In Gladsheim, in der Welt der Wonnen ragt Odins Saal, die

goldglänzende, weite Halle, Walhall.[344] Dorthin wählt der Gott

täglich sich die Helden, welche den Waffentod erlitten. So war der

Glaube der Heidenleute, dass alle die nach Walhall fahren sollten, die

an Wunden starben. Am hohen Saal bilden Speere das Sparrengerüst,

Schilde decken als Schindeln das Dach, auf die Bänke sind Brünnen

gelegt. Westlich am Eingangsthor hängt ein Wolf, darüber schwebt ein

Adler. Fünfhundertundvierzig Thüren hat Walhall, aus jeder mögen

zugleich achthundert Streiter hervorgehen. Beleuchtet wird die Halle am

Abend durch den Glanz der Schwerter. Vor Walhall steht der Hain Glasir,

dessen Laub von lauterem Gold erglänzt. Ausser Walhall erhebt sich in

Gladsheim Wingolf, die Halle der Göttinnen, ein treffliches und schönes

Haus. Vielleicht ist darunter Folkwang, das Volksgefilde zu verstehen,

wo Freyja waltet, die täglich die Hälfte der gefallenen Helden sich

wählt. Nach Wingolf und Walhall werden die Einherjer gewiesen.[345]

In Kampfspiel und Gelage verbringen die Helden ihre Tage. Odin selber

nährt sich nur von Wein, seine Tischkost gibt er seinen Wölfen. Auf

seiner Schulter sitzen zwei Raben, die ihm alle Begebenheiten, die

sie sehen oder hören, ins Ohr sagen.[346] Sie heissen Hugin und

Munin. Diese sendet Odin früh am Morgen aus, um durch alle Welten

zu fliegen; um die Frühstückszeit kehren sie zurück. Die Einherjer

aber essen vom Fleische des Ebers Saehrimnir, den der Koch Andhrimnir

im Kessel Eldhrimnir siedet. Täglich wird er gesotten, aber abends

ist er doch wieder heil. Sie trinken Bier, das die Walküren ihnen

zutragen. Unverständlich ist die Ziege Heidrun, welche auf Walhalls

Dach stehend die Triebe von den Zweigen des Baumes Laerad nagt, aus

deren Zitzen Milch rinnt. Sie füllt die Krüge mit klarem Met, nimmer

versiegt das Nass. Auch der Hirsch Eikthyrnir steht dort, aus dessen

Hörnern es in den Höllenbrunnen Hvergelmir rinnt, woraus alle Ströme

stammen. Ziege und Hirsch samt dem Baum, dessen Triebe sie benagen,

sind wahrscheinlich den Tieren an der Weltesche gleichzustellen.[347]

Das Gefilde von Walhall, das Reich des Todes, betritt man durch die

heilige, alte Pforte Walgrind, die Totenpforte, die einen kunstvollen

Verschluss hat. Um nach Walhall zu kommen, müssen die Scharen der

Gefallenen einen wogenden Strom durchwaten. Die Welt des Todes ist

also wie auch sonst die Unterwelt von einem Fluss umgeben. Thund, der

Angeschwollene, heisst der Strom. „Odin heisst Walvater, weil alle,

die auf der Walstatt fallen, seine Wunschsöhne sind. Diese nimmt er

auf in Walhall und Wingolf und sie heissen dann Einherjer.“ So sagt

Snorri. Es ist zweifelhaft, ob er damit eigene Gedanken oder ältere

Überlieferung vorträgt. In keinem Gedichte wird das Verhältniss der

Einherjer zu Odin als das von „Wunschsöhnen“ d. i. Adoptivsöhnen

dargestellt.[348] Vielleicht ist der Begriff nur aus der Benennung

Walvater, Vater der Erschlagenen, die also eben im Tod und durch den

Tod dieses Vaters Söhne werden, entnommen. Vater meint ursprünglich

Urheber, der bildliche Ausdruck wäre allzu wörtlich ausgelegt worden.

