dem Boden springen lässt, als er aus einem Feldzug heimkehrt. Sein Weib
buhlt mit einem Kleriker und wird der Sünde überführt. Der Kleriker
wird aus dem Hause gejagt, kehrt aber zurück, um den Heiligen zu
ermorden. Er trifft ihn in die Hüfte. Dem todwunden Gangolf erscheinen
Engelscharen, die ihm seinen Eintritt in den himmlischen Freudensaal
ankündigen. Am Grabe Gangolfs zu Toul geschahen wunderbare Heilungen.
Damit vergleicht Laistner[471] die Urgestalt der Baldrsage: Baldrs
Frau Nanna hielt zu einem andern, Hotherus. Dieser, von seinem Gegner
wiederholt besiegt, flieht in die Wildniss, schöpft aber auf Zureden
von Zauberweibern neue Hoffnung, beschleicht Baldr und verwundet ihn
in die Seite. Baldr stirbt erst nach einigen Tagen. In der Nacht
zuvor erscheint ihm Hel und kündigt ihm den Tod an. Die Ähnlichkeit
zwischen der Baldrsage und Gangolfs Legende ist verschwindend und
durch willkürliche Änderungen der ersteren erzwungen. Die Züge, welche
einander gleichen, sind auch sonst häufig, können also nichts für die
Sage, der sie sich gerade anheften, beweisen.
* * * * *
Die Sage Nr. 52 bei Müllenhoff, Sagen aus Schleswig-Holstein und
Lauenburg S. 373 ist verdächtig: Bei Boldersleben sieht man auf einer
Anhöhe noch die Spuren eines Schlosses. Da hat früher ein König Bolder
gesessen und dem Ort den Namen gegeben. Er geriet mit einem König
Hother in Hadersleben in Streit und erschlug ihn. Bolder liegt in
Boldershöi begraben; vor mehreren Jahren pflügte man Knochen aus, die
von ihm herrührten.
VII. Forseti.
Forseti (Vorsitzer) heisst ein Sohn des Baldr und der Nanna, der
Tochter Neps. Er besitzt im Himmel den Saal, welcher Glitnir (der
Glänzende) heisst, und alle, die mit schwierigen Händeln zu ihm kommen,
gehen versöhnt fort. Dort ist die beste Gerichtsstätte, von der Götter
und Menschen wissen. Im Grimnirliede 15 heisst es: Glitnir ruht auf
goldenen Säulen, das Dach ist mit Silber gedeckt. Dort weilt Forseti
die meisten Tage und begleicht alle Streitsachen. In Forseti ist die
richterliche Obergewalt verkörpert. Da er im Himmelsglanze thront, darf
er als Ausfluss des Himmelsgottes gedacht werden. Er vertritt eine
Seite seines allumfassenden Wesens. Im nordischen Recht wirkt keine
Spur dieses göttlichen Oberrichters nach. Auch sonst deutet nichts
auf eine Verehrung des Forseti, nur ein Hain in Norwegen trägt seinen
Namen.[472]
* * * * *
Helgoland hiess in der Heidenzeit _Fositesland_. Die Insel war einem
Gott, dessen Name verschieden als _Fosite_, _Fosete_, _Foseti_[473]
überliefert ist, geweiht. Heiligtümer erhuben sich, und solche
Verehrung genoss die Stätte, dass niemand von den Herden, die dort
weideten, und von sonst einer Sache sich zu nehmen getraute. Aus einer
dort hervorsprudelnden Quelle durfte nur schweigend geschöpft werden.
Als die Bekehrer sich am Eigentum der Götter vergriffen, glaubte das
Volk, sie würden mit Wahnsinn geschlagen oder jähen Todes sterben.
Durch Looswurf erforschte König Radbod den Willen der Götter, ob sie
den Tod der Christen verlangten oder nicht.[474] Es handelt sich also
um ein grosses Heiligtum der Friesen, dem Fosite geweiht ist das Land.
Unverletzlich sind seine Tempel, die Quelle, die weidenden Herden. Wir
erhalten ein anschauliches Bild von allem Zubehör des Gottesdienstes
auf heiliger Aue.
Nach J. Grimms Vorgang glaubt man, den friesischen Fosite mit dem
nordischen Forseti gleichsetzen zu dürfen. Sind sie wirklich eins, dann
fragt es sich nur, wie ihr Verhältniss zu erklären ist. Schwerlich darf
man auf einen altgermanischen Gott schliessen, der sich unabhängig
bei Friesen und Nordleuten entwickelte. Da er bei den Friesen im
Kulte lebt, gehört er mit grösserem Recht ursprünglich ihnen zu.
Andrerseits ergänzt Forseti des friesischen Gottes Wesen. Der höchste
Richter im himmlischen Glanze thronend kann nur eine Hauptgottheit,
etwa Tiuȥ sein. In bestimmter Eigenschaft als Wahrer des Rechtes,
unter besonderem Namen als Fosite verehrten die Friesen den Tiuȥ. Die
nordischen Wikinger suchten im 8. und 9. Jahrhundert besonders häufig
Friesland heim und liessen sich auch längere Zeit dort nieder. Dadurch
entwickelte sich ein reger Verkehr und Austausch unter Friesen und
Nordleuten, wobei Fosite als Forseti nach dem Norden gelangt sein kann.
Dass er zu Baldr in Beziehung gesetzt wurde, mag ihre verwandte Art
veranlasst haben. Sind doch beide Götter aus Tiuȥ abgezweigt, ein Teil
seines Wesens. Auch Baldr fällt Urteilsprüche und versteht schön zu
reden, worin er sich mit Forseti berührt.
Ist Fosite-Forseti Hauptgott und oberster Richter, dann darf vermutet
werden, dass die schöne Sage von der Einsetzung des friesischen
Rechtes ebenfalls mit dem geheimnissvollen, ungenannten Gott auf ihn
zielt. Aber die Gleichung Fosite-Forseti ist eben nur Vermutung, keine
erwiesene Thatsache.
Nach der Sage werden die 12 _Asegen_ (Gesetzsprecher) als
„_Foerspreken_“ auf Befehl König Karls d. Gr. von den 7 friesischen
Seelanden erwählt, um zu verkünden, was friesisches Recht sei. Sie
erklärten, dem Befehl des Königs nicht nachkommen zu können. Zwei Tage
lang bitten sie um Frist, auch die drei folgenden erklären sie es
ausser stand zu sein. Als sie aber am sechsten Tage nicht verkündeten,
was Rechtens sei, erklärte Karl, sie hätten alle den Tod verwirkt.
Er gestattet ihnen die Wahl, ob er sie töten solle, ob sie eigene,
unfreie Leute werden wollen, oder ob er sie in einem Schiff ohne
Ruder, Segel und Tau ins Meer aussetzen soll. Sie wählen das letzte
und werden ausgesetzt. In der grössten Verzweiflung ermahnt sie einer
von ihnen, der von Wydekens des ersten Asega Geschlecht war, Gott um
Rettung zu bitten. Wie Christus zu seinen Jüngern bei verschlossenen
Thüren gekommen sei und ihnen geholfen habe, so werde er auch ihnen
einen dreizehnten senden, der ihnen lehre, was Rechtens sei, und sie
zum Lande führe. Sie fielen auf die Knie, beteten, und der dreizehnte,
ihnen allen gleich, sass plötzlich im Schiff. Er hatte eine Achse
(oder Axt?) auf der Achsel und steuerte damit zum Ufer. Er warf die
Achse ans Land und warf ein Stück Rasen auf. Da entsprang eine Quelle
Wassers, die den Durst aller stillte. Den Weg, den der Gott zu Lande
nahm, nannte man _Eeswey_, die Stätte, wo sie sich niederliessen,
_Axenthove_. Der dreizehnte lehrte den zwölfen alles, was Rechtens sei,
und verschwand, als er sie belehrt hatte. Die zwölfe traten vor König
Karl, der sie von den Meereswogen verschlungen wähnte. Karl bestätigte,
was sie als Recht verkündigten. So entstand das friesische Recht.[475]
Dass mit diesem dreizehnten Asegen der _és_, der Hauptgott der Friesen
gemeint ist, steht ausser Zweifel. Er mag mit Fosete eins sein. Aber
sein Abzeichen ist rätselhaft. Dürfte eine Axt darunter verstanden
werden, dann ergäbe sich Beziehung auf Donar. Aber unklar bliebe, wie
der ês mit einer Streitaxt steuern konnte.
VIII. Ullr.
Ullr muss bedeutender gewesen sein, als die Überlieferung auf den
ersten Blick erkennen lässt. Sein Name besagt: der Herrliche, der
Majestätische[476] und kann demnach ein Beiwort einer unbekannten
erhabenen Gottheit sein. Leider haben die Skalden seine Gestalt in
den Hintergrund gedrängt, nur seine unaufgeklärte Verwandtschaft zu
Sif und Thor und sein Schildmythus kommt zur Sprache. Dagegen scheint
ihm im wirklichen Leben grössere Bedeutung zugekommen zu sein. Manche
erblicken in Ullr seiner Thätigkeit halber einen Gott des Winters oder
wenigstens eine hohe Gottheit in ihrer winterlichen, die sommerlichen
Kräfte des Lichtes und der Wärme vernichtenden Lebensthätigkeit.
Ullr heisst ein Sohn der Sif, Thors Stiefsohn. Er ist im Bogenschiessen
und Schneeschuhlaufen so tüchtig, dass niemand darin mit ihm
wetteifern kann. Schön ist er von Ansehn und besitzt alle Vorzüge
eines Kriegsmannes; darum ist es auch gut, ihn in Zweikämpfen
anzurufen. Ydalir, Eibenthal heisst ein Ort, wo Ullr sich vormals die
hohe Halle erbaut.[477] Von Eibenholz wurden die Bögen gefertigt,
weshalb ein Ort, wo Eiben wachsen, ein passender Wohnsitz für den
trefflichen Bogenschützen ist. In seiner Bewaffnung und Lebensweise,
als bogenbewehrter Jäger, der auf Schneeschuhen die Schneefelder und
Schneeberge durcheilt, erinnert Ullr an die Finnen und Lappen. Die
Vorstellung eines solchen Gottes kann offenbar nur im nördlichen
Skandinavien entstanden sein. Darum mag er auch im Bunde mit den
winterlichen Mächten gedacht sein. Obwol er sich der Art der Finnen
und Lappen anbequemt, bleibt er aber doch ein schöner, stattlicher,
kampftüchtiger Germane. Die ihm beigelegten Namen Schneeschuh-Gott,
Bogen-Gott, Jagd-Gott, Schild-Gott bestätigen Snorris Schilderung.
Wenn der Schild in der skaldischen Kenning als Ulls Schiff umschrieben
wird[478], so scheint damit auf eine Sage angespielt zu sein,
wonach Ullr seinen Schild als Fahrzeug gebrauchte. Dazu steht Saxos
Bericht, Ollerus sei auf einem Knochen wie auf einem Schiffe übers
Meer gefahren. Nur hat Saxo vermutlich zwei verschiedene Dinge
zusammengeworfen, dass Ullr auf Knochen, d. h. auf Schlittschuhen,
die in primitiver Weise aus Knochen verfertigt waren, über den Schnee
läuft, und dass Ullr auf seinem Schilde wie auf einem Schiffe übers
Wasser setzt.
Obschon ausser dem, was Saxo von Ollerus erzählt, nichts weiteres
bekannt ist, muss Ullr doch als eine in der nordischen Götterwelt fest
wurzelnde, in lebhafter Verehrung stehende Gestalt angesehen werden.
Im Grimnirliede 42 wünscht der zwischen zwei Feuern gepeinigte Odin
dem Agnar, der ihm Erleichterung schafft, die Huld Ulls und aller
Götter. Darin ist jedenfalls ein feierlicher Heilswunsch enthalten.
Im Atliliede 31 wird ein Eidschwur bei Ulls Ring erwähnt. Solche
Auszeichnung wird nur höheren wichtigeren Göttern zu teil. Ausserdem
sind sehr viele Ortsnamen, Tempel, Heiligtum, Hain, Hügel, Gehöft,
Acker, Vorgebirge, Insel, Strom und Wasserfall in Norwegen und Schweden
mit Ulls Namen gebildet[479], woraus ein umfangreicher und häufiger
Dienst des Gottes erschlossen werden darf.
* * * * *
Als Odin nach der Bezwingung der Rind von den andern Göttern in die
Verbannung geschickt worden war, da beriefen sie den Ollerus nicht nur
zur Herrschaft, sondern auch zur göttlichen Würde. Obwol sie ihn nur
aushilfsweise zum Priester erwählt hatten, so bekleideten sie ihn doch
mit vollen Ehren, damit er nicht als Verwalter eines fremden Amtes,
sondern als der rechtmässige Nachfolger in der Würde erscheine. Damit
gar nichts am Ansehen fehle, legten sie ihm sogar Odins Namen bei, um
dadurch jede der Neuerung anhaftende Gehässigkeit auszuschliessen.
Nachdem Ollerus etwa 10 Jahre über die Genossenschaft der Götter
gewaltet, hatten die Götter Mitleid mit dem in hartem Banne weilenden
Odin, und weil er genug gebüsst zu haben schien, vertauschte er sein
niedriges, schmutziges Aussehen wieder mit dem früheren Glanze. Schon
die Hälfte der Frist hatte den einstigen schweren Schimpf getilgt.
Zwar gab es Leute, welche ihn für unwürdig erachteten, die einstige
Würde neu zu gewinnen, weil er mit seinen Schauspielerkünsten und
durch seine Weiberverkleidung den göttlichen Namen geschändet habe.
Einige versichern, er habe durch Schmeichelei und Geld die verlorene
Ehre und Herrlichkeit wieder erkauft und nur durch Entrichtung einer
grossen Summe seine Rückkehr sich verschafft. Ollerus, von Odin aus
Byzanz verjagt, flüchtete nach Schweden, wo er bei seinem Bestreben,
im neuen Lande die Denkzeichen seines guten Rufes wiederherzustellen,
von den Dänen erschlagen wurde. Es geht die Sage, er sei so sehr in
Blendwerken erfahren gewesen, dass er auf einem Knochen, den er mit
kräftigen Zaubersprüchen beschrieben hatte, wie auf einem Schiffe
über die Meere fahren konnte und nicht langsamer als mit Rudern die
Wasserfläche durcheilte. Odin aber, im Neubesitze der Abzeichen seiner
Würde, gewann in allen Erdteilen so glänzenden Ruhm, dass alle Völker
ihn wie das der Welt neu geschenkte Licht hoch hielten und kein Ort
des Erdkreises vorhanden war, welcher der Macht seiner Gottheit nicht
gehorchte.[480]
Ollerus erscheint hier gleichbedeutend mit Mitothin und Wili und
We, die Odin für eine Zeitlang des Reiches und Weibes berauben. Es
wurde bereits darauf hingewiesen, dass vielleicht eine Erinnerung
daran, dass Odin einst ältere Götter, den Tiuȥ verdrängte, sich in
solchen Sagen erhielt. Nach natursymbolischer Auslegung soll Odin
hier als Gott des Lichts und der Wärme gelten, den zeitweilig Ullr,
der Gott des winterlichen Dunkels, verdrängt, der im Herbste weicht,
im Frühling siegreich wiederkehrt. Jedenfalls kann es keine geringe
Gottheit gewesen sein, welcher die Vertretung Odins zuerteilt wird.
Wenn Ullr seinem Namen nach der Herrliche, Majestätische ist, so
verdient Beachtung, dass gegen Odin gerade der Vorwurf erhoben wird,
er habe den reinen Glanz der Gottheit durch seine niedrigen Thaten
befleckt. Da tritt der Herrliche als Richter und Rächer, als Herr der
Ordnung hervor, um den fleckig gewordenen Ehrenschild wiederum rein
erschimmern zu lassen. Darum ist es nicht ungereimt, bei Ullr an den
höchsten Gott der Germanen zu denken, der in zahlreichen Spaltungen
als Freyr, Heimdall, Baldr gerade im Norden begegnet. Hängt er aber
je im innersten Grunde seines Wesens mit Tiuȥ zusammen, so ist doch
die Entwicklung, die er im einzelnen durchmachte, entschieden und
ausschliesslich nordisch.
* * * * *
Da Ullr seinem Namen nach germanisch ist und auch seine Gegnerschaft
zu Odin von Tiuȥ übernommen haben kann, andrerseits jedoch als
Bogenschütze, Schneeschuhläufer und Zauberer an die Art der Finnen
erinnert, ist endlich auch zu erwägen, ob Ullr nicht aus einer
Mischung nordgermanischer und finnischer Vorstellungen hervorging. Die
Feindschaft der beiden Götter weist auf die Verdrängung des Ulldienstes
durch Odinsgläubige. Darin mögen die alten Gegensätze des Tiuȥ- und
Wodandienstes, aber auch die des nordischen Odinsglaubens und des
finnischen Heidentums und Zauberwesens nachwirken. Die geschichtliche
Grundlage kann im siegreichen Übergewicht der Nordleute über die
alteingesessenen Finnen, deren Spuren auch sonst sich bemerklich
machen, beruhen.[481]
IX. Widar.
Widar nennt man den schweigsamen Asen. Er besitzt einen dicken Schuh
und ist beinahe so stark wie Thor. In allen Gefahren setzen die Götter
grosses Vertrauen auf ihn.
Unterholz und üppiges Gras
Füllt Widi, Widars Land;
Dort springt der Recke vom Rücken des Rosses.
Den Vater zu rächen bereit.
Seine That, die Rache für Odin, ist in der Vǫlospǫ́ geschildert:
Widar kommt dann, Walvaters Sohn,
Der gewaltige Held, mit dem Wolf zu kämpfen:
Die Klinge stösst er dem Kinde des Riesen
Durch den Rachen ins Herz und rächt den Vater.
Ergänzend erzählt Snorri: Der Wolf verschlingt Odin und das ist des
Gottes Tod. Dann aber eilt Widar herbei und tritt mit einem Fusse
dem Wolfe in den Unterkiefer. Er besitzt nämlich den Schuh, zu dem
das Leder alle Zeit zuvor gesammelt ist und zwar aus den Flicken,
welche die Menschen vor den Zehen und an der Ferse aus ihren Schuhen
schneiden; und darum soll ein jeder, der gewillt ist, den Asen zu Hilfe
zu kommen, diese Flicken fortwerfen. Mit der einen Hand fasst nun
Widar den Oberkiefer des Wolfes und reisst ihm den Rachen entzwei; und
dadurch findet der Wolf seinen Tod. Wenn aber die Lohe des Weltbrandes
erlischt, dann wohnen Widar und Wali, die Bluträcher Odins und Baldrs,
im Heiligtum der Götter. Die Riesin Grid, bei welcher Thor auf seiner
Fahrt zu Geirröd einkehrt und welche den Gott mit ihrem eigenen
Stärkegürtel und mit ihren Eisenhandschuhen ausstattet, ist die Mutter
Widars des Schweigsamen.[482] Beim Gelage Ägirs räumt Widar auf Odins
Geheiss Loki seinen Platz und schenkt ihm ein. Von allen Anwesenden
wird allein Widar mit Lokis Lästerungen verschont.[483]
Widar ist der Krieger aus dem Waldland[484], aus der mit Buschwerk und
hohem Gras bewachsenen Heide. „Wer einen Begriff von der Heide hat,
von ihrem Gestrüppe, der dicken, schwellenden Gras- und Moosschicht an
ihrem Boden, von ihrer Stille, die den Sinn gefangen hält, der wird
verstehen, weshalb sie sich dem Germanen in einem Gott verkörperte, der
einen dicken oder eisernen, d. h. unzerstörbaren Schuh besitzt und sich
in Schweigen hüllt“ (Roediger).
X. Wali.
Wali oder Ali heisst ein Sohn des Odin und der Rind. Er ist kühn in
Schlachten und kann vortrefflich schiessen. Seine Hauptthat, von der
allein erzählt wird, bildet die Rache an Hod für Baldrs Tod. Darum
heisst er der Rächer Baldrs, der Feind und Töter des Hod. Im Westen
bringt Rind den Wali zur Welt, eine Nacht alt zieht Odins Sohn in
den Kampf; die Hände nicht wäscht er, das Haupt nicht kämmt er, ehe
er Baldrs Feind auf den Holzstoss bringt. In zweimaligem Bilde soll
die Pflicht der Blutrache, die mit Hintansetzung von allem andern
zuerst erfüllt werden muss, als die höchste und unaufschiebbare
Forderung hervorgehoben werden. Märchen und Mythen wissen von Helden,
die in voller Kraft und vollständig gerüstet zum Kampfe kommen und
gleich nach der Geburt einen Feind erlegen. Andererseits begegnet
die uralte germanische Sitte, wonach Männer geloben, die Haare nicht
zu schneiden oder zu kämmen, ehe sie eine besondere Pflicht erfüllt.
