worden.[489] Einigen gilt Hönir als Ausfluss des höchsten Gottes der
Germanen. Ein Sonnenwesen scheint er Weinhold. Uhland will den Namen
auf ein verlorenes Zeitwort *_hanan_ *_hôn_ (mit _canere_ verwandt)
zurückführen. Der Name bedeute einen Schall und das hänge mit seiner
Gabe an die ersten Menschen, _óþr_, Dichtkunst, Gesang zusammen. Auf
Uhlands Etymologie greifen auch Detter und Heinzel[490] wieder zurück,
Hönir wird zu einem Zeitwort _hæna_, canere, gestellt. Hönir bedeutet
Sänger, es ist ein ursprünglicher Beiname Odins. Hönir und Bragi
gleichen sich in manchen Dingen. Müllenhoff nimmt den Hönir für einen
Wassergott. Dazu könnte auch Uhlands Erklärung des Namens, wenn auch
in anderem Sinne dienen: Hönir der Schallende, Rauschende, wie lat.
_canorus_ gebraucht wird. Hoffory leitet Hönir aus urgermanischem
*_hohnijaȥ_ ab; _Tiuȥ hohnijaȥ_ sei, wie etwa Ζεὺς κυκνεῖος, der
schwangleiche Himmelsgott. Kauffmann denkt an _hóđ_ (ahd. _huota_)
und findet den Begriff Hüter in Hönir; es ist der grosse Waldesgott
der Germanen, aus dem nach Kauffmann soviele Götter hervorgingen.
Roediger sucht dem Hönir mit natursymbolischer Auslegung nahe zu
kommen. Er sieht einen Wolkengott in ihm. Die Wolke ist Gefährte des
Sturmes, wie Hönir und Odin zusammen gehen. Wolken sind Schwäne im
blauen Himmelssee. Die Wolke ist hohl und leer, wie Hönir ein Hohlkopf.
Aber der Wassergott Mimir vermag ihr Gehalt zu geben, den Regen.
Die erregbare menschliche Gemütsstimmung wird mit den wechselnden
Wolkengebilden verglichen; nach dem altdeutschen Ezzolied gibt Gott dem
Menschen „_von den wolchen daȥ muot_“, wie Hönir den Menschen beseelt.
So lässt sich immerhin manches für Hönir als Wolkenwesen sagen, mehr
als für die übrigen Erklärungsversuche. Der Name soll aus *_hauhnijaȥ_
(zu *_hauhni_, dän. _höine_ die Höhe) stammen und bedeuten: der in der
Höhe lebt. Etymologische Namenerklärungen, welche zum Verständniss des
mit dem Namen behafteten Wesens dienen sollen, haben immer besondere
Schwierigkeiten, zumal wenn die Wortwurzel nicht klar ist. Soviel
Erklärer soviel Erklärungen! Trotz allem bleibt Hönir rätselhaft nach
wie vor. Da er bei der Menschenschöpfung auftaucht und in der neuen
Welt wiederkehrt, liegt offenbar sein Ursprung in der Weltlehre, d. h.
Hönir ist wol aus der Fremde zugewandert. Sicher wird auch Hönir noch
einmal auf diese Art befriedigende Deutung finden, wenngleich E. H.
Meyers Versuch, Hönir aus Henoch abzuleiten, verfehlt erscheinen muss.
XII. Bragi der Dichtergott.[491]
Snorri berichtet in der Gylfaginning Kap. 26: Bragi ist einer der Asen.
Er ist ausgezeichnet durch Weisheit, besonders aber durch Redeklugheit
und Sprachgewandtheit. Am meisten ist er jedoch in der Dichtkunst
erfahren und daher wird auch diese nach ihm _bragr_ genannt, wie auch
Männer oder Frauen, die sich vor andern durch dichterische Begabung
hervorthun, den Namen _bragarmenn_ führen. Die Gemahlin Bragis heisst
Idun. Als Benennungen Bragis führt die Snorra Edda 1, 266 an: Gemahl
der Idun, der Skaldenkunst Urheber, der langbärtige Ase, Odins Sohn.
Als der Langbärtige (_síđskeggja_) erinnert Bragi an den Gott der
Dichter, an Odin, der ebenso _Síđskeggr_ und _Langbarđr_, Tief- und
Langbart heisst.
Als Odins Hofskalde, welcher in Walhall den Ehrendienst als Begrüsser
der Gäste mit dem Willkommentrunke versieht, erscheint Bragi im
Preislied auf Eirik. Odin bespricht sich mit dem klugen Bragi über
die Herankunft dieses Heldenkönigs, vor dem es tost und kracht, als
kehrte Baldr zurück zu Odins Sälen, und schickt Sigmund und Sinfjotli
zu seinem Empfang entgegen. Im Lied auf Hakon den Guten werden Hermod
und Bragi aufgerufen, ihm entgegen zu gehen und Bragi reicht ihm
feierlich den Becher zum Willkomm: „Aller Einherjer Frieden sollst du
haben; empfange Bier bei den Göttern. Acht Brüder hast du schon hier
innen, o Bekämpfer der Jarle“. Snorri gibt einem Abschnitt der Edda
eine Einkleidung, welche den Bragi als Gesellschafter beim Gelage
und trefflichen Sagenerzähler erscheinen lässt. Odin hatte den Ägir
zu einem Gastmahl nach Walhall entboten. Dem Ägir wurde der Platz
neben Bragi gewiesen, sie tranken und unterhielten sich zusammen.
Bragi erzählte von vielen Begebenheiten, die sich bei den Göttern
zugetragen hatten. So legt Snorri einen grossen Teil der Göttersage
dem Bragi in den Mund und macht den kunstreichen Skald zu einem ebenso
ausgezeichneten Sagenerzähler. In Skaldschaft und Saga ist aber der
Nordleute höchste Geistesthätigkeit beschlossen. Bragi ist der Skalden
bester[492], Denkrunen sind auf seiner Zunge eingeritzt.[493]
Als Loki unter die bei Ägir versammelten Asen tritt und Aufnahme
heischt, ergreift Bragi zuerst das Wort. Wie er willkommene Gäste in
Wallhall grüsst, so verweigert er dem unlieben Loki Sitz und Stätte
beim Gelage; denn die Asen wissen, wem sie Zutritt zum Festmahl
verstatten. Auch hier also gebärdet sich Bragi als berufener und
bestellter Sprecher der Götter. Odin selbst muss freilich trotzdem
Loki auf dessen Mahnung einlassen; da entbietet der Böse allen Göttern
und Göttinnen Gruss, bloss nicht dem Bragi. Der will ihm Ross, Schwert
und Ringe aus seinem Reichtum gewähren zur Busse, damit er nicht den
Asen Missgunst (wegen des unfreundlichen Empfanges) erzeige. Aber
Loki greift ihn gerade an seiner friedlichen, zum Vergleich so rasch
bereiten Gesinnung an: Du bist im Gefecht der furchtsamste und beim
Schuss der scheueste. Da bricht Bragi zornig los:
Wenn ich draussen wär’ und drinnen nicht
Bei Ägir sässe im Saal,
Dein Haupt trüg ich in der Hand gar bald:
Das wär für die Lüge der Lohn.
Loki erwidert:
Im Sessel bist kühn du, doch säumig zur That,
Bragi, du Zierde der Bank!
Zum Zweikampf geh’, wenn zornig du bist,
Der Dreiste bedenkt sich nicht lang.
Die Skalden der nordischen Könige sind tapfere Helden, in Liederkunst
wie in der Waffenführung gleich geübt. Viele haben ihre Treue in
Schlachten bewährt und mit dem Tode besiegelt. Doch kam es auch vor,
dass ein Skald sein verlorenes Leben mit einem Gedicht rettete. Bragi
Boddason löste sein Leben aus der Gewalt des Schwedenkönigs Bjorn durch
eine Drápa, ein Preislied, das er in einer Nacht verfertigt hatte,
und ebenso befreite Egill sein Haupt aus der Gewalt König Eiriks.
Auf solche Fälle bezieht sich wol Loki, indem er übertreibend und
verdrehend den Skald als feig verhöhnt, weil er mit schönen Worten
sich dort noch zu befreien wisse, wo der tapfere Mann rettungslos dem
Tod verfallen sei. Idun beschwört nun Bragi bei ihren Kindern und
Wunschsöhnen, den Loki nicht weiter zu lästern. Da sie sich auf Kinder
und Wunschkinder beruft, muss angenommen werden, dass der Lokasenna die
Ehe zwischen Bragi und Idun bereits bekannt ist, dass sogar Sprösslinge
dieses Bundes vorausgesetzt werden. Wunschsöhne Bragis sind vielleicht
die menschlichen Dichter, welche nach ihrem Tod in Walhall wohnten.[494]
Der Skald Egill Skallagrimsson spielt zweimal auf Bragi an, wobei er
sich auch auf Mythen bezieht. Leider ist die Überlieferung dermaassen
verderbt und ausserdem die Anspielung so kurz und dunkel gehalten, dass
die dem Dichter vorschwebenden Sagen gar nicht oder doch nur unsicher
und unbestimmt wieder erschlossen werden können. Die Schlussstrophe der
Hǫfuðlausn beginnt: Der König möge sich so seiner Schätze erfreuen, wie
Bragi seines Auges! Was das bedeutet, ist dunkel. Im Sonatorrek 2 und
3 ist vom Raube des Dichtermetes, den Odin aus Riesenheim entführte,
die Rede, wobei der fehllose Bragi auflebte.[495] Soll damit die Geburt
Bragis an dieses Ereigniss geknüpft werden? Gab es eine Sage, welche
den Dichtergott Bragi als den Sohn Odins und der Gunnlod, die den Met
hütete, ansah? Wie Odin in Liebe bei der Riesenmaid ruhte, als er den
köstlichen Met erlangte, hätte er auch den besten Skald Bragi erzeugt.
Über blosse Vermutungen kommt die Erklärung der Stelle nicht hinaus,
weshalb Bragis Herkunft von Gunnlod immer sehr zweifelhaft bleibt.
Bragi, der Gott, hat jedenfalls Beziehungen zu Bragi Boddason, der,
obzwar noch der Sagenzeit verfangen, doch als geschichtliche Gestalt
um und nach 800 zu betrachten ist.[496] Bragi Boddason, geschichtlich
beurkundet und doch mehrfach in Sage und Dichtung verwoben, steht an
der Spitze der langen Reihe norwegischer und isländischer Skalden.
Es erhebt sich die Frage, ob Bragi Boddason der Skald nach dem Gotte
seinen Namen hat, ob beide Namen etwa unabhängig entstanden und
im Wortsinne den vortrefflichsten Skalden, den Dichterfürsten bei
Göttern und Menschen bezeichnen, endlich ob etwa der Skald Bragi zur
Verherrlichung des Standes unter die Asen versetzt wurde. Alle drei
Möglichkeiten lassen sich mit Wahrscheinlichkeitsgründen stützen, keine
als sichere Thatsache nachweisen. Dass Bragi weder ein altgermanischer
noch ein volkstümlich nordischer Dichtergott war, sondern erst in
später Zeit, etwa im 9. Jahrhundert, unter den Skalden aufkam, wird
ziemlich allgemein angenommen. Ist ihm doch nirgends eine in den Grund
der Mythen eingreifende Wirksamkeit zugewiesen. Odin ist das göttliche
Urbild des Sängers, er ist der Urquell dichterischer Begeisterung.
Neben ihm ist für Bragi kein Raum. Bragi bedeutet der Fürst, der Erste.
Das Wort begegnet als Eigenname wie als Appellativum, wenigstens in
der Mehrzahl _bragnar_, die Fürsten, Helden und in der starken Form
_bragr_.[497] Bragi kann ebenso der erste unter Dichtern wie unter
Kriegsleuten wie unter Göttern (Thor ist _ásabragr_) heissen. In der
altnordischen Sprache ist aber Bragi gewöhnlich der Dichterfürst.
Bragi könnte auch als Beiname oder später gebildete Bezeichnung
des ältesten und berühmtesten der Skalden aufgefasst werden. Mogk
glaubt, Bragi könnte ein Beiname Odins gewesen sein und nach und nach
als Sondergestalt, etwa wie Freyr, Baldr, Heimdallr aus Tiuȥ, sich
entwickelt haben. Falls aber der Skald Bragi samt seinem Namen, der
Sängerahn im wallenden Bart, als zweifellos der Wirklichkeit angehörig
gelten darf, hat die von Uhland und Mogk vertretene Ansicht, dass Bragi
bei den Asen selbst kein andrer sei als der nach Asgard erhobene Bragi
der Alte, Boddis Sohn, am meisten Wahrscheinlichkeit für sich. Bragi
erscheint in Gesellschaft des Sigmund, Sinfjotli, Hermod. Sind nun
diese Helden, geschichtliche und sagenhafte, nach ihrem Erdenlauf zu
Odins Mahl und Ehrendienst berufen, warum nicht auch, auf seine Weise,
ein berühmter Skald? Das Bild von Walhall, Odin und die Einherjer,
der König und seine Gefolgschaft wird erst vollständig durch den
Hofskalden, der hochgeehrt nahe beim Herrn seinen Sitz erhält. Was
überhaupt von Thaten Bragis verlautet, lässt ihn ausschliesslich als
diensttuenden Hofbeamten erscheinen. Darum wird sein Ursprung auch
in irdischen Verhältnissen zu suchen sein, und dass die Skalden den
ersten und ältesten ihrer Schar zu diesem Ehrenamt erkoren, ist
wol begreiflich. Wird ihm Idun, die Hüterin der verjüngenden Äpfel
vermählt, so besagt das poetische Bild wol nur, dass Idun seinem Alter
Kraft und Jugendfrische wahrt. In ihren Hauptmythen ist Idun aber
unvermählt.
XIII. Requalivahanus.
_Deo Requalivahano Q. Aprianus fructus ex imperio pro se et suis v.
s. l. m._
Diese Inschrift trägt ein Stein aus dem 2. Jahrh. n. Chr., der 1883
in der Nähe von Blatzheim bei Cöln aufgefunden wurde.[498] Der Name
des Gottes ist aus germanischen Wortstämmen gefügt. Seine Bedeutung
und etwaige Beziehung auf einen der uns sonst bekannten Götter zu
erschliessen, ist noch nicht geglückt. Trotz allen gelehrten und
geistvollen Erklärungsversuchen zeigt sich auch hier die Unmöglichkeit,
aus den allein von Inschriften gebotenen, allgemeinen Benennungen
irgendwie sichere, brauchbare Ergebnisse für die Geschichte der
germanischen Mythologie zu gewinnen. Der erste Wortstamm ist zweifellos
germ. _*rekwaȥ_ (got. _riqis_; an. _røkkr_) Finsterniss, Dunkelheit.
Derselbe Stamm ist auch sonst in gotischen Eigennamen nachzuweisen:
_Reccared, Reccesuinth, Requisindus, Riccifrida, Riccila_ u. ä. (vgl.
Kögel, AnzfdA. 18, 59). Schwieriger ist der zweite Stamm festzustellen.
Die Erklärer gehen schon darin auseinander, dass sie das Suffix
_-hanus_ teils mit der Latinisierung des germanischen Wortes in
Zusammenhang bringen, teils der ursprünglichen Wortbildung zuweisen,
d. h. dass sie entweder auf einen germanischen Stamm _livan-_ oder
_livahan-_ schliessen. Die Wurzel stellen Holthausen und Kauffmann zu
an. _lifa_, Leben und ähnlichen Bildungen, und nehmen _liƀa_ „lebend“
wie in den Eigennamen _Heriliva_, _Gundiliva_, die im Heere, im Kriege
Lebende, oder _liƀahs_ „lebensvoll“, „lebendig“ an. _Requalivahanus_
ist der in der Finsterniss als Herrscher waltet, der im Dunkel wohnt.
Im Ahd. begegnet das ähnlich gebildete Eigenschaftswort _ubarlibo_
„überlebend“. Später dachte Holthausen an _*liwa_ im Sinne von
Hinterlassenschaft, Erbe, zum Zeitwort _lîhwan_, leihen, übrig lassen.
Requalivahanus ist, dem die Finsterniss überlassen wird, der die
Finsterniss als Hinterlassenschaft besitzt, dem die Finsterniss als
Erbe anfiel. Much vermutet ein germanisches Eigenschaftswort _lîwaȥ_,
_lîwahaȥ_, farbig, nach irischem _lî_ die Farbe, gall. _Lîvius_,
_Lîvo_, lat. _livor_, _liveo_, _lividus_. Requalivahanus bedeutet
wie mhd. _vinstervar_ den, der die Farbe der Finsterniss trägt, den
Dunkelfarbigen. An einen Ortsnamen endlich denkt v. Grienberger. Das
latinisierte Adjectiv requalivânus meint einen Gott von Requaliva.
In _liwa_ sei ein germanisches Wort für Gewässer enthalten, und so
ist Requaliva wie _Schwarzleo_ einfach Schwarzbach, Schwarzwasser,
Schwarzach, Schwarzensee oder dgl. ein Gewässer von dunkler Farbe oder
ein Gewässer im finstern, schattigen Walde.
Wenn schon die Namendeutung über unsichere Vermutungen nicht
hinausgelangt und nur einen sehr allgemeinen Sinn ergibt, so ist
es mit der mythologischen Auslegung noch viel schlimmer bestellt.
Dass Requalivahanus im Finstern haust, muss angenommen werden. Die
nächstliegende Beziehung geht unstreitig auf Tod und Unterwelt. Zeus
und Pluto heissen σκότιος, sofern sie in der Finsterniss leben. Das
Beiwort kann aber manchen Göttern zukommen, etwa Wodan als dem Walgott,
so lang er die Seelen der Toten im dunkeln Schooss der Berge bei sich
versammelt, oder Baldr, der zur Hölle stieg. Einen germanischen Pluto,
der der Finstere hiesse, wie Hel die Schwarze, kennen wir nicht. Am
wenigsten ist Kauffmanns Auslegung begründet, der im Requalivahanus
den grossen Waldesgott der Germanen, aus dem auch Widar und Wali, „der
Starke von oben“, den die Vǫlospǫ́ geheimnissvoll erwähnt, Mitothin,
Ullr und viele andere stammen sollen, erkennen will. Requalivahanus ist
für uns völlig rätselhaft. Es ist ein Beiname, der etwa dem griech.
σκότιος entspricht. Ob er einem der uns sonst bekannten germanischen
Götter gebührt oder einem Gotte, von dem wir sonst gar nichts wissen,
ist nicht festzustellen.
XIV. Loki.
1. Lokis Wesen und Namen.
Loki ist der Beschliesser, der Endiger.[499] In seinem Namen
offenbart sich seine Art, sein Streben geht auf das Weltende. Er
wirkt beständig auf den Abbruch der Macht der Götter hin und führt
endlich den Untergang, die volle Vernichtung heran. Im Hinblick auf
die Götterdämmerung und den Weltbrand ist sein Name und seine Gestalt
geschaffen; daher reicht Loki ebensowenig wie die Vorstellung vom
Weltende über die nordische Überlieferung in die gemeingermanische
und damit heidnisch-deutsche zurück, sein Ursprung liegt nur zum
kleinsten Teil im echt nordischen, heimischen Heidentum, vielmehr in
der altchristlichen Mythologie. Loki setzt zum vollen Verständniss
die Lehre vom Werden und Vergehen der Welt voraus, da er von Anfang
bis zu Ende darin thätig ist. Ihn gesondert darzustellen hält
insofern schwer, als eigene Lokisagen nur in geringer Anzahl sich
darbieten, andererseits er aber in die Ereignisse der Göttersagen
häufig entscheidend im guten oder schlimmen Sinn eingreift. Darum
musste schon mehrfach auf ihn Bezug genommen werden. Loki setzt
nicht bloss den grössten Teil der nordischen Göttersagen voraus,
sondern auch den Versuch, die Gesamtheit der Göttersagen unter der
Absicht einer einheitlichen Entwicklung zusammenzufassen. In der
nordischen Mythologie, wie sie uns in den Kunstgedichten der Skalden
im 9. und 10. Jahrhundert entgegentritt, ist Loki die treibende
Kraft. Betrachtet man die übrigen Götter der nordischen Sage, so
erkennt man deutlich einen selbständigen Grundstock von bestimmten
Zügen und Eigenschaften, welche jede dieser Gestalten von mitunter
hohem und höchstem Alter und unabhängiger, eigentümlicher Entstehung
und Entwicklung erscheinen lässt. Daneben zeigen sich Spuren, wie
und wo diese Gestalten mit dem bereits Vorhandenen sich abfanden.
Endlich wird ihnen eine gewisse Teilnahme am Weltwerden und Vergehen
eingeräumt. Aber ihr eigentliches Wesen wird von der ihnen in der
Weltlehre gewiesenen Stellung kaum berührt. Darüber sind alle Forscher
einig, dass die nordische Mythologie, welche die einzelnen Göttersagen
als Glieder einer grossartigen Entwicklungsgeschichte nimmt, worin
das Einzelne nur als Teil einer in weitem Rahmen und auf tiefem
Hintergrund aufgebauten Gesamtheit, als besonderer Abschnitt des
tragischen Weltendramas erscheint, dass diese nordische Mythologie
ausschliesslich den nordischen Dichtern gehört und verhältnissmässig
jung ist. Mit dieser Mythologie aber steht und fällt Loki. Bringt man
bei den andern Göttern ihren Anteil am Weltendrama in Abzug, so tritt
dadurch ihre Gestalt nur umso heller und schärfer ins Licht, da sie
ja ihren Ursprung aus älteren und völlig verschiedenen Verhältnissen
ableiten. Wendet man das gleiche Verfahren auf Loki an, so bleibt
fast nichts mehr übrig. Wer sich der thatsächlichen Wahrheit nicht
verschliesst, dass Weltschöpfung, Baldrs Tod, Weltende jedenfalls
mit altchristlicher Mythologie auffällige Verwandtschaft zeigen, die
sich ungleich leichter aus der Annahme von Entlehnungen, als aus der
Behauptung selbständiger unabhängiger Entwicklung beiderseits erklärt,
wird auch geneigt sein, das Rätsel, welches Loki bei Ableugnung
fremder Bestandteile in der nordischen Mythologie bietet, dadurch
zu lösen, dass er ihn zu Lucifer, dem Teufel, dessen Rolle Loki
zugestandenermaassen im Norden spielt, in Beziehung setzt. Dadurch
wird zwar nicht alles, aber doch vieles an Loki, namentlich seine
Wandlung aus dem Genossen der Götter und Blutsbruder Odins zum Teufel,
zum feindseligen Riesen, dessen dämonische Art allmälig immer stärker
hervorbricht, verständlich werden. Eine sklavische, unselbständige
Nachahmung Lucifers ist Loki nicht, vielmehr eine eigenartige, durch
das fremde Vorbild nur angeregte dichterische Schöpfung. Abgesehen
von mancherlei Verschiebungen, z. B. dass schon der göttliche Loki
riesischer Abkunft ist, und von vielen Neubildungen und Zusätzen ist er
ganz den nordisch-germanischen Zuständen angepasst.
Eine weitere Eigenschaft Lokis ist noch in Rücksicht zu ziehen. Ein
+Dämon des Feuers+, welcher auch sonst unter dem Namen Logi, die
persönlich gewordene Lohe[500] vorkommt, scheint vielleicht wegen
des anklingenden Namens und, da ja wirklich die Welt im Feuer endigt
(_logi-loki_: Lohe-Endiger), mit Loki verschmolzen zu sein, teilweise
auch ein Dämon der versengenden, verzehrenden Gluthitze _Lóđurr_
(aind. _Vṛtra_, der im Verein mit anderen Dämonen das befruchtende
Wasser zurückhält und damit Trockenheit und Dürre verursacht). Die
Namen von Lokis Eltern, _Fárbauti_, der gefährlich Schlagende, d. i.
der Sturmwind und _Nál_, Nadel am Nadelbaum oder _Laufey_, Laubinsel
machen seine Feuernatur deutlich. Der Sturmwind schlägt die flammende
Lohe aus dem Gehölz, besagen die Namen von Lokis Vater und Mutter in
dichterischem Bild.[501]
Auf Island soll die Redensart gegangen sein, Loki fährt über die Äcker,
wenn ein Brand oder Hitze die Wiesen versengte. Lokis Spähne heissen
die zum Feueranzünden verwendeten Spähne. Lokis Brand ist der Name des
Hundssterns (Sirius). _Loka daun_, Lokis Geruch ist Schwefeldampf, was
aber stark an Lucifer gemahnt. Loki trinkt Wasser, sagt man in Dänemark
von der wasserziehenden Sonne. In Nordjütland ist Lokis Hafer ein dem
Vieh schädliches Unkraut, wie auch der Teufel Unkraut sät. Knistert
das Feuer, so heisst es: Loki prügelt seine Kinder. Schweben Dünste
in der Sonnenhitze auf der Erde, so treibt Loki seine Geissen aus.
Vögel, die sich mausern, gehen unter Lokis Egge. Kinder, die einen Zahn
verlieren, werfen ihn in Småland ins Feuer mit den Worten: Loki, gib
mir einen Beinzahn, hier hast du einen Goldzahn. Auf Lokis Abenteuer
hören bedeutet in Dänemark auf Lügen Acht geben. Nach diesen im Volke
noch fortlebenden Vorstellungen[502] erscheint Loki als Feuer, Hitze
und Teufel. Dieselben Reden gehen häufig sonst vom Teufel und sind also
jedenfalls von ihm auf Loki übertragen worden, nicht umgekehrt.
Loki kommt auch und zwar schon bei den älteren Skalden unter anderen
Namen vor. Er heisst _Loptr_, der Luftige.[503] Was der Name besagt,
ist unklar, ob damit ein persönlich gedachter Dämon des Luftreiches
gemeint ist, etwa wie Kari neben Logi die Luft neben der Lohe
verkörpert, oder ob auf die leibliche Beschaffenheit Lokis angespielt
wird. Nach gelehrter Auffassung nämlich bestehen die Leiber der Dämonen
aus Feuer und Luft. Endlich lässt sich Loptr auch als der durch die
Luft Fliegende denken.
„Unverkennbare Wesensgleichheit herrscht zwischen dem indischen Vrtra,
dem Dämon der Sommerhitze, welcher das himmlische Gewässer einschliesst
und daher von Indra bekämpft und endlich getötet wird, worauf er in
Gestalt eines Wurmes (Ahi) niederstürzt, und dem nordischen Loki, dem
Gott der Hitze, der von Thor (dem Donnerer gleich Indra) beständig
feindselig betrachtet und schliesslich auch gefangen genommen wird,
dem Vater des gleicherweise von Thor einst bekämpften Midgardwurmes.“
So sagt Noreen[504] und sucht die Behauptung durch den Nachweis zu
stützen, _Lóđurr_ aus älterem _Vlóđurr_ sei mit _Vṛtra_ gleich. Ganz
anders erklären Detter und Heinzel (Beiträge 18, 560) den Namen Lodur
(bei Saxo Lotherus). Sie verweisen auf an. _lóđ_, Ertrag des Bodens und
erblicken in Lóður einen Gott der Fruchtbarkeit, einen Beinamen des
Freyr. Die Dreiheit Odin, Hönir, Lodur zielt auf die vereinigten Asen
und Wanen.
* * * * *
Im Mittelalter treten oft drei Teufel Lucifer, Beelzebub, Satanas in
Nachäffung der Dreieinigkeit auf. Ebenso stehen neben Loki die Brüder
_Býleistr_ oder _Býleiftr_ und _Helblindi_. Der letztere Name, nur der
Snorra Edda bekannt, ahmt Bezeichnungen des Teufels nach, der manchmal
als blind bezeichnet wird und im Angelsächsischen und Deutschen sehr
viele Benennungen aufweist, welche mit _helle_ begannen. Býleistr,
Býleiftr ist vielleicht durch Umdeutung aus Beelzebub entstanden.
Selbständig oder in besonderen Sagen erscheinen die Brüder Lokis
nicht.[505]
2. Die Sagen von Loki.
Snorri sagt von Loki: Zu den Asen wird auch der gerechnet, den manche
den Verleumder der Asen oder den Urheber des Trugs und die Schande
aller Götter und Menschen nennen. Sein Name ist Loki oder Lopt; er ist
der Sohn des Riesen Farbauti. Seine Mutter heisst Laufey oder Nal,
seine Brüder Býleipt und Helblindi. Loki ist schön und anmutig von
Aussehen, aber böse von Gemütsart und höchst unbeständigen Wesens. Er
brachte die Asen oft arg in Verlegenheit, hat sie aber auch oft durch
seine List aus schlimmer Lage befreit. Seine Gattin heisst Sigyn und
beider Sohn ist Nari oder Narfi.[506]