit Opfer geehrt. Alle Arbeit ruht, besonderes Backwerk wird

zubereitet, festlicher Schmaus gehalten. Das sind die Loosnächte, in

denen die Zukunft erforscht werden kann, welche die Witterung und damit

die Fruchtbarkeit des kommenden Jahres anzeigen. Da ereignen sich

allerlei wundersame Dinge. Erwägt man, dass das nordische Julfest

auf die christliche Weihnachtszeit verlegt wurde, so kann man auch

für Deutschland solches annehmen und den Weihnachtsaberglauben vom

alten Mittwinteropfer ableiten. Aber er kann ebensowol vom heidnischen

Jahresanfang, vom Winterbeginn oder Herbstopfer auf Weihnachten und

Neujahr verlegt worden sein.

Nordische Berichte reden von drei grossen Jahresopfern, die

im allgemeinen wol auch mit den germanischen Jahresopfern

übereinstimmen.[704] Die Ynglingasaga (Kap. 8) sagt: „Da sollte man

opfern gegen den Winter zu für gutes Jahr (_í móti vetrs til árs_),

mitten im Winter sollte man opfern für Wachstum (_at miđjum vetri

til gróđrar_), das dritte Mal gegen Sommer (_at sumri_); das war das

Siegesopfer.“ Die jüngere Olafssaga Helga Kap. 104 berichtet: „Das

ist ihre Sitte, ein Opfer zu haben im Herbste und da den Winter zu

begrüssen; ein andres Opfer haben sie mitten im Winter, das dritte

gegen Sommer, da begrüssen sie den Sommer.“ Von dem Halogaländer Sigurd

Thorisson berichtet dieselbe Saga im Kap. 112: „Er war so gewohnt, so

lange das Heidentum währte, drei Opfer jeden Winter zu haben, eines

bei Winters Anfang, das zweite um Mittwinter, das dritte gegen Sommer;

nachdem aber das Christentum allgemein üblich geworden war, behielt

er die alte Gewohnheit wegen der Gastmähler. Da hatte er im Herbst

ein Freundesmahl, im Winter ein Julgelage, wozu er wieder zahlreiche

Leute zu sich einlud; ein drittes Mahl hielt er auf Ostern, und da

hatte er wieder viele Leute. So hielt er es fort, so lange er lebte.“

Vom südnorwegischen Bauern Harekr wird erzählt: „Drei Hauptmahle hielt

er in jedem Jahre, eine Julgasterei und Mittwinters und zu Ostern.“

In der Gislasaga Surssonar I, 27 heisst es vom Isländer Thorgrim:

„Er gedachte zu Winters Anfang ein Herbstgelage zu haben, den Winter

zu begrüssen und dem Freyr zu opfern.“ Die Opferzeiten berühren

ebenso den Einzelnen wie die Allgemeinheit. War die Dingzeit einmal

anders gelegt, so wurde natürlich das Jahresopfer, sofern die alte

Festzeit bestehen blieb, auch von einzelnen Leuten gefeiert. Mit dem

Opfer verbanden sich Spiele, wo mehr Leute zusammenkamen. So erzählt

die Eyrbyggjasaga Kap. 43: „Das war die Sitte der Breidfirdinger im

Herbste, dass sie Ballspiele hielten um den Beginn des Winters unter

Oexl südlich von Knorr; da heisst es seitdem _leikskála vellir_ (Ebene

der Spielhütten), und die Leute kamen dahin aus der ganzen Umgegend;

da waren grosse Spielhütten errichtet; die Leute wohnten da und sassen

da einen halben Monat oder länger.“ Neben dem Julgelage werden auch

Julgeschenke (in der Egilssaga Kap. 70) und Spiele (Holmverjasaga Kap.

22) erwähnt. Beim Sommeropfer zu Uppsala nennt die Olafssaga Helga Kap.

75 einen Jahrmarkt. Das sommerliche Volksopfer in Norwegen bezeugt die

Egilssaga Kap. 49: „Das war im Frühjahr, dass zu Gaular ein grosses

Opfer sein sollte gegen Sommer. Dort war der ansehnlichste Haupttempel;

dahin kam eine gewaltige Menge aus Firdir und aus Fjalir und aus Sogn

und nahezu alle angesehenen Leute.“ So lange die ständigen, ungebotenen

Volksdinge und die Volksopfer zusammenfielen, war der Besuch des

grossen Jahresopfers für die Volksgenossen Pflicht, von der man sich

nur gegen Entrichtung einer Steuer loskaufen konnte. Denn so wird es

beim Ding auch später immer gehalten.

Nur eine einzige Quelle, die keinen Glauben verdient, die Hervararsaga

(Kap. 12), verlegt das Julfest in den Februar.[705] Dem Þorriopfer

begegnet ein Goiopfer. Goi entspricht dem Februar und fängt zwischen

dem 9./16. Februar unsres Kalenders an. Nun ist mit dem Goiopfer

offenbar das schwedische Hauptopfer zu Uppsala gemeint, das aber

deutlich als Sommeropfer sich ausweist und nach dem Scholiasten Adams

von Bremen erst später um die Zeit der Frühlingstag- und Nachtgleiche

gefeiert wurde. Diese Zeitbestimmung ist die ursprüngliche und

richtige. Es handelt sich um das germanische Opfer zu Sommers Anfang.

Dasselbe scheint nachmals weiter zurück verlegt worden zu sein, von

März oder April in den Februar. Über das Opfer berichtet die Olafssaga

helga Kap. 75: „In Schweden war das alte Landessitte, so lange das

Heidentum währte, dass ein Hauptopfer zu Uppsalir sein sollte im Goi

des Winters; da sollte man opfern um Jahr und Frieden und um Sieg

für seinen König, und dahin sollten die Leute kommen aus dem ganzen

Schwedenreiche, da sollte ein Ding aller Schweden sein; da war auch

Markt und eine Kaufversammlung, und der Markt währte eine Woche; nun

aber seit das Christentum allgemein angenommen war und die Könige

nicht mehr in Uppsalir sitzen mochten, da war der Markt verlegt und

auf Lichtmess gehalten worden und dabei ist es seitdem geblieben;

er währt nun nicht länger als drei Tage und da ist nun das Ding der

Schweden und dahin kommen sie aus dem ganzen Lande.“ Ein dem Mittwinter

entsprechendes Mittsommerfest gab es nicht. Nur irrtümlich spricht

die Olafssaga Tryggvasonar in der Heimskringla Kap. 72 von einem

_miđsumarsblót_ anstatt des _miđsvetrarblót_.[706] Die Johannistrünke

dürfen auch nicht hergezogen werden, noch weniger das sommerliche, im

Juni abgehaltene Allding der Isländer, das allein in der isländischen

Landesbeschaffenheit begründet ist. Die Gemeinde hatte wol Ursache,

zu Mittsommer zu opfern, aber das Volk trat schwerlich im Sommer zu

grossen ungebotenen Versammlungen zusammen. Somit bleiben nur die

Opferfeste zu Winters und Sommers Anfang, ferner das Julfest, drei

ständige germanische Opferzeiten.

* * * * *

Ständige grosse, das ganze Volk umfassende Opferfeste sind schon

frühzeitig bezeugt.[707] Im uralten Semnonenhain versammelten sich zu

bestimmter Frist Abordnungen aller suebischen Völkerschaften, um den

allwaltenden Tiuȥ mit Menschenopfern zu ehren. Die Jahreszeit dieses

Opferfestes ist nicht angegeben, auch nicht, ob es sich jährlich oder

erst nach einer Anzahl von Jahren wiederholte. Aber andere Zeugnisse

lassen deutlich die Hauptopferzeiten erkennen.

Germanicus benutzte zweimal die Zeiten germanischen Festesfriedens,

um unvermutet über die sorglosen Festgenossen herzufallen.[708] Es

waren wol ständige Feste, von denen die Römer Kunde hatten. Im Jahre

14 kam er über die Marsen, welche der Tanfana opferten. Es war im

Spätherbst nach der Ernte und gegen Winters Anfang, also das Fest

des neu anbrechenden Jahres. Im folgenden Jahre, gleich im Anfang

des Frühlings, als grade eine ungewöhnliche Dürre herrschte, machte

Germanicus einen ähnlichen Einfall ins Land der Chatten und zog auf

den Hauptort Mattium, das er verbrannte. Vermutlich wurde dort das

Frühlingsfest, das Sommeropfer begangen.

Widukind weiss von einem Feste der Sachsen am 1. Oktober. Drei Tage

lang währte die Feier, die auch dem Andenken der Toten galt.[709]

