Walde traf Dag den Helgi und durchbohrte ihn; Helgi stieg zu Odins
Sälen auf.[365]
In der Geschichte von Wikar ist das Opfer an Odin durch Zeichnung
mit dem Speer am deutlichsten.[366] Wikar und seine Schiffsgefährten
müssen wegen widrigen Windes einmal lange liegen. Da befragen sie
das Loosorakel. Es ergibt sich, dass Odin einen Mann aus ihrer Schar
verlangt. Das Loos trifft den König Wikar selber, wodurch alle
bestürzt sind. Starkad schlägt vor, das Opfer nur andeutungsweise zu
vollziehen. Er steigt unter einer Föhre auf einen hohen Block, biegt
einen schwanken Ast herab und knüpft daran dünne Kalbsdärme. „Nun
ist dir hier ein Galgen bereitet, König, der nicht lebensgefährlich
bedünken wird.“ Wikar steigt auf den Block und legt sich die Schlinge
um den Hals, Starkad nimmt einen Rohrstab, den ihm sein Pflegvater
Hrossharsgrani, der verhüllte Odin in der Nacht gegeben, stösst damit
nach dem König und spricht: Nun geb ich dich dem Odin! Alsbald wird
der Stab zum Speer, der den König durchbohrt, der Block fällt unter
seinen Füssen, die Kalbsdärme werden zum starken Weidenstrang, der Ast
schnellt empor und hebt den sterbenden König ins Gezweig.
Wikar, den Odin auf so grausame Weise als Opfer zu sich nahm, war
dem Gotte schon vor seiner Geburt verlobt worden. Alfrek, König in
Hordaland, hatte zwei Frauen. Unter dem Namen Hott (Hut) kam Odin zu
Geirhild und versprach ihr, König Alfrek werde sie allein zur Ehe
haben, aber sie müsse in allen Dingen Odin anrufen. Alfrek bestimmte,
die Frau zu behalten, welche das beste Bier zu brauen vermöge. Sie
wetteiferten im Brauen, Signy rief Freyja an, Geirhild Odin. Dieser gab
seinen Speichel statt der Gähre und verlangte als Lohn, was zwischen
Geirhild und der Kufe sei (das Kind im Mutterleib). Geirhilds Bier
bestand die Probe. Im selben Halbjahr ward Wikar geboren. König Alfrek
sagte sein Schicksal voraus, indem er zu Geirhild sprach: Hangen seh
ich an hohem Galgen dein Kind verkauft an Odin.[367]
Dass ein Kind wie Wikar Odin förmlich verlobt wird, kommt auch sonst
vor. Eywind Kinnrifa war ein zauberkundiger Opferer, den König Olaf
der Heilige zu bekehren trachtete. Aber weder freundliche noch harte
Worte, weder Versprechungen noch Drohungen machten auf Eywind Eindruck.
Da liess der König ein Becken voll glühender Kohlen auf seinen Leib
setzen. Da gestand Eywind, er sei eigentlich kein rechter Mensch,
sondern habe von seinen kinderlosen Eltern nur unter der Bedingung
erzeugt werden können, dass er zeitlebens dem Thor und Odin diene.
So sei er diesen vor der Geburt versprochen, nach der Geburt geweiht
worden und habe diese Weihe später selber erneuert; so mannigfach den
Göttern hingegeben, könne und wolle er ihnen nicht absagen. Damit starb
er treu seinem Gelübde.[368]
Siwardus des dänischen Königs Ragnar Lodbrok Sohn wurde in einer
Schlacht schwer verwundet und in einen naheliegenden Ort gebracht, um
dort geheilt zu werden. Kein Heilmittel half, die Ärzte gaben ihn
auf. Da kam ein alter wunderbar grosser Mann zum Bett des Kranken und
versprach, er werde alsbald den Siwardus gesund machen, wenn dieser
ihm das Leben aller der Männer, die er im Kampfe erlege, geben wolle.
Der Fremde nannte sich Rostarus. Siwardus gelobte, das Verlangen zu
erfüllen. Da legte der Alte seine Hand auf die Wunde, alsbald schwand
der Brand daraus und sie vernarbte.[369]
Auch neben der Wal verlangt Odin die meisten Menschenopfer, wie
folgende Sagen beweisen.
König Aun in Schweden opferte Odin um langes Leben. Odin gewährte ihm
je 10 Jahre für jeden Sohn, den er ihm opfere. Indem er neun Söhne,
jeden zehnten Winter einen, opferte, erkaufte der König langes Leben
und ward schliesslich so alt, dass er wie ein kleines Kind zu Bett
liegen musste und aus dem Horne trank.[370] Das Volk opfert sogar
seinen König bei eingetretener Hungersnot, um Odin günstig zu stimmen.
Unter Domaldi opferten die Schweden im ersten Herbst Ochsen, dann im
zweiten einen Menschen, doch ohne Erfolg. Im dritten Jahr wurde Domaldi
selber getötet und mit seinem Blut der Opferstein bestrichen.[371]
Unter Olaf Trételgja entstand wieder Hungersnot, das Volk meinte, weil
der König kein eifriger Opferer war. Da umringten sie sein Haus und
verbrannten ihn darin und schenkten ihn dem Odin um gute Jahrzeit.[372]
Der sterbende Krieger spricht die Hoffnung aus, noch am Abend bei Odin
Gast zu sein, der Sieger hofft, seinen Feind dorthin zu weisen. So
sagt der todwunde Kari zu König Olaf: Lebt wol, Herr; ich werde bei
Odin Gast sein.[373] Vor dem Kampf mit den Berserkern sagt Hjalmar zu
Odd: Wir beide werden am Abend bei Odin gasten und jene zwölf leben.
Odd erwidert: Die zwölf Berserker sollen bei Odin gasten und wir beide
leben.[374] Von Rognwald, dem Ragnarsohne, der in der Schlacht fiel,
sagt Aslaug, seine Mutter: Rognwald rötete den Schild im Männerblut.
Als jüngster meiner Söhne fuhr er zu Odin.[375]
Helgi Olafsson hatte den Thorgrim Thormodarson im Kampfe getötet.
Da sang er: Thormods kampfkühnen Erben gab ich dem Odin.[376] Obwol
Odin Sieg und Glück verleiht, ruft er doch seine Lieblinge durch
Waffentod zu sich. Am Ende der Laufbahn wird er ihnen gram, wie es in
der Halfssage[377] heisst. Wie Half zu Asmund fährt, bei dem er den
Untergang findet, sagt Innstein: Dir ist Odin gram geworden, dass du
auf Asmund fest vertrautest. Der Held grollt dem Gott, obwol dieser
ihn dadurch nur zu seinen Sälen lud. So spricht derselbe Innstein vor
seinem Fall: Übles haben wir Odin zu lohnen, der solchen König des
Siegs beraubte.
Nach dem Grimnirlied 8 und nach Snorri kommen nur die waffentoten
Männer nach Walhall. Dieser Auffassung würde auch die ursprüngliche
Bedeutung des Wortes, Halle der Wal, der im Kampfe Gefallenen (_wal_ =
_strages_, Haufe Erschlagener) entsprechen. Trotzdem weilen in Walhall
Helden, die nicht den Schlachtentod starben, Sinfjotli, der an Gift zu
Grunde ging, Vanlandi, den die Mara zu Tode trat, fuhr zu Odin[378],
Halfdan, der an Krankheit umkam, wird zu Odin entboten[379], Ragnar,
der in der Schlangengrube sein Ende findet, hofft auf Walhall.[380]
Vorstellungen von der Hölle, einem allgemeinen Seelenheim und von
besondern Aufenthaltsörtern der Toten, hier der gefallenen Krieger,
laufen gleichzeitig neben einander her.[381]
+Odin als Heldenvater.+
Reich entwickelt sind die Sagen, die von Odins Wirken unter den
Menschen erzählen. Nicht immer offenbart er sich im Glanze der
Göttlichkeit, meistens tritt er in unscheinbarer Gestalt, als
Wanderer, an seinen Günstling heran. Mit Rat und That hilft er, was
er gewährt, ist meistens Sieg. Doch ist seine Gunst nicht beständig,
am Ende verursacht er selber den blutigen Untergang seines einstigen
Schützlings, dass dieser also eingehe in Walhalls Wonne. Wenige fügen
sich dem letzten irdischen Verhängniss mit der erhabenen stillen Grösse
Sigmunds, der auch darin den Gott verehrt. Dieser treulose Zug an Odin
gibt Loki den bösen Vorwurf ein:
Schweige du, Odin, ungerecht teilst du
Unter Kriegern des Kampfes Glück;
Du gabest oft, dem du geben nicht solltest,
Dem Schlechteren Sieg in der Schlacht.[382]
Odin nimmt junge Heldensöhne in eigene Pflege. Er wurde als
Hrossharsgrani der Pflegevater Starkads, den Odin begünstigte, Thor
verfluchte. Der Knabe hatte, drei Jahre alt, seinen Vater verloren
und war Pflegekind König Haralds von Agdir. Durch Heerfahrt brachte
Hrossharsgrani Starkad in seine Gewalt und erzog ihn auf der
abgelegenen Insel Fenhring neun Winter lang.[383] Der achtjährige
Geirröd und der zehnjährige Agnar, die Söhne Königs Hraudung, ruderten
in einem Boote auf Fischfang hinaus. Da trieb sie der Wind ins weite
Meer. In dunkler Nacht scheiterten sie an einer Küste, erreichten das
Land und fanden einen Kleinbauern, bei welchem sie überwinterten. Die
Hausfrau nahm sich Agnars an, der Bauer sorgte für Geirröd und belehrte
ihn mit reicher Weisheit. Der Bauer war Odin, das Weib Frigg, die sich
auf solche Weise Pfleglinge erkoren.[384]
Über dem Wolsungenstamm waltet Odin von Anfang an. Von Sigi ward
gesagt, er sei ein Sohn Odins. Als Sigi wegen Todschlags friedlos
wurde, geleitete ihn Odin aus dem Lande und verschaffte ihm
Heerschiffe. Sigi hatte immer Sieg und eroberte sich ein Reich. Sein
Sohn Rerir hatte lange keine Kinder. Da flehte er zu Odin und der
sandte durch sein Wunschmädchen Hljod der Frau des Rerir einen Apfel,
nach dessen Genuss sie den Wolsung gebar, der ein gewaltiger Krieger
wurde und allezeit Siegesglück hatte. Der nahm auch das Wunschmädchen
Hljod zur Frau, und von ihm stammte Sigmund, von diesem Sinfjotli und
Sigurd. Aus Not und Bedrängniss ringt sich unter des Siegesgottes
stetiger Leitung der Wolsungenstamm zu gewaltigem Heldentum empor.[385]
König Wolsung vermählte seine Tochter Signy dem Siggeir. Abends,
als die Männer den Feuern entlang in der Halle sassen, die um einen
Baumstamm gezimmert war, trat ein unbekannter Mann herein. Der Mann
war gross, alt und einäugig. Auf dem Kopf hatte er einen breiten Hut,
er war in einen fleckigen Mantel gehüllt, trug leinene Hosen und war
barfuss. In der Hand hielt er ein Schwert, das stiess er bis ans Heft
in den Stamm hinein. Dem sollte es gehören, der es herauszuziehen
vermöchte. Dann schritt er aus der Halle und verschwand. Die Männer
versuchten sich alle am Schwert, umsonst. Doch Sigmund, Wolsungs Sohn,
zog es mühelos heraus. Er führte das Götterschwert seitdem in seinen
Kämpfen. Als der gealterte Held gegen Lyngwi, Hundings Sohn, focht,
da kam ein einäugiger Mann mit breitem Hut und blauem Mantel ihm
entgegen. Er schwang den Speer gegen Sigmund, das Schwert zersprang
in zwei Stücke. Da war Sigmunds Glück gewendet und er fiel.[386] Als
Hjordis auf die Walstatt geht, um den schwerwunden Sigmund zu heilen,
da lässt er es nicht zu. „Odin will nicht, dass ich fürder das Schwert
schwinge, da es nun in Stücke brach. Ich habe gekämpft, solang es ihm
gefiel. Wahre die Schwertstücke unsrem Sohn. Daraus wird ein Schwert
geschmiedet werden, mit dem er Heldenthaten vollbringt. Ich aber will
nun meine vorausgegangenen Blutsfreunde aufsuchen.“ Odin begabt seinen
erkorenen Helden mit dem trefflichen Siegschwert, aber er nimmt selber
das Glück am Ende seiner Tage von ihm. Sigmund erkennt das Walten des
Gottes, der durch den Waffentod ihn zu sich ladet, nach Walhall, wo
seine tapfern Ahnen weilen und seiner harren.[387]
Der Dänenkönig Harald Hildetand war von Odin begünstigt, dass kein
Eisen ihn verletzen konnte. Dafür hatte er die Seelen aller von ihm
Erschlagenen Odin verheissen. Vor einem Krieg gegen die Schweden
erschien ihm ein grosser einäugiger Greis mit haarigem Mantel. Der
nannte sich Odin, behauptete sehr kriegskundig zu sein, und lehrte
ihn die keilförmige Schlachtordnung sowie auch die Anordnung eines
Seetreffens. Mittelst dieser Belehrungen trug Harald den Sieg davon.
Haralds Neffe, König von Schweden, war Ring. Bruni war Haralds
Vertrauter und trug alle geheimen Botschaften zwischen den Königen
hin und her. Einst wurde er auf einer Botschaftsreise vom Strom
verschlungen. Da nahm Odin Brunis Namen und Gestalt an und wusste durch
trügerische Ausrichtungen die Bande der Freundschaft und Verwandtschaft
zwischen den beiden zu lösen. Sie kündigten sich schliesslich Krieg
an und rüsteten sieben Jahre zur Entscheidungsschlacht auf dem
Brawallafeld in Schweden. Der altersblinde König Harald stand auf
einem Wagen und erhob seine Stimme, so laut er konnte, seine Schaaren
anzufeuern. An seiner Statt hatte Bruni die Schlachtreihen in Keilform
geordnet. Nun begann die ungeheure Schlacht, an der viele gewaltige
Kämpen und Schildjungfrauen teil nahmen. Das Glück wandte sich gegen
die Dänen. Der blinde Harald entnahm es aus dem traurigen Gemurmel der
Seinigen. Er hiess Bruni, seinen Wagenlenker, beobachten, wie Ring
sein Heer geordnet habe. Lachend erwiderte Bruni, der Feind kämpfe
in Keilordnung. Bestürzt und erstaunt hierüber fragte der König, von
wem Ring diese Weise der Heerschaarung erlernt habe, da doch Odin der
Erfinder und Meister derselben sei und von ihm niemand, als Harald
selbst, in dieser neuen Kriegskunst unterrichtet worden. Als Bruni
hierauf schwieg, gemahnte es den König, derselbe sei Odin, und der ihm
einst befreundete Gott habe, um ihm jetzt zu helfen oder die Hülfe zu
entziehen, solche Gestalt angenommen. Da begann er ihn anzuflehen,
dass er den Dänen, welchen er sonst gnädig sich erzeigt, auch diesmal
den Sieg verleihen möge; auch versprach er, die Seelen der Gefallenen
dem Gotte zu weihen. Bruni aber, unbewegt durch diese Bitten, warf
plötzlich den König aus dem Wagen, stiess ihn zu Boden, entriss dem
Fallenden die Keule und zerschmetterte ihm damit das Haupt. Da liess
Ring die Schlacht aufhören. Dem gefallenen Harald veranstaltete er eine
königliche Leichenfeier.[388]
In dieser Sage nimmt Odin wie bei Sigmund seinem Liebling am Ende Leben
und Sieg. Um durch die gefallenen Helden die Schaar seiner Einherjer
zu mehren, stiftete er selbst unter Verwandten Streit. Wem Odin Gunst
gewährt, den holt er sich selber zum Opfer.
Beim Heer der Hunnen, das gegen König Frotho von Dänemark heranzieht,
befindet sich _Uggerus_ (an. _Yggr_) _vates vir aetatis et supra
humanum terminum prolixus_, also deutlich der verkappte Odin. Als das
Heer der Hunnen in Hungersnot gerät, verlässt es Uggerus und geht zu
Frotho über, dem er die Pläne und Anschläge des Hunnenkönigs verrät.
Wie in den andern Sagen zeigt sich Odin auch hier unbeständig, indem er
seinen Günstling plötzlich aufgibt.[389]
Nach nordischer Sage hat Sigurd Vaterrache an den Söhnen Hundings
zu vollbringen. Mit einer Flotte machte er sich auf. Ein gewaltiger
Sturm überfiel sie gerade in der Nähe eines Vorgebirges. Auf dem Berge
stand ein Mann, der sie anrief und Aufnahme forderte. Sie segelten
ans Land, da ging der Mann an Bord und das Unwetter legte sich. Der
Mann nannte sich Hnikar. Er wies Sigurd alle Vorzeichen, die für den
Ausgang eines Kampfes Gutes verkünden, den Angang von Raben und Wölfen,
von Recken. Den Sieg erringt, wer die Krieger keilförmig zu ordnen
versteht. Hnikar war Odin, der seinem Lieblingshelden erschien und
ihm den glücklichen Ausgang seines Unternehmens vorhersagte.[390] Die
keilförmige Schlachtordnung lehrte Odin seine besondern Günstlinge.
Die Volsungasaga weiss noch von mehr Erscheinungen Odins zu erzählen.
Als alter Mann mit grossem Barte trat er zu Sigurd, als er sich ein
Ross auswählte, und wies ihm Grani, der von Sleipnir stammte. Beim
Kampfe mit Fafnir nahte er wieder und sagte, wie er den Wurm angreifen
sollte.[391]
Als Hadding einem Gegner mit Namen Thuning, der ihn mit einer
Hilfsschaar von Biarmiern bekriegen wollte, entgegenzog und mit seiner
Flotte an Norwegen vorbeifuhr, sah er am Ufer einen Greis, der eifrig
mit dem Gewand winkte, dass man an der Küste anfahren sollte. Hadding
nahm ihn an Bord, obwol seine Gefährten nicht wollten, dass man sich
damit verweile. Er empfing nun von diesem Fremdling die Anweisung zu
einer neuen keilförmigen Schlachtordnung. Im Kampfe selbst stellte der
Greis sich hinter die Reihen, zog aus der Tasche, die ihm vom Nacken
hing, einen Bogen, der anfangs klein erschien, bald aber sich weiter
ausdehnte, und legte an die Sehne zehn Pfeile zugleich, die, mit
kräftigem Schuss auf die Feinde geschnellt, ebensoviel Wunden bohrten.
Die Biarmier führten durch Zauberlieder ungeheure Regengüsse herbei,
aber der Greis vertrieb durch Sturmgewölk den Regen. Hadding siegte
und der Alte schied, indem er ihn ermahnte, glänzende Kriegszüge den
ruhmlosen, ferne den nahen vorzuziehen, und ihm den Tod nicht durch
Feindesgewalt, sondern durch eigene Hand weissagte.
Als König Frotho in Kriegen den Schatz seines Vaters aufgezehrt hatte
und nicht wusste, wie er sein Kriegsvolk weiter erhalten sollte, da
wurde er von einem herzutretenden Manne ermutigt, einen goldhütenden
Wurm zu erlegen. Der Mann wies ihm die Mittel dazu. Er soll seinen
Schild und seinen Leib zum Schutze gegen des Drachen Gift mit
Stierhäuten bedecken. Die Schuppenhaut des Drachen trotze zwar jeder
Waffe, aber am Bauch sei eine Stelle, wo das Schwert eindringen könne.
Frotho fuhr auf die Insel, wo der Wurm hauste, griff ihn an, als er
von der Tränke nach der Höhle zurückkehrte, und erlegte ihn auf die
angegebene Weise.[392] Ähnlich berät Odin Sigurd vor dem Kampf mit
Fafnir.[393]
Odins plötzliches Eingreifen rettet seine Freunde vor dem Untergang. So
erzählt Saxo[394] von den „Hellespontischen“ Brüdern, welche den Tod
ihrer Schwester Swavilda an Jarmericus rächen. Der Rat der Zaubrerin
Gudrun schlug des Königs Krieger mit Blindheit, dass sie die Waffen
gegen einander erhuben und die Hellespontier mühelos sie erschlugen.
Während des Getümmels kam plötzlich Odin unter die Kämpfenden und gab
den Dänen ihr Gesicht wieder. Die hiebfesten Hellespontier hiess er
durch Steinwürfe töten. Die Wolsungensage[395] erzählt: Auf Hamdir und
Sorli biss im Kampf kein Eisen. Da kam ein hoher, alter, einäugiger
Mann und riet, man solle sie mit Steinen zu Tode werfen. Wie Odin
seine Feinde mit Blindheit schlägt und verwirrt, so nimmt er solche
Verwirrung von seinen Freunden, vernichtet den gegen sie geübten
schädlichen Zauber und greift mit gutem Rate ein.
Als der dänische König Hrolf mit grösserem Gefolge auf der Kriegsfahrt
nach Uppsala sich befindet, kommen sie zum Gehöft eines Bauern namens
Hrani, der ihnen Nachtherberge anbietet. Auf Hrolfs Zweifel, ob er sie
alle aufnehmen könne, entgegnet Hrani lachend: Nicht weniger Männer
hab ich manchmal kommen sehen, da wo ich gewesen bin. Hrani prüft die
Ausdauer der Gefährten Hrolfs durch Kälte, Durst und Feuer und rät dem
König, alle, die nicht geduldig ausdauern, zurückzuschicken, so dass
schliesslich Hrolf nur mit seinen zwölf Recken nach Schweden reitet.
Auf der Rückkehr sprechen sie wieder bei Hrani vor. Der Bauer bietet
dem König Waffen, Schild, Schwert und Brünne zum Geschenk. Hrolf will
nichts annehmen, worüber Hrani sich erzürnt. Nicht bist du so weise,
wie du dir däuchst, sagt Hrani. Hrolf und seine Helden reiten weiter,
obwol die Nacht finster ist. Noch sind sie nicht weit gekommen, da sagt
Bodwar: Zu spät besinnen sich Unkluge. So geht es mir jetzt; es ahnt
mir, dass wir nicht weislich gehandelt haben, indem wir uns selbst den
Sieg versagten. König Hrolf erwidert: Dasselbe ahnt mir; dieser Mann
mag Odin gewesen sein, und in Wahrheit er war einäugig. Sie kehren
um, aber Bauer und Hof sind verschwunden. So erzieht und kräftigt der
kampfwerbende Gott die Helden und verleiht kühnen Rat. Aber wie Hrolf
sein Waffengeschenk ausschlägt, entzieht er ihnen den Sieg und in der
letzten Schlacht kämpft er selber im Heere der Feinde. Bodwar bemerkt,
dass allerlei Gespenster gegen Hrolf und seine Helden kämpfen. „Aber
Odin kann ich nicht erblicken, und doch zweifle ich nicht, dass er hier
unter uns schwebt, der treulose Sohn Herjans!“ Auch nach Saxos Bericht
ist Odin unter den Feinden. Bjarco erblickt ihn, als er durch die
Armbeuge seiner Gattin Ruta schaut.[396]
Dem Berserker Framar hatte Odin beständigen Sieg und Unverwundbarkeit
verliehen. Aber im Zweikampf mit Ketil Hæng biss dessen Schwert auf
Framar ein. Sterbend sagte er: Baldrs Vater trog; auf ihn zu trauen ist
kein Verlass. Also auch in dieser späten Sage kehrt der alte Vorwurf
von Odins Unbeständigkeit wieder.[397]
Hord wollte den Grabhügel des Kämpen Soti erbrechen, um seine Schätze
zu gewinnen. Er fuhr in einen dichten Wald, in dem der Hügel lag. Auf
einer Lichtung erhub sich ein grosses, schönes Haus, davor stand ein
Mann in blauem Mantel, welcher Hord begrüsste. Er nannte sich Bjorn
und sagte: Ich war deinen Blutsfreunden hold, das sollst du von mir
geniessen. Ich weiss, dass du Sotis Grab erbrechen willst. Wenn es euch
nicht gelingt, dann komm zu mir. Hord ritt nun weiter zu Hroar und sie
versuchten, den Hügel zu öffnen. Doch soviel sie gruben, am nächsten
Morgen war der Hügel wieder ganz. Da ritt Hord zu Bjorn zurück. Der gab
ihm ein Schwert, das solle er in die Hügelwand stossen. So glückte es
auch. Nach vollbrachter That konnten sie Bjorn nimmer finden und die
Leute glaubten fest, es sei Odin gewesen.[398]
Sinfjotli war an Gift, das ihm seine Stiefmutter Borghild zu trinken
gab, gestorben. Sigmund trug ihn eine weite Strecke in seinen Armen und
kam zu einem schmalen und langen Meerbusen; am Ufer lag ein kleines
Schiff und darin war ein Mann. Der erbot sich, den Sigmund über den
Meerbusen zu fahren. Als aber Sigmund die Leiche ins Bot getragen
hatte, war kein Platz mehr darin. Da sagte der Mann, Sigmund möge
zu Fuss um den Meerbusen herumgehen. Darauf stiess der Mann mit dem
Boote ab und war sogleich verschwunden. Hier ist angespielt auf den
Volksglauben, dass die Seelen auf einem Schiff ins Gebiet der Unterwelt
fahren, auf die nordische Sitte, die Gestorbenen auf einem Schiffe
den Wogen zu überlassen. Der Ferge wird aber Odin selber sein, der ja
auch als Harbard in solcher Eigenschaft erscheint. Er nimmt so den
Sinfjotli, der nach Walhall eingeht, selber in Empfang.[399]
+Odin gewährt Fahrwind und Reichtümer.+
Die alte Natur des Windgottes bricht bei Odin noch durch, wenn er um
gute Schifffahrt angerufen wird. Hallfred thut ein Gelübde an Odin
und Thor, wenn er Fahrwind aus Norwegen nach Island erhält.[400]
Im Hyndlalied 3 heisst es, Odin gibt dem Seemann Fahrwind. In den
Hǫ́vamǫ́l 153 sagt Odin:
Einen neunten [Zauber] kenn ich, wenn Not mir dräut,
Im Meere zu schirmen mein Schiff:
Den Wind beschwör ich auf wogender Flut
Und singe in Schlummer die See.
Als Hnikar zu Sigurd an Bord kommt, legt sich alsbald das Unwetter.
Sonst tritt aber diese Seite Odins in den nordischen Gedichten nicht
weiter hervor.
Dass Odin Reichtümer spendet, erwähnt das Hyndlalied 3. Auch die
Ynglingasaga K. 7 sagt, Odin habe um alle verborgenen Erdschätze
gewusst und sie zu bannen verstanden. Nach späterer schwedischer
Volkssage, die aber verdächtig scheint und vielleicht auf gelehrtem
Wege Odin für den Teufel einsetzte, konnte man am Donnerstag Abend auf
dem Kreuzweg sich in Odins Gewalt geben und empfing dann Geld von ihm.
Auch wurde Odin zu Gast geladen. Er fuhr in einem grossen von Rappen
gezogenen Wagen vor, nahm die zugerichtete Mahlzeit ein und liess dafür
Geld zurück.[401] Aus alter Zeit liegen keine Sagen vor, welche Odin
als den Spender von Reichtümern zeigen.
+Odins Liebesabenteuer.+
Odin hat mehrfach Liebesabenteuer erlebt, wie schon die Geschichte
von Rind zeigte. Im Harbardslied rühmt er sich, wie er auf allgrüner
Insel Krieger erschlug und Mädchen nachging, die ihm Wonne und Lust
gewährten, wie er mit feiner Kunst Zauberweiber, Nachtreiterinnen
verführte.
„Ich war ferne im Osten, mit einem Fräulein schwatzt
ich,
Spielte mit der Linnenweissen, verlockte sie zu heimlichem
Umgang;
Froh machte ich die Goldgeschmückte, und sie gönnte mir
Liebesgenuss.“
Auch Riesinnen bezwingt er, Grid oder Hlodyn, die Mutter des Widar.
Erscheint doch die Erdgöttin, des höchsten Gottes Gemahlin auch als
Riesenweib. In den Hǫ́vomǫ́l[402] weiss Odin von seinen Liebschaften
zu sagen. Der Weiber Wort traue der Mann nicht, auf rollendem Rad ward
ihr Herz geschaffen, darum wohnt Wankelmut drin. Im Rohre sass Odin
und harrte seiner Liebsten, Billings sonnenschöner Tochter (Rindr?),
aber umsonst. Da geht er zu ihrem Hause und findet sie im Bette. Sie
bestellt ihn auf den Abend, damit niemand etwas merke. Er kommt wieder
voll Hoffnung, aber wehrhafte Krieger wachen, Lichter und Fackeln
verscheuchen ihn. Noch einmal naht er gegen Morgen. Da liegt eine
Hündin an der Holden Stelle im Bett fest gebunden.
„Manch prächtige Maid, prüfst du sie näher,
Zeigt den Werbenden Wankelmut;
Erfahren hab ich’s, als verführen ich wollte
Die listige Jungfrau zur Lust;
Kränkenden Lohn that die Kluge mir an,
Und nichts genoss ich von ihr.“
* * * * *