des Wetters zwingt, spottet Loki, in Urzeiten sei ihm ein leidiges Loos
auferlegt worden, immer müsse er mit feuchtem Rücken sein und wachen
als Wächter der Götter.[433] Als Wächter führt Heimdall ein Horn. Sein
Ertönen ist vom Weltbaum abhängig. Der gellende Ton des Gjallarhornes
verkündigt das Ende; laut bläst er in die Lüfte. Die Weltesche
erzittert und der alte Baum rauscht.[434]
Vom Heimdallsgaldr hat Snorri (Gylfag. Kap. 27) zwei Zeilen bewahrt,
worin der Gott sagt:.
Mädchen neun waren Mütter mir,
Ich lag neun Schwestern im Schooss.
Im Hyndlalied steht mehr über Heimdalls wunderbare Geburt und Kindheit:
36 Einer wurde in der Urzeit geboren,
Strotzend von Kraft aus dem Stamm der Götter;
Es gebaren den Sprossen, den speerberühmten[435]
Neun Riesentöchter am Rand der Erde.
38 Gjalp gebar ihn, Greip gebar ihn,
Es gebar ihn Eistla und Eyrgjafa,
Es gebar ihn Ulfrun und Angeyja,
Imd und Atla und Jarnsaxa.
[39 [436] Die Erdkraft wars, die den Edlen ernährte,
Eiskaltes Meer und des Ebers Blut.]
[40 [437] Es ward einer geboren, besser als alle,
Die Erdkraft wars, die den Edlen ernährte;
Als Herrscher, sagt man, sei der hehrste er,
Der allen Geschlechtern vereint durch Verwandtschaft.]
Neun Riesenmädchen sind genannt mit Namen, welche auf die Eigenschaften
der Meereswogen hinzudeuten scheinen, Gjalp die Brausende, Greip
die Umkrallende, Eistla die rasch Dahinstürmende, Eyrgjafa die
Sandspenderin, Ulfrun die Wölfische, Angeyja die Bedrängerin, Imd die
Dunstige, Atla die Furchtbare, Jarnsaxa die mit dem Eisenschwerte
(die schneidende Kälte). Auch der Meeresgöttin Ran sind neun
Töchter zugeschrieben.[438] Die Neunzahl bezieht sich auf den
Seemannsaberglauben über die Aufeinanderfolge von Wellen verschiedener
Stärke und Färbung, wie er noch heute vorkommt. Darf man die neun
Mütter Heimdalls mit den neun Wogenmädchen gleichsetzen, so wäre der
Gott als Sohn der Meereswellen bezeichnet und vielleicht zu deuten
als der am Himmelsrand übers Meer aufleuchtende Tag. Die Strophen
entstammen der kleinen Vǫlospǫ́, welche in Trümmern ins Hyndlalied
eingesprengt ist. Dieses Gedicht ist ziemlich jung. Will man die
mythische Deutung gelten lassen und versteht man unter den Riesinnen
am Himmelsrand Wogenmädchen, so wäre wol ost- oder südisländischer
Ursprung der Sage anzunehmen, da für die dort Ansässigen der Tag aus
den Meereswogen auftaucht. Denkt man aber unter den neun Riesinnen
Bergbewohnerinnen, dann könnte die Sage in Norwegen entstanden sein: am
Himmelsrand auf Bergen wird der junge Tag geboren.
Heimdall wird einmal der dümmste der Asen (_heimskastr ása_)
genannt.[439] Ob dieser Vorwurf in alter Sagenüberlieferung begründet
war, ob Heimdall zu den „Vertretern des Stumpfsinns“ im Götterkreis
etwa gleich Hoenir gehörte, oder ob nur ein boshaftes Wortspiel mit
seinem Namen vorliegt, lässt sich nicht entscheiden. Heimdall heisst
bei den Skalden Feind des Loki (_Lokadólg_), Sucher des Halsbandes
der Freyja (_mensœkir Freyju_), Besucher der Wogenklippe und des
Singasteines (_tilsœkir Vágaskers ok Signasteins_). Dort nämlich
kämpfte er mit Loki um das Brísingamen, das Halsband der Göttin. Dabei
waren beide in Robbengestalt.[440] Der Skald Ulf Uggason behandelte
diese Sage in einem längeren Gedicht, wovon nur wenige Verse erhalten
sind: der erfahrene berühmte Wächter des Götterpfades rang am
Singastein mit dem verschlagenen Sohne des Farbauti, bevor der mutige
Sohn der neun Mütter die schöne Meerniere (das aus Bernstein oder
Perlen bestehende Geschmeide) gewann.[441] Die zu Grunde liegende Sage
erschliesst Müllenhoff[442] also: „Nach einer schon aus dem 10. Jahrh.
durch die Húsdrápa vollständig bezeugten nordischen Überlieferung stahl
Loki das Brísingamen und verbarg es hinter oder auf einer Meeresklippe
fern im Westen, wie man der nordischen Anschauung gemäss annehmen muss,
aber Heimdall, der allezeit am Rande des Himmels wachende Hüter des
Zugangs zum Reiche der Götter, schlich sich hinzu in Robbengestalt und
brachte es nach einem Streit mit dem in gleiche Gestalt verwandelten
Loki der Freyja wieder.“ Müllenhoff deutet: „Der Morgenröte tritt
die Abendröte gegenüber. Mit der Abendröte hat Loki der am Morgen
erschienenen Göttin das Halsband gestohlen. Der Gott aller Frühe bringt
es zurück. Die Robbengestalt ist nur Hülle der wahren Gestalt der
zwei Götter.“ Die alte Feindschaft kommt beim letzten Weltkampfe zum
Austrag, wo die beiden wieder einander gegenüber stehen. Darein ist
eine wunderliche Schwertsage verflochten.
Heimdall wird ein Schwert zugeschrieben, „_hǫfud_“, Haupt genannt.
Damit hat es eine besondere Bewandtniss, die zweifellos im verlorenen
Heimdallsgaldr erklärt wurde. Thatsache ist, dass die Skalden in ihrer
Bildersprache die Begriffe „Heimdalls Schwert“ und „Haupt“ gleichwertig
gebrauchen. Das geht deutlich aus Snorris Worten hervor: „Heimdalls
Schwert heisst Haupt, so ist gesagt, dass er von einem Manneshaupte
durchbohrt wurde. Davon ist im Heimdallsgaldr geredet und dann wird
‚Haupt‘ der Tod Heimdalls genannt; denn das Schwert ist des Mannes
Tod.“[443] Die Skalden haben aus dem Wortspiel Nutzen gezogen; sie
setzen „Haupt“, den Namen für den Begriff Schwert ein, und dadurch
entsteht eine recht dunkle und schwierige Kenning. Statt einfach zu
sagen: Heimdall wurde vom Schwerte durchbohrt, heisst es: Heimdall
wurde vom Haupt durchbohrt. Nach beliebter Skaldenart wird mit dem
Begriff „_Haupt_“, der ja nur unter ganz bestimmten Verhältnissen
Schwert ausdrücken kann, gespielt. Grettir will einmal sagen: ich
werde mein Haupt bergen; dafür gebraucht er das verschrobene Bild:
ich werde „Heimdalls Schwert“ bergen.[444] Wird nach dem verlorenen
Liede Heimdall von „Haupt“ durchbohrt, so kann damit nur gemeint sein:
er fällt durch seine eigene Waffe. Im letzten Kampf ficht Loki, der
alte Feind des Gottes, mit Heimdall und beide töten sich gegenseitig.
Danach muss man annehmen, Loki führt in diesem Kampfe „Haupt“, das auf
irgend welche Weise in seine Hand kam. Götter und Helden erliegen oft
nur einer einzigen, bestimmten Waffe, die ihnen selbst gehörte, die
der Gegner listig sich erwarb. Vielleicht war es auch mit Heimdall
so. Müllenhoff hat sich bemüht, das Rätsel mit Hilfe dieser Sage zu
lösen. Sein Ergebniss entbehrt freilich überzeugender Beweiskraft. Aber
vorläufig ist es die einzige, annehmbare Auslegung. Die verlorene Sage,
aus welcher die seltsame Kenning „Haupt“ gleich „Heimdalls Schwert“
geflossen ist, erschliesst er so: Hauptschwert, das überlegene,
vorzüglichste Schwert heisst Heimdalls Waffe. Er führt es lange, bis es
in die Hand seines Feindes, des Loki übergeht. Mit gewechselten Waffen
fechten die Gegner den letzten Kampf aus, und vom eigenen Schwert
durchbohrt fand Heimdall den Tod. So mag im verlorenen Lied erzählt
worden sein.
