wie er den herrlichen Trank Odrerir gewann. Er suchte den Riesen
Suttung auf, verkappt als Bǫlverk (Unheilwirker), und gewann ihn durch
wolgesetzte Rede. Auf goldenem Stuhl gab ihm Gunnlod, des Riesen
Tochter und Odrerirs Hüterin, den Trank des herrlichen Metes. Aber
üblen Lohn erntete sie für ihre Güte. Bahn schaffen liess Odin des
Bohrers Mund und das Gestein durchdringen. Rings um ihn ragten der
Riesen Pfade (d. h. als Schlange schlüpfte er durchs Gestein, das
durchbohrt war), so wagte er Leben und Leib. So stieg Odrerir hinauf
aus der Berge Tiefe nach Walhall. Tags darauf kamen die Riesen gen
Asgard und forschten nach Bolwerk. Einen Meineid schwur Odin; um den
Met trog er Suttung und versenkte Gunnlod in Gram. Der Bericht der Edda
weicht mehrfach ab. Bolwerk, der zuerst beim Riesen Baugi, Suttungs
Bruder, sich als Knecht verdingt hatte, verlangt als Lohn einen Trunk
Metes. Baugi bohrte durch den Berg, Odin schlüpfte als Schlange hinein,
drei Nächte ruhte er bei Gunnlod; da erlaubte sie ihm drei Trünke
vom Met, zu dessen Hut sie gesetzt war. Odin leerte damit den Kessel
Odrerir und die Becher Son und Bodn, worin der Met aufbewahrt wurde.
Dann entflog er in Adlergestalt, verfolgt von Suttung, der ebenfalls
als Ar ihm nacheilte. In Asgard spie Odin den Met in Gefässe, dass
er so aufbewahrt werde. Einiges hatte er aber nach hinten entsandt,
wie Suttung ihm zu nahe gekommen war. Das ist der Dichterlinge Teil.
Suttungs Met aber gab Odin den Asen und den Menschen, welche dichten
können. Hier also handelt Odin trugvoll an einem liebenden Weib,
während Billings Maid ihn gefoppt hatte.
In den Liebschaften Odins tieferen mythischen Sinn zu erblicken, ist
nicht gerechtfertigt. Sie zeigen nur den genussfrohen, lebensheitern
Edeling, den Krieger und Dichter, der keine Gelegenheit vorbei lässt,
sich Liebesfreuden zu verschaffen, den höfischen Weltmann, der sich auf
Frauenherzen versteht. Äusseren Anlass, Odin mit Riesinnen in Verkehr
zu bringen, gab vielleicht die Vielnamigkeit der Erdgöttin. Wenn Freyja
Odins Buhle heisst, wenn Freyja dem verlorenen Odr nachzieht, darf an
Wode erinnert werden, der Frauen jagt. Aber keine bedeutungsvolle Sage
erwuchs im Norden aus dieser Vorstellung.
+Odin, der Gott der Weisheit.+
Odin erschien bisher als der Erwecker und Förderer des Heldentums.
In den folgenden Sagen tritt Odins geistiges Wesen hervor, das er
immer wieder aufs neue offenbart. Die sogenannte Edda enthält ein
umfangreiches Lehrgedicht, die Sprüche Hars, des Hohen genannt.[403]
Im ersten Teil tritt ein Wanderer ein und fordert Gastrecht, zum Dank
eröffnet er den reichen Schatz seiner Lebensweisheit, Betrachtungen
über das Verhalten in den verschiedensten Lagen des Alltagslebens;
im zweiten Teil zeigt der Sprecher den Nutzen kluger, wenn auch
falscher Rede an einem Liebeserlebniss; im dritten Teil berichtet er,
wie er durch listige Worte in den Besitz des kostbaren Dichtermetes
gelangte; im vierten Teil folgen einige praktische Ratschläge; im
fünften Teil wird der Ursprung von Odins Runenweisheit erzählt, im
sechsten werden die kräftigen Zaubersprüche, deren er sich rühmt,
genannt. Um 900 entstanden die Lieder in Norwegen. Sie enthalten die
Gesamtheit des gehrenswerten Wissens, das Odin besitzt und lehrt. Odin
also ist der Urquell aller menschlichen Weisheit. Dreierlei Weisheit
wird hervorgehoben, allgemeine Lebensklugheit, dichterische Begabung,
Zauberei. Darin ist Odin Meister. Zur Dichterweisheit gehört nach der
Auffassung der Skalden nicht bloss das Vermögen kunstvoll gesetzter
Rede, worin ja Odin so erfahren ist, dass er nach der Ynglingasaga
überhaupt nur im Versmaasse zu sprechen pflegte, sondern ausgedehnte
Kenntniss der Götter- und Heldensage, mythologische Wissenschaft, und
darin muss Odin natürlich als Gott alle Menschen weit übertreffen.
Was die Hǫ́vamǫ́l im allgemeinen Odin zuteilen, zeigen in besonderen
Fällen viele Sagen, in denen der Gott fast immer verhüllt als Wanderer
erscheint.
Odin ist Vater des Zaubers.[404] Seinen Beschwörungen und Liedern wird
umfassende Wirkung beigemessen. Er ist eines Zaubers, „Hilfe“ genannt,
mächtig, der in allen Anliegen, Kümmernissen und Schmerzen zu helfen
vermag. Im besondern weiss er Lieder, ärztlich zu heilen, Feindeswaffen
stumpf zu machen, Fesseln zu sprengen, Geschoss im Fluge zu hemmen,
dem Runenzauber des Feindes zu begegnen, Flamme zu löschen, Hass
unter Männern zu versöhnen, Wind und Woge zu sänftigen, Hexen auf dem
Luftritt zu verwirren, Krieger frisch und heil zur und aus der Schlacht
zu führen, Gehängte zum Leben oder Reden zu erwecken, Krieger gegen
Waffen fest zu machen, Frauenliebe zu gewinnen. Liebeszauber übte Odin,
um die widerspenstige Rind gefügig zu machen.[405] Im Lied von Baldrs
Träumen übt Odin Totenzauber. Schlimme Träume plagten Baldr. Da ritt
Odin auf Kundschaft ins Reich der Hölle. Am östlichen Eingang wusste er
einer Wolwa Grab. Er sang den Leichenzauber, der sie hervorzwang, dass
sie, die Tote, Rede stand. Vom Schnee beschneit, vom Regen beschlagen,
vom Thau beträufelt tauchte sie aus der Tiefe empor. Wegtam, Wanderer,
nannte sich Odin. Auf sein Fragen erfuhr er, dass Hel zu Baldrs
Empfang gerüstet sei. Das Gedicht schliesst damit, dass die Wolwa Odin
erkennt und ihn auffordert, heim zu reiten. Kein andrer wird sie mehr
besuchen vor dem Weltende. Schön ist der Glaube an Odins forschende
Wanderungsfahrt in die Vorstellung vom bangen Sorgen der Götter vor
drohendem Untergang hineinverwoben.
Rune bedeutet zunächst Raunen, Geflüster, heimliche Rede, dann
Geheimniss jeder Art, in Lehre, Zauberei, Lied, Sinnbild, Buchstaben.
Insbesondere ist bei den Skalden Kunstgeheimniss der Dichtersprache
mit Rune gemeint, d. h. die bildliche Umschreibung, welche einfache
Begriffe in Geheimnissen, die nur der Eingeweihte errät, verbirgt. Um
solche Umschreibungen zu bilden, bedarf es eingehender mythologischer
und sagengeschichtlicher Kenntnisse. Solche Sinnrunen (_hugrúnar_) hat
Odin selber erdacht[406], wie überhaupt alle Runenweisheit von ihm
ausgeht. Tiefsinnige Heimlichkeiten zu ergründen und auszulegen, aber
auch klugsinnig solche Rätsel zu schaffen und aufzugeben, ist Beruf des
Dichters. In höchster Vollkommenheit wohnt solche Fähigkeit Odin inne,
worüber mancherlei Sagen umliefen.
Im Grimnirliede[407] begibt sich Odin in einen Mantel gehüllt unter
dem Namen Grimnir zu König Geirröd, um seine Gastfreundschaft zu
versuchen. Aber der König liess den unbekannten Fremdling, der nähere
Auskunft verweigerte, foltern und zwischen zwei Feuer setzen, um ihn
zum Reden zu bringen. So sass er acht Nächte, ohne dass jemand um ihn
sich kümmerte. Nur Agnar, Geirröds zehnjähriger Sohn, trat mit einem
Trinkhorn zu Grimnir, ihn zu laben. Schon war ihm die Lohe so nahe
gekommen, dass der Mantel zu brennen anfing. Zum Danke hebt Grimnir
an, die Herrlichkeit Odins und Walhalls zu verkünden. Er zählt alle
Namen Odins auf, unter denen er sich den Menschen offenbarte. Zuletzt
spricht er zu Geirröd und versagt ihm, seinem einstigen Günstling,
Odins Hilfe und Huld. „Dein Ende sehe ich, Yggr wird besitzen den vom
Schwert getroffenen Toten. Jetzt kannst du Odin schauen!“ Da sprang
Geirröd auf, um Odin vom Feuer wegzuführen. Da glitt sein Schwert aus
der Scheide, er strauchelte und fiel sich darin zu Tode.
Als Gangrad, Wanderer, kehrte Odin beim Riesen Wafthrudnir ein, um ihn
auszuforschen, ob der weiseste Riese dem Wissen des Gottes gewachsen
sei.[408] Wafthrudnir richtete zunächst einige Fragen an den Wanderer,
der bescheiden auf dem Estrich harrte. Als er sein Wissen bewährte,
lud er ihn in den Saal zur Bank; dort sollten sie zusammen reden und
das Haupt zum Pfande der Wissenswette setzen. Nun hub der Wanderer zu
fragen an. Auf alle Fragen, welche den elementaren Weltursprung und
die Zeit des Untergangs und der Neugeburt betreffen, that der weise
Riese Bescheid. Wie aber der Wanderer forschte, was Odin dem toten
Baldr ins Ohr raunte, bevor man ihn auf den Holzstoss hob, da erkannte
Wafthrudnir, wer ihm gegenübersass, dass er mit todgeweihtem Munde
sprach.
„Mit Odin wagt ichs, mich an Einsicht zu messen;
Das weiseste Wesen bleibst du.“
Seine geistige Überlegenheit über des Riesen Weisheit bethätigt Odin
darin, dass er das Wettgespräch so klug wendet, dass es zu seinen
Gunsten ausgehen muss.
Besondere Beachtung verdienen die Sagen, in welchen Odin unter dem
Namen Gest die Hallen der Könige besucht und den ihm innewohnenden
Sagenhort offenbart.[409] König Heidrek hatte gelobt, alle, die sich
wider ihn vergingen, zu begnadigen, wenn sie ihm ein Rätsel vorlegen
könnten, das er nicht zu erraten wisse. Nun beging Gest der Blinde,
ein reicher und mächtiger Mann, einen Frevel gegen den König, indem er
ihm die Schatzung vorenthielt. Als Heidrek ihn vorlud, opferte Gest
dem Odin, dass er ihm aus der Bedrängniss helfe. Da nahm Odin Gests
Gestalt an und trat vor den König. Er legte ihm viele Rätsel vor, die
Heidrek alle löste. Endlich fragte Gest, was Odin Baldr ins Ohr raunte,
ehe er auf den Holzstoss gehoben wurde. Da erkannte Heidrek den Frager
und hieb mit dem Schwert nach ihm. Odin aber schwang sich als Falke
davon. Ebenso spricht Odin bei den bekehrungseifrigen christlichen
Norwegkönigen vor. So verschiedenartig die Berichte im einzelnen auch
sind, die Grundlage bleibt überall dieselbe. Als Olaf Tryggvason einst
zur Osterzeit beim Gastgebot auf Ogvaldsnes sich befand, kam dahin
eines Abends ein alter, einäugiger Mann mit herabhängendem Hute; dieser
Mann wusste von allen Ländern zu sagen und gab Bescheid auf alle Fragen
des Königs, der an seinen Reden grosses Ergötzen fand und lang in den
Abend sitzen blieb. Er erzählte von König Ogvald, der in der Nähe im
Hügel bestattet liege. Noch vieles andre sagte er von Königen und
alten Kunden. Als der König schon im Bette lag, musste der Gast noch
erzählen, bis der Bischof zum Schlafen mahnte. Wie der König erwachte,
verlangte er nach dem Manne, aber er war nicht mehr zu finden. Den
Köchen hatte er Fleisch gegeben, das sie für Olaf zubereiten sollten.
Der König aber befahl, den Vorrat wegzuschaffen und sagte, das werde
kein andrer Mann gewesen sein als Odin. Es solle ihm aber keineswegs
gelingen, ihn zu betrügen. Olaf der Heilige befand sich beim Gastmahl
in Wik, da trat vor ihn grüssend ein unbekannter Mann, der um seinen
Namen befragt sich Gest nannte und beim Hofgefolge verweilen zu dürfen
bat. Er trug kurzen Rock und über das Antlitz hängenden Hut, war
blödsichtig und gebartet. Der König machte wenig aus dem Ankömmling,
wies ihm den Sitz abseits der Gäste an und hiess die Leute wenig mit
ihm verkehren. Abends aber berief er ihn vor sein Bett und fragte, was
er von Kurzweil verstehe. Da ward unter ihnen vieles von den Königen
der Vorzeit und ihren Thaten gesprochen. Auf Gests Frage, welcher von
den alten Königen Olaf am liebsten gewesen sein möchte, gab dieser
zur Antwort, ein Heide möchte er überall nicht sein, doch am liebsten
noch Hrolf Krakis fürstliche Milde haben, unbeschadet des Festhaltens
am Christenglauben. Gest sprach weiter: Warum wolltest du nicht sein
wie der König, der Sieg hatte wider jeden, mit dem er Streit führte,
dem an Schönheit und Fertigkeit keiner in Nordlanden gleich kam, der
ebenso andern wie sich selbst in Kämpfen den Sieg zu geben vermochte
und dem die Dichtkunst zu Gebot stand, wie andern Männern die blosse
Rede? Der König erhob sich da, griff nach dem Messbuch und wollte damit
nach Gests Haupt schlagen. Du, sprach er, der schlimme Odin möchte ich
zuletzt sein. Gest aber fuhr wieder dahin, woher er gekommen war, und
der König lobte Gott, dass dieser unreine Geist, der in Gestalt des
schlimmen Odins erschienen war, keine Trugrede vorzubringen vermochte,
die irgend einen Schatten auf die glänzende Blume seines heiligen
Glaubens geworfen hätte. Ein anderer grosser, unbekannter Mann, der
bei Olaf dem Heiligen zu Sarpsborg Aufnahme begehrt, nennt sich Toki,
Sohn Tokis, des Sohnes Tokis des Alten. Noch im Alter sieht man ihm
an, dass er an Wuchs und Schönheit ein stattlicher Mann gewesen. Sein
Benehmen ist gefällig, er weiss über alles Bescheid und der König, der
ihm einen Ehrensitz angewiesen, ergötzt sich sehr an seinen Reden. Er
erzählt, wie er bei den Königen Half und Hrolf Kraki geweilt und die
Stärke ihrer Recken erprobt habe. Toki erklärt, primsignet (d. h. mit
dem Kreuze bezeichnet), doch nicht getauft zu sein. Er sei hergekommen,
um getauft zu werden. Er verscheidet hernach in weissem Taufgewand.
Hieran reiht sich endlich auf Olaf Tryggvason bezogen die Sage von
Nornagest. In Drontheim kommt einmal bei Tagesneige zum König Olaf ein
grosser bejahrter Mann, der auf sein Befragen angibt, er heisse Gest.
Gast sollst du hier sein, spricht der König, wie du heissen magst.
Gest meldet von sich, er stamme aus Dänemark, er sei primsignet, nicht
getauft, seine Kunst sei, die Harfe zu spielen oder Sagen zu erzählen
zum Ergötzen der Leute. Seine Kunst bethätigt er, indem er die Sage
von Sigurd, in dessen Gefolge er geweilt habe, vorträgt. Dann erzählt
er noch, warum er Nornagest genannt sei. Drei Nornen traten an seine
Wiege, während über ihm zwei Kerzen brannten. Zwei sagten ihm Glück
voraus, die dritte aber rief zürnend: Ich schaffe dem Knaben, dass
er nicht länger leben soll, als die Kerze, die neben ihm angezündet
ist. Sofort wurde die Kerze ausgelöscht und soll erst an Nornagests
Todestage wieder entzündet werden. Nornagest verlangt von Olaf Taufe
und Aufnahme unter sein Gefolge, was ihm zu Teil wird. Eines Tages
zündet er das Licht an, lässt sich ölen und stirbt, als die Kerze
niedergebrannt ist.
Ihren vollen Nachdruck behauptet diese mehrgestaltige Gestsage nur in
denjenigen Darstellungen, nach welchen der alte Odin selbst herantritt
und nicht in einen menschlichen, wenn auch mit wunderbarem Geschick
ausgestatteten Wanderer umgewandelt ist. Gast war Odin oft, wenn er als
Wanderer Einkehr hielt. Wafthrudnir (19) redet ihn als Gast (_gestr_)
an. Die Begriffe „Wanderer“ und „Gast“ nahmen bei Odin besondere
Bedeutung an und erhielten den Rang von Namen des Gottes. Sehr schön
ist Odins Einkehr bei den christlichen Königen, die sich von der
Erinnerung ans alte Heldentum und seine Sagen nicht lossagen können.
Das unwiderstehliche Hinneigen zu des Gastes Reden, die plötzliche,
meist durch bischöflichen Zuspruch erregte Entrüstung, mit der Olaf der
Heilige dem Gest das Messbuch an den Kopf wirft, zeugen dafür. Weniger
glücklich ist der Gedanke, den sagenkundigen Gast in Taufkleidern
sterben zu lassen. Da nimmt es sich für Odin doch besser aus, wenn
er als übler Geist erscheint. In den Gestsagen gehen noch einmal die
berühmtesten der alten Helden, Hrolf Kraki mit seinen Kämpen, Half und
seine Recken, Starkad, die Wolsungen, Ragnars Söhne im Zauberspiegel
vor der Seele der „gekristneten“ Nordlandskönige vorüber; noch einmal
hält Odin selber das Heldentum seiner Lieblinge einer neuen Zeit
gegenüber, dann verschwindet der Heldenvater Odin als ein unheimlicher
Nachtgeist. Dass er den Königshof besucht, hat guten Sinn. Denn dort
wurde er im Heidentum am meisten geehrt.
Anders als Odins Einzelwanderungen auf Erden sind seine Fahrten mit
Loki (Lodur) und Hönir aufzufassen.[410] Diese wandernde Götterdreiheit
unterliegt dem Verdachte, antikem Vorbild, den wandernden Göttern
Juppiter, Neptun, Merkur nachgeahmt zu sein. In der Vǫlospǫ́ ist
ausserdem Anlehnung an die den Menschen erschaffende christliche
Dreieinigkeit unverkennbar. In den Sagen, welche so eingeleitet sind,
Iduns Raub und Andwaris Ring, spielt Odin auch gar keine besondere
Rolle, sondern Loki ist der Handelnde.
Odin, dem Hort aller Weisheit, der den zur Dichtkunst begeisternden
Trank erwarb, verdankt auch jeder einzelne die geistige Begabung. Nach
dem Hyndlaliede (3) gibt Odin den Männern Beredtheit und Verstand,
den Skalden Liedeskunst. Odins Gabe heisst schon bei den Skalden die
Dichtkunst[411]; als Träger des Odinsmetes bezeichnet sich der Skald.
Starkad, der in seiner Jugend von Thor mit feindlichen, von Odin mit
günstigen Geschicken bedacht wurde, erhält von Odin zum tapfern Geist
die Liederkunst, dass er ebenso fertig dichten als reden könne.[412]
Dasselbe wird von der Ynglingasaga (Kap. 6) an Odin gerühmt, der also
einen Teil seines eigenen Wesens auf seinen Günstling überträgt.
+Wie Odin sein Wissen gewann.+
Odin hat sein Wissen nicht von Uranfang eingeboren, vielmehr erworben.
Mehrfache Sagen erzählen, wie er zur Weisheit kam, wie er von weisen
Wesen erfragte, was ihm Not that. Übermenschliches Wissen schreibt
der Volksglaube der Geisterwelt zu, Seelen, Elben und Riesen. Odin
verschmäht es nicht, in besonderen Fällen von diesen Rat zu holen;
wie der menschliche Zauberer sie zu bestimmten Zwecken sich dienstbar
macht, so handelt auch der Gott. Die Wolwa sang er aus dem Grabe
auf, dass sie ihm Zukünftiges melde. Von Wassergeistern, die für die
weisesten gelten, von Riesen, an denen urzeitliches Wissen haftet,
erkundet Odin, was ihm frommt. Der überlegene Geist eignet sich das
in der Natur gebotene Wissen forschend an, er belebt so den tot und
unbenutzt lagernden Weisheitshort. Darin ruht der Grundgedanke der
Sagen, wie Odin Weisheit gewann. Doch mögen auch allerlei andere
mythische Bestandteile eingemischt sein; klügelnder Verstand des
Skalden, nicht reine und ursprüngliche dichterische Empfindung hat die
hieher gehörigen Vorstellungen ausgebaut.
Sökkvabek (Sinkebach, Sturzbach) heisst der Saal, wo kühle Wogen
drüber hinrauschen. Dort trinken Odin und Saga alle Tage aus goldenen
Geschirren.[413] Snorri zählt Saga als die zweite der Asinnen auf,
die im Range also gleich auf Frigg folgt. Da letzterer Fensalir, die
geräumigen Meeressäle zugewiesen sind, also beide in der Wassertiefe
hausen, ist vielleicht Saga nur ein andrer Name der Frigg; die
Überlieferung hebt freilich die Gemeinschaft beider auf. Auch ist der
Wohnsitz beider nicht völlig gleich, denn Sökkvabek deutet auf einen
Wasserfall, Fensalir auf den Meeresgrund. Da die Sonne für Norweger und
Isländer im Meer zu Rast geht, Odin und Frigg aber Himmelsgottheiten
sind, verlegte die mythologische Anschauung ihren Sitz auch ins Meer.
Ins Meer stieg Odin hinab zur Gattin, die er in vielen Dingen zu Rate
zog. Bei Saga spielt aber noch eine andere Vorstellung herein. Sie
scheint ursprünglich die Wasserelbin, die im Sturzbach wohnt. Aus
Quellen und Stromwirbeln wurde seit Alters Weissagung geschöpft, oft
auch erschien Alb oder Albin, um Kunde zu gewähren. So kann Odins
Zusammensein mit Saga auf des Gottes Verkehr mit einer Bachnixe
zurückzuführen sein, die er, sei es um Weisheit zu trinken, sei es um
der Liebe zu pflegen, besucht.
Muss es bei Saga zweifelhaft scheinen, was Odin bei ihr holt, so
spricht die Sage von _Mimir_[414] umso deutlicher, dass Odin nach
seinem weisen Rat verlangt. Die Wolwa sagt zu Odin, sie wisse sein Auge
im weitberühmten Quell des Mimir verborgen. Allmorgenlich trinkt Mimir
aus Walvaters Pfand. Ein Strom ergiesst sich mit schäumendem Sturze aus
Walvaters Pfand. Snorri erklärt das verpfändete Auge Odins damit, dass
der Gott zu Mimirs Brunnen trat, worin Weisheit und Verstand verborgen
war. Odin verlangte einen Trunk, erhielt ihn aber nicht früher, als
bis er sein eines Auge zum Pfande setzte. Das Auge des Gottes barg
nun Mimir in seinem Quell. Später sagt die Seherin, Odin raunt mit
Mimirs Haupt, womit vielleicht auf die in der Ynglingasaga erhaltene
Erzählung angespielt wird. Beim Friedensschluss zwischen Asen und Wanen
tauschten sie Geiseln. Die Asen entsandten Hönir und gaben ihm den
weisen Mimir zum Begleiter. Diesem schlugen jedoch die Wanen das Haupt
ab und schickten es an die Asen zurück. Odin salbte das Haupt so ein,
dass es nicht verfaulen konnte, und sprach Beschwörungen darüber, dass
das Haupt ihm Rede stand und verborgene Dinge kund that. Weiter wird
von dem Ursprung der Denkrunen gesagt, sie habe Hropt (Odin) erdacht,
geritzt und ersonnen aus dem Trank (d. h. von ihm begeistert), der
aus dem Schädel Heiddraupnirs und aus dem Horne Hoddrofnirs fliesst.
Heid-draupnir, Klarheit oder Gold träufelnd, Hodd-rofnir, Hort-brecher
(d. h. Verteiler des Reichtums) sind vermutlich Beinamen Mimirs, der
auch Hodd-Mimir, Hort-Mimir, der reiche Mimir heisst. Auf dem Berge
stand Odin mit Schwert und Helm, da murmelte Mimirs Haupt weise das
erste Wort und sprach wahre Worte. Endlich wird Mimameid, Baum des
Mimi genannt. Kein Mensch weiss, aus welchen Wurzeln er wuchs. Wenige
ahnen, was ihn zu fällen vermag; Feuer und Eisen thuts nicht. In
Hoddmimirs Gehölz verbirgt sich beim Weltuntergang das Menschenpaar,
von dem in der neuen Welt ein neues Geschlecht ausgeht. Offenbar ist
mit diesem wunderbaren Baum die Weltesche, die sonst Yggdrasil heisst,
gemeint. Die verstreuten Züge geben vereinigt dieses Bild: Aus den
Wurzeln der Weltesche entspringt der Quell des weisen Mimir oder Mimi,
dort birgt der Mimirquell sein Haupt. Der Ursprung der Quelle, wie
Ortsnamen Brunnhaupt, Bachhaupt, Seeshaupt, Salhaupt (des Baches Sal)
u. ä. zeigen, wird ihr Haupt genannt. Nach dem urweisen Wassergeist
heisst der Baum auch Mimameid. Mimir (urgerm. *_Mimiaz_) oder Mimi
(urgerm. *_Mimiō_), der Denkende, war ein allen Germanen bekannter
Geist der Gewässer, der Beherrscher der Gewässer, die seine Söhne
heissen (Vǫl. 46), dessen Sitz im Schatten der Wälder unter heiligen
Bäumen gedacht wurde. Ihm eignete tiefes, unergründliches Wissen.
Auf besondere Weise ist die Sage im Norden entwickelt und mit Odin
und dem Weltbaum verknüpft worden. Ob man Odins Einäugigkeit auf die
Sonne deuten darf, scheint zweifelhaft. Aber vorerst ist keine bessere
Erklärung gefunden. Dichterische Bildersprache mag die Sonne als das
Auge des Himmelsgottes bezeichnen, wie die Sonne das Auge des Zeus
ist. Ihr Spiegelbild im Gewässer ist das andre Auge, das der Gott,
um Weisheit zu erholen, in den tiefen Quellengrund hinabsenkte. In
ständigem Verkehr stehen Sonne und Wasser, die Sonne zieht Wasser,
das Wasser nimmt ihr Bild zum Pfand. So mag zur Not das Verhältniss
zwischen Odin und Mimir gedeutet werden. Auch das Versinken der
Sonne im Meer könnte den Mythus veranlasst haben. Liegt die Sonne im
Quellengrunde, in Mimirs tiefem Brunnen, aus dem alle Gewässer ihren
Ursprung haben, dann mag auch dadurch die Vorstellung, dass ein Strom
aus Odins Pfande fliesst, erklärt werden. Die Sage von Odin und Mimir
ist schwerlich sehr alt, sie ist allzu geistig und weist auf bewusst
schaffende, kunstreiche dichterische Erfindung. „_Mimirs Haupt_“,
Quellursprung, wurde später missverstanden, wörtlich genommen. Dazu mag
auch mitgewirkt haben, dass Mimir an den Fuss des Weltbaumes verlegt
worden war. Der Weltbaum ist aber der Kreuzesbaum und unmöglich aus
dem nordischen oder gar germanischen Heidentum allein zu deuten. Der
Kreuzesbaum steht, wie noch zahlreiche Krucifixe erkennen lassen, auf
Adams Schädel, auf einem Menschenhaupt. Geheimnissvolle Beziehung webt
vom Grunde zum Stamm hinauf, von Adam zu Christus. An der Weltesche
hängt Odin, wie Christus am Kreuzesbaum. So steigt die Sage von Odin
und Mimir aus ihren einfachen, volkstümlichen, germanischen Anfängen in
geheimnissvolles Dunkel, in kühne Phantasien auf, deren Entstehung in
eine bereits von christlichen Einwirkungen erfüllte Zeit fällt.
Odin erzählt in den Hǫ́vamǫ́l: