Festen, meist als Dankopfer üblich waren. Sie sind weit unschuldiger
als die grausamen wahnvollen Menschenopfer. Schon Tacitus weiss, dass
Tiuȥ und Donar mit geeigneten Tieropfern -- _concessis animalibus_ --
verehrt wurden. Essbare Tiere wurden zum Opfer gewählt; sie gelten als
Speise, welche dem Gotte geboten wird, und wurden beim Opferschmaus
auch unter den Teilnehmern am Opfer ausgeteilt. Das Volk beteiligte
sich unter dem Vorsitze der Könige und Häuptlinge an der Mahlzeit und
trat dadurch in Gemeinschaft mit dem heiligen Opfer. In den ältesten
Zeiten wurden vornehmlich Rosse geopfert. Pferdefleisch wurde von den
Germanen mit Vorliebe genossen; der Genuss von Pferdefleisch, weil
er eben namentlich mit der Opferhandlung verknüpft war, ist daher in
der christlichen Zeit als heidnischer Brauch strengstens verpönt.
Pferdefleisch soll König Hakon von Norwegen essen, als sein Volk ihn
zur Teilnahme am Opferdienst zwingen will; noch in den Tagen Olafs des
Heiligen wurden Pferde in Norwegen gegessen. Die Isländer behielten
sich das Rossfleischessen bei Annahme des Christentums ausdrücklich
vor. Die heidnischen Schweden wurden von König Olaf Tryggvason
verächtlich als Rossfresser bezeichnet. Beim dänischen Hauptopfer zu
Hleidra wurden Rosse geschlachtet. Die Alamannen übten nach Agathias
den Brauch, den Thüringern wurde zur Zeit des Bonifacius der Genuss
des Pferdefleisches untersagt. Das Fleisch assen die Opfergenossen,
das Haupt der Tiere gehörte dem Gotte und wurde an den Baumstämmen
des Opferhaines befestigt. Demnächst folgte das Rinderopfer, für
Alamannen, Thüringer, Angeln und Nordleute ausdrücklich bezeugt. Die
Schweden unter König Domaldi opferten dem Freyr Ochsen, der Isländer
Thorkell gab dem Freyr einen alten Ochsen, Oddr Sindri einen Stier.
Bei feierlichem Zweikampfe opferte der Sieger einen Stier. Des Opfers
goldgehörnter, also geschmückter Kühe gedenkt das Lied von Helgi dem
Hjorwardssohne. Überhaupt ist Aufputz der Opfertiere, vielleicht auch
Auswahl nach bestimmter Farbe wahrscheinlich. Freyr und Freyja erhalten
Eber; das Ferkel scheint bei den Deutschen beliebtes Opfertier
gewesen zu sein, wenigstens dient ahd. _friscing_ (Frischling) zur
Übersetzung von lat. _hostia_, _victima_, _holocaustum_. Auch Widder
und Böcke stehen unter den Opfertieren. Von einem Ziegenopfer der
Langobarden spricht Gregor der Grosse in den Dialogen 3, 28; die
Langobarden bringen dem Teufel, also einem ihrer Götter ein Ziegenhaupt
dar, indem sie zu des Gottes Ehren einen Reigen aufführen und Lieder
absingen -- _caput caprae, hoc ei per circuitum currentes carmine
nefando dedicantes_. Für „Opfertier“ besass die altdeutsche Sprache
ein besonderes Wort: ahd. _zebar_, ags. _tifer_, im Altfranzösischen
und Portugiesischen als germanisches Lehnwort _toivre_ Vieh, _zebro_,
_zebra_ Ochse, Kuh. Damit scheint im wesentlichen das opferbare,
essbare Vieh gemeint zu sein, während mhd. _unzifer_, nhd. _Ungeziefer_
die Gesamtheit der unreinen, zum Opfer nicht geeigneten Tiere
begreift. Die nordische Sprache verwendet dafür das Wort _tafn_,
