Echter scheint der Beistand zu sein, welchen Thorgerd dem Jarl Hakon

im Kampfe leistet. Schon Bischof Bjarni (um 1200) in der _Jómsvíkinga

drápa_ 32 weiss, dass die Hölgabrud ein Hagelwetter über Hakons Feinde

schickt. Genaueres erzählt die Saga.[603] In der Schlacht gegen die

Jomswikinger im Jahre 987 oder 988 wandte sich Jarl Hakon, als seine

Sache schlimm stand, an Thorgerd. Mit wenig Leuten fuhr er auf eine

bewaldete Insel. In einer Waldlichtung warf er sich gen Norden auf

die Knie nieder und bat Thorgerd um Beistand. Aber sie blieb taub.

Da glaubte der Jarl, sie sei ihm zornig und bot ihr verschiedene

Opfer an. Aber sie wollte nichts annehmen, und seine Sache dünkte ihm

hoffnungslos. Da verhiess er ihr schliesslich Menschenopfer. Doch

sie wollte das von ihm versprochene Menschenopfer nicht annehmen.

Da erhöhte er sein Angebot und verhiess ihr alle Leute, nur nicht

sich selber und seine Söhne Eirik und Svein. Der Jarl hatte einen

vielversprechenden 7 Winter alten Sohn mit Namen Erling. Diesen wählte

sich Thorgerd als Opfer. Als sein Gebet und Opfer erhört war, schien

es dem Jarl wieder besser zu werden. Er überantwortete sein Kind dem

Skopti, seinem Knechte, welcher es nach Opferbrauch tötete. Darauf

kehrte der Jarl mit neuer Zuversicht zu seinen Schiffen zurück. Er

sagte: Ich weiss, wir werden die Jomswikinger besiegen; denn ich habe

den Schwestern Thorgerd und Irpa um Sieg geopfert und sie werden

mich so wenig trügen wie früher. Der Kampf, welcher während Hakons

Abwesenheit geruht hatte, entbrannte von neuem. Der Jarl fuhr dem

Führer der Wikinger, Sigwaldi, entgegen im Vertrauen auf Hölgabrud

und Irpa. Da zog im Norden mit grosser Schnelligkeit ein drohendes,

finsteres Wetter auf. Gegen Nachmittag stieg plötzlich das Gewölk empor

und Hagel brach los mit Blitz und Donner, so dass alle Jomswikinger

dagegen zu kämpfen hatten. So stark war das Hagelwetter, dass die

Leute nicht dagegen Stand halten konnten. Sie hatten zuvor wegen

der Hitze die Kleider abgelegt; obwol sie nun von Frost geschüttelt

wurden, gingen sie doch mannhaft ins Gefecht. Da erblickte zuerst

Haward die Hölgabrud im Gefolge Hakons, bald aber sahen sie auch andere

geistersichtige Leute. Ihnen dünkte, als der Hagel etwas nachliess,

dass von jedem Finger der Unholdin ein Pfeil flog, und jedesmal wurde

ein Mann dadurch getötet. Sie sagten es Sigwaldi, der erwiderte: Mir

scheint, wir haben hier nicht gegen Menschen zu kämpfen, vielmehr

gegen die schlimmsten Trolle. Als das Unwetter etwas abnahm, rief der

Jarl Hakon nochmals eindringlich zu Thorgerd und ihrer Schwester Irpa,

und mahnte sie, wieviel er ihnen gab, indem er seinen Sohn um Sieg

opferte. Da begann der Hagelsturm von neuem, und Haward erblickte zwei

gleich gestaltete Weiber auf Hakons Schiff, genau so wie er zuvor eine

gesehen hatte. Da gebot Sigwaldi zu fliehen, weil er es nicht mit zwei

Unholdinnen aufnehmen wollte. So gewann Hakon mit Thorgerds Hilfe den

Sieg.

Um sich am Skald Thorleif zu rächen, rief Jarl Hakon zu Thorgerd

Hörgabrud und ihrer Schwester Irpa, damit sie einen Zauber nach

Island schickten, der den Thorleif zu Schaden brächte. Aus einem

Holzklotz wurde eine Menschenfigur angefertigt und vermittelst der

Zauberkünste des Jarls und der Schwestern das Herz eines getöteten

Mannes hineingelegt. Der Holzmann wurde auf die Füsse gestellt,

Thorgard genannt und durch teuflischen Zauber dahin gebracht, dass er

gehen und reden konnte. Dann wurde der Spuk nach Island geschickt und

durchbohrte den Thorleif mit dem Speer, den Hakon ihm aus dem Tempel

der Schwestern gegeben und den einst Hörgi besessen hatte.[604] Wie ein

Troll äussert sich also Thorgerd, weshalb sie auch Hölgatroll heisst.

Überhaupt stellt die jüngere Überlieferung sie auf eine Stufe mit den

Unholdinnen. Es ist schwer, über die ursprüngliche Art der Thorgerd ins

Reine zu kommen. Soviel ist sicher, Hakon verehrte sie als Schutzgöttin

seines Stammes und errichtete ihr Tempel. Im Kampfe half sie ihm mit

Wetterzauber. Dass Hakon Trolle anbetete, ist wenig wahrscheinlich. Der

Jarl erweist sich sonst als eifriger Opferer und ehrt Thor und Odin.

Trotz ihrer unholden, fremdartigen Weise hat er aber doch zu seinen

Stammesgöttern am meisten Vertrauen. Schwerlich hat allein spätere,

christliche Anschauung die Thorgerd so düster dargestellt; denn ebenso

hätte sie mit Thor und Odin verfahren müssen. Schon von Anfang an

musste der Thorgerd etwas Dämonisches anhaften. Auch hier bietet das

Heimatland ihres Kultes Aufschluss: nordgermanische und finnische

Glaubensvorstellungen sind mit einander verschmolzen. Darum mangelt der

Thorgerd der Adel echt nordischer Göttinnen, und steht sie den Trollen

näher.

VI. Die Sonnengöttin.

Ein eigentlicher, mythologisch ausgebildeter Sonnendienst begegnet

bei den Germanen nicht. Zwar Caesar[605] spricht von der germanischen

Religion, als wäre sie ein blosser Glaube an Elementargewalten, an

Sonne, Mond und Feuer. Dem gegenüber enthüllt sich uns schon aus

des Tacitus Bericht ein reicher Götterglaube, der in hohes Altertum

zurückreicht. Caesar hat nur lückenhafte Kenntniss und meint, die

Gesamtheit zu überblicken. Beim Halsband der Frija spielen nach

Müllenhoff Sonnenmythen herein. Wenn nun die Sonne zwar zu keiner

vergeistigten, persönlich wirkenden und handelnden Göttin Anlass gab,

so eignet doch dem Volksglauben die Neigung, von Frau Sonne und Herrn

Mond zu reden.[606] Damit ist der erste Ansatz zur Mythologie einer

Sonnengöttin gegeben, aber eine Weiterbildung scheint nie erfolgt

zu sein. Im 7. Jahrhundert predigt der heilige Eligius unter den

Franken _nullus dominos solem aut lunam vocet neque per eos juret_.

Im Merseburger Zauberspruch tritt _Sunna_ neben _Sinthgunt_ auf. Am

weitesten gedieh die Vorstellung von der Sonnengöttin im Norden,

wahrscheinlich unter dem Einfluss antiker Gelehrsamkeit. _Mundilföri_

hatte zwei Kinder: _Mani_ hiess der Sohn und _Sol_[607] die Tochter.

Diese wurde mit _Glen_ vermählt, Die Götter zürnten wegen des Hochmuts,

dass sie solche Namen führten, und setzten sie an den Himmel. Sol

liessen sie die Pferde lenken, die den Wagen der Sonne zogen, welchen

die Götter aus einem Funken geschaffen hatten, der aus Muspellsheim

flog. Die Pferde heissen Arwakr (Frühwach) und Alswid (Allklug).

Unter dem Bug der Pferde befestigten die Götter zwei Blasebälge, um

sie abzukühlen. Diese werden in einigen Liedern Isarnkol (Eisenkühle)

genannt. Mani lenkt den Lauf des Mondes und waltet über Neumond und

Vollmond. Die Sonne fährt schnell, denn nahe sind ihre Verfolger, die

Wölfe Skoll und Hati. Nach dem Wafthrudnirliede 47 gebiert die Sonne,

welche Alfrodul, Elbenstrahl, genannt wird, eine Tochter. Wenn Fenrir

die Sol verschlang, wenn die Götter vergingen, dann wird die Maid auf

den Wegen der Mutter fahren.

In diesen Berichten lagern mehrere Schichten ganz verschiedener

Vorstellungen übereinander. Aus dem Volksglauben stammen die

persönlich gedachte Sol und der Wolf, der das Tagesgestirn verfolgt.

Dem Lichtgotte war ein Ross zu eigen. Daran mag die Vorstellung von

Sonnenpferden anknüpfen. Alswid, der Alleswissende, kann sogar seinen

Namen vom Rosse des Tiuȥ haben. Die gehegten heiligen Rosse hielten die

Germanen für Mitwisser der Gottheit. Aber alles andre ist fremdartig.

Schon die Genealogie der Sol gemahnt an antike Muster. Die Mythographen

gefielen sich besonders in derlei Stammbäumen von Tag, Nacht, Äther

u. dgl. Der von zwei Rossen gezogene Sonnenwagen ist dem der antiken

Sage nachgebildet. Nirgends sonst zeigt sich auf germanischem Gebiete

eine Spur davon. Im Namen des _Arwakr_ klingt _Eous_, das eine

der Sonnenrosse, an. Für die kühlenden Blasebälge lässt sich die

unmittelbare Quelle nicht feststellen. So liegt auch hier im Mythus

von Sol, wie so häufig im Norden, eine aus heimischen und fremden

Bestandteilen zusammengesetzte Sage vor.

VII. Angebliche Göttinnen.

1. Eostre und Hrede.

Die germanische Sprache besitzt einen Wortstamm _austra-_ im Sinne von

östlich, morgenlich.[608] Wie Mittag, Mitternacht, Abend, so wurde

der Begriff „Morgen“, „Morgenröte“ zur Bezeichnung der Himmelsgegend

verwandt. Bei Aufnahme der Jahresteilung nach 12 Monaten wurde

der April bei den Deutschen und Angelsachsen Ostermond genannt,

wahrscheinlich als der Monat des wieder aufgehenden und wachsenden

Morgenlichtes. Dass die Germanen eine *_Austrô_, eine Göttin der

Morgenröte wie die Inder eine _Ušas_, die Griechen eine _Eos_, die

Römer eine _Aurora_ verehrten, ist möglich, aber durch kein Zeugniss

aus dem Heidentum erwiesen. Die Osterbräuche erklären sich aus dem

Frühlingsfeste, das den Germanen wie allen Völkern eigen war, aber auf

keine bestimmte Gottheit zu beziehen ist. Dass der April als der Monat

des Morgenlichtes benannt wurde, ist begreiflich. Dass eine Göttin

des Morgenlichtes, _Eostre_ die Göttin des Frühlings, in jenen Zeiten

ein Fest hatte und dem Monat, in welchem nach der neuen römischen

Jahresteilung ihre Feier fiel, den Namen verlieh, ist eine Meinung

Bädas[609], die keinerlei Gewähr hat. Die zahlreichen Monatsnamen

unter den Germanen stammen aus allen möglichen, insbesondere

landwirtschaftlichen Beziehungen, niemals aber sind sie von Götternamen

hergenommen. Wol aber wird umgekehrt der Monat oft persönlich gedacht,

selbst unter den römischen Namen. Darum ist Bädas Meinung, es habe

unter den Angelsachsen Göttinnen namens Eostre und Hreda gegeben, wenig

glaubhaft.

Die von J. Grimm in der Mythologie 266 ff. aufgestellten altdeutschen

Göttinnen _Hruoda_, _Ostara_, _Ricen_[610], _Zisa_[611] sind aus den

Glaubensvorstellungen der alten Deutschen zu streichen.

2. Frau Holle, Berchte und andre weise Frauen.

Unter vielen Namen, die nach den verschiedenen Gegenden wechseln,

erscheint zu gewissen Zeiten, namentlich in den Zwölften und zu Fasten,

nach neuerer Volkssage ein gespenstisches Weib, das die Wohnungen

der Menschen, die Spinnstube heimsucht, das Speiseopfer empfängt, an

dessen Namen auch sonst allerlei Geistersagen anknüpften. Man hat

lange Zeit mit dieser Erscheinung des späteren, mittelalterlichen und

neuzeitlichen Volksglaubens Missbrauch getrieben, indem darin Spuren

vom Umzug der altgermanischen Hauptgöttin gesucht wurden. Zum Nachweise

sollten die oft recht zweifelhaft überlieferten und willkürlich

gedeuteten Namen dienen. J. Grimm, A. Kühn, Schwartz, Simrock und

ihnen folgend fast alle neueren Sagenforscher haben sich täuschen

lassen und allzu schnell Volksbräuche neueren Ursprungs in ihren

Einzelheiten zum germanischen Götterglauben in Beziehung gebracht.

Freke, Fricke, Fru Gode, Fru Wode erinnerten an Frija, Wodans Frau,

obwol sprachliche und sachliche Gründe entgegen stehen; Frau Holda und

Berchta, womit _Bjort_, Menglods Jungfrau, sich verglich, galten als

alte Beinamen. Frija, die holde, lichte, wie sie zu heiligen Zeiten

unter den Menschen Umfahrt hielt, haftete noch bis zur Gegenwart

herab im Bauernglauben. Dass Holda und Berchta meistens gar nicht

hold und schön erscheinen, sondern im Gegenteil als hässliche Hexen,

that nichts, indem das Christentum das edle und hoheitvolle Bild der

göttlichen Frau ins Schlimme verkehrt hatte. Und mitunter fanden sich

ja doch auch bei diesen Gestalten freundlichere Züge, in denen hinter

der verunstaltenden Maske das wahre Wesen der gütigen und schönen

Göttin hervorbrechen konnte. Hafteten die Namen der alten Götter in

den Wochentagen und vielleicht auch hie und da in Ortsnamen, warum

nicht auch in der mündlichen Überlieferung des gemeinen Mannes, in den

uralten bäuerlichen Bräuchen, in denen ja thatsächlich und unleugbar

ein gutes Stück Heidentum noch fortlebt? Dass sie vorwiegend erst in

den Sagensammlungen unseres Jahrhunderts auftauchen, ist nicht zu

verwundern, weil man früher der Volkssage nur selten und beiläufig

Beachtung schenkte. Überdies lassen sich auch einzelne der fraglichen

Göttinnen bis ins 14. Jahrh. zurück verfolgen, woraus ihr Alter und

ihre Echtheit erhellt. Mögen auch einige der Namen ihren Anklang an die

Heidengötter dem frommen Übereifer moderner Forscher verdanken[612],

so bleibt doch immerhin in älteren Quellen ein unanfechtbarer Rest

bestehen. Soweit scheint die Beweisführung begründet und geglückt. Und

doch hält sie nicht Stand. Unerklärt bleiben diejenigen Namen, welche

keinen Zusammenhang mit den heidnischen Göttinnen zeigen, unerklärt

bleibt das eigentliche Wesen der Erscheinung, wovon allein ausgegangen

werden muss. Das Heidentum selber zeigt die fraglichen Beiwörter nicht

in Verbindung mit Frija, was allerdings in Anbetracht unserer dürftigen

und lückenhaften Kenntniss nicht allzu schwer ins Gewicht fällt. Aber

weit leichter wird auf andrem Weg eine befriedigende Erklärung erzielt,

die nicht über das Sichere und thatsächlich Gegebene, den Volksbrauch

und Aberglauben hinausgreift, und somit einer die Thatsachen bei

Seite schiebenden Auslegung vorzuziehen ist. Die deutsche Mythologie

hat die gemeinsame Grundlage aller dieser gespenstischen vielnamigen

Frauen hervorzuheben, dann die etwaigen weiteren Zuthaten, in denen

keineswegs dieselbe Übereinstimmung herrscht, die vielmehr mancherlei

Sonderbildungen aufweisen. Das Alter jeder einzelnen Erscheinung ist so

gut als möglich zu belegen, aber eine Anknüpfung ans Heidentum nicht

gewaltsam zu erzwingen, wo die Umstände eine solche nicht gebieten,

eher verbieten.

Aus dem Glauben an Gespenster, Seelen, Maren, Elbe, entspringen

zahllose Volksgebräuche, so auch die, welche den wiedergehenden und

umziehenden Geistern einen gewissen Dienst gewähren. In den Zwölften

darf kein Flachs auf dem Wocken, kein Garn auf Spinnrad und Haspel

mehr sein, sonst bekommen böse Wesen Macht darüber und spinnen ihn

ab, zünden ihn an oder machen ihn durch Besudelung unbrauchbar. Oft

greift eine Hand zum Fenster herein, wirft Spindeln herein, die zur

Strafe schnell vollgesponnen werden müssen. Die Spinnarbeit soll an den

bestimmten Abenden gethan sein und ruhen. Offenbar zielt der Brauch auf

Feiertagsheiligung, welche mit Aussetzen der Werktagsarbeit bethätigt

wird. Die Säumigen überrascht ein Geisterbesuch, der Teufel oder

gespenstische Frauen mit hexenhaftem Aussehen. Die Arbeitseinstellung

deutet manchmal auch darauf, dass dem unheimlichen Besuch der sonst

dem Menschen gehörige Platz eingeräumt wird. Neben der Einstellung der

Spinnarbeit begegnet auch das Speiseopfer in zwiefacher Art: dass den

einkehrenden Geistern Speisen angerichtet werden, dass die Leute an

den Tagen nur bestimmte Nahrung zu sich nehmen. Die einsprechenden mit

Opfer geehrten Geister bringen ein gutes Jahr, Gedeihen des Hausstandes

und der Feldfrucht. Wer eine andere als die altherkömmliche Speise

an dem betreffenden Tage zu sich nahm, dem schneidet das Gespenst

den Bauch auf und füllt ihn mit Häckerling oder gibt ihm wenigstens

einen Tritt. An den allgemeinen, in Arbeitsruhe und Speisegebot

sich äussernden Brauch knüpfen nun die Sagen von der dem Bruche des

Feiertags folgenden Strafe, von der Macht böser Geister, welcher

der Nachlässige verfällt, die in der Hauptsache ebenfalls zusammen

stimmen und eigentlich nur in der Benennung der zukehrenden Frau unter

sich abweichen. Die Namen der Erscheinung entstammen verschiedenen

Anschauungen, die teilweise verständlich sind. In Mitteldeutschland

ist _Frau Holle_ oder _Hulda_ bekannt. Das Gebiet der Volkssagen,

welche sie nennen, reicht im Norden bis zum Harz, im Osten bis in

die Gegend von Halle und Leipzig; von hier aus südwestlich ins

Mainthal nach Unterfranken. Vereinzelt reicht Frau Holle auch nach

Oestreich und Siebenbürgen. Nebenformen lauten Frau Rolle oder Frau

Wolle. Ältere Belege als aus dem 16. Jahrhundert, wo „_Fraw Hulde mit

der Potznasen_“ bei Luther, Erasmus Alberus, in Hexenprocessakten

vorkommt, fehlen.[613] Frau Holle gehört zu den _Hollen_. Die Hollen

in Mitteldeutschland entsprechen den obds. Holden. Schon ahd. begegnet

_holdo_ für Genius, mhd. _holde_, der Geist, _waȥȥerholde_, der

Wassergeist. Hollenzopf entspricht dem Alp-, Wichtel-, Weixelzopf, der

von tückischen Elben verursachten Verwirrung der Haare. Einkehrende

„Hollen“ sind gemeint, denen die zwölf Nächte geweiht sind. Aus

dem Geisterschwarm erhebt sich in der Frau Holle, der Unholdin,

eine einzelne Gestalt. Das Weib empfing hier seinen Namen aus der

naheliegenden Vermischung mit den schweifenden Gespenstern, den Hollen,

denen es ja auch von Rechts wegen zugehört.

In Oberdeutschland und streckenweise auch in Mitteldeutschland treffen

wir die _Berchta_ oder _Perchta_[614], bei welcher die grauenhafte

Seite noch mehr hervorgekehrt wird, als bei Holda, von der auch einige

mildere Züge überliefert sind. Berchta ist völlig Kinderscheuche, wie

solches überhaupt den umziehenden Geistern nachgesagt wird. Im Gebirge

um Traunstein sagt man den Kindern am Vorabend des Erscheinungsfestes,

wenn sie böse seien, werde die _Berchte_ kommen und ihnen den Bauch

aufschneiden. Isst man fette Kuchen, so glitscht ihr Messer ab. Schon

Hans Vintler nennt _Frau Precht mit der langen nas_. Ein mhd. Gedicht

(von der Hagen, Gesamtabenteuer LIV) ermahnt die Kinder:

_ir sult fast eȥȥen, daȥ ist mîn bete,

daȥ iuch Berhte niht trete._

Der Bercht wird Essen und Trinken zugerichtet. Im Pinzgau findet in

den Rauchnächten ein Mummenschanz, das Berchtenlaufen, statt. J.

Grimm war auf der rechten Spur, als er die Frau zum Erscheinungsfest

in unmittelbare Beziehung setzte. Doch gab er das bereits richtig

gefundene Ergebniss wieder dran, um eine altdeutsche Göttin

aufzustellen. Im Ahd. befestigte sich die Übertragung _giperahta

naht_, die leuchtende Nacht, für Epiphania wegen der himmlischen

Lichterscheinung, die den Hirten auf dem Felde widerfuhr. Urkunden des

Mittelalters datieren mit der Dativform: _perhtentag_, _perhtennaht_.

Daraus entwickelte sich die im Sinne einer Kalenderheiligen persönlich

gedachte _Perhtennaht_ d. h. _Nacht der Perhte_, wie entsprechend

bei den Italienern aus _Epiphania_ (_befania_) die Kinderscheuche

_Befana_ ward, wie in Baiern die _Luz_, die _Pfinz_ aus _Lucientag_ und

_Pfingsten_, Frau _Fasten_[615] aus der _Fastenzeit_ sich entfalteten.

Überall herrscht dieselbe Vorstellung von der umziehenden Frau, die

aber diesmal nach dem Kalendertage ihren Namen empfing. Vor dem 14.

Jahrh. ist Berchta nicht nachweisbar, dann aber gewinnt sie stetig an

Ausbreitung. Dass eine Gestalt, deren Art im Gespensterglauben, deren

Benennung im Kalender wurzelt, unmöglich den germanischen Göttinnen

zugesellt werden darf, leuchtet ohne Weiteres ein.

„_Daȥ mære von der Stempen_“ zeigt diese in den Ostalpen heimische

Gestalt der Berchte gleich geartet.

_„Eȥȥet hînte fast durch mîn bete,

daȥ iuch diu Stempe niht entrete“.

daȥ kintlîn dô von forhten aȥ,

eȥ sprach „veterlîn, waȥ ist daȥ;,

daȥ du die Stempen nennest?

sag mir, ob dus erkennest“.

der vater sprach: „daȥ sag ich dir,

du solt eȥ wol gelouben mir,

eȥ ist so griuwelich getân,

daȥ ich dirȥ niht gesagen kan:

wan swer des vergiȥȥet,

daȥ er niht fast iȥȥet,

ûf den kumt eȥ und trit in“._

Wie eine Mare kommt hier _Stempe_ (die Stampferin, Treterin, Drückerin)

über den Menschen, der die gebotene Speise nicht zu sich nimmt, und

von ihren Mareneigenschaften haben wol auch Stempe und die fränkische

_Trempe_ (die Trampel)[616] den Namen erhalten.

Im 18. Jahrhundert wurde _Fru Freke_[617] in Niedersachsen ebenso

geehrt, wie Holda in Obersachsen. Der Name Freke ist unklar, doch

sicherlich ohne Zusammenhang mit Frija, weil die beiden Namen lautlich

gar nichts mit einander gemein haben.

_De olle Haksche_, die Hexe, versieht das Geschäft der Rockenbesudelung

bei Halberstadt. Wenn Kuhn und Schwartz auch Frau Harke[618] damit

betrauen, mag eine Verwechslung mit der Riesin Harke vom Harkenberg bei

Camern in der Mark mit unterlaufen. _Frau Gode_[619], die namentlich

mit der wilden Jagd verwebt ist und darum in den Zwölften umzieht,

verunreinigt in Mecklenburg und in der Prignitz den Rocken derer, die

nicht abgesponnen haben. Im Voigtlande besorgt es die _Werre_[620],

die Verwirrerin, wol da sie Flachs und Haar nach Elbenart verwirrt.

Sie besichtigt, ob alle Rocken abgesponnen sind; wo es nicht der Fall

ist, verunreinigt sie den Flachs. Am heiligen Abend muss ein besonderer

Brei aus Mehl und Wasser gegessen werden; wer es unterlässt, dem

reisst sie den Leib auf. Schon um 1640 ist die fürchterliche _Werra_

bekannt. Am Zürchersee heisst die Garnverwirrerin _de Chlungere_[621],

weil sie faulen Mägden _Chlungel_, Kneuel in das unabgesponnene Garn

bringt. Was von den _Fronfastenweibern_, Frau Fasten in Schwaben und

in der Schweiz, berichtet wird, muss ebenso beurteilt werden. Aus dem

Geisterschwarm erhebt sich eine Gestalt und erhält den Namen nach der

Schwarmzeit.

Somit erkennen wir einen über das gesamte deutsche Gebiet verbreiteten

Brauch, der aus dem Gespensterglauben gekeimt ist. Die Erscheinung

der vielnamigen Hexe ist nicht davon loszulösen. Nicht die geringste

Spur weist auf einen Zusammenhang des umziehenden Weibes mit einer

altgermanischen Göttin, am allerwenigsten die Namen, die erst im

späteren Mittelalter, in einer längst christlichen Zeit, aus den

verschiedensten Beziehungen entsprangen. Nur insofern, als die

allgemeinen Grundlagen des Gespensterglaubens im Altertum dieselben

waren, wie in der Neuzeit, könnten ähnliche Vorstellungen schon in der

Heidenzeit als möglicherweise vorhanden gedacht werden. Damit ist aber

gar nichts gesagt, indem die uns überkommene Form eben nicht heidnisch

ist. Nur eine Ausnahme liesse sich anführen: in Schweden soll Frigg

die Spinnstube besuchen.[622] Hier liegen, falls die Sage Glauben

verdient, die Verhältnisse wesentlich anders, indem überhaupt die

alten Götternamen treuer gewahrt erscheinen, vermutlich durch gelehrte

Beihilfe irgend welcher Art oder auch nur durch blosse Personifikation

der Wochentagsnamen. Aber wenn auch die Namen, so sind doch keineswegs

ebenso die alten Mythen erhalten. Denn Frigge ist Thors Weib und die

Donnerstagsheiligung gilt beiden zusammen. Das vereinzelte und nicht

ganz unverdächtige schwedische Zeugniss kann unmöglich die Behauptung

rechtfertigen, die spätere Volkssage vom Weib der Zwölften oder der

Fasten sei einst von der hehren Göttin Frija gegangen. Sollte neben

dem Gespensterkult zu jenen Zeiten im Heidentum auch Gottesdienst

gepflegt worden sein, so war er wesentlich anders, öffentliche Sache

des Volkes, mit bedeutungsvoller Feierlichkeit geübt. Die besprochene

Erscheinung gehört aber zum Geisterglauben.

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Handbuch der Germanischen Mythologie · 第 42 / 68 段