Gemeinschaft der Asen aufgenommen und am Schöpfungswerke thätig, schön
und schmuck von Gestalt, kehrt er allmälig ganz andre Seiten hervor.
Wie das leise Verderben schleicht er rastlos unter den Göttern umher
und führt die von seinem boshaften Rat Getäuschten in Schaden und
Unfall. Als Lügenvater und Trugstifter nimmt er sich den reinsten und
besten der Götter, Baldr zum Widerspiel. Darauf hin wird er verstossen.
In finstrer Höhle liegt bei Saxo der zum hässlichen Teufel gewandelte
Loki. Durch Baldrs Tod ist das geistig-sittliche Weltgesetz gelöst.
Wie alle die rohen und wilden Naturkräfte unaufhaltsam hereinbrechen
und das Weltende naht, wird er seiner Fesseln ledig und zieht selber
an ihrer Spitze zum Zerstörungswerk einer Welt, die er einst, solange
er noch rein unter den Himmlischen geweilt, mit auferbaut hatte. Lokis
Geschick, seine Wandlung vom Gott zum Teufel, seine Feindschaft zum
lichten Baldr hat eine auffallende Ähnlichkeit mit Lucifers Fall, wie
auch diejenigen anerkennen müssen, welche nicht zugeben wollen, dass
Loki in der Hauptsache nichts anderes ist, als der in die nordische
Göttersage und Weltlehre übersetzte Lucifer.
* * * * *
Odin, Hönir und Loki oder, wie er auch genannt wird, Lodur wandern
zusammen. So erschaffen sie die ersten Menschen, den Hauch gab Odin,
Hönir die Seele, Lodur die Wärme und leuchtende Farben.[507] Statt der
Dreiheit Odin, Hönir, Lodur setzt Snorri Burs Söhne, Odin, Wili, We
ein. Mit Odin und Hönir zieht Loki auch in den Geschichten von Iduns
Raube und vom Hort des Andwari über Land. Seinen klugen Rat bewährt
er, indem er Thor zur Heimholung des Hammers verhilft. Da wirkt er nur
Gutes, indem er selber den Asen bei Bekämpfung ihrer Feinde beisteht.
In der Lokasenna 9 beruft Loki sich auf einen mit Odin eingegangenen
Blutbrüderbund:
Gedenkst du, Odin, dass in der Urzeit
Wir beide das Blut gemischt?
Nimmer des Biers zu geniessen schwurst du,
Man böte denn beiden es dar.
Die feierlichsten, heiligsten Bande haben also dereinst Loki mit Odin
verknüpft. Als Odins Freund bezeichnen ihn die Skalden.[508] Aber bald
wird sein Rat zweideutig und falsch. Loki sucht in mehreren Erzählungen
den Feinden der Götterwelt Macht über Asgard zu verschaffen und nur
gezwungen lässt er sich dazu bewegen, das drohende Unheil mit listiger
Falschheit abzuwenden.
Odin, Loki und Hönir fuhren über Berge und öde Wälder. In einem
Thale sahen sie eine Rinderheerde. Davon nahmen sie einen Ochsen und
fingen an, ihn zu sieden. In der Eiche über ihnen sass ein Adler, der
verhinderte das Garsieden des Fleisches, bis die Asen ihm Anteil an der
Mahlzeit versprachen. Aber weil der Adler gierig die besten Stücke an
sich nahm, stiess Loki mit einer Stange nach ihm. Die Stange blieb im
Leibe des Adlers stecken. Der Adler flog auf, Lokis Hände hafteten fest
an der Stange, so dass er geschleift wurde. Da bat er, von Schmerzen
gepeinigt, um Gnade. Der Adler war aber der Riese Thjazi, und er
sagte, er werde ihn nicht loslassen, wenn er nicht Idun samt ihren
Äpfeln ihm brächte. Loki versprach es und lockte in der That Idun aus
Asgard in einen Wald hinaus unter dem Vorwand, er wolle ihr kostbare
Äpfel zeigen. Sie solle zum Vergleich ihre eigenen mitbringen. Da kam
der Riese Thjazi und flog mit ihr in seine Behausung. Die Asen aber
wurden ohne Iduns Äpfel alt und grau und bedrohten den Loki, bis er in
Falkengestalt nach Riesenheim flog, Idun zur Nuss verwandelte und sie
auf diese Art zurücktrug. Thjazi verfolgte ihn in Adlergestalt. Die
Götter aber entzündeten schnell ein Feuer, worin der heraneilende Adler
verbrannte.[509]
Wie hier Idun, so verhandelt Loki ein ander Mal Freyja an einen
ungeschlachten Riesen. Darauf spielt die Vǫlospǫ́ an:
25 Da gingen zu Sitze die Götter alle,
Die heiligen Herrscher, und hielten Rat:
Wer die ganze Luft mit Gift erfüllte
Und der Brut der Riesen die Braut des Od gab.
26 Nur Thor schlug zu, voll trotzigen Mutes
-- Selten sitzt er, wenn er solches vernimmt --
Da wankten die Eide, die Worte und Schwüre,
Die festen Verträge, die man vordem schloss.
Ergänzend berichtet Gylfaginning im 42. Kapitel: Ein Werkmeister aus
dem Riesenland hatte sich verpflichtet, den Göttern eine Burg im
Verlauf eines Winters aufzuführen, wenn man ihm Freyja zur Frau gebe
und Sonne und Mond abtrete. Zur Arbeit, verlangte er, solle man ihm nur
den Beistand seines Rosses Swadilfari verstatten. Auf Lokis Rat wurden
diese Bedingungen angenommen. Als das Werk der Vollendung sich nahte,
bereuten die Götter das leichtsinnig gegebene Versprechen und bedrohten
Loki mit dem Tode, wenn er nicht Rat schaffe. Durch List, indem er in
Stutengestalt den Hengst Swadilfari an sich lockte, gelang es ihm, die
Arbeit so aufzuhalten, dass der Werkmeister am Ziel nicht fertig wurde.
Als der Riese über den Verlust seines ausbedungenen Lohnes in Zorn
geriet, erschlug ihn Thor mit dem Hammer. Loki brachte von Swadilfari
ein Füllen zur Welt, Sleipnir, Odins Ross.
Wenn Loki Idun und Freyja, die jugendschönen Göttinnen, ohne Bedenken
den Riesen überliefert, so beschädigt er dadurch den ganzen Bestand
der Götterwelt, indem er ihre Lebens- und Liebeskraft, Licht und Wärme
dem Erbfeinde preisgibt. Er trachtet, die Götter zu verderben, indem
er ihrem Dasein die erhaltenden Kräfte entzieht. Wie ein Vorspiel zu
Baldrs Tod und zur Weltvernichtung erscheint der Angriff auf Idun und
Freyja.
Noch ernstlicher wird der Götterstaat gefährdet, wenn Loki den
gewaltigen Beschirmer der Welt, Thor, den Riesen auszuliefern versucht.
Zwar verhilft er dem Thor wieder zum Hammer, als Thrym ihn stahl;
auch auf der Fahrt zu Utgardloki, seinem Doppelgänger, begleitet
Loki den starken Gott ohne schlimme Absicht. Als aber Loki einmal im
Falkengewand zum Riesen Geirröd geflogen war und dabei gefangen wurde,
zwang ihn Geirröd, zur Lebenslösung den Thor ohne Handschuhe, Gürtel
und Hammer, also machtlos in sein Gehöft zu bringen, was wirklich
auch geschah. Doch endigte der Streich, wie oben erzählt wurde, zum
Schaden Geirröds. Im Hymirliede sind zwei Strophen eingeschoben (37/8),
wonach Loki der Arge Schuld daran war, dass einer der Böcke lahmte,
weil Thjalfi gegen des Gottes Gebot den Schenkelknochen gespalten
hatte, um zum Mark zu kommen.[510] Die Sage hat wol tieferen Sinn,
wenn Loki, der Abkömmling der Riesen, insgeheim und hinterlistig
gegen Thor, den Bezwinger der Unholde, wirkt. So ist Loki das leise
schleichende, allzeit wache Verderben unter den Asen. Immer ist er zur
Hand, wo sich Gelegenheit bietet, die Grundpfeiler der bestehenden
Weltordnung zu unterwühlen, ein geheimer Bundesgenosse der lauernden
Mächte des Verderbens, stets bereit, die Widerstandsfähigkeit der
Götter abzuschwächen, damit die am Tage der Vernichtung schrankenlos
hervorbrechenden teuflischen Geister umso leichteres Spiel haben. Als
seine Pläne durch die Vorsicht und die Entschlossenheit der Götter
durchkreuzt werden, führt er den Hauptschlag und tötet den guten
Baldr. Doch diese offene Kriegserklärung zerreisst das ohnehin schon
gelockerte Band, Loki wird aus der himmlischen Schar in die Hölle
verstossen.
Unter Heimdall wurde erzählt, wie Loki und Heimdall um den Besitz des
Halsgeschmeides der Freyja mit einander am Singasteine kämpfen. Eine
ziemlich junge, erst im Ausgange des 14. Jahrhunderts aufgezeichnete
Sage[511] erzählt, wie Loki das Halsband raubte: Odin sagte dem Loki
alles, was er angriff, und legte ihm oft grosse Aufgaben vor, die er
alle löste. Loki erfuhr alles, was geschah, und sagte es dem Odin
wieder. Da hörte er einmal, Freyja habe von den Zwergen gegen ihre
Gunst einen Halsschmuck bekommen, und er sagte es dem Odin. Da befahl
ihm der, den Schmuck zu stehlen, und wie sehr er auch vorstellte, dass
das unmöglich sei, es half nichts und Odin sagte, er dürfe nicht eher
wiederkommen, als bis er den Schmuck bringe. Da ging Loki heulend
fort und alle freuten sich, dass es ihm schlecht ging. Wie er nun zu
Freyjas Kammer kam, war sie verschlossen und er konnte nicht hinein. Es
war aber eine harte Kälte und er fror. Da ward er zur Fliege und flog
um alle Riegel und in alle Ritze, aber nirgends konnte er hindurch.
Endlich erspürte er ganz oben am Giebel ein Loch so gross wie ein
Nadelöhr. Da hinein schlüpfte er und so kam er in das Gemach. Alles
schlief und Freyja lag mit dem Schmucke am Halse auf einem Bett. Weil
sie aber auf dem Schlosse lag, wandelte sich Loki in einen Floh und
stach sie in die Wange. Da drehte sich Freyja um, schlief aber ruhig
weiter und Loki konnte nun den Schmuck nehmen. Da schloss er das Gemach
von innen auf und eilte zu Odin. Als Freyja am Morgen erwachte und
das Halsband verschwunden und die Thüren offen sah, da erriet sie den
Streich, ging zu Odin und verlangte zurück, was ihr gestohlen sei. Odin
aber warf ihr die Weise vor, wie sie zu dem Schmucke kam und bestimmte,
sie solle ihn nicht wieder erhalten, bis sie zwei Könige, deren jeder
zwanzig Unterkönige habe, zum Kriege verhetze. Sie müssten fallen,
aber sogleich wieder aufstehen und weiter kämpfen, und alle Gefallenen
der Heere ebenso, und das müsste währen, bis ein Christ diese Männer
bekämpfe. Dann sollten sie Ruhe finden. Das versprach Freyja und darauf
erhielt sie ihr Halsband zurück.
Die Verbindung der Sage vom Raube des Halsbands mit der Hjadningensage
ist jedenfalls jung und hat keine Gewähr in der älteren
Überlieferung. Sie entstand nur dadurch, dass Freyja beschuldigt
wurde, den langen Krieg erregt zu haben. Dass aber Loki das Halsband
stahl, ist sagenecht; schon beim Skald Thjodolf heisst er Dieb des
Brisinghalsbandes.[512] Freilich ist damit nicht bewiesen, dass alle
Einzelheiten des späten Berichtes schon der ursprünglichen Sage
angehörten. Wenn das Halsband richtig als Gestirn oder glänzende
Lichterscheinung gedeutet wird, das der Himmelsgöttin zu eigen ist,
so lässt sich mythologisch weiter erklären, dass Loki der Endiger
das Licht raubt, dass Heimdall, dem überall die Frühe, der Aufgang
angehört, das Geschmeide siegreich zurückbringt. Im Auftrag Odins
geschah aber schwerlich dieser Diebstahl nach der ursprünglichen
Überlieferung. Loki folgte mit dieser That nur seinem eigenen bösen,
auf den Schaden der Götter und Abbruch ihrer Macht gerichteten Antrieb.
Wie er den Diebstahl vollbrachte, erinnert wiederum stark an die Art
des Teufels, der Herr der Fliegen und Flöhe ist, und nicht verschmäht,
in Gestalt solchen Ungeziefers aufzutreten.[513]
* * * * *
Odin, Hönir und Loki fuhren über Land. An einem Wasserfall warf Loki
einen Otter, der einen Lachs verzehrte, mit einem Steine tot. Wie
sie bei Hreidmar einkehrten, behauptete dieser, Otr sei sein Sohn
und verlangte zur Busse von den Asen, sie sollten den Otterbalg mit
Gold füllen und von aussen ganz mit Gold bedecken. Loki schaffte
das Gold und den Ring des Zwerges Andwari herbei. Als der Zwerg den
Ring verfluchte, lobte dies Loki und fügte hinzu, der Fluch solle
auf jeden Besitzer des Ringes übergehen. Als ihn Hreidmar empfing,
sprach Loki, es solle sich Andwaris Wort erfüllen und der Ring jedem,
der ihn besitze, Tod bringen. Dieser Fluch hat seitdem seine Kraft
bewährt.[514] In dieser Sage zeigt Loki seine teuflische Freude an dem
Unheil, das aus dem Fluche aufschiesst, und sucht es nach Kräften zu
fördern.
* * * * *
Loki muss den Vorwurf hören: Acht Winter sei er im Innern der Erde
gewesen, Kühe melkend als Weib: er sei der weibische Ase (_ǫ́ss
ragr_), der Kinder gebar.[515] Als Riesin Thokk, welche durch
Nichtweinen Baldrs Rückkehr aus der Hölle verhindert, erschien Loki
wirklich in Gestalt eines Weibes, ebenso erfragte er von Frigg das
Geheimniss, wodurch allein Baldr verwundet werden könne, als Stute
warf er vom Hengste Swadilfari den Sleipnir. Ob mit dem Vorwurf etwa
mit absichtlicher Entstellung auf verlorene Sagen angespielt wird,
ist nicht bekannt. Weibliche Verkleidung nahmen auch Odin bei Rind,
Thor und Loki als Freyja und deren Zofe bei der Heimholung des Hammers
an. Die Auslegung, Loki sei als das im Innern der Erde thätige Feuer
gedacht, das als Weib aufgefasst werde, weil es Wachstum hervorbringe,
die acht Winter seien die acht Wintermonate, während welcher die Wärme,
die auf der Erdoberfläche den Frostriesen weichen musste, sich unter
die Erde zurückgezogen habe und hier im Verborgenen wirke, die von Loki
gemelkten Kühe endlich seien die warmen Quellen, die auch im Winter
durch Eis und Schnee hindurch ihr mitunter milchfarbenes Gewässer
emporsenden, befriedigt in ihrer Allgemeinheit und beim Mangel aller
Einzelheiten des fraglichen Mythus, welcher den Vorwurf veranlasste,
keineswegs. Die arge Beschuldigung, als Weib behandelt worden zu sein
und Kinder geboren zu haben, wird auch sonst gegen Männer erhoben.[516]
Sie soll wol nur Lokis Argheit im schlimmsten Sinne zeigen. Ist er
doch auch sonst unkeusch und verführt Göttinnen zur Unzucht. Die
Druckgeister, welche als incubi und succubi mit den Menschen sich
vermischen, werden aber gerne als Teufel aufgefasst, und so wird
auch Lokis Buhlerei als Ausfluss seiner Teufelsart am ehesten sich
erklären.[517]
* * * * *
Im Gedicht von Lokis Wortstreit (Lokasenna) tritt Loki unter die bei
Ägir zum Gelage versammelten Götter und Göttinnen. Nur indem er Odin an
die Blutbrüderschaft erinnert, erhält er unter den misstrauischen Asen
einen Sitz eingeräumt. Loki trinkt den Hochheiligen zu, erhebt aber
zugleich seine Schelte, indem er mit Bragi, „dem feigen Bänkehüter“,
beginnt. Alle Anwesenden, die sich ins Gespräch mischen, werden von
Loki mit überlegenem Witz und grosser Schlagfertigkeit höhnisch auf
ihre schwachen Seiten hingewiesen. Dabei wird zum Teil auf bekannte,
zum Teil auf verlorene Sagen angespielt. Loki weiss geschickt mittelst
Übertreibungen und Verdrehungen jedem Gegner etwas Ungünstiges
anzuhängen. Die Göttinnen Idun, Gefjon, Frigg, Freyja, Skadi, Sif
werden mit dem Vorwurf der Buhlerei bedacht. Zum Teil rühmt sich Loki
selber, ihre Gunst genossen zu haben. Endlich erscheint polternd und
drohend Thor. Zwar bekommt auch er seine Verlegenheit auf der Fahrt zu
Utgardloki zu hören, wie er jedoch dadurch unbeirrt den Hammer gegen
Loki aufhebt, bequemt sich dieser dazu, den Saal zu räumen, mit dem
Wunsch, nie mehr solle Ägir ein Gelage abhalten, feurige Lohe solle
über seine Habe hin spielen. Damit ist auf den Weltbrand gedeutet. Der
Schöpfer der Lokasenna besass einen scharfen Blick für die Gebrechen
und sittlichen Mängel der Göttersagen, deren volle Bekanntschaft er
voraussetzt. Er dichtete wol gegen Ende des 10. Jahrhunderts, als bei
dem Verfall des Heidentums und beim Eindringen des Christentums manche
Freidenker jeden Glauben aufgaben. Er verrät treffende Auffassung der
einzelnen Göttercharaktere, insbesondere des Loki, wenn er diesem
Geiste der Verneinung die Aburteilung des Götterstaates in den Mund
legt. Die eigenartige Anschauung eines einzelnen Mannes, nicht eine in
den Zusammenhang des Ganzen tiefer eingreifende Sage liegt offenbar in
dieser merkwürdigen Dichtung vor.[518]
* * * * *
Loki der Sohn der Laufey hatte einst aus Bosheit der Sif alles Haar
abgeschnitten. Als Thor dies erfuhr, fasste er Loki mit seinen Händen
und würde ihm alle Knochen zerschlagen haben, wenn er ihm nicht den
Eid geleistet hätte, dass er die Schwarzelben dazu bewegen wolle,
der Sif aus Gold neues Haar anzufertigen, welches wachsen solle wie
natürliches Haar. Hierauf begab sich Loki zu den Zwergen, die Iwaldis
Söhne hiessen, und diese machten das Haar sowie auch das Schiff
Skidbladnir und den Speer Gungnir, den Odin besitzt. Darauf wettete
Loki um seinen Kopf mit einem Zwerge namens Brokk, dass dessen Bruder
Sindri nicht drei Gegenstände herstellen könne, die den eben genannten
an Wert gleichkämen. Loki suchte auch in Gestalt einer Stechfliege die
Arbeit der Brüder zu stören. Trotzdem brachten sie den Ring Draupnir,
Freys Goldeber, Thors Hammer fertig. Die Asen entschieden, der Hammer
sei das beste der Kleinode und der wirksamste Schutz wider die Riesen.
So hatte Brokk gewonnen. Loki erbot sich, sein Haupt zu lösen; darauf
wollte der Zwerg nicht eingehen. „So greife mich denn“, sprach Loki;
aber als er ihn fassen wollte, war er schon weit entfernt. Loki hatte
nämlich Schuhe, die ihn durch Luft und Meer trugen. Nun bat der Zwerg
Thor, dass er den Loki greifen möge, und Thor that das. Nun wollte der
Zwerg ihm den Kopf abschlagen, Loki sagte jedoch, er habe wol Recht
auf seinen Kopf, aber nicht auf seinen Hals. Da nahm der Zwerg Messer
und Faden und wollte dem Loki die Lippen zusammennähen und zunächst
Löcher in die Lippen stechen, aber das Messer schnitt nicht. Der
Zwerg meinte, dass der Pfriemen seines Bruders tauglicher sein würde,
und sobald er diesen genannt hatte, war er auch zur Stelle, und der
Pfriemen durchschnitt die Lippen. Er nähte nun Lokis Lippen zusammen,
Loki aber riss den Faden aus dem Saume heraus. Dieser Faden, mit dem
Lokis Mund zugenäht war, heisst Wartari. So erzählen die Skáldskaparmál
Kap. 3.
Im Grimnirliede 43 wird Skidbladnir als Werk der Söhne Iwaldis erwähnt,
ohne dass Lokis Teilnahme erhellt. In der Lokasenna 54 spielt Loki
darauf an, dass er mit Sif Buhlschaft trieb, und auch das Harbardslied
48 scheint hierauf Bezug zu nehmen. Dann würde dem Berichte Snorris
immerhin Gewähr älterer Überlieferung gegeben. Vielleicht wird Loki
als das Erdfeuer zu den unterirdischen Zwergen, denen er gleichsam die
Schmiede heizt, in Zusammenhang gebracht. Andererseits ist Merkur der
Gott der Erfindungen, und gerade in dieser Sage wie sonst allein noch
in der Sage vom Nibelungenhort wird Loki mit Merkurs Flügelschuhen
begabt. Letztere sind zweifellos aus der antiken Sage entlehnt, wie
überhaupt neben Lucifer auch antike Gestalten, Merkur und Apollo auf
Loki eingewirkt haben.[519] Die Wette, auf die Loki sich einlässt,
mag auch fremdem Vorbild, etwa Apollo und Marsyas, nachgeahmt sein,
wenngleich es sich um Anfertigung anderer Gerätschaften handelt und
auch sonst die nordische Sage anders sich entwickelt.
3. Loki als Verderber Baldrs.
Die Asen Odin, Bragi, Tyr, Freyr, Njord, Widar waren bei Ägir dem
Meergott versammelt. Ägir hatte zwei Dienstleute, Fimafeng (den
behend Greifenden) und Eldir. Statt des Feuers diente helles Gold
zur Beleuchtung. Die Gäste rühmten sehr, wie gut die Dienstleute
Ägirs waren. Loki mochte das nicht hören und erschlug den Fimafeng.
Da schüttelten die Asen ihre Schilde und erhoben ein Geschrei wider
Loki und trieben ihn in den Wald hinaus. Dann setzten sie sich wieder
zum Trank nieder. Loki aber kehrte zurück. (Im Wortwechsel rühmte er
sich offen, den Tod Fimafengs verursacht zu haben.) Darauf versteckte
sich Loki, nachdem er die Gestalt eines Lachses angenommen hatte, im
Wasserfall Franang. Dort fingen ihn die Asen. Er ward mit den Därmen
seines Sohnes Narfi[520] gefesselt; sein Sohn Wali wurde in einen Wolf
verwandelt. Skadi nahm einen Giftwurm und befestigte ihn über Lokis
Antlitz, so dass Gift darüber hin tropfte. Sigyn, Lokis Frau, sass
daneben und hielt eine Schale, um das Gift aufzufangen. Wenn die Schale
voll war, trug sie das Gift hinaus. Inzwischen aber träufelte Gift auf
Loki herab. Da zuckte Loki so heftig, dass die Erde erbebte. Das wird
jetzt als Erdbeben bezeichnet.
Die Sage von Lokis Fesselung scheint in einem verlorenen Liede
behandelt worden zu sein, welches seinem Inhalt nach in kurzem Auszug
dem Lied von Lokis Wortstreit (Lokasenna) voraus und nachgestellt
wurde[521], so dass die schwere Strafe über Loki scheinbar wegen seiner
Schmähungen auf die Götter und Göttinnen verhängt wurde, während
dagegen die eigentliche Unthat, der Totschlag Fimafengs an heiliger
Friedensstätte, ohne weitere Folgen für Loki bleibt. Vermutlich hat
der Aufzeichner der Lokasenna fälschlicherweise die Sage von Lokis
Unthat und Bestrafung als Einkleidung des Scheltgedichtes genommen.
Die eingeklammerten Worte deuten den ursprünglichen Inhalt an, wie
Loki frech seiner That sich rühmte. Statt dieses Wortwechsels, den der
Zusammenhang erfordert, trat die Beschimpfung der Götter ein. Dass die
Sage von Lokis Totschlag und Bestrafung unbedenklich von der Lokasenna
losgelöst werden darf, bezeugen die übrigen Berichte, die Lokis
Fesselung unmittelbar auf Baldrs Tod folgen lassen, die überhaupt zur
Ergänzung und zum Verständniss heranzuziehen sind.
Gylfaginning Kap. 50 erzählt: Als die Götter erfuhren, dass Loki Baldr
getötet und in Gestalt der Riesin Thokk die Auslösung Baldrs aus der
Hölle verhindert hatte, ergrimmten sie wider ihn. Er aber rettete sich
auf einen Felsen. In seinem Hause dort hatte er vier Thüren, damit er
nach allen Himmelsgegenden ausschauen könne. Am Tage aber hielt er
sich in Lachsgestalt im Wasserfall Franang auf. Ihm kam es in den Sinn,
dass die Asen mit List ihm nachstellen könnten. Da nahm er Flachsgarn
und machte Maschen, so wie man später Netze fertigte. Da sah er die
Asen heran kommen, denn Odin hatte ihn von Hlidskjalf aus bemerkt. Loki
warf das Netz ins Feuer und sprang ins Wasser. Kwasir, der sehr klug
war, kam zuerst hinzu; er sah, dass die Arbeit, die Loki gemacht hatte,
zum Fischfang sehr nützlich war, und sie fertigten nach der Asche, zu
der das Netz verbrannt war, ein neues. Die Asen gingen zum Wasserfall,
Thor hielt den einen Zipfel vom Netz, die übrigen Götter den andern.
Loki legte sich zwischen zwei Steine und sie zogen das Netz über ihn
weg. Nun versuchten sie es zum zweiten Mal und beschwerten das Netz
so, dass nichts drunter wegschlüpfen konnte. Loki schwamm vor dem Netz
her; als es nicht mehr weit zur See war, sprang er über die Netzleine
und schwamm in den Wasserfall zurück. Die Asen hatten bemerkt, wohin
er fuhr, und sie verteilten ihre Schar auf beide Ufer, Thor watete
mitten im Fluss. So schritten sie gegen das Meer zu. Loki sah, dass
es lebensgefährlich war, ins Meer zu schwimmen, deshalb sprang er
abermals übers Netz. Thor aber ergriff ihn mit den Händen, und obwol er
hindurch zu gleiten suchte, hielt er ihn doch am Schwanz fest. Darum
ist der Lachs hinten so schmal. Nun war Loki gefangen und durfte keine
Schonung erwarten. Er wurde in eine Höhle gebracht. Sie nahmen drei
grosse Steine, richteten sie auf und schlugen in jeden ein Loch. Lokis
Söhne, Wali und Narfi, wurden ergriffen. Den Wali verwandelten die Asen
zum Wolf, da zerriss er den Narfi. Da nahmen die Asen seine Därme und
banden damit den Loki auf den scharfen Kanten der drei Steine fest.
Einer stand unter seinen Schultern, der zweite unter seinen Lenden, der
dritte unter seinen Kniegelenken. Die Fesseln aber wurden zu Eisen.
Skadi befestigte einen Giftwurm über seinem Antlitz. Aber Sigyn hielt
eine Schale darunter, um das herabtropfende Gift aufzufangen. Wenn
aber die Schale voll ist und Sigyn sie ausgiesst, tropft inzwischen
Gift auf Lokis Angesicht. Da windet er sich so gewaltig, dass die Erde
erzittert. Dort liegt er bis zur Götternacht.
Im Anschluss an Baldrs Tod schildert auch die Vǫlospǫ́ (35)
Lokis Strafe: Gebunden sah ich im zerklüfteten Bergwald[522] die
Unholdsgestalt, den argen Loki; bei ihrem Manne sitzt dort Sigyn,
nicht freudig gesinnt.
Eine nur in der einen Handschrift der Vǫlospǫ́, in der Hauksbók
erhaltene Halbstrophe sagt: Sie sieht aus Walis Därmen Kampfbande
winden, sehr fest waren die Fesseln.
Endlich erzählt Saxo[523], wie Thorkillus den furchtbaren in
entlegenem, ewig umnachtetem Lande hausenden Ugarthilocus aufsucht.
Thorkillus und seine Gesellen drangen durch enge Öffnung in eine mit
Schlangen erfüllte Höhle. Dann kamen sie zu einem auf sandigem Bett
ruhig dahinflutenden Wasser, das sie durchwateten. Darauf gelangten
sie in eine noch tiefer liegende Höhle, von der aus ein finsteres,
scheussliches Loch sich aufthat. Dort lag Ugarthilocus, die Hände und
Füsse mit schweren Ketten belastet; seine stinkenden Haare glichen an
Grösse und Steifheit Speeren aus Horn. Thorkillus zog eines aus seinem
Kinn heraus, um es als Wahrzeichen seiner Höllenfahrt vorweisen zu
können. Saxo berichtet nicht, warum Loki in Fesseln geschlagen ist.
Auch fehlt jede Anspielung auf Sigyn. Aber ihm schwebt die gleiche
Vorstellung vor, und vielleicht ist wie in der Baldrsage seine
Darstellung einfacher und altertümlicher, indem sie weder auf Baldrs
Tod noch auf Sigyn Bezug nimmt, sondern allein auf den gebundenen, in
finsterer Höhle schmachtenden teuflischen Dämon sich beschränkt.