urverwandt mit lat. _dapes_, Opfermahl. Wenn Hunde und Wölfe neben
Menschen an Bäumen hängen, so gehören diese Tiere darum doch nicht
zum „_zebar_“; ihr Fleisch wurde ja auch keineswegs für gewöhnlich
und gar beim Opferschmause verspeist. Sie bilden nur eine Zugabe zum
Menschenopfer und dienen vermutlich zur Verschärfung des Rituals der
Todesstrafe. Ein einziges Mal, beim dänischen Opfer zu Hleidra, das
Dietmar von Merseburg beschreibt, begegnen auch Hähne und Habichte,
doch wol nur infolge irrtümlicher Verwechslung von Opferbrauch und
Bestattungsbrauch. Endlich ist noch zu erwähnen, dass das Tieropfer,
wol besonders beim kleineren Privatopfer oder auch um einer grossen
Menge, die beim eigentlichen Opferschmause nicht unterkam, Beteiligung
zu gönnen, symbolisch gebracht worden zu sein scheint, in Form von
gebackenen Tierfiguren. Schon der _indiculus superstitionum_ 26 aus
dem 8. Jahrhundert nennt Bilder aus Backwerk, _simulacra de consparsa
farina_. Die Tierbilder unsrer Weihnachtsgebäcke sind jedem gegenwärtig.
Vom eigentlichen +Hergang beim Opfer+[689] enthalten nordische
Quellen einen zusammenhängenden Bericht, während sonst nur wenige
verstreute Bemerkungen vorliegen. In den Briefen des Bonifacius zum
Jahr 732 begegnet ein Priester des Donar, der Opferfleisch genoss --
_presbyter Jovi mactans et immolatitias carnes vescens_. Nach den
Dialogen Gregors des Grossen 3, 27 wurden 40 gefangene Christen von
den Langobarden genötigt, Opferfleisch zu essen. Also schlachteten
die Priester die Opfertiere und nahmen mit dem Volke am Schmause
teil. Des Opferkessels geschieht Meldung. Nach Strabo 7, 2 befanden
sich im cimbrischen Heere grauhaarige, weissgekleidete, mit ehernem
Gürtel umgürtete, barfüssige Priesterinnen. Diese führten die
gefangenen Feinde zu einem geräumigen ehernen Kessel. Auf einer Leiter
hinaufsteigend durchschnitt die Priesterin die Kehle des Opfers über
dem Kessel, dass das Blut, aus dem geweissagt wurde, hineinrann.
Der Kessel dient somit hier zur Aufnahme des Blutes. Anders bei den
Schwaben, deren Opferfest Columban störte. Er fand viel Volks, im
Begriff ein Wodansopfer zu begehen, um eine biergefüllte grosse Kufe
herum sitzen. Reigen und Gesang gehören zur Opferfeier. Die Langobarden
tanzen um das aufgehängte Ziegenhaupt. Opferlieder für die Götter
erklangen bei allen Opferfesten. Von einem germanischen Feste[690],
das mit einem Opfermahle und mit fröhlichem Gesänge verbunden war,
hören wir bei Gelegenheit der Schilderung des Feldzuges des Germanicus
im Jahre 14 nach Christus.[691] Im 10. Jahrhundert aufgezeichnet ist
ein aus dem 6. Jahrhundert stammendes schwer zu deutendes gotisches
Neujahrsspiel, das am byzantinischen Hofe aufgeführt zu werden pflegte.
Mit heidnischem Kulte hat es aber nicht zu schaffen. Im Volke übliche
Wettläufe sollen mit alten Opferbräuchen zusammen hängen. Spiel, Tanz,
Gesang, wenn sie sich beim Opfer einstellen, dienen nicht allein
weltlicher Belustigung, sie haben vielmehr sakrale Bedeutung und stehen
in Zusammenhang mit der Kulthandlung des Opfers.