Widukind sucht allerdings in dieser bei Scheidungen an der Unstrut

abgehaltenen Feier ein Siegesfest der Sachsen über die Thüringer. Aber

man erkennt leicht, dass es um ein ständiges, auch in christlicher Form

fortlebendes Fest sich handelt, das keineswegs aus einem einzelnen

Ereigniss hervorging. Erwägt man die Zeit, so ist auf das germanische

Opfer zu Winters Anfang, zum heidnischen Neujahr zu schliessen. Dass

die Toten dabei bedacht wurden, ist auch sonst bei den germanischen

Opfern nachzuweisen. Sie galten nicht nur den Göttern, sondern

ebenso sehr den Seelen. Namentlich Winters-, d. h. Jahresanfang, im

christlichen Kalender Allerseelen und Neujahr, die Zwölften, kehren den

Seelenkult stark hervor. Dasselbe Fest wurde, von dem Berichterstatter

ähnlich missdeutet, am 28. September zu Augsburg gefeiert.[710] Die

Überlieferung nennt einen _dies deae Cisae_, worin Laistner einen

missverstandenen „_Cisatag_“, „_Sisatag_“ sieht. Neben ahd. _sisesang_,

Totenlied, _nenia_, wäre _*sisetag_ eigentlich ein _Kartag_, ein Tag

der Klagelieder. Das Fest zu Winters Anfang, zu Michaeli, war zugleich

eine allgemeine Totenfeier und trug davon sogar einen besondern

Namen. Die germanische Jahreswende scheint nicht bloss eine Zeit der

Lustbarkeit, sondern auch der Klage um die Verstorbenen gewesen zu sein.

Auch im Norden ging die Verehrung von Disen und Alfen neben der

Verehrung der Götter an den hohen Jahresfesten her. _Alfablót_,

Alfenopfer, fällt mit Jul zusammen; denn nach der grossen Olafssaga

helga Kap. 80 kam der Skald Sighvat spät im Winter zu einem Gehöft,

wo das _alfablót_ gefeiert wurde. In der Vigaglúmssaga Kap. 6 heisst

es: „Da war zu Winters Anfang ein Gastmahl bereitet und ein _dísablót_

gehalten und alle sollten diese Erinnerung feiern.“ Das schwedische

Opferfest führte den Namen _dísaþing_. Mithin gelten nach nordischem

und deutschem Brauch die grossen ständigen Jahresopfer den Göttern und

Geistern. Letzteren wurde wol besonders Winters Anfang und Mittwinter

geweiht, da der Aberglaube mit Vorliebe jene Zeiten den schwärmenden

Geisterscharen zuweist.

* * * * *

Von besonderer Art sind die Feste, welche nur selten, nach Ablauf

mehrerer Jahre und dann mit grosser Feierlichkeit vom ganzen Lande

begangen werden.

Thietmar von Merseburg[711] erzählt von den Dänen: „Es ist ein Ort in

jenen Gegenden, namens Lederun (Leire, Hleidra), die Hauptstadt jenes

Reiches im Gau Selon (Seeland), wo immer nach Verlauf von neun Jahren

im Monat Januar um die Zeit, wo wir die Erscheinung Christi feiern,

alle zusammen kamen und ihren Göttern 99 Menschen und ebenso viele

Pferde nebst Hunden und Hähnen, die man in Ermangelung der Habichte

darbrachte, opferten, indem sie für gewiss glaubten, dass diese ihnen

bei den Göttern der Unterwelt Dienste leisten und dieselben wegen ihrer

begangenen Missethaten mit ihnen aussöhnen würden.“

Adam von Bremen[712] schildert ein ähnliches schwedisches Landesopfer:

„Alle neun Jahre wird zu Uppsala ein allen Schweden gemeinsames

Opfer gefeiert. In Bezug auf dieses Fest findet keine Befreiung von

Leistungen statt. Die Könige und das Volk, alle schicken ihre Gaben

nach Uppsala, und diejenigen, die bereits das Christentum angenommen

haben, kaufen sich von jenen Ceremonien los. Das Opfer ist folgender

Art. Von jeder Gattung männlicher Geschöpfe werden neun dargebracht,

mit deren Blut es Brauch ist, die Götter zu sühnen. Die Körper aber

werden in dem Haine aufgehängt, der zunächst am Tempel liegt. Dieser

Hain ist nämlich den Heiden so heilig, dass jeder Baum durch den Tod

oder die Verwesung der Geopferten geheiligt erachtet wird. Dort hängen

auch Hunde und Rosse neben den Menschen und von solchen vermischt

durch einander hängenden Körpern habe er, erzählte mir ein Christ,

72 gesehen. Die Lieder, die bei der Vollziehung eines solchen Opfers

gesungen werden, sind vielerlei und unehrbar. Neun Tage werden Schmäuse

und dergleichen Opfer gefeiert. An jedem Tage opfern sie einen Menschen

nebst anderen Geschöpfen, so dass es in neun Tagen 72 Geschöpfe werden,

die man opfert. Dies Opfer findet statt um die Frühlings Tag- und

Nachtgleiche.“ Zum Beweise, wie streng die Nichtachtung des Opfers

geahndet wurde, erzählt das Scholion 136, wie der christliche König

Anunder deshalb aus seinem Reiche vertrieben wurde.

Handbuch der Germanischen Mythologie · 第 50 / 68 段