ist allerdings religiös, ahmt jedoch die christliche Taufe nach.[677]
Die Eingehung der Ehe war mit religiösen Bräuchen verknüpft. Adam
von Bremen weiss, dass dem Freyr bei Hochzeiten geopfert wurde,
das Lied von Thrym zeigt, dass der Hammer Thors, der auch sonst zu
mancherlei Weihen diente, dabei gebraucht wurde. Ein feierliches Mahl
und Trinken, wobei die üblichen Sprüche und Gelübde nicht fehlten,
schloss sich an. Auf der Nordendorfer Gewandspange werden Wodan
und Donar zu einer Weihhandlung angerufen, die jedenfalls auch nur
das Privatleben betrifft. Die Besitznahme von Land verlangt nach
isländischem Rechtsbrauch Weihe durch Feuer, die Erstreckung der
Grenzen wurde in Norwegen durch Hammerwurf festgestellt. Wer die
Wohnung wechselte, begann den Umzug mit segnenden Weihesprüchen.
Bei Eingehung der Blutbrüderschaft rief man die Götter zu Zeugen
der übernommenen Verpflichtungen an. Unter Androhung des Zornes der
Götter verbietet man dem Gegner die Benützung des strittigen Gutes vor
rechtlichem Austrag der Sache. Wer eine Vorschrift der Rechtsordnung
versäumte, dem zürnten die Götter. Die Brüder Helgi und Grim hatten
einen verübten Totschlag nicht den Gesetzen gemäss angezeigt; dafür
sandten die Götter einen schweren Sturm über sie. Wo immer der Mensch
höherer Hilfe und höheren Rates zu bedürfen meinte, da wandte er
sich vertrauensvoll mit Opfer und Gebet an die Götter, und wenn der
Staat das einemal um gutes Jahr und Frieden, ein andermal um Sieg zu
opfern pflegte, so betete und opferte auch der Einzelne um Rache an
einem Gegner, um Heilung einer Wunde, um Holz zu einem Hausbau, um
Anrichtung oder Abwendung von Schaden, um Speise während drückender
Hungersnot, um Aufklärung über die Zukunft, um Rat über das unter
schwierigen Umständen einzuhaltende Verfahren. Die Norweger, die nach
Island übersiedelten, traten selten ohne Rat und Beistand Thors die
Reise an. Darum sind auch Thorsköpfe auf dem Hochsitzpfeiler des Hauses
geschnitzt, darum trägt man kleine Hämmer als Schmuckgegenstände und
Götterbilder bei sich. Das Einzelopfer, das der Hausvater für sein
Ingesinde darbringt, richtet sich als Bitt- und Dankopfer zumal in
der bäuerlichen Wirtschaft hauptsächlich an seelische und elbische
Wesen. Der älteste Gottesdienst ist der, den die Hausgenossenschaft den
Ahnengeistern darbringt. Bei der Entfaltung des Glaubens an Götter,
denen die Geschicke des Volkes anvertraut sind, schränkt sich Seelen-
und Elbenkult namentlich auf Haus und Gemeinde ein. Mithin ist das
Einzelopfer ein wichtiger Bestandteil der Religionsübung, welche dem
Privatleben zufällt. Aber es ist nicht ausgeschlossen, dass auch der
Einzelne den grossen und mächtigen Göttern seines Volkes eine eifrige
Pflege widmet. Manche schliessen mit ihren Lieblingsgöttern einen
schier menschlich gedachten Bund, ein Verhältniss gegenseitiger treuer
Freundschaft und Zuneigung, das auf der einen Seite die Pflicht zu
Dienst und Gehorsam, auf der andern die Pflicht zu Schutz und Schirm
hervorkehrt, etwa wie es zwischen einem König oder Häuptling und seinem
bevorzugten Gefolgsmann besteht. So war Thorolf aus Mostr in Norwegen
ein besonderer Freund Thors; seinen Sohn Steinn schenkte er dem Thor
und nannte ihn daher Thorstein. Dieser verfährt nachher ebenso, macht
seinen Sohn zum Tempelpriester und heisst ihn Thorgrim. Der Grönländer
Thorhall betrachtet den rotbärtigen Thor als seinen verlässigsten
Freund. Dem Hrafnkell ist Freyr befreundet; Hrafnkell gab dem Gotte
