Der isländische Bericht erfordert nach mehreren Seiten hin Aufhellung.

Dass Loki an geweihter Friedensstätte einen Totschlag beging,

veranlasste seine Bestrafung. Schwerlich handelte es sich aber um

eine so untergeordnete Person, den „Diener“ Ägirs, Fimafeng, wie die

Einleitung zur Lokasenna behauptet. In der Gylfaginning und Vǫlospǫ́

geht Baldrs Mord voran. Ebenso wird er für die Sage der Lokasenna

vorauszusetzen sein. Unter Fimafeng, der nirgends sonst vorkommt,

verbirgt sich Baldr. Neben die sonst bekannten Erzählungen, wie Loki

den Hod zum tötlichen Wurf auf Baldr veranlasste, tritt eine neue, der

zufolge Loki allein thätig gewesen zu sein scheint. Hiebei mögen die

Rechtszustände besonders ausgemalt worden sein.[524] Loki erschlug

den Fimafeng in der Halle, da griffen die anwesenden sieben Zeugen zu

den Waffen, um auf handhafter That an dem Totschläger die Strafe zu

vollstrecken, den Frevler für friedlos auszurufen und zu töten. Loki

entzog sich seinem Schicksal, am Thatort von den Zeugen erschlagen

zu werden, durch die Flucht in den Wald. Von dort aus konnte der

Verbrecher gesetzliche Verhandlung seiner Sache verlangen und sich

eine Gnadenfrist erkaufen bis zum Urteilsspruch. Darum kehrte auch

Loki zurück. Im Wortstreit mit den Göttern gab er aber durch offene

Prahlerei, Baldr-Fimafeng getötet zu haben, seinen Gegnern das volle

Recht, ihn zu greifen und abzuurteilen. Die altgermanische Sage

überhaupt, insbesondere aber die nordische liebt es, Rechtsverhältnisse

ausführlich zu schildern. Darum ist eine solche Lokisage sehr

wahrscheinlich. Was die über Loki verhängte Strafe betrifft, so

liegen zum Teil Missverständnisse und daraus hervorgegangene irrige

Ausdeutungen jüngerer Sagenschreiber vor. Im Osten ausserhalb der

bewohnten Welt, in Utgard, in einem zerklüfteten Bergwald verbüsste

Loki seine Strafe. Gefesselt wurde er als Ächter in den Wald getrieben,

er wurde „_Warg_“ d. h. Wolf. Wölfe heissen die friedlosen Waldgänger

und mehrfach lässt sich nachweisen, dass eine spätere Zeit die oft

bildlichen Benennungen nimmer richtig verstand, sondern wörtlich

nahm. Warum freilich Lokis Söhne zum Wolf werden, nicht er selbst,

wie dies teilweise beim Fenrir der Fall sein mag, indem die Fesselung

dieses wölfischen Unholds nur die Fesselung des geächteten Wolfes Loki

wiederholt, das lässt sich nicht mehr feststellen.[525] Andererseits

erinnert der gefesselte Loki[526], dessen Zuckungen die Erde erbeben

machen, besonders nach Saxos Schilderungen an den Teufel. Loki wird

zur Strafe für Baldrs Ermordung ergriffen und gebunden, um erst am Ende

dieser Welt zu entkommen. Die Zeit, da Loki von seinen Banden loskommt,

ist mit dem Untergang der Götter und der Welt gleichbedeutend. So wird

der Teufel von Christus in der Hölle gebunden und liegt in Fesseln.

Im Mittelalter war es eine allgemein angenommene Vorstellung, die

oft in Bildern sich aussprach, dass der Teufel gebunden liegt; erst

am jüngsten Tag soll er los kommen. Daher rührt auch die Redensart:

Der Teufel ist los! Die Zeit, da er loskommt, wird dabei zugleich als

diejenige Zeit bezeichnet, in der alles in Verwirrung ist und die Welt

vor dem Untergange steht. Ebenso gilt das Loskommen des Fenriswolfes

für ein Zeichen des bevorstehenden Weltendes. Zweifellos sind die

Teufelssagen die Quelle der Vorstellung vom gefesselten Loki und

Fenrir, die vor dem Weltbrande loskommen. Die treue Sigyn, welche über

Loki die Schale hält, bleibt unerklärt.

4. Die Teufelsbrut.

Im Lied von Hyndla 42/3 werden die Unholde genannt, die von Loki

abstammen.

Den Wolf zeugte Loki mit der wilden Angrboda

Und den Sleipnir gebar er dem Swadilfari;

Ein Scheusal schien das schlimmste von allen,

Das von Byleipts Bruder stammte.

Es frass Loki ein Frauenherz,

Er fands halbverkohlt in der heissen Asche,

Durch das leidige Weib ward Loptr schwanger:

Dort stammen alle die Unholde her.

Wenn eine Religion einmal einen Teufel hat, so schiebt sie ihm auch

alles Böse unter, die Unholde werden zur Brut des Teufels. Darum ist

Loki Vater der Trolle, besonders aber werden solche Ungeheuer als seine

Kinder bezeichnet, welche im letzten Kampf den Göttern Tod bringen. So

sagt Gylfaginning Kap. 34: Angrboda heisst eine Riesin in Jotunheim,

mit ihr erzeugte Loki drei Kinder: das eine ist der Fenriswolf, das

zweite Jormungand (die ungeheure erdumgürtende Seeschlange), das dritte

Hel. Diese drei Geschwister wurden in Jotunheim aufgezogen. Die Götter

erfuhren durch Orakel, dass ihnen durch diese Kinder grosses Unheil

bevorstehe, und meinten, dass sie Schlimmes wegen ihrer mütterlichen

Abstammung, noch Schlimmeres aber wegen ihrer väterlichen zu erwarten

hätten. Darum sandte Allvater die Götter zu den Kindern und liess sie

sich holen, und als sie bei ihm angelangt waren, warf er die Schlange

in das tiefe Meer, das alle Länder umgibt, und darin wuchs die Schlange

so gewaltig, dass sie nun ebenfalls um alle Länder sich schlingt mitten

im Meere und sich selbst in den Schwanz beisst. Die Ei schleuderte

er nach Niflheim hinab und gab ihr Macht über neun Welten, damit sie

denen, die zu ihr gelangen, ihren Aufenthaltsort anweise. Den Wolf

zogen die Asen bei sich auf und Tyr allein hatte soviel Mut, ihm

seine Speise zu reichen. Da nun die Götter sahen, wie sehr er täglich

wuchs, und alle Weissagungen meldeten, dass er ihnen grosses Unheil

bringen würde, so schien es ihnen rätlich, eine sehr starke Fessel zu

verfertigen, die sie Leding nannten. Der Wolf zerbrach aber diese und

eine zweite, Dromi genannte Fessel. Da wurde Skirnir nach Swartalfaheim

beordert, um von Zwergen die Fessel Gleipnir anfertigen zu lassen. Sie

war aus sechs Dingen gemacht: aus dem Geräusch der Katze und dem Barte

des Weibes, aus den Wurzeln des Berges und den Sehnen des Bären, dem

Hauche des Fisches und dem Speichel des Vogels. Die Fessel war glatt

und weich wie ein seidenes Band. Die Asen nahmen den Wolf auf den See

Amswartnir und auf die Insel Lyngwi mit und fesselten ihn mit Gleipnir.

Der Wolf verlangte, Tyr solle zum Pfande dafür, dass keine Zauberei und

Hinterlist im Spiele sei, die rechte Hand ihm in seinen Rachen legen.

Da nahmen die Asen das Ende der Schnur, welches Gelgja heisst, und

zogen es durch einen grossen Felsstein, der Gjoll genannt wird, und

legten diesen tief in der Erde fest. Dann nahmen sie noch einen grossen

Stein, mit Namen Thwiti, und versenkten den noch tiefer und benutzten

ihn als Taupfahl. Nun war der Wolf gefesselt und vermochte die Bande

nicht zu zerreissen. Aber Tyr verlor seine Hand. Der Wolf riss seinen

Rachen furchtbar auf und schnappte gewaltig um sich. Da schoben sie ihm

ein Schwert in das Maul, so dass der Griff im Unterkiefer seine Stütze

fand, die Spitze aber im oberen Gaumen steckte. Er heult entsetzlich,

Geifer rinnt aus seinem Maule, das ist der Fluss, welcher Wan heisst.

Dort liegt der Wolf bis zum Untergange der Götter.