Freilich schliessen sich beide Züge eigentlich aus. Sie enthalten beide
denselben Gedanken, nur nach zwei Seiten, dass Blutrache die eiligste
und erste Pflicht sei. Mit Widar zusammen weilt Wali nach dem Weltbrand
in den Sälen der Götter.[485]
* * * * *
Widar und Wali haben ein gemeinsames Amt zugewiesen erhalten, die
Blutrache. Da sie nur die Rachethat vollbringen und sonst nichts mehr
von ihnen verlautet, als dass sie in der neuen Welt beisammen wohnen,
steht soviel fest, dass diese Götter in der Gestalt und Thätigkeit
wenigstens, wie sie auf uns gelangten, nicht sehr alt sein können.
Zunächst wird Baldrs und Odins Tod vorausgesetzt. Mag Baldrs Fall älter
sein, Odins Untergang ist vom Weltende nicht zu lösen. Und darum kann
auch Widar nicht aus urgermanischer Sage stammen. Wo ein Held fällt,
verlangt das germanische Rechtsgefühl den Rächer. Insofern sind Widar
und Wali mit ethischer Notwendigkeit von dem Entwickelungsgange der
Sagendichtung gefordert. Dass sie die Herrschaft in der neuen Welt
führen, ist begreiflich, da sie die Überlebenden sind, gleichwie Modi
und Magni dann den gefallenen Thor ersetzen müssen. Dass Wali und
Widar überhaupt erst mit der nordischen Sage vom Untergang der Götter
aufkamen, ist wahrscheinlich. Kauffmanns Versuch, ältere Bestandteile,
Züge des grossen germanischen Waldesgottes an ihnen nachzuweisen,
gewann kein sicheres Ergebniss.
XI. Hönir.
Über Hönir schwebt undurchdringliches Dunkel, weil die Überlieferung
der mit ihm verknüpften Mythen teilweise unverständlich ist und weil
auch der Name des Gottes keiner befriedigenden Deutung sich fügt. Er
erscheint bei der Weltschöpfung, beim Wanenkrieg, nach dem Weltende
im neuen Paradies, aber meistens als stumme, thatenlose Person,
welche andern das Handeln überlässt.[486] Hönir gehört zur wandernden
Götterdreiheit Odin, Hönir, Lodurr oder Loki. Die Götter verleihen
dem ersten Menschenpaar Hauch (_ǫnd_), Seele (_óþ_), Gebärde, Wärme,
blühende Farbe (_la̍_, _læte_, _lito góþa_). Hönir verleiht die Seele,
den Geist des Menschen. Mit Odin und Loki ist Hönir auf der Fahrt, wie
sie mit dem Riesen Thjazi, dem Räuber der Idun zusammentreffen und
wie sie bei Hreidmar einkehren, nachdem sie seinen ottergestaltigen
Sohn erlegt. In einem färöischen Lied, das vielleicht auf eine ältere
verlorene nordische Sage zurückgeht, treten wiederum Odin, Hönir und
Loki auf. Ein Bauer verliert im Brettspiel seinen Sohn an einen Riesen
und muss ihn hingeben, wenn er ihn nicht vor dem vielkundigen Unhold
zu verstecken vermag. In dieser Not werden Odin, Hönir, Loki nach
einander angerufen; Odin lässt in einer Nacht einen Acker heranwachsen
und heisst den Knaben des Bauern mitten im Acker eine Ähre, mitten
in der Ähre ein Gerstenkorn sein. Als nun der Riese, das schneidende
Schwert in der Hand, den Arm voll Getreides rafft, da schlüpft ihm das
Gerstenkorn von der Faust heraus und Odin bringt den Bauersleuten den
Sohn zurück. Hönir weist diesen an, als sieben Schwäne über den Sund
fliegen und zwei sich niederlassen, mitten im Nacken des einen eine
Feder zu sein; als aber der Riese den Schwan fängt und ihm den Hals
abschlägt, fliegt die Feder heraus. Loki, der letzte Helfer verwandelt
den Knaben zu einem Korn im Rogen eines Flunders; denselben Fisch
erangelt nachher der Riese und zählt jedes Korn im Rogen. Das rechte
entschlüpft ihm aus der Faust, und als er dem spurlos über den Sand
hinfliehenden Knaben nachwatet, lässt Loki ihn sich in einen zu diesem
Zweck erbauten Bootschuppen verrennen und schlägt ihn tot. So ist
der Bauernsohn gerettet.[487] Will man einen tieferen Sinn aus dem
Liede deuten, so hat Uhland am ehesten Recht, wenn er in dem dreifach
verwandelten Bauernsohn den in die Natur gelegten schöpferischen
Trieb erkennt, welchen die Riesen bedrohen, die Götter beschirmen.