Der nordische Opferbrauch verlief folgendermaassen. Die Opfer wurden
im Tempel vor den Götterbildern geschlachtet; ihr Blut sammelte
man in dem eigens hierzu bestimmten Blutkessel, man sprengte es
sodann mit Sprengwedeln über das versammelte Volk, und bestrich
damit die Götterbilder, Altäre oder Opfersteine und die Wände des
Tempels. Die geschlachteten Menschenleiber wurden hierauf wol an
den Bäumen aufgehängt oder in den Opfersumpf versenkt. Die Tiere
aber dienten zum Opferschmause, nachdem vielleicht die Häupter
ebenfalls den Göttern aufgehängt worden waren. Nun wurde das Fleisch
in Kesseln gekocht, gesotten. Nie wurde das Opferfleisch gebraten;
von diesem Sieden heissen daher in Schweden die Teilnehmer am Opfer
_sudnautar_, Sudgenossen. Vom Opferstein und Opferkessel sind nordische
Eigennamen wie Steinn, Vésteinn, Freysteinn, Þorsteinn und Ketill,
Asketill, Þorketill, verkürzt Askell, Þorkell, Freyskell, endlich
Bolli hergenommen. Die Kessel hingen über Feuern, die in der Halle
des Tempels zwischen den Bankreihen der beiden Langseiten am Boden
brannten. Man ass das also zubereitete Fleisch und Fett und trank die
Brühe. Ans Mahl schloss sich der Trunk. Man trank sich gegenseitig über
die Feuer hinweg zu. Dem Leiter des Opfers, der den Hochsitz einnahm,
lag es ob, die Opferspeise und den Opfertrank zu weihen und die
feierlichen Trinksprüche auszubringen. Darauf hub das Minnetrinken[692]
an, man trank Odins Becher um Sieg und Macht, Freys und Njords Becher
um gutes Jahr und Frieden. So geht das Opfer in ein heiteres Gelage
über. Häufig kam es vor, dass bei den feierlichen Opferfesten von
Leuten, die sich hervorthun wollten, förmliche Gelübde abgelegt
wurden, die auf die Vollbringung irgend eines gewagten Unternehmens
abzielten. Natürlich konnte ein Opfermahl nicht unmittelbar an die
Opferhandlung in dem Falle sich anschliessen, wenn das Opfer eine
beratende Versammlung, ein Ding einleitete. Bei Menschenopfern,
welche grosse Volksdinge eröffneten, fällt der Schmaus ohnehin weg.
Tieropfer, wenn sie Dingversammlungen vorausgingen, setzen freilich
auch die daran anschliessende Mahlzeit voraus. Denn ein Brandopfer,
wobei das Tier auf dem Holzstoss in Asche verwandelt wurde, scheint
nur bei der Totenfeier, nicht beim Götteropfer üblich gewesen zu sein.
Vielleicht folgte der Schmaus erst nach Schluss der Verhandlungen,
am Abend und in der Nacht des Dingtages. Beim Opfermahl mag allerlei
weltliche Lustbarkeit geübt worden sein, über welche jedoch nichts
weiter verlautet. Nur einmal, beim Uppsalaopfer berichtet Saxo etwas
derartiges. Der rauhe Kämpe Starkad verliess Schweden und begab sich
nach Dänemark, da er sich über Spiel und Tanz beim Opferfeste in
Uppsala ärgerte.[693] Was für Spiele damit gemeint sind, lässt sich
nicht feststellen. Dass einige der Volksspiele, die im Mittelalter
und noch heute vorkommen, aus Opferfesten der Heidenzeit stammen, so
namentlich der Schwerttanz, ist möglich und wahrscheinlich, aber im
Einzelnen kaum mehr sicher festzustellen.
5. Opfer bei Ackerbau und Viehzucht.[694]
Seit undenklicher Zeit lodern zu bestimmten Zeiten Feuer auf, die mit
allerlei Bräuchen verknüpft noch heute fortdauern. Zu Fastnacht, zu
Ostern, am 1. Mai, am Johannistag, an Michaeli werden in deutschen
Gauen solche Feuer angezündet. Eingehende Untersuchung aller mit den
von Hirten und Bauern entfachten Feuern zusammenhängenden Bräuche kam
zum Schluss, dass diese Feuer die letzten Überreste altgermanischer
Opfer seien. Vergleicht man alle Berichte, so ergibt sich nach und
nach ein umständliches Verfahren, das sich zwar nirgends im ganzen
Umfange, wol aber fast überall stückweise erhielt. Das Feuer ist der
Mittelpunkt einer ursprünglichen regelrechten Opferhandlung, die man
in ihren Grundzügen mit Hilfe der weitschichtigen Überlieferung wieder
herzustellen versuchte. Wir erkennen Gemeindeopfer, welche von Hirten
und Bauern als Bitt- und Dankopfer, unter Umständen auch zur Sühne und
Abwehr drohender Nöte dargebracht wurden. Ob diese Opfer schon in der
Heidenzeit an festen Tagen stattfanden, ist nicht sicher zu bestimmen.
Wenn auch nicht der Tag, so war aber doch die Zeit durch Ackerbau
und Viehzucht im allgemeinen, nach einzelnen Gauen klimatischer
Verhältnisse halber freilich etwas schwankend, vorgezeichnet. Die
Gemeinde trat zum Opfer zusammen beim Austrieb und Heimtrieb des
Viehes, also etwa im Mai und September, wenn eine plötzliche Seuche
einbrach oder drohte, was namentlich im Hochsommer der Fall war. Die
Bauerngemeinde opferte nach beendigter Aussaat bei Winters Schluss
oder um den 1. Mai, zur Sonnenwende gegen Gewitter- und Hagelschaden,
im Herbst nach der Ernte. Auch zu Mittwinter wurde um Fruchtbarkeit
des kommenden Jahres geopfert. So ergeben sich etwa vier jährliche
Hauptopfer, die ziemlich gleichmässig verliefen. Wir betrachten
zunächst ein +Hirten-+, dann ein +Bauernopfer+.
Wenn eine verheerende Viehseuche den Viehstand einer Gemeinde
schädigte, so wurde der erzürnten Gottheit ein Opfer dargebracht.
Das stattlichste Tier derjenigen Gattung, die am meisten von der
Krankheit zu leiden hatte, wurde ausgewählt, bekränzt, in feierlichem
Zuge zu einer heiligen Stätte geleitet und dort geopfert. Das Opfer
geschah entweder durch Eingraben des Tieres oder durch Köpfen. Die
Tierhäupter wurden am Dachfirst oder sonst irgendwo aufbewahrt und
dienten zur Abwehr der Seuche. Man gab freiwillig ein oder auch
mehrere Stücke der Herde, um den Rest von der Seuche zu verschonen.
Mit dem Tieropfer scheinen ursprünglich die _Notfeuer_[695] verbunden
gewesen zu sein, die ebenfalls zur Abwehr von Krankheiten entfacht
wurden. Alles Feuer im Dorfe wurde sorgsam ausgelöscht und früh vor
Sonnenaufgang oder auch erst nach Sonnenuntergang zog die Gemeinde auf
den für die heilige Handlung auserlesenen Platz. Unter feierlichem
Schweigen wurden hier von Jünglingen trockene Hölzer durch Reibung in
Brand gesetzt. Mit der auf diese Weise gewonnenen Flamme wurde dann
ein Holzstoss entzündet, zu dem jede Familie etwas beigesteuert haben
musste. Hierauf wurde die Herde durch die Flamme getrieben, zuerst
Schweine, dann Kühe, Pferde und Gänse. Auch die Menschen sprangen
hindurch und schwärzten sich dabei gegenseitig das Gesicht mit den
heilkräftigen Kohlen. Fruchtbäume, Wiesen und Felder wurden mit
brennenden Scheiten geräuchert. Zum Schluss nahm jede Familie etwas
Feuer und einen abgelöschten Brand mit sich. Ersteres diente dazu, das
erloschene Herdfeuer wieder anzuzünden; das verkohlte Scheit sicherte,
in die Krippe gelegt, das Gedeihen der Rinder. Die rückständige
Notfeuerasche ward als Mittel gegen Raupenfrass und Misswachs auf die
Felder gestreut oder auch dem Vieh unter dem Futter mit eingegeben.
