Wie viel von diesen Vorstellungen gemeingermanisch sind, lässt sich

einigermaassen bestimmen. Schwerlich die Schöpfung, wol aber die

Einrichtung der Welt dachten sich auch die andern Stämme gleich.

Denn derselbe Name für die bewohnte Erde (got. _midjungards_, ahd.

_mittil-mittingart_, as. _middilgard_, ags. _middangeard_) geht überall

durch. Midgard ist der mittlere, eingefriedigte Raum, das mittlere

Gehege. Der Begriff „Mitte“ geht von der natürlichen Anschauung aus,

wonach die Erde im Mittelpunkt der Welt steht. Möglicherweise ist auch

wie im griechischen μεσόγαια das Binnenland gemeint im Hinblick auf

das umgürtende Erdmeer. Als Erdkreis und Himmelskugel stellt sich die

Welt dem Auge dar. Dass die Götter im Himmel hausen, ist von selbst

verständlich und wird im langobardischen Wodansliede bezeugt. Auch die

Hölle ist allen Germanen bekannt. Die Namen Asgard, Utgard u. a. sind

aber auf den Norden beschränkt. Die Grundzüge des Weltbildes scheinen

somit gemeingermanisch, die Einzelheiten und die Sagen von ihrem

Ursprung müssen wir als ausschliesslich nordisch betrachten, so lange

anderweitige unzweifelhafte Überlieferung versagt.

* * * * *

Noch einige Sagen, die auf Tag und Nacht, Sonne und Mond Bezug nehmen,

stehen in äusserlichem Zusammenhang mit der Kosmologie. Aber man

merkt beim ersten Blick, dass sie viel jünger sind. Ihr Ursprung

liegt teilweise in dem Bestreben nach der Personifikation bestimmter

Erscheinungen und Vorgänge des Naturlebens. Auch fremde Vorbilder

mögen teilweise eingewirkt haben.

Tag und Nacht sind von Allvater an den Himmel gesetzt. Er gab ihnen

zwei Pferde und zwei Wagen, auf denen sie um die Erde fahren. Die Nacht

fährt mit Hrimfaxi, der die Erde mit seinen Gebisstropfen betaut; der

Tag hat den Skinfaxi, von dessen Mähne Luft und Erde erglänzt.[648]

Auch in Deutschland trifft man das Bild des einher reitenden Tages,

der begrüsst wird wie eine freundliche Gottheit. Bældæg, heller Tag,

war des Lichtgottes Namen bei den Angelsachsen. Die vom Zauberschlaf

erwachte Brynhild ruft mit feierlichem Grusse den Tag und die Söhne des

Tages (Lichtgottheiten), die Nacht und die Tochter der Nacht (Jord, die

Erde) an. Bereits die zahlreichen Redensarten, die von Tag und Nacht

gebräuchlich sind, drängen auf Personifikation hin. Mit dem Tage mag in

früherer Zeit leicht auch das Bild des Lichtgottes verschmolzen sein.

Der Tag auf Skinfaxi, dem hellmähnigen Rosse, mag aus dem reisigen

Himmelsgotte, aus Baldr-Bældæg entwickelt sein. Aber die auf dem Wagen

stehenden, rosselenkenden Gestalten des Tages und der Nacht sowie der

Sonne erinnern stark an antike Mythen von Helios mit den sonnenhellen,

von Nyx mit den dunkeln Rossen. Auf die Nachwirkung altarischer Sagen

zu schliessen, scheint nicht ratsam; denn das, was die Edda von Tag und

Nacht erzählt, zeigt keine tiefere Verflechtung mit den Grundzügen der

Götter- und Weltgeschichte. Nur die Begriffsnamen sind zu notdürftiger,

unselbständiger Persönlichkeit gelangt. Den Verdacht der Entlehnung und

Nachahmung bestärkt die Genealogie: der Riese Norwi oder Narfi[649] in

Jotunheim ist Vater der Nacht. Zuerst ist Nott dem Naglfari vermählt,

dann mit Onar, endlich mit Delling.[650] Der ersten Ehe entsprosst

Aud, der zweiten Jord, der dritten Dag. Diese Reihe von Zeugungen

titanischer Wesen hat auffallende Ähnlichkeit mit der hesiodischen

Theogonie. Aus dem Chaos gingen Erebos und Nox hervor. Mit Erebos

erzeugte Nox den Äther und Dies. Die Erde, Tartaros und Eros (Amor)

erhielten in den verschiedenen lateinischen Genealogien, welche in den

mittelalterlichen Schriften im Anschluss an Hesiod erscheinen, unter

den Vor- und Nachfahren ihre Stelle. Die nordischen Namen sind zum Teil

Übersetzungen der griechisch-lateinischen wie Nott-Nox, Nor-Erebus,

Dag-Dies, Jord-Terra; zum Teil vielleicht volksetymologische

Umbildungen wie Aud-Äther, Onar-Amor. Naglfari mag den Tartaros

vertreten.

Das Bild des Sonnenwagens schildert das Grimnirlied 37 und 38.

Arwakr und Alswid ziehn aufwärts die Sonne,

Ziehn matt sich und müde daran,

Doch inmitten der Buge brachten milde Asen

Klüglich kühlende Eisen an.

Swalin heisst er, der Sonnenschild,

Der vor der glänzenden Göttin steht,

Felsen und Fluten, weiss ich, wird Feuer verzehren,

Fällt er einstmals ab.

Die Namen der Rosse bedeuten frühwach (Eous) und allklug. Dem Norden

eigen sind die Blasebälge -- denn nach Gylfaginning sind unter den

„kühlenden Eisen“ solche zu verstehen --, welche die in der Sonnenglut

ermattenden Pferde immer neu abkühlen und erfrischen. Eigentümlich

ist der Sonnenschild Svalin (der abkühlende), welcher die Erde vor

dem Verbrennen bewahrt. Vielleicht ist eine Vermischung zweier

Vorstellungen im Spiele. Die Sonne wird auch „Himmelsschild“[651]

genannt. Sonnenwagen und Sonnenschild scheinen vereinigt. Märchenhaft

klingt der Bericht der Gylfaginning, Kap. 11: Mundilföri hatte zwei

Kinder: Mani (Mond) hiess der Sohn und Sol die Tochter. Diese wurde mit

Glen (glänzend) vermählt. Die Götter zürnten wegen des Hochmuts, dass

sie solche Namen führten, und setzten sie an den Himmel. Sol liessen

sie die Pferde lenken, die den Wagen der Sonne zogen, welche die Götter

aus einem Funken geschaffen hatten, der aus Muspellsheim flog.[652]

Man erkennt das Bestreben, die späte märchenhafte Erfindung von der

Abstammung der Sonne mit der alten echten Sage, die das Himmelslicht

als Geschöpf der Götter bezeichnet, in notdürftigen Einklang zu

bringen. Die Mondflecken[653] gaben zu allerlei Erzählungen unter den

verschiedenen Völkern der Erde Anlass, so auch zu folgender nordischer,

die a. a. O. steht: Mani lenkt den Lauf des Mondes und waltet über

Neumond und Vollmond. Er hob von der Erde die beiden Kinder Bil und

Hjuki zu sich empor, als sie vom Brunnen kamen, der Byrgir heisst;

ihr Wassergefäss hiess Sägr und die Stange, an der sie es auf den

Achseln trugen, Simul. Widfinn hiess der Vater dieser Kinder, die

den Mond begleiten, wie man das von der Erde aus sehen kann. Also

zwei Gestalten, die einen Wassereimer an der Stange auf den Schultern

trugen, sah man in den Mondflecken.

Der weitverbreitete Volksglaube, der in Sonnen- und Mondsfinsternissen

Untiere erblickt, welche die Gestirne zu verschlingen drohen,

zeigt sich auch im Norden in den Wölfen Skoll und Hati, dem Sohne

Hrodwitnirs, d. i. Fenrirs.[654] Nach Vafþr. 47 verschlingt Fenrir

selber die Sonne, die aber eine Tochter gebiert, welche nach dem Falle

der Götter die Pfade der Mutter fahren wird. Bei ganzer Verfinsterung

nimmt der Volksglaube ein vollständiges Verschlingen, aber auch eine

Erneuung, eine Wiedergeburt des Gestirnes an. Hati ist der _mánagarmr_,

der Mondhund, da er den Mond verschlingen wird. Ein Riesenweib ostwärts

von Midgard im Walde Jarnwid (Eisenwald, Urwald) hat die Teufelsbrut

geboren. Einst wird das Himmelsgestirn, die Sonne, vom Verfolger

errafft werden, dann kommt Finsterniss und wüstes Wetter über die Welt.

* * * * *

Zwischen Erde und Himmel schlugen die Götter eine Brücke, Bifrost, den

bebenden, zitternden, beweglichen Weg oder _ásbrú_, Asenbrücke, den

Regenbogen.[655] Sie erglänzt in drei Farben, ist ausserordentlich fest

und mit grosser Kunst verfertigt. Aber so stark sie ist, wird sie doch

zerbrechen, wenn Muspells Söhne kommen und hinüber reiten. Ihre Pferde

müssen dann über breite Ströme schwimmen und so beenden sie den Ritt.

Denn nichts in der Welt ist so fest, dass es bestehen könnte, wenn die

Söhne Muspells verheerend hereinbrechen.

3. Die Schöpfung der Zwerge und der Menschen.

Nachdem die Erde erschaffen und Asgard wohnlich eingerichtet war,

gedachten die Götter daran, Midgard mit lebenden Wesen, mit Zwergen

und Menschen zu bevölkern. Sie sassen darüber zu Rate, wer der Zwerge

Schar aus Brimirs Blut und Blains Gliedern erschaffen sollte. Es

entstanden die mächtigen Zwerge Motsognir und Durin und viele andere,

welche in der Erde Menschenbilder nach Durins Angabe verfertigten.

Den kurzen Bericht der Vǫlospǫ́ 10 ff. ergänzt und verdeutlicht die

Gylfaginning Kap. 14. Brimir und Blain sind Beinamen Ymirs. Dadurch

wird erst die Entstehung der Zwerge klar, welche mit der Weltschöpfung

verknüpft ist. Wie Maden in Ymirs Fleische, so waren die Zwerge unter

der Oberfläche im Erdboden drunten gewachsen; so hatten sie zuerst als

Maden Leben gewonnen. Nach der Bestimmung der Götter erhielten sie

aber jetzt menschlichen Verstand und menschliche Gestalt. Doch leben

sie wie vorher in der Erde und im Gestein. Also nicht der Lebenskeim

der Zwerge, die von selbst im Riesenleibe wucherten, wol aber die

Lebensform ist von den Göttern gesetzt. Die Riesen sind älter als die

Götter und von ihnen unabhängig, aber die Zwerge sind ihre Geschöpfe.

Über den Ursprung der Menschen gingen bei den germanischen Stämmen

verschiedene Sagen. Der Urmensch Mannus ist von einem göttlichen oder

riesischen Wesen erzeugt. Die Istvaeonen, Ingwaeonen, Erminonen waren

Göttersöhne. Edle Geschlechter entstammen unmittelbar von den Göttern,

von Odin, Freyr, Tyr. Alle Menschen sind Heimdalls Kinder. Aber die

Menschen sind auch aus der elementaren Naturkraft entsprungen, aus

Felsen und Bäumen gewachsen. Die Semnonen verehrten im heiligen Hain

den Ursprung ihres Volkes (_initia gentis_). Das Handwerksburschenlied

weiss von Sachsen, wo die schönen Mädchen auf den Bäumen wachsen. Im

Froschmeuseler ist Aschanes mit seinen Sachsen aus den Harzfelsen

gewachsen. Entsprechende Züge bietet die griechische Sage dar. Endlich

sind die Menschen von andern höheren Wesen geformt, gestaltet und

beseelt. Wozu die Zwerge im Erdinnern Menschenbilder schufen, erfahren

wir nicht. Aber wir hören, wie die Götter am Ursprung der Menschheit

gewirkt. Die Vǫlospǫ́ 17/18 erzählt: Drei Asen, mächtig und hold,

fanden im Lande kraftlos Ask und Embla, unsichern Looses. Hauch und

Seele hatten sie nicht, noch Gebärde noch Wärme noch blühende Farben.

Odin gab den Hauch, Hönir die Seele, Lodur die Wärme und leuchtende

Farben. Die Gylfaginning Kap. 9 erzählt den Hergang so: Als Burs Söhne

am Meeresstrande wandelten, fanden sie zwei Hölzer und schufen aus

ihnen Menschen. Der erste gab ihnen die Seele, der zweite das Leben,

der dritte Gehör und Gesicht, und es hiess der Mann Ask und die Frau

Embla. Von ihnen stammt das Menschengeschlecht. Die beiden Berichte

stimmen nicht genau überein, im Liede fehlt die bestimmte Angabe, in

welcher Beschaffenheit Ask und Embla aufgefunden wurden. Auch die

Übersetzung der Stelle der Gylfaginning bereitet Schwierigkeiten.

_Fundu tré tvau_ bedeutet wörtlich: zwei Hölzer; _tré_ kann ebenso

Baumstamm, Baum bedeuten, als _trémann_, d. i. Menschenbild, aus Holz

gefertigt. Da an beiden Stellen nur von einer Beseelung und Belebung,

nicht aber von einer Gestaltung die Rede ist, möchte man glauben,

dass die Götter hölzerne Menschenbilder, vielleicht von den Zwergen

geschnitzt, vorfanden und sie belebten. Die Schöpfung der Menschen

wäre somit von Zwergen begonnen, von Göttern vollbracht worden. Der

Name des Stammvaters der Menschen, Askr, Esche, weist auf seinen

Ursprung aus Eschenholz zurück. Hesiod meldet, das eherne Geschlecht

sei von Zeus ἐκ μελιᾶν, aus Eschen, geschaffen worden. Ob auch in

Embla ein Baumname steckt (Ulme?), ist zweifelhaft. Jedenfalls steht

im Hintergrunde die uralte Vorstellung, dass die ersten Menschen

aus Bäumen gewachsen seien. Aber neu hinzugefügt ist, dass dieses

Herauswachsen nicht von selbst erfolgte, sondern durch die Beteiligung

göttlicher Wesen. Zunächst wurde das Holz gestaltet, dann belebt. Und

in diesen Zuthaten sind fremde Einwirkungen unverkennbar. Vorbild

ist die biblische Schöpfungssage mit der üblichen mittelalterlichen

Auslegung. Hauptsächlich in zwei Punkten zeigt sich dieser Einfluss.

Die Beseelung geht von der Götterdreiheit aus. Im Mittelalter galt

allgemein die Anschauung, gestützt auf die Pluralwendung der Vulgata:

_faciamus hominem_, dass bei der Menschenschöpfung die Dreieinigkeit

thätig gewesen sei. Ferner beruht der gleiche Stabreim _Askr und

Embla_ mit _Adam und Eva_ kaum auf Zufall. Wir haben in der nordischen

Menschenschöpfung[656] ein lehrreiches Beispiel dafür, wie heimische

und fremde Vorstellungen sich mit einander vermischten.

4. Der Weltbaum.[657]

Ein völlig verschiedenes Weltbild bietet sich im Weltbaume dar,

welcher unter mehreren Namen als _Yggdrasil_, _Mimameid_, _Lärad_

vorkommt. Von ihm hören wir in der Vǫlospǫ́, im Grimnirlied und in den

Fjǫlsvinnsmǫ́l; einiges trägt die Gylfaginning nach. Die Seherin kannte

den Baum schon in Urzeiten, als er ein Schössling war, der noch nicht

über den Erdboden heraufgetrieben hatte (Vǫl. 2).

Vǫl. 19 Eine Esche kenn ich, Yggdrasil heisst sie,

Den gewaltigen Baum netzt weisses Nass;

Von dort kommt der Tau, der die Thäler befeuchtet;

Immergrün steht er an der Urd Quelle.

Grimn. 31 Drei Wurzeln sendet nach drei Seiten

Yggdrasils Esche aus:

Unter der einen wohnt Hel, unter der andern die Riesen,

Die dritte das Menschenvolk deckt.

Im Liede von Fjolswid 13/14 wird des Baumes gedacht.

Swipdag.

Ich frage, Fjolswid, und fordre Antwort,

Künde mir, was ich wissen will:

Wie heisst der Baum, der mit breiten Ästen

Die weite Welt überwölbt?

Fjolswid.

Mimameid heisst er, kein Mensch weiss es,

Aus welchen Wurzeln er wuchs.

Niemand ahnt’s, was ihn niederstreckt,

Feuer nicht fällt ihn noch Stahl.

Baum des Mimi (auch Mim oder Mimir genannt) heisst die Esche, weil

nach Vǫl. 27 u. 29 Mimirs Quelle am Fusse des heiligen Baumes rauscht,

der von ihren Fluten benetzt wird. Der goldene Hahn Widofnir sitzt

als Wächter gegen die Riesen in Mimameids Geäst nach Fjǫls. 17/18.

Heimdalls Horn, das dereinst zum letzten Kampfe ertönen wird, ruht

bis dahin unter der Esche Yggdrasil geborgen (Vǫl. 27). An der Esche

Yggdrasil sitzen die Götter alle Tage zu Gericht. Thor durchwatet

täglich mehrere Flüsse, um dahin zu gelangen (Grímn. 29). In den

Zweigen der Esche sitzt ein Adler, dem grosses Wissen verliehen ist;

zwischen seinen Augen sitzt der Habicht, der Wedrfolnir heisst. Ein

Eichhörnchen mit Namen Ratatosk (Rattenzahn) läuft an der Esche auf und

ab und trägt dem Nidhogg (d. i. schadengierig hauend), dem Wurme an der

Wurzel unten, und dem Adler die gehässigen Worte zu, die beide über

einander äussern (Grímn. 32, Gylfag. Kap. 16). Vier Hirsche laufen in

den Zweigen der Esche und beissen die Triebe ab. Viele Schlangen sind

unten bei Nidhogg (Grímn. 33/4).

Grímn. 35 Yggdrasils Esche muss Ungemach leiden

Mehr als ein Menschenkind ahnt:

Oben frisst der Hirsch, es fault die eine Seite,

Während Nidhogg die Wurzeln benagt.

Nach Grímn. 25/6 erhebt sich der Baum Lärad in Walhall. Auf dem Dache

der Halle stehen die Ziege Heidrun und der Hirsch Eikthyrnir und

verzehren die Zweige. Dieselbe Vorstellung scheint hier zu herrschen.

Lärad ist wol als der Wipfel der Weltesche zu denken. Yggdrasil heisst

_mjǫtviđr_, Baum mit dem rechten Maasse, d. h. der das Maass gibt, das

Schicksal zumisst, Beim Weltkampfe erbebt und ächzt der alte Baum. Aber

er überdauert den Brand. Nach Vafþr. 45 verbirgt sich das Menschenpaar,

von dem die Geschlechter in der erneuten Welt stammen, in Hoddmimirs

Holz. Mimirs Holz ist gleich Mimameid, die Weltesche. Mit Hilfe der

Beschreibung in Gylfaginning Kap. 15 ergibt sich folgendes Bild vom

Weltbaum: Die Esche ist der grösste und beste aller Bäume. Ihre Zweige

erstrecken sich über alle Welt und ragen über den Himmel empor. Drei

Wurzeln treibt der Baum, zu den Menschen (die Gylfag. sagt sinnlos: zu

den Asen, bei denen doch nur der Gipfel sein kann), zu den Riesen, zur

Hölle. Unter der Höllenwurzel liegt der Brunnen Hwergelmir und Nidhogg

benagt sie von unten; unter der Wurzel, die zu den Reifriesen sich

verästet, ist Mimirs Brunnen; unter der dritten Wurzel befindet sich

der Brunnen der Urd. Die Wurzeln, unter denen Quellen hervorbrechen,

sind unter Midgard in Niflheim und im Riesenheim, also an den Grenzen

von Midgard, auf Midgard selber belegen. Der Stamm erhebt sich aus

der Mitte der Erde. Das Gezweig und die Krone überwölben die Erde und

erfüllen den Himmel.

Im Weltbaum Yggdrasil vermischen sich heimische und fremde Bestandteile

in ganz besonderer Art. Heilige Bäume, in deren Schatten Gericht

gehalten wird, aus deren Wurzeln Quellen hervorsprudeln, die von

weissagenden Frauen bewohnt sind, begegnen oft im germanischen

Glauben. Solche Züge finden sich auch im Bilde Yggdrasils. Aber damit

ist weder Name noch Bedeutung des Weltbaumes hinreichend erklärt.

Yggdrasil ist zusammengesetzt aus _Yggr_ „der Fürchterliche“, einer

Bezeichnung Odins, und _drasill_, einer in der Skaldensprache üblichen

Bezeichnung für Pferd, der Name besagt Odins Pferd. Nun war es eine im

Nordischen ebenso wie im Deutschen und Englischen allgemein verbreitete

Ausdrucksweise, den Gehenkten als Reiter und den Galgen als sein

Pferd zu bezeichnen. Odins Pferd ist also eine Umschreibung für Odins

Galgen. Der Name Yggdrasil meint demnach den Baum, der Odins Galgen

war. Offenbar ist die Bedeutung, die man dem Baum in seiner Eigenschaft

als Symbol der Welt beilegte, eben in der Thatsache begründet, dass

er Odins Galgen war. Auch Christi Kreuz heisst in einem englischen

Gedichte des 14. Jahrh., das aber den Ausdruck schwerlich schuf,

sondern aus älterer Überlieferung schöpfte, _Christi Pferd_. Damit ist

der Weg zur Erklärung Yggdrasils gewiesen. Zug für Zug erweist Bugge

die vollkommene Übereinstimmung zwischen den mit Yggdrasil und den im

Mittelalter mit dem Kreuze verknüpften Vorstellungen. Das Verhältniss

kann nur so gedacht werden, dass Yggdrasil unter der Einwirkung der

Kreuzessagen entstand, nicht etwa so, dass in letzteren heidnische

Erinnerungen nachwirken. Denn die Vorstellungen vom Kreuze haften

bereits in solchen altchristlichen Schriften, wo eine germanische

Einwirkung mit Rücksicht auf Zeit und Ort durchaus unmöglich ist.

Das Kreuz wurde in den bekanntesten christlichen Hymnen als ein Baum

besungen, der seine Lebenskraft aus einer Quelle an seiner Wurzel

sog, als ein Baum mit Laub und Früchten. So lautet noch ein mhd.

Rätsel, dessen Lösung der Kreuzesbaum ist: Ein edler Baum ist in einem

Garten gewachsen, der mit grosser Kunst angelegt ist. Seine Wurzel

reicht zum Grund der Hölle, sein Wipfel berührt den Thron Gottes,

seine breiten Zweige halten die ganze Welt umfasst. Der Baum steht in

voller Pracht und herrlich im Laub. Wir haben auf der einen Seite die

Yggdrasilsesche, die der beste aller Bäume heisst. Ihr Wipfel ragt

über den Himmel empor, ihre Zweige breiten sich über alle Welt und die

Hölle liegt unter einer ihrer Wurzeln. Auf der andern Seite haben wir

in christlichen Darstellungen den Kreuzesbaum, hervorgegangen aus einer

Verschmelzung des Kreuzes mit dem paradiesischen Baum des Lebens und

dem der Erkenntniss, den besten aller Bäume. Mit seinem Wipfel erreicht

er den Himmel, mit seinen Zweigen oder Armen umfasst er alle Welt, und

mit seiner Wurzel oder seinem Fusse reicht er bis in die unterirdische

Totenwelt. Wenn Nidhogg und andere Würmer an der zur Hölle reichenden

Wurzel Yggdrasils nagen, so knüpft diese Vorstellung zum Teil an die

Schlange am Baume der Erkenntniss an und an die schlangenerfüllte

Hölle, den „Wurmsaal“ (_wyrmsele_), wie in ags. Gedichten die Hölle

benannt ist. Mimir, der Quellgeist, der am Fusse des heiligen Baumes

wohnt, ist nordischen Ursprungs. Dass man aber Mimirs Haupt unter

Yggdrasil dachte, mag durch die christliche Vorstellung veranlasst

sein, dass der Kreuzesbaum über Adams Schädel steht. Endlich bedürfen

die Tiere an der Weltesche noch der Aufklärung. In Nordengland befinden

sich mehrere aus dem 7./9. Jahrh. stammende Steinkreuze, deren

Schmalseiten mit Rankenwerk bedeckt sind. In dem Rebengezweige sitzen

Tiere übereinander, Drachen, Eichhörnchen, Vögel, welche von dem Laube

fressen. Solche bildliche Darstellungen, welche sich den Nordleuten auf

ihren Fahrten nach England darboten, gaben den Anlass, den Kreuzesbaum

mit Tieren zu bevölkern. Auf englische Herkunft der Tiere am nordischen

Weltbaum deutet bestimmt der Name des Eichhorns Ratatoskr, Rattenzahn.

Sowol _rati_, Ratte, als auch _toskr_ (ags. _tusc_) sind englische

Lehnwörter. Die Tiere Yggdrasils sind zu einander in ein Verhältniss

gebracht, wie es zwischen den Tieren auf der Weinranke der englischen

Kreuze nicht besteht. Da tritt eben die umbildende Phantasie der

Nordleute in Thätigkeit, vielleicht angeregt durch eine Fabel. Im

Wipfel einer Eiche nistete ein Adler, mitten im Baum hatte eine

Wildkatze ihr Loch, an den Wurzeln hauste ein Wildschwein mit seinen

Jungen. Durch falsche, bösartige Doppelzüngigkeit brachte die Katze den

Adler und das Wildschwein ins Verderben, indem sie Hass- und Neidworte

vom einen zum andern trug.

+Dass ein Baum, welcher dem höchsten Gott wie einem Geopferten zum

Galgen dient, davon seinen Namen erhält und in dieser Eigenschaft zum

heiligen Symbole der Welt erhoben wird+, streitet bestimmt gegen die

Vorstellung von heiligen Bäumen und vom obersten Gott, wie wir sie

bei heidnischen Völkern anzutreffen gewohnt sind. Alle Ungereimtheit

schwindet, sobald wir des Kreuzes gedenken. Yggdrasil ist eine

Nachahmung des Kreuzesbaumes, wie er im Glauben der christlichen Völker

des Mittelalters lebte. Erst in der Wikingerzeit kann der Mythus

entstanden sein.

III. Weltuntergang.

Eine zusammenhängende Schilderung vom Schicksale der Götter, vom

Untergang und von der Erneuerung der Welt schöpfen wir hauptsächlich

aus der Vǫlospǫ́, wozu ergänzend einige Stellen des Wafthrudnirliedes

und des Hyndlaliedes treten. Die Gylfaginning Kap. 51-53 beruht auf

denselben Quellen, hat aber einiges missverstanden, umgestellt und

hinzugefügt. Auf die 57. Strophe der Vǫlospǫ́, worin die Verfinsterung

der Sonne, das Herabfallen der Sterne, das Versinken der Erde im Meer,

der Weltbrand geschildert sind, beziehen sich die Skalden Kormak um

935 und Arnor jarlaskald um 1065.[658] Die Preislieder auf die Könige

Eirik und Hakon, zwischen 940-950 und 961-970 verfasst, gedenken

der schrecklichen Zukunft, da der Wolf Fenrir los wird und über den

Wohnsitz der Götter und Menschen hin rennt.

* * * * *

Am Morgen der Zeiten, nachdem die Schöpfung vollbracht ist, verleben

die Götter ihr Goldalter auf dem Idafeld, in Edens Gefilden.[659]

Vǫl. 7. Auf Idafeld kamen die Asen zusammen,

Altäre zu schaffen und Tempel zu bauen;

Sie gründeten Essen, das Gold zu schmieden,

Hämmerten Zangen und Handwerkszeug.

Vǫl. 8. Im Hofe übten sie heiter das Brettspiel --

An blitzendem Golde gebrach’s ihnen nicht --

Bis die mächtigen drei Mädchen kamen,

Die Töchter der Riesen aus Thursenheim.

Unter diesen drei Mädchen glaubt man die drei Nornen verstehen zu

dürfen, obschon niemals von deren riesischer Abkunft die Rede ist.

Ihr Erscheinen schliesst die goldene Friedenszeit ab. Nun schildert

die Seherin die Hauptbegebenheiten der Götter. Mit dem Totschlag

der Gullweig in Walhall hebt der erste Streit zwischen Asen und

Wanen an, der erste Weltkrieg. Die gebrochene Götterburg stellte der

Riesenbaumeister wieder her. Aber er ward um seinen Lohn, um Freyja,

Sonne und Mond, die er sich ausbedungen hatte, betrogen.

Vǫl. 26. Da wankten die Eide, die Worte und Schwüre,

Die festen Verträge, die man vordem schloss.

Handbuch der Germanischen Mythologie · 第 45 / 68 段