Zwar wird es nicht überall als Grundsatz ausgesprochen, aber doch

zweimal angedeutet, dass Walhall nur Helden, Edelingen und Freien sich

aufthut.[349]

+Die Walküren.+

In Walhall thun die Walküren Dienst. Sie reichen den Trank herum,

bringen den Einherjern Bier, haben das Tischgerät und die Bierkrüge in

ihrer Obhut. Odin sendet sie aber auch in die Schlacht aus, dort wählen

sie die Männer aus, die dem Tode erliegen sollen, und verleihen den

Sieg. Immerfort reiten sie, Wal zu kiesen und Kämpfe zu entscheiden.

Die Walküren oder Walmädahin[350], die Wählerinnen der kampftoten

Helden, reiten auf ihren Rossen durch die Lüfte und übers Meer. Meist

erscheinen sie geschart, zu drei, sechs, neun, zwölf. Mit Helm und

Schild, in fester Brünne, mit funkensprühenden Speeren, von leuchtenden

Blitzen umspielt reiten sie auf ihren Wolkenrossen dahin durch die

Lüfte; schütteln sich die Rosse, so fällt von den Mähnen fruchtbarer

Thau in die Thäler und Hagel ins hohe Gehölz. Die Walküren sind von

leuchtender Schönheit. Der Skald Hornklofi[351], welcher ein Lied

dichtete, in dem eine Walküre und ein Rabe Zwiesprache über des Königs

Harald Thaten halten, nennt die Walküre eine strahlende lichthaarige

Maid (_mey hvíta haddbjarta_). Wenn Odin nicht selber an den Kämpfen

teilnimmt, dann entsendet er die Mädchen als seine Stellvertreterinnen.

In ihren Namen kommt ihr Wesen zum Ausdruck. Neben gewöhnlichen

kriegerischen Frauennamen wie Hild und Gud, Reginleif, Thrud stehen

besondere wie Geirolul die Speerträgerin, Skogul die Hochragende, Goll

die Schreierin, Hrist die Schüttelnde, Hrund die Stossende, Skeggold

Beilzeit (d. h. Kriegszeit), Herfjǫtur Heerfessel (der lähmende

Schrecken, der einen plötzlich befällt), Mist die im Nebel Hausende

u. drgl. Auch Skuld, die Jüngste der Nornen, reiht sich den Walküren

ein. Bei feierlichem Aufzug, zum Leichenbrand Baldrs ist Odin von

seinen Raben und von den Walküren begleitet.[352] In Odins Mädchen

vereinigen sich mehrere Gestalten, die gesondert auch sonst vorkommen:

die Schicksalsfrauen, indem sie des Volkes wichtigstes Geschick, die

Schlacht entscheiden, Sturmgöttinnen als Vervielfältigung der Gemahlin

Odins, nach nordischem Berichte der Freyja, seelische Geister, Fylgjen,

die dem Todgeweihten sichtbar werden, irdische Weiber, welche beim

prächtigen Gelage in des Königs Halle den Trank herumreichen, Frauen,

die in der kampfbewegten Wikingerzeit wirklich die Waffen der Männer

anlegten und von deren Thaten das nordische Heldenlied erfüllt ist.

Das Schildmädchen ist eine Lieblingsgestalt der nordischen Sage und

leicht vermischt es sich mit Heervaters Maid, nimmt an deren göttlicher

Erscheinung teil. Die Walküre, in Walhall und auf der Walstatt als

Odins Dienerin, gehört somit nur der nordischen Dichtung, während die

verschiedenen einzelnen Gestalten, welche in ihr zusammenflossen, nicht

bloss auf die nordische Sage beschränkt sind.

Walhall, Odins Saal ist ein prächtiger, glänzender Hof, wie der Held

und Dichter in höchster Vollkommenheit ihn sich ausmalt.

* * * * *

Zwei schöne Skaldenlieder aus der Mitte des 10. Jahrhs. zeigen überaus

lebendig den Walhallglauben. König Eirik Haraldsson musste um 935 aus

Norwegen weichen und gewann um 940 in England eine Herrschaft. Er

fiel im Kampfe gegen den englischen König Eadmund (940-6) in blutiger

Schlacht, mit ihm fünf andere Könige und eine Menge geringeren Volkes.

