ist die Schwester des Freyr, Njords Tochter. Sie hat den Wohnsitz im
Himmel, der Folkwang heisst, und wenn sie zum Kampfe sich begibt, so
empfängt sie die eine Hälfte der Gefallenen und Odin die andere. So
steht im Grimnirliede 14
Folkwang nenn ich, Freyja entscheidet,
Wer die Sitze dort fülle im Saal;
Von den toten Helden wählt sie täglich die Hälfte,
Die andre fällt Odin zu.
Dort in Folkwang, auf dem Volksgefilde, erhebt sich die Halle
Sessrymnir, die an Sitzen geräumige. Wenn sie eine Reise unternehmen
will, so fährt sie mit ihren Katzen und sitzt in einem Wagen. Sie ist
gern zur Hilfe bereit, wenn Menschen sie anrufen. Im Liede von Oddruns
Klage 8 spricht die aus den Geburtswehen befreite Borgny den Heilwunsch
über Oddrun:
So mögen dir helfen die holden Wesen,
Freyja und Frigg und noch viele Götter,
Wie du mich befreitest aus Fährde und Not.
Gut ist es, in Liebesangelegenheiten Freyja anzurufen. Ihr gefällt
das Liebeslied. Zu den weiteren Eigenschaften der Freyja gehört das
Brisingenhalsband, das lichte Geschmeide, und das Falkenhemd, das Loki
mehrmals von ihr entlehnt. In der Ynglingasaga Kap. 4 wird von Freyja
berichtet, sie habe zuerst unter den Asen den bei den Wanen längst
gebräuchlichen Zauber (_seiđr_) geübt.
Von der Göttin Freyja findet sich ausserhalb des Nordens keine Spur.
Während Frija gemeingermanisch ist, bleibt Freyja auf Norwegen
und Island beschränkt. Zumal auf Island gedieh der Freyjakult am
meisten, dort verdrängte sie geradezu die Frigg, wie sie auch in
der spätisländischen Dichtung, den _Skíđarímur_, Odins Frau genannt
wird. Freyja ist im Norden zu Freyr gebildet wie _gyđja_ zu _gođ_,
_Finna_ zu _Finnr_.[538] Ihre Art stimmt zu ihrem späten Ursprung,
indem sie als Nachahmung bereits vorhandener Vorbilder sich erweist.
Als Schwester Freys, Tochter Njords ist sie natürlich auch den Wanen
zugehörig, _vanabrúđr_, _vanadís_, _vanagođ_ d. h. Wanengöttin. Im
Hyndlaliede 5 u. 7 reitet sie auf dem goldborstigen Eber Hildiswini,
welchen die Zwerge Dain und Nabbi ihr schufen, sie ist also mit Freys
Eigentum ausgestattet. Im übrigen aber wiederholt Freyja die Frigg,
indem dieselben oder doch sehr ähnliche Mythen von ihr berichtet
werden. Dabei lässt sich erkennen, dass die Sagen ursprünglich allein
an Frigg haften und nur dort, wo Freyja im Vordergrund stand, auf diese
übertragen wurden. Es handelt sich schwerlich um eine urgermanische
Spaltung einer Göttin in zwei demzufolge wesensverwandte Gestalten,
vielmehr um eine spätere nordische Abzweigung der Freyja aus Frigg.
Deshalb geht Freyja zu einem guten Teil in Frigg auf. Die Freyjamythen
dienen mehrfach dazu, das Bild der Frigg zu ergänzen. Endlich scheinen
auch fremdartige Bestandteile, Züge der Venus mit Freyja verschmolzen,
die sich somit als eine Schöpfung der Wikingerzeit herausstellt. Die
verschiedenartigsten Motive sind zu einem eigenartigen neuen Gesamtbild
vereinigt.
