einer _dea Hludana_ gesetzt. In Friesland weihten die Pächter der
Fischerei (_conductores piscatus_) der Hludana das Denkzeichen. Obschon
die Namen weder in der Wurzel noch in der Ableitungssilbe genau
zusammentreffen, pflegt man doch seit Thorlacius (1782) beide für
gleich zu erachten. Es sei eine und dieselbe Göttin in deutscher und
nordischer Namenform. Darf Hludana wie Hlodyn als Erdgöttin gefasst
werden, so wäre ein Name der grossen Erdmutter darunter zu vermuten.
Doch seine Bedeutung bleibt uns verschlossen. Jeder Erklärer findet
eine eigene Auslegung, die in ihrer Allgemeinheit keine sichere Gewähr
bietet. _Hlóđyn_ wird gewöhnlich zu _hlađa_, _hlađan_, aufrichten,
aufladen, gestellt. An. bedeutet _hlađ_, Haufen, _hlóđ_ Herd. Daraus
wurde eine Göttin des Herdfeuers erschlossen. Indess scheint für _hlóđ_
Erdhaufe, Erdhügel als Grundbedeutung angenommen werden zu müssen.
Hloðyn besagt also nur Erde. Kauffmann nimmt _hlôþa_ für die Hochstufe
zu _holþa_, hold. _Hludana Hlođyn_ ist die holde, gütige Freundin der
Menschen, ein Beiwort, das auf jede Göttin passt. Immerhin bleibt die
Verschiedenheit des Wurzelvokales bedenklich. Der römische Steinmetz
hätte germ. _ô_ mit _u_ gegeben, meinte also eigentlich _Hlôdana_.
Müllenhoff leitete Hludana aus _hluda_-κλυτός, dem bekannten Stamm
unsrer Eigennamen Hludwig, Hludhari u. a.; es sei die „berühmte“
Göttin. Aber dann fügt sich wieder nicht Hlóðyn, wo langes ô feststeht.
So bleibt vorerst noch alles unsicher, vielleicht überhaupt die
Gleichheit der Göttinnen. Wer an der Verschiedenheit der Wurzelvokale
keinen Anstoss nimmt, mag die abweichenden Bildungssilben mit
Kauffmann aus der Kurz- und Vollform eines Namens erklären: _Hlôþô_ zu
_Hlôþawini_ (_Hlóđyn_) wie Liuba zu Liubwini, Siga zu Siguwini u. a.
5. Isis-Nehalennia.
Römische Kaufleute pflegten an den Küsten der Völker, welche sie des
Handels wegen aufsuchten, den einheimischen Gottheiten Dankopfer
darzubringen und Weihaltäre zu errichten. Dabei wandten sie die übliche
Auslegung an, indem sie aus irgend welchen äusseren Ähnlichkeiten
die fremden Götter ihren eigenen gleich setzten, indem sie etwa eine
germanische Göttin für eine Erscheinungsform einer römischen hielten.
Dem entsprechend wurde auch das Altardenkmal ausgeführt. Glaubte ein
römischer Unterthan irgendwo an fremder Küste einer Göttin zu begegnen,
welche ihm der Isis gleich zu sein schien, so wurde der Isis ein
Weihstein, worauf ihre gewöhnlichen Abzeichen vorkamen, errichtet. Auf
dem römischen Denkmal stand entweder der römische Göttername allein,
oder trat der germanische erläuternd hinzu (_Marti Thingso_, _Mercurio
Channini_, _Herculi Magusano_ u. ä.); endlich konnte auch nur der
Name der fremden Gottheit allein in latinisierter Form eingesetzt
werden, wobei dann die von den römischen Steinmetzen auf den Altären
angebrachten Abbildungen dem Kundigen umso deutlicher das Wesen der
Gottheit anzeigten. Die Ausführung der Steine ist also hauptsächlich
von der interpretatio romana abhängig. Hatte man einmal diese oder jene
Gottheit der Heimat in der Fremde wiederzuerkennen vermeint, so wurde
sie auch nach römischer Art dargestellt, nicht etwa in dem Bestreben,
im Bilde die hervorragenden Eigenschaften der fremden Gottheit
festzuhalten. Man darf daher nicht die ganze bildliche Darstellung
solcher Steine ohne weiteres ins Germanische umsetzen, wie es Hoffory
bei Mars Thingsus, Jaekel (ZfdPh. 24, 289 ff.) bei der Nehalennia thut.
Gibt sich doch im Altarbild meistens nur dieselbe allgemeine, mitunter
höchst oberflächliche Ansicht des römischen Beobachters kund, welche
auch in der interpretatio zum Ausdruck gelangte. Wenn Tiuȥ, Wodan,
Frija, Donar mit Mars, Merkur, Venus, Juppiter übersetzt werden, so ist
damit nur erwiesen, dass den Römern gewisse Ähnlichkeiten auffielen,
aber nicht dass alle Züge der römischen auf die germanischen Gottheiten
passen. Gelangt also nur einseitige Mitteilung römischerseits über
eine germanische Göttin auf uns, so ist grösste Vorsicht erforderlich.
Oft ist nicht mehr als der blosse germanische Göttername zu lernen,
dessen Erklärung die grössten Schwierigkeiten entgegenstehen. Dass
einige in die Augen fallende Züge der interpretatio und der bildlichen
Darstellung der verglichenen Gottheit ebenfalls zugehören, ist nicht
zu bezweifeln. Aber schwer, wenn nicht unmöglich, ist zu bestimmen,
welche Eigenschaften der interpretierten Gottheit überwiesen werden
dürfen, welche nur im Banne der einmal feststehenden römischen
Anschauung hinzutraten. Hatte ein römischer Handelsmann z. B. an
fremder Küste die Isis gefunden, so stellte er sich zuerst seine Isis
vor und übersah die wesentlichen, bedeutenden Unterschiede zwischen
ihr und der nichtrömischen Göttin. Verbanden sich im Banne der einmal
festgestellten Auslegung allerlei ungehörige Vorstellungen mit der
fremden Göttergestalt, so blieben auch wieder deren wichtigste und
nötigste Eigenschaften völlig verborgen. Hätten wir von Wodan und Frija
nur die Namen und die römische Auslegung Merkur und Venus überkommen,
so wären unsere Begriffe gewiss ebenso schief wie ungenügend. In dieser
Lage befinden wir uns aber allen Nachrichten gegenüber, die uns nur aus
römischer Umgebung oder durch römische Vermittlung, durch Inschriften
und römische Geschichtschreiber, also einseitig, ohne die Ergänzung und
Berichtigung germanischer Denkmäler, bekannt sind.
Nach der Meldung des Tacitus[573] brachte ein Teil des grossen,
zwischen Elbe und Weichsel ansässigen Suevenvolkes der Isis Opfer dar.
Ihr Abzeichen war ein Schiff. Tacitus und seine Gewährsleute waren der
Anschauung, es handle sich um einen aus Rom nach Germanien verpflanzten
Kult; und mit einem gewissen Recht. Denn zweifellos erhuben sich an
der suevischen Küste Isissteine, welche zu der Nachricht Anlass gaben.
Diese Isissteine waren von Römern, die in der Ostsee Handel trieben,
aufgerichtet worden. Aber sie galten derjenigen Isis, welche die
Reisenden bei den Sueven zu entdecken glaubten. Hinter dem römischen
Altar steht ein germanischer Kult, der ihn veranlasste. Es war eine
Göttin, als deren Abzeichen ein Schiff galt. Vermutlich hatte sie,
wie die Wanen, Beziehung zur Schifffahrt und damit zu Handel und
Wolstand. Sie glich unter anderm auch darin der Isis, der am 5. März
ein feierlicher Umzug gehalten und ein Schiff (_navigium Isidis_)
dargebracht wurde. Die Wiedereröffnung der Fahrt in Strom und Meer,
die mit Anbruch des Frühlings den Schiffen sich aufthaten, wurde so
alljährlich festlich begangen.
Anderwärts tauchen Spuren einer ähnlichen Göttin auf. In Deutz am Rhein
und an der batavischen Küste, auf der der Scheldemündung vorgelagerten
Insel Walcheren, fanden sich zahlreiche, von römischen Kaufleuten
wegen glücklich vollbrachten Handelsfahrten der Göttin _Nehalennia_
geweihte Altäre. Auf der Insel Walcheren fanden sich 1647 und 1870
im Dünensande 22 mehr oder weniger gut erhaltene Denksteine dieser
Göttin.[574] Hier muss eine Hauptstätte ihres Kultes, vermutlich ein
römischer Tempel, bestanden haben. Von den Bildern der Steine zeigen
einige die Nehalennia als Beschützerin der Schiffer; sie hat den linken
Fuss auf den Steven eines Schiffes gestellt und stützt sich auf ein
Ruder zu ihrer Rechten. Kauffmann wies nach, dass die Nehalenniabilder
Zug um Zug aus dem Isiskult entnommen sind, dass die Nehalennia demnach
den Kaufleuten als die Isis erschien. Offenbar ist es dieselbe Göttin,
von den Römern als Isis aufgefasst, der sie an der suebischen und
batavischen Küste und am Rheine Altäre aufstellten. Durch Tacitus hören
wir, dass das Schiff ihr Abzeichen war, auf den Altären steht ihr
deutscher Name, Nehalennia. Was auch sonst noch von dieser germanischen
Göttin erzählt worden sein mag, ihre Beziehung zur Seefahrt ist
sicher. Darum begrüssten sie die Römer an den Ufern der Ost- und
Nordsee als Isis und empfahlen ihre Schiffe und ihre Ladung dem Schutze
der Nehalennia. Damit endet aber auch unsere Kenntniss vom Wesen dieser
Göttin. Nicht einmal soviel ist klar, ob sie auch bei den Sueven
Nehalennia hiess, oder ob dieser Name nur am Rhein und bei den Batavern
ihr beigelegt war. Die Erklärung des Namens macht Schwierigkeit.
Kauffmann denkt an ein germanisches Beiwort *_nêwolos_, *_nêalas_,
zu urgerm. *_nêwô_ mhd. _nâwe_, wie _navalis_ aus _navis_ entwickelt
ist. Daraus wäre eine Weiterbildung *_nêalenî_, gen. _nêalenniôs_. Im
Namen _Nehalennia_, „_navalis_“, „_zu den Schiffen gehörig_“, läge eine
Andeutung ihrer Art. Nehalennia ist die Schiffsgöttin. Njords Heimat
ist _nóatún_, die Schiffsstätte, und an die Wanen erinnert Nehalennia
insofern, als beide die Schifferei beschirmen. Die germanische
Ablautsform _nêu_-: _nôu_- erscheint in _Nêalenî_ und _nóatún_, mhd.
_nâwe_ und an. _nór_. Nehalennia ist dann aber kein eigentlicher Name,
vielmehr ein Beiname einer Göttin, welche zur Seefahrt Beziehung hat.
Freilich hat Kauffmanns Erklärung gegen sich, dass der zweifellos
sicher überlieferte Name Nehalennia zu Nealennia zurechtgemacht werden
muss. Das _h_ sei nur Trennungszeichen zwischen Vokalen, wie es auch
sonst vorkomme, z. B. Tuihanti für Tuianti, Flehum für Flevum u. drgl.
Eine andere Erklärung geht von einem idg. Grundwort *_neqos_ (νέκυς)
aus, dem urgerm. *_nehuaz_, westgerm. *_nehaz_ entspräche, wie got.
_saíƕan_ und _aƕa_ gegen ahd. _sehan_ und _aha_. Daraus ergibt sich im
Namen der Göttin ein Anklang ans Reich des Todes. Wie das aus ihrem
Wesen zu rechtfertigen ist, bleibt dunkel.
Im Jahre 694 besuchte der hl. Willibrord auf einer Missionsreise
Walcheren und zerstörte ein dort befindliches heidnisches Heiligtum.
Der Tempelhüter widersetzte sich dem Vorhaben der christlichen Priester
mit bewaffneter Hand, aber ohne Erfolg. Kauffmann[575] vermutet,
dass mit dem Heidentempel derjenige der Nehalennia gemeint sei. Die
heimische Bevölkerung wird den römischen Tempel und die Bilder, die zu
Ehren der Landesgöttin aufgerichtet waren, nicht gemieden haben, und
als die Römer aus dem Lande wichen, wurden die Germanen ihre Erben,
die alleinigen Besitzer des alten Heiligtumes. Erst der christliche
Eifer schlug die Bilder in Stücke und verwarf die Trümmer, die im 17.
Jahrhundert wieder ans Tageslicht kamen, am Meeresstrand. „Manch fromme
deutsche Mutter mag in der Halle des Tempels den Steuermann und sein
Schiff der Nehalennia anbefohlen haben, nachdem das jüngere Geschlecht
den Widerwillen gegen Tempelbauten überwunden hatte.“
* * * * *
Mit Nehalennia-Isis dürfen vielleicht einige mittelalterliche
Bräuche[576] in Verbindung gebracht werden. Ums Jahr 1133 liess ein
Bauer aus Inden im Jülichischen im nahen Walde ein Schiff zimmern, das
auf Rädern lief und durch vorgespannte Menschen an Stricken zuerst
nach Mastricht, wo Mastbaum und Segel hinzukamen, dann hinauf nach
Tungern, Looz und so weiter im Lande umhergezogen wurde, überall
unter grossem Zulauf und Geleite des Volkes. Wo es anhielt, war
Freudengeschrei, Jubelsang und Tanz, namentlich der von ausgelassener
Lust erfüllten Frauen, um das Schiff herum bis in die späte Nacht.
Die Ankunft des Schiffes sagte man den Städten an, welche ihre Thore
öffneten und es einholten. Die Weber wurden zum Schiffszug gezwungen,
dafür durften sie dem übrigen Volke den Zutritt wehren und Pfänder
erheben. Die Geistlichen sahen mit scheelen Augen auf das sündhafte
heidnische Werk und dachten es zu hintertreiben. Sie nannten das Schiff
ein Abzeichen böser Geister, ein Teufelsspiel, es sei in heidnischer
Gesinnung aufgeschlagen, böse Geister hielten darin Umzug, es könne
ein Schiff des Neptun oder Mars, des Bacchus oder der Venus heissen;
man solle es verbrennen oder sonst wegschaffen. Aber die weltliche
Obrigkeit hatte den Umzug gestattet und schützte ihn, es hing von
den einzelnen Ortschaften ab, dem heranfahrenden Schiff Einlass zu
gewähren; wie es scheint, galt es in der Volksmeinung für schimpflich,
es nicht weiter gefördert zu haben. Über Duras und Léau sollte das
Schiff nach Löwen gebracht werden. Von den Geistlichen angefacht, that
der Graf von Löwen dem Umzug mit Gewalt Einhalt, so dass die Feier
des Schiffszuges auf diese Weise blutig endigte. Aus allem geht aber
die lebhafte Teilnahme der Zeitgenossen am Schiffszug, dem Überrest
eines heidnischen Brauches, deutlich hervor. Auf schwäbischem Boden,
also bei den Nachkommen der alten Sueven, verbietet noch um 1530 ein
Ulmer Ratsprotokoll, am Nikolasabend Fastnachtskleider anzuziehen,
den Pflug und mit den Schiffen herum zu fahren. Die Gewohnheit des
Pflugumziehens, um fruchtbares Jahr und Gedeihen der Aussaat zu
erhalten, ist weit verbreitet.[577] Es geschah um Neujahr oder zur
Fastenzeit. Der Ulmer Ratsbeschluss stellt offenbar den Schiffszug mit
dem Pflugumziehen auf dieselbe Stufe. Immerhin verdient Beachtung,
dass die Umfahrt des Schiffes im späteren Volksbrauch bei den Stämmen
erscheint, bei denen im Altertum Dienst der Nehalennia-Isis nachweisbar
ist. Das auf Rädern umgehende Schiff ist allerdings nicht notwendig
auf die germanische Göttin zu beziehen. Es kommt auch bei den Griechen
in Verbindung mit Dionysus vor[578] und muss also von Alters her mit
den bacchischen Kulten zusammenhängen. Es darf ans navigium Isidis und
an Carnevalsbräuche erinnert werden.[579] Nur unter Vorbehalt seien
hier, alter Gewohnheit gemäss, die Volksbräuche des Schiffsumzugs mit
Isis-Nehalennia, überhaupt mit germanischer Mythologie in Beziehung
gebracht. Die Berechtigung dafür ist stark anzuzweifeln.
Vereinigt man die besprochenen Thatsachen, so ergibt sich: Vom Rhein
bis zur Weichsel wurde eine Göttin verehrt, welche die Seefahrt
beschützte. Die Römer wurden durch sie an ihre Isis erinnert. Am
Rhein und bei den Batavern hiess sie Nehalennia. Ein Schiff war ihr
Abzeichen. Wenn im Lenz das Eis von den Strömen sich löste und die
Schifffahrt neu beginnen konnte, dann wurde die Göttin durch Umtragung
ihres Schiffes mit Opfern und Reigen gefeiert.
6. Die Mütter.
In Frankreich, Oberitalien, Britannien, im linksrheinischen Germanien,
namentlich im Ubierlande, finden sich zahlreiche, mehr als 400
Weihsteine, welche den „Müttern“ (_matrones_, _matres_, _matrae_)
meistens von Legionssoldaten gesetzt sind.[580] Diese Mütter, mitunter
in der Dreizahl erscheinend, führen verschiedenartige Beinamen,
darunter auch solche, deren germanische Herkunft nicht anzuzweifeln
ist (z. B. _Aufaniabus_, _Gavadiabus_, _Vatviabus_ oder _Vatvims_,
_Saitchamims_ oder _Saithamiabus_, _Aflims_ oder _Afliabus_). Die
Dative auf _-ims_ sind unter allen Umständen germanisch; zur Etymologie
der Namen bieten die germanischen Sprachen auch wirklich Anhaltspunkte.
Es fragt sich nur, ob etwa aus den Beinamen etwas über das Wesen
germanischer Göttinnen zu lernen ist. Die Mütter gehören ursprünglich
zu den Glaubensvorstellungen der Gallier. Von ihnen aus verbreiteten
sie sich zu den Germanen, jedoch nur zu germanischen Söldnern, die im
römischen Heere dienten, und zu den verwälschten Stämmen. Im innern
Germanien schlug der Mütterkult niemals Wurzel und kann demnach auch
schwerlich zum echten Bestande der germanischen Mythologie gezählt
werden. Die Mütter sind Schutzgöttinnen von Örtlichkeiten, ähnlich
den _genii loci_. Als solche sind sie allgemein und überall möglich
und doch wieder für jeden Ort, jede Stadt besonders bestimmt. Wie
die Matrone über dem Hauswesen, so walten die Mütter schützend und
segnend über dem Gemeinwesen. Jeder Ort, jedes Land und Volk, das
Lager, die Garnison, die Provinz, alle konnten dem Schutze besonderer
Mütter unterstellt werden. Ein Legionär weiht sein Denkmal matribus
omnium gentium, den Müttern aller Völker, er empfiehlt sich dadurch
den Schutzgottheiten aller Länder, in welche ihn das Schicksal etwa
verschlagen möchte. Diese Inschrift ist besonders lehrreich, indem sie
beweist, dass es sich keineswegs um die eigentlichen Landesgöttinnen
handelt, vielmehr um einen durchaus subjektiven, gallisch-römischen
Begriff, der überall Anwendung finden konnte und nur allgemein
Schutzgöttinnen des betreffenden Ortes oder Landes, nicht etwa die
dort wirklich verehrten Gottheiten bezeichnet. Die Beinamen der Mütter
sind dementsprechend durchweg aus örtlichen Beziehungen zu deuten. Die
suebischen, germanischen Mütter sind vollkommen den pannonischen und
dalmatischen gleichzuachten, sie bestehen allein in der Vorstellung
des Weihers der Altarinschrift und beziehen sich keineswegs auf
wirklichen germanischen Glauben. Die Auslegung der Beinamen hat
in erster Linie mit dem örtlichen Ursprung zu rechnen. Wenn nun
germanische Wörter vorkommen, so sind sie sicherlich auf germanische
Ortsnamen zurückzuführen. Die _Matres Gavadiae_ hängen mit dem Zeitwort
_wadan_, _waten_ zusammen und entstammen wol einem Ortsnamen im Sinne
von _Furt_. An der Diemel ist später ein _Wetiun_ bezeugt, das aus
demselben Stamm gebildet ist. Der Dativ _Vatvims_ gehört zu einem
german. _watwî_, Wasserland, und stellt sich zu den vielen mit „Aue“
zusammengesetzten Ortsnamen. Solche Mütter mit germanischen Beinamen
sind demnach befriedigend zu erklären: sie sind die Schutzgeister
germanischer Örter. Deutsche im römischen Heeresdienste nahmen den
Matronenkult an und stellten damit die ferne Heimat unter göttlichen,
mütterlichen Schutz.
7. Dea Sandraudiga und dea Vercana.
Mit der _dea Sandraudiga_[581] eines nordbrabantischen Steines, den
die _„cultores templi“_ gestiftet, ist nichts anzufangen. Der Name
zerfällt in germanische Bestandteile, got. _audags_, an. _auđigr_,
reich, glücklich, und _sandr-_, wahr, wahrhaft, wie in Eigennamen,
z. B. Sandrimer. Wer die „wahrhaft reiche“ Göttin ist, etwa eine
spendende Folla, lässt sich nicht bestimmen. Die _dea Vercana_[582] auf
dem Rande einer Brunnenschale und auf einem Stein aus dem Nemetergau
(Ernstweiler bei Zweibrücken) deckt sich lautlich mit Athenes Beinamen
Ἐργάνη, Wirkerin, Göttin des Webens und Spinnens. Ob die _dea
Vagdavercustis_[583], welcher der Decurio Simplicius Super in Geldern
einen Stein setzte, germanisch ist und zur Vercana gehört, bleibt
unentschieden. Der Stamm _„werk“_ begegnet in beiden Namen, und zwar
auf der Stufe germanischer Verschiebung. Aber im übrigen ist alles
dunkel.
IV. Totengöttinnen.
1. Die Hel.
Got. _halja_, an. _hel_, ags. _hell_, as. ahd. _hella_ geben den
räumlichen Begriff „Untererde“, _infernus_ und dienen zur Übertragung
von ᾅδης, _gehenna_, _infernus_. Gemeint ist der Aufenthaltsort der
abgeschiedenen Seelen, die Totenwelt. Erst nach und nach entwickelte
sich die Bedeutung „Strafort“. Will die ältere Sprache die mit der
christlichen Hölle verknüpften Qualen anzeigen, so erhält das Wort
einen entsprechenden Zusatz, besonders _wîti_, „Strafe“ (an. _helvíti_,
ags. _hellewíte_, ahd. _hellawîȥȥi_). Obwol der Begriff Hölle bei
Goten und Westgermanen nur in christlichen Schriften vorkommt, braucht
daraus doch nicht geschlossen zu werden, dass er erst mit der Bekehrung
entstand. Besonders die nordische Überlieferung spricht gegen eine
derartige Annahme. _Halja_ darf als ein gemeingermanischer uralter
Begriff gelten, und es fragt sich nur, was die heidnische Zeit darunter
verstand. Da die ältesten Zeugnisse übereinstimmend die unterirdische
Behausung der Toten mit Hölle bezeichnen, da diese Bedeutung auch dort
fortlebt, wo sich noch andere Vorstellungen daneben entwickelten, da
diese letzteren ungezwungen aus der Grundbedeutung abzuleiten sind,
darf mit Sicherheit angenommen werden, dass das gemeingermanische Wort
_halja_ auch eine gemeingermanische Glaubensvorstellung erweist, eine
Schattenwelt, der ursprünglich alle Toten verfielen, wo die vom Leibe
gelösten Seelen fortlebten. Im Norden finden wir denselben _räumlichen_
Begriff in Redensarten, die noch heute fortdauern. _Hel_ heisst das
Reich des Todes, dann Tod überhaupt. Zur Hölle gehen, fahren, schlagen,
wird für sterben, totschlagen gesagt; in der Hölle, aus der Hölle
bezeichnet klar das Räumliche. Zwischen Tod und Leben schweben heisst
bildlich zwischen Welt und Hölle liegen (_at liggja á milli heims ok
heljar_). Noch bewahrt der dänische und schwedische Ausdruck _ihjel_,
_ihäl_, eigentlich in die Hölle, im Sinne „zu Tode“ schlagen, bringen
u. s. w. deutlich die ursprüngliche Vorstellung. _Helgrind_, das
Höllenthor, verschliesst das Land des Todes und thut sich nur selten
wiedergehenden oder beschworenen Geistern auf. _Helvegr_ ist der Weg
zur Unterwelt, dem der westfälische _Hellweg_, Totenweg entspricht.
_Helskór_ ist der Schuh, welcher dem Toten zur Höllenwanderung
mitgegeben wird. _Helreiđ_ ist die Höllenfahrt, die Brynhild auf einem
Wagen fährt. Noch zahlreiche ähnliche Anwendungen des Wortes, wofür
die Wörterbücher von Sveinbjörn Egilsson und Fritzner Belege in Hülle
und Fülle gewähren, lassen über seine Bedeutung keinerlei Zweifel
aufkommen. Dass die Hölle freudlos und lichtlos gedacht wurde, wie fast
jeder Aufenthaltsort der Seelen, darf wol vermutet werden. Aber sie war
kein Aufenthalt der Verdammten, die dort Strafen verbüssen mussten.
Noch im 10. Jahrh., beim Siege der Sachsen über die Franken 915, sangen
die Spielleute: Wo gäbe es wol eine Hölle so gross, dass sie die ganze
grosse Wal zu bergen vermöchte.[584] Die Gefallenen waren doch sicher
nicht lauter verdammte Bösewichter.
Im Norden steht aber neben _hel_ +die Hel+, _die persönlich gedachte
Beherrscherin der Toten_. J. Grimm und nach ihm viele vermeinten,
in diesem _persönlichen_ Begriff das Ursprüngliche zu finden, der
sich erst in den _örtlichen_, von Goten und Westgermanen allein
bewahrten, aufgelöst habe. Der Ort empfing von der Besitzerin den
Namen. Aber der Schluss ist gewagt. Zwar entsteht leicht der Glaube
an eine Gottheit der Unterwelt, die beide im Namen sich decken. In
unserem Falle leuchtet aber der örtliche Sinn so stark hervor, dass
nur voreingenommene Ansicht das klare Verhältniss umkehren wird. Eine
germanische _halja_ ist unbedenklich, eine _Halja_ aber unerweislich.
Hört man auf die Zeugnisse, so wird man auch nicht ohne zwingende
Gründe darüber hinaus trachten. Da nun _halja_ allen Germanen bekannt
war, _Hel_ aber nur im Norden vorkommt und auch hier eigentlich nur in
der Skaldendichtung, so liegt der Schluss nahe, +im Norden entwickelte
sich aus der örtlichen hel die persönliche Hel+. Einer persönlichen
Halja hätte schwerlich der Zugang in die biblischen Schriften offen
gestanden, eine örtliche halja, ein Seelenheim zu übernehmen, schien
ungefährlich. Bei der nordischen Hel lassen sich auch wiederum mehrere
Entwicklungsstufen unterscheiden, indem ihr Reich, das einst allen
Toten offen stand, nur einen Teil der Menschheit empfängt, während die
andern in die Gemeinschaft Odins, der Freyja, der Ran gewählt oder zu
Elben und Trollen entrückt werden, indem endlich, unter Einwirkung der
christlichen Hölle, die sittliche Beschaffenheit der Menschen ihre
Zuweisung an die Hel bestimmt.