Neun Nächte hindurch,
Verwundet vom Speer, geweiht dem Odin,
Ich selber mir selbst,
An dem mächtigen Baum, von dem Menschen nicht wissen,
Aus welchen Wurzeln er wuchs.
139 Man bot mir kein Horn noch Brot zur Labung,
Nach unten spähte mein Auge,
Ächzend hob ich, hob aufwärts die Runen,
Zu Boden fiel ich alsbald.
140 Bestlas Bruder, des Bolthorn Sohn,
Lehrte mich wirksamer Weisen neun,
Und den Trank erlangt ich des trefflichen Metes,
Aus Odrerirs Inhalt geschöpft.
141 Zu gedeihn begann ich und bedacht zu werden,
Ich wuchs und fühlte mich wol;
Ein Wort fand mir das andere Wort,
Ein Werk das andere Werk.
Die Deutung dieser Strophen ist überaus schwierig. Zunächst muss man
erkunden, welche Vorstellung ihnen zu Grunde liegt, ob die Reihenfolge
ursprünglich oder zufällig ist, ob Einschaltungen (etwa 140) anzunehmen
sind, ob wirklicher alter Zusammenhang der Strophen und damit auch der
darin berührten Ereignisse herrscht, oder ob sie aus verschiedenen
unabhängigen Gedichten zusammengestellt sind. Es wird nie gelingen,
über diese verhältnissmässig leichten und einfachen Grundfragen
Gewissheit zu erhalten, noch weniger natürlich über den Ursprung der
seltsamen Sage. Wer die Strophen als ein Ganzes betrachtet, kann
etwa diese Deutung versuchen: Odin wird aus unbekannten Gründen am
windumrauschten Baum aufgehängt. Ohne Labung hängt er dort und späht
in die Tiefe. Ächzend erhält er Runenzauber, der ihn erlöst, dass er
herabfällt. Bolthorns Sohn verleiht ihm kräftigen Zauber und erlabt
ihn aus Odrerir. Darauf wächst und gedeiht er. Bolthorns Sohn weilt
offenbar am Fusse des Baumes, der sicherlich die Weltesche ist. Dort
fanden wir Mimir, also ist der sonst nirgends erwähnte Sohn Bolthorns,
des Grossvaters Odins, mit Mimir gleichzusetzen, welcher Odins Oheim
mütterlicherseits wäre. Der ganze Vorgang spielt in Odins früher
Jugend, weil er danach erst gedeiht und wächst. Aber 140 ist eher aus
einem ganz fremden Gedicht über Odrerirs Erwerbung hier eingeschaltet,
wie ja die Hǫ́vamǫ́l gerade an dieser Stelle aus allerlei
Liedbruchstücken zusammengeflickt sind. Nirgends ist Mimir im Besitz
Odrerirs, wie man bei obiger Auslegung annehmen müsste. Die Strophe 140
muss als fremdartig ausgeschaltet werden; sie besagt, dass Odin von
dem Sohne seines Ahns, einem weisen Riesen neun kräftige Zaubersprüche
erhielt, mit deren Hilfe er den Dichtermet Odrerir erlangte. Dann
bleibt nur die Sage übrig, dass der speerdurchbohrte Odin am Baume
ohne Labung neun Nächte und Tage lang hing, er selber sich selbst
zum Opfer hingegeben. In die Tiefe spähend hob er Runen auf, die ihm
Wachstum und Gedeihen brachten. Die Weltesche heisst Yggdrasil, Ross
des Yggr. _Yggr_ ist ein vielgebrauchter Name Odins, _drasil_ eine
Benennung des Pferdes. Das Hängen am Galgen wird aber als Reiten auf
dem Rosse bezeichnet. Yggdrasil heisst demnach _Odins Galgen_. Die
Weltesche heisst nach dem Gott, der als Opfer in ihrem Gezweig hing,
und gerade dieses Opfer beschreiben die ausgehobenen Strophen. Bugge
hat nachgewiesen, wie der speerwunde Odin am Baume Zug für Zug ein
Seitenstück zum speerwunden Christus am Kreuz, das bei den Germanen
Galgen genannt wurde, ergibt. Das Kreuz ist aber gerade in seiner
Eigenschaft als Galgen des höchsten Gottes ein Weltbaum, dessen Wurzeln
zur Hölle reichen, dessen Wipfel den Himmel rührt, dessen Arme über die
Erde deuten. Auf zwei entscheidende Punkte kommt es einzig an, für die
das nordische Heidentum nicht die geringste Voraussetzung bietet, die
aber ohne Schwierigkeit aus der christlichen Mythologie ihre Lösung
finden: dass der Gott sich selber opfert und dass der Galgenbaum, an
dem solches geschah, eben dadurch Sinnbild der Welt wurde. Dass etwa
Odin mit diesem Opfer den Helden den Weg nach Walhall zeige, wie er
sich nach der Ynglingasaga, wo er aber als irdischer menschlicher König
gedacht ist und daher auch sterben muss, mit dem Speere ritzen lässt,
ist nicht anzunehmen, schon weil der Gedanke gar nirgends angedeutet
wird. Da hätte Odin auch schwerlich den Galgentod des Kriegsgefangenen,
welcher den Göttern geopfert wird, gewählt, sondern den Heldentod im
Schlachtsturm. Yggdrasil, Odins Selbstopfer, wie er vielleicht als
Har dem Odin, er selbst sich selber, nach der Dreieinigkeit Christus
Gottvater, die eins sind wie Har und Odin, am Galgen hingegeben wird,
ist nur als Nachbildung christlicher Vorstellungen verständlich.[415]
Nimmt man die Strophen 138, 139, 141 als zusammenhängend, so gewann
Odin damit Runenweisheit, Wachstum und Gedeihen.
+Odrerir+.
Der Wundertrank _Odrerir_ ist mit der schönen Riesin Gunnlod,
Suttungs Tochter verknüpft. Gunnlod hütet ihn im Berge. Odin
gewinnt listig ihre Liebe und damit den Trank. Bereits oben unter
Odins Liebesabenteuern wurde die Sage mitgeteilt. Dass Riesen im
Besitze alter Weisheit gedacht wurden, zeigte sich bei Wafthrudnir.
An Odins Aufenthalt bei Gunnlod gemahnen Volkslieder aus Schweden
und Dänemark vom Ritter Tinne, den der allbezaubernde Runenschlag
einer harfespielenden Zwergtochter in den Berg lockt, wo man ihm
Met einschenkt und er auf goldenem Stuhl einschläft, dann durch
hervorgetragene Runenbücher vom Zauber entbunden und mit heilkräftigem
Segen für Streit, Reise und Seefahrt, sowie mit der Gabe, treffliche
Worte zu sprechen, entlassen wird. Zweifellos ist eine Volkssage von
Bergjungfrauen, die in das unterirdische Reich hineinlocken, in den
Kreis der Odindichtungen hineinbezogen worden. Aber mit dem Trank
Odrerir hat es doch noch besondere Bewandtniss. Odrerir wurde als
der Begeisterungstrank, der den Sinn erregt, gedeutet; vielleicht
ist es ursprünglich ein Trank der Verjüngung, _ú-hrerir_, der nicht
verfallen, altern lässt. In der Odinsdichtung gilt er aber nur als
der Dichtermet. Suttungs Met ist für die bestimmt, welche gut dichten
können. Zahlreiche Anspielungen auf den begeisternden Trank, wie ihn
Odin raubte, dass er aus verborgener Tiefe aufstieg zur bewohnten Erde,
finden sich bei den Skalden.[416] Dem Odrerir ist noch eine wunderliche
und umständliche Vorgeschichte angedichtet, wie er entstand und aus dem
Besitze der Zwerge und Riesen endlich zu den Göttern und Menschen kam.
Der wenig ansprechenden Erzählung in ihrer Gesamtheit kommt weder hohes
Alter noch volkstümliche Grundlage zu, sie scheint auf gelehrtem Wege
ausgesonnen, allerdings noch unter den heidnischen Skalden.
Die Asen und Wanen schlossen auf die Art Frieden, dass sie beiderseits
an ein Gefäss traten und hineinspuckten. Aus dem Speichel schufen
die Götter einen Mann namens Kwasir, der war so weise, dass er auf
alle Fragen Bescheid wusste. Als er auf seinen Wanderungen einmal zu
zwei Zwergen Fjalar und Galar zu Gaste kam, erschlugen ihn diese und
liessen sein Blut in zwei Krüge und einen Kessel rinnen: der Kessel
heisst Odrerir[417], die beiden Krüge Son und Bodn. Unter das Blut
mischten sie Honig, und daraus ward der Met, durch den jeder, der davon
trinkt, zum Dichter oder Weisen wird. Die Zwerge sagten aus, Kwasir
sei am eignen Witz erstickt. Die Zwerge brachten den Riesen Gilling
und sein Weib hinterlistig ums Leben. Gillings Sohn, Suttung, ergriff
die Zwerge, ruderte sie ins Meer und setzte sie auf einer Klippe
aus. Da baten sie um Schonung und boten zur Vaterbusse den kostbaren
Met. Damit kam es auch zur Sühne. Suttung aber brachte den Met ins
Gebirge Hnitbjorg und setzte seine Tochter Gunnlod ihm zur Hut. Odin
kam dahin, wo neun Knechte Gras mähten. Er erbot sich, ihre Sensen zu
schärfen und zog einen Wetzstein aus der Tasche. Den warf er in die
Luft. Wie alle darnach haschten, schnitten sie sich mit den Sensen
die Hälse durch. Odin herbergte beim Riesen Baugi, Suttungs Bruder,
und nannte sich Bolwerk. Baugi erzählte, dass er auf schlimme Art um
alle seine Knechte gekommen sei. Da erbot sich Odin, an Stelle jener
neun allein die Arbeit zu verrichten, wenn er dafür einen Trunk von
Suttungs Met erhielte. Baugi erwiderte, dass er über den Met nicht
verfügen könne, da Suttung ihn für sich allein behalten wolle. Doch
wolle er mit Bolwerk ausziehen und versuchen, ob sie den Met erlangen
könnten. Hierauf folgt die bereits mitgeteilte Erzählung, wie Odin in
Schlangengestalt durchs Bohrloch in den Berg schlüpfte.[418]
Die Gewinnung des Wundertrankes durch den Höchsten der Götter wurzelt
vielleicht in indogermanischen Mythen, wenigstens finden sich
merkwürdig ähnliche Sagen bei Indern und Griechen[419], zumal wenn man
den Bericht, dass Odin in Adlergestalt Odrerir entführt, in Betracht
zieht. Riesische Wesen, Naturmächte befinden sich im Besitz des Soma
und Nektars. Als Falke holt Indra den Soma zu den Göttern, den Nektar
aber bringt des Zeus grosser Adler aus einem Felsen im äussersten
Westen. Den Wundertrank ewiger Jugend, _ú-hrerir_, verwandelten die
Skalden in den Trank der Poesie, Odrerir. Was in der nordischen
Mythologie überhaupt zu beobachten ist, bestätigt sich auch hier:
die ursprünglich physischen Kräfte, die aus den Naturerscheinungen
erwachsenen Mythen steigern sich mehr und mehr in das Bereich des
geistigen Lebens. Ob es sich im idg. Mythus um den Regen handelte, den
der Gott aus der Gewitterwolke hervorlockte, lassen wir dahingestellt.
Zu Kwasirs Entstehung bietet die des Orion entfernte Ähnlichkeit. Bei
Hyrieus kehrten drei Götter, Zeus, Poseidon und Hermes ein, empfingen
Gastmahl und stellten ihm eine Bitte frei. Er wünschte sich einen
Sohn, hatte aber nach dem Tode seiner Gattin gelobt, sich nicht wieder
zu vermählen. Da vereinigten die Götter ihr Wasser, vermischten
es mit dem Staube der Hütte und erschufen den Orion.[420] Besteht
ein Zusammenhang, so stammt er natürlich nicht aus urverwandter
Überlieferung, sondern aus später gelehrter Übertragung. Endlich
begegnet noch ein alter Märchenzug, wie Bolwerk die neun Mähder ums
Leben bringt. Schon Kadmos und Iason veranlassen die aus der Saat der
Drachenzähne gewachsenen Krieger durch einen Steinwurf in ihre Mitte zu
wechselseitigem Mord; ebenso macht es das tapfere Schneiderlein mit den
zwei Riesen.
* * * * *
Einer nicht recht verständlichen Strophe der Hǫvamǫl zufolge empfing
Odin Weisheit von einem Zwerge Namens Thjodreyrir, der „vor Dellings
Thüren“ d. h. im Tageslicht, bei aufsteigendem Tage Zauber sang:
159 Kraft sang er den Asen, den Elben Tüchtigkeit,
Hohe Weisheit dem Hroptatyr.[421]
* * * * *
Noch weniger klar ist die Stelle im Harbardslied:
Thor:
43 Woher nur holst du diese höhnischen Worte,
Wie ich höhnischer nimmer gehört sie habe?
Harbard:
44 Ich holte sie von den Männern, den hochbejahrten,
Die in den Hügeln der Heimat wohnen.
Thor:
45 Da gibst du den Gräbern einen guten Namen,
Wenn du sie Hügel der Heimat nennst.[422]
Wer unter diesen alten Männern gemeint ist, Elbe oder Tote, also wol
seelische Geister, lässt sich nicht bestimmen. Man erwartet eher, dass
Odin irgend welche verborgene Weisheit dort erlangt, als nur Hohnworte.
+Odins Verwandtschaft und Odins Namen.+
Den nordischen Skalden ist Odin der höchste und älteste der Asen. Er
waltet über alle Dinge, und wie mächtig auch die andern Götter sind,
so dienen sie ihm doch alle wie Kinder dem Vater. In aufsteigendem
Aste ist ihm ein Stammbaum ersonnen, der aufs engste mit der
Schöpfungsgeschichte zusammenhängt. Er ist Sohn des Bur, des Sohnes des
Buri. Bur (Bor) und Buri bedeuten „_Sohn_“, haben also ursprünglich
gar nicht den Wert eines Eigennamens. Bur nahm Bestla (Bastbinderin?)
des Riesen Bolthorn Tochter zur Frau.[423] Odins Brüder heissen Wili
und We, die eine Zeitlang sein Reich und sein Weib inne hatten. Odins
Gattin ist Frigg, ihr Sohn Baldr. Mit Jord, der eignen Tochter zeugt
Odin Thor. Andere Söhne hat er von Rind, Gunnlod, Grid oder Hlodyn,
Skadi. Odins Verwandtschaft ist nordische, ziemlich junge Erfindung. In
Odins Sippe begegnen die Begriffe Sohn, Wille, heilig. Sie entspringen
der Trinität, wo der Gottessohn auch Gottes Wille (_voluntas dei_)
heisst. We, der Heilige, zielt auf den heiligen Geist. Odins Namen
Har, der Hohe, Jafnhar, der Gleichhohe, Thridi, der Dritte weisen auf
denselben Ursprung: altus, altissimus ist Gott, der Sohn ist mhd.
_ebenhêr_, der heilige Geist wird oft kurzweg die dritte Person, der
Dritte genannt. Die Namen verharren in abstrakter Leblosigkeit, nur
Odin handelt.
Die nordischen Dichter legen Odin eine Menge von Eigennamen bei,
in denen seine gesamte Wirksamkeit teilweise auch nach Seiten, die
uns wegen mangelnder Überlieferung nimmer verständlich sind, zum
Ausdruck gelangt.[424] Als Allvater, Vater der Menschen (_aldafađir_,
_aldagautr_), Allwaltender, Allmächtiger ist er nicht ganz ohne
christlichen Einfluss seiner Machtstellung nach gekennzeichnet. Ebenso
sind seine Namen _Hávi_[425], der hohe, _Jafnhár_, der gleich hohe,
_Tveggi_, der zweite, _þrídi_, der dritte (aus der Dreieinigkeit),
_Haptaguđ_, Gott der Götter aufzufassen. Odins Beziehungen zu
Heerfahrt, Kampf und Walfall enthalten die Namen _Heervater_,
_Herteitr_, der Heerfrohe, _Hertýr_, Heeresgott, _Herjan_, Heerführer,
_Herblindi_, Heerverblender, _Hjálmberi_, Helmträger, _Siegvater_,
_Sigtýr_, _Sigmundr_, _Sigtryggr_, siegestreu, _Siggautr_, _Walvater_,
_Valgautr_, _Atríđr_, _Fastríđr_, der gewaltige Anreitende, _Viđurr_
(Odin sagt selber, _hétomk Viþorr at vígom_, Grimn. 49). Als Rabengott,
_hrafnaguđ_, _hrafnfreistađr_ erscheint er seiner Raben wegen, als
_drauga dróttinn_, Beherrscher der Gespenster, _hangaguđ_, _heimþinguđr
hanga_, _hangi_, Gott der Gehängten, weil er das wilde Heer führt.
_Farmaguđ_, _farmatýr_, Gott der Frachten, zeigt Odin als Beschützer
des Handels, vermutlich in seiner Eigenschaft als Windgott. _Viđrir_,
der Wetterer, _Váfuđr_, der Schwebende, _Svipall_, der Bewegliche,
_Þundr_, der Schwellende, _Ómi_, Rufer, Lärmer, können auf den
Sturmgott zielen. _Geiguđr_, der Schreckliche, ist ein Name Odins und
eine Benennung des Sturmwindes. Häufig begegnet _Yggr_ (_Uggerus_ bei
Saxo), der Schreckliche. Den Wanderer zeigen die Namen _Gangráđr_,
_Gangleri_, _Vegtamr_, weggewohnt, _Víđforull_, Weitfahrer, sein
Aussehen _Langbarđr_, Langbart, _Hárbarđr_, Graubart, _Síđskeggr_,
Langbart, _Siđgrani_, Langbart, _Síđhottr_, mit herabhängendem Hut,
_Blindr_, der Blinde, _Heklumađr_ (vgl. hakulberand), Mantelträger,
_Grímr_, _Grímnir_, der Verlarvte, _Bileygr_, der Mildäugige,
_Báleygr_, der Flammenäugige. Auf Odins Weisheit, die oft Trug
birgt, deuten _Fjǫlsviđr_, vielwissend, _Glapsviđr_, trugwissend,
_Skollvaldr_, Trugwalter, _Hvatráđr_, scharfsinnig, _Sađr_, wahr,
_Sanngetall_, wahres ahnend, _Gǫndlir_, Träger des Zauberstabes (?),
_Oski_, Wunsch, Erwünschtes verleihend. _Ari_, Adler, _Arnhǫfđi_,
adlerhäuptig, spielen wol auf Odins Verwandlungen an, wenn er nach
SE. als Adler dem Suttung entflieht; da _Ofnir_ und _Sváfnir_ auch
Schlangennamen sind (Grimn. 34), könnte Odins Wurmgestalt damit gemeint
sein. _Vakr_, der Wachsame, _Þekkr_, der Willkommene, _Þrjótr_, der
Hartnäckige, schildern besondere Sinnesart. _Njótr_, der Geniesser,
bezeichnet den Gott als Empfänger der Opfer. Namen wie _Hroptr_,
_Hvedrungr_, _Hnikar_, _Hnikuđr_, _Jalkr_, _Jólnir_ u. a. entziehen
sich der Deutung. Dieselben Namen gehören zuweilen auch andern Wesen
und es ist schwer auszumachen, wohin der Name von Rechts wegen zuerst
gehört. Viele Namen haften an besonderen Sagen und sind wol mit diesen
entstanden. So berichtet Odin selber im Grimnirlied 49:
Grimnir hiess ich in Geirröds Halle
Und bei Asmund Jalk,
Kjalar damals, als ich die Kufen zog,
Bei den Thingversammlungen Thror,
Widur im Wirbel des Streits.
Von diesen Sagen ist uns nur die von Grimnir bekannt, wo Odin eben als
Grimnir verlarvt bei Geirröd einspricht. Selten passt der Name so zur
Sage wie hier.
* * * * *
Odins Art schildern trefflich die Verse:
Lasst uns Heervater bitten, seine Huld zu gewähren,
Der gern dem Gefolge sein Gold spendet;
Dem Hermod gab er Helm und Panzer,
Ein schneidiges Schwert schenkt er dem Sigmund.
Dem einen gibt Sieg er, dem andern Schätze,
Weisheit vielen und gewandte Rede;
Dem Seemann Fahrwind, dem Sänger Dichtkunst,
Männliche Thatkraft manchem Helden.[426]
Alles, was aus den einzelnen und verstreuten Überlieferungen zu
erfahren war, enthalten diese Worte, die uns ein Gesamtbild Odins
geben, des Gottes der Helden und Sänger.
Uhland (Schriften 7, 345) schildert Odins Art: Von allen Asen und
von allen Wesen der Götterwelt äussert Odin weit die mächtigste und
allgemeinste Wirkung in der Heldensage. Wie er die Wolsungensage vom
Anfang bis zum Ende durchschreitet, so können wir durch viele andere
Sagenreihen seine Spur verfolgen. Seine Erscheinung ist von der Art,
dass er auch dort, wo sein rechter Name verschwiegen bleibt, doch immer
leicht zu erkennen ist. Einäugig, alt und bärtig, in Hut und Mantel
gehüllt, tritt er unerwartet und ungekannt in die Königshalle, oder
steht plötzlich an der Seite des einsamen Heldensohnes, oder verlangt
vom Vorgebirge aus in das vorübersegelnde Schiff aufgenommen zu werden.
Auch diese irdische Erscheinung steht in Übereinstimmung mit seinem
göttlichen Wesen; einäugig ist er, weil er sein andres Auge um einen
Trunk aus Mimirs Weisheitsbrunnen zum Pfand gesetzt; alt erscheint er
als der Vater der Götter und Menschen; verhüllt und unter andern Namen
geht er auch in der Götterwelt aus, die Weisheit der Riesen und der
unterirdischen Wolwen zu erkunden. Er nimmt auch die Gestalt eines
bestimmten Menschen an, so diejenige des im Strom verunglückten Bruni,
des Ratgebers Harald Hildetands. Als ein Bauer, Hrani, bewirtet er den
König Hrolf Kraki.
So wie wir Odin in der Göttersage von zweierlei Seiten betrachtet, als
den Forschenden und Kundigen und als den Wirkenden und Kämpfenden,
so stellt er sich auch in seiner irdischen Thätigkeit nach beiderlei
Beziehungen dar. In der ersteren tritt er als Gest auf, legt dem König
Heidrek Rätsel vor, oder versucht noch als Nornagest die christlichen
Könige, singt und sagt die Kunden aus der alten Heldenzeit. Er, der
in Asgard mit Saga aus goldenen Schalen trinkt, ist auf Erden selbst
ein Sagenerzähler und wie er selbst zu singen versteht, wie andere
reden, so verleiht er auch Starkad die Gabe der Dichtkunst. Noch viel
mannigfacher ist seine irdische Wirksamkeit in der andern Beziehung,
als Kampf- und Heldengott. Er wird selbst Stammvater kriegerischer
Geschlechter und unermüdlich geht er darauf aus, Helden zu erwecken und
auszurüsten, Zwietracht und Kampf anzustiften. Er stösst das herrliche,
aber streiterregende Schwert in den Baumstamm des Wolsungenhauses,
teilt Starkad gute Waffen zu, hilft Sigurd das beste Ross auswählen,
berät ihn und Frotho beim Drachenkampf, bringt den flüchtigen Hadding
auf dem Rosse Sleipnir hoch über dem Meer nach seiner Heimat und stärkt
ihn mit Speise, lehrt Hadding, Sigurd, Harald Hildetand und dessen
Gegner Hring die keilförmige Schlachtordnung, prüft als Bauer Hrani die
Kämpfer Hrolfs, die auf seinem Hofe eingekehrt, durch Frost, Feuer und
Durst, er hat Utstein, dem Recken Halfs in der Jugend das harte Herz
in der Brust gebildet (Fornald. S. 2, 51). Er trägt als Bruni zwischen
verwandten Königen zwisterregende Botschaft. Er waltet der Blutrache
und leiht dazu dem Dag seinen Speer. In der Schlacht erscheint er bald
hilfreich, bald seinen eignen Günstlingen verderblich. So schwingt er
dem greisen Sigmund den Speer entgegen und erschlägt den König Harald
mit der Keule. Er lässt sich von denen, die er begabt und auszeichnet,
wie von Harald und von Sigurd, König Ragnars Sohne, für dessen Heilung
die Seelen aller von ihnen Erschlagenen verheissen, er weckt eine Welt
von Kämpfern und rafft sie heerweise dahin. Er entsendet die Walküren
zu Jünglingen, um den schlummernden Heldengeist anzufachen; er beruft
die Totwunden durch ihre Botschaft zu sich. Es ist überall derselbe
Grund, warum Odin Helden und Heldenstämme pflegt, waffnet, wunderbar
begabt, warum er sie anfeindet, aufreizt, verderbt. Nicht leere Lust
am Tode der Tapfern treibt ihn, er bedarf ihrer, der Kampferprobten zu
jenem grössten und ungeheuren Kampfe, welcher der Welt und den Göttern
selbst Untergang droht.
So lebt Odin in der Vorstellung nordischer Skalden des 9. und 10.
Jahrhunderts, sein Geist belebt und erregt in gleicher Weise Götter und
Menschen.
V. Heimdall.
Heimdall ist eine rätselhafte Gestalt. Was von ihm überliefert ist,
klingt märchenhaft. Das Dunkel, das über ihm schwebt, war bisher noch
nicht befriedigend zu lichten. Eine Hauptschwierigkeit, mit welcher
die Erklärung zu kämpfen hat, liegt in den mangelhaften Nachrichten
über sein Wesen und die mit ihm verknüpften Sagen. Von letzteren sind
nur unverständliche Auszüge und Anspielungen bekannt. Es hält schon
schwer, nur die breiteren Grundlagen dieser Überreste mit annähernder
Wahrscheinlichkeit zu erschliessen; sie mit Sicherheit auf ihren
Ursprung zurückzuführen ist vollends unmöglich. Von Heimdall war ein
Gedicht vorhanden, der _Heimdallargaldr_, auf welches Snorri zweimal
(SE. 1, 102 und 264) verweist. Der Skald Ulf Uggason erwähnt Heimdall
in der Húsdrápa (zwischen 975 und 980). Ausserdem begegnet Heimdall in
den Eddaliedern. Also waren Sagen über ihn im 9. und 10. Jahrhundert
jedenfalls vorhanden. Über den Kreis der norwegisch-isländischen
Skalden drang Heimdall nicht hinaus, nirgend sonst ist eine Spur von
ihm nachweisbar.
Heimdall wird als „der über die Welt Glänzende“[427] oder „der
Hellglänzende“[428] erklärt, als Lichtgottheit. Wie Baldr heisst
auch er gern der weisse, leuchtende As. Als den Gott, dem überall
die Frühe, der Anfang angehört, bezeichnete ihn Uhland (Schriften 6,
14). Darum ist er der geborene Feind Lokis, der das Ende der Welt
herauf führt. Das Geheimniss, das um ihn webt, lässt ihn vielleicht
bedeutungsvoller erscheinen, als einen hohen, später verdunkelten und
zum Markwart des Himmels erniedrigten Lichtgott. In Heimdall soll
eine besondere Seite des Tiuȥ, sich verkörpern. Ist Tiuȥ der Herr des
Tages- und Himmelslichtes überhaupt, so wird in Heimdall nur ein Teil
der Lichtmacht persönlich, das Frühlicht, der anbrechende Tag. Mit
dieser Auffassung lassen sich zur Not einige der überlieferten Züge
in Einklang bringen. Andere sehen in Heimdall nur den vergöttlichten
Regenbogen. Aus dem durch die Welt leuchtenden Bogen sei der Wächter
dieser Götterbrücke erwachsen, der lichte weithinschauende As, der in
den Himmelsbergen, den Wolken wohne.[429]
Seiner Erscheinung nach steht Heimdall nahe zu Tiuȥ und seinen
Sprösslingen. Er ist mit dem Schwerte bewehrt und reitet ein Ross mit
goldglänzender Mähne. So ritt er zu Baldrs Leichenbrand.[430] Snorri
entwirft aus den vereinzelten Zügen dieses Gesamtbild von ihm:
Heimdall heisst einer; er wird der weisse Ase genannt und ist gross
und heilig. Er wurde von neun Jungfrauen geboren, die alle Schwestern
waren. Er führt auch den Namen Hallinskidi und Gullintanni. Seine Zähne
sind von Gold; sein Ross heisst Gulltopp. Er wohnt bei der Brücke
Bifrost an dem Orte, der Himinbjorg heisst. Da er der Wächter der
Götter ist, so sitzt er dort am Rande des Himmels, um die Brücke gegen
die Bergriesen zu hüten. Er bedarf weniger Schlaf als ein Vogel und
sieht bei Nacht ebenso gut als bei Tag, hundert Meilen weit. Er kann
auch hören, dass das Gras auf der Erde und die Wolle auf den Schafen
wächst, sowie überhaupt alles, was einen Laut von sich gibt. Er besitzt
das Horn, welches _Gjallarhorn_ heisst, und seinen Ton kann man in
allen Welten hören.[431]
Unter den himmlischen Hallen, welche das Grimnirlied aufzählt, wird
Himinbjorg als die dem Heimdall geweihte bezeichnet; in behaglichem
Hause trinkt dort der Wächter der Götter vergnügt den guten Met. Snorri
(Gylfag. Kap. 17) fügt hinzu: Dieser Saal steht am Rande des Himmels
am Brückenkopfe, wo Bifrost den Himmel erreicht. Unter „Himinbjorg“,
den Himmelsbergen sind wol Berge zu vermuten, die hoch in den Himmel
hineinragen.[432] Bedenkt man, dass die Riesen im Hochgebirge hausen
und von hier aus nach dem Reiche der Himmlischen spähen, so begreift
man, dass über und auf den höchsten Gipfeln von den Göttern ein Wächter
eingesetzt ist, der täglich aufs neue mit dem anbrechenden Lichte die
Nachtunholde verscheucht und endlich, da das Unheil nimmer abzuwenden
ist, mit Horneston zum Kampfe ruft.