Wenn sich Freyja mit Odin in die gefallenen Helden teilt, wenn sie
in geräumiger Halle ihnen Sitze anweist, so kann eine derartige
Vorstellung nur dort aufkommen, wo Freyja den höchsten Rang unter den
Göttinnen einnimmt. Nur die Hauptgöttin, Odins Gemahlin, kann gleiches
Recht mit dem Gotte beanspruchen. Sessrymnir ist ein zweites Walhall,
wo nicht Walvater, sondern Walfreyja, die Herrin der Wal, den Vorsitz
hat. Wie Odin als König und Häuptling an der Spitze der Einherjer
steht, so wird Freyja die erste der Walküren. Wenn Wingolf das
Heiligtum der Göttinnen heisst und andrerseits die Wunschsöhne Odins
in Walhall und Wingolf Aufnahme finden, könnte Wingolf mit Sessrymnir
gleich sein, eine Halle, die unter Walfreyjas Obhut steht. Zu den
Walküren stellt sich Freyja auch dadurch, dass sie in Walhall einmal
das Schenkamt übt, was ja sonst Sache der Wunschmädchen ist. Wie der
Riese Hrungnir mit prahlerischen Reden in Asgard gross that, wagte
Freyja allein, ihm einzuschenken. Übrigens blieb Freyja als Führerin
der Walküren und Eignerin der Wal ein dichterischer Versuch, indem die
Vorstellung dieser zweiten Totenhalle unter Freyja weder allgemein noch
vollständig ausgebildet erscheint. Freyja und Sessrymnir erlangten
kaum dieselbe Bedeutung und Anerkennung wie Odin und Walhall; hier
tritt uns der dichterische Glaube vieler, dort der weniger entgegen.
Mit Frigg gleichgesetzt begegnet aber Freyja namentlich auf Island. Am
Allding 998 suchte der Priester Dankbrand den Isländern das Christentum
aufzudrängen, doch ohne grossen Erfolg. Hjallti Skeggjason, der bereits
Christ war, gab seinem Ärger über den missglückten Bekehrungsversuch
in einem Schmähvers[539] auf die Heidengötter Ausdruck: „Ich will
nicht wider die Götter bellen: ein Hund dünkt mir Freyja. Jedenfalls
ist eines von beiden, Odin oder Freyja, ein Hund.“ Hjallti wurde wegen
dieser Lästerung des Landes verwiesen. In dieser Schelte will Hjallti
die ersten isländischen Götter treffen und nennt Freyja und Odin. Das
Verhältniss zwischen beiden ist wol als ein eheliches aufzufassen,
Freyja steht für Frigg.
In den Tagen Olafs des Heiligen hielten die Bauern um Drontheim zu
Anfang des Winters Gastmähler und Opfer um gute Jahreszeit. Da wurde
alle Minne dem Thor geweiht und dem Odin, der Freyja und den Asen.
Wahrscheinlich liegt aber hier ein Versehen des Schreibers der Saga
vor: dem Odin, Thor und Freyr, der Götterdreiheit, die auch Adam von
Bremen für den Uppsalatempel nennt, wurde der Minnebecher geweiht.[540]
* * * * *
In der folgenden Sage, wo eine Verwechselung ausgeschlossen ist,
spielt Freyja die Rolle der Frigg und befindet sich wol im ehelichen
Verhältniss zu Odin.
König Alfrek hatte zwei Frauen, Signy und Geirhild. Die konnte er ihrer
Uneinigkeit wegen nicht beide behalten. Da sagte er, er wolle diejenige
behalten, welche das beste Bier gebraut haben würde, wenn er von der
Fahrt zurückkäme. Sie wetteiferten nun im Brauen. Signy rief Freyja an
und Geirhild Hott (d. i. Odin unter dem Namen Hǫttr, der mit dem Hute).
Dieser gab statt der Gähre seinen Speichel und so bestand Geirhilds
Bier die Probe. Doch hatte sie ihr Kind, den nachmaligen König Wikar,
für die Hilfe dem Odin zu eigen geben müssen.[541] Die Wette, welche
zwischen den Frauen zum Austrag kommt, ist von der Beihilfe der Götter
abhängig. Da messen sich Odin und Freyja ebenso wie sonst Odin und
Frigg, Wodan und Frîa, nur dass diesmal Odin gewinnt. Freyja vertritt
aber vollständig Frigg.
