Durch tiefe, dunkle Thäler geht der Weg zur _hel_.[585] Zu Fuss, zu

Pferd, zu Wagen mag er von den Verstorbenen zurückgelegt werden. Der

Höllenfluss Gjoll trennt die Welt des Todes von der Menschenwelt, eine

goldbelegte Brücke, von der Riesin Modgud bewacht, führt darüber.

Am Eingang in die Hölle ist auch die Felshöhle Gnipahellir gedacht,

wo der Hund _Garmr_ (Kerberos)[586] lauert. Hier dringt bereits ein

fremdartiger Zug aus antiker Sage in die nordische Vorstellung vom

Totenreiche herein. Weiterhin schliesst ein Gitter mit einer Pforte die

Behausung der Hel ab. Das Totenreich wird auch als eine von finsterem

Nebel erfüllte Welt bezeichnet, als _niflhel_ oder _niflheim_.[587]

Auch über der christlichen Hölle lagert, trotzdem sie von Feuer erfüllt

ist, stellenweise Nebel und Finsterniss. Drinnen erhebt sich der Hel

Haus, ihr hoher Saal. Das Leben bei ihr ist zunächst nicht viel anders

gedacht, als das irdische. Vornehmen Ankömmlingen wird ein würdiger

Empfang bereitet. Zu Ehren Baldrs sind die Bänke mit Ringen besät, die

schönen Dielen mit Gold bedeckt. Met ist für ihn gebraut, der klare

Trank steht da, vom Schilde bedeckt. Baldr nimmt in Hels Halle den

Hochsitz ein.[588] Was Hel besitzt, hält sie fest. Nur ausnahmsweise

wird Baldr auf der Asen Ansuchen Rückkehr verstattet, wenn alle Wesen,

lebende und tote, um ihn Thränen vergiessen. Die Hel tritt in keiner

Sage eigentlich handelnd hervor. Sie bleibt immer nur begrifflich, wie

überhaupt oft schwer zu sagen ist, ob in einer Redensart die örtliche

oder persönliche Hel gemeint ist. So begegnet im Norden das Bild

schwarz wie die Hölle, woraus der Beiname _heljarskinn_, Höllenhaut für

einen Menschen mit hässlicher, schmutziger Hautfarbe, sich erklärt. Im

Gegensatz zur leuchtenden reinen Gottheit gelten auch uns Tod, Teufel

und Hölle als schwarz. Der _hellemôr_ ist bei mittelhochdeutschen

Dichtern der Teufel. Die Bilder entstammen der Anschauung vom dunkeln

Totenreich, von der nebelfinstern Hölle. Eine begreifliche, aber

entartende Phantasie hüllt auch die Höllengeister in schwarze Farbe.

Aus den angeführten Redensarten _blár sem hel_, _heljarskinn_ braucht

man nicht zu schliessen, dass von Anfang an die Nordleute die Hel

in schwarze Teufelsfarbe kleideten, denn der Vergleich kann ebenso

sehr auf hel als auf Hel zielen. Was Snorri im 13. Jahrhundert von

Hel erzählt, beruht auf starker christlicher Einwirkung und ist fürs

Heidentum nicht bindend. Nach der Bekehrung hat man im Norden mit

drei Helbegriffen zu rechnen: der heidnischen hel und Hel und der

christlichen hel. Alle drei haben in den Vorstellungen der Dichter sich

oft wunderlich vermischt.

Dass sich in der Hölle Straförter befanden, nahmen die Skaldengedichte

des 10. Jahrhunderts an. Die Vǫlospǫ́ 38 sagt:

Einen Saal seh ich stehen der Sonne fern,

Auf Nastrand, die Thüren nach Norden gerichtet;

Durchs Rauchloch strömte ein Regen von Gift,

Denn die Wände des Saales sind umwunden von Schlangen.

_Nástrǫnd_ bedeutet Totenstrand, und dieser Ortsname weist aufs

Totenreich. Der Verfasser der Vǫlospǫ́ hatte demnach zweifellos

die Vorstellung, dass es in der Hölle Qualörter gäbe, und er

malte sich den höllischen Saal furchtbar genug aus. Dass er aber

damit echt germanische, heidnische Anschauungen wiederholt, ist

sehr unwahrscheinlich. Derlei düstre Schreckbilder entstammen der

christlichen Mythologie, aus der einmal doch der wesentliche Inhalt

der Vǫlospǫ́ geschöpft ist.[589] Die 39. Strophe des Gedichtes im

Verein mit Reginsmǫ́l 4 ergibt die Vorstellung eines wilden, eisigen

Höllenstromes, der spitze Waffen in seinen Wogen führt. Meineidige,

Mörder, Ehebrecher müssen zur Strafe drin waten. Auch hier dürfte

der höllische Strafort nicht aus dem Bestande der germanischen halja

geholt, sondern durch christliche Einflüsse entstanden sein. Doch

können volkstümliche Elemente mit verwertet sein. Alt und allgemein

scheint der Glaube, dass der Verstorbene, dem zu diesem Behufe der

Schuh in den Sarg gelegt wurde, eine lange gefahrvolle Wanderung über

Gestein und durch Dornicht zurücklegen, endlich auch durch den Fluss,

der die Welt der Toten und Lebenden trennt, waten müsse.[590] Leicht

entsteht daraus die Vorstellung einer Strafe, indem der eine länger,

der andere kürzer, je nach seiner Art zu wandern hat, insbesondere wenn

die Einbildungskraft mit Höllenstrafen erfüllt ist.

Wenn Snorri in Gylfag. Kap. 3 behauptet, die Seelen der Rechtschaffenen

werden bei Allvater in Gimle weilen, die bösen dagegen kommen zur Hel

und von dort nach Niflheim, so denkt er hier vollkommen christlich

und verweist die Guten in den Himmel, die Bösen in die Hölle. Ganz

anders unterscheidet er Gylfag. Kap. 20 und 24, wonach die im Kampfe

Gefallenen zu Odin und Freyja eingehen, während nach Gylfag. 43 zur

Hel diejenigen gelangen, die an Krankheiten oder Altersschwäche

starben. Also nicht die Lebensweise, sondern die Todesart entscheidet,

und das ist heidnische Anschauung. Man erwartet nun, diese in den

alten Gedichten durchweg bestätigt zu finden, wenigstens dort, wo

ausgesprochener Odinsglaube herrscht. Aber dem ist nicht so. Wie

einerseits Walhall seine Thore auch denen öffnet, die nicht an Wunden

starben, so nimmt die Hel Waffentote zu sich. In Wirklichkeit sind

eben Hel und Walhall eins, das grosse, allumfassende Seelenreich,

Walhall ist nur ein Versuch, für Bevorzugte ein eigenes Heim zu

schaffen, aber immer bricht der alte Glaube von der Hel durch. So

steigt der schwertdurchbohrte Baldr zur Hel hinab. In den Atlamǫ́l

herrscht durchgehends die Annahme, dass die Gefallenen zur Hel fahren.

Besonders fällt auf, dass Brynhild den Hjalmgunnar zur Hel schickt

(Helreiþ 8). Man sollte meinen, die Walküre müsse den Mann, dessen Tod

im Kampfe sie veranlasst, nach Walhall kiesen. In der Fóstbrœðrasaga

Kap. 4 träumt ein Mann von einem andern, die Hel werde als Hausfrau ihn

umarmen. Bald darauf wurde jener auch erschlagen. Angantyr mit seinen

Brüdern war im Kampfe gefallen; der Hügel wurde über ihm gewölbt. Als

aber seine Tochter Herwor mit Zauber ihn aufweckt, um das treffliche

Tyrfingschwert vom toten Vater zu erhalten, heisst es: Auf that sich

die Höllenpforte (_helgrind_). Der Skald Egil erschlug drei Männer,

welche König Eirik zu seiner Verfolgung ausgesandt hatte. Da sang er:

Allzu lang zögern sie mit der Rückkehr zum König, da sie zu dem hohen

Saal der Hölle gefahren.[591] Im Lied von Gudruns Aufreizung 19/20

wird Sigurd von Gudrun ermahnt an sein Versprechen, aus der Hel (_or

heljo_) heimzukehren.

Aufs schwarze Streitross schwinge dich, Sigurd,

Hierher lenke den hurtigen Renner.

Mithin ist Sigurd in der Hölle gedacht, während Sigmund und Sinfjotli

dem Eirikslied zufolge in Walhall weilen.

Was bei Snorri[592] und sonst noch von Hel erzählt wird, entstammt

später Erfindung und zeigt auch fremdartige Bestandteile. Hel ist Lokis

Tochter, weil Hölle und Lucifer unzertrennlich sind. Mit dem Fenrir

und der Weltschlange, ihren Geschwistern, wurde Hel in Riesenheim

aufgezogen. Allvater Odin schleuderte die Hel nach Niflheim und gab ihr

Macht über neun Welten, damit sie denen, die zu ihr gelangen, ihren

Aufenthaltsort anweise. Sie hat dort eine grosse Wohnstätte und die

Wälle sind überaus hoch und die Thore weit. Eljudnir (Plagebereiter)

heisst ihr Saal, Hungr ihre Schüssel und Sult (Hunger) ihr Messer,

ihr Knecht Ganglati (zum Gehen träge), ihre Magd Ganglot, fallendes

Unheil das Thor, die Schwelle, die hineinführt, Geduldermüder, Kor

(Krankenbett) ihr Lager, bleiches Unglück das Betttuch oder der

Vorhang. Sie ist zur Hälfte schwarz und zur Hälfte fleischfarben, so

dass sie leicht zu erkennen ist, und sieht mit ihrem herabhängenden

Kopfe recht grimmig aus. Solche Vorstellungen gefallen sich in der

Ausmalung eines trostlosen Schreckensortes und entspringen zweifellos

der christlichen Hölle. Auf diesen Gedankenkreis weist schon Loki hin.

Noch im Heidentum erscheint Hel als Lokis Tochter und Schwester der

Ungetüme, und so mag schon frühzeitig die Hölle als Ort des Schreckens

gedacht worden sein, obwol die ältere Vorstellung vom blossen

Totenreich daneben noch fortdauert. Das Gleiche ist auch in Deutschland

zu beobachten, wo nach J. Grimm, Myth. 761, erst im 13. Jahrh. Hölle

im Sinne von Aufenthalt der Verdammten sich festsetzte, während zuvor

meistens der alte Sinn des Wortes noch vorherrscht.

Wenn Loki zum Weltbrand mit den höllischen Heerscharen heranfährt,

gemahnt auch dieser Zug an christliche Vorstellungen vom Weltende.[593]

Wer von Hels Äpfeln genoss, muss bei ihr bleiben. So wenigstens lässt

sich eine Stelle der jungen Saga af Viga-Styr ok Heiðarvigum, Kap. 26

auslegen.[594] So wird Proserpina durch den Genuss des Granatapfels

gezwungen, in der Unterwelt zu verweilen; auch deutsche Sagen bieten

Beispiele, dass lebende Menschen durch den Genuss von Speisen im

Seelenreiche den Toten anheimfallen.

In dem vollständig christlichen Sólarljóð, das vermutlich erst dem

17. Jahrh. angehört, sagt der Geist des toten Vaters zum Sohne: Hels

Bande umstrickten mich. Ich wollte sie zerreissen; aber sie waren

stark. Überall bedrückte mich Angst. Jeden Abend entboten Hels Mädchen

mir heim zu sich. Die Sonne, das Tagesgestirn, sah ich versinken; die

Pforte der Hel hörte ich dumpf ertönen.

Aus biblischen Stellen fliesst die Unersättlichkeit der Hölle,

das Öffnen ihres Mundes und dadurch der Versuch, sie persönlich

darzustellen, wie J. Grimm in älteren und jüngeren deutschen Schriften

beobachtet. In mhd. Gedichten spricht die Hölle mit dem Teufel. J.

Grimm sieht darin eine Nachwirkung der persönlichen germanischen

Halja. Aber dem steht entgegen, dass der örtliche Begriff der älteste

und ursprünglichste, der persönliche der abgeleitete ist. Da Hel

von Anfang an als Lokis Tochter erscheint, also in Verbindung mit

dem Teufel, ist die Möglichkeit vorhanden, dass eine persönliche

Hel im Norden überhaupt erst unter christlicher Einwirkung aufkam.

Ihre Persönlichkeit ist ebenso wenig weiter ausgeführt, als es bei

der christlichen Hölle der Fall ist; sie verharrt in ihrer farblosen

Allgemeinheit. Eine echt nordische ursprüngliche Hel wäre wol kräftiger

und lebendiger gestaltet worden. Die persönliche nordische Hel

unterscheidet sich durch nichts von den entsprechenden Ansätzen zur

Persönlichkeit der christlichen Hölle und ist daher letzterer gleich zu

achten, ja sogar daraus zu erklären.[595]

2. Die Ran.

Ran, die Räuberin[596], welche einmal unter die Asinnen gerechnet

wird, ist Ägirs des Meergottes Weib. Sie haben neun Töchter mitsammen,

die persönlich gewordenen Wellen. Als die Götter in der von Golde

erleuchteten Halle des Ägir beim Gelage sich versammelten, gewahrten

sie, dass Ran ein Netz besass, das sie nach allen Menschen, die auf

die See gingen, ausstellte. Als Loki den Zwerg Andwari fangen wollte,

ging er zu Ran und borgte sich ihr Netz. In den Gedichten wird häufig

beschrieben, wie Ran ihre Beute erjagt, aber dabei verlautet nichts

mehr vom Netze. Von einer Riesin, die Helgis des Hjorwardsohnes Schiffe

zum Scheitern zu bringen suchte, wird gesagt, sie wollte sie der

Ran geben. Von Helgis des Hundingtöters Schiff, das der Sturmgefahr

entronnen, heisst es: Kräftig riss sich aus Rans Krallen das Gischtross

Helgis. Also herrscht die Vorstellung, Ran greife mit den Händen

nach dem in Seegefahr befindlichen Schiffe. Kurz zuvor ist von den

unholden Wogentöchtern Ägirs die Rede, welche die Schiffe umzustürzen

trachteten. In Seesturm und Wogenprall schien den Skalden die Ran

selber thätig zu sein. Im 11. Jahrh. sagt der Skald Ref: das Wogenpferd

(d. i. Schiff) reisst die rot bemalte Brust aus dem Rachen der Ran

(_or munni Ránar_). Den Tod seines ertrunkenen Sohnes betrauernd sang

Egill: Ran hat mich sehr niedergeschlagen. Ein anderes Bild braucht

die Fóstbrœðrasaga: Die Töchter der Ran versuchten die Bursche und

trugen ihnen ihre Umarmung an. Die junge, dem 14. Jahrh. angehörige

Fridthjofssaga gefällt sich besonders in der Schilderung der Ran. Bei

einem gefährlichen Sturme sagt Fridthjof: Jetzt muss ich wahrlich

der Ran Bett besteigen, ein andrer wird das der Ingibjörg einnehmen.

Weiterhin wird berichtet: Es steht zu erwarten, sprach Fridthjof,

dass einige von unsern Leuten zur Ran fahren werden. Wir werden nicht

viel gleich sehen, wenn wir dahin kommen, wenn wir uns nicht prächtig

schmücken. Es scheint mir rätlich, dass jedermann einiges Gold bei

sich trage; da hieb er den Ring entzwei, das Geschenk der Ingibjörg,

und teilte ihn unter seine Leute aus und sprach die Weise: Diesen

roten Ring, den Halfdan besass, muss man entzwei hauen, ehe uns Ägir

verdirbt. Gold soll man sehen an den Gästen, ehe wir der Gastung

bedürfen. Das taugt vornehmen Recken mitten in Rans Sälen. Fridthjof

schilt die Ran ein grausames, fühlloses Weib (_siđlaus kona_). Obwol

die Beutegier der grausamen Meeresgöttin auf diese Art anschaulich

geschildert wird, ist doch der Aufenthalt in den Sälen der Ran

keineswegs mit düstern Farben ausgemalt. Wer im Kampf mit den Gewalten

des Meeres erliegt, wird dadurch zu den Sälen der Seegötter geladen und

dort ebenso ehrenvoll aufgenommen und gehalten, als derjenige, den eine

andre Todesart in die Gemeinschaft anderer Götter und Geister ruft. Aus

der Zeit kurz nach Annahme des Christentums auf Island wird berichtet:

Da hielt man es für gewiss, dass die Leute bei Ran wol aufgenommen

worden seien, wenn zur See umgekommene Leute ihr Erbmahl besuchten;

denn da war noch der alte Aberglaube wenig geschwächt, obwol die Leute

getauft waren und Christen genannt werden mochten. Um die Mitte des 11.

Jahrh. singt der Isländer Sneglu-Halli, wenn er den Untergang seines

Schiffes voraussagen will: Deutlich sehe ich, wie ich bei Ran sitze;

einige sind beim Schmaus mit den Hummern; klar ist’s, dass man beim

Dorsche gaste. Das Verhältniss der Ertrinkenden zur Ran ist dasselbe

wie das Verhältniss der durch Waffen Gefallenen zu Odin. Nur ist

weder hier noch dort der Glaube allgemein und ausnahmslos. Wie auch

waffentote Männer zur Hölle fahren, so kommen auch Ertrunkene mitunter

anderswohin als zur Behausung der Ran. Thorstein und seine Genossen

waren ertrunken. Man erwartet, dass sie zur Ran kämen. Aber ein Hirte

sieht, wie die Seelen der Verstorbenen in den Berg Helgafell eingehen

und von den Geistern mit grossem Schalle und Hörnerklang begrüsst

werden.[597]

Ran, als Meergöttin und Gemahlin Ägirs, darf als eine Schöpfung der

Skalden betrachtet werden. Doch erhebt sie sich aus den Gebilden der

allgemeinen Volkssage, aus den Wassergeistern, die im räuberischen

Wesen ihr vollkommen gleichen, die ebenso wie sie freundliche und

feindliche Seiten aufweisen.

V. Nordisch-finnische Göttinnen.

1. Skadi.

Über Skadi, des Riesen Thjazi Tochter, die im Riesenland haust, auf

Schneeschuhen läuft und Wild mit dem Bogen schiesst, die durch die

Vermählung mit Njord in den Kreis der Asinnen eintritt, deren Gunst

genossen zu haben, Loki sich rühmt, wurde schon berichtet.[598] Hier

ist noch der Sage zu gedenken (Ynglingasaga Kap. 9), wonach sie die

Gemeinschaft mit Njord aufgab und dem Odin sich vermählte. Sie hatten

manche Söhne mit einander, einer hiess Säming. Davon dichtete Eywind

im Haleygjatal: Ihn erzeugte der Asen Urheber mit der Riesin, als der

Freund der Helden und Skadi in der Menschenwelt hausten und manche

Söhne die Schlittschuhgöttin von Odin empfing. Auf Säming leitete Jarl

Hakon der Reiche (970-995) seine Ahnen zurück. Die Volsungasaga scheint

Sigi als den Sprössling Odins und der Skadi betrachtet zu haben.

Der mächtige Mann Skadi, dessen Knecht Bredi, der geschickteste und

glücklichste Jäger, von Sigi, dem hochfertigen Sohne Odins, weil er es

ihm auf der Jagd zuvorthut, erschlagen wird, gleicht der riesischen

Göttin Skadi, die als Jägerin auf Schneeschuhen im norwegischen Gebirge

umherstreift. Vermutlich wurde einst Sigi wie Säming für einen Sohn

Odins und der Skadi ausgegeben, der erst wegen seines frevelhaften

Eingriffs in den Betrieb der Mutter deren Land räumen musste. Der Name

der Göttin, Skadi, der Form nach männlich, gab zu dem Missverständnisse

des Verfassers der Vǫlsungasaga Anlass, welcher die Skadi zu einem

mächtigen Manne machte.[599]

Für Skadis Wesen zeugt am deutlichsten ihr Sohn Säming, der ein

Vertreter der skandinavischen Urbevölkerung, der Finnen und Lappen,

zu sein scheint. Müllenhoff in der Altertumskunde 2, 55 f. erklärt

Skadi auf diese Weise.[600] Gleichwie andere Gestalten der nordischen

Mythologie, z. B. Ullr, Thorgerd Hölgabrud und Irpa finnische Art

an sich haben, so auch Skadi. „Der norwegische Mythus lässt die

als Mannweib gedachte und daher masculinisch, wol im Sinne wie as.

_scatho_, ags. _sceađa_, _latro_, _hostis_, benannte Göttin Skadi im

alten Reiche ihres Vaters, des Riesen Thjazi, auf dem Gebirge ganz

nach Finnenart als Jägerin auf Schneeschuhen hausen, auch nachdem sie

zur Sühne für den Tod des von den Asen erschlagenen Vaters mit dem

reichen Wanen, dem als Handels- und Schifffahrtsgotte am Seestrand

wohnenden Njord vermählt ist. -- Als Vertreterin des Finnentums wird

sie angesehen, wenn sie mit Odin ausser andren Ahnen edler Geschlechter

vor allen den Säming, den Ahnen der Herrscher von Halogaland, also

derjenigen Landschaft, wo Lappen und Germanen zusammen lebten wie

nirgendwo sonst, erzeugt haben soll. Denn altn. Sámr, das wie Finnr als

Name, als Adjectiv in dem Sinne ‚schwärzlich von Aussehen‘ gebraucht

wird, scheint durchaus dasselbe mit lapp. _Sabme_, plur. _Samek_, wie

die Lappen sich selbst und ihr Land _Same-ædnam_ benennen, so dass

das davon gebildete Patronymicum Sæmingr nur den aus der Ehe eines

Germanen mit einer Lappin Entsprossenen anzeigt. In diesen Mythen tritt

unverkennbar die Ansicht entgegen, dass Lappen und Finnen die älteste

Bevölkerung des Landes waren, die durch die im Dienste der Asen und

Wanen stehende der Nordmannen zurückgedrängt wurde.„ Der Name Skadi

hängt wol mit dem ältesten Landesnamen _Skadinavia_ (nicht Skandinavia)

zusammen. Diese Landesbenennung entlehnten aber die im Norden

eindringenden Germanen von den Lappen. Dass Skadi eine Riesentochter

ist, besagt ebenso, dass ihre Heimat in den unwirtlichen nordischen

Gegenden Skandinaviens, wo neben Lappen und Finnen auch die Trolle

hausen, zu suchen ist.

2. Thorgerd Hölgabrud.

Wenn man auf ihren Ursprung achtet, steht Thorgerd der Skadi am

nächsten. In Halogaland, wo Germanen und Finnen zusammen hausten,

kam die Verehrung der Thorgerd Hölgabrud oder Hölgatroll auf. Skadi

begegnet nur in der Göttersage, aber keine tiefer eingreifende

Thätigkeit ist ihr verliehen; dagegen erfahren wir von eifrigem, der

Thorgerd geweihtem Dienste.[601] Snorri berichtet (SE. 1, 400): So

wird erzählt, dass König Hölgi, nach dem Halogaland genannt ist, der

Vater der Thorgerd Hölgabrud war. Beide wurden durch Opfer verehrt.

Saxo (B. III S. 116) weiss von Helgo, dem König von Halogaland, dass

er um Thora, die Tochter des Guso, des Königs der Finnen und Bjarmier,

warb. Aus beiden Berichten ergibt sich eine Sage, wonach Hölgi (d. i.

_Hálogi_, _Háleygr_), der mythische Ahnherr des Geschlechtes der

Haleygjerjarle, mit der Finnin Thorgerd, die eben daher den Beinamen

_Hölgabrud_, _Braut des Hölgi_, führt, vermählt war. Thorgerd und ihre

Schwester Irpa wurden die Schutzgöttinnen der haleygischen Jarle. Jarl

Hakon, der berühmteste dieses Stammes, der 970-995 Norwegen beherrschte

und das Heidentum wieder aufrichtete, war ihrem Dienste ergeben. Über

Irpa ist aus den Quellen nichts Näheres zu erfahren. Detter meint, der

Thorgerdmythus stehe in Zusammenhang mit der Sage von Helgi, Thora

und Yrsa. Helgi zeugt mit Thora auf der Insel Thorö bei Dänemark eine

Tochter namens Yrsa. Als diese herangewachsen war, kam Helgi nochmals

auf die Insel und machte die Yrsa, die er nicht als seine Tochter

erkannte, zu seinem Weibe. Als er die Wahrheit erfuhr, gab er sich aus

Reue den Tod. Irpa, die Braune, das Bastardkind, soll mit Yrsa gleich

sein. Daher erklärt sich, dass bei Snorri Hölgabrud als Hölgis Tochter

erscheint. Ursprünglich waren Thorgerd und Irpa beide Hölgis Bräute.

Wie diese berühmte nordische Sage mit dem haleygischen Jarlsgeschlecht

verwoben wurde, bleibt dunkel. So viel ist gewiss, frühzeitig wurde

der Mythus an Halogaland geknüpft und nahm Züge finnisch-lappischen

Aberglaubens an. Hölgis Grabhügel bestand nach Snorri SE. 1, 400

aus einer Schicht Gold und Silber und einer zweiten Schicht Erde und

Stein; darnach nannten die Skalden das Gold die Grabhügeldecke Hölgis.

Dem finnischen Gotte Jumali war nach der Heimskringla S. 382 ff. ein

ähnlicher Opferhügel geweiht. Der Hügel war aus Gold, Silber und Erde

errichtet. Thorgerd und Irpa erzeigen ihre Hilfe durch Wettermachen,

Pfeilschiessen aus allen Fingern, Zauberei, also durch die Künste, um

deren willen gerade die Finnen berühmt waren.[602] Die Verehrung der

Thorgerd und Irpa wurde ausschliesslich vom Jarl Hakon im südlichen

Norwegen ausgeübt und scheint nur durch ihn aus dem hohen Norden, wo

Nordleute und Finnen mit einander vermischt waren, herunter verpflanzt

worden zu sein.

Die Njálssaga Kap. 88 weiss von einem Tempel im Gudbrandsdal, der

dem Jarl Hakon und Gudbrand gehörte. Drin sass Thorgerd Hölgabrud in

Lebensgrösse, einen Goldring an der Hand und ein Tuch um den Kopf.

Vigahrappr beraubte sie des Kopftuches und des Ringes. Hierauf nahm er

den Ring Thors an sich, der auf seinem Wagen stand. Endlich zog er auch

der Irpa ihren Goldring ab. Hierauf steckte er den Tempel in Brand.

Man hat sich dieser Beschreibung nach im Tempel drei Götterbilder zu

denken, Thor auf seinem Wagen in der Mitte, zu seinen Seiten Thorgerd

und Irpa. Alle drei waren wol gekleidet und mit goldenen Ringen

geschmückt. In der Færeyingasaga Kap. 23 wird von einem andern Tempel

des Jarls im Drontheimischen erzählt. Hakon und Sigmund Brestisson

gingen mit einander in den Wald. Sie kamen zu einem freien Platz,

worauf ein Haus stand. Eine Einfassung von Pfählen war umher. Das

Haus war sehr schön und das Schnitzwerk war mit Gold und Silber

verziert. Hakon und Sigmund gingen in das Haus hinein. Da waren viele

Götzenbilder, viele Glasfenster waren an dem Hause, dass es überall

frei von Schatten war. Eine Frau war in dem Hause quer vor dem Eingang,

und sie war prächtig geschmückt. Der Jarl warf sich ihr zu Füssen und

lag lange. Darauf erhob er sich und sagte zu Sigmund, sie wollten ihr

ein Opfer geben und auf den Stuhl vor ihr Silber legen. Das aber, sagte

Hakon, werden wir zum Zeichen haben ob sie meine Bitten erhören will,

wenn sie den Ring loslässt, den sie an ihrer Hand hat, und der Ring,

Sigmund, wird dir Glück bringen. Nun zog der Jarl an dem Ringe und es

däuchte Sigmund, als ob sie die Hand zusammen drücke und dem Jarl den

Ring verweigere. Der Jarl warf sich zum zweiten Male vor ihr nieder

und Sigmund bemerkte, dass er weinte. Als er aufstand und wieder an

dem Ringe zog, ging er auch wirklich los. Der Jarl reichte Sigmund

den Ring und sagte, er solle ihn niemals weggeben. In der späten Saga

von Thorleif Jarlaskald (Flateyjarbók 1, 213) ist vom selben Tempel

der Schwestern Thorgerd Hörgabrud und Irpa die Rede, und von einem

Speer, den Hakon aus dem Tempel entnahm und welcher früher dem Hörgi

(d. i. Hölgi) gehört hatte. Vielleicht war ursprünglich Hölgi, nicht

Thor, zwischen den Schwestern aufgestellt gewesen. Die Beschreibung

des Tempels mit Glasfenstern erinnert an eine Kirche, wie sie im alten

Norwegen, das die eigenartigen Holzkirchen erbaute, nicht vorkam; des

Jarls Gebet ist auch nicht echte Heidenart. Endlich ist das Bild,

das den Ring nicht hergeben will, der Venus mittelalterlicher Sagen

ähnlich. Wir haben es mit lauter romantischen, jungen Zusätzen zu

thun, denen keine Gewähr für die wahre heidnische Sitte zukommt. Der

Bericht der Harðarsaga Kap. 19 (Islendinga sögur 2, 59) ist vollends

unbrauchbar. Da ist Thorgerd Schwester des gespenstischen Wikingers

Soti. Auf Island erhebt sich ihr ein Tempel. Grimkell ging dorthin,

um mit Thorgerd Rates zu pflegen. Da sah er, wie sich die Götter

geschäftig zur Ausfahrt rüsteten. Thorgerd wollte Grimkell verlassen

und zu seiner Tochter übergehen. Im Zorne darüber legte Grimkell Feuer

an den Tempel. Noch am selben Tage starb er plötzlich.

Handbuch der Germanischen Mythologie · 第 41 / 68 段