Hohe und niedere Kinder Heimdalls heissen die Menschen. Man erinnert
sich, dass schon die Germanen zur Zeit des Tacitus die vornehmsten
Volksstämme als Abkömmlinge des höchsten Gottes betrachteten. An die
Vorstellung, dass Heimdall der Stammvater des Menschengeschlechtes
sei, knüpfte um 900 ein norwegischer Dichter an und erzählte, wie
Heimdall unter dem Namen _Rig_ die Welt durchwanderte, bei drei
Ehepaaren nach einander einkehrte und die drei Stände, Knechte, Bauern,
Jarle, die vortrefflich und anschaulich geschildert werden, erzeugte.
Aus dem Adel erhebt sich der König, in welchem die menschliche
Ständeordnung gipfelt. Das Gedicht scheint zur Verherrlichung Haralds
des Schönhaarigen verfasst, der das norwegische Königtum zu bisher
ungekanntem Ansehn brachte. In Norwegen herrschte also jedenfalls im
10. Jahrhundert der Glaube, dass Heimdall die Menschen erzeugt und
in Stände geordnet habe. Das Bestehende wird auf göttliches Gesetz
zurückgeführt.[445]
Das Geheimniss, in das Heimdall gehüllt ist, würde vielleicht ähnlich
wie bei Baldr aus fremden Einwirkungen Aufhellung erfahren. Der
Schwertgott auf den Himmelsbergen mahnt an den das Paradies mit dem
Schwert hütenden Engel. Heimdalls Kampf mit Loki vergleicht sich
dem Kampfe Michaels mit dem Drachen oder Satan. Auch dass Heimdall
bläst, wenn Surtr naht, erinnert an das Horn des Engels beim jüngsten
Gericht.[446] Nicht Heimdalls Wächteramt und Hornblasen an und für
sich soll aus fremden Einflüssen erklärt werden, aber dass er am
Eingang des Himmels wacht und zum Gericht bläst. Dass an eine nordische
Göttergestalt christliche Engelsvorstellungen sich anschlössen, ist
sehr wol möglich. Ist einmal die Frage über fremde Einflüsse in der
nordischen Mythologie entschieden, so dürfte wol auch Heimdalls Gestalt
deutlicher vor uns treten.
VI. Balder.
1. Seine Art und Erscheinung.
Baldr, der Leuchtende[447] weist schon in seinem Namen auf seinen
Ursprung, er ist ein Lichtgott wie Heimdall und Tiuȥ. Er ist ein
kühner Ritter, seines Rosses Huf weckt Quellen auf; aus solcher Sage
stammt wol der Name Baldersbrönd, Baldrs Brunnen in Seeland. Saxo
erzählt freilich nur, Balder habe nachgraben lassen und neue Quellen
eröffnet.[448] Das Ross folgt dem toten Gott auf den Holzstoss. Baldr
besitzt auch ein Schiff. Von seinen Waffen ist nirgends die Rede.
Ist er aber aus Tiuȥ abgezweigt, so gebührt ihm das Schwert und der
Goldhelm. Baldr ist der Sohn Odins und der Frigg. Wali-Bous und Hermod
werden als Odins Söhne Baldrs Brüder genannt. Als Ase ist auch Hod
Odins Sohn (SE. 1, 554 u. 556), aber nirgends wird er als Bruder Baldrs
betont, was namentlich bei Baldr und Wali-Bous geschieht.
In Breidablik (Breitglanz) hat Baldr sich den Saal erbaut; in diesem
Lande herrschen die wenigsten Frevel.[449] Von dem Beherrscher des
strahlenden Glanzes sagt Snorri: Ein Sohn Odins ist Baldr der Gute
und von ihm ist nur Gutes zu berichten. Er ist der beste Gott und
alle loben ihn. Auch ist er so schön von Ansehn und so weiss, dass
ein heller Glanz von ihm ausgeht. Darum hat man auch eine Blume, die
weisser ist als alle übrigen, mit Baldrs Wimper verglichen. Darnach mag
man sich vorstellen, wie schön sein Haar und sein Körper beschaffen
sind. Er ist der weiseste der Asen, versteht am schönsten zu reden und
übt am liebsten Barmherzigkeit; doch ist das Eigentümliche dabei, dass
keiner seiner Urteilssprüche in Kraft bleibt. Er wohnt an dem Orte, der
Breidablik heisst; der ist am Himmel belegen und an jener Stätte darf
nichts Unreines sich finden.[450]
2. Die norwegisch-isländische Baldrsage.
Die Wolwa sagt: Ich sah Baldr, dem blutigen Gotte, Odins Sohne das
Schicksal entschieden: es stand hoch über dem Feld gewachsen die schöne
schlanke Mistel (_mistel-teinn_). Aus diesem Stamme, der dünn aussah,
ward ein gefährliches Unglücksgeschoss; Hod that den Schuss. Bald aber
wurde Baldrs Bruder geboren, eine Nacht alt kämpfte Odins Sohn. Er
wusch nicht die Hände, noch kämmte er das Haupt, bevor er Baldrs Feind
auf den Holzstoss brachte. Frigg klagte über Walhalls Weh in Fensalir
(Vol. 32/4). Wie die Seherin von der neuen Welt und ihrer Herrlichkeit
Kunde gibt, da sagt sie:
Vol. 62. Auf unbesätem Acker werden Ähren wachsen,
Alles Böse schwindet, denn Baldr erscheint.
Hropts Siegesburg beziehen Hod und Baldr.
Die in der früheren Welt sich befehdet und ums Leben gebracht, wohnen
versöhnt und einträchtig nachmals bei einander. Die Liebe hat den
wilden Hass überwunden. Dass Loki Baldrs Tod verschuldet, wol dadurch,
dass er dem blinden Hod das Geschoss gab und das Ziel wies, geht
aus seinen prahlenden Worten der Frigg gegenüber hervor: ich hab’s
verschuldet, dass du Baldr nimmer zur Burg reiten siehst (Lokas. 28).
Ein besonderes nach der Vǫlospǫ́ und Þrymskviþa verfasstes Lied, das
aber vielleicht doch noch ins 10. Jahrh. fällt[451], erzählt von
schlimmen Träumen, welche Baldr plagten. Da ritt Odin zur Hölle und
weckte die Wolwa aus dem Grabe, um die Zukunft zu erfragen. Für Baldr
steht in den Sälen der Hel der Met gebraut, für ihn sind die Bänke
mit Ringen bedeckt, die Dielen mit Gold belegt. Die Asen sind aller
Hoffnung bar. Hod sendet den Baldr zur Hel, doch Wali, den Rind dem
Odin im Westen gebiert, wird eine Nacht alt Hod zum Holzstoss bringen
und Baldr rächen. Das ist der Wolwa Weissagung.
In der zwischen 980 und 990 verfassten Húsdrápa beschrieb der Skald
Ulf Uggason Baldrs Leichenbrand, wie Freyr auf seinem goldborstigen
Eber, Heimdall auf seinem Hengste heranritt. Odin kam angeritten von
Raben und Walküren begleitet. Die Riesin (Hyrrokin) machte das Schiff,
auf dem Baldr lag, flott, aber Odins Berserker brachten ihr Reittier
(den Wolf) zu Fall. Im Preislied auf Eirik (um 950) sagt Odin: Alle
Bankdielen erkrachen, als ob Baldr zurück zu Odins Sälen kehrte. Diese
Stellen zeigen, dass die Sage von Baldr im 10. Jahrb. allbekannt und
beliebt war, alle wesentlichen Züge, welche Snorris schöner Bericht
zusammenfasst, stehen schon in der älteren Skaldendichtung fest.
Aus dem Ende des 12. Jahrb. stammt eine Strophe des Bischofs Bjarni
Kolbeinsson auf den Orkneys, worin erwähnt wird, dass alle Wesen über
den toten Baldr weinten.[452] In der Wissenswette, welche Odin mit
Wafthrudnir eingeht, fragt er zuletzt:
Was sagte Odin ins Ohr dem Sohne,
Ehe man ihn auf den Holzstoss hob?[453]
Niemand weiss das Geheimniss, als Odin allein. Nirgends wird der
Schleier gelüftet und Deutungen sind müssig. Im Lied von Hyndla 30
taucht die junge, gelehrte Meinung auf, wie Baldr auf den Holzstoss
sank, sei die Zahl der Asen auf elf herabgesunken. Wali rächte Baldr
und erschlug seines Bruders Mörder.
In den isländischen Quellen tritt Baldr vor allem als der leidende
Gott auf. Sein Tod ist das Vorspiel zum Untergang der Götter. Umso
wertvoller im Verein mit dem, was Saxo von Baldr weiss, sind solche
Stellen, nach denen Baldr als kühner Held, nicht bloss als sterbender
Unschuldsgott erscheint. Dem lästernden Loki hält Frigg entgegen:
Lokas. 27 Hätt ich innen in Ägirs Halle
Einen Sohn von Baldrs Sinn,
Den Ausgang nicht fandst du von der Asen Kindern,
Eh du zornig den Zweikampf erprobt.
Im Lied auf Iwar Widfadmi wird der tapfere Halfdan mit Baldr
verglichen, woraus zu schliessen ist, dass auch Baldr für heldenkühn
galt.[454]
Baldr wurde von gefahrdrohenden Träumen geängstigt und sagte es den
Asen. Da nahm Frigg alle Dinge in Eid, dass sie Baldr nicht schadeten,
Feuer, Eisen und Wasser, Erze und Steine, Bäume und Krankheiten und
Tiere, Vögel und giftige Würmer. Als nun dieses geschehen war, begannen
die Asen ein Spiel mit Baldr: er stellte sich auf den Thingplatz
und nun sollten die einen nach ihm schiessen, die andern nach ihm
schlagen, die dritten ihn mit Steinen werfen. Nichts von alledem
that ihm Schaden. Als Loki dies sah, gefiel es ihm übel. Er nahm
die Gestalt eines Weibes an, begab sich zu Frigg nach Fensalir und
fragte, ob sie wisse, was die Götter auf dem Thingplatze vornähmen.
Sie erwiderte, dass alle nach Baldr schössen, dass er aber nicht
verletzt werden könne. Weder Waffen noch Bäume können Baldr den Tod
bringen, sagte Frigg, denn von allen habe ich Eide empfangen. Da
fragte die Frau: Haben alle Dinge Eide geleistet, Baldr zu schonen? Da
antwortete Frigg: Ein Pflanzenschössling wächst im Westen von Walhall,
der Mistelteinn heisst; dieser schien mir zu jung, um ihn in Eid zu
nehmen. Da entfernte sich die Frau, Loki aber ging hin, fasste den
Mistelzweig und riss ihn heraus. Dann ging er zum Thingplatz. Hod stand
ganz hinten im Kreise der Männer, denn er war blind. Da sprach Loki
zu ihm: Weshalb schiessest du denn nicht nach Baldr? Jener erwiderte:
Weil ich ihn nicht sehen kann und überdies keine Waffe habe. Loki
sprach: Thue wie die andern Männer auch und schiesse nach Baldr, ich
werde dir die Richtung weisen. Schiesse auf ihn mit dieser Gerte. Hod
nahm den Mistelzweig und schoss nach Baldr und durchbohrte ihn. Baldr
fiel tot nieder. Das ist das grösste Unglück bei Göttern und Menschen.
Die Asen waren sprachlos und vermochten keine Hand zu regen, einer
schaute den andern an, und es erfasste sie Grimm wider den, der das
veranlasst hatte, doch konnten sie an der Friedenstätte nicht Rache
üben. Alle waren vom heftigsten Schmerz ergriffen, am meisten Odin;
gesprochen wurde nicht, desto mehr geweint. Als die Götter zu sich
kamen, fragte Frigg, wer von den Asen sich dadurch ihre Huld erwerben
wolle, dass er nach Hels Reich hinunter ritte, um Baldr durch Lösegeld
zurückzuerlangen. Hermod, Odins Sohn, machte sich auf und ritt auf
Sleipnir hinab. Die Asen nahmen Baldrs Leiche und führten sie zur
See. Hringhorni hiess Baldrs Schiff, aller Schiffe trefflichstes.
Das wollten die Götter flott machen, um Baldrs Holzstoss darauf zu
schichten; aber das Schiff ging nicht los. Da wurde aus Riesenheim
die Riesin Hyrrokin entboten. Sie ritt auf einem Wolf, Schlangen
dienten ihr zu Zäumen. Sie stieg ab, Odin rief vier Berserker, das
Tier zu halten. Sie vermochten es nicht anders, als dass sie es
nieder warfen. Hyrrokin trat zum Vordersteven und stiess das Schiff
beim ersten Anstemmen heraus, dass Feuer aus den Rollen fuhr und alle
Lande erbebten. Da wollte sie Thor mit dem Hammer schlagen, doch die
Götter erbaten ihr Frieden. Nun ward Baldrs Leib aufs Schiff gehoben,
und als Nanna, Neps Tochter, seine Frau das sah, brach ihr vor Leid
das Herz. Da wurde auch sie auf den Holzstoss gelegt. Thor weihte den
Scheithaufen mit dem Hammer Mjolnir und stiess den Zwerg Lit, der vor
ihm vorbei rannte, mit den Füssen ins Feuer. Zu diesem Leichenbrand kam
vielerlei Volk: zuerst Odin, mit ihm Frigg, die Walküren und Raben,
Freyr auf einem Wagen mit dem Eber Gullinbursti oder Slidrugtanni,
Heimdall ritt auf seinem Hengste Gulltopp, Freyja kam mit ihren Katzen.
Auch Reifriesen und Bergriesen waren zugegen. Odin legte den Goldring
Draupnir auf den Holzstoss, dem nachher die Eigenschaft wurde, dass
jede neunte Nacht acht gleiche Ringe herabträufelten. Baldrs Ross mit
allem Reitzeug wurde auf den Scheiterhaufen geführt. Hermod ritt neun
Nächte durch dunkle und tiefe Thäler, bis er zum Fluss Gjoll kam,
über den eine goldene Brücke führte. Modgud bewachte die Brücke, sie
sprach: Gestern ritt Baldr mit fünfhundert Begleitern über die Brücke;
nicht weniger kracht die Brücke, wenn du allein sie betrittst. Dann
ritt Hermod zum Höllengitter, dort sattelte er sein Ross fester und
gab ihm die Sporen, dass der Hengst hinübersetzte, ohne mit den Hufen
anzustreifen. Hermod trat in die Halle und erblickte seinen Bruder
auf dem Hochsitz. Er verweilte eine Nacht. Am andern Morgen verlangte
Hermod von der Hel, Baldr sollte mit ihm heimreiten, und er sagte,
wie sehr die Asen um ihn klagten. Da sprach Hel, sie wolle versuchen,
ob wirklich Baldr so sehr geliebt werde. Wenn alle Dinge, lebende und
tote, ihn beweinten, dann solle er zu den Göttern zurückkehren, wenn
aber jemand nicht weinen wolle, dann müsse er bei der Hel bleiben. Da
erhob sich Hermod, Baldr sandte Odin den Ring Draupnir zum Andenken,
Nanna der Frigg ein Kopftuch, der Fulla einen goldenen Fingerreif. Da
ritt Hermod heim nach Asgard und erzählte, was er ausgerichtet. Die
Asen forderten nun alle Welt auf, Baldr aus der Hölle loszuweinen, und
alle Wesen weinten, Menschen und Tiere, Erde und Gestein, das Holz und
alles Metall (wie du selbst gesehen haben wirst, dass diese Dinge alle
weinen, wenn sie aus der Kälte in die Wärme kommen). Doch in einer
Berghöhle sass eine Riesin, die nannte sich Thokk. Auch diese forderten
die Götter auf, Baldr aus der Hölle loszuweinen; sie aber sprach:
Mit trocknen Thränen wird Thokk beweinen,
Dass Baldr den Brandstoss bestieg;
Im Leben nicht bracht er noch als Leiche mir Nutzen:
Behalte Hel, was sie hat.
Das Weib aber war Loki, der das meiste Böse unter den Asen vollbrachte.
Snorris Bericht ist vermutlich auf poetische Darstellung gegründet,
wie die mitgeteilte Strophe und einige Spuren von Stabreimen in der
Prosa beweisen.[455] Seine Erzählung lässt sich Zug für Zug aus den
heidnischen Skaldengedichten belegen und hat darum Gewähr der Echtheit.
Nur dass alle Wesen um Baldr weinten, steht erst bei einem christlichen
Skalden, beim Bischof Bjarni. Hermods Höllenfahrt, die damit
zusammenhängt, bezeugt nur Snorri. Sicher schloss sich unmittelbar die
Erzählung von der Blutrache an, wie Odin mit Rind den Wali erzeugte,
der Hod, Baldrs Mörder zum Holzstoss brachte. Vermutlich folgte auch
Lokis Strafe, die Fesselung, welche die Vǫlospǫ́ und Snorri (K. 50)
an Baldrs Tod anschliessen. Denn das ist die grösste Unthat, die Loki
beging, und darum traf ihn Fesselung, in der er ausharren muss bis zum
Weltende. Solange Hod der allein verantwortliche Töter Baldrs ist,
hat die Sage nur von Blutrache an ihm zu berichten. Aber sobald Loki
eingreift, verlangt die Gerechtigkeit seine Bestrafung und lässt
entsprechend Hod zurücktreten, von dem die isländischen Quellen gar
nichts Bemerkenswertes mehr wissen.
3. Die Baldersage bei Saxo.
Umso mehr tritt Hotherus bei Saxo hervor, welcher im 3. Buche die
Baldrsage folgendermaassen berichtet: