_Freyja_[537] ist nach Frigg die angesehenste unter den Göttinnen, Sie

ist die Schwester des Freyr, Njords Tochter. Sie hat den Wohnsitz im

Himmel, der Folkwang heisst, und wenn sie zum Kampfe sich begibt, so

empfängt sie die eine Hälfte der Gefallenen und Odin die andere. So

steht im Grimnirliede 14

Folkwang nenn ich, Freyja entscheidet,

Wer die Sitze dort fülle im Saal;

Von den toten Helden wählt sie täglich die Hälfte,

Die andre fällt Odin zu.

Dort in Folkwang, auf dem Volksgefilde, erhebt sich die Halle

Sessrymnir, die an Sitzen geräumige. Wenn sie eine Reise unternehmen

will, so fährt sie mit ihren Katzen und sitzt in einem Wagen. Sie ist

gern zur Hilfe bereit, wenn Menschen sie anrufen. Im Liede von Oddruns

Klage 8 spricht die aus den Geburtswehen befreite Borgny den Heilwunsch

über Oddrun:

So mögen dir helfen die holden Wesen,

Freyja und Frigg und noch viele Götter,

Wie du mich befreitest aus Fährde und Not.

Gut ist es, in Liebesangelegenheiten Freyja anzurufen. Ihr gefällt

das Liebeslied. Zu den weiteren Eigenschaften der Freyja gehört das

Brisingenhalsband, das lichte Geschmeide, und das Falkenhemd, das Loki

mehrmals von ihr entlehnt. In der Ynglingasaga Kap. 4 wird von Freyja

berichtet, sie habe zuerst unter den Asen den bei den Wanen längst

gebräuchlichen Zauber (_seiđr_) geübt.

Von der Göttin Freyja findet sich ausserhalb des Nordens keine Spur.

Während Frija gemeingermanisch ist, bleibt Freyja auf Norwegen

und Island beschränkt. Zumal auf Island gedieh der Freyjakult am

meisten, dort verdrängte sie geradezu die Frigg, wie sie auch in

der spätisländischen Dichtung, den _Skíđarímur_, Odins Frau genannt

wird. Freyja ist im Norden zu Freyr gebildet wie _gyđja_ zu _gođ_,

_Finna_ zu _Finnr_.[538] Ihre Art stimmt zu ihrem späten Ursprung,

indem sie als Nachahmung bereits vorhandener Vorbilder sich erweist.

Als Schwester Freys, Tochter Njords ist sie natürlich auch den Wanen

zugehörig, _vanabrúđr_, _vanadís_, _vanagođ_ d. h. Wanengöttin. Im

Hyndlaliede 5 u. 7 reitet sie auf dem goldborstigen Eber Hildiswini,

welchen die Zwerge Dain und Nabbi ihr schufen, sie ist also mit Freys

Eigentum ausgestattet. Im übrigen aber wiederholt Freyja die Frigg,

indem dieselben oder doch sehr ähnliche Mythen von ihr berichtet

werden. Dabei lässt sich erkennen, dass die Sagen ursprünglich allein

an Frigg haften und nur dort, wo Freyja im Vordergrund stand, auf diese

übertragen wurden. Es handelt sich schwerlich um eine urgermanische

Spaltung einer Göttin in zwei demzufolge wesensverwandte Gestalten,

vielmehr um eine spätere nordische Abzweigung der Freyja aus Frigg.

Deshalb geht Freyja zu einem guten Teil in Frigg auf. Die Freyjamythen

dienen mehrfach dazu, das Bild der Frigg zu ergänzen. Endlich scheinen

auch fremdartige Bestandteile, Züge der Venus mit Freyja verschmolzen,

die sich somit als eine Schöpfung der Wikingerzeit herausstellt. Die

verschiedenartigsten Motive sind zu einem eigenartigen neuen Gesamtbild

vereinigt.

Wenn sich Freyja mit Odin in die gefallenen Helden teilt, wenn sie

in geräumiger Halle ihnen Sitze anweist, so kann eine derartige

Vorstellung nur dort aufkommen, wo Freyja den höchsten Rang unter den

Göttinnen einnimmt. Nur die Hauptgöttin, Odins Gemahlin, kann gleiches

Recht mit dem Gotte beanspruchen. Sessrymnir ist ein zweites Walhall,

wo nicht Walvater, sondern Walfreyja, die Herrin der Wal, den Vorsitz

hat. Wie Odin als König und Häuptling an der Spitze der Einherjer

steht, so wird Freyja die erste der Walküren. Wenn Wingolf das

Heiligtum der Göttinnen heisst und andrerseits die Wunschsöhne Odins

in Walhall und Wingolf Aufnahme finden, könnte Wingolf mit Sessrymnir

gleich sein, eine Halle, die unter Walfreyjas Obhut steht. Zu den

Walküren stellt sich Freyja auch dadurch, dass sie in Walhall einmal

das Schenkamt übt, was ja sonst Sache der Wunschmädchen ist. Wie der

Riese Hrungnir mit prahlerischen Reden in Asgard gross that, wagte

Freyja allein, ihm einzuschenken. Übrigens blieb Freyja als Führerin

der Walküren und Eignerin der Wal ein dichterischer Versuch, indem die

Vorstellung dieser zweiten Totenhalle unter Freyja weder allgemein noch

vollständig ausgebildet erscheint. Freyja und Sessrymnir erlangten

kaum dieselbe Bedeutung und Anerkennung wie Odin und Walhall; hier

tritt uns der dichterische Glaube vieler, dort der weniger entgegen.

Mit Frigg gleichgesetzt begegnet aber Freyja namentlich auf Island. Am

Allding 998 suchte der Priester Dankbrand den Isländern das Christentum

aufzudrängen, doch ohne grossen Erfolg. Hjallti Skeggjason, der bereits

Christ war, gab seinem Ärger über den missglückten Bekehrungsversuch

in einem Schmähvers[539] auf die Heidengötter Ausdruck: „Ich will

nicht wider die Götter bellen: ein Hund dünkt mir Freyja. Jedenfalls

ist eines von beiden, Odin oder Freyja, ein Hund.“ Hjallti wurde wegen

dieser Lästerung des Landes verwiesen. In dieser Schelte will Hjallti

die ersten isländischen Götter treffen und nennt Freyja und Odin. Das

Verhältniss zwischen beiden ist wol als ein eheliches aufzufassen,

Freyja steht für Frigg.

In den Tagen Olafs des Heiligen hielten die Bauern um Drontheim zu

Anfang des Winters Gastmähler und Opfer um gute Jahreszeit. Da wurde

alle Minne dem Thor geweiht und dem Odin, der Freyja und den Asen.

Wahrscheinlich liegt aber hier ein Versehen des Schreibers der Saga

vor: dem Odin, Thor und Freyr, der Götterdreiheit, die auch Adam von

Bremen für den Uppsalatempel nennt, wurde der Minnebecher geweiht.[540]

* * * * *

In der folgenden Sage, wo eine Verwechselung ausgeschlossen ist,

spielt Freyja die Rolle der Frigg und befindet sich wol im ehelichen

Verhältniss zu Odin.

König Alfrek hatte zwei Frauen, Signy und Geirhild. Die konnte er ihrer

Uneinigkeit wegen nicht beide behalten. Da sagte er, er wolle diejenige

behalten, welche das beste Bier gebraut haben würde, wenn er von der

Fahrt zurückkäme. Sie wetteiferten nun im Brauen. Signy rief Freyja an

und Geirhild Hott (d. i. Odin unter dem Namen Hǫttr, der mit dem Hute).

Dieser gab statt der Gähre seinen Speichel und so bestand Geirhilds

Bier die Probe. Doch hatte sie ihr Kind, den nachmaligen König Wikar,

für die Hilfe dem Odin zu eigen geben müssen.[541] Die Wette, welche

zwischen den Frauen zum Austrag kommt, ist von der Beihilfe der Götter

abhängig. Da messen sich Odin und Freyja ebenso wie sonst Odin und

Frigg, Wodan und Frîa, nur dass diesmal Odin gewinnt. Freyja vertritt

aber vollständig Frigg.

Eine hervorragende Stellung wird der Freyja auch durch folgenden Zug

des isländischen Glaubens zugeteilt. Der Skald Egill hatte beschlossen,

keine Nahrung mehr zu sich zu nehmen und zu sterben. Seine Tochter

Thorgerd wollte ihm folgen und sagte: Ich habe kein Nachtmahl zu mir

genommen und werde keines mehr nehmen als bei Freyja. Ich will meinen

Vater nicht überleben.[542] Wie Helden hoffen, noch abends bei Odin

Gast zu sein, spricht hier eine Jungfrau einen ähnlichen Gedanken in

Bezug auf Freyja aus. Daraus darf der wenigstens teilweise herrschende

Glaube erschlossen werden, dass Freyja die verstorbenen Frauen zu sich

versammle. Allerdings wird Walfreyja damit kaum zu vereinigen sein,

beide Vorstellungen schliessen sich aus. Alter Glaube mag aber zum

Gotte die Männer, zur Göttin die Frauen gewiesen haben.

5. Freyja und Brisingamen.

Freyja, Njords Tochter, war die Geliebte Odins von Asgard. Vier

Zwerge, kunstreiche Schmiede, wohnten in der Nähe der Königshalle. Als

Freyja einmal ihre Höhle besuchte, erblickte sie ein schönes, goldenes

Halsband, das jene anfertigten. Nach seinem Besitze verlangend bot

sie den Zwergen Silber, Gold und andere Kostbarkeiten dafür. Jene

erwiderten, solcher Dinge bedürften sie nicht, doch wollten sie das

Halsband an Freyja verkaufen, wenn jeder von ihnen eine Nacht ihr

beiwohnen dürfe. Sie stimmte zu, und in den nächsten vier Nächten bekam

jeder der Zwerge, die Alfrigg, Berlingr, Dvalinn und Grerr hiessen,

den ausbedungenen Lohn. Der Bericht fährt weiter, wie Loki auf Odins

Geheiss der Freyja das Halsband stahl. Als Freyja ihren Schmuck von

Odin zurückverlangte, erhielt sie ihn nur gegen das Versprechen,

zwei gleich mächtige Könige in einen unaufhörlichen Kampf gegen

einander zu hetzen. So erzählt der im 14. Jahrhundert auf Island

niedergeschriebene Sörla Þättr.[543] Die Sage ist als Einleitung der

Geschichte von Hedin und Hilde, deren Kämpfe von Freyja zur Einlösung

ihres Versprechens veranlasst werden, vorangestellt. Mögen auch die

Einzelheiten der Erzählung jung sein, in der Hauptsache ist sie aus

älterer Überlieferung geschöpft. Bereits im Lied von Thrym (12, 14,

18) ist Freyja im Besitze des Schmuckes _Brísingamen_[544], Ulfr

Uggason dichtete, wie Loki ihn raubte und Heimdall ihn zurückgewann.

_Brísingar_ ist vermutlich eine Benennung der ursprünglichen Eigentümer

und Verfertiger des Halsbandes. Jene kunstreichen Zwerge sind oder

vertreten die _Brísingar_. Da nun Freyja ebenfalls von Anfang an

mit dem Vorwurfe der Buhlerei bedacht wird, lässt sich sehr wol die

Erzählung, wie sie in den Besitz dieses „_Brísinga men_“ kam, als

einer der Gründe hierfür annehmen. Wenn Saxo von Frigga weiss, sie

habe sich „_uni familiarium_“ um goldenen Schmuck ergeben, so wird die

nämliche Sage gemeint sein, nur mit Verwechslung zwischen Freyja und

Frigg. Wenn endlich die am Rande des Himmels auf einem Berge schlafende

Lichtgöttin, die Sonnenjungfrau, welche der rasche Tag, der Held

Swipdag sich gewinnt, den Namen _Menglod_, die Halsbandfrohe führt,

so vereinigen sich alle diese Züge zu einem von der Gemahlin des Tiuȥ

einst geltenden Mythus.

Frija wird von den Brisingen, den Göttern des Zwielichts, dem reissigen

Brüderpaar griechischer und indischer Sage, aus dem nächtigen Dunkel

heraufgeführt. Die Brisingen sollen die Braut dem Tiuȥ zuführen,

trachten aber selber nach ihrer Liebe. Ein glänzendes Halsband, das

_Brísinga men_, von ihnen selbst gefertigt, bieten sie der Göttin für

ihre Gunst. Und sie willigt ein, der goldene Schmuck bringt ihre Treue

zu Fall. Frija wird einmal als die alleinige Eignerin des Schmuckes,

der glänzenden Sonne, gedacht worden sein und darum Menglod heissen.

Nur in Norwegen und auf Island nahm später Freyja, wie so häufig,

auch hier ihre Stelle ein. Saxos oben erwähnte Erzählung bringt also

zwei an und für sich ganz verschiedene, nach Alter und Ursprung weit

auseinander liegende Berichte in Verbindung, die allerdings denselben

Grundgedanken, Frijas Untreue, enthalten. Der eine Mythus entstand, so

lange Frija noch dem Tiuȥ allein gehörte, der andre, als Wodan-Odin ihn

verdrängte.

6. Freyja und die Riesen.

Freyja wird mehrmals von Riesen zum Weibe begehrt, und nur dem

Dazwischentreten Thors ist es zu danken, dass sie den Göttern erhalten

bleibt. So verlangt Thrym die Göttin gegen Herausgabe des Hammers. Der

Riesenbaumeister, welcher den Göttern eine Burg zu bauen versprochen

hatte, bedang sich als Lohn Freyja, dazu Sonne und Mond. Loki hatte zur

Annahme des Vertrages geraten. Hrungnir wollte Freyja und Sif mit sich

fortführen und alle andern Götter töten. Freyja als Schwester Freys mag

in solchen Sagen die schöne Jahreszeit, Glanz und Wärme der Sonne, die

Grundbedingung des Wachstums und Gedeihens bedeuten.[545] Darum stellen

ihr die rauhen Riesen, die entfesselten Elemente, die winterlichen

Stürme nach. Ohne Licht und Wärme verdirbt die Welt, und nach dem

Verderben der Götter- und Menschenwelt trachten die Riesen. Die Wanen

haben manche Züge mit den Elben gemeinsam, und so gleicht Freyja einer

Lichtelbin. Elbinnen werden vom wilden Jäger, von den entfesselten

Elementen verfolgt. Auf der Grundlage solchen allgemein bezeugten

Aberglaubens mochten Sagen erwachsen wie die eben erwähnten.

7. Freyja als Venus vulgivaga.

Im Lied von Thrym erscheint Freyja streng und herb. Als Loki an sie

das Ansinnen stellt, mit dem Brautschleier geschmückt nach Riesenheim

zu fahren, da schnaubt Freyja vor Zorn, dass die Burg erbebt und das

Brisingenhalsband zerbrochen niederfällt.

„Die Männertollste müsste ich heissen,

Reiste ich mit dir ins Riesenland.“

Als sie den Zwergen um das Brisingenhalsband sich ergab, war sie andern

Sinns. Auch die von Loki in der Lokasenna erhobenen Vorwürfe werfen ein

sehr schlimmes Licht auf die Göttin:

30. Schweige du, Freyja, dich kenne ich völlig,

Du bist nicht von Fehlern frei:

Von den Asen und Elben, die hier innen sind,

Hast du jeden gern beglückt.

Noch ärgerer Frevel war es, als die Götter Freyja im Bette des eigenen

Bruders, des Freyr, ertappten. Die böse Schelte wird durch keine

entsprechende Sage gerechtfertigt, überhaupt wurzelt sie schwerlich in

nordischer Überlieferung, sondern ist antiken Ursprunges. Da heisst

es freilich, Venus sei so schamlos gewesen, dass sie mit einem jeden

buhlte, sogar mit ihrem Vater und Bruder.[546] Eine Übertragung von

Zügen der Venus war umso leichter, als der Frijatag aus _dies Veneris_

bereits Frija und Venus in Zusammenhang brachte.

Anknüpfungspunkte für die Wandlung der Freyja zur Venus vulgivaga boten

allerdings auch die nordischen Sagen selber. Freyja buhlt mit den

Zwergen; wo Frigg als Gattin Odins zugleich festgehalten wird, sinkt

Freyja ihrer Vertraulichkeit mit Odin halber zur Buhlerin des Gottes,

zu seiner _friđla_, herab. Weil Thor die Freyja vor den begehrlichen

Riesen schirmt, heisst er _langvinr þrungvar_[547], alter Freund

der Freyja, was zweideutig ausgelegt werden konnte. Als Freyja von

Ottar, einem edlen Norweger um Beistand angerufen wurde und, um die

ihm notwendige Kenntniss der Vergangenheit zu erlangen, die Hilfe der

Riesin Hyndla in Anspruch nimmt, schleudert auch diese ihr Schmähungen

nach. „Dem Odr liefst du lüstern nach und auch andre schlüpften dir

unter die Schürze. Du schweifst zur Nacht draussen wie Heidrun die

Ziege unter den Böcken.“[548]

8. Freyja und Odr.

Freyja war dem Manne vermählt, der Odr heisst. Die Tochter der

beiden ist Hnoss (Kleinod); sie war so schön, dass nach ihrem Namen

kostbare Gegenstände _hnossir_ genannt werden. Odr zog fort in ferne

Lande; Freyja aber blieb weinend zurück und ihre Thränen sind rotes

Gold. Freyja hat viele Namen; das kommt daher, dass sie sich selbst

verschieden benannte, als sie zu fremden Völkern kam, um den Odr zu

suchen. Sie heisst Mardoll, Horn, Gefn, Syr. Als _Óþs mær_, Ods Braut

kennt bereits die Vǫlospǫ́ 25 die Freyja. Schon im Abschnitt über

Wodan wurde darauf hingewiesen, dass die Sagen vom Wode, der einer

Frau nachreitet, damit zusammenhängen können. Wer in der Zaubrerin

_Gullweig_, der Goldigen, welche in Odins Halle verbrannt den Anlass

zum Wanenkriege gab, eine aus der nach der Ynglingasaga gleichfalls

zauberkundigen Freyja abgezweigte Gestalt annehmen will, kann auch

hierin eine Spur jener Volkssage finden. Die Sage von Freyja und Odr

kehrt das Verhältniss der vom Wode und von der Elbin um; die Gestalt

der die Lande durchschweifenden, goldene Thränen weinenden Göttin

sieht nicht germanisch aus. Die wunderlichen Namen wie _Mardoll_[549]

(aus dem Meer aufleuchtend oder hell glänzend), _Syr_ (_dea Syria?_),

_Hǫrn_ oder _Horn_ (_cornuta_, Mondessichel) kommen gerade hier vor

und gemahnen an Entlehnung. Zur Erklärung pflegt man Jahresmythen

heranzuziehen: der sommerliche Gott entschwinde mit dem Herbst der

Gattin, die trauernd und verlassen zurückbleibe. Freyja und Odr bilden

den Gegensatz zu den Werbungssagen Freys und Swipdags um Gerd und

Menglod, Odins um Rind u. ä. Aber diese allgemeine Formel reicht nicht

aus, sie lässt die goldweinende und trauernd umherschweifende Freyja

unerklärt. Die Weichheit, die über dieser Erzählung lagert, erinnert

an orientalisch-griechische Mythen. Dort mag vielleicht der Ursprung

der Sage zu suchen sein. Aber Sicheres ist noch nicht ermittelt. Nur

soviel steht fest, dass der Mythus von Odr und Freyja allein dem

Norden gehört, nicht germanisch ist. Die zum Vergleich herangezogenen

deutschen Sagen, die hohes Alter der Mythe erweisen sollten, sind

gefälscht oder mindestens anders, ohne Beziehung auf Odr und Freyja, zu

erklären.[550]

9. Freyjakult.

Für den Freyjadienst zeugt ausser dem zweifelhaften Minnebecher,

welcher Nachrichten des 14. Jahrhunderts zufolge der Göttin geweiht

wurde, die Strophe 10 des Hyndlaliedes, wo Freyja ihrem Verehrer

nachrühmt:

Er türmte aus Steinen den Altar mir auf --

Der Gneis ist nun zu Glas zerschmolzen[551] --

Gefärbt ward er mit frischem Stierblut --

Ottar glaubte an die Asinnen stets.

Mit Nerthus fuhr ein Priester umher, mit dem Bilde des Freyr eine

Priesterin. Damit scheint die Umfahrt des göttlichen Ehepaares

angedeutet, dessen eine Hälfte durch einen Menschen vertreten war.

Dass mit Freyr unter der Gestalt seiner Priesterin Freyja umfuhr, ist

möglich, wird aber in der Quelle nicht angedeutet.

10. Gefjon.

In Gefjon[552] verbirgt sich wol niemand anders als Freyja, wenigstens

wird dasselbe von ihr erzählt. Der Name gehört vielleicht zu

_Gefn_[553], wie ein ausdrücklich der Freyja zugelegter Beiname lautet.

Der Gefjon dienen diejenigen, welche als Jungfrauen sterben. So hofft

auch Thorgerd, Egils Tochter, Abends bei Freyja zu gasten. In der

Lokasenna entspinnt sich folgendes Gespräch zwischen Loki und Odin.

Loki:

Schweige du, Gefjon, nimmer vergess ichs,

Wer zur Lust dich verlockt;

Der blonde Bursche bot dir den Schmuck,

Da schlangst du die Schenkel um ihn.

Odin:

Toll bist du und thöricht, Loki,

Wenn du Gefjons Grimm erregst,

Denn sie weiss die Weltgeschicke

Alle ebenso gut wie ich.

Dass Gefjon Odins vertraute Mitwisserin ist, dass sie um goldenen

Schmuck sich preisgab, passt sowol auf Freyja als auf Frigg. Demnach

kann Gefjon ebensowol unmittelbar und selbständig aus Frigg abgezweigt

sein wie mittelbar aus Freyja. Für letztere spricht der mutmaassliche

Zusammenhang der Namen Gefjon und Gefn. In einem um 1300 verfassten,

doch vielleicht auf 100 Jahre älterer Grundlage beruhenden isländischen

Gedichte, im sog. Volsa þáttr, beteuert ein Mädchen bei Gefjon und den

andern Göttern. Gewöhnlich werden im Eide nur hervorragende Gottheiten

angerufen. Der Skald Thjodolf[554] braucht für den Begriff Frau die

Umschreibung _ǫl-Gefn_ und _ǫl-Gefjon_, Kormak _men-Gefn_. In der

älteren Dichtung wird Gefjon nur ein Name der Freyja gewesen sein. Der

Verfasser der Lokasenna aber verstand eine besondere Göttin darunter,

denn er lässt Gefjon neben Frigg und Freyja auftreten, obschon er

nichts Besonderes und Eigentümliches von ihr weiss. Auch Snorre,

welcher Gefn nicht von Freyja scheidet, führt Gefjon gesondert auf.

* * * * *

Von Gefjon geht noch eine merkwürdige Sage.[555] König Gylfi herrschte

über das Land, das jetzt Schweden heisst. Von ihm wird erzählt, dass

er einem fahrenden Weibe zum Dank für das Vergnügen, das sie ihm durch

ihre Künste bereitet hatte, so viel Ackerland zugestand, als vier

Ochsen in einem Tage und einer Nacht umpflügen könnten. Das Weib aber

war vom Geschlechte der Asen und hiess Gefjon; sie nahm vier Ochsen,

ihre eignen Söhne, die sie fern im Norden in Jotunheim einem Riesen

geboren hatte, und spannte sie vor den Pflug. Der Pflug ging so scharf

und tief, dass er das Land herausriss, und die Ochsen schleppten es gen

Westen in das Meer hinaus, bis sie in einem Sunde stehen blieben. Hier

festigte Gefjon das Land und gab ihm den Namen Selund (Seeland). Dort

aber, wo das Land herausgerissen war, entstand ein See, der jetzt in

Schweden Log (der Mälarsee) genannt wird; und es liegen so die Buchten

im Log, wie die Vorgebirge in Selund. Davon erzählt der Skald Bragi der

Alte.

Die Ynglingasaga verknüpft diese Geschichte mit der Einwanderung der

Götter aus Sachsen über Dänemark nach Südschweden. Aus Odinsey in

Fühnen entsandte Odin die Gefjon nordwärts über den Sund, um Land

zu suchen. Da kam sie zu Gylfi, der ihr Ackerland gewährte. Darauf

fuhr sie nach Jotunheim und gebar einem Riesen vier Söhne, welche

sie zu Ochsen verwandelte und vor den Pflug spannte. Da zog sie das

schwedische Ackerland hinaus ins Meer, westlich gegenüber Odinsey, und

es heisst nun Selund. Dort nahm sie ihren Wohnsitz. Skjold, Odins Sohn,

der Ahnherr des dänischen Königsstammes der Skjoldungen, freite um sie,

und sie hausten zu Hleidra. Auch hier wird Bragis Strophe als Zeugniss

der Erzählung angeführt.

Man hat schon daran gezweifelt, ob die pflügende Gefjon mit der

göttlichen eins sei, ob nicht bloss Namensgleichheit vorliege. Gering

in seiner Eddaverdeutschung unterscheidet zwischen der Göttin Gefjon

und der landpflügenden Riesin Gefjon. Doch lässt sich die Trennung

beider nicht als begründet erweisen. Sagen von Landerwerbung wie hier

durch Umpflügen, wobei meistens die Voraussetzung herrscht, dass der

Land Gewährende einen weit geringeren Teil abzutreten gewillt ist, als

ihm dann wirklich abgenommen wird, kommen oft vor. Das älteste Beispiel

ist Dido. Die Sagen sind oft örtlich, d. h. sie entspringen besonderen

Namen oder Merkmalen des Landes, wie hier die Buchten und Landzungen

von Seeland und im Mälarsee die Vergleichungspunkte geben. Warum

aber gerade Gefjon zur Begründerin der dänischen Insel wurde, bleibt

rätselhaft.

11. Idun.

Idun[556] heisst die Gemahlin Bragis. Sie bewahrt in ihrer Truhe die

Äpfel, welche die Götter geniessen müssen, wenn sie anfangen zu

altern: davon werden sie wieder jung, und so wird es bleiben bis zum

Untergang der Götter. Sehr viel haben die Götter der Hut und Sorgfalt

Iduns anvertraut. Einmal wäre es aber doch beinahe übel abgelaufen.

Der Riese Thjazi, der in Adlergestalt den mit einer Stange nach ihm

schlagenden Loki gefangen hatte, sagte, er werde ihn nicht loslassen,

wenn er nicht Idun mit ihren Äpfeln herbrächte. Loki versprach das und

führte in der That die Idun hinaus. Er lockte sie nämlich unter dem

Vorwande fort, dass er ihr Äpfel zeigen wolle, die ihr überaus kostbar

erscheinen würden, und bat sie, ihre eigenen Äpfel mitzunehmen, damit

sie einen Vergleich anstellen könne. Und so ging sie mit ihm. Da kam

der Riese Thjazi in Adlergestalt und flog mit ihr nach Thrymheim. Den

Asen erging es schlimm beim Verschwinden der Idun, sie wurden schnell

alt und grau. Sie versammelten sich und fragten einander nach Idun.

Sie war zuletzt gesehen worden, wie sie mit Loki aus Asgard ging. Da

wurde Loki ergriffen und zum Ding geschleppt und mit Folter und Tod

bedroht. Dadurch erschreckt gelobte er, er wolle Idun in Riesenheim

suchen, wenn Freyja ihm ihr Falkenhemd leihe. Wie ers erhielt, flog

er gen Norden nach Riesenheim und kam zur Wohnung des Riesen Thjazi,

als dieser gerade auf die See hinaus gerudert war. Er verwandelte die

Idun, die allein zu Hause war, in eine Nuss und flog mit ihr davon. Als

Thjazi heimkam und Idun vermisste, schlüpfte er in sein Adlergewand und

flog ihnen nach; wie aber die Asen den Falken herankommen sahen, nahmen

sie einen Haufen Hobelspähne und zündeten sie an. Der Adler vermochte

seinen Flug nicht schnell genug zu hemmen, sein Gefieder fing Feuer,

und nun töteten sie den Riesen innerhalb des Gitters von Asgard.

Auf eine sonst verlorene Sage spielt Lokis Schelte an:

Schweige du, Idun, die von allen Weibern

Am meisten nach Männern jagt!

Um ihn wandst du die weissen Arme,

Der die Brust deines Bruders durchstiess!

Handbuch der Germanischen Mythologie · 第 38 / 68 段