Das Notfeuer wurde entzündet, wenn die Seuche eingetreten war; aber
auch vorbeugend brannte es. Zumal im Hochsommer, wenn die Gluthitze
die Luft mit Peststoff erfüllt, war Anlass zu Notfeuern, die zu einer
ständigen Sitte wurden. Im Brauche der Johannisfeuer leben solche
ständigen, jährlichen Notfeuer fort. Man hoffte dadurch Viehseuchen
fürs ganze Jahr bannen zu können. Beim Notfeuer begegnen Spuren
ursprünglich dargebrachter Opfer. Das Johannis-Notfeuer war mit einem
Mahle verbunden, auch Minnetrinken war dabei üblich, endlich Tanz und
Lustbarkeit. Verknüpft man, wozu Gründe vorhanden sind, das Viehopfer
und das Notfeuer mit einander, so ergibt sich das altgermanische
Opfer in den wesentlichsten Zügen. Ein bekränztes Opfertier wird zur
Opferstätte geleitet, dort geschlachtet, das Haupt wird aufbewahrt,
den Göttern geweiht, Haut und Knochen und Eingeweide werden in dem
umständlich und aussergewöhnlich entfachten Feuer, dem reinigende
Kraft eignet, zu Asche verbrannt. Das Fleisch der Opfertiere diente
zum Schmaus, der, in ein Gelage auslaufend, die Feier beschloss.
Die Volksbräuche haben bald diesen, bald jenen Zug aufbewahrt, die
sich aber alle zu einer uralten einheitlichen Handlung vereinigen.
Die Bräuche des Viehopfers und Notfeuers sind indogermanisch, sie
entstanden bei Hirtenvölkern gleichmässig. Sie mögen mithin im Grunde
älter sein, als der germanische Götterglaube und erhielten sich auch
länger als dieser, obzwar nur trümmerhaft. Im germanischen Heidentum
aber vollzog sich das Opfer nach den auch sonst üblichen Formen
und war wol an die zuständigen Hauptgötter der einzelnen Stämme,
also an Tiuȥ, Wodan und Donar gerichtet. Das Opfer war wol meist ein
Gemeindeopfer, nur bei besonders ausgebreiteter und verheerender
Seuche ein Volksopfer. Ursprünglich unständig und nur in Notfällen
dargebracht, verwandelte es sich bald auch in ein jährlich wiederholtes
sommerliches Opfer zur Erhaltung des Viehstandes.
Gegen Ende Februar, wenn die winterliche Macht dem neuen Frühling zu
weichen begann, feierten die heidnischen Germanen ein Opferfest. Man
wollte dadurch vor allem Gedeihen für die Wintersaat und überhaupt
Fruchtbarkeit für das Jahr erlangen; so galt es, die über Himmel, Erde
und Wetter waltenden Gottheiten durch Bittopfer gnädig zu stimmen,
durch Sühneopfer zu versöhnen. Rosse, Rinder, Schweine, Böcke, Gänse,
Hähne, Flachs und Speisen wurden Wodan, Frija und Donar gespendet. Zum
Opferfeuer und zum Opfermahl steuerten die Gemeindemitglieder bei.
Waren die Vorbereitungen getroffen, so zog die Gemeinde auf das mit
Wintersaat bestellte Kornfeld, auf die Wiese oder auf einen Hügel in
der Nähe des Dorfes und errichtete dort den Scheiterhaufen, auf den,
hoch oben in Gestalt einer Strohpuppe, der winterliche Dämon gesetzt
ward. Die Tiere wurden geschlachtet, das Feuer entzündet. Um das Feuer
ging ein jubelnder Reigen. Die Bursche schwärmten mit Fackeln, lärmend
mit Peitschen knallend, mit Schellen läutend und Lieder singend, auf
den Feldern umher, um die dem Wachstum gefährlichen bösen Geister aus
den Äckern zu vertreiben, aber auch um den neuen Lenz und das Korn
aufzuwecken. Zu demselben Zweck rollte man brennende Reisigbündel über
die grünende Saat oder trieb mit Stroh umflochtene und dann angezündete
Räder die Anhöhen hinab in die Felder. In Süddeutschland ist das
Schlagen brennender Holzscheiben üblich, deren Flug die Saat der
reinigenden Kraft des Feuers teilhaftig macht. Fackellauf, Radtreiben,
Scheibenschlagen[696] verbreiten das heilige Opferfeuer über das
Saatfeld. Flamme, Rauch und verkohlte Überreste enthielten zauberische
Heilkraft. Man stellte Weissagungen auf Ernteausfall und Witterung an.
Zum Schluss folgte ein feierliches Mahl, bei welchem ein jeder von
den verschiedenen Opfergaben bekam, um so auch für seine Person der
Segnungen teilhaftig zu werden. Durchs niedergebrannte Feuer sprangen
die Teilnehmer am Opfer. Die verkohlten Überreste wurden als Talismane
heim genommen.
* * * * *
Meistens bestand die Gemeinde weder ausschliesslich aus Bauern,
noch aus lauter Hirten; sie war aus beiden gemischt. Darum nimmt
die Opferfeier sowol auf Ackerbau als auch auf Viehzucht Rücksicht.
Da die Gemeindeopfer der Hirten und Bauern zeitlich nicht weit
auseinanderlagen, ergab sich um so leichter eine gemeinsame Feier,
deren wesentlichen Gang Jahn am Schlusse seines Buches übersichtlich
dargestellt hat. Wir wiederholen seine Schilderung (S. 326 ff.), die,
wenn auch nicht in den Einzelheiten, so doch in den Grundzügen der
Wirklichkeit entsprechen wird.
Naht der Juli mit seiner stechenden, tötlichen Hitze, seinen schweren,
Unheil bringenden Gewittern, rückt der Tag heran, an dem die Sonne
auf ihrer Himmelsbahn den Höhepunkt erreicht, dass sie fast senkrecht
auf die Erde herabscheint, so befinden sich Hirt und Bauer in
grösster Aufregung. Jener fürchtet, dass die verpestete Luft, in der
giftspeiende Drachen und Krebse herumfliegen und böse, allem Wachstum
feindliche Dämonen ihr Wesen treiben, seinem Viehstand verderbliche
Seuchen zuführt, dieser dagegen ist in Sorge, dass ein Hochgewitter
oder ein heftiger Hagelschauer die in der Blüte stehende und schon
reifende Frucht vernichten und dadurch mit einem Schlage seine ganzen
Erntehoffnungen zerstören werde. Darum rüsten beide gemeinsam ein
grosses Opferfest aus, um von den Gottheiten der Luft und des Himmels,
der Erde und des Wassers und des Wetters, von Wodan, Tiu, Frija, Donar,
gnädigen Schutz für ihr gefährdetes Eigentum zu erflehen.
Vor allen Dingen gilt es da, den Göttern angenehme Opfertiere
auszulesen: Rosse, Rinder, Schweine, Böcke, Gänse und Hühner, auch
Hunde und Katzen. Zu dem Zwecke wählt man entweder nach eignem
Gutdünken die schönsten und stärksten Stücke der Herde aus, oder man
lässt die Gottheit selbst entscheiden. Letzteres geschieht in der
Weise, dass man immer dasjenige Tier von einer jeglichen Gattung Vieh,
welches nach dem Willen der Gottheit als letztes die zur Feier des
Tages besonders abgesteckte Festweide betritt, mit Blumen bekränzt und
dadurch zum Opfer bestimmt.
Zugleich mit der Auswahl der Opfertiere geht ein kleines Opfer, an
dem sich nur Hirten beteiligen dürfen. Während die Herde auf dem Wege
zur Festweide ist, eilt der Gemeindehirt zu einem heiligen Baum oder
Strauch und schneidet davon mehrere Ruten ab. Diese werden sodann, mit
Feldblumen durchflochten, in Besen zusammengebunden und denjenigen
Tieren der einzelnen Herden, welche als erste auf der vorher noch von
keinem Geschöpf betretenen Hutung anlangen, an den Schweif gebunden,
damit auf diese Weise der heilige Mittsommertau recht frisch in den
Reiserbesen aufgefangen werde und letztere dadurch noch grössere
Zauberkraft erhalten.
Darauf nimmt der Oberhirt der Gemeinde einen der Zauberbesen in die
Hand und schlägt damit unter dem Hersagen eines Segensspruches jedes
Stück Vieh dreimal auf den Rücken, wodurch alle schädlichen Hexen
und Krankheit bringenden elbischen Geister aus dem Körper der Tiere
vertrieben werden. Ist dies geschehen, so werden die Kühe gemolken und
aus der gewonnenen Milch, in die man zuvor heilige Kräuter geworfen
hat, und aus Eiern ein Opfermahl hergerichtet. Alle Hirten müssen
daran teilnehmen, denn der Genuss der Opferspeisen ist von grossem
Einfluss auf das Gedeihen des Viehstandes, und darum lässt man auch
das Vieh nicht leer ausgehen, sondern gibt ihm die in der Opfermilch
befindlichen Blumen zu fressen. Am Schlusse des Mahles übergibt der
Oberhirt jedem Hofbesitzer einen der heiligen Besen, mit welchem dieser
die Ställe und Scheuern seines Gehöftes kehrt, um auch dieses von
schädlichen Krankheitsgeistern zu reinigen. Sodann wird der Besen als
schützender Talisman auf dem Misthaufen aufgepflanzt oder oben an dem
Hofthore befestigt.
Nach dem Vertreiben der Hexen und dem damit verbundenen Hirtenopfer
erscheinen sämtliche erwachsene Mitglieder der Gemeinde und putzen die
am Morgen ausgewählten Opfertiere auf das festlichste aus. Man bekränzt
sie mit Blumen, ziert sie mit bunten, farbigen Bändern und schmückt
die Hörner der Böcke und Rinder mit Flittergold. Sodann treten die
Ackerbauern zusammen und ziehen mit den Opfertieren in feierlichem
Zuge, ein Götterbild an der Spitze, zuerst durch die Ortschaft,
dann aber um die ganze Feldmark der Gemeinde herum. An deren vier
Ecken wird Halt gemacht und ein Gebet gesprochen, in welchem man von
Donar gnädigen Schutz der Saaten vor Wetterschlag und Hagelschauer
erfleht. Der Umzug endigt bei dem heiligen Quell des Dorfes, dem
festlich geschmückten Ortsbrunnen, worin die Göttin, welche der Erde
Fruchtbarkeit und Feuchtigkeit verleiht, wohnt und waltet. Ein jeder
von den Teilnehmern an der feierlichen Handlung tritt hier einzeln
an den Quell heran, wirft ein mit Blumen geschmücktes Gebäck als
Opfergabe hinein und thut dann von dem heiligen Wasser einen Trunk.
Nachdem er sich ferner aus dem Wasserstande heraus den glücklichen oder
unglücklichen Ausfall der kommenden Ernte geweissagt hat, schöpft er
schliesslich noch für seinen Hausbedarf ein eigens dazu mitgebrachtes
Gefäss voll des heiligen Wassers, welches er dann späterhin in Fällen
der Not als kräftiges Mittel gegen allerhand Übel und Krankheiten,
gegen Hexen und böse Geister gebraucht.
Während Hirten und Ackerbauern sich mit dem Vertreiben der schädlichen
Dämonen aus der Herde und mit dem Bittgang um die Felder beschäftigt
haben, sind indes die Kinder im Orte von Haus zu Haus gezogen und
haben unter dem Absingen von Liedern, in denen auf den reichlichen
Geber alles Heil und Glück, auf den kargen Geizhals dagegen alles
Unglück dieser Welt herabgewünscht wird, Holz, Stroh und anderen
Brennstoff eingesammelt. Damit sind sie sodann auf den Dorfplatz oder
eine Anhöhe in der Nähe des Ortes geeilt und haben dort einen grossen
Scheiterhaufen errichtet. Hoch oben auf die Spitze desselben setzen
sie eine aus Stroh geflochtene Puppe, welche das persönlich gedachte
Unglück (die Hexe, den bösen Geist, den bösen Säemann, den Hagel)
darstellen soll.
Mittlerweile ist es Abend geworden. Die Bauern sind mit dem Bittgang
und der Quellenverehrung fertig, und die ganze Gemeinde versammelt
sich nun mit den Opfertieren bei dem Scheiterhaufen. Es beginnt nun
der wichtigste Teil des ganzen Festes. Ein Paar keuscher Jünglinge ist
bemüht, in der uralten Weise durch Aneinanderreihen zweier trockener
Hölzer die heilige Opferflamme zu gewinnen. Andere beschäftigen sich
damit, dem altherkömmlichen Brauche gemäss, die Opfertiere durch
Hauptabschneiden zu töten. Die abgeschnittenen Köpfe werden sodann
nebst den Rümpfen der lediglich zum Sühnopfer bestimmten Hunde und
Katzen, sowie der Haut, dem Knochengerüst, den Eingeweiden und
Genitalien der Rosse, Rinder, Schweine, Böcke, Gänse und Hühner auf
den Holzstoss gelegt, jedoch nicht eher, als bis sich jeder von den
Teilnehmern am Opfer etwas davon angeeignet hat, sei es nun ein Knochen
oder ein Stückchen Haut oder ein wenig geronnenes Blut. Solchen
Opferresten wohnen nämlich grosse Zauberkräfte inne. Gibt man z. B.
von dem Opferblut einem Kranken ein, so weicht sofort die Sucht von
ihm; gräbt man einen Opferknochen in das Saatfeld, so bleiben Unwetter
und Hagelschauer der Frucht fern u. s. w.
Nachdem die Tiere geschlachtet sind, ist endlich auch die mühselige
Arbeit des Feuergewinns mit Erfolg gekrönt worden. Die durch die
Reibung erhitzten Hölzer haben Feuer gefangen. Schnell wird dasselbe
angefacht und dann damit der Scheiterhaufen angesteckt, welcher, kaum
entzündet, auch schon nur eine einzige grosse Flamme bildet. Alles
jauchzt und jubelt und tanzt unter dem Singen alter, feierlicher Weisen
um den brennenden Holzstoss herum. Aufmerksam blickt auch ein jeder
nach der Farbe und dem Zug des Rauches und dem Aussehen des gestirnten
Himmels; denn daraus lässt sich gar manches weissagen über die
Aussichten bei der nächsten Ernte, über die kommende Witterung, über
die Gegend, wo man im nächsten Jahre am besten aussäen kann, ja selbst
über Liebe, Ehe und Tod.
Die jungen Burschen reissen darauf aus dem Scheiterhaufen brennende
Scheite heraus, zünden an seiner Glut Reiserwellen, lange Kienfackeln
und mit Stroh umflochtene Räder an und laufen dann damit, schreiend
und lärmend, mit Peitschen knallend und mit Schellen läutend, über die
Felder hin, um dadurch die dem Wachstum feindlichen Dämonen aus den
Saaten zu vertreiben. Die älteren Leute und die Frauen dagegen sieden
in den herbeigebrachten Opferkesseln das Opferfleisch, bereiten die
Opferkuchen und die anderen Opferspeisen zu und brauen Bier und Met
für den heiligen Minnetrank. Aber ehe es zum fröhlichen Opferschmaus
geht, muss noch eine wichtige Handlung vorgenommen werden: das Springen
der Menschen durch das Opferfeuer und das Treiben der Herden über die
dampfenden und im Erlöschen begriffenen Kohlen. Denn der Rauch des
Opferfeuers übt nicht allein auf den Acker dämonenvertreibende Macht
aus, sondern er befreit auch den menschlichen und tierischen Körper von
den ihm innewohnenden elbischen Geistern und bewahrt ihn dadurch vor
tötlichen Krankheiten und Seuchen.