Eine hervorragende Stellung wird der Freyja auch durch folgenden Zug
des isländischen Glaubens zugeteilt. Der Skald Egill hatte beschlossen,
keine Nahrung mehr zu sich zu nehmen und zu sterben. Seine Tochter
Thorgerd wollte ihm folgen und sagte: Ich habe kein Nachtmahl zu mir
genommen und werde keines mehr nehmen als bei Freyja. Ich will meinen
Vater nicht überleben.[542] Wie Helden hoffen, noch abends bei Odin
Gast zu sein, spricht hier eine Jungfrau einen ähnlichen Gedanken in
Bezug auf Freyja aus. Daraus darf der wenigstens teilweise herrschende
Glaube erschlossen werden, dass Freyja die verstorbenen Frauen zu sich
versammle. Allerdings wird Walfreyja damit kaum zu vereinigen sein,
beide Vorstellungen schliessen sich aus. Alter Glaube mag aber zum
Gotte die Männer, zur Göttin die Frauen gewiesen haben.
5. Freyja und Brisingamen.
Freyja, Njords Tochter, war die Geliebte Odins von Asgard. Vier
Zwerge, kunstreiche Schmiede, wohnten in der Nähe der Königshalle. Als
Freyja einmal ihre Höhle besuchte, erblickte sie ein schönes, goldenes
Halsband, das jene anfertigten. Nach seinem Besitze verlangend bot
sie den Zwergen Silber, Gold und andere Kostbarkeiten dafür. Jene
erwiderten, solcher Dinge bedürften sie nicht, doch wollten sie das
Halsband an Freyja verkaufen, wenn jeder von ihnen eine Nacht ihr
beiwohnen dürfe. Sie stimmte zu, und in den nächsten vier Nächten bekam
jeder der Zwerge, die Alfrigg, Berlingr, Dvalinn und Grerr hiessen,
den ausbedungenen Lohn. Der Bericht fährt weiter, wie Loki auf Odins
Geheiss der Freyja das Halsband stahl. Als Freyja ihren Schmuck von
Odin zurückverlangte, erhielt sie ihn nur gegen das Versprechen,
zwei gleich mächtige Könige in einen unaufhörlichen Kampf gegen
einander zu hetzen. So erzählt der im 14. Jahrhundert auf Island
niedergeschriebene Sörla Þättr.[543] Die Sage ist als Einleitung der
Geschichte von Hedin und Hilde, deren Kämpfe von Freyja zur Einlösung
ihres Versprechens veranlasst werden, vorangestellt. Mögen auch die
Einzelheiten der Erzählung jung sein, in der Hauptsache ist sie aus
älterer Überlieferung geschöpft. Bereits im Lied von Thrym (12, 14,
18) ist Freyja im Besitze des Schmuckes _Brísingamen_[544], Ulfr
Uggason dichtete, wie Loki ihn raubte und Heimdall ihn zurückgewann.
_Brísingar_ ist vermutlich eine Benennung der ursprünglichen Eigentümer
und Verfertiger des Halsbandes. Jene kunstreichen Zwerge sind oder
vertreten die _Brísingar_. Da nun Freyja ebenfalls von Anfang an
mit dem Vorwurfe der Buhlerei bedacht wird, lässt sich sehr wol die
Erzählung, wie sie in den Besitz dieses „_Brísinga men_“ kam, als
einer der Gründe hierfür annehmen. Wenn Saxo von Frigga weiss, sie
habe sich „_uni familiarium_“ um goldenen Schmuck ergeben, so wird die
nämliche Sage gemeint sein, nur mit Verwechslung zwischen Freyja und
Frigg. Wenn endlich die am Rande des Himmels auf einem Berge schlafende
Lichtgöttin, die Sonnenjungfrau, welche der rasche Tag, der Held
Swipdag sich gewinnt, den Namen _Menglod_, die Halsbandfrohe führt,
so vereinigen sich alle diese Züge zu einem von der Gemahlin des Tiuȥ
einst geltenden Mythus.
Frija wird von den Brisingen, den Göttern des Zwielichts, dem reissigen
Brüderpaar griechischer und indischer Sage, aus dem nächtigen Dunkel
heraufgeführt. Die Brisingen sollen die Braut dem Tiuȥ zuführen,
trachten aber selber nach ihrer Liebe. Ein glänzendes Halsband, das
_Brísinga men_, von ihnen selbst gefertigt, bieten sie der Göttin für
ihre Gunst. Und sie willigt ein, der goldene Schmuck bringt ihre Treue
zu Fall. Frija wird einmal als die alleinige Eignerin des Schmuckes,
der glänzenden Sonne, gedacht worden sein und darum Menglod heissen.
Nur in Norwegen und auf Island nahm später Freyja, wie so häufig,
auch hier ihre Stelle ein. Saxos oben erwähnte Erzählung bringt also
zwei an und für sich ganz verschiedene, nach Alter und Ursprung weit
auseinander liegende Berichte in Verbindung, die allerdings denselben
Grundgedanken, Frijas Untreue, enthalten. Der eine Mythus entstand, so
lange Frija noch dem Tiuȥ allein gehörte, der andre, als Wodan-Odin ihn
verdrängte.
6. Freyja und die Riesen.
Freyja wird mehrmals von Riesen zum Weibe begehrt, und nur dem
Dazwischentreten Thors ist es zu danken, dass sie den Göttern erhalten
bleibt. So verlangt Thrym die Göttin gegen Herausgabe des Hammers. Der
Riesenbaumeister, welcher den Göttern eine Burg zu bauen versprochen
hatte, bedang sich als Lohn Freyja, dazu Sonne und Mond. Loki hatte zur
Annahme des Vertrages geraten. Hrungnir wollte Freyja und Sif mit sich
fortführen und alle andern Götter töten. Freyja als Schwester Freys mag
in solchen Sagen die schöne Jahreszeit, Glanz und Wärme der Sonne, die
Grundbedingung des Wachstums und Gedeihens bedeuten.[545] Darum stellen
ihr die rauhen Riesen, die entfesselten Elemente, die winterlichen
Stürme nach. Ohne Licht und Wärme verdirbt die Welt, und nach dem
Verderben der Götter- und Menschenwelt trachten die Riesen. Die Wanen
haben manche Züge mit den Elben gemeinsam, und so gleicht Freyja einer
Lichtelbin. Elbinnen werden vom wilden Jäger, von den entfesselten
Elementen verfolgt. Auf der Grundlage solchen allgemein bezeugten
Aberglaubens mochten Sagen erwachsen wie die eben erwähnten.
7. Freyja als Venus vulgivaga.
Im Lied von Thrym erscheint Freyja streng und herb. Als Loki an sie
das Ansinnen stellt, mit dem Brautschleier geschmückt nach Riesenheim
zu fahren, da schnaubt Freyja vor Zorn, dass die Burg erbebt und das
Brisingenhalsband zerbrochen niederfällt.
„Die Männertollste müsste ich heissen,
Reiste ich mit dir ins Riesenland.“
Als sie den Zwergen um das Brisingenhalsband sich ergab, war sie andern
Sinns. Auch die von Loki in der Lokasenna erhobenen Vorwürfe werfen ein
sehr schlimmes Licht auf die Göttin:
30. Schweige du, Freyja, dich kenne ich völlig,
Du bist nicht von Fehlern frei:
Von den Asen und Elben, die hier innen sind,
Hast du jeden gern beglückt.
Noch ärgerer Frevel war es, als die Götter Freyja im Bette des eigenen
Bruders, des Freyr, ertappten. Die böse Schelte wird durch keine
entsprechende Sage gerechtfertigt, überhaupt wurzelt sie schwerlich in
nordischer Überlieferung, sondern ist antiken Ursprunges. Da heisst
es freilich, Venus sei so schamlos gewesen, dass sie mit einem jeden
buhlte, sogar mit ihrem Vater und Bruder.[546] Eine Übertragung von
Zügen der Venus war umso leichter, als der Frijatag aus _dies Veneris_
bereits Frija und Venus in Zusammenhang brachte.
Anknüpfungspunkte für die Wandlung der Freyja zur Venus vulgivaga boten
allerdings auch die nordischen Sagen selber. Freyja buhlt mit den
Zwergen; wo Frigg als Gattin Odins zugleich festgehalten wird, sinkt
Freyja ihrer Vertraulichkeit mit Odin halber zur Buhlerin des Gottes,
zu seiner _friđla_, herab. Weil Thor die Freyja vor den begehrlichen
Riesen schirmt, heisst er _langvinr þrungvar_[547], alter Freund
der Freyja, was zweideutig ausgelegt werden konnte. Als Freyja von
Ottar, einem edlen Norweger um Beistand angerufen wurde und, um die
ihm notwendige Kenntniss der Vergangenheit zu erlangen, die Hilfe der
Riesin Hyndla in Anspruch nimmt, schleudert auch diese ihr Schmähungen
nach. „Dem Odr liefst du lüstern nach und auch andre schlüpften dir
unter die Schürze. Du schweifst zur Nacht draussen wie Heidrun die
Ziege unter den Böcken.“[548]
8. Freyja und Odr.
Freyja war dem Manne vermählt, der Odr heisst. Die Tochter der
beiden ist Hnoss (Kleinod); sie war so schön, dass nach ihrem Namen
kostbare Gegenstände _hnossir_ genannt werden. Odr zog fort in ferne
Lande; Freyja aber blieb weinend zurück und ihre Thränen sind rotes
Gold. Freyja hat viele Namen; das kommt daher, dass sie sich selbst
verschieden benannte, als sie zu fremden Völkern kam, um den Odr zu
suchen. Sie heisst Mardoll, Horn, Gefn, Syr. Als _Óþs mær_, Ods Braut
kennt bereits die Vǫlospǫ́ 25 die Freyja. Schon im Abschnitt über
Wodan wurde darauf hingewiesen, dass die Sagen vom Wode, der einer
Frau nachreitet, damit zusammenhängen können. Wer in der Zaubrerin
_Gullweig_, der Goldigen, welche in Odins Halle verbrannt den Anlass
zum Wanenkriege gab, eine aus der nach der Ynglingasaga gleichfalls
zauberkundigen Freyja abgezweigte Gestalt annehmen will, kann auch
hierin eine Spur jener Volkssage finden. Die Sage von Freyja und Odr
kehrt das Verhältniss der vom Wode und von der Elbin um; die Gestalt
der die Lande durchschweifenden, goldene Thränen weinenden Göttin
sieht nicht germanisch aus. Die wunderlichen Namen wie _Mardoll_[549]
(aus dem Meer aufleuchtend oder hell glänzend), _Syr_ (_dea Syria?_),
_Hǫrn_ oder _Horn_ (_cornuta_, Mondessichel) kommen gerade hier vor
und gemahnen an Entlehnung. Zur Erklärung pflegt man Jahresmythen
heranzuziehen: der sommerliche Gott entschwinde mit dem Herbst der
Gattin, die trauernd und verlassen zurückbleibe. Freyja und Odr bilden
den Gegensatz zu den Werbungssagen Freys und Swipdags um Gerd und
Menglod, Odins um Rind u. ä. Aber diese allgemeine Formel reicht nicht
aus, sie lässt die goldweinende und trauernd umherschweifende Freyja
unerklärt. Die Weichheit, die über dieser Erzählung lagert, erinnert
an orientalisch-griechische Mythen. Dort mag vielleicht der Ursprung
der Sage zu suchen sein. Aber Sicheres ist noch nicht ermittelt. Nur
soviel steht fest, dass der Mythus von Odr und Freyja allein dem
Norden gehört, nicht germanisch ist. Die zum Vergleich herangezogenen
deutschen Sagen, die hohes Alter der Mythe erweisen sollten, sind
gefälscht oder mindestens anders, ohne Beziehung auf Odr und Freyja, zu
erklären.[550]
9. Freyjakult.
Für den Freyjadienst zeugt ausser dem zweifelhaften Minnebecher,
welcher Nachrichten des 14. Jahrhunderts zufolge der Göttin geweiht
wurde, die Strophe 10 des Hyndlaliedes, wo Freyja ihrem Verehrer
nachrühmt:
Er türmte aus Steinen den Altar mir auf --
Der Gneis ist nun zu Glas zerschmolzen[551] --
Gefärbt ward er mit frischem Stierblut --
Ottar glaubte an die Asinnen stets.
Mit Nerthus fuhr ein Priester umher, mit dem Bilde des Freyr eine
Priesterin. Damit scheint die Umfahrt des göttlichen Ehepaares
angedeutet, dessen eine Hälfte durch einen Menschen vertreten war.
Dass mit Freyr unter der Gestalt seiner Priesterin Freyja umfuhr, ist
möglich, wird aber in der Quelle nicht angedeutet.
10. Gefjon.
In Gefjon[552] verbirgt sich wol niemand anders als Freyja, wenigstens
wird dasselbe von ihr erzählt. Der Name gehört vielleicht zu
_Gefn_[553], wie ein ausdrücklich der Freyja zugelegter Beiname lautet.
Der Gefjon dienen diejenigen, welche als Jungfrauen sterben. So hofft
auch Thorgerd, Egils Tochter, Abends bei Freyja zu gasten. In der
Lokasenna entspinnt sich folgendes Gespräch zwischen Loki und Odin.
Loki:
Schweige du, Gefjon, nimmer vergess ichs,
Wer zur Lust dich verlockt;
Der blonde Bursche bot dir den Schmuck,
Da schlangst du die Schenkel um ihn.
Odin:
Toll bist du und thöricht, Loki,
Wenn du Gefjons Grimm erregst,
Denn sie weiss die Weltgeschicke
Alle ebenso gut wie ich.
Dass Gefjon Odins vertraute Mitwisserin ist, dass sie um goldenen
Schmuck sich preisgab, passt sowol auf Freyja als auf Frigg. Demnach
kann Gefjon ebensowol unmittelbar und selbständig aus Frigg abgezweigt
sein wie mittelbar aus Freyja. Für letztere spricht der mutmaassliche
Zusammenhang der Namen Gefjon und Gefn. In einem um 1300 verfassten,
doch vielleicht auf 100 Jahre älterer Grundlage beruhenden isländischen
Gedichte, im sog. Volsa þáttr, beteuert ein Mädchen bei Gefjon und den
andern Göttern. Gewöhnlich werden im Eide nur hervorragende Gottheiten
angerufen. Der Skald Thjodolf[554] braucht für den Begriff Frau die
Umschreibung _ǫl-Gefn_ und _ǫl-Gefjon_, Kormak _men-Gefn_. In der
älteren Dichtung wird Gefjon nur ein Name der Freyja gewesen sein. Der
Verfasser der Lokasenna aber verstand eine besondere Göttin darunter,
denn er lässt Gefjon neben Frigg und Freyja auftreten, obschon er
nichts Besonderes und Eigentümliches von ihr weiss. Auch Snorre,
welcher Gefn nicht von Freyja scheidet, führt Gefjon gesondert auf.
* * * * *
Von Gefjon geht noch eine merkwürdige Sage.[555] König Gylfi herrschte
über das Land, das jetzt Schweden heisst. Von ihm wird erzählt, dass
er einem fahrenden Weibe zum Dank für das Vergnügen, das sie ihm durch
ihre Künste bereitet hatte, so viel Ackerland zugestand, als vier
Ochsen in einem Tage und einer Nacht umpflügen könnten. Das Weib aber
war vom Geschlechte der Asen und hiess Gefjon; sie nahm vier Ochsen,
ihre eignen Söhne, die sie fern im Norden in Jotunheim einem Riesen
geboren hatte, und spannte sie vor den Pflug. Der Pflug ging so scharf
und tief, dass er das Land herausriss, und die Ochsen schleppten es gen
Westen in das Meer hinaus, bis sie in einem Sunde stehen blieben. Hier
festigte Gefjon das Land und gab ihm den Namen Selund (Seeland). Dort
aber, wo das Land herausgerissen war, entstand ein See, der jetzt in
Schweden Log (der Mälarsee) genannt wird; und es liegen so die Buchten
im Log, wie die Vorgebirge in Selund. Davon erzählt der Skald Bragi der
Alte.
Die Ynglingasaga verknüpft diese Geschichte mit der Einwanderung der
Götter aus Sachsen über Dänemark nach Südschweden. Aus Odinsey in
Fühnen entsandte Odin die Gefjon nordwärts über den Sund, um Land
zu suchen. Da kam sie zu Gylfi, der ihr Ackerland gewährte. Darauf
fuhr sie nach Jotunheim und gebar einem Riesen vier Söhne, welche
sie zu Ochsen verwandelte und vor den Pflug spannte. Da zog sie das
schwedische Ackerland hinaus ins Meer, westlich gegenüber Odinsey, und
es heisst nun Selund. Dort nahm sie ihren Wohnsitz. Skjold, Odins Sohn,
der Ahnherr des dänischen Königsstammes der Skjoldungen, freite um sie,
und sie hausten zu Hleidra. Auch hier wird Bragis Strophe als Zeugniss
der Erzählung angeführt.
Man hat schon daran gezweifelt, ob die pflügende Gefjon mit der
göttlichen eins sei, ob nicht bloss Namensgleichheit vorliege. Gering
in seiner Eddaverdeutschung unterscheidet zwischen der Göttin Gefjon
und der landpflügenden Riesin Gefjon. Doch lässt sich die Trennung
beider nicht als begründet erweisen. Sagen von Landerwerbung wie hier
durch Umpflügen, wobei meistens die Voraussetzung herrscht, dass der
Land Gewährende einen weit geringeren Teil abzutreten gewillt ist, als
ihm dann wirklich abgenommen wird, kommen oft vor. Das älteste Beispiel
ist Dido. Die Sagen sind oft örtlich, d. h. sie entspringen besonderen
Namen oder Merkmalen des Landes, wie hier die Buchten und Landzungen
von Seeland und im Mälarsee die Vergleichungspunkte geben. Warum
aber gerade Gefjon zur Begründerin der dänischen Insel wurde, bleibt
rätselhaft.
11. Idun.
Idun[556] heisst die Gemahlin Bragis. Sie bewahrt in ihrer Truhe die
Äpfel, welche die Götter geniessen müssen, wenn sie anfangen zu
altern: davon werden sie wieder jung, und so wird es bleiben bis zum
Untergang der Götter. Sehr viel haben die Götter der Hut und Sorgfalt
Iduns anvertraut. Einmal wäre es aber doch beinahe übel abgelaufen.
Der Riese Thjazi, der in Adlergestalt den mit einer Stange nach ihm
schlagenden Loki gefangen hatte, sagte, er werde ihn nicht loslassen,
wenn er nicht Idun mit ihren Äpfeln herbrächte. Loki versprach das und
führte in der That die Idun hinaus. Er lockte sie nämlich unter dem
Vorwande fort, dass er ihr Äpfel zeigen wolle, die ihr überaus kostbar
erscheinen würden, und bat sie, ihre eigenen Äpfel mitzunehmen, damit
sie einen Vergleich anstellen könne. Und so ging sie mit ihm. Da kam
der Riese Thjazi in Adlergestalt und flog mit ihr nach Thrymheim. Den
Asen erging es schlimm beim Verschwinden der Idun, sie wurden schnell
alt und grau. Sie versammelten sich und fragten einander nach Idun.
Sie war zuletzt gesehen worden, wie sie mit Loki aus Asgard ging. Da
wurde Loki ergriffen und zum Ding geschleppt und mit Folter und Tod
bedroht. Dadurch erschreckt gelobte er, er wolle Idun in Riesenheim
suchen, wenn Freyja ihm ihr Falkenhemd leihe. Wie ers erhielt, flog
er gen Norden nach Riesenheim und kam zur Wohnung des Riesen Thjazi,
als dieser gerade auf die See hinaus gerudert war. Er verwandelte die
Idun, die allein zu Hause war, in eine Nuss und flog mit ihr davon. Als
Thjazi heimkam und Idun vermisste, schlüpfte er in sein Adlergewand und
flog ihnen nach; wie aber die Asen den Falken herankommen sahen, nahmen
sie einen Haufen Hobelspähne und zündeten sie an. Der Adler vermochte
seinen Flug nicht schnell genug zu hemmen, sein Gefieder fing Feuer,
und nun töteten sie den Riesen innerhalb des Gitters von Asgard.
Auf eine sonst verlorene Sage spielt Lokis Schelte an:
Schweige du, Idun, die von allen Weibern
Am meisten nach Männern jagt!
Um ihn wandst du die weissen Arme,
Der die Brust deines Bruders durchstiess!