Schweden und Dänemark wurde, zeichnete sich in seiner Jugend durch
Körperkraft, Schönheit und Meisterschaft in allerlei Saitenspiel
aus. Der Jüngling, der sich vor seinen Altersgenossen durch Stärke
und Kunstfertigkeiten hervorthat, wuchs in der Hut des norwegischen
Königs Gevarus auf. Seine Tochter Nanna liebte den Hotherus um seiner
Vorzüge willen. Es geschah, dass Balderus, Odins Sohn, Nanna beim
Baden erschaute und durch die leuchtende Schönheit ihres Leibes von
unbezwinglicher Liebe ergriffen wurde. Da beschloss er, den Hotherus,
von dem er eine Störung seiner Wünsche befürchtete, mit dem Schwert
umzubringen, damit seine ungeduldige Begierde nicht durch ein Hemmniss
aufgehalten werde. Ungefähr um diese Zeit verirrte sich Hotherus auf
der Jagd und kam zu einem Hause, wo einige Waldmädchen (_virgines
silvestres_) ihn beim Namen grüssten. Er fragte, wer sie seien. Sie
antworteten, sie hätten über das Kriegsglück zu entscheiden; oft seien
sie unsichtbar in den Schlachten zugegen und gewährten ihren Freunden
mit heimlicher Hilfe den gewünschten Erfolg. Sie könnten nach ihrem
Belieben Glück und Unglück bringen. Sie fügten bei, Balderus sei für
Nanna entbrannt, und warnten, ihn mit Waffen anzugreifen, denn er
sei ein Halbgott (_semideus_). Im selben Augenblick verschwand das
Haus, Hotherus sah sich plötzlich im freien Feld. Er wunderte sich
und wusste nicht, dass alles nur Blendwerk war. Bei seiner Rückkehr
erzählte er Gevarus sein Erlebniss und warb um seine Tochter. Gevarus
erwiderte, er würde gern einwilligen, wenn er nicht des Balderus Zorn
durch eine Absage sich zuzöge, da dieser zuerst um Nanna geworben
habe. Denn nicht einmal Eisen könne Balders gefeitem Leibe (_sacram
corporis firmitatem_) schaden. Doch setzte er hinzu, er wisse von
einem unter festem Verschluss gehaltenen Schwerte, womit Balderus
getötet werden könne. Es sei im Besitze des Waldgeistes Miming (_hunc
a Mimingo sylvarum satyro possideri_). Diesem sei auch ein Armring
(_armilla_) zu eigen mit der wunderbaren Eigenschaft, den Reichtum
des Besitzers zu vermehren. Doch sei der Zugang zu seinem Wohnort den
Menschen sehr beschwerlich. Auf dem grössten Teil des Weges herrsche
stets ungewöhnliche Kälte. Auf einem geschwinden von Hirschen gezogenen
Wagen solle er die kalten Bergjoche durcheilen. Am Ziel angelangt,
solle er sein Zelt so aufschlagen, dass es den Schatten von Mimings
Höhle auffange, doch nicht auch ihn selbst treffe und dadurch vom
Herauskommen abschrecke. So werde ihm Ring und Schwert zum Lohne
werden. Soweit Gevarus. Hotherus führte die Weisungen genau aus. Tag
und Nacht lag er auf der Lauer. Nachts verdunkelte einmal Mimings
Schatten den Zelteingang, da schlug ihn Hotherus mit dem Speere nieder
und fesselte ihn. Er bedrohte ihn heftig und forderte Ring und Schwert.
Zur Lösung seines Lebens erlegte Mimingus beides. Froh kehrte Hotherus
mit den Beutestücken heim. Nun folgt ein Kampf mit dem Sachsenkönig
Gelderus. Dem Besiegten gewährte Hotherus mit grosser Milde den
erbetenen Frieden. Für Helgo, König von Halogaland warb Hotherus um
Thora, des Finnenkönigs Cuso Tochter. Inzwischen rückte Balderus mit
Heeresmacht in des Gevarus Land, um Nanna zu fordern. Gevarus verwies
den Freier an die Jungfrau selber, die seinen einschmeichelnden
Bewerbungen widerstand unter dem Vorwand, Menschen und Götter passten
nicht zusammen. Die Götter selber würden oft die Bande zerreissen,
die sie an sterbliche Frauen knüpften. Es kam nun zum Krieg zwischen
Hotherus und Balderus, zwischen Menschen und Göttern. Auf Balders Seite
kämpften Odin und Thor und der Götter heilige Scharen. Hotherus, mit
einer hieb- und stichfesten Brünne angethan, durchbrach die dichtesten
Scharen der Götter. Thor führte eine Keule (_clava_), der nichts
widerstand. Der Sieg hätte sich den Himmlischen geneigt, wenn nicht
Hotherus den Griff der Keule abgehauen und sie dadurch unbrauchbar
gemacht hätte. Nach Verlust dieser Waffe flüchteten die Götter.
Balderus entkam. Die Sieger zerstörten die feindliche Flotte. Ein Hafen
erinnert noch durch seinen Namen an Balders Flucht. Dem in der Schlacht
gefallenen Sachsenkönig Gelderus wurde auf Schiffen ein Holzstoss
gerüstet, seine Asche hierauf feierlich in einem Grabhügel beigesetzt.
Hierauf vermählte sich Hotherus mit Nanna, dass kein weiteres
Missgeschick dazwischen komme. Aber bald musste er des Glückes Umschlag
erfahren, indem er von Balderus geschlagen wurde und zu Gevarus floh.
Um sein lechzendes Heer zu erquicken, liess Balderus tief in den
Boden graben und eröffnete neue Quellen. Noch jetzt erhielt sich die
Erinnerung an diese Quelle im Namen _Baldersbrönd_ (Baldersbrunn bei
Roeskilde). Nannas Bild umgaukelte fortwährend den Balderus im Schlafe,
wodurch er so schwach wurde, dass er gar nimmer zu Fuss gehen konnte,
sondern einen Wagen brauchte. Inzwischen wurde Hotherus nach dem Tode
des Hiartvarus zum König von Dänemark eingesetzt. Um den durch seines
Bruders Atislus Tod erledigten schwedischen Thron zu gewinnen, war er
nach Schweden gezogen. Da kam Balderus mit einer Flotte nach Seeland
und die Dänen huldigten nun ihm. Bei des Hotherus Rückkehr aus Schweden
kam es zu einer Schlacht, aus der Hotherus fliehen musste. Er gelangte
nach Jütland und gab dem Ort, wo er sich aufhielt, seinen Namen.
Nachdem er den Winter dort verbracht hatte, kehrte er allein nach
Schweden zurück. Daselbst berief er die Grossen und erklärte, er sei
des Lebens überdrüssig, nachdem er zweimal das Unglück gehabt habe, von
Balderus besiegt zu werden. Er sagte ihnen Lebewohl und begab sich auf
unwegsamen Pfaden in wüste einsame Gegenden. Sonst hatte Hotherus vom
Gipfel eines Berges dem Volke Ratschläge erteilt; wenn sie jetzt kamen,
klagten sie bitter über die Abwesenheit und Unthätigkeit des sich
verbergenden Königs. Als Hotherus einen entlegenen Wald durchschweifte,
kam er zu einer Höhle, wo dieselben unbekannten Mädchen wohnten,
welche ihm einst die feste Brünne verliehen hatten. Auf ihre Frage,
warum er gekommen sei, nannte er als Grund sein Unglück im Kriege. Er
verwünschte sein Vertrauen auf sie und jammerte über sein Unglück; ihm
sei anders geschehen, als sie ihm einst verhiessen. Aber die Nymphen
erwiderten, er habe, obwol selten siegreich, doch dem Feind dieselben
Verluste beigebracht. Übrigens werde ihm der Sieg zufallen, wenn er