die Hälfte seiner Habe zu Eigen. Thorkell hat den Freyr zum Freunde
und so auch die beiden Freysgoden, Thorgrim und Thord. Man wundert
sich bloss, dass sie nicht auch den Namen ihres Gottes führen, sondern
wie die Thorsdiener heissen. Sigurd der Wurmtöter ist _Freys vinr_,
Freys Freund. Prachtvoll führt die Sagendichtung bei Odin, der den
jugendlichen Heldengeist weckt, leitet und endlich zu sich nimmt, solch
persönliche Neigung und Schirmherrschaft zwischen Gott und Helden uns
vor. Aber eine solche Freundschaft kann auch schnell zerrissen werden,
wenn die Götter einmal ihren Schützling im Stich lassen. So gelangt
der trotz seines eifrigen Opferdienstes von seinen Feinden besiegte
Hrafnkell zur Verleugnung jeglichen Götterglaubens. Dem Grimkell,
einem eifrigen Opferer, weissagt die Thorgerd Hölgabrud seinen Tod;
aus Zorn darüber legt er Feuer an ihren Tempel. Übrigens plündern und
brennen auch gläubige Heiden die Göttertempel ihrer Feinde, worauf
sie allerdings auch der Acht anheimfallen. Das Verhältniss einzelner
Leute zu Haus- und Folgegeistern, zu Kobolden und Fylgjen ist beim
Geisterglauben geschildert.
Beim Tode des Menschen greift der Glaube wiederum mit allerlei Bräuchen
und Vorstellungen ein. In der Göttersage weiht Thor Baldrs Holzstoss
mit seinem Hammer; die Runensteine, die Denkmäler wurden öfters dem
Schutze des starken Gottes empfohlen: Möge Thor diese Runen weihen! Man
wies den Verstorbenen förmlich und feierlich nach Walhall. Der Glaube,
dass der Tote eine weite Fahrt ins Jenseits zurückzulegen habe,
veranlasste die in alten Quellen häufig erwähnten, in den Gräbern auch
wirklich entdeckten mannigfachen Zugaben. Dem Toten folgten Pferde,
Wagen, Schiff, damit er so die Reise mache, oder wenigstens wurden ihm
Schuhe beigelegt, um die weiten dornichten und steinichten Wegstrecken
durchwandern zu können. Streng wurde die Besorgung und richtige
Bestattung der Leiche beachtet. Die Vorstellungen vom Schicksal
nach dem Tode waren auch unter der Dauer des Walhallglaubens sehr
verschiedenartig. Man dachte, die Seele des Abgeschiedenen gehe zu den
mannigfachen Klassen von Geistern, zu den Göttern oder zum allgemeinen
Totenreich, zur Hölle. Wie bereits in den betreffenden Abschnitten
aufgezeigt ward, war kein fester, einheitlicher Glaube vorhanden. Odin
ladet vornehme, tüchtige, waffentote Helden gen Walhall. Aber dennoch
fährt mancher, der diese Bedingungen vollauf erfüllt, zur Hölle, und
mancher geht in Walhall ein, ohne auf dem Walfeld geblieben zu sein.
Thor nimmt sich die Bauern; die Weiber fahren zu Freyja, der aber
andererseits auch die Hälfte der Wal zugewiesen wird, die Jungfrauen zu
Gefjon. Allen steht ein herrliches, freudenreiches Leben bevor. Aber
auch die Riesen und Unholde aller Art, die Elbe und Zwerge holen sich
ihre Beute. Der Überrest der Menschheit, die ganze feige und thatenlose
Menge, die weder Gott noch Dämon mag und die ruhmlos auf dem Siechbett
dahinstirbt, bevölkert die Hölle. Zur Hölle gehen alle die Toten, die
nicht durch besondere Wahl von anderer Seite ihr entzogen werden.
Diesen Stand nehmen im allgemeinen die nordischen Überlieferungen
des 9./10. Jahrhunderts ein. Endlich war auch der Erbschaftsantritt
mit einem Opferfeste verbunden. Im selben Jahre, da der Erblasser
gestorben war, hielt der zur Erbschaft Berufene ein feierliches
Gastmahl; mancherlei Minne wurde da getrunken, endlich aber sollte beim
Hauptbecher der Erbe ein feierliches Gelübde thun und dadurch sich erst
das Recht erwerben auf den Sitz und den Nachlass des Verstorbenen.
Von dem Augenblicke an, da der Knabe, mit Wasser begossen, seinen Namen
beigelegt erhielt, bis zu dem andern, da über dem Leichname des Greises
die Flamme zusammenschlug oder der Grabhügel sich wölbte, geleitete
seine Religion den Nordmann treu durch das Leben, alle wichtigen
Ereignisse weihend, verschönernd und verklärend.
4. Gebet und Opfer.
Gebet und Opfer gehören fürs Heidentum unlöslich zusammen, eines ohne
das andere ist kaum denkbar. Das Gebet ist gleichsam die Begründung
des Opfers. Die Gabe, die einem höheren Wesen gespendet wird, soll
verpflichten oder sühnen, wozu und wofür, spricht das Gebet aus. Das
Gebet wird aber auch nicht ohne Not, ohne Spende oder wenigstens
Gelübde einer solchen gethan.
Beim heidnischen Gebet[678] pflegte man im allgemeinen ähnlicher
Gebärden, wie beim christlichen. Man neigte den Leib und warf sich
wol auch nieder, namentlich wo man das Gebet im Heiligtum vor den
Götterbildern verrichtete. Die Hände wurden vors Gesicht gehalten, als
wäre man geblendet vom Glanze der Gottheit, oder auch umgekehrt suchte
der Blick den Himmel. Das Haupt wurde beim Gottesdienst, bei Gebet
und Opfer gewöhnlich entblösst, wenigstens heissen gotische Priester
ausdrücklich _pileati_, mit Hüten versehen, da sie bedeckten Hauptes
opferten. Die Richtung des Betenden war gen Norden im Gegensatz zu den
Christen, welche gen Osten beteten. Bestimmte Gebetsformeln waren wol
vorhanden. Im Norden begegnet das Verbum _duga_, taugen, für gnädig
sein. Also scheint der göttliche Beistand etwa mit den Worten: „Ich
bitte die Götter, dass sie mir taugen (helfen)“, angefleht worden zu
sein.
Der echt germanische Ausdruck für opfern, das ja aus lateinischem
offerre entlehnt ist, lautet _blôtan_. Das Wort ist gotisch,
angelsächsisch, altnordisch (_blóta_) und althochdeutsch (_pluoȥan_)
bezeugt. Die ursprüngliche Bedeutung und Konstruktion ist aus dem
Gotischen und Nordischen ersichtlich: einen mit Opfer ehren. So heisst
im Gotischen _blôtan fraujan_, den Herrn mit Opfer ehren, entsprechend
im Nordischen _blóta þór_. Das Opfer ist got. _blôstr_, ahd.
_pluostar_, oder an. _blót_, ahd. _ploaȥ_, also lauter durchgehende
gemeingermanische Wörter. Der heidnische Begriff verschwindet
frühzeitig im Deutschen, wol damit die daran geknüpften heidnischen
Erinnerungen vergessen werden, um dem Lehnwort, das die Kirchensprache
einführte, Platz zu machen. Im Nordischen begegnen neben _blót_,
_blóta_ auch die Wörter _fórn_ stf., _fórna_.
Weitere Bezeichnungen für „Opfer“ liegen vor in got. _hunsl_, ags.
_húsel_, an. _húsl_; wie die urverwandten Wörter lehren, liegt darin
der Begriff „heilig“, es ist das Sakrament, die heilige Handlung
darin angezeigt.[679] Ahd. _kelt_, as. _geld_, ags. _gield_ meint die
Spende, das Entgelt, das der Mensch den Göttern entrichtet. Lehrreich
ist das angelsächsische Wort _lác_ für Opfer. Der germanische Ausdruck
_laikaȥ_, Leich, steht für das aus der Vereinigung von Tanz und Lied
hervorgegangene Kunsterzeugniss.[680] Dass im Angelsächsischen die
Bedeutung „Gabe“ überwog und _lác_ geradewegs Opfer ist, erklärt
sich nur aus der uralten festen Zugehörigkeit des _laikaȥ_ zur
Opferhandlung, die von Spiel und Tanz und Lied begleitet war. Das
gotische _sauþs_ im Sinne von Opfer bedeutet Sud, das Gesottene,
und zielt auf das gesottene Fleisch des geschlachteten Opfertieres.
Altnordisch _sauđr_, Widder, meint wol eigentlich nur das zum Sud
auserlesene Opfertier.
Beim Opfer sind zwei Arten zu unterscheiden, ein +privates+ und ein
+öffentliches+. Ersteres gilt in der Regel den Geistern in Haus und
Hof, Feldern und Wäldern, Berg und Thal, Wind und Wasser, Licht und
Wärme, und den Seelen der Abgeschiedenen. Wo die Geister hausen, wird
geopfert ohne besondere Zurüstung und Feierlichkeit. Die Spenden sind
einfach, Speisen, Milch und Honig, Blumen und Früchte. Geopfert wird
um Gedeihen der Wirtschaft, um Gesundheit und Reichtum, zur Abwehr von
Schaden. Der Hausvater ist Priester und Opferer. Solche Opfer sind
einfacher und ärmlicher; die Geschichte gedenkt ihrer kaum, weil sie
alltägliche Vorkommnisse sind, nicht der Mühe der Erwähnung oder gar
eingehender Schilderung wert. Um so fester und länger haften sie in
der Volkssitte. Dass neben dem Geisterglauben auch der Götterglauben
für den privaten Gottesdienst in Betracht kommt, wurde schon gesagt.
Aber auch hier fehlen uns Nachrichten über feste Regeln, in denen die
Kulthandlungen verlaufen.
Ganz anders beim öffentlichen Opfer, das die Gemeinde oder die
Gesamtheit des Volkes, der König, Häuptling oder bestellte Priester
darbringt. Da herrscht grosse Feierlichkeit, blutige Tier- und
Menschenopfer fallen der Wichtigkeit der Sache gemäss, die ja
das Schicksal eines Gemeinwesens betrifft. Opferplätze, Tempel
sind gewöhnlich zur Vornahme der Handlung bestimmt. In der Regel
richtet sich das öffentliche Gemeinde- oder Staatsopfer an die
Volksgötter, doch unter Umständen mögen auch Geister das Staatsopfer
entgegennehmen. So etwa die Flussgeister des Po, denen nach Prokop 2,
25 die Franken, um ungeschädigte Überfahrt zu erhalten, die gefangenen
gotischen Frauen und Kinder opfern und in die Wogen werfen. Die
Wichtigkeit der Angelegenheit, besonders insofern sie viele, nicht
einen Einzelnen berührt, scheint den Ausschlag für die Grösse und
Feierlichkeit des Opfers zu geben. J. Grimm, Mythologie 37, stellt die
Grundzüge des Opferdienstes also dar: „Beweggründe der Opfer waren
überall, entweder den Göttern Dank für ihre Wolthaten abzustatten
oder ihren Zorn zu versöhnen, die Götter sollten gnädig erhalten oder
wieder gnädig gemacht werden, also zwei Hauptarten, dankende und
sühnende Opfer. Wenn das Mahl begangen, ein Wild erlegt, ein Erstling
vom Vieh geboren, Getreide geerntet wurde, gebührte dem verleihenden
Gott voraus ein Teil der Speise, des Tranks und des Ertrags; dagegen
sobald Hungersnot, Misswachs, Seuche über das Volk hereinbrach,
säumte es wiederum nicht, abwendende Gaben darzubringen. Solche
Sühnopfer haben ihrer Natur nach etwas Unständiges, während die dem
gnädigen Gott zu leistenden gern in regelmässig wiederkehrende Feste
übergehen. Eine dritte Art von Opfern ist, wodurch der Ausgang eines
Unternehmens erforscht, und die Hilfe des Gottes, dem es gebracht
wird, herbeigeführt werden soll. Doch war Weissagung auch ohne Opfer
thunlich. Ausserdem gab es besondere Opfer für einzelne Gelegenheiten,
z. B. bei Königswahlen, Geburten, Hochzeiten und Leichenbestattungen,
die meistens auch mit feierlichen Mahlzeiten verbunden wurden.“
+Menschenopfer+[681] sind also die wichtigsten und höchsten; für
Tiuȥ, Wodan, Donar, Odin, Thor, Freyr, Fosite, Thorgerd Hölgabrud
sind sie mehrfach bezeugt. Zu beachten ist das umständliche dabei
angewandte Ritual. Die Gottheit soll das blutige Opfer unter besondern
Förmlichkeiten erhalten. Vielleicht war auch für die Wahl der Todesart
das Loos entscheidend, das unter den Friesen bestimmte, ob die Götter
ein Opfer forderten oder nicht.[682] Nach Sidonius Apollinaris opferten
die Sachsen, ehe sie die Anker zur Heimfahrt lichteten, den zehnten
Mann der Gefangenen um gute Reise. Die dem Tode zu Weihenden wurden
ausgeloost: _super collectam turbam periturorum mortis iniquitatem
sortis aequitate dispergere_. Mit langen grausamen Qualen wurde das
Opfer den Göttern gegeben. Prokop 2, 15 erzählt von den Skandinaviern,
dass sie die zu Opfern verwendeten Menschen nicht mit dem Messer
schlachten, sondern aufhängen, in die Dornen werfen oder sonst qualvoll
töten. Starkad opfert den König Wikar dem Odin, indem er ihn an
einem Baume aufhängt und mit dem Speere durchbohrt. In Hleidra auf
Seeland und zu Uppsala hängen die Leiber der Geopferten an Bäumen.
Zu Uppsala war aber auch ein Opfersumpf, eine Quelle, worein die
Leute versenkt wurden. Bei den Friesen[683] wurden an den Festen der
Götter die Opfer durchs Schwert hingerichtet, an den Galgen gehängt
oder mit Stricken erdrosselt. Die im Bereich der Flut Ausgesetzten
ertränkte das hereinströmende Wasser. Wer Göttertempel schändete, wurde
nach friesischem Gesetz an den Meeresstrand geführt, an den Ohren
aufgeschlitzt, entmannt und den Göttern geopfert. Am Steine Thors wurde
den Opfern auf Island der Rücken gebrochen. Von Bergen und Felsklippen
wurden andre heruntergestürzt. Den König Olaf Trételgja verbrannten
die Schweden in seinem Hause und weihten ihn so dem Odin. Die grausame
nordische Sitte des Schneidens des Blutadlers, wobei der Sieger seinem
Gegner die Rippen längs des Rückgrates mit dem Schwerte abtrennte
und durch die so gebildete Öffnung die Lunge herausnahm, war eine
Kulthandlung. Aber auch ein Schlachten am Altar war üblich nach Tacitus
ann. 13, 57. Die Normannen opferten dem Thor vor ihren Zügen, wie Dudo
(vgl. oben S. 253) erzählt. Dem Opfer wurde das Haupt zerschmettert,
Gehirn und Herz blossgelegt und nach der Zukunft durchforscht. Die
Ragnarssaga (Fornaldarsögur 1, 264) gedenkt des _hlunnrođ_, der
Rollenrötung. Wenn ein Schiff vom Stapel gelassen wurde, lief es über
Rollen und den Leib eines Menschen, der mit seinem Blute den Kiel
rötete. Dieses Sühnopfer bezweckt wol, das Schiff gegen Gefahr zu
feien. Denselben Gedanken enthält der Sǫrla-þáttr Kap. 7, wenn Hedin
sein Drachenschiff über den Leib der Königin, der Gattin Hognis in
See gehen lässt. Die häufige Volkssage vom Einmauern eines lebendigen
Menschen oder Tieres in den Grundstein von Gebäuden und Brücken deutet
ebenso auf altes Sühnopfer zurück.[684] Waren Altäre oder Opfersteine
beim Menschenopfer zur Stelle, so wurden sie mit dem frischen Blute
bestrichen.
In der Regel wurden nur Kriegsgefangene, erkaufte Sklaven[685] und
Verbrecher geopfert. Bei der Einführung des Christentums auf Island, am
Allding des Jahres 1000, gelobten die Heiden ihren Götzen zwei Menschen
aus jedem Landesviertel. Dem gegenüber beschlossen die Christen,
ebenso viele treffliche und tüchtige Männer dem Dienste des Herrn zu
weihen. Geringschätzig weisen sie darauf hin, dass die Heiden nur die
schlechtesten Leute auswählen, um sie ihren Göttern zu geben und sie
mit einem grausamen Tode zu opfern. So erzählt die Kristnisaga. Aber
es gab Ausnahmen. In äusserster Not, wenn die Götter unversöhnlich
zürnten, opferte das Volk zur Abwendung des Grimmes seine Häuptlinge
und Könige. Vor dem grossen heidnischen Winteropfer zu Märi in Norwegen
lud der König Olaf Tryggvason die angesehensten Häuptlinge der Gegend
zu einem Gastmahle ein; er erklärte ihnen bei dieser Gelegenheit, dass
er, wenn er zum Heidentume zurückzukehren genötigt werden sollte, zur
Versöhnung der heidnischen Götter, die er so schwer beleidigt habe, ein
grosses Menschenopfer für nötig halte, und zwar werde er dabei nicht,
wie sonst, Sklaven oder Verbrecher, sondern die vornehmsten Häuptlinge
des Landes opfern, unter denen er sechs eben Anwesende nannte; seien
sie damit nicht einverstanden, so müssten sie eben zu seinem, dem
christlichen Glauben übertreten. Diese Drohung wirkt, die Häuptlinge
ziehen die Bekehrung vor.[686]
In den Tagen König Domaldis entstand in Schweden eine grosse Hungersnot
und Elend. Da hielten die Schweden Opfer zu Uppsala; den ersten Herbst
opferten sie Ochsen und der Jahrgang wurde dadurch nicht besser. Und
den andern Herbst begannen sie ein Menschenopfer; aber der Jahrgang
war derselbe oder noch schlechter. Und den dritten Herbst kamen die
Schweden in grosser Zahl nach Uppsala, als da Opfer sein sollte;
da hielten die Häuptlinge Rat, und sie kamen darin überein, dass
das Missjahr von ihrem Könige Domaldi herkommen werde, und zugleich
darüber, dass sie ihn opfern sollten um gutes Jahr für sich, und ihn
angreifen und ihn töten, und mit seinem Blute die Altäre bestreichen,
und so thaten sie. Nachmals unter Olaf trételgja wiederholt sich
derselbe Vorgang. Da entstand ein grosses Missjahr und Hunger; das
gaben sie ihrem Könige schuld, sowie die Schweden gewohnt sind, ihrem
Könige sowol das gute als das Missjahr schuld zu geben. König Olaf war
ein geringer Opferer; das gefiel den Schweden übel, und sie meinten,
daher komme das Missjahr. Da zogen die Schweden ein Heer zusammen,
machten einen Angriff auf König Olaf und umringten sein Haus und
verbrannten ihn darin und schenkten ihn dem Odin und opferten ihn um
ein gutes Jahr. Diese von der Ynglingasaga Kap. 18 und 47 überlieferten
Erzählungen sind freilich sagenhaft, jedoch der Grundgedanke, den
sie behandeln, gehört der Wirklichkeit an. Wenn der Zorn der Götter
in besonders hohem Maasse erregt ist, nehmen sie nicht mit den
gewöhnlichen Opfern vorlieb. Da muss der König und Häuptling selber als
Sühneopfer sterben, um dem Volk die verwirkte Gnade der Himmlischen
wieder zu gewinnen. Denselben Gedanken des Sühneopfers, wenn auch
abgeschwächt, zeigt die geschichtliche Thatsache, dass die Burgunder
bei einem Unglück im Kriege oder bei Misswachs ihren König zwingen,
sein Amt niederzulegen.[687] Noch eine lehrreiche Sage bietet sich dar.
König Wikar wollte mit seinen Leuten von Agdir nach Hordaland segeln;
da traf es sich, dass sie vor starkem Gegenwind lange bei einigen
kleinen Inseln liegen bleiben mussten. Sie fragten darum die Götter,
was sie thun sollten, um günstigen Wind zu erhalten. Die Antwort war,
dass man als Opfer für Odin einen Mann des Heeres, der durchs Loos
auszuwählen sei, aufhängen sollte. Das Loos traf den König Wikar
selbst, Am andern Tag bringt Starkad den König förmlich und feierlich
zum Opfer, indem er ihn an einem Baumzweig aufhängt und mit dem Speer
durchsticht, wobei er sprach: Nun gebe ich dich dem Odin. Hier also
wählt sich Odin selber durchs Loos den Häuptling der Schar.