Gewaltthat, Krieg, Wortbruch führen eine neue schwere Zeit herauf, die

bis zum Ende von rastlosem Kampfe erfüllt bleibt. Nachdem einmal der

Gedanke an einen Untergang der Welt sich befestigt hatte, gewannen alle

Handlungen der Götter eine tiefere und weitere Bedeutung. Namentlich

Thors Kämpfe mit den Unholden müssen in ein ganz neues Licht rücken.

An den Grenzen der Welt lauern die Riesen, um hereinbrechend das alte

Chaos wieder an Stelle der Weltordnung zu setzen. Die Götter haben

die Aufgabe, den Bestand der Schöpfung zu sichern. Sorgenvoll sieht

Odin die drohenden Anzeichen des nahenden Verderbens sich mehren,

aber ernst gefasst schreitet er dem Verhängniss entgegen, heldenhaft

reitet er endlich zum letzten Kampfe. Heimdalls Horn wird am Weltbaum

verborgen, bis sein gellender Klang zum letzten Kampfe ruft. Aus Mimirs

Quell schöpft Odin gegen Verpfändung seines einen Auges Weisheit.

Krieg verbreitet sich unter den Menschen, weithin über die Erde reiten

die Walküren. Unheilverkündende Träume erschrecken die Asen, von der

Seherin, die er aus dem Todesschlafe aufsingt, holt Odin die düstre

Kunde vom Falle Baldrs. Der lichte Gott ist tot, aber in Wali ersteht

ihm ein Rächer, der Anstifter des Unheils, Loki, wird in Fesseln

geschlagen. Ostwärts im Eisenwalde (im Urwalde) bringt ein altes

Riesenweib Fenrirs Brut zur Welt, aus welcher der unholdsgestaltige

Erraffer der Sonne hervorgeht. Der nährt sich vom Fleisch Gefallener

und rötet mit rotem Blute den Sitz der Götter, der Sonnenschein

verdüstert sich, in den Sommern darauf kommt wüstes Wetter. Nachdem

das Untier gross geworden, greift es also die Sonne an und verwandelt

ihren hellen Schein in blutrote Farbe, wie bei der Verfinsterung zu

sehen ist. Die Gylfaginning berichtet von einem schrecklichen Winter,

dem Fimbulwinter, der dem Weltende vorangeht. Dann tritt Schneegestöber

aus allen Himmelsrichtungen ein, es gibt scharfen Frost und Stürme,

und von der Sonne hat man keinen Nutzen. Es kommen drei Winter hinter

einander und kein Sommer dazwischen; vorher aber gehen schon drei andre

Winter, in denen in der ganzen Welt Krieg sich erhebt. Auf diese dem

Weltuntergang vorausgehenden Naturereignisse beziehen sich die Worte

des Hyndlaliedes 44:

Es steigt das Meer im Sturme zum Himmel,

Die Länder verschlingt es, die Luft wird eisig;

Schneemassen bringt der schneidende Wind,

Doch den Regen hemmt der Rat des Schicksals.

Zugleich mit der Verschlechterung des Wetters und im Gefolge der

überhandnehmenden Kriege tritt ein arger Verfall der Sitten ein.

Vǫl. 45. Es befehden sich Brüder und fällen einander,

Die Banden des Bluts brechen Schwestersöhne,

Arg ist’s in der Welt, viel Unzucht gibt es --

Beilzeit, Schwertzeit, es bersten die Schilde,

Windzeit, Wolfzeit, ehe die Welt versinkt --

Nicht einer der Menschen wird den andern schonen.

An Riesenheims Mark auf einem Bühle sitzt der frohe Eggther, der

schwertbewehrte Held, die Harfe schlagend. Ihm zu Häupten, im

Vogelwalde, schreit der rote Hahn, Fjalar geheissen. Bei den Asen kräht

Gullinkambi, der goldkämmige Hahn und weckt die Helden in Heervaters

Halle. In der Erde Tiefen, in der Hölle kräht ein russbrauner Hahn.

So dämmert der Schlachttag heran; beim Erkrähen der Hähne, am frühen

Morgen erwachen die Götter und die zum letzten Kampf in Walhall

versammelten Einherjer, aber auch ihre Feinde, die Riesen und die Leute

der Hölle. Mims Söhne fangen an zu spielen, die Gewässer geraten in

unruhige Bewegung; Odin raunt noch mit Mims Haupte. Da ertönt Heimdalls

gellendes Horn und verkündigt das Ende. Yggdrasil erbebt, der alte

Baum rauscht. Der gefesselte Teufel, Loki und Fenrir, wird frei; alle

erschauern auf den Höllenpfaden, ehe er dahin läuft. Wie stehts bei den

Asen, wie stehts bei den Alben? Ganz Riesenheim tobt. Im Rat versammelt

sind die Asen. Die Zwerge, der Felswände Bewohner, stöhnen vor den

steinernen Thüren. So ist am Tage der Entscheidung die gesamte von den

schrecklichen Vorzeichen erregte Welt in Aufruhr und Verwirrung.

Jetzt brechen die höllischen Mächte los. Garm, der Höllenhund, bellt

wütend. Fenrir bricht die Bande und rennt dahin. Von Osten her fährt

Hrym, den Schild im Arme. Im Riesenzorn wälzt sich die Weltschlange

durch die Wogen. Der Adler krächzt, Leichen zerreissend. Naglfar[660],

das Schiff, in dem die Riesen heranfahren, wird flott. Von Norden her

segelt ein Schiff mit den Leuten der Hölle; Loki ist Steuermann. Dem

Wolfe folgt ein wildes Heer. Von Süden her kommt Surt mit Feuer und

Schwert. Steinberge stürzen, Riesinnen straucheln, die Menschen fahren

zur Hölle, der Himmel birst. Diese Schilderung zeigt, wie Riesen und

Teufel, die entfesselten Elemente, Wasser und Feuer, von allen Seiten

her über Midgard hereinbrechen und die Menschen dahin raffen. Das Meer

steigt im Wogenschwall empor und speit die Riesenschlange aus, die

Hölle entsendet den Teufel in doppelter Gestalt, Loki und Fenrir, die

Feuerhölle den Surt. Riesen und Teufel sind die geschworenen Feinde

der Götter, wie die fortgesetzten Kämpfe zwischen ihnen bezeugen. Am

jüngsten Tage rücken sie mit voller Macht heran, um den entscheidenden

Schlag zu führen.

Auf einem weiten Gefilde, Wigrid oder Oskopnir, das tausend Meilen im

Geviert misst, treffen die seligen Götter und ihre Gegner zusammen.

Nach altgermanischem Brauche wurde auch die Stätte des Völkerkampfes

vorher bestimmt. Nach dem Grimnirliede hat Walhall 540 Thore; 800

Einherjer gehen aus einem jeden Thore hervor, um mit dem Wolfe zu

kämpfen. Man vermisst die Walküren und Raben, die sonst des Gottes

feierlichen Aufzug begleiten. Walvater Odin unterm Goldhelm, den

Speer in der Faust, reitet dem Wolfe Fenrir entgegen. Er erliegt dem

Untier. Da schreitet Widar hervor, der tritt dem Wolfe in den Rachen

und stösst ihm die Klinge ins Herz; so rächt er den Vater. Freyr

kämpft mit Surt und fällt, da er sein treffliches Schwert entbehrt.

Thor erschlägt die Midgardschlange, aber nur neun Schritte noch weicht

er vor dem Gifte des Untiers zurück und fällt dann tot zu Boden. Die

Gylfaginning berichtet noch von zwei weiteren Kämpferpaaren, die sich

gegenseitig töten, Tyr und der Höllenhund Garm, Heimdall und Loki

streiten mit einander. Die alte Feindschaft, die zwischen Tyr und Garm,

Heimdall und Loki besteht, kommt damit zum Austrag. Von der Beteiligung

der Einherjer am letzten Kampf wird nichts erzählt, obwol nach dem

Eiriksliede die tapferen Könige im Hinblick auf die letzte Schlacht zu

Odin versammelt werden, nach der Vǫl. 43 die Helden in Heervaters Saal

beim Hahnkraht erwachen und nach dem Grimnirlied, aus Walhalls Thoren

zum Kampfe ausziehen.

Die Götter sind gefallen, da erhebt sich _Muspell_, Surt schleudert

Feuer über die Erde und verbrennt die ganze Welt. Die Sonne wird

schwarz, die Erde sinkt ins Meer, vom Himmel schwinden die hellen

Sterne. Dampf und Feuer sprühen auf, heisse Lohe bedeckt den Himmel.

Aufsteigt zum andern Male eine frisch ergrünende Erde aus dem Meere.

Über schäumendem Wasserfall fliegt der Adler, der an der Felswand nach

Fischen jagt. Auf Idafeld finden sich die Asen zusammen und sprechen

über die gewaltigen Ereignisse, die geschahen. Dort werden sich auch im

Grase die wundersamen goldenen Täflein finden, die einst in Urzeiten

die Asen besessen haben. Auf unbesätem Acker wachsen Ähren, alles Böse

wird gut, Baldr erscheint. Baldr und Hod bewohnen Odins Siegeshalle,

das Heiligtum der Walgötter. Hönir wählt sich den Looszweig, erforscht

durch Looswurf die Zukunft; im weiten Himmel wohnen die Söhne der

Brüder Odins. Widar und Wali walten im Götterheiligtum, wenn Surts Lohe

verlischt; Modi und Magni werden den Mjolnir besitzen, nachdem Thors

Kampf beendigt ist. Die Hauptgötter der alten Welt, Odin, Thor, Freyr,

Tyr, Heimdall, kehren also nicht mehr wieder, ein jüngeres Geschlecht

löst sie ab. Nur Baldr der Gute und Hönir erscheinen auch in der neuen

Welt, sonst werden allein die Söhne der Brüder Odins, die Rächer Widar

und Wali, und die Söhne Thors genannt. Eine neue Sonne leuchtet;

ehe der Wolf sie verschlang, gebar die alte Sonne eine Tochter,

welche die Wege der Mutter befährt, wenn die Götter dahin sind. Ein

neues Menschengeschlecht wird gross. Lif und Lifthrasir, Leben und

Lebenskraft, hatten sich im Stamme des Weltbaumes verborgen und vom

Morgentau genährt. Und davon leben die Leute dann. Im goldgedeckten

Gimle werden die Guten und Tüchtigen wohnen, wenn der allgewaltige,

hehre Herrscher, dessen Name nicht genannt wird, von oben her zum

jüngsten Gericht kommt. Von unten her, vom nächtigen Fels, kommt

der arge Drache geflogen, Nidhogg, der in der Hölle die Leiber der

Bösewichter frass und an der Wurzel der Weltesche nagte.[661] Überm

Felde schwebend trägt der auf seinen Fittichen die Leichen. Doch nun

muss er versinken.

So verlaufen _ragna rök_[662], die Schicksale der Götter in deutlich

gegliederter Reihenfolge. Die Vorzeichen des nahenden Endes äussern

sich in Naturerscheinungen und in der Auflösung der sittlichen Ordnung

unter den Menschen. Dann bricht der Kampftag an, der den Fall der

Götter heranführt. Die Welt endigt im Feuer, aber sie ersteht wieder

in neuer, verklärter Gestalt. Jetzt naht der grosse ungenannte Gott

zum Weltgericht, die Guten wohnen in ewiger Wonne bei ihm, mit den

Leibern der Bösen versinkt der Höllendrache. Die Übereinstimmung

mit den christlichen Vorstellungen von den Vorzeichen des jüngsten

Tages, vom Weltbrand, von der Welterneuung, vom Weltgericht fällt ohne

weiteres in die Augen, sie erstreckt sich bis in Einzelheiten hinein

und kann unmöglich auf blossem Zufall beruhen. Die nordische Sage ist

ohne die christliche Lehre von den letzten Dingen gar nicht denkbar,

sie muss in den letzten Jahrhunderten des Heidentums entstanden sein,

als die Nordleute mit den christlichen Völkern in Deutschland und

Frankreich, England und Irland in Berührung kamen. Bei den zahlreichen

Fällen von Glaubensmischung, welche die Geschichtsquellen im 9./10.

Jahrh. bezeugen, ist die Kenntniss christlicher Vorstellungen unter

den heidnischen Nordleuten gar nicht unwahrscheinlich. Doch darf

keineswegs an eine äusserliche Nachahmung der christlichen Eschatologie

gedacht werden, vielmehr liegt darin nur die Anregung zu einer neuen,

besonderen, von nordischem Geiste erfüllten Dichtung. Darum ist

ebensosehr die Selbständigkeit und Eigenart der nordischen Sage zu

betonen.

Durchaus neu und nordisch ist die Auffassung des jüngsten Tages als

eines Schlachttages. Zwar bietet die christliche Eschatologie bei

der Erscheinung des Antichrists ebenfalls Kämpfe, und eine besondere

Sage liess den Elias mit dem Antichrist geradewegs fechten, wie das

baierische Gedicht Muspilli und anderweitige Überlieferung[663]

beweisen. Jedoch können diese Züge kaum als Vorbild der grossen

Götterschlacht gelten. Die Posaune des Engels weckt die Toten zum

Gericht auf, in der nordischen Sage ruft Heimdalls Horn zum Kampfe.

Wie die Götter in ihrem Aussehen, Thun und Treiben nur veredelte

Menschen sind, so beschliessen sie auch ihre Laufbahn, wie es Helden

geziemt, auf dem längst vorher bestimmten Kampfgefilde. In ihren

teuflischen Gegnern mögen eher christliche Vorbilder nachwirken, da

ja, wie das Sprichwort sagt, am jüngsten Tage der Teufel losbricht.

Ein unentrinnbares Schicksal schwebt über den Walhallgöttern, der

Heldentod, den der kampffrohe Recke sich am Ende seines Lebens

wünscht. Sie suchen das Verhängniss aufzuhalten und sind um die

Zukunft ernstlich besorgt, aber sie wissen’s auch gross und stark zu

tragen, sie fallen stolz und stumm. Über ihren Leichen lodert der

Weltbrand.[664] Den Grundgedanken der christlichen Eschatologie, die

doch den Menschen zunächst angeht, konnte das Heidentum nicht fassen.

Nur die Thatsache des Weltbrandes kehrt wieder, die Handelnden aber

sind die Götter, nicht die Menschen. Die Auferstehung klingt in der

Sage von Lif und Lifthrasir nach; das Weltgericht ist jedenfalls im

gleichen Sinne wie in der christlichen Lehre gedacht, denn die Guten

wohnen in ewiger Seligkeit bei Allvater, die Bösen verdammt der

höchste Richter mit Nidhogg in die Hölle. Von den Vorzeichen ab, die

nur nordischer Natur gemäss auch einen schrecklichen langen Winter

hervorheben, verläuft die nordische Eschatologie in allen wesentlichen

Punkten gleich mit der christlichen. Wir vermissen einzig eine deutlich

erkennbare Nachahmung des Antichrists, bewundern dagegen als nordische

Zuthat den Untergang der Götter. Dieser scheint mit bedingt durch das

Hervortreten Allvaters. Dass auch einige Götter in der neuen Welt

wiederkehren, ist in der sittlichen Auffassung begründet, welche die

Gerechten überhaupt der ewigen Seligkeit zuweist. Darum kommt vor

allen Baldr zurück. Aber die Herrschaft im neuen Himmel steht nicht

mehr bei den Heidengöttern. Es dürfte schwer halten, die unmittelbaren

Quellen anzugeben, aus denen die Nordleute schöpften. Das Eindringen

der christlichen Ideen mag nach und nach, zu verschiedenen Zeiten

und in verschiedenen Ländern erfolgt sein. Gelehrte, absichtliche

Überführung scheint ausgeschlossen. Vielmehr handelt es sich um

allmäliges Bekanntwerden christlicher Vorstellungen, welche die

Nordleute auf ihren Fahrten aufzunehmen Gelegenheit hatten. Ernste

Gemüter wurden dadurch zum Nachdenken über den heidnischen Glauben

angeregt, sie sagten sich von den Opfergöttern los und empfahlen sich

einer unbekannten, erhabenen, mächtigeren Gottheit. Dem gleichen Ziele

streben die Dichter zu, welche die alten Götter heldenhaft zu Grunde

gehen lassen, um nach ihnen auf den starken Herrscher von oben her

hinzuweisen, dem alles gehorcht. Am deutlichsten tritt der christliche

Einfluss an zwei Begriffen zu Tage, die noch näher betrachtet werden

müssen, an _múspell_ und an dem _starken Herrscher von oben_. Múspell

legt die Vermutung nahe, dass die Nordleute in Niederdeutschland

christliche Anschauungen aufnahmen. Ausserdem mögen namentlich die

Angelsachsen manches vermittelt haben.

* * * * *

Das Wort _mûspilli_[665] begegnet im Altsächsischen und

Althochdeutschen in geistlichen Gedichten des 9. Jahrh. Das baierische

Gedicht enthält eine Schilderung des Weltbrandes: „Da zieht der

Sühnetag ins Land, heimzusuchen die Menschen mit dem Feuer. Da vermag

kein Verwandter dem andern vor dem _mûspille_ zu helfen.“ Die Begriffe

_stûatago_, Sühnetag und _mûspilli_ decken sich. Im Heliand 2591 wird

die Wendung gebraucht: „_mûdspelles_ Macht fährt über die Menschen,

das Ende dieser Welt“; 4358 „_mûtspelli_ kommt in düstrer Nacht wie

ein Dieb“; gleichbedeutende Begriffe sind _duomes dag_, Gerichtstag,

und _the lazto dag theses liohtes_, der jüngste Tag dieser Welt. Die

Grundform des Wortes scheint _mûdspelli_, _mûdspilli_ zu sein, im

Ahd. mit Ausfall des dentalen Lautes _mûspilli_, der Sinn Weltende

durch Feuer, Weltbrand. Die nordischen Gedichte Vǫl. 51 und Lokas. 42

bringen den Ausdruck _múspelz syner_, Múspells Söhne. Darunter sind

die Mächte des Verderbens verstanden, welche beim Weltuntergang über

die Grenzen Midgards hereinbrechen. Dass auch im Norden mit _múspell_

nicht bloss Weltende überhaupt, sondern Weltbrand gemeint ist, lehrt

die Auffassung der Gylfaginning Kap. 4, 5, 8, 11. Dort wird im Süden

die Feuerwelt _Muspellsheim_ gedacht, über welche Surtr[666] die

Herrschaft hat; in der Hand hält er ein glühendes Schwert und am

Ende der Welt wird er kommen und alle Götter besiegen und die Welt

mit Feuer verbrennen. Surtr bedeutet der Schwarze. Meines Erachtens

ist dieser Feuerriese eine Nachahmung des Teufels, der im Ags. der

Schwarze, der schwarze Geist, der schwarze Feind (_se bláca_, _se bláca

gæst_, _se swearta féond_) und noch im Mhd. der _hellemôr_ genannt

wird. In der mittelalterlichen Vorstellung ist die Hölle ebenso ein

eisiger, nebliger, dunkler, wie ein feuriger, flammenerfüllter Ort.

Daraus sonderten sich im Norden zwei Welten, die Nebelhölle mit Loki

und die Feuerhölle mit Surt. Am jüngsten Tage aber kommen die Teufel

los, die bisher zurückgehalten worden waren. Die nordische Anwendung

des Begriffes _múspell_ ist natürlich ursprünglich bildlich gemeint,

_múspells_ Söhne sind die feindlichen Gewalten, welche den Weltbrand

veranlassen, die Feuergeister. Die Gylfaginning nimmt das Bild

wörtlich und gelangt so zur Vorstellung einer Welt, wo diese Dämonen

bis zu ihrem Hervorbrechen am jüngsten Tage weilen. Dass _Muspellsheim_

und _Niflheim_ an den Anfang der Welt versetzt werden, erklärt

sich aus der Lehre von den Elementen, welche der Verfasser dieses

Abschnittes mit den älteren Sagen verknüpft. Den Namen _mûdspelli_

finden wir also in Deutschland nur als Glied einer christlichen

Vorstellungsreihe, während er zugleich auch der nordischen Mythologie

angehört. Daraus wurde vorschnell geschlossen, Wort und Begriff sind

urgermanisch, heidnisch und vom Christentum angenommen. _Mûdspelli_

ist zusammengesetzt aus _mûd_ und _spelli_. _Spelli_, _spilli_ ist

abgeleitet von as. ags. ahd. _spell_, got. _spill_, Rede, Verkündigung,

Weissagung. _Mûd_ aber scheint ein Lehnwort, das lateinische _mundus_.

Auf niederdeutschem Gebiet, bei Sachsen oder Friesen wurde _mundus_

zu _mûd_ entstellt in Anlehnung an Wörter wie _mûd_, _kûd_, _gûđ_,

für hochdeutsch _mund_, _kund_, _gund_, aus _*mundspelli_ bildete

sich _mûdspelli_. Aus Niederdeutschland gelangte der in der frühesten

Bekehrungszeit etwa um 700 oder in der ersten Hälfte des 8. Jahrh.

geprägte Ausdruck zu den Hochdeutschen und nach dem Norden. _Mûdspelli_

bedeutet, was vom _mundus_ verkündigt, geweissagt ist, Prophezeihung

von der Welt. Das Wichtigste und Grösste, was von der Welt verkündigt

wird, ist aber das Weltende. Die christlichen Sendboten werden diese

Kunde eindringlich den Heiden gepredigt haben. Das Furchtbare ergreift

die Phantasie am mächtigsten, das Weltende und seine Vorzeichen

beschäftigten im Mittelalter lebhaft den Geist der Menschen. Dass

aber ein lateinisches Wort mit einem deutschen verbunden wurde, hat

nichts Auffälliges. In der Anfangszeit der Bekehrung besass die

deutsche Sprache kein Wort für den umfassenden Begriff _„Welt“_, d. h.

Himmel und Erde und was drinnen ist. Denn das altdeutsche _weralt_

heisst Menschheit und nahm erst allmälig in der christlichen Zeit

die erweiterte Bedeutung an. Für „Erde“ gab es wol Wörter, aber die

genügten nicht, um die Vorstellung, welche das lateinische _mundus_

längst besass, zu erwecken. So mussten die Missionäre zunächst wol oder

übel beim lateinischen Ausdruck beharren. Der neue Begriff wurde den

Deutschen in Gestalt eines Fremdwortes beigebracht, bis die Sprache

nach und nach aus eignem Wortschatz den Gedanken auszudrücken lernte.

So scheint also die Wortbildung _mûdspelli_ gar nicht unmöglich und

unglaubhaft. Das rechte Verständniss für die Zusammensetzung erlosch

wol binnen kurzem, aber das Wort haftete im Sinne von Weltuntergang im

Feuer, Weltbrand. So gelangte es nach dem Süden und nach dem Norden.

Von oben kommt der allgewalt’ge

Hehre Herrscher zum höchsten Gericht

singt die Seherin, und übereinstimmend lauten ihre Worte im Hyndlaliede

45:

Doch ein Gott wird kommen, noch grösser an Macht,

Nimmer wag ich’s, seinen Namen zu melden:

Nur wenige können noch weiter sehen,

Als Walvaters Kampf mit dem Wolf beginnt.

Vom Wohnsitze dieses Gottes berichtet die Seherin in Strophe 64 der

Vǫl.:

Einen Saal seh ich stehen -- die Sonn’ überstrahlt er --

Mit Gold gedeckt auf Gimles Höhen:

Dort werden wohnen wackere Scharen

Und ein Glück geniessen, das nimmer vergeht.

Nach dieser Stelle wäre Gimle der Name des Berges, auf welchem sich

der Saal erhebt, worin die Gerechten in der erneuerten Welt wohnen

werden. Dagegen nennt Snorri den Saal selber Gimle, und dies passt

auch besser zur Bedeutung des Wortes.[667] Gimle besteht aus an.

_gimr_, einem Lehnwort, wie ags. _gim_ aus lat. _gemma_ entnommen,

und aus _hlé_, Obdach. Gimle ist also „Edelsteindach“, ein Saal mit

goldenem, edelsteinverziertem Dache. Die Gylfaginning im Kapitel 3,

wie sie von dem durchaus christlich gedachten ewigen Allvater erzählt,

berichtet: „Rühmlicher, als dass er Himmel und Erde machte, ist das,

dass er den Menschen schuf und ihm Leben und Seele gab. Der Leib zwar

verwest, doch alle die Seelen der Rechtschaffenen werden bei ihm

weilen an dem Orte, der Gimle heisst; die Bösen dagegen kommen zur

Hel und von dort nach Niflheim, unten in der neunten Welt.“ Weiterhin

bemerkt die Gylfaginning Kap. 17 zu Vǫl. 64: „Am südlichen Ende des

Himmels ist der Ort, der von allen der schönste ist und glänzender

als die Sonne: er heisst Gimle und wird bestehen, wenn auch Himmel

und Erde untergehen, und die rechtschaffenen Menschen werden dort in

Ewigkeit wohnen. Gangleri fragte: Wer hütet diesen Ort, wenn Surts

Lohe Himmel und Erde verbrennt? Har antwortete: So sagt man, dass im

Süden über unserm Himmel ein andrer sich erhebt, der Widblain (der

weithin Blaue) heisst und über diesem ein dritter, der Andlang (der

Entgegengerichtete, vor den Blicken Liegende) genannt wird: an diesem

meinen wir, dass jener Ort (Gimle) sich befinde.“ Dieser allgewaltige

Herrscher, der vom obersten Himmel herab zum jüngsten Gerichte

heranfährt, welcher als der Ewige und Unendliche nach dem Untergang des

Zeitlichen und Räumlichen hervortritt, ist der Gott des neuen Glaubens,

wofür schon die ebenfalls christliche Vorstellung von der Dreiheit

der Himmel[668] zeugt. Zu einem so geistigen und geheimnissvollen

Gottesbegriff wäre das Heidentum aus sich selber heraus nie gelangt.

In Gimle ist das himmlische Jerusalem, das aus Gold und Edelsteinen

erglänzte, nicht zu verkennen. Aus diesen Stellen der alten Gedichte,

welche den gewaltigen Herrscher von oben über die erneute Welt setzen,

folgert die Gylfaginning Kap. 3 und 5 den Allvater, der ewig lebt und

über alles in seinem Reiche, Grosses und Kleines waltet, der Himmel,

Erde und Luft erschuf, der durch seine Kraft Ymir aus dem Urstoffe

belebte, der vor alledem da war. So ist das Endliche vom Unendlichen

umgrenzt: die Gylfaginning hebt mit Allvater an, dann aber treten

die endlichen Göttergestalten, die echtheidnischen, allein hervor.

Wie sie verschwinden und vergehen, erscheint wiederum der Ewige und

Allmächtige. Der Versuch des vorweltlichen Allvaters ist freilich

missglückt. Was ihm zugeschrieben wird, verrichten später die Asen.

Nur mit dem zweideutigen Begriffe „Allvater“, den Snorri sowol auf

den ewigen Christengott als auch auf Odin bezieht, sucht er über die

Widersprüche, in die er sich verwickelt, hinwegzutäuschen.

VIERTES HAUPTSTÜCK.

Die gottesdienstlichen Formen.

I. Der Götterdienst im allgemeinen und das Opferwesen.

Papst Gregor richtete um 600 ein Schreiben an den Bischof Augustinus,

der die Angelsachsen bekehren sollte.[669] Darin hiess es: Erstens muss

man nicht die Tempel der Götzen zerstören, sondern die Götzen. Man

mache Weihwasser und besprenge damit die Tempel; man errichte Altäre

und lege Reliquien hinein. Sind der Angelsachsen Tempel gut gebaut,

so entziehe man sie dem Dienste der Götzen dadurch, dass man sie zu

christlichen Tempeln umweihe, und zwar aus dem Grunde, damit dieses

heidnische Volk desto williger an die gewohnten Anbetungsstätten

komme. Zweitens, weil die Angelsachsen ihren Göttern noch viele Stiere

zu opfern gewohnt sind, so ist es geboten, ihnen diese Feierlichkeit zu

belassen; nur muss man derselben einen christlichen Sinn unterlegen.

Und so sollen sie am Tage der Kirchweih und an den Gedächtnisstagen der

heiligen Märtyrer, deren Reliquien zur Schau zu stellen sind, sich aus

Baumzweigen Hütten rings um diejenigen Kirchen herrichten, welche aus

Götzentempeln zu christlichen Tempeln umgeweiht werden und sollen so

diese Feierlichkeit beim christlichen Mahle begehen, so dem heidnischen

Götzen keine Tieropfer mehr darbringen, vielmehr behufs der Sättigung,

Gott zum Lobe, Tiere schlachten und dem Geber aller guten Gaben für die

Speisen danken. Diesen Menschen muss man einige äusserliche Freuden

lassen, damit sie desto leichter zu den inneren Freuden hingeführt

werden, denn es unterliegt keinem Zweifel, dass es unmöglich ist,

diesen harten Gemütern auf einmal alles wegzunehmen, und zwar deshalb,

weil derjenige, welcher einen hohen Standpunkt zu gewinnen bemüht ist,

dies nur schritt-, nicht sprungweise erreicht.

Handbuch der Germanischen Mythologie · 第 46 / 68 段