zuerst von einer Speise, welche Balders Kraft vermehre, geniesse. Da
fasste Hotherus Mut, den Krieg gegen Balderus fortzusetzen. Balderus
sammelte die Dänen. Mit grossem Verlust wurde beiderseits gestritten,
bis die Nacht den Kampf beendigte. Hotherus, der aus Erregung
nicht schlafen konnte, ging in der dritten Nachtwache heimlich auf
Kundschaft. Als er zum feindlichen Lager kam, sah er drei Jungfrauen
(_nymphas_) mit der geheimnissvollen Speise Balders herauskommen. Er
folgte im Thau ihren Spuren und erreichte ihr Haus. Auf ihre Fragen gab
er sich für einen Harfenspieler aus und spielte ihnen eine liebliche
Melodie vor. Die Jungfrauen hatten drei Schlangen, aus deren Gift sie
die stärkende Speise zu bereiten pflegten. Aus ihrem Rachen tropfte
Gift in die Speise. Zwei von den Mädchen hätten ihm aus Barmherzigkeit
von der Speise gegeben, wenn nicht die älteste eingewendet hätte, es
sei Verrat an Balderus, seines Feindes Kraft zu steigern. Er leugnete,
Hotherus zu sein, und sagte, er sei nur sein Knappe. Die gütigen zwei
Mädchen schenkten ihm nun einen glänzenden siegverleihenden Gürtel. Als
Hotherus auf demselben Pfade zurückkehrte, begegnete er dem Balderus,
dessen Seite er durchbohrte, so dass er halbtot zur Erde fiel. Als
die That bekannt wurde, erscholl lauter Jubel im Lager des Hotherus,
während die Dänen Balders Geschick betrauerten. Da er seinen Tod
herannahen fühlte, erneuerte er am andern Tage die Schlacht und liess
sich auf dem Bette hinaustragen, um nicht im Zelte eines unrühmlichen
Todes zu sterben. In der Nacht sah Balderus die Hel (_eidem Proserpina,
per quietem astare aspecta_), die ihm verkündigte, er werde am
folgenden Tage in ihren Armen ruhen. Der Traum ging in Erfüllung,
nach drei Tagen starb Balderus an der Wunde. Er wurde in einem Hügel
beigesetzt.
Nun folgt die Geschichte, wie Odin Rind bewältigt, um mit ihr den
Rächer Balders, Bous zu erzeugen. Othinus munterte seinen Sohn Bous,
den er als kriegstüchtig erkannte, zur Rache an Hotherus auf. Diesem
hatten Seher seinen Tod vorausgesagt. Es kam zur Schlacht, in welcher
Hotherus von Bous getötet wurde. Doch durfte sich Bous seines Sieges
nicht freuen, weil er selber schwer verwundet auf seinem Schild aus der
Schlacht getragen wurde und tags darauf starb.
Saxos Bericht ist nicht immer klar und muss mit Vorsicht aufgenommen
werden. Manches ist in Abzug zu bringen, will man die von Saxo benützte
Sage annähernd wieder herstellen. Den heidnischen Göttern ist Saxo
feindselig gesinnt, was namentlich bei seiner Schilderung Baldrs
hervortritt. Er stellt den Hotherus in die nordische Königsreihe ein,
ohne jedoch deshalb tiefergreifende Änderungen an der Sage vorzunehmen.
Aber schon sein umständlicher, verkünstelter Stil hat allerlei
ungeschickte Zuthaten, Einschaltungen, Umstellungen im Gefolge. Sein
Bestreben, die Erzählungen möglichst umfangreich zu machen, verführte
ihn zu vielen selbständigen Neuerungen. Als echt erscheinen etwa diese
wesentlichen Züge: Hother und Balder sind feindliche Nebenbuhler,
beide um Nanna, des Gevarus Tochter werbend. Hother, der von Nanna
begünstigte, dem Walküren mit weisem Rate hilfreich zur Seite stehen,
gewinnt Mimings Schwert, das einzige Waffen, wodurch Balder der
Göttliche verwundbar ist. Nachdem das Kriegsglück lange zwischen ihnen
geschwankt, erlegt zuletzt Hother mit dem Schwerte den Balder, dem
Hel, seines nahen Besitzes froh, vorher erscheint, ehe sie ihn zu sich
nimmt. Dem Balder wird ein feierlicher Leichenbrand auf dem Schiff
gerüstet (von Saxo auf Gelder, einen Genossen Balders übertragen).