Die Erzählung, wie Allvater die Kinder Lokis, die Teufelsbrut ins

Meer und in die Unterwelt schleuderte, ist schwerlich alt[527], aber

schon die älteren Skalden kennen diese Unholde als Kinder Lokis. Dass

die persönlich gewordene Hel mit Loki verbunden erscheint, ist so

natürlich, wie Teufel und Hölle zusammengehören. Die grosse Seeschlange

ist insofern eine Nachahmung des Leviathan, als sie sich rings um die

Erde legt.[528] Schlangen und Drachen stellt aber biblischer Glaube

mit dem Teufel, dem Höllenwurme, der Höllenschlange gleich. Der Wolf

Fenrir ist einerseits aus den Ungetümen, die nach dem Volksglauben

Sonne und Mond zu verschlingen drohen und dadurch die Welt gefährden,

hervorgegangen[529], andererseits wiederholt er nur Loki selber, er ist

der „Warg“ Loki und wird daher auf gleiche Weise gefesselt. Wenn der

Teufel loskommt, wenn Loki-Fenrir der Bande ledig wird, geht die Welt

unter.

5. Loki beim Weltende.

Wie die Mächte des Verderbens gegen die Götter zur Weltvernichtung

heranrücken, da kommt auch Loki aus seinen Banden und vollbringt, was

er lange erstrebt. Die Vǫ́lospǫ́ 51 sagt:

Es segelt von Norden über die See ein Schiff

Mit den Leuten der Hel, und Loki steuert;

Dem Wolfe folgen die wilden Gesellen,

Mit ihnen ist Byleipts Bruder im Zuge.

Die Gylfaginning Kap. 51 berichtet, dass der alte Streit zum Austrag

kommt: Loki kämpft mit Heimdall und beide töten sich gegenseitig. Zu

den Vorzeichen des jüngsten Gerichts gehört es, dass Meer und Hölle die

Toten auswerfen und dass die Dämonen im Gefolge des Antichrists zum

Kampfe sich erheben.[530]

Die Göttinnen.

Unter den Göttern treten uns Hauptgestalten entgegen wie Tiuȥ, Donar,

Wodan, die von allen oder doch von den meisten Stämmen verehrt wurden.

In allen Mythologien, besonders aber in der germanischen gehören die

Göttinnen einer späteren Glaubensschicht an; sie sind jünger als die

Götter. Nur Frija ist der Mehrzahl der germanischen Völker bekannt;

ihre Gestalt ist vielleicht aus vorgermanischer Zeit übernommen. Ein

Kultus der Erdgöttin darf wol auch den ältesten Glaubensvorstellungen

der Germanen zugeschrieben werden. Himmel und Erde scheinen das älteste

Götterpaar gewesen zu sein. Die Erde ist die grosse Lebensmutter, in

deren Schooss aber alles auch wieder zurückfällt. Sie erscheint in

blühender Lenzespracht und in winterlicher Erstarrung. Darum sind Leben

und Tod ihr unterthan. Zahlreiche Mythen wuchsen aus dem Grunde dieser

einfachen Naturanschauung. Unter vielen Namen und Gestalten mag die

Erdgöttin durch die deutsche Göttersage wandeln. Sie ist aber zugleich

die liebe Gemahlin des hohen, lichten Himmelsherrn und nimmt daher,

über den Wolken thronend, an seinem Wesen teil. Sie ist das göttliche

Urbild der irdischen Frauen, wie im Gotte der Held und Fürst sich in

höchster Vollendung verkörpert. Die alten Quellen, die unverdächtige

Zeugnisse des Heidentums darbieten, lassen eine Vielheit von Göttinnen

erkennen, deren Art leider selten uns deutlich geschildert wird. Die

Göttinnen scheinen bei den einzelnen Stämmen sehr verschieden gewesen

zu sein. Möglicherweise ist aber die Vielheit nur äusserlich, indem

es sich oft um mehrere Namen einer und derselben Göttin handelt.

Sicheres lässt sich darüber nicht sagen, da häufig unsre Wissenschaft

mit den Namen auch zu Ende geht und nur Vermutungen über das Wesen der

Göttinnen uns möglich sind.

I. Frija und ihr Kreis.

1. Frija.

Die höchste germanische Göttin führt keinen eigentlichen Namen,

vielmehr ein allmälig zum Range eines Namens erhobenes Nennwort:

+Frija+, die Geliebte, die Gattin, wie Hera schlechthin auch des

Zeus liebe Genossin, φίλη ἄκοιτις heisst.[531] Dass Frija allen

Westgermanen und den Nordleuten, wahrscheinlich überhaupt allen

Germanen, als die Gemahlin des höchsten Gottes, einst des Tiuȥ;,

bekannt war, ist mit Sicherheit anzunehmen. Der sechste Wochentag,

_dies Veneris_, der Freitag erhielt von ihr den Namen. Wörter wie

got. _frijôn_, an. _frjá_ lieben, das altdeutsche Urwort für mhd.

_vrîen_, nhd. _freien_ erhielten dem Sprachgefühl den in Frija ruhenden

Begriff „Liebe“ lebendig und darum ist Venus die interpretatio

romana für die deutsche Göttin. Ausserhalb des Nordens lassen sich

jedoch nur spärliche unmittelbare Zeugnisse für sie aufbringen. Nach

der langobardischen Sage weilt _Fría_ (überliefert ist die Form

_Frea_) mit Wodan als seine Gattin im Himmel und mischt sich in

Siegvaters Geschäft. Nach Galfrid von Monmouth (Buch 6) berichtet

Hengist von den obersten sächsischen Gottheiten, von Woden und von

der mächtigsten Göttin, welcher der _Friday_ geweiht sei, also von

_Fríg_. Im Merseburger Heilzauber, auf mitteldeutschem thüringischem

Gebiet erscheint _Frîja_ zugleich mit Volla, ihrer Schwester, unter

den Göttinnen, die vergeblich sich bemühen, den ausgerenkten Fuss des

Fohlens wieder einzurichten, was allein Wodan vermag. Damit sind die

Nachrichten über Frija bereits erschöpft. Durchweg scheint Frija als

Wodans Gemahlin gedacht zu sein. Ebenso steht es in den nordischen

Quellen, aus denen mehr zu erfahren ist.

2. Frigg.

Frigg[532] ist Odins Gattin, die höchste der Asinnen. Wie Odin selbst

weiss sie die Schicksale der Menschen voraus, obwol sie keine

Weissagungen ausspricht. Fensalir[533], Meersäle heisst ihr stattlicher

Saal. Dort beweint sie Walhalls Weh, den Tod Baldrs, den sie vergeblich

abzuwenden getrachtet hatte. Wie Frîa bei den Langobarden Wodans

Willen entgegen handelte, scheinen auch Spuren vorhanden, dass Frigg

andrer Meinung war und sie bethätigte, als ihr Gemahl. Im Eingang zum

Grimnirliede wird auf eine solche Sage angespielt. Odin und Frigg

sassen einmal auf Hlidskjalf und schauten über alle Welt. Odin sprach:

Siehst du, wie dein Pflegling Agnar in der Höhle mit einem Riesenweibe

Kinder zeugt? Aber Geirröd, mein Pflegesohn, sitzt nun als König in

seinem Land. Frigg antwortete: Er ist so karg mit der Kost, dass er

seine Gäste hungern lässt, wenn er meint, dass deren zu viele gekommen

seien. Odin sagte, das sei die grösste Lüge; da wetteten beide, wer

Recht behielte. Frigg sandte ihr Kammermädchen Fulla zu Geirröd und

liess dem Könige sagen, er möchte sich vor den Hexenkünsten eines

Zauberers in acht nehmen, der in sein Land gekommen sei; er wäre, fügte

sie hinzu, leicht daran zu erkennen, dass kein Hund, so bissig er auch

sei, ihn anzufallen wage. Das war nun eine böse Verleumdung, dass König

Geirröd nicht gerne seinen Gästen Speise gebe; aber dennoch liess

er den Mann festnehmen, vor dem die Hunde zurückwichen. Um Recht zu

behalten und ihrem Wunsche zum Sieg zu verhelfen, greift Frigg ebenso

mit Erfolg zur List wie die Frîa der Langobardensage. Odin will in

Verkleidung Geirröd versuchen; durch die listige Botschaft veranlasst

Frigg den sonst freigebigen Geirröd, den unter dem Namen Grimnir

einsprechenden Odin hart zu behandeln. So verspürt Odin an seinem

eigenen Leibe, dass Geirröd gegen Fremde ungastlich sich benimmt,

dass Friggs Beschuldigung begründet ist. Hier wie dort wird der

göttliche Gemahl durch der Göttin Schlauheit übertrumpft. Das Lied von

Wafthrudnir hebt mit einer Beratung der Gatten an, woraus zu ersehen

ist, dass Odin wichtige Angelegenheiten mit Frigg bespricht. Er will

Wafthrudnir ausforschen, sie ist dagegen, weil der Riese besondere

Stärke besitzt. Wie Odin dennoch sich auf den Weg macht, entlässt ihn

Frigg mit dem Reisesegen:

Reise gesund, gesund komm wieder!

Gesund wandre den Weg!

Nicht fehle dir Weisheit, Vater der Menschen,

Wenn mit dem Riesen du reden musst.

Frigg ist über die Ehe gesetzt. Denn die Göttin Lofn hat von Allvater

und Frigg die Erlaubniss erhalten, Ehen zwischen den Menschen zu Stande

zu bringen, denen vorher ein Hinderniss im Wege stand. König Rerir und

seine Frau bekamen lange Zeit keine Kinder. Das behagte ihnen wenig

und sie riefen inbrünstig zu den Göttern, ihnen Nachkommenschaft zu

gewähren. Da erhörte Frigg ihr Flehen und ebenso Odin. So spendet

also Frigg Fruchtbarkeit. Ob Friggs Schuhe, die Fulla verwahrt,

rechtssymbolische Bedeutung haben, da der Schuh bei Adoption und

Ehe Anwendung fand, ist in Ermanglung genauerer Nachrichten nicht

festzustellen. Welche Bewandtniss es um Friggs Truhe hat, ob darin

wie in einem Füllhorn die Gaben des Glückes verwahrt werden, bleibt

ebenfalls unerklärlich.

Von Friggas Buhlerei erzählt Saxo.[534] Zum Zeichen ihrer Verehrung für

Odin, der damals in ganz Europa Ansehen genoss, sandten die nordischen

Fürsten eine goldene Bildsäule Odins, mit schweren Armspangen

geschmückt, nach Byzanz. Frigga, Odins Weib, liess durch Goldschmiede

das Bild des Goldes berauben, um sich selber damit zu schmücken.

Odin gebot, die Leute aufzuhängen. Das Bildniss aber, das er durch

Zauberei gegen Berührung mit Stimme begabt hatte, stellte er auf einen

besonderen Sockel. Frigga aber zog ihren eigenen Schmuck der Ehre ihres

Gatten vor und gab sich einem ihrer vertrauten Diener hin, durch

dessen Geschicklichkeit sie das Bild zerstörte und das Gold zum eigenen

Putz verwandte. Darauf musste Odin infolge dieser Schmach aus dem Lande

weichen und dem Mitodin Platz machen. In der nordischen Überlieferung

trifft ein ähnlicher Vorwurf die Göttin; es heisst in der Lokasenna 26:

Schweige, du Frigg, Fjorgyns Weib!

Du, Metze, warst immer männertoll:

Dem Wili und We hat Widrirs Gattin

Ihre Gunst beiden gegönnt.

Friggs doppelte Buhlerei in Saxos Erzählung von Mitodin, dass sie sich

zunächst um den Goldschmuck einem Diener ergibt und dann in Mitodins

Besitz gerät, weist auf Verschmelzung zweier ursprünglich getrennter

Mythen. Dass sie in Mitodins Gewalt fällt, gleicht Lokis Vorwurf

von Friggs Buhlschaft mit Odins Brüdern Wili und We. Diese eheliche

Untreue entstand zum Teil dadurch, dass Frija einst dem Tiuȥ gehörte

und von ihm auf Wodan überging. Ihre ursprüngliche Zugehörigkeit zu

einem andern als Odin haftete noch in der Erinnerung, und daraus

erwuchs diese Sage. Eine andere hiervon verschiedene und unabhängige

Sage, welche in nordischer Überlieferung an Freyjas Namen geknüpft ist

und erst unter den Freyjamythen näher erörtert werden soll, erzählte

von der Göttin, die ihre Gunst verschenkte, um dadurch ein goldenes

Geschmeide zu erwerben. Ob bereits Saxos Quellen die sonst mit Freyja

verbundene Geschichte auf Frigg übertrugen, ob Saxo selber erst Frigg

und Freyja zusammenwarf und die im Grunde einander ähnlichen Berichte

verschmolz, bleibt eine offene Frage.

* * * * *

Frigg soll noch im schwedischen Volksglauben[535] sich erhalten haben.

Von der Heilighaltung des Donnerstags, an welchem Haus und Hof für den

Besuch göttlicher Wesen hergerichtet werden, geht die Redensart „_helga

Toregud och Frigge_“, den Gott Thor und Frigge heilig halten. Denn

merkwürdigerweise erscheint Frigge in Gesellschaft Thors, nicht Odins.

Frigg wird zum Spinnen und zur Frauenarbeit in Beziehung gebracht.

Während der Donnerstagsweihe darf keine Spindel und kein Spinnrocken

berührt werden. Denn am Abend, heisst es, spinne Frigge selber. Am

Donnerstag Abend sah man vordem einen Greis und ein altes Weib am

Spinnrocken sitzen. Nach alter Sage sind es Thor und Frigge, welche

spinnen. Das Sternbild des Orion heisst in Schweden _Friggetenen_ und

_Friggerocken_, Spindel und Rocken der Frigge. In einem Segen gegen

Pferdekrankheit wird Frygge genannt. Inwieweit echte und glaubhafte

Sage hier vorliegt, lässt sich nicht entscheiden. _Friggjargras_ heisst

im Isländischen eine Pflanze (gymnadenia odoratissima), welche, unters

Kissen gelegt, Liebeslust erweckt. Übrigens gibt es im Norden auch

Mariengras, Frauenhaar und fürs Sternbild die Bezeichnung Marienrocken.

3. Die aus Frigg abgezweigten Göttinnen.

Einige Göttinnen, denen keine umfassende, sondern nur beschränkte

Wirksamkeit zugeschrieben wird, scheinen aus Frija abgezweigt zu sein,

zum Teil schon frühzeitig, falls sie auch ausserhalb des Nordens

begegnen, zum Teil erst später unter den Skalden.[536] Sie dürfen

gleichsam als Eigenschaften und Beiwörter der Frija gelten und ergänzen

demnach unsre Kenntniss vom Wesen der Hauptgöttin, worin alle die

einzelnen Gestalten aufgehen. Besondere Sagen dieser Göttinnen fehlen,

nur von ihren Eigenschaften hören wir Einiges, das meiste durch Snorre.

Gleich hinter Frigg, als zweite der Asinnen, zählt er _Sága_ auf,

die in Sökkwabekk den von kühlen Wellen umrauschten Saal hat. Täglich

trinken Odin und Sága zusammen aus goldenen Schalen. Die Behausung der

Sága in der Wassertiefe vergleicht sich den Fensalir, den Meersälen

der Frigg. Der vertraute tägliche Verkehr mit Odin, der Aufenthalt in

den Fluten sind ebenso der Sága wie der Frigg eigentümlich, weshalb

vermutet wird, Sága sei Frigg unter anderem Namen. Doch mag man auch in

Sága eine Wasserfrau, ein Seitenstück zu Mimir annehmen.

_Fulla_ ist eine Jungfrau; sie geht mit ausgeschlagenem Haar und hat

ein goldenes Band um das Haupt; sie trägt Friggs Truhe und bewahrt

ihr Schuhzeug; auch ist sie in ihre heimlichen Pläne eingeweiht. Als

Vertraute der Frigg hilft sie Odin zu überlisten, indem sie dem König

Geirröd die heimtückische Warnung vor den Hexenkünsten eines Zauberers

überbringt. Im Merseburger Spruch ist _Volla_ Frîjas Schwester. Wenn

auch Fulla nur als _eskimær_, Kammermädchen der Frigg bezeichnet wird,

so ergibt sich doch ihre besondere der Frigg fast gleiche Bedeutung

daraus, dass Nanna aus der Hölle Frigg und Fulla mit Geschenken, mit

einem Kopftuch und einem goldenen Fingerring beehrt. Der Name bedeutet

Fülle, Überfluss, und ist wie die göttliche _Copia_, _Abundantia_ der

Römer aufzufassen. In Fulla wird die Göttin Frija nach ihrer Reichtum

und Segen spendenden Thätigkeit persönlich.

Zu Liebe und Ehe gehören _Sjofn_ und _Lofn_. Sjofn ist eifrig bemüht,

die Menschen zur Liebe zu entflammen, Männer sowol wie Frauen, daher

wird nach ihrem Namen die Liebe _sjofni_ genannt. Lofn erhört gern die

Gebete und ist mild; sie hat von Allvater und Frigg die Erlaubniss

erhalten, Ehen zwischen Menschen zu Stande zu bringen, denen vorher ein

Hinderniss im Wege stand. Nach ihrem Namen heisst die Erlaubniss _lof_.

Bei den älteren Dichtern finden sich diese allegorischen Gestalten

nicht. Dagegen nennt schon Kormak die _Eir_, die Ärztin unter den

Asen. Es ist die verkörperte Pflege, von an. _eira_, pflegen, schonen.

Auch im Liede von Fjolswid 38 erscheint Eir neben andern freundlichen,

schützenden, hilfreichen Jungfrauen der Menglod, welche auf dem Berge

der Heilmittel (_Lyfjaberg_) gedacht ist.

_War_ hört auf die Eide und heimlichen Abmachungen der Menschen, der

Männer wie der Frauen; darum heissen solche Verpflichtungen _várar_

(Gelübde). War ist auch weise und wissbegierig, so dass ihr nichts

verborgen bleiben kann. Im Lied von Thrym 30 heisst es:

Bringt nun den Hammer, die Braut zu weihen,

Den Mjolnir legt in des Mädchens Schooss,

In Wars Namen weiht unsern Bund!

Also eines der schönsten und älteren Eddalieder bringt die Hüterin

der Eide mit der Ehe, dem Hauptgeschäfte der obersten Göttin, in

Zusammenhang.

_Hlin_ ist angewiesen, die Menschen zu schützen, die Frigg vor irgend

einer Gefahr behüten will; daher kommt die Redeweise, dass derjenige

sich anlehnt (_hleinir_), der sich in Acht nimmt. In der Vǫlospǫ́ steht

Hlin geradezu für Frigg, die also offenbar nur allgemein als hilfreiche

Schützerin so zubenannt ist.

_Syn_ hütet die Thüren in der Halle und schliesst sie vor denen, die

nicht hineingehen sollen. Auch ist sie bei den Thingversammlungen

in solchen Streitsachen zur Schützerin bestellt, wo Männer etwas zu

leugnen haben. Daher stammt die Redensart: Syn ist vorgeschoben, wenn

jemand etwas zu leugnen hat. Syn, die Ableugnung stammt jedenfalls vom

Zeitwort _synja_, leugnen. Der Name Syn findet sich schon beim Skald

Egil Skallagrimsson und bei Eilif Guðrunarson.

_Snotra_ ist weise und von feinem Anstand; nach ihrem Namen werden

kluge Männer oder Frauen _snotr_ genannt. Wie man sieht, sucht Snorri

die betreffenden Ausdrücke aus den Namen der Göttinnen herzuleiten,

während natürlich das Umgekehrte der Fall ist.

_Gna_ wird von Frigg in ihren Angelegenheiten nach verschiedenen Orten

entsendet. Sie hat ein Ross, das durch Luft und Meer zu schreiten

vermag und Hofwarpnir (Hufwerfer) heisst. Es geschah einmal, dass ein

Wane sie erblickte, als sie durch die Luft ritt. Er sprach:

Wer fliegt dort, wer fährt dort,

Wer läuft durch die Luft?

Sie antwortete:

Nicht flieg ich, doch fahr ich,

Durchlaufe die Luft

Auf dem Rücken Hofwarpnirs, den die rasche Gardrofa

Vom Hengste Hamskerpir empfing.

Endlich werden _Sol_ (die Sonne) und _Bil_ (Mondabnahme) zu den Asinnen

gerechnet. Im Merseburger Zauberspruch entsprechen vielleicht _Sunna_,

die Sonne, und _Sinthgunt_, die den Weg Erkämpfende. Siegreich über die

Finsterniss beschreitet die Sonne ihre Bahn. Da Frija auch Sonnengöttin

ist, kann der Name auf sie zielen.

4. Freyja.

Handbuch der Germanischen Mythologie · 第 37 / 68 段