germanische Theogonie, die aber im Laufe der Zeiten und unter den
verschiedenen Stämmen sehr vielgestaltig und veränderlich gewesen sein
mag, ist zweifellos. Schon die geschichtliche Entwickelung, wenn anders
mit Recht das allmälige Aufkommen Wodans über Tiuȥ angenommen wird,
brachte Wandel und Wechsel in den Götterstaat. Der höchste Gott hat die
andern als Söhne oder Brüder um sich geschart, da bildet sich leicht
auch die Sage von seinen Ahnen. Die gebietende Machtstellung musste
gegen Nebenbuhler und andere Feinde erkämpft und behauptet werden. In
den angelsächsischen Stammtafeln hat Wodan nicht bloss Nachfahren,
sondern auch Vorfahren. Für eine ausgebildete Kosmogonie spricht kein
zweifelloses Zeugniss. Für die germanische Sage vom Weltbrand ist
nicht der Schatten eines Beweises zu erbringen. Damit muss auch der
deutschen und germanischen Göttersage die tiefe Tragik der nordischen
abgesprochen werden. Wol war auch jene vom freudigen, todverachtenden
Heldentum erfüllt, aber der düstre Schatten eines unentrinnbaren
Verderbens mit dem versöhnenden Ausblick auf eine neue, milde und reine
Welt des ewigen Friedens blieb dem Schicksal der deutschen Götter
vermutlich ferne.
II. Die nordische Schöpfungslehre.
Die folgende Darstellung der nordischen Weltlehre geht darauf aus,
in möglichst deutlichen Umrissen die in den Skaldengedichten des
9./10. Jahrhunderts vorhandenen Vorstellungen zu schildern. Für den
vermutlichen Ursprung der einzelnen Bilder beschränke ich mich auf
kurze Andeutungen. Weltanfang und Weltende umfassen die gesamte
Göttersage im grossen, erhabenen Rahmen, der die einzelnen Mythen
in völlig neuem Lichte, als Handlungen im geschlossenen Weltendrama
erscheinen lässt. Eine gewaltige erschütternde Dichtung baut sich
auf, eine wundervolle, tiefernste Göttersage, wie kein andres Volk
sie besitzt. Gleichviel, woher die Anregung kam, der unvergängliche
Wert der dichterischen Schöpfung, welche den krönenden Abschluss der
germanischen Religionsgeschichte bildet, bleibt ungekränkt bestehen.
Aber es war eine Dichtung auserwählter Kreise, kein echter, überzeugter
Volksglaube, wie folgende Erzählung aus der Bekehrungszeit zu beweisen
scheint.
Sveinn und sein Sohn Finn stritten sich um die Macht der Heidengötter,
die Finn verachtete. Sein Vater hielt ihm das vor, weil Thor so viele
und grosse Heldenthaten verrichtet habe, durch die Berge gefahren
sei und Felsen zertrümmert habe, Odin aber über den Sieg der Männer
entschieden habe. Finn antwortete: Das ist sehr geringe Macht, Klippen
oder Steine zu zerbrechen und an solchen sich abzuarbeiten, oder den
Sieg so zu verleihen, wie Odin ihn verlieh, mit Betrug, nicht aber
mit Gewalt. Der dagegen scheint mir mächtig, der am Anfang die Berge
gesetzt hat, die ganze Welt und die See. Was könnt ihr mir aber von
diesem sagen? Darüber wurde von Sveinn wenig gesprochen. Finn Sveinsson
thut das Gelübde, in den Dienst des Königs zu treten, der der Oberste
ist und vor allen anderen hervorragt. Er ergibt sich wie Christophorus
schliesslich dem Christus, weil er so gewaltig war, dass er eine
Heerfahrt in die Hölle that und dort den Thor band, den obersten der
Heidengötter.[635]
Der Aufzeichnung kommt freilich kein hohes Alter zu. Aber sie ist
trotzdem merkwürdig genug, indem sie die nordische Schöpfungslehre
als gar nicht vorhanden betrachtet. Ähnlich sind noch andere Stellen.
In der durchaus ungeschichtlichen Sage von Orvar-Odd werden die
heidnischen Nordleute, welche auf einer Reise nach Aquitanien in
eine Kirche gelangen, nach ihrem Glauben gefragt. Sie antworten: Wir
bauen auf unsre Macht und Stärke und glauben nicht an Thor und Odin.
Der Einheimische erwidert: Wir glauben an den, der Himmel und Erde
geschaffen hat, die See, die Sonne und den Mond. Odd sprach: Der muss
gross sein, der alles das gezimmert hat. Aus den letzten Zeiten des
Heidentums hören wir von Leuten, die aus eigner freier Überzeugung
den Heidenglauben als unvollkommen verwarfen und nur auf sich selbst
vertrauten oder aber einer geläuterten Gottesverehruug, dem Bilde des
von fernher ihnen vorschwebenden Christengottes, sich zuwandten.[636]
Thorkell Mani, der von allen Heiden am besten gesittet war, liess sich
in seiner Todeskrankheit in den Sonnenschein hinaustragen und befahl
sich in die Hände des Gottes, der die Sonne geschaffen habe. Der alte
Ingimund im Vatnsdal, der früher eifrig dem Freyr gedient hatte, war
ein überaus tüchtiger und treuer Mann; sein Sohn Thorstein preist die
Güte seines Vaters und meint: Das wird unserm Vater von dem vergolten
werden, der die Sonne geschaffen hat und alle Welt. Ein andermal
spricht derselbe Thorstein: Nun will ich den anrufen, der die Sonne
geschaffen hat, denn ihn halte ich für den Mächtigsten. Diese und
andre Stellen betonen die Schöpferkraft des Christengottes, den sie
mit bewusster Absicht Odin und den andern Göttern gegenüber stellen.
Dass Odin und seine Brüder Himmel und Erde und die Gestirne schufen,
dass sie den Lauf der Sonne und des Mondes regelten, wie es in alten
Liedern und der Edda heisst, kann demnach kein allgemeiner, lebendiger
Glaube gewesen sein. Sonst hätte sich doch der Heide ebenso auf die
Schöpferkraft seiner angestammten Götter berufen müssen. Die nordische
Weltlehre scheint mithin eine Dichtung, kein eigentlicher Volksglaube,
mit dem die Bekehrung zu rechnen hatte.
1. Das Chaos, der Urzustand und die Urwesen.
Den Anfang aller Dinge bezeichnet die nordische Weltlehre mit der
Verneinung dessen, das für uns sichtbar besteht: Da war nicht Sand,
noch See, noch kalte Woge, nicht Erde gab es, noch Oberhimmel, nur
gähnende Kluft (_ginnunga gap_)[637], doch nirgends Gras. Es wird ein
_Chaos_ oder besser _Chasma_, _Hiatus_, gähnender Schlund gesetzt.
Der Begriff des Abgrundes, der Kluft liegt in _gap_, der des Weiten,
Gähnenden im dazu gestellten Genitiv _ginnunga_. Mit _ginnunga gap_
ist der leere Raum gemeint. Der leere Raum entstand aber, wie die
Gylfaginning ergänzend hinzufügt, dadurch, dass der wesenlose Urstoff
im Norden und Süden zu finsterm Nebel, zu Wasser und Eis und zu Feuer
sich verdichtete. „Viele Jahre vor der Erschaffung der Erde war
Niflheim (die Welt des Nebels, des Dunkels) entstanden; mitten drin
liegt der Brunnen, der Hwergelmir (der in kesselförmiger Vertiefung
rauschende) heisst. Aus ihm ergiessen sich viele Flüsse. Zuerst bestand
jedoch die Gegend, welche Muspellsheim heisst; diese ist hell und
heiss, und sie kann von niemand, der dort nicht zu Hause ist, betreten
werden.“ Über Ursprung und Sinn des Namens Muspell wird weiter unten
gehandelt. In der Schöpfungssage tritt damit nur die Feuerwelt der
Nebelwelt gegenüber, worin einerseits die Anschauung von Feuer und
Wasser als den Urelementen, andererseits wol auch die christliche
Vorstellung einer Wasser- und Feuerhölle anklingt. In Niflheim und
Hwergelmir sind eigentlich zwei Elemente angedeutet: der Nebel, d. h.
die dunkle Luft, und das Wasser. In Gestalt von zwölf Flüssen, die
kalte, feuchte Luftschichten mit sich führen, entströmt das Wasser dem
Urquell und verdichtet sich zu Eis, womit offenbar der Übergang des
Flüssigen zum Festen erklärt werden soll. Somit werden die Elemente
als uranfänglich betrachtet, welche zunächst geschieden an den Grenzen
des leeren Raumes lagern. Bald aber dringen sie herein und aus ihrer
Vermischung, insbesondere durch die belebende Kraft des Feuers,
erstehen die ersten organischen Gebilde.
Die Gylfaginning fährt in ihrem Berichte fort: „Diese Flüsse, die
Eliwagar heissen, waren soweit von ihrem Ursprunge fortgekommen, dass
die darin enthaltene giftige Flüssigkeit (d. h. die bitterkalte Flut)
erstarrte wie die Schlacke in der Esse. Dort befand sich Eis, welches
stehen blieb und nicht mehr vorrückte; da legte sich Reif darauf und
auch das Nass der Giftflut gefror zu Reif, und so schob sich eine
Reifschicht über die andere nach _ginnunga gap_ hinein. Der nördliche
Teil der gähnenden Kluft füllte sich mit dicken, schweren Eis- und
Reifmassen, die Sprühregen und Winde hervorbrachten. Der südliche Teil
wurde lauer durch die Funken, welche aus Muspellsheim hereinflogen.
Wie die grimmige Kälte aus Niflheim kam, so war alles in der Nähe von
Muspellsheim heiss und hell. _Ginnunga gap_ ward so lau wie windstille
Luft. Als die heisse Luft den Reif erreichte, so dass er zu schmelzen
und zu tropfen begann, da entstand ein Wesen, wie ein Mensch gestaltet.
Sein Name war Ymir, den die Reifriesen Örgelmir (den gewaltig
Rauschenden) nennen, und er ist der Stammvater ihres Geschlechts.“ So
sagt auch Wafthrudnir (Vafþr. 31):
Aus den Eliwagar troff ätzendes Gift,
Das türmte sich, bis ein Thurs draus ward;
Das ist der Ursprung unsres Geschlechtes,
Drum ist rauh der Riesen Sinn.
Der leere Raum erfüllt sich allmälig mit den Elementen, die sich zu
einer Riesengestalt verdichten. Die Riesen bewohnen überhaupt die
unwirtlichen, den Menschen unzugänglichen Gegenden. So ist jener erste
Riese im Ureise der nordischen Vorstellung völlig angemessen und
ebenso gut denkbar, wie die Riesen im Eise des nächtigen Polarmeeres,
welche Hymir verkörpert. Das Gesamtbild der von Wasser, Nebel und Eis
erfüllten Urwelt, deren Nacht vom Süden her allmälig Licht und mildere
Luft empfängt, ist deutlich genug der nordischen Natur entnommen. Dort
spielen sich die in der Gylfaginning geschilderten Vorgänge immer von
neuem ab. Dass dem Urstoff ein organisches Gebilde entwächst, berichten
auch andere Kosmogonien. Die dem Chaos entspringenden Kinder Erebos und
Nyx sind keineswegs abstrakt als Zustände, vielmehr persönlich, als
titanische, riesenhafte Wesen gedacht, ja Chaos selber gilt später auch
für persönlich. So wird auch der Abyssus der biblischen Schöpfungslehre
als ein im Abgrund eingesiedelter Riese gedacht und dargestellt. Nach
der Vǫlospǫ́ sind _Ymir_ und _ginnunga gap_ gleichzeitig und mit Recht:
sie verhalten sich wie _Chaos_ und _chaos_, _Abyssus_ und _abyssus_.
Auf der einen Seite steht die geistigere, des abstrakten Denkens fähige
Vorstellung, auf der andern die sinnliche, die nur Gestalten begreift.
Die Gylfaginning philosophiert, wie der Urstoff zum riesenhaften
Urleib werden konnte, wie in beiden die gleichen Grundkräfte der Natur
wirken.
_Ymir_ (zu _ymja_, rauschen) besagt dasselbe wie _Örgelmir_, den
rauschenden, brausenden Urstoff, das Gewässer des Meeres, zum
riesenmässigen Urleibe geformt. Sobald aber ein menschenähnliches
Gebilde dem Chaos entstiegen, vollzieht sich auch die weitere
Entwicklung auf dem Wege natürlicher Zeugung. Dass im ersten Leibe
beide Geschlechter vereinigt waren, wusste wol auch die germanische
Theogonie und Anthropogonie. Tuisto ist ja vielleicht der Zwitter,
ebenso Ymir (Vafþr. 33). Als er schlief, geriet er in Schweiss, da
wuchs ihm unter dem linken Arme Mann und Weib, sein eigner Fuss zeugte
mit dem andern einen Sohn, und so erwuchsen ihm Nachkommen. Denn von
Ymirs Geschlecht sind alle die Riesen (Hyndl. 34). Ymirs-Örgelmirs
Sohn und Enkel heissen Thrudgelmir und Bergelmir, von letzterem stammt
das jüngere Reifriesengeschlecht, nachdem das ältere in der grossen
Flut umkam. Zu beachten ist das Festhalten des gleichen Stammes in den
Namen _Hwergelmir_, _Örgelmir_, _Thrudgelmir_, _Bergelmir_. Hwergelmir,
der Urquell aller Gewässer, ist das rauschende Element selber, aus
dem sich auch die Riesen erheben. Man wird an die griechische Lehre
vom Okeanos als dem Anfang aller Dinge erinnert. Okeanos ist ebenso
das flüssige Element selbst wie dessen Beherrscher, also sachlich und
persönlich gedacht. So liegen in der nordischen Weltlehre verschiedene
Anschauungen neben einander, indem das erste Geschöpf dem Chaos, den
Elementen, dem Urflüssigen entwächst. Kann man allenfalls dem naiven
dichterischen Glauben den Gedanken zutrauen: Im Anfang war das Wasser
und der Riese des Wassers, oder im Anfang war das Chaos und der Riese
des Chaos, so ist der Versuch, die Entstehung dieses Urgeschöpfes zu
erklären, jedenfalls ein Stück mittelalterlicher Physik und gewiss
nicht selbständig in den Köpfen isländischer Gelehrter entstanden.[638]
Als der Reif weiter schmolz, entstand die Kuh Audumla daraus. Vier
Milchströme rannen aus ihren Zitzen und damit nährte sie den Ymir. Die
Kuh aber fristete dadurch ihr Leben, dass sie die Reifsteine beleckte,
welche salzig waren. Am ersten Tag nun, als sie leckte, kam eines
Mannes Haar zum Vorschein, am zweiten Tage der Kopf und am dritten
der ganze Mann. Sein Name war Buri; er war der Vater des Bur, welcher
Bestla, die Tochter des Riesen Bolthorn, zur Frau nahm. Dies Paar hatte
drei Söhne, Odin, Wili und We. Nur bei Snorri steht dieser wunderliche
und dunkle Bericht. Der Name Audumla widerstrebt der Deutung. Ihr Amt
ist ein zwiefaches. Sie nährt den Ymir, wozu sich anderwärts ähnliches
nachweisen lässt. Zeus hat eine Ziege zur Amme; in Sage und Legende
treten häufig Tiere als Nährmütter der Menschenkinder auf. Da noch kein
andres Leben herrscht, muss die Sage der Audumla denselben Ursprung
beilegen wie dem Ymir. Wer in Audumla die Nass und Fruchtbarkeit
spendende Wolke sieht, weil in einigen Mythologien, namentlich in der
indischen, die Wolken oft als Milchkühe erscheinen, verkennt doch zu
sehr den Unterschied zwischen südlicher und hochnordischer Natur.
Unerhört aber ist, dass die Kuh die Götter zum Leben erweckt. Riesen
und Götter sind nach der nordischen Weltsage nicht erschaffen wie
Menschen und Zwerge, sondern von selber aus dem Chaos aufgegangen; die
Riesen früher als die Götter, wie auch die Titanen vor den lichten
Göttern da sind. Buri und Bur, Wili und We, diese Namen entstammen
der christlichen Dreiheit, wie bereits oben gezeigt wurde. Ein spät
erfundener Stammbaum führt Odins Sippe in die Weltanfänge hinauf.
Während Zeus einem Titanen entsprosst, berührt sich Odin nur mutterhalb
mit den Riesen.
* * * * *
So waren die elementaren Naturmächte, die wilden, ungebändigten
Riesen, und die ordnenden, geistigen, göttlichen Gewalten bereits vor
Erschaffung des Himmels und der Erde vorhanden. „In den Asen erscheint
eine edle, gelungene zweite Hervorbringung gegenüber der ersten
halbmissratenen riesischen. An den Riesen war ein Übermaass des plumpen
Leibes aufgewandt; bei den Asen gelangten Leib und Seele zu vollem
Gleichgewicht, und neben unendlicher Stärke und Schönheit entfaltete
sich durchdringender, schöpferischer Geist“ (J. Grimm, Mythol. 529).
Alsbald beginnt aber auch der Kampf zwischen ihnen, welcher das ganze
Dasein der Götter in der nordischen Sage erfüllt. Die Götter bändigen
die ungezügelten Elemente, um geordnete, wirtliche und wohnliche
Zustände dem Chaos entgegenzustellen. Aber es bedarf steter, scharfer
Wachsamkeit, den Bestand des Gewonnenen zu sichern. Am Ende stürzt
doch alles wieder vor den entfesselten Elementargewalten zusammen. Die
Riesen rächen ihre lange Unterjochung an den Göttern. Aus den Trümmern
taucht eine neue vollkommene, sündlose Welt unter einem andern ewigen
Gotte empor. Auch Zeus ringt seine Macht den Titanen und Giganten ab.
Doch gewaltiger und heldenhafter ist Odins That, und das in der Zukunft
drohende Ende, dessen Herannahen die Götter wissen, verleiht der
nordischen Göttersage eine mit Recht bewunderte erhabene Tragik.
Die Söhne Burs töteten den Ymir, und es lief aus seinem Körper so viel
Blut, dass sie darin das ganze Geschlecht der Reifriesen ertränkten.
Nur einer entkam mit seinen Angehörigen: ihn nennen die Riesen
Bergelmir. Er begab sich mit seiner Frau in ein Boot und rettete sich
darin. Von ihm stammen die jüngeren Geschlechter der Reifriesen.
Wafthrudnir erzählt (Vafþr. 35):
Ungezählte Winter vor der Erde Schöpfung
Geschah Bergelmirs Geburt;
Als Frühstes weiss ich, dass der erfahrene Riese
Im Boote geborgen ward.
Die Angaben des Liedes und der Gylfaginning stimmen nicht vollständig
überein. Hier besteigt der Riese mit seiner Frau das Boot[639],
dort wird er allein hineingelegt, vielleicht als Kind, falls nicht
die Bezeichnung _„enn fróþe jǫtonn“_, der erfahrene Riese, dagegen
spricht. Die nordische Sinflut[640] fällt noch in die chaotische,
urweltliche Zeit. Sie entsteht aus dem Blute des erschlagenen Ymir zur
Vernichtung seiner Nachkommen. Die Götter versuchen durch Totschlag
und Überschwemmung ihre Gegner zu verderben. Auch die nordische Flut
wird zur Strafe wilden Übermutes von den Göttern verursacht. Dass
die Flut mit Ymir zusammenhängt, findet vielleicht in den Worten der
Genesis 7, 11 _rupti omnes fontes abyssi_, wodurch die biblische Flut
herbeigeführt wird, Erklärung, sobald nämlich hier, wie an andern
Stellen Abyssus persönlich gedacht wird.
2. Die Schöpfung der Erde und des Himmels.
Die Söhne Burs erhuben nun die Lande und erschufen den schönen Midgard,
und zwar aus dem Riesenleibe.[641]
Aus Ymirs Fleisch ward die Erde geschaffen,
Aus dem Blute das brausende Meer,
Die Berge aus dem Gebein, die Bäume aus den Haaren,
Aus dem Schädel das schimmernde Himmelsdach.
Doch aus seinen Wimpern schufen weise Götter
Midgard dem Menschengeschlecht;
Aus dem Hirne endlich sind all die hartgesinnten
Wetterwolken gemacht.
Gylfaginning Kap. 8 fügt noch bei, die Götter hätten den erschlagenen
Ymir in die Mitte von Ginnunga Gap geschleppt und dort aus seinem Leibe
die Welt gebildet. Aus dem Schädel fertigten sie den Himmel und setzten
ihn über die Erde auf vier vorstehenden Stützen, und unter jede Stütze
setzten sie einen Zwerg, den Austri, Westri, Nordri und Sudri. Um die
Erde rings herum legten sie das Meer. Himmel und Erde sind also zum
Riesenleibe in Beziehung gesetzt. Die Himmelswölbung wird dem gewölbten
Riesenschädel verglichen, folgerichtig sind die das Himmelsgewölbe
erfüllenden Wolken aus dem Gehirn Ymirs entsprungen. Der Riesenleib
ist der Erde gleich, was ins einzelne ausgemalt eine Zusammenstellung
von Blut und Wasser, Bein und Stein, Haar und Pflanzen ergibt. Dass
Midgard aus den Wimpern erschaffen ist, deutet auf eine schützende
Umzäunung, vielleicht auf einen am Rande der Erdscheibe herumlaufenden
Waldgürtel. Snorri nennt aber Midgard einen Wall (_borg_), den die
Götter wegen der feindlichen Gesinnung der an den Meeresküsten
angesiedelten Riesen rund um die Erde errichtet hätten. Auch in andern
Mythologien finden sich Ansätze oder ähnlich durchgeführte Gleichungen
zwischen Himmel und Erde und einem Riesenleib. In mittelalterlichen
Schriften begegnen Spekulationen über das Verhältniss des _Makrokosmos_
und _Mikrokosmos_. Adams Leib ist aus acht Teilen gebildet, worunter
die Gleichungen Erde und Fleisch, Stein und Bein, Meer und Blut,
Pflanzen und Haar, Wolken und Gedanken wiederkehren. Der Unterschied
zwischen der heidnischen und christlichen Lehre besteht darin, dass
dort die ganze Natur der auseinander gefallene Urmensch ist, hier der
Mensch aus natürlichen Elementen zusammengesetzt wird. War man früher
geneigt, die christliche Vorstellung aus der heidnischen abzuleiten, so
dringt neuerdings die umgekehrte Auffassung durch, dass die Ymirsage
von der Adamsage abhängig sei. Schliesslich ist die Möglichkeit
beiderseitiger selbständiger und unabhängiger Entstehung nicht
abzuweisen, nachdem ähnliche Gedanken bei den verschiedensten Völkern
und zu verschiedenen Zeiten auftauchen.
Aus den Funken aus Muspellsheim machten die Götter Himmelslichter. Dann
ordneten sie den Lauf der Sonne, des Mondes und der Sterne, die Folge
von Tag und Nacht und die Jahreszählung. Von Süden her beschien die
Sonne den Erdengrund, da entsprosste grünes Gras.
Darauf schufen die Götter in der Mitte der Welt Asgard, das Götterheim.
Dort ist ein Ort, der Hlidskjalf (Thürbank, Thürschwelle) heisst. Von
dort aus kann Odin die ganze Welt übersehen. Der Hochsitz Hlidskjalf,
der Übersicht über die ganze Welt gewährt, ferner Namen einzelner
Götterburgen wie Breidablik (Breitglanz), Glitnir (der Glänzende),
Himinbjorg (Himmelsberg) zeigen deutlich, dass Asgard im Himmel über
Midgard liegend gedacht ist.[642]
* * * * *
Wenn ausserdem einige Male noch von Jǫtunheim[643], der Riesenwelt,
Alfheim[643], der Albenwelt, die Rede ist, so soll damit nur allgemein
der Aufenthaltsort dieser Wesen bezeichnet werden. Eine bestimmte
Welt, wie Midgard und Asgard, ist nicht damit gemeint. Anders verhält
es sich mit Muspellsheim und Niflheim[644], die ja schon in Snorris
Schöpfungsberichte am Anfange erschienen. Niflheim oder Niflhel gilt
als die Totenwelt, als die Nebelhölle, als die Unterwelt. Einige
Male wird nach christlichem Vorbilde auch noch von der untersten
Hölle gesprochen. Dass die Hölle unter Midgard sich ausdehnt, mag
altgermanischer Glaube sein. Der Aufenthalt der Toten, die im Grabe
geborgen werden, muss ja als unterirdisch gedacht werden.
Die Vǫlospǫ́ 2 und die Vafþrúþnesmǫ́l 43 erwähnen neun Welten, _nio
heimar_. Auf Grund dieser Stellen ist auch in der Snorra Edda beiläufig
von neun Welten die Rede.[645] Aber nirgends werden sie aufgezählt,
vor allem nirgends im Weltgebäude vorausgesetzt. So einfach und klar
das Weltbild der vom Himmel (Asgard) überwölbten Erde (Midgard) sich
darbietet, so unmöglich ist die Vorstellung von neun Welten, will
man sie gleichberechtigt mit jenen im Weltganzen unterbringen. In
den Liedern erscheint die Neunzahl beidemal im selben Zusammenhang
und im selben Sinn: wer die neun Welten durchfuhr, weiss alles. Die
neun Welten scheinen nur typisch gezählt zu sein.[646] Die Vǫlva und
Wafthrudnir wollen damit sagen, dass sie bei allen Wesen und in aller
Welt geweilt, alles durchforscht haben und darum alles Weltwissen
besitzen. Ein ähnlicher Gedanke liegt auch dem Alwisliede zu Grunde.
Thor verlangt vom weisen Zwerge Bescheid, wie einzelne Begriffe in
den vielen Welten genannt werden, und Alwis antwortet demnach, wie
Erde, Himmel, Sonne, Mond, Wind, Wolke, Meer, Feuer u. s. w. bei Asen,
Wanen, Menschen, Riesen, Zwergen, Elben heissen. Darum scheint es ein
vergebliches Bemühen, die neun Welten als bestimmte Örtlichkeiten
aufzusuchen, eher sind die verschiedenen Wesenklassen gemeint, deren
Aufenthaltsorte ja zuweilen auch als „_heimr_“ bezeichnet werden.
Die Neunzahl mag bildlich zu verstehen sein als der Inbegriff des
Vorhandenen.
* * * * *
Die nordische Weltvorstellung ist so zu denken: Midgard ist rings vom
Meere umgeben, Meer und Erde bilden eine kreisrunde Scheibe, über
welche sich der Himmel wölbt. Der ganze Weltbau, Himmel und Erde
und Meer, schwebt im leeren Raum (_ginnunga gap_). Dort war ja Ymir
zerstückelt worden. Wer sich allzuweit auf das erdumgürtende Meer
hinauswagt, gelangt schliesslich zu den Grenzen der Welt und läuft
Gefahr, in den gähnenden leeren Raum zu stürzen. So ist _ginnunga gap_
im 11. Jahrhundert bei Adam von Bremen ein geographischer Begriff, die
Grenze des Weltmeers im hohen Norden.[647] Midgard ist die wirkliche
Erde, wo Menschen wohnen. Über ihr steht die himmlische Götterwelt,
Asgard, unter ihr dehnt sich die Hölle, Niflheim, aus. Ausser Asgard,
Midgard und der Hölle gab es ursprünglich wol nur Utgard. Darunter
sind unwirtliche, dem Anbau widerstrebende, öde und wilde Landstrecken
gemeint; dorthin sind Trolle und Riesen versetzt. Bei der Fahrt Thors
nach Utgard, ins Riesenland, ist es jenseits des Meeres gedacht. Nach
ihrer Landung haben die Gesellen noch einen breiten und weiten Wald
zu durchwandern. Nach der Gylfaginning werden die Riesen längs der
Meeresküste angesiedelt. Die Vorstellungen über die Lage von Utgard
schwanken. Ursprünglich galt wol die Anschauung, dass die Riesen
streckenweise am diesseitigen Gestade, vor dem Schutzwall Midgards,
hausten, im Ost- und Nordgebirge Norwegens. Denn jenseits des Meeres
ist Ginnunga Gap. Im 9. und 10. Jahrhundert erweiterten sich die
geographischen Begriffe der Nordleute beträchtlich infolge der
Entdeckungsfahrten. Um 880 wurde das Nordkap umschifft, um 874 Island
entdeckt, gegen Ende des 10. Jahrhunderts Grönland. Infolge davon
scheint Utgard jenseits des Meeres verlegt worden zu sein. Handelt es
sich ja doch auch um kein rechtes bewohnbares Land, vielmehr um wüste
Gegenden. Da die Riesen schon vor Erschaffung von Midgard und Asgard im
chaotischen Urzustände, im Ginnunga Gap heimisch waren, so fällt Utgard
mit Ginnunga Gap gewissermaassen zusammen.