In seinem Bruder Bous (an. Búi) ersteht Balder der Bluträcher. Unter
die Zusätze und Neuerungen Saxos darf man wol die unnötige Dehnung
der Handlung verweisen, die Wiederholungen desselben Zuges z. B. der
Erscheinung der Walküren, den liebeskranken, schmachtenden Balder und
seine kräftigende Speise, die wiederholten Schlachten, die Kundschaft
Hothers in Gestalt eines Harfenspielers u. dgl.
In seinen Untersuchungen über Saxos Quellen verficht Axel Olrik[456]
den Grundsatz, dass Saxo aus verschiedenartigen Vorlagen seine
Darstellung entnahm, so auch hier aus einer in Dänemark heimischen
Sage von Balder und Hoder und aus einer norwegischen Hodersaga. Die
dänische Überlieferung, an einige Ortsnamen geheftet, bot wenig
Einzelheiten, sie beschränkte sich auf einen kurzen Bericht über
die Feindschaft zwischen Balder und Hoder und von Balders Tod. Die
norwegische Hodersage aber war mit all den bunten Zügen ausgeschmückt,
welche den mythischen Sagen, den sog. Fornaldarsögur, eignen. Die
Hauptunterschiede vom isländischen Bericht liegen darin, dass der
Kampf unter den Menschen vor sich geht, dass die Götter wie Menschen
mitkämpfen und dem Helden der Sage weichen, dass Hoder der Held der
Sage ist, dass Nannas Besitz die Triebfeder der Handlung bildet.
Für die mythische Verwertung des Inhaltes macht es übrigens keinen
wesentlichen Unterschied, ob Saxo oder ein Sagaschreiber, sein
Gewährsmann, für die mancherlei Zuthaten und Umänderungen oder auch für
Erhaltung älterer Züge verantwortlich ist.
4. Vergleichung der beiden Baldrsagen.
Wie verhalten sich die zwei verschiedenen Berichte in den isländischen
Quellen und bei Saxo zu einander? Neuerdings bricht sich die Anschauung
Bahn, dass Saxo die ältere Sagenform bewahre. Die jüngere isländische
Überlieferung hat demnach Zusätze und Änderungen eingeführt. Balder
kämpft mit Hother um den Besitz der Nanna; Nanna, die Kühne[457]
ist eine Frauengestalt wie etwa Hilde, die Streit unter tapfern
Helden veranlasst. Balder erliegt nur einer bestimmten Waffe und
wird von seinem Bruder gerächt. Die jüngere Sage führt Loki ganz
neu ein. Loki verkörpert das Böse unter den nordischen Göttern,
daher musste er auch diese Unthat übernehmen. Dass Loki aber dem
späten nordischen Heidentum angehört und im Teufel sein Vorbild
hat, ist sehr wahrscheinlich; ebenso dass Baldr in der isländischen
Sage Züge von Christus annahm.[458] Die Verschmelzung des lichten
weissen Baldr mit dem weissen Christus (an. _hvíta-kristr_) wurde
bewirkt infolge von Erzählungen, welche die Nordleute in England vom
„_bealdor_“, wie bei den Angelsachsen Christus heisst, vom Herrn
vernahmen. Damit ergab sich notwendig die Gegnerschaft zwischen Loki
und Baldr, Lucifer und Christus. Baldrs Lichtwesen, ursprünglich
im eigentlichen Sinn als Ausfluss seiner glänzenden Heldengestalt
genommen, wurde nun bildlich verstanden, der strahlende Held wurde zum
Gott der Reinheit und Unschuld. Der tapfere Ritter wandelte sich zum
thatenlosen, sanften, duldenden Gott. Hod verliert gleichmässig die
kräftigen Züge, die ihm früher zukamen. Er wird das blinde Werkzeug
Lokis, wie Lucifer den blinden Kriegsknecht heranführt, damit er
Christi Seite durchbohre. Loki wird darauf in Fesseln geschlagen, wie
Lucifer in der Hölle gefesselt liegt und erst am jüngsten Tage wieder
loskommt. Mit Hods Vernachlässigung verliert auch die Blutrache an ihm
