Bestandteile mit einander. Dass der Idun von Riesen nachgestellt
wird, erinnert an die ähnlichen Sagen von Freyja. Die Feindschaft der
Riesen gegen die Götterwelt kommt dadurch zum besondern Ausdruck,
dass mit Idun auch die Äpfel, die Quelle der Jugendkraft, den Göttern
entzogen werden. So erscheint der Bestand der Welt bedroht, wenn
Idun in die Hände der Riesen fällt. Alle diese Beziehungen, auch den
Vorwurf der Buhlerei wol nach dem Muster der Freyja, mögen nordische
Skalden selbständig geschaffen haben. Wie bei Freyja versucht Uhland
auch bei Idun natursymbolische Auslegung des Mythus. In Idun ist
das frische Sommergrün an Gras und Laub persönlich geworden. Iduns
Raub durch den Riesenadler Thjazi stellt die Entblätterung der Bäume
und Entfärbung der Wiesen durch den rauhen Hauch der Herbst- und
Winterwinde dar. Im Frühling bringt Loki, die warme Luft, das Grün
zurück. Diese Deutung ist zu allgemein, um als befriedigende Lösung
gelten zu können. Iduns Verhältniss zum Riesen, die Rolle, die Loki
dabei spielt, ist der Sage vom Riesenbaumeister, der Freyja verlangt,
auf Lokis Rat sie zugesprochen erhält, durch Lokis List aber sie auch
wieder verliert, in der Hauptsache nachgeahmt. Das unterscheidende
Merkmal der Idunsage bilden aber +Iduns Äpfel+, deren Herkunft aus
christlicher und antiker Mythologie Bugge nachgewiesen hat. Seinen
Aufstellungen kann ein Unbefangener nicht widersprechen, schon um der
Äpfel willen, die auf Island nie vorkamen und auch in Norwegen kaum
anders als mit den Klostergärten Eingang fanden. In Dänemark, wo die
Frucht früher begegnet, fehlt wieder die Idunsage. Iduns Äpfel stammen
also jedenfalls aus der Fremde. Aus dem Kreise biblischer Vorstellungen
scheint eine Volkssage entwickelt zu sein von einem Apfelbaum, der über
einer Quelle sich erhebt. Die Äpfel und das Wasser verleihen ewiges
Leben. Ebenso wirken die Äpfel in den Gärten der Hesperiden. Welcher
Kranke davon geniesst, wird sofort gesund. In Irland geht eine Sage,
wie drei Brüder in Falkengestalt die Wunderäpfel Hisbernas rauben. Sie
werden von den Töchtern eines Königs, welche Greifengestalt annehmen,
verfolgt, entkommen aber glücklich. Die irische Sage, obwol nur in
jüngerer Fassung überliefert, scheint in höheres Alter zurückzureichen.
Sie ist zweifellos, wie schon der Name Hisberna lehrt, aus den
Hesperidenäpfeln entwickelt. In einer ähnlichen Gestalt dürfte sie
einst den Wikingern auf Irland bekannt geworden sein. Von den Äpfeln
und ihrer wunderbaren Eigenschaft, von ihrem Raube hörten die Nordleute
und daraus schufen sie die Geschichte von Idun und ihren Äpfeln. Der
Name Idun meint Erneuung, Verjüngung; er wird wol erst mit der Sage
selber, welche die Äpfel in die Verwahrung der Göttin gab, entstanden
sein. Somit stellt sich der Idunmythus als ein ziemlich spätes
Erzeugniss der nordischen Skalden heraus. Die Grundlagen bestimmen sich
in Kürze dahin, dass die Göttin selbst und ihr persönliches Verhältniss
zu Thjazi und Loki in Anlehnung an Freyjasagen erdichtet wurde, während
die Äpfel als Heilmittel gegen das Alter christlichen oder antiken
Vorstellungen entstammen. Die Art und Weise, wie Loki Idun, zur Nuss
verwandelt, zurückholt, vergleicht sich der irischen Sage vom Raube
der Hisbernaäpfel. Im Anfang der Erzählung sind Idun und die Äpfel
auseinander gehalten, am Schluss trägt Loki eine Nuss nach Asgard heim.
Das deutet auf Verwirrung. Man erwartet, dass Loki die Äpfel, deren die
alternden Asen dringend bedürfen, zurückträgt, die Idun durch irgend
eine List aus der Gewalt des Riesen löst.
Die Göttin der Jugend, dem bärtigen Sängerahn Bragi vermählt, ist ein
schönes dichterisches Bild.
12. Menglod.
Menglod, die Halsbandfrohe, darf als ein Name der Frigg-Freyja gedeutet
werden und darum geht auch der von ihr erzählte Mythus eigentlich
auf Frija. In Swipdag, ihrem Erlöser und Gemahl, im raschen Tage,
erkennt man den lichten Tags- und Himmelsgott. Frija-Menglod scheint
die Jungfrau Sonne, die am Rande des Himmels auf einem Berge schläft,
umgeben von loderndem Feuer, der flammenden Morgenröte. Tag, Sonne,
Morgenröte verkörpert die Dichterphantasie als besondere Gestalten
oder Zustände. Der Wohnsitz, wo die schöne Göttin mit hilf- und
segensreichen Genossinnen thront, ist von wabernder Lohe und andern
Schrecknissen umzogen und jedem unzugänglich, selbst dem erwarteten
Geliebten, wie er in erster Dämmerung, im Morgenwind als Windkald,
Kalds Sohn, erscheint. Alle Hindernisse aber schwinden, sobald er
sich mit seinem rechten Namen, Swipdag, Solbjorts (des Sonnenhellen)
Sohn nennt und sich in seiner wahren Gestalt zeigt. Selten ist ein
Mythus durch die Namen der Hauptgestalten gleich durchsichtig wie
hier. Soviel Schwierigkeiten der Erklärung aller Einzelheiten in den
Fjǫlsvinnsmǫ́l auch entgegenstehen, der Grundgedanke der Dichtung tritt
mit zweifelloser Deutlichkeit zu Tage: wie der Tag die Sonne zum Weib
gewann. Swipdag kann nur aus Tiuȥ abgezweigt sein, und darum reicht die
Sage in hohes Alter zurück. Sie entstand, solang die sonnige Göttin,
Frija die Halsbandfrohe, allein dem lichten Tagesgott zu eigen war, ehe
der brausende mächtige Sturmwind sie an sich gerafft hatte.[557]
13. Schlussbemerkungen.
In seiner Abhandlung über Frija und den Halsbandmythus gelangte
Müllenhoff[558] zu dem Ergebniss, nachdem er die Überlieferung über
Frigg mit Hilfe der Sagen von Freyja, Menglod u. A. ergänzt hatte, dass
die Ausbildung dieser Mythen der Zeusreligion der Germanen angehöre,
dass die Sagen in uralten Vorstellungen des indogermanischen Volkes
wurzeln. „Wir behaupten, dass die Frija, die Sonnen- oder Morgengöttin
bei den Germanen, einst die Gemahlin des Irmintiu war und erst an Wodan
überging, als dieser sich zum Himmelsgott aufschwang, dass sie die
ursprüngliche, einzig wahre Inhaberin des grossen Halsbandes war, und
dass der Streit, der sich daran schloss, so verlief, dass er mit dem
Tode der Knaben, die sie in der Frühe auf ihrer Laufbahn geleiteten,
durch den höchsten Gott ein Ende nahm, dass das Halsband ihr mit oder
wenigstens nicht ohne ihres Mannes Willen geraubt, dann durch den guten
Gott der Frühe zurückerkämpft und wiedergegeben wurde. Wir erblicken
nunmehr die ganze Kette von Mythen, die unter wechselnden Gestalten,
vom ersten Morgengrauen beginnend, die glanzvolle Erscheinung der
Himmelskönigin, auch das Verschwinden ihres Lichtes am Abendhimmel
schildern und so den Verlauf eines Tages umschreiben.“
J. Grimm, Mythologie 284 urteilte so: „Die Wichtigkeit dieser Sage
von der Göttin Halsschmuck steigt aber noch, wenn wir griechische
Mythen hinzuhalten. Brísingamen ist nichts anderes als Afrodites ὅρμος
(Hymn. in Ven. 88) und die Kette wiederum ihr Gürtel, der κεστὸς ἱμὰς
ποικίλος, den sie am Busen trägt, dessen Zauber alle Götter und
Sterbliche bewältigt. Von ihrem Hals (ἀπὸ στήθεσφιν) löst und leiht
sie ihn der Here, die den Zeus damit reizen will, das wird in einem
uralter Göttersage vollen Liede (Il, 14, 214-218) erzählt. Wie den ἱμάς
Here und Afrodite wechselsweise tragen, schreibt die nordische Fabel
das Geschmeide bald der Frigg, bald der Freyja zu, denn jenes Gold
der Frigga bei Saxo fällt mit Brísingamen zusammen. Dazu tritt eine
andere Ähnlichkeit. Freyja besitzt nach derselben Erzählung ein schönes
und so starkes Gemach, dass, wenn die Thüre verschlossen war, niemand
ohne ihren Willen hinein kommen konnte. Mit welcher List Loki dennoch
eindrang und ihr das Halsband raubte, wird berichtet. Homer meldet es
nicht, wol aber weiss er Il. 14, 165-168 von Heres θάλαμος,
τόν οἱ φίλος υἱὸς ἔτευξεν
Ἥφαιστος, πυκινὰς δὲ θύρας σταθμοῖσιν ἐπῆρσε
κληῖδι κρυπτῇ, τὴν δ’ οὐ θεὸς ἄλλος ἀνῷγεν.
Was stimmt genauer zu jenem unnahbaren Gemach der Freyja, zumal
des ἱμάς gleich darauf gedacht wird? Hefäst, der seiner Mutter das
kunstreiche Zimmer baute, halte ich zu den Zwergen, die der Freyja
das Halsband schmiedeten. Die Identität der Frigg und Freyja mit Here
und Afrodite muss auch nach diesem Mythus wirklich einleuchten.“ Ist
Freyjas Halsband das der Afrodite, dann fällt allerdings Müllenhoffs
Beweis, weil dann Entlehnung, nicht Urverwandtschaft anzunehmen wäre;
weil Afrodite keine urgriechische, indogermanische Göttin ist, bedingt
die Anerkennung einer engeren Verwandtschaft zwischen ihr und einer
germanischen Göttin zugleich die Annahme, dass die Freyja einen Teil
ihres Wesens durch Afrodite-Venus erhielt. Auf fremden Ursprung weist
endlich noch das Gespann der Freyja. Es kommt nichts Genaueres in
einer Sage vor, nur allgemein ist Freyja Besitzerin der zwei Katzen
genannt, mit denen sie im Wagen fährt.[559] Das Tiger- und Löwengespann
orientalischer Gottheiten ist nach Bugge (Christiania Morgenbladet 16.
Aug. 1881) Vorbild für Freyjas (Tiger-?) Katzen.
II. Die Erdgöttin.
Die Verehrung der mütterlichen Erde ist auch unter den Germanen
nachweisbar. Himmel und Erde scheinen überhaupt das älteste Götterpaar
aller Mythologien zu sein. Der Himmel ist die männliche, zeugende,
befruchtende Gottheit, die Erde die empfangende und gebärende. Im
Norden heisst sie mit einfach schönem Namen _Jord_, Erde. Ihr Gemahl
ist Odin, ihr Sohn Thor.[560] Aber dieses Verwandtschaftsverhältniss
ist nicht ursprünglich. Einst war der Himmelsgott der Gemahl der
Jord, die er mit Licht und Wärme im Lenz aus der Gewalt finstrer
Riesen befreite und segnete, wie Freyr die Gerd. Das alte Verhältniss
tritt aus einer zweiten Benennung noch zu Tage. Thors Mutter heisst
auch _Fjǫrgyn_. Jord und Fjorgyn sind eins. Neben der Fjorgyn steht
ein männlicher Fjorgynn, als dessen Gattin einmal Frigg bezeichnet
wird.[561] Da derselbe Name von Gott und Göttin gebraucht wird, muss
ein altes Beiwort der Gottheit darin verborgen sein. Wirklich lässt
sich auch Fjorgynn als Beiname des Himmelsgottes nachweisen. Zu Grunde
liegt der urgermanische Wortstamm _fergu_ (_quercus_). Im Litauischen
heisst der Donnergott ebenfalls _Perkunas_, so dass das Beiwort also
bereits vorgermanisch sein muss. Der Sinn des Namens ist _zur Eiche
gehörig_, _auf Eichen bezüglich_, _eichen_ (_querceus_). Der litauische
Donnerer führt also eigentlich den Namen Eichengott. Dem Juppiter
und dem Donar war die Eiche geheiligt. Somit war *_fergunjaȥ_ eine
Benennung des Himmelsgottes in seiner Eigenschaft als Donnerer, ein
Beiname Donars, dessen Bedeutung frühzeitig verloren ging. *_fergunjô_
wird ursprünglich wol die Gattin des Donar geheissen haben, jedenfalls
empfing die Göttin den Namen erst vom Gott, dem er seit Urzeiten und
einstens sicher allein gehörte. Denn Fjorgynn und Fjorgyn bildeten
einmal ein Paar, Himmel und Erde. Und damals schon wird die Erdgöttin
von ihrem göttlichen Gemahl den Zunamen erhalten haben. Hernach blieb
er ihr, Fjorgynn aber ging auf den inzwischen an die Spitze des
Götterstaates getretenen Odin über. Dem alten Eigentümer, Thor selber,
kam er abhanden, nur noch ein loser, unverstandener Zusammenhang zeigt
sich darin, dass er Fjorgyns Sohn heisst.
Ein angelsächsischer Flursegen[562], der freilich erst aus christlicher
Zeit überliefert ist und darum mancherlei christliche Züge einmischt,
zeigt den Kult der Erde am lebendigsten. Da werden neben Gott, Maria
und den Heiligen auch unmittelbar, als wären es persönliche Wesen,
Erde und Himmel (_eorđe and upheofen_) um Fruchtbarkeit angefleht.
Merkwürdig klingt folgende Anrufung: _Erce, Erce, Erce, eorþan módor!_
Es vergönne der allwaltende, ewige Herrscher, dass die Äcker wachsen
und gedeihen, in Fruchtbarkeit wetteifern; er gönne des Kornes
Wachstum, der breiten Gerste, des weissen Waizens, aller Erde Wachstum.
Das Wort _Erce_ scheint Erde zu bedeuten, und die Erde selber wurde
sicherlich einst allein angerufen. Warum aber _Erce_ Mutter der Erde
genannt wird, bleibt unklar. Vielleicht ist irgend eine Verderbniss
der Überlieferung anzunehmen. Besonders schön und anschaulich ist das
Gebet, unter welchem man den Pflug in Bewegung setzt und die erste
Furche zieht. „Heil dir, Erde, Mutter der Menschen, sei du wachsend
in Gottes Umarmung, mit Nahrung erfüllt zum Nutzen der Menschen!“ Der
angelsächsischen Anrufung „_hál wes þu, folde, fira móder_“ entspricht
genau Brynhilds Gruss beim Erwachen aus dem Zauberschlafe: Heil euch,
Götter, Heil euch, Göttinnen, Heil dir, fruchtbare Erde (_heil siá en
fjǫlnýta fold_)! Beidemal wird die Erde „_fold_“ genannt. Offenbar
wirkt im ags. Segen und im nordischen Tagesgrusse eine altgermanische
Formel nach, ein Gebet an die Erdgöttin, die Mutter der Menschen,
Urquell alles Lebens ist. Deutlich wird ihr Liebes- und Ehebund mit
dem Himmelsgotte erwähnt. Aus solchen feierlichen Opfergebeten mögen
Lieder und Mythen entspringen, wie das Lied von Freyr und Gerd. Im
englisch-nordischen Gebet an _Fold_, die in des Gottes Umarmung
fruchtbar wird, liegt gleichsam der Keim der schönen mythischen
Dichtung, die aus den Skírnismǫ́l hervorleuchtet.
Zu den Erdgöttinnen wird seit Finn Magnusen auch die spröde _Rind_
gerechnet, welche Odin bezwingt, um mit ihr den Bous (Búi) oder Wali,
Baldrs Rächer zu erzeugen.[563] Rind ist die unbebaute, harte und
unfruchtbare Erde, die sich dem belebenden Lichte der hellen Sommerzeit
(Odin als Vertreter des Tiuȥ) nicht leicht erschliesst. Ist es aber
geschehen, so kann Feldbau auf dem früher wüsten Lande stattfinden. Búi
ist der Bauer; neben Wali steht auch der Name Áli, die Verkörperung der
keimenden Saat. Die Geschichte Odins und Rindas ist freilich romantisch
aufgeputzt und als Ganzes genommen nicht alt. Aber ein Mythus mag
immerhin schliesslich zu Grunde liegen, wie Licht und Wärme die spröde
harte Erdrinde gefügig und fruchtbar machen.
Nerthus.
Sieben Stämme an der Nordsee verehrten insgesamt die _Nerthus_. Auf
einer Insel war ihr heiliger Hain; drin stand, von einem Tuche bedeckt,
ihr Wagen, den nur der Priester anrühren durfte. Dieser erkennt,
wenn die Göttin ihr Heiligtum aufsucht. Er begleitet sie, wenn sie
auf ihrem mit Kühen bespannten Wagen unter grosser Feierlichkeit
umherfährt. Überall herrscht Festfreude und Waffenruhe, bis derselbe
Priester die am Umgang mit den Menschen gesättigte Göttin ihrem
Heiligtum zurückgibt. Dann werden Wagen, Tücher, ja die Gottheit
selbst im einsamen See gebadet. Die dienenden Knechte werden gleich
ertränkt.[564] Tacitus deutet Nerthus als _terra mater_, weil die
Umfahrt der römischen Göttermutter auf einem von Rindern gezogenen
Wagen am 27. März, ferner das Bad, dem das Bild der Göttin samt
dem Fahrzeug unterzogen wurde, lebhaft an den germanischen Brauch
erinnerten. Wie bereits bemerkt, feierten die Schweden die Umfahrt des
von einer Priesterin geleiteten Freyr, des Sohnes des Njord (_Nerþuȥ_),
wovon sie fruchtbares Jahr erhofften. Zweifellos entspringt die
Nerthusfeier demselben Glauben, der im Mittelalter und in der Neuzeit
in zahllosen Volksbräuchen, in Bittgängen um Ackersegen nachwirkt.
Der Grundgedanke liegt in der feierlichen Einholung der im Lenze neu
erwachten Geister des Wachstums und Gedeihens. Als Maigraf, Maigräfin,
Maikönig, Maikönigin werden die Frühlingsgeister bewillkommnet.
Fürs 12. Jahrh. ist ein niederländischer Brauch bezeugt. Zu Ostern
und Pfingsten wählten Priester und Kleriker unter Teilnahme des
gesamten Volkes aus den Frauen der Priester eine aus, schmückten sie
mit Krone und Purpur, setzten sie auf einen Thron und erwählten sie
zur Königin. Dann sangen sie den ganzen Tag über unter Begleitung
von Musikinstrumenten Lieder und erwiesen ihr wie einem Götzenbilde
Ehren.[565] Beim Frühlingsfest fehlen niemals Chorgesänge und Reigen.
Auch die Nerthusfeier wird unter Tanz und Liederklang begangen
worden sein. Wenn das erste Grün im heiligen Hain sprosste, ersah
der Priester darin das Zeichen der nahenden Göttin. Dann begann die
Umfahrt, welche den Lenz einbrachte und die Gefilde mit Fruchtbarkeit
segnete. Die Wassertauche findet sich auch sonst bei Ackerbräuchen,
beim Pflugumziehen. Sie kann als Regenzauber gedeutet werden. Die
ertränkten Knechte sind als Opfer zu verstehen, welche die Bundesstämme
der Gottheit um gute Jahreszeit, um rechte Verteilung von Sonne und
Regen darbringen. Kögel nimmt den See als den Eingang zur Unterwelt.
Dort weilt Nerthus in den Wintermonaten, im Frühling zieht sie hervor
durch Fluren und Auen, im Herbst kehrt sie zurück in den Schooss der
Erde, wenn die Pflanzenwelt abstirbt. Das wird bildlich durch Auszug
und Rückkehr angedeutet. Darf der begleitende Priester als Vertreter
des Gottes, des Gemahles der Nerthus gelten, wie umgekehrt dem Freyr
eine Priesterin gesellt ist, deren Schwangerschaft die Schweden für
ein gutes Zeichen ansehen, so ist in dem umziehenden göttlichen Paare
die Zeugungskraft des Lenzes verkörpert. Nerthus ist somit die Göttin
der fruchttragenden Erde, der Fruchtbarkeit überhaupt. Sie weilt unter
den Menschen, so lange die Pflanzenwelt dem Lichte entgegensprosst.
Sehnsüchtig wird ihre Ankunft nach der langen Winternacht und
Todesstarrheit erhofft, mit lautem, festlichem Schalle, mit Gesang und
Reigen ihr Einzug gefeiert.
III. Germanische Göttinnen auf römischen Inschriften und bei antiken
Autoren.
Von einigen Göttinnen der Germanen kennen wir nur die Namen, welche
inschriftlich oder bei den antiken Autoren überliefert sind. Nur selten
steht noch eine dürftige Bemerkung über ihre Art oder ihren Dienst
dabei. Mit diesen Göttinnen weiss die mythologische Forschung nicht
viel anzufangen. Nur selten ist der Sinn der Namen zu erraten, und
selbst wo er völlig klar ist, bleibt doch die Hauptsache dunkel, da
die Namen oft nur sehr allgemeine Bedeutung haben. Hätten wir z. B.
allein den Namen Frija überliefert, so fände die Etymologie leicht
aind. priyâ, die Geliebte, die Gemahlin. Aber damit wüssten wir nichts
über ihre Art. Ist nun gar die Etymologie dunkel, so bleiben alle
Lösungsversuche im höchsten Grade unsicher.
1. Tanfana.
Tanfana oder Tamfana hiess die marsische Hauptgöttin. Die Deutschen
feierten eben ein grosses Fest, erzählt Tacitus, und froh hatten sie
die Nacht bei ihren Gelagen hingebracht, noch lagen sie sorglos ihren
Rausch verschlafend auf Bänken und neben den Tischen, an denen sie
geschmaust und gezecht hatten, umher, als Germanicus über sie kam.
Er verteilte sein Heer in vier Haufen, zehn deutsche Meilen in die
Runde liess er alles mit Feuer und Schwert verwüsten, Alt und Jung,
Mann und Weib niederhauen und das hochberühmte Heiligtum der Tanfana
-- _celeberrimum illis gentibus templum, quam Tanfanae vocabant_ --
dem Erdboden gleichmachen.[566] Die Zeit dieses Überfalles war das
Spätjahr 14. Im Herbst pflegten die Germanen grosse Feste zu feiern
zum Danke für die Ernte. Bei Angelsachsen und Nordleuten führt der
Oktober und November den Namen Opfermonat. Den Festesfrieden benutzte
Germanicus zu seinem Streifzug. Zum Herbstfeste waren die Marsen beim
altberühmten Stammesheiligtum versammelt. Das Dankopfer galt einer
Göttin, Tanfana.[567] Tanfana ist vermutlich ein Name der Mutter Erde,
und darum wurde ihr das Dankesfest für den Ackersegen dargebracht.
Möglicher Weise ist der Name damit in Verbindung zu bringen. Müllenhoff
vermutet, Tanfana sei die Opfergöttin, wie _Juppiter dapalis_, zu dem
der römische Bauer vor der Aussaat betete und dem er ein Opfermahl,
die _daps_, spendete, ein Opfergott ist. Der Name der Göttin erkläre
sich aus ihrer Festzeit, dem grossen Herbstopfer, Tanfana sei die
Opferempfangende. Tanfana kann aber auch die Spendende, Segnende,
Reichtum Gewährende bedeuten, wie Fulla, Volla, Gefjon, Copia. Auch
dieser Name passt auf eine Göttin des Erntesegens und des Herbstopfers.
2. Baduhenna.
Auf friesischem Boden wird ein Hain der Baduhenna erwähnt, wo im
Jahre 28 n. Chr. 900 Römer im Kampfe fielen.[568] Aus der flüchtigen
Angabe ist gar nichts für diese friesische Göttin zu entnehmen. Ob
der Name aus zwei Stämmen zusammengesetzt oder aus einem Stamme mit
Ableitungssilbe weitergebildet wurde, ist unklar. Im ersten Falle
konnte die friesische Form etwa _Baduwini_ lauten. _Baduwini_,
die Kampfesfrohe, vergleicht sich dem Frauennamen _Siguwini_,
die Siegesfrohe. Als Zusammensetzung _badu-wenna_ (got. _winno_,
Leidenschaft, ahd. _winna_, Streit) kann der Name auch „kampfwütig“
bedeuten.[569] Jedenfalls steckt _badu_-, „Kampf“, im Namen, und daher
scheint der Göttin Beziehung zu Schlacht oder Walfeld zuzukommen.
3. Die Alaisiagae.
Die Inschrift, welche dem Mars Thingsus gewidmet ist, gilt auch
_duabus Alaisiagis Bede et Fimmilene_. Darunter sind wol Göttinnen zu
verstehen, die irgend welche Beziehung zu Mars Thingsus gehabt haben
müssen. Da nun aber schon dieser Gott für uns rätselhaft ist, sind
es die Alaisiagen noch viel mehr, zumal die Etymologie ihrer Namen
nicht gelingen will.[570] Ursprünglich wurde Tiuȥ als Gerichtsgott,
als Befehlshaber des in Thing und Heer versammelten Volkes gefasst. Da
wies Heinzel auf die im Schulzenrecht des westerlauwerschen Friesland
genannten _bodthing_ und _fimelthing_ hin. In der Benennung dieser
Dingversammlungen sollten dieselben Wortstämme wie in den Namen der
Alaisiagen wiederkehren. War Tiuȥ über das Allding des Volkes gesetzt,
so lag es nahe, anzunehmen, die kleineren Dinge seien unter den Schutz
der Göttinnen gestellt worden. Ist doch auch die nordische Syn bei den
Dingversammlungen in solchen Streitsachen zur Schützerin bestellt, wo
Männer etwas zu leugnen haben. Weinhold vermutete noch Schreibfehler
für *_alaisagiis_ (_êsago_); es seien die Gesetzessprecherinnen.
Somit schien das Denkmal irgend einem Rechtsfalle zu entstammen. Aber
_bodthing_ und _fimelthing_ sind späte Einrichtungen der Friesen, der
etymologische Zusammenhang mit den Namen der Inschrift ist zweifelhaft,
Mars Thingsus ist nicht der übers Ding waltende Tiuȥ.
Freilich haben die übrigen Auslegungen ebensowenig ein befriedigendes
Ergebniss zu erzielen vermocht. Kauffmann nimmt als Grundwort
_al-aisiag-_ an, das zu ahd. _êrên_, an. _eira_, „schonen“, gehöre.
Alaisiagen seien die Allhilfreichen. Bede ist Dativ zu friesisch
*_Bêd_. Der Name steht im Ablaut mit as. _gibada_, „Trost“, mhd.
_bate_, „Nutzen“, „Hilfe“; er besagt etwa helfende Trösterin. Zu
Fimmilene wird im Nominativ eine germanische _Fimilô_ angenommen
(zu an. _fimr_, „hurtig“, „behend“). Es sind demnach göttliche
Hilfespenderinnen, die Trost und rasche Abwehr drohender Gefahr
gewähren.
Ganz anders urteilt wiederum Siebs. Er geht von an. _eisa_, „eilen“,
„stürmen“, aus, das urgermanisch *_aisjan_ lauten müsste. Alaisiagen
wären die gewaltig Einherstürmenden. Bede wird mit as. _undar-badôn_,
„erschrecken“, in Verbindung gebracht. _Bêdô_ sei die Schreckerin,
die Bedrängerin, die Verkörperung des Wirbelwindes. _Fimilô_ heisst
Bewegung, Wehen des Windes; im Nds. bedeutet _fimmeln_ „flattern“, „hin
und her fahren“; _Svipul_, die Bewegliche, ist ein Walkürenname. Der
Denkstein gilt dem Himmels- und Wettergott Tiuȥ und den beiden gewaltig
einherfahrenden Göttinnen, der schreckenden _Bêd_ und der stürmenden
_Fimila_.
Diese drei grundverschiedenen Auslegungen zeigen, wieviele
Möglichkeiten der blossen etymologischen Erklärung sich darbieten,
wie unsicher und unbestimmt aber alle auf diesem Wege allein erholten
Vermutungen stets bleiben müssen. Nach wie vor ist das Wesen der
Göttinnen uns vollkommen dunkel.
4. Hlodyn und Hludana.[571]
Hlodyn ist Widars Mutter, die an einer andern Stelle Grid, die Heftige,
Ungestüme, genannt und als Riesin bezeichnet wird. Die Snorra Edda
fasst Hlodyn als einen Namen der Jord, der Erdgöttin, auf. Zum Beweise
wird eine Weise des Skald Vǫlu-Steinn aus dem 10. Jahrh. angezogen,
wonach die Steine als Hlodyns Knochen bezeichnet werden.[572] Die
Kenningar, in denen sonst noch Hlodyn vorkommt, lassen sie ebenfalls
mit Jord gleichbedeutend erscheinen.