Seine Wittwe Gunnhild liess auf seinen Tod ein prächtiges Ehrenlied

dichten, wovon ein Teil erhalten ist, die Eiriksmǫ́l. Die Handlung

spielt in Walhall. Odin spricht: Was sind das für Träume? Ich glaubte,

vor Tage aufzustehen, um Walhall für erschlagenes Volk zu bereiten.

Ich weckte die Einherjer, ich hiess sie aufstehen, um die Bänke mit

Polstern zu belegen, die Bierkrüge zu scheuern, die Walküren hiess

ich Wein auftragen, als ob ein König käme. Angesehener Grundherrn bin

ich aus der Welt gewärtig. Darum freut sich mein Herz. Bragi sagte:

Was ist das für ein Donner, als ob ein Tausend heranzöge oder eine

gewaltige Menge? Alle Bankdielen erkrachen, als ob Baldr wiederkehrte

in Odins Säle? Odin sprach: Thöricht redest du, kluger Bragi, obwol du

manches weisst. Vor Eirik tönt es, da der Fürst zu Odins Sälen kommt.

Sigmund und Sinfjotle, steht eilig auf und geht dem König entgegen.

Entbietet ihm herein, wenn es Eirik ist. Seiner harre ich sicher.

Sigmund sagte: Warum erwartest du Eirik lieber als andere Könige, den

Fürsten in Odins Sälen? Odin antwortete: Weil er in manchen Landen das

Schwert gerötet und weithin die blutige Waffe trug. Sigmund sagte:

Warum nahmst du dem König den Sieg, wenn dir der Treffliche so kühn

däuchte? Odin antwortete: Weil es ungewiss ist, wenn der graue Wolf zum

Sitze der Götter kommt (d. h. wenn der letzte Kampf anhebt)! Sigmund

sprach: Heil dir, Eirik! sei hier willkommen! betrete die Halle, du

Tapferer! Das will ich dich fragen, welche Fürsten dir folgen aus dem

Schwertgetöse. Eirik antwortete: Fünf Könige; ich nenne dir aller Name.

Ich selbst bin der sechste.... Das zweite Lied ist zwischen 961 und 970

vom Skald Eyvind auf König Hakon den Guten, Eiriks Bruder gedichtet.

Hakon war beim Volk ausserordentlich beliebt, während Eirik und seine

Söhne, die nach Hakons Fall zur Herrschaft gelangten, ob ihrer Härte

willen verhasst waren. Wie Hakon um 935 gegen Eirik zum König gewählt

wurde, flog die Botschaft wie Feuer durch dürres Gras vom Norden bis

zur Landesgrenze im Süden, die Leute von Drontheim hätten einen König

genommen, der in allem dem Harald Harfagr gleiche, nur dass er die

Last, welche dieser auf das Volk gelegt habe, demselben wieder abnehmen

wolle. Obwol der König Versuche machte, das Christentum einzuführen,

that er doch keinerlei Gewalt, bei seinem Tode neigte er eher zu

den alten Heidengöttern zurück. Sein Andenken lebte in vollständig

heidnischem Sinn fort gerade im Gegensatz zu den Eirikssöhnen, seinen

Nachfolgern, die gewaltsam dem Heidentum entgegentraten, weshalb die

erzürnten Götter Misswachs und schwere Zeit über Norwegen sandten.

Aus dieser Bedrängniss schweifte die Erinnerung gerne zum guten Hakon

zurück. Um 961 wurde der König Hakon in der Schlacht bei Fitjar gegen

die aus England herübergekommenen Eirikssöhne auf den Tod verwundet.

Von Freund und Feind wurde er betrauert und alle sagten, ein ebenso

guter König werde nimmer in Norwegen erscheinen. Seine Freunde brachten

seine Leiche nordwärts gen Saeheim in Nordhordaland. Dort wölbten sie

einen grossen Hügel und legten den König mit allen seinen Waffen in

seiner besten Kleidung hinein, aber kein anderes Gut. Sie sprachen über

seinem Grab die Weihesprüche, wie die Sitte der Heidenleute war, und

wiesen ihn nach Walhall. Eyvind aber machte ein Gedicht auf den Fall

des Königs, die Hǫ́konarmǫ́l. Dem Skald schweben die Eiriksmǫ́l vor,

die mehrfach wörtlich anklingen. Er stellt sich vor, dass der König vom

Schlachtfeld nach Walhall auffuhr. Gondul und Skogul, die Walküren,

entsandte der Gauten Gott, Odin, Könige zu kiesen, wer von Yngvis Stamm

nach Walhall zur Gastung bei Odin fahren sollte. Sie fanden Hakon, den

König unter dem Kampfbanner. Nun wird die blutige Schlacht, das Wetter

Odins, das Wetter der Skogul beschrieben. Da sassen die todwunden

Helden, denen die Fahrt nach Walhall bestimmt war, mit schartigen

Schilden und zerschossenen Brünnen. Nicht frohgemut war die Schar. Da

sprach Gondul auf den Gerschaft gestützt: Nun wächst der Götter Glück,

weil die Waltenden Hakon mit einem grossen Heere zu sich heim entboten.

Der König hörte, was die Walküren redeten, die herrlichen von Rosses

Rücken. Sinnend erschienen sie, in Helmen waren sie, Schilde hielten

sie vor sich. ‚Warum, o Skogul der Gere, teiltest du so die Schlacht?

wir waren doch wert, Sieg von den Göttern zu erhalten.‘ ‚Wir walteten,

dass du das Feld behieltest, aber deine Feinde flohen. Nun reiten wir

zum grünen Heim der Götter, Odin zu sagen, dass der Allwaltende kommt,

ihn selber zu sehen.‘ Hermod und Bragi, sprach Hroptatyr (Odin), geht

entgegen dem Fürsten, weil ein König naht zur Halle hierher, der ein

Kämpe dünkt. Der König sprach, vom Streite war er gekommen, ganz mit

Blut bespritzt stand er da: Übel gesinnt dünkt uns Odin, wir scheuen

seinen Sinn! Aller Einherjer Frieden sollst du haben, empfange Bier

bei den Göttern, du Bekämpfer der Jarle, acht Brüder hast du hier

drinnen, sprach Bragi. Unsre Rüstungen wollen wir selber behalten,

sprach der gute König, Helm und Brünnen wol bewahren, gut ist’s bereit

zu sein. Da wurde es kund, wie der König die Heiligtümer wol verschont

hatte, weil den Hakon alle Ratenden und Waltenden willkommen hiessen.

Zur guten Stunde wird der König geboren, der solche Gesinnung sich

erwirbt; seiner Zeit wird immer im Guten gedacht werden. Entfesselt

wird der Fenriswolf über den Sitz der Menschen fahren, ehe ein gleich

guter König seinen verwaisten Stuhl einnimmt. Vermögen stirbt, Freunde

sterben, Land und Reich verödet; seit Hakon fuhr zu den Heidengöttern,

geknechtet wird dies Volk.

Aus diesem Lied erhellt, wie die Thätigkeit der Walküren gedacht

wurde. Sie reiten auf Odins Befehl zu den kämpfenden Heeren. Als

Schicksalslenkerinnen bestimmen sie, wem der Sieg sich neigt, wer zu

Tod getroffen wird. Offenbar ist dieses ihr Walten unsichtbar. Aber dem

Todgeweihten treten sie sichtbar vor Augen und reden zu ihm, gleichwie

der Todverfallene die Fylgja erblickt. Dann eilen sie zurück nach

Walhall, melden Odin den Vollzug des Befehles und verkünden ihm die

Ankunft der Gefallenen. Dass die Walküren die Erschlagenen selber nach

Walhall geleiteten oder auf ihren Rossen deren Leiber hinauftrugen, ist

nirgends angedeutet.

Wie in den zwei Skaldenliedern den gefallenen Fürsten in Walhall

höchste Ehren erwiesen werden, so muss Ähnliches einst auch von Helgi

berichtet worden sein. Es heisst: Zum Andenken an Helgi ward ein Hügel

aufgeworfen; als er nun nach Walhall kam, da bot Odin ihm an, mit ihm

über alles zu walten.[353]

Auf den Glauben an Walhall und die Walküren gründen sich auch die

Worte des sterbenden Ragnar Lodbrok, die freilich erst im 12. oder 13.