merklich an Bedeutung, da alles Gewicht auf Loki entfällt. Besondere
Bewandtniss hat es aber mit dem Mistelzweig, den Frigg allein nicht
vereidigt hatte. Auch Christus hatte alles Holz in Eid genommen mit
Ausnahme eines Kohlstengels in Judas Garten, an dem Christus auch
gehenkt wurde. _Mistelteinn_ begegnet in nordischer Sage mehrfach
als Schwertname.[459] Bei Saxo fällt Balder nur durch ein besonderes
Schwert, das Hother dem Miming abgewinnt, und darin liegt wol die
ältere Sagenform vor. War vielleicht der von Saxo verschwiegene Name
des Schwertes _Mistelteinn_? In diesem Falle würde sich manches
Rätsel der isländischen Fassung lösen. Der Schwertname Mistelteinn,
buchstäblich verstanden, ergab die Sage, Baldr sei durch einen
Mistelzweig umgekommen. Ähnlich wurde ja auch Freys goldener Eberhelm
zum goldenen Eber, Mimirs Quellenhaupt zum abgeschnittenen Kopf des
weisen Wassergeistes. So lassen sich die Abweichungen des isländischen
Berichtes einigermaassen erklären. Jedenfalls ist die isländische
Fassung leichter und ungezwungener aus der Saxos abzuleiten als
umgekehrt, und daraus ist zu schliessen, dass bei Saxo die Baldrsage
ursprünglicher und älter erscheint als in den nordischen Quellen. Da
letztere fürs 9./10. Jahrhundert vorauszusetzen sind, zeigt Saxos
Darstellung eine noch frühere Gestalt der Baldrsage. Nur ein Zug findet
keine vollständig befriedigende Erklärung, freilich weder auf dem einen
noch auf dem andern Weg. Warum ist Nanna im isländischen Bericht Baldr
ganz in Liebe ergeben und bis zum Tode getreu, während sie bei Saxo
dem Hotherus gehört? Wenn die isländischen Quellen Hod zurückdrängen,
ergibt sich allerdings auch für Nanna eine veränderte Stellung. Aus
andern Ursachen, durch Lokis Tücke, erfolgt Baldrs Tod. Soll die Frau
nicht gänzlich aus der Sage schwinden, so kann sie nur in Verbindung
mit Baldr sich halten. Die Wirkung des rührenden Bildes vom Morde
des reinen Gottes wird erhöht, wenn das liebende Weib ihm zur Seite
steht, dessen Herz vom Todesstosse mit getroffen wird. Man kann auch
annehmen, dass vielleicht Saxo Nannas Verhältniss zu Balder nach eignem
Ermessen, weil er den Sohn Odins nicht mit günstigen Augen betrachtet,
absichtlich kälter und ablehnender schilderte, als seine Vorlagen,
dass Nanna in der ursprünglichen Sage so zwischen Hod und Baldr stand,
dass sie mehr zum Gotte neigte. Es könnte schliesslich in diesem Zug
auch der isländische Bericht ursprünglich sein, Baldr gewann das Weib
und darum erschlug ihn Hod, Nanna aber starb mit dem Geliebten. Dann
hätte Saxo willkürlich, was ihm wol zuzutrauen ist, Nanna dem Hotherus
gegeben.
* * * * *
Mit kühnster Kombination und durch Heranziehung sehr zweifelhafter
Sagen, die demselben Mythus entwachsen sein sollen, stellt Detter[460]
eine eigenartige Urform der Baldrsage fest. Darnach handelt es sich
ursprünglich um zwei Brüder, Baldr und Váli (Wanilo, d. h. der Wane),
zwei Freyshelden. Odin, der einäugige blinde Kampfgott, sucht mit
gewohnter tückischer List Streit unter den Brüdern zu erregen. Seinen
Speer in Gestalt des unscheinbaren Mistelzweigs spielt er dem Váli
in die Hände, der damit den Baldr erschiesst. Nicht Loki ist der
Anstifter des Unheils, Odin selber steht im Hintergrund und lenkt die
Schicksalsfäden so, dass ein Held zur Wal fällt. Eine solche Sage geht
weit über das, was in den Quellen überliefert ist, hinaus.
5. Ursprung der Baldrsage.
Die Entstehung der Baldrsage wird verschiedenartig erklärt. Die
beliebte mythologische Auslegung sieht in Baldr das Licht, das zu
Mittsommer die Höhe seiner Herrschaft erreicht, dann aber sich
neigt. Wenn die Tage sich kürzen, stirbt Baldr. Dass der Lichtgott
von den Mächten der Finsterniss befehdet wird und ihnen erliegt, ist
ein naheliegender Gedanke. Doch alle Deutungen im einzelnen sind
verfehlt. Bugge und Kauffmann betrachten die Sage als reine Dichtung;
Bugge[461] meint, die dänische Baldrsage, Saxos Bericht entstamme der
mittelalterlichen Trojanersage, Erzählungen von Paris-Alexander und
Achilles. Gewiss finden sich viele merkwürdige Übereinstimmungen,
jedoch anderer äusserlicherer Art, als die zwischen dem isländischen
Baldr und Christus, wo die ganze Art der Auffassung dem heimischen
nordischen Wesen fremdartig ist. Auch lässt sich weit eher ein
Bekanntwerden der Nordleute mit Vorstellungen von Christi Tod denken
als mit den mittelalterlichen Trojaromanen. Kauffmann[462] hält
eine Heldensage für die Grundlage des Baldrmythus. „Weder Baldr noch
seine Gemahlin Nanna noch sein Gegner Hod waren ursprünglich Götter,
sie alle haben einst auf Erden gewaltet.“ Baldrs Name bezeichnet
ihn als kühnen Kriegsfürsten. Er wurde Odins Sohn etwa wie Hermod,
Sigmund, Bragi, und endlich versetzte ihn die Sage völlig unter die
Asen. Bei dieser Auffassung bleibt natürlich kein Zeugniss eines ags.
oder eines deutschen Balderdienstes bestehen. Wir hätten gar keinen
altgermanischen Götternamen Balder anzunehmen, vielmehr nur das
Hauptwort _balder_, Fürst, König, welches zum Eigennamen erhoben wurde.
Ein göttlicher Baldr wäre allein der nordischen Göttersage des 9. und
10. Jahrhunderts zuzuweisen.
6. Baldrdienst.
Von einer Verehrung oder Anrufung Baldrs ist nirgends in den
alten geschichtlichen Quellen des Nordens die Rede. Nur die wenig
zuverlässige, in der Hauptsache erdichtete Fridthjofssaga im 14.
Jahrhundert berichtet von einem Hofe in der norwegischen Landschaft
Sogn, der „im Baldrshag“ (_i Baldrshagi_) hiess. Dort war ein
befriedeter Platz und ein grosser Tempel mit einer Umzäumung
ringsherum. Im Tempel waren viele Götter, aber Baldr wurde doch am
meisten verehrt. Dort durfte man weder Vieh noch Menschen Schaden
anthun und Männer durften dort nicht Umgang mit Frauen haben. Bei
Festen wurden die Götterbilder von Frauen gesalbt, am Feuer gewärmt und
mit Tüchern abgetrocknet. Örtlichkeiten wurden in Norwegen, Schweden
und Dänemark frühzeitig nach Baldr benannt.[463] In allen nordischen
Ländern ist Baldrs Braue (_brá_) als Blumenname gebräuchlich für
Vereinsblütler mit den weissesten Strahlen und gelber Scheibe. Schon
Snorri erwähnt die Blume, die in ihren Farben Baldr glich, den man sich
licht und glänzend, mit weissen Wimpern und goldgelbem Haar dachte.
Wenn Baldr seit Urzeiten ein Name des Licht- und Sonnengottes war, so
konnte die Blume als irdisches Bild der Sonne sehr wol nach ihm genannt
werden. Dass die Johannisfeuer von alter Zeit her _Baldrs bål_, Baldrs
Holzstoss benannt wurden oder überhaupt mit Baldrs Scheiterhaufen
etwas zu thun hatten, ist eine Meinung, die nur auf dem 13. Gesang
von Tegnérs Frithjofssage beruht. Tegnér schöpfte nicht aus alter
Überlieferung. Auch J. Grimms Behauptung[464], am 2. Mai, am „Pfultage“
seien Feuer zu Ehren Baldrs oder Phols entfacht worden, hat keine feste
Gewähr.
7. Baldr ausserhalb des Nordens.
Schwer zu entscheiden ist, ob Baldr auch ausserhalb des Nordens bekannt
war. Im Ags. kommt _bealdor_ nicht als Eigenname, nur als Hauptwort
vor. Wenn aber _Bældæg_, Wodans Sohn, welchen die Stammtafeln von
Bernicia und Wessex aufführen, mit Baldr gleichzustellen ist, wie
schon Snorri[465] vermutete, dann dürfte allerdings der Lichtgott auch
den Angelsachsen zuzusprechen sein. Bei den Hochdeutschen ist der
Personenname _Paltar_[466] gebräuchlich, der allerdings ebenso aus dem
Appellativum wie aus dem Götternamen geflossen sein kann; denn auch
Wotan kommt als Mannsname vor. Wie das Wort im Merseburger Zauberspruch
aufzufassen sei, darüber gehen die Anschauungen weit auseinander,
wie überhaupt über die Anzahl und Bedeutung der im Segen genannten
Gottheiten keinerlei Gewissheit herrscht. Das Lied erzählt: Phol und
Wodan ritten zu Walde, da wurde dem Fohlen Balders (_demo balderes
volon_) der Fuss ausgerenkt. Sogleich erwiesen die Himmlischen die
grösste Sorgfalt, ihn wieder einzurichten. Doch weder Sinthgund noch
Sunna, Frija noch Fulla vermochten es, erst Wodan, der Zauberkundige
selbst konnte den Fuss beschwören und heilen. Der Spruch zielt deutlich
darauf hin, Wodans Übermacht in helles Licht zu rücken, namentlich
gegenüber seinem Begleiter, dem rätselhaften Phol. J. Grimms Annahme
stellt Phol und Balder einander gleich, es sei ein Gott, der mit
zwei verschiedenen Namen bezeichnet werde. „Das erlahmte, in seinem
Gange aufgehaltene Pferd Balders empfängt vollen Sinn, sobald man ihn
sich als Lichtgott oder Taggott vorstellt, durch dessen Hemmung und
Zurückbleiben grosses Unheil auf der Erde erfolgen muss.“ Wenn die
oben vorgetragene Ansicht richtig ist, dass Wodan sich allmälig an
die Stelle des Tiuȥ aufschwang, wenn Baldr als eine aus dem Lichtgott
abgezweigte Gestalt angeschaut werden darf, wenn Baldr nur Tiuȥ unter
anderm Namen ist, dann erhielte der Spruch eine tiefe Bedeutung.
Eine Sage mag vielleicht einst von Balders Ritt auf dem strahlenden
Sonnenrosse erzählt haben, wie es strauchelte und lahmte, aber vom
Gott geheilt wurde. Dass der Tag heranreitet, spricht der Volksglaube
aus (Myth. 699), dass dem lichten Reiter von den Mächten der
Finsterniss nachgestellt wird, dass ihm Unfall und Untergang droht, ist
begreiflich. Doch erhebt er sich auch wieder siegreich. Dem leuchtenden
Ritter gesellt sich Wodan auf seinem Sturmrosse. Sie reiten zusammen.
Um Wodans Macht zu zeigen, wird ihm allein die Heilung zugeschrieben.
Dadurch erscheint er grösser und gewaltiger als Balder, sein Sieg über
den älteren Gott ist entschieden. Wer im oberdeutschen Paltar einen
Nachklang vom Gott Balder, den der thüringische Merseburger Segen
schildert, anerkennen will, darf allerdings im Hinblick auf Bældæg und
Baldr behaupten, dass Balder bei allen Germanen ein Name des Tiuȥ, war,
dass Balder als besondere Gestalt sich losgelöst hatte. Die nordische
Baldrsage wird jedoch dadurch keineswegs als gemeingermanisch erwiesen.
Ist aber „_balder_“ nur Hauptwort, so bedeutet „_demo balderes volon_“
dem Fohlen des Herrn, worunter Phol oder Wodan verstanden sein muss.
Beim Fehlen anderer Zeugnisse und weil ahd. Paltar ebenso aus balder
wie aus Balder, aus dem Appellativ wie aus dem Götternamen erklärt
werden kann, bleibt die Frage eines deutschen Balderkultes offen.[467]
8. Phol.
Wer aber ist +Phol+?[468] J. Grimm glaubt, dem Namen auch sonst zu
begegnen, Pholesouwa, zwischen 774 und 780 erwähnt, jetzt Pfalsau bei
Passau, Pholespiunt, erwähnt um 1138, jetzt Pfalzpoint an der Altmühl
in Bayern, Pholesbrunno, jetzt Pfulsborn in Thüringen. Auen, eingehegte
Feldstücke (_piunt_), Brunnen (vgl. das dänische Baldersbrönd bei
Saxo) seien dem Gotte Phol geweiht gewesen; Phol aber sei nur ein
anderer Name des Balder. Ortsnamen mit Phol begegnen hauptsächlich in
Oberdeutschland, in Gegenden, welche der römischen Kultur am nächsten
lagen, vereinzelt reichen sie nach Thüringen hinein, während sie in
Norddeutschland fehlen. Beachtung verdient aber der ags. „_Polesléah_“,
Hain des Pol, da er dem Sinne und der Bildungsweise nach genau
übereinstimmt mit „_Balderes lêg_“, Hain des Balder. In England gab es
also heilige Haine, die dem Balder-Pol geweiht waren.[469] Sollte Phol,
Pol eine Verderbniss aus Apollo sein? Möglicherweise bildete sich wie
_Mercur-Wodan_, _Hercules-Donar_, _Hercules-Magusanus_, _Mars-Thingsus_
eine römisch-deutsche Formel _Apollo-Balder_ und wurde das Fremdwort
im Volksmunde zu Pol, nach der hds. Verschiebung zu Phol. Allerdings
sind Apollo und Balder wesensgleich und können daher einander gegenüber
gestellt worden sein. Aber diese Deutung unterliegt auch mehrfachen
Bedenken. Die Ortsnamen lassen auch andere Erklärungen zu, man kann an
den Pfahl- oder Pohlgraben, die Teufelsmauer denken, auch Pfuhl bietet
sich dar, besonders wenn man die Formen _Pfoalsowa_ und _Phůlsouua_
in Betracht zieht. Die Zusammengehörigkeit des Götternamens mit den
Ortsnamen ist nicht sicher. Im Zauberspruch kann Phol für Vol stehen,
was der Stab _Vol: vuoren_ nahe legt. Vol lässt viele Deutungen zu, man
kann einen Gott oder eine Göttin der Fülle (vgl. _Volla_ an. _Fulla_,
griech. _Plutos_) dahinter suchen. Eine allseitig befriedigende und
sichere Lösung ist noch nicht geglückt.
9. Angebliche Baldrsagen.
Dass in Baldr und Wali das göttliche Brüderpaar der germanischen
Dioskuren nachlebe, sucht Müllenhoff zu erweisen. Die deutsche
Heldensage soll die Dioskuren in den Hartungen, zwei Brüdern bewahren.
Besonders eine Schweizersage[470] wird angezogen, deren wesentlicher
Inhalt so lautet: Zwei Brüder Baltram (Baldr) und Sintram zogen
zur Jagd und kamen zu einem Drachenloch. Der Wurm fuhr heraus und
verschlang Baltram. Sintram aber setzte sich zur Wehr und bezwang
den Drachen. Aus dem gespaltenen Leibe des Untiers befreite er den
noch lebenden Baltram. Man muss viel Einbildungskraft besitzen, um
bei dieser Sage an Baldr und Wali zu denken. Nur dass beidemale zwei
Brüder vorkommen und der eine den andern rächt, lässt sich vergleichen.
Der Zug ist aber so allgemeiner Art und alles Einzelne ist so
grundverschieden, dass man lieber von einer so ungewissen Beziehung
Abstand nehmen wird.
* * * * *