Die drei Nahrungsquellen des friedlichen nordischen Bauern, Ackerbau,
Seevögeljagd, Fischfang sind gleichsam drei mächtigen Göttern
unterstellt. Aber schwerlich ist schon in älterer Sage eine solche
Verteilung der betreffenden Berufszweige an Odin, Hönir, Loki erfolgt.
Da wäre sicherlich Thor für Odin als Beschützer der Landwirtschaft
gewählt worden. Die Verbindung scheint vielmehr dem Schöpfer des
färöischen Liedes zuzuschreiben zu sein. Darum ist es gewagt, daraus
dass Hönir über die Schwäne Gewalt hat, auf sein ursprüngliches Wesen
schliessen zu wollen, weil man Gefahr läuft, die Erfindung eines
einzelnen späteren Dichters für uralten Mythus zu nehmen.
Nachdem Hönir das erste Menschenpaar beseelte und begeistigte,
erscheint um so seltsamer die Rolle, welche ihm beim Friedensschluss
zwischen Asen und Wanen zugeteilt wird. Die Asen gaben gegen Freyr und
Njord den Hönir als Geisel und sagten, er tauge sehr wol zum Häuptling.
Er war ein grosser und überaus schöner Mann. Mit ihm sandten die Asen
den Mann, der Mimir hiess; der war der Allerklügste. Dafür gaben die
Wanen den Kwasir hin. Als Hönir nach Wanenheim kam, wurde er sogleich
zum Häuptling gemacht. Mimir gab ihm allen Rat ein. Wenn Hönir bei
Dingversammlungen oder Verhandlungen zugegen und Mimir abwesend war,
und eine schwierige Sache vor ihn gebracht wurde, antwortete er immer
auf dieselbe Weise: Mögen andre raten! Da ahnten die Wanen, dass sie
beim Geiseltausch von den Asen getäuscht wurden. Sie ergriffen Mimir,
enthaupteten ihn und schickten seinen Kopf an die Asen zurück. So
berichtet die Ynglingasaga im 4. Kapitel. Darnach ist Hönir zwar schön
und stattlich, aber schwach im Geiste und unselbständig im Urteil. Er
braucht stets Mimirs Beirat, sonst weiss er sich nicht zu helfen.
Hönir heisst bei den Skalden Sitz-, Fahrt-, Redegenosse Odins. Auf
seine Bundesgenossenschaft mit Odin und Loki spielt namentlich Thjodolf
in der Haustlǫng an. Die Namen „der schnelle Ase“, „Langfuss“,
„Lehmkönig“ (_aurkonungr_, oder „Nässekönig“, der sich im Lehm, in der
Nässe aufhält) entstammen wahrscheinlich verlorenen Sagen und sind
für uns, nachdem einmal die betreffenden Geschichten verloren gingen,
vollkommen unverständlich. Im neuen Paradies kehrt auch Hönir wieder.
Er wird „den Looszweig kiesen“[488], d. h. ihm wird wieder sein altes
Loos, unter den Asen zu weilen, zu teil. Möglicherweise soll aber auch
damit gesagt sein, dass Hönir dann in der Welt das Loos zieht, durchs
Loos die Zukunft erforscht und das Schicksal entscheidet.