Jahrhundert gedichtet wurden: Heim entbieten mir die Disen, welche mir

aus Herjans Halle Odin sandte. Froh werde ich mit den Asen auf dem

Hochsitz Bier trinken. Verflossen sind des Lebens Stunden, lachend will

ich sterben.[354] Ebenso singt der sterbende Hadding: Sehen kann ich

des Fjolnir Mädchen, euch hat Odin mir gesandt; gerne wollte ich nach

Wingolf folgen und mit den Einherjern Bier trinken.[355]

* * * * *

Die Walküren boten Anlass zu ausserordentlich schönen Dichtungen,

indem ihre Liebe zu Helden geschildert wurde. Am meisten ergreift

die Sage, worin Odins Wunschtochter, dem Drang des fühlenden Herzens

folgend, Heervaters Gebot bricht. Leider ist von dieser Dichtung nur

ein kurzer Auszug erhalten. Brynhild, von Sigurd aus den Fesseln des

Schlafes erlöst, erzählt, dass sie Walküre war. Zwei Könige kämpften

miteinander: der eine hiess Hjalmgunnar; er war ein gewaltiger

Krieger, obwol schon hoch in den Jahren, und Odin hatte ihm den Sieg

versprochen. Aber der andre hiess Agnar, Audas Bruder, den niemand

schirmen und schützen wollte. Brynhild fällte den Hjalmgunnar, aber

Odin stach sie zur Strafe dafür mit dem Schlafdorn und bestimmte,

dass sie niemals wieder in der Schlacht Sieg erkämpfen, sondern

sich vermählen solle. Sie aber that das Gelübde, sich keinem Manne,

der sich fürchten könne, zu verloben. Richard Wagner hat uns in der

Walküre das Verlorene neu gegeben. Die Sage von Brynhild ist auch sonst

lehrreich. Sie wird einmal _óskmær_[356], Wunschmaid genannt. Sie ist

eine Erdentochter, aber von Odin zur Walküre gemacht. Es muss demnach,

obwol sie sonst nicht mit der wünschenswerten Klarheit begegnet, die

Vorstellung geherrscht haben, dass Odin die Schaar der Walküren durch

Wunschtöchter, durch Aufnahme waffenkundiger Schildmädchen vermehrte.

Ob sie in Walhall wohnten und dort gleich den andern Dienst thaten,

wird nicht gesagt. Aber in der Schlacht hatten sie ebenso Odins Befehle

auszuführen. Die Strafe für Ungehorsam war Verlust dieses Amtes, das

wol ursprünglich an jungfräulichen Stand geknüpft war, und Vermählung,

womit ihr Heldentum zu Ende geht.

In den nordischen Gedichten treffen wir auch sonst häufig solche

Schildmädchen, welche auserwählte Helden im Kampfe beschirmen und

aus Liebe einen Ehebund mit ihnen eingehen. Da sie Töchter irdischer

Könige sind, aber auch Walküren genannt und mit übermenschlichen Zügen

ausgestattet werden, darf man wol auch sie als solche Wunschtöchter

Odins auffassen, wie es Brynhild war, obschon nirgends mehr eine

Beziehung zu Odin und Walhall verlautet. In den Schwanmädchen des

Wolundliedes, welche Wolund und seine Brüder in ihre Gewalt bringen,

indem sie die Schwanhemden (_álptarhamir_) der Mädchen raubten, tritt

die kampfsuchende, behelmte Walküre nur wenig hervor, jedenfalls ohne

Einfluss auf die Handlung. Dass Walküren zugleich Schwanmädchen sind,

zeigt sich auch bei Brynhild. Agnar hatte einst sie und acht Schwestern

sich dienstbar gemacht, indem er ihre Schwanhemden an sich nahm

(Helreiþ 7). Vielleicht wusste die Sage, dass Odin seine Wunschtöchter

mit wunderbaren Eigenschaften, mit Luftrossen und Federgewand begabte,

dass sie wie die göttlichen Walküren ihres Amtes walteten. Dem Helgi

Hjorwardsson, der seine Jugend stumm und namenlos verbrachte, erschien

Swawa, die Tochter des Königs Eylimi mit acht andern Walküren. Sie

gab ihm Namen und Verstand und wies ihm ein tüchtiges Schwert. Die

Walