Spinnstuben heimsucht, begegnet aber auch noch in Verbindung mit
andern abergläubischen Vorstellungen, die jedoch nicht die gleiche
allgemeine Verbreitung zeigen und darum nur wie vereinzelte Zuthaten
zur gemeinsamen Sage erscheinen. Vielleicht würde sich dadurch eine
Erweiterung und Erhöhung ihres Wesens ergeben, eine Anknüpfung an
heidnische Göttinnen ermöglichen lassen. Die nach dieser Richtung
gemachten Versuche erweisen sich ebenso hinfällig, wie der vorige,
weil sie die weit einfachere und näher liegende Erklärung, die einen
Zusammenhang mit germanischen Göttinnen ausschliesst, geflissentlich
vermeiden. Das wütende Heer unter Wode und andern Führern zieht in
den Zwölften und sonst noch häufig um. Wie die Concilienbeschlüsse
bei Burchard von Worms zeigen, fanden frühzeitig im christlichen
Mittelalter Vermischungen biblischer und antiker Sagen mit dem
Aberglauben zunächst des romanischen, dann aber auch des germanischen
Volkes statt. Die jüdische Königstochter Herodias, die des Johannes
Enthauptung bewirkt hatte, und Diana, die nächtliche Mondgöttin, die
wilde Jägerin traten an die Spitze des wilden Heeres. Man glaubte von
Frauen, dass sie zu gewissen Zeiten zum Dienste der Diana und Herodias
in die Schar ihrer Gespenster gerufen würden. Zahlreiche gespenstische
Unholdinnen, auf Tieren reitend, fuhren in deren Gefolge nächtlicher
Weile weithin durch die Lande. In vielen mittelalterlichen Schriften
wird dieser allgemeine und weitverbreitete Aberglaube erwähnt. Man
erkennt deutlich seinen Ursprung: die nachtfahrenden Hexen erhielten
eine Anführerin aus dem Kreise antiker und biblischer Vorstellungen.
Somit haben wir eine bestimmte, hieraus hervorgegangene Form des wilden
Heeres vor uns, welche erst verhältnissmässig spät, in christlicher
Zeit aufkommen konnte. Wenn nun Frau Holle, Berchte, Gode zuweilen auch
im wütenden Heere oder als wilde Jägerinnen erscheinen, so hängt dies
zweifellos hiermit zusammen. J. Grimm[623] meint freilich, Herodias
und Diana seien an Stelle der deutschen „Göttinnen“ getreten. Doch
wie hätten deutsche Göttinnen auf romanischem Gebiete der Herodias
und Diana Anknüpfung an die Hexenschar vermitteln sollen? Ausserdem
ist ihr hohes Alter sehr fraglich. Herodias und Diana hatten sich
vermutlich schon an die Spitze der wilden Schar gesetzt, ehe die Holle,
Berchte u. s. w. im Volksglauben auftauchten. Desshalb verhält sich
die Sache umgekehrt. Die Holle, Berchte, Gode verdrängten die älteren
Gestalten der Diana und Herodias. Die „_turba daemonum in similitudinem
mulierum transformata_“, die Schar der Unholdinnen[624] zog besonders
in den Zwölften, und da kehrte auch das gespenstische Weib in den
Spinnstuben ein. Alle Geister gehören schliesslich ins wilde Heer. Dass
die unheimliche Gestalt manchmal auch als oberste der Hexen an Stelle
der Diana und Herodias oder auch des Wode gedacht wurde, ist wol zu
verstehen. Trat einmal irgendwo eine abergläubische Vorstellung, stark
in den Vordergrund, in Mitteldeutschland etwa Frau Holle, auf einzelnen
Strecken der norddeutschen Tiefebene Frau Gode, so ergab sich ohnehin
leicht ihr Übergewicht über die andern geisterhaften Wesen. Nur eine
Abart der Sage vom wilden Heere ist es, wenn die Frau mit einem Wagen
erscheint, der am Kreuzwege zerbricht. Ein des Weges kommender Mann
wird von ihr aufgefordert, den Schaden zu bessern, damit sie weiter
fahren kann. Zum Lohn seiner Arbeit erhält er die abgefallenen Spähne,
die sich am andern Tag zu Gold verwandeln. Die Frau in ihrer Beziehung
zum wilden Heer reicht ebensowenig wie die einzeln umherziehende
aus dem Kreise des Gespensterglaubens der Zwölften und anderer
Schwarmzeiten hinaus. Abgesehen davon, dass Diana und Herodias ihr
Vorbild abgaben, weist auch hier kein einziger Zug aufs germanische
Heidentum, auf die göttliche Frija. Ja es scheint fraglich, ob in der
Heidenzeit ein Weib neben Wode die Schar hätte führen können, und dann
wäre es sicherlich keine der hohen Göttinnen, am wenigsten Frija, des
lichten Tiuȥ Weib gewesen.
Frau Holle wohnt in Teichen oder in Bergen. Im 17. Jahrh. weiss
Prätorius, dass sie im Hörselberge sitzt. Er stellt sie also der
Venus, der mit den Seelen Abgeschiedener, nach christlicher Meinung
Ungetaufter und Verdammter, im Berge hausenden Elbin gleich.
Kinderseelen, die Heimchen oder bei Berchte die Berchteln, werden
ihr zugewiesen. Die Neugeborenen kommen aus ihrem Brunnen. Oft sieht
man sie mit den Heimchen im Lande umziehen. Ihre Umfahrt verleiht
den Äckern Fruchtbarkeit. Hier tritt mit einem Male eine ganz andere
Gestalt uns entgegen, anstatt der hässlichen Kinderscheuche eine milde,
gütige Frau. Sollte darin etwa die Göttin nachwirken? Doch warum
begegnen solche Züge so selten und nicht überall, nur bei Berchte und
Holle? Auch gehören diese Sagen zu den jüngsten. Das Kinderparadies
unter der Obhut einer milden, guten Frau erscheint zu weich, um ins
deutsche Heidentum zurück verlegt zu werden. Von Maria wird nun ganz
dasselbe erzählt.[625] In Köln werden die Kinder aus dem Brunnen der
St. Kunibertskirche geholt. Dort sitzen sie um die Mutter Gottes herum,
welche ihnen Brei gibt und mit ihnen spielt. Es ist nicht dunkel im
Brunnen, sondern tageshell. In Jugenheim a. d. Bergstrasse sitzt Maria
mit Johannes im Brunnen, geigt den darin befindlichen Kindern und
spielt mit ihnen. Von holden weissen Frauen, die nicht näher bezeichnet
werden, gehen noch viele ähnliche Sagen.[626] Durch Brunnen und Seen
steigen Menschen öfters zu den wundersamen Gefilden der freundlichen
Elben hinab. Ihre Seelen gehen in die Gemeinschaft der guten Holden.
Vergleicht man hiermit die betreffenden Holdasagen, so wird auch über
deren Entstehung kaum ein Zweifel möglich sein. Maria und die Heiligen
nahmen sehr viel vom Wesen der guten Geister an. An Brunnen, da früher
die Wasserfrau Verehrung genoss, erhub sich später ein Marienbild.
Nach der Ammenrede kommen die Kinder aus dem Brunnen. Alles das wirkt
zusammen zu den erwähnten Mariensagen. Frau Holle mit den Heimchen
entstammt denselben Vorbedingungen. Man kann nur schwanken, ob die
Entwicklung der Hollesagen selbständig und unabhängig verlief, oder ob
blosse Nachahmungen der Mariensagen vorliegen. Letzteres, dünkt noch
eher glaubhaft, zumal im Hinblick auf andere Berührungen zwischen Holle
und Maria. Frau Holle als die holde Frau verstanden gab leicht Anlass
zu ihrer Verschmelzung mit Maria.
Frau Holle wird im Himmel, über den Wolken thronend, gedacht. Daher die
Redensart, wenn es schneie, schüttle Frau Holle die Betten aus, deren
Federn fliegen. Da ist also Holle doch einmal eine hehre himmlische
Göttin. Im Kindermärchen belohnt sie das brave, fleissige Kind mit
Gold, das faule bestraft sie mit Pech. Diese Eigenschaft Holdas darf,
wie J. Grimm, Myth. 246 Anm., erkannte, mit einem Namen der Maria
verglichen werden. Am 5. August feierte die Kirche das Fest der _Maria
ad nives, notre dame aux neiges_. Aus dem 16. Jahrhundert, aus der
sächsischen Chronik des Pomarius (1588) bringen die Brüder Grimm in
den Deutschen Sagen Nr. 462 eine hieher gehörige Erzählung. Kaiser
Ludwig setzte einmal, als er durch einen Wald ritt, sein Marienbild auf
einen Stein. Als ers darauf wieder zu sich nehmen wollte, vermochte
er es nicht von der Stätte zu bringen. Da kam eine Stimme vom Himmel:
So ferne und weit ein Schnee fallen wird, so gross und weit sollst
du einen Dom bauen, zu Marien Ehre! Und alsbald hub es an vom Himmel
zu schneien auf die Stätte.[627] Die Schnee-Maria ist somit eine
legendarische, nicht bloss auf Deutschland beschränkte Gestalt. Allein
schon deshalb fällt J. Grimms Behauptung, es sei eine Eigenschaft
Holdas auf Maria übergegangen. Das Verhältniss ist umgekehrt, Frau
Holle ist der Maria nachgeahmt.[628]
Wenn in einigen norddeutschen Landstrichen Fru Gode, Fru Gaue, de gaue
Fru dasselbe Ernteopfer erhält, wie Wode, so beruht dies entweder auf
der Frau Wode, der wilden Jägerin, der Diana-Herodias, oder es lässt
sich ein segnender Flurgang der guten Frau, der Maria, denken.[629]
Zieht man aus der Betrachtung der gesamten Überlieferung den
Schluss, so bleibt das unanfechtbare Hauptergebniss, dass in diesen
Gestalten der spätmittelalterlichen und neueren Volkssage ein Nachhall
germanischer Göttinnen nicht nachweisbar ist. Wol aber bieten sich
ungezwungen andere ausreichende Erklärungen. Die gespenstische Frau
wurzelt im Volksaberglauben; treten manchmal, namentlich an Frau
Holle, mildere Züge hervor, so zeigt sich Zusammenhang mit Maria und
den guten Holden. So verschiedenartig die Bestandteile sind, aus denen
die umgehende Frau des Volksglaubens sich entfaltete, nirgends wirkt
heidnischer Götterglaube nach. Sowenig wie früher bei Zisa, Frau Eysen
(Isis) gelehrter Übereifer sich als gerechtfertigt erwies, gelang es
den neueren Sagenforschern auf die Dauer, die Holda, Berchta, Fricka
als germanische Göttinnen zu kanonisieren. Doch leben sie wenigstens im
wirklichen Aberglauben, nur nicht, wie man wähnte, als verblasste und
erniedrigte Göttinnen.
DRITTES HAUPTSTÜCK.
Von der Weltschöpfung und vom Weltende.
Die Frage, wie die Welt entstand, ob und wie sie vergeht, setzt eine
ziemlich hohe Stufe des Denkens voraus, falls die Antwort darauf in
Gestalt einer Entwicklungsgeschichte der Welt gegeben wird. Hier
liegen die Keime zur Naturphilosophie, die in ihren Anfängen leicht an
kosmogonische Sagen anknüpft. Nur begabte und gesittete Völker werden
zu einer fein gegliederten Lehre von den ersten und letzten Dingen
fortschreiten. Die nächste Frage ist, woher kam die Welt, erst lange
nachher erhebt sich die Frage, wohin geht die Welt. Denn die bestehende
von den Göttern eingesetzte Weltordnung erscheint dem einfachen
Heidenglauben ewig und unwandelbar. Höchstens denkt er darüber nach,
wie es so kam. Das lehrt die griechische Mythologie. Der Heide wird den
Stoff als das erste setzen, den göttlichen Geist, der den Stoff sich
unterwirft, erst allmälig daraus hervorgehen lassen, im Gegensatz zur
christlichen Lehre, welche in Gott den Anfang und das Ende aller Dinge
erblickt. Im Heidentum entwickelt sich eine Weltlehre nur beiläufig,
im Anschluss an die Götterlehre, an die Theogonie, gleichsam zur
Rechtfertigung der waltenden Götter, welche ihre gebietende Stellung
den dämonischen Wesen abgerungen haben und gegen sie behaupten werden.
Die Absicht geht dahin, die bestehende Ordnung als die Vollendung
der Weltentwicklung, als den Sieg der Göttermacht hinzustellen. Die
Hauptteilnahme gehört den gegenwärtigen Zuständen des Götterstaates,
nicht den vergangenen oder künftigen. Anders im Christentum, wo das
Ewige, Göttliche das Zeitliche, Weltliche überragt. Da erscheint das
Weltleben nur als ein Übergang. Ganz andere Bedeutung gewinnt die
Kosmogonie und Eschatologie, auf welche ein Hauptgewicht der Lehre
fällt. Die Glaubensboten mussten vor allem auf diese Erkenntniss
hinwirken und hatten eifrig von der göttlichen Weltschöpfung und
vom Weltende, vom jüngsten Gericht, von der ewigen Seligkeit und
von den ewigen Strafen zu predigen. Wo sie heidnische kosmogonische
oder theogonische Vorstellungen vorfanden, widerlegten, sie diese
mit dem Hinweis auf den ewigen Gott, der vor dem Weltstoffe da war,
nicht wie die Heidengötter aus dem Stoff hervorging, geschaffen oder
gezeugt wurde. Die Kosmologien der verschiedenen Völker, unabhängig vom
reinen christlichen Gottesbegriff, gleichen einander in Einzelheiten
oft aufs genauste. Da von einer Uroffenbarung der Menschheit oder
von einer urarischen Weltlehre nicht die Rede sein kann, sind die
zahlreichen Übereinstimmungen nur aus Zufall oder durch Entlehnung
zu erklären. Gewiss ist die Wahrscheinlichkeit unleugbar, dass viele
Völker durchaus unabhängig und selbständig diese Fragen aufwarfen
und ähnlich beantworteten. Die Natur gewährt den Stoff zur Antwort,
das Denken des menschlichen Geistes kann aus übereinstimmenden
gleichen Voraussetzungen manchmal auch unwillkürlich zu denselben
Schlüssen gelangen, falls die Grundlagen sehr einfach sind. Aber
wenn sich Gleichungen in einer zusammenhängenden, stufenreichen
und sinnvollen Reihenfolge von Schöpfungsakten einstellen, wenn
Einzelheiten, die einem kunstvollen, willkürlichen Gedankengang
entspringen, zusammenstimmen, so liegt die Annahme der Entlehnung
nahe. Nachahmung und Entlehnung scheinen um so glaublicher, wo die
allgemeinen Verhältnisse ein Einströmen fremder Einflüsse ermöglichen.
Die nordische Mythologie enthält eine sehr ausführliche Weltlehre.
Da erhebt sich nun die Frage, ob dieselbe auch für die deutschen
Stämme in Anspruch genommen werden darf, ob sie gemeingermanisch
oder ausschliesslich nordisch ist, ob sie auf nordgermanischem Boden
aus lauter heimischen Vorstellungen erwuchs, oder ob fremde, antike
oder christliche Einflüsse darin zu erkennen sind. Zunächst sind die
Zeugnisse zu prüfen, welche für das Dasein ähnlicher Sagen unter den
deutschen Stämmen angeführt zu werden pflegen.
I. Deutsche Sagen über den Ursprung der Götter und Menschen.
Dass die Germanen eine Theogonie und Anthropogonie, Lieder vom Ursprung
der Götter und Menschen besassen, wird durch Tacitus Germania Kap. 2
bezeugt. Sie priesen in alten Gesängen den erdgeborenen Gott Tuisto
und seinen Sohn Mannus, die Urheber und Erzeuger ihres Volkes. Dem
Mannus schrieben sie drei Söhne zu, nach welchen die Ingaevonen,
Erminonen, Istaevonen genannt sind. In diesem Mythus war vom Ursprung
der Menschheit überhaupt, dann vom Ursprung der germanischen Stämme
im besonderen erzählt. Aus der Erde ging ein göttliches Wesen hervor,
Tuisto, der Zwitter. Der zeugte Mannus[630], d. i. den Urmenschen; also
nicht geschaffen, sondern auf natürlichem Wege von den Göttern gezeugt
ist die Menschheit. Die Stammväter der germanischen Völkerschaften sind
Söhne des Urmenschen. Wenn andererseits die Ingaevonen, Erminonen,
Istaevonen den Namen ihrer Stämme dem Tiuȥ beilegten, so betrachteten
sie sich damit aber auch als seine unmittelbaren Nachkommen. Demnach
scheinen im Mythus, auf welchen Tacitus anspielt, zwei ursprünglich
selbständige und eigentlich unvereinbare Sagen zusammengeschweisst
worden zu sein. Die Sagen vom gottgezeugten Urmenschen und von den
Tiuȥsöhnen, die unabhängig neben einander entstanden sein müssen,
wurden einander untergeordnet und daraus ergab sich die von Tacitus
berichtete Reihenfolge.[631] Tacitus fügt hinzu, es gebe noch mehr
Göttersöhne, nach denen Völkerschaften genannt seien -- _pluris deo
ortos plurisque gentis appellationes_. Für die germanische Theogonie
lernen wir nur, dass die Erde als Göttermutter galt. Aber es lässt sich
nicht bestimmen, ob Tuisto unmittelbar aus der Erde entsprosste oder ob
der Himmel sein Vater war, ob wir das uralte Götterpaar Himmel und Erde
auch an den Anfang der germanischen Götterlehre stellen dürfen.
Kauffmann[632] hat auf einen für die Bekehrungsgeschichte zweifellos
überaus lehrreichen und wichtigen Brief aus den Jahren 723 bis 725
hingewiesen, worin der Bischof Daniel von Winchester dem Bonifacius
Ratschläge erteilt, wie er bei der Heidenbekehrung vorgehen solle.
Kultgebräuche und Göttersagen (_ritus et fabulae_) dürfen nicht
schlechtweg heruntergesetzt und verpönt, müssen vielmehr aus inneren
Gründen als unhaltbar erwiesen werden. Der Bekehrer hat sich mit
dem Gedankenkreise der Heiden vertraut zu machen, ihre Anschauungen
und Begriffe kennen zu lernen, um sie hierauf zu widerlegen. Daniel
schreibt das Verfahren genau vor und geht darum auf die heidnischen
Vorstellungen der deutschen Stämme ein. Es fragt sich nun, wie diese
beschaffen waren. Zunächst ist mit der Theogonie (_deorum genealogia_)
zu beginnen. Die Göttersage berichtet von Erzeugung und Geburt der
einzelnen Götter und stellt die einen an Macht und Ansehen über die
andern. Dagegen hat der Bekehrer den Satz zu verfechten, dass Wesen,
welche der Zeugung und Geburt unterliegen, eher Menschen als Götter
seien. Und wenn die Götter in Urzeiten Kinder bekamen, warum sie sich
jetzt der Zeugung enthielten? Andernfalls wäre freilich die Zahl der
Götter unbegrenzt, und die Sterblichen könnten nie wissen, welcher der
Mächtigste sei. Die Opferspenden an die Götter seien unnötig, wenn
diese doch alles beherrschen würden. Die ganze Beweisführung zielt
allein dahin, dass der eine allmächtige und allewige Gott seinem Wesen
nach darum den Heidengöttern überlegen sei, weil diese eben zeitlich
und menschlich, nur wie mächtige irdische Könige gedacht sind. Die
Vielheit der Götter und ihre Verwandtschaftsverhältnisse geben dem
Christen Anlass, seinen Gottesbegriff als den höheren und reineren
entgegenzuhalten. Eine zweite Hauptfrage betrifft den Bestand der Welt:
ist die Welt ewig oder einmal erschaffen; dann aber bedarf sie eines
Schöpfers. Ehe die Welt besteht, ist zweifellos kein Raum für gezeugte
Götter. Doch könnten die Heiden die Welt für uranfänglich halten --
_quod multis refutare ac convincere documentis argumentisque stude_.
Gesetzt aber, es wäre so, wer gebot der Welt vor den geborenen Göttern?
wie konnten sie eine vor ihnen vorhandene Welt sich unterwerfen?
von wem und wann wurde die erste Gottheit eingesetzt oder erzeugt?
Die Fragen sind geschickt gestellt, der Christ findet immer den
einen Bescheid, auf den der Bekehrer hindrängt: der eine ewige und
allmächtige Gott, Schöpfer des Himmels und der Erde. Wird aber dadurch
eine deutsche Kosmogonie „eine Vǫlospǫ́ der mitteldeutschen Stämme“,
wie Kögel behauptet, wahrscheinlich? Eher das Gegenteil, das Fehlen
ausgebildeter kosmogonischer Sagen. Wer die nordische Weltsage den
Fragen gegenüber hält, ist um Auskunft nicht verlegen. Der Urstoff
ist ewig und unerschaffen, daraus erhub sich Ymir und der erste
Gott, Buri. Von ihm stammte Bur, der Odin und seine Brüder erzeugte.
Diese schufen Himmel und Erde aus Ymirs Leib. Ehe die jetzige Welt
bestand, hausten die Götter gleich Ymir im eisigen Urstoffe. Hätte
der kluge Bischof solche Antworten zu gewärtigen gehabt, so würde er
seine Fragen sicher anders geordnet haben. Auf eine dem nordischen
Bericht auch nur einigermaassen ähnliche deutsche Schöpfungssage kann
aus Daniels Brief nimmermehr geschlossen werden. Er betrifft nur die
Göttersage (Theogonie) und das Opfer und folgert: solche zeitliche
menschenähnliche Götter können diese Welt weder geschaffen haben noch
sie beherrschen. Sie sind in Zeit und Raum befangen. Gott aber ist
ausser Zeit und Raum und darum ihnen überlegen.
Zum Nachweis einer fränkisch-deutschen Kosmogonie liesse sich besser
der Bericht Gregors von Tours 2, 29-31 heranziehen, wie dies auch
von J. Grimm, Myth. 96 geschah. Chrothild spricht zu ihrem Gemahle
Chlodowech, den sie für die Taufe einnehmen will, gegen seine Götzen
Saturnus, Juppiter, Mars und Merkur. Mit den lateinischen Namen an
Stelle der fränkischen Donar, Tiu, Wodan, kamen auch Bezüge auf die
antike Mythologie herein, so dass es schwierig ist, die etwa zu Grunde
liegenden fränkischen Anschauungen unverfälscht abzuklären. Als die
Königin den Christengott rühmt, der Himmel und Erde und Meer und Alles,
was darinnen ist, mit seinem Worte aus dem Nichts erschuf, hält ihr
der König entgegen: _deorum nostrorum jussione cuncta creantur ac
prodeunt. deus vero vester nihil posse manifestatur, et quod magis est,
nec de deorum genere esse probatur_. Chlodowech will sagen, in unsrer
Göttersage, in Wodans Stammbaum ist kein Platz für den Christengott.
Unsere Götter aber haben die Welt gemacht. Fränkische Lieder mögen
demnach die Götter als die Schöpfer bezeichnet haben, etwa im Sinne
der Vǫlospǫ́, dass Himmel und Erde von ihnen aus dem Chaos gehoben und
wohnlich eingerichtet wurde. Eine fränkische Theogonie wird ebenfalls
vorausgesetzt, welche die Götter in fest gegliedertem Stammbaum von
einander ableitet. Doch haben wir keine Gewähr, in wie weit das von
Gregor mitgeteilte Gespräch nicht nur auf erfundenen Phrasen beruht.
Aufs blosse Wort der Götter wird die Welt schwerlich entstanden sein.
Dieser Bescheid des Königs ist vielleicht gar nicht so wörtlich und
wirklich zu nehmen, vielmehr ein blosser rednerischer Trumpf auf den
Vorhalt der Königin. Mehr Vertrauen, wie auch J. Grimm betont, verdient
der Einwurf des Götterstammbaumes. Lieder theogonischen Inhaltes
bezeugt ja schon Tacitus. Der Theogonie gesellen sich allerdings
leicht auch Andeutungen über Ursprung und Ordnung der Welt. Odins
Beinamen Gautr für einen germanischen Götternamen zu erklären, ist
vielleicht gestattet. Aber darin einen „Giesser“, d. h. Schöpfer, also
die Vorstellung eines den Germanen bekannten schöpferischen Gottes zu
sehen, ist falsch, wie im Abschnitt über Wodan gezeigt wurde.
Das altsächsische Bruchstück aus dem Ende des 8. Jahrh., _das sog.
Wessobrunner Gebet_[633], muss häufig dafür herhalten, ein heidnisches
niederdeutsches Gedicht kosmogonischen Inhaltes zu erweisen, weil ein
paar Verse, welche den Zustand vor der Weltschöpfung schildern, an die
Vǫlospǫ́ anklingen. Allein die Übereinstimmung kann auf Zufall beruhen,
da in beiden Denkmälern derselbe Grundgedanke in der gleichen Weise
Ausdruck erhält. Der vorweltliche Zustand wird durch die Verneinung
dessen, was die sichtbare Welt vor Augen stellt, beschrieben. Besteht
aber ein Zusammenhang, dann bedarf es keines gemeinsamen heidnischen
Gedichtes, vielmehr gibt die Bibel den gemeinschaftlichen Hintergrund.
Alle Begriffe, die im Wessobrunner Gebet vorkommen, lassen sich aus
der Bibel, aus der Genesis Kap. 1 und aus Psalm 89, 2, belegen. Die
Vǫlospǫ́ kann aber von zahlreichen christlichen Einflüssen nicht
freigesprochen werden.
Das bayerische Gedicht aus dem 9. Jahrh., _das sog. Muspilli_ wurde
auch auf heidnische Nachklänge hin untersucht. Während Kögel im
Anschluss an J. Grimm, Myth. 771 ff. wiederum diesen heidnischen
Spuren das Wort redet, bescheidet sich Kelle S. 146 mit der letzten
Verteidigungsstellung der Verfechter des Heidentums: „Heidnisch ist in
dem deutschen Gedichte vom Weltgerichte sicher nichts als _mûspilli_.“
Gerade dieses Wort ist aber der allersicherste und deutlichste Beweis
für die christliche Herkunft des Gedankens vom Weltbrand, wie unten im
Anschluss an Bugge, Studien S. 447 ff. gezeigt werden soll.
Die aus mündlicher Überlieferung aufgezeichnete Volkssage dieses und
des vorigen Jahrhunderts weiss von einer künftigen fürchterlichen
Schlacht.[634] Sie ist ans Walserfeld bei Salzburg oder an den
Kirchhof zu Nortorf in Holstein geknüpft, kommt aber auch sonst in
deutschen Gauen häufig vor. Wenn der dürre Baum auf der Walser Heide
anhebt zu grünen und Früchte zu tragen, wenn der Fliederbusch zu
Nortorf so hoch gewachsen ist, dass ein Pferd darunter angebunden
werden kann, dann bricht in der ganzen Welt Krieg aus. Dann reitet
ein Kaiser zum Baum oder Strauch, hängt seinen Schild auf oder bindet
sein Pferd an, und nun beginnt die letzte blutige Schlacht, aus der
nur wenige Leute übrig bleiben. Darauf kommt der Weltfrieden, andere
Quellen aber sagen, der Antichrist und das Weltende. Nach dem Vorgange
J. Grimms war es lange Zeit üblich, die Sage für einen Nachklang
der germanischen Götterschlacht, die dem Weltbrand vorausgeht, zu
betrachten. Der Baum erinnerte an die Weltesche, die erbebt und
rauscht, wenn die höllischen Mächte einmal losbrechen. Aber dieser
Schluss hat sich als voreilig herausgestellt. Diese allgemeine
Weissagung einer letzten grossen Weltschlacht gehört, wie die älteren
Fassungen deutlich zeigen, zur mittelalterlichen Kaisersage und
entstammt einer alten morgenländischen und durchaus christlichen
Sage, die mit dem deutschen Heidentum gar nichts zu schaffen hat.
Der Schauplatz ist in den älteren Fassungen auch keine deutsche
Heide, sondern das heilige Land. Im Mittelalter ging auf Grund einer
byzantinischen Weissagung die Legende von einem letzten römischen
Kaiser, der siegreich über alle Feinde nach Jerusalem ziehen und dort
seine Krone niederlegen oder seinen Schild am dürren Baume, der alsbald
frisch ergrünt, aufhängen werde. Damit ist der biblischen Prophezeiung
gemäss das letzte Weltreich vorüber und der Antichrist und das Weltende
folgen alsogleich. Die Sage von der letzten Weltschlacht ist mithin
zum Beweise einer deutschen „Götterdämmerung“ nicht zu verwenden.
Sie ist aber ein lehrreiches und warnendes Beispiel, wie vorsichtig
die mythologische Auslegung den neueren Volkssagen gegenüber sich zu
verhalten hat. Ihre oft allgemeine Form verführt allerdings zu solchen
Versuchen, die aber schon durch die älteren Fassungen völlig unhaltbar
erscheinen müssen. Denn da treten immer zahlreicher und bestimmter
Einzelheiten hervor, welche die Sage dem Gebiete germanischer
Mythologie entziehen. So möchte noch manche Erscheinung des neueren
Volksglaubens, die für die Geschichte des deutschen Heidenglaubens
beansprucht wird, allein schon durch die Kenntniss älterer,
vollständigerer und bestimmterer Fassung hinfällig werden. Die stetig
zeugende und schaffende sagenbildende Kraft, die nicht unterschätzt
werden darf, bewegt sich oft nur scheinbar in uralt heidnischem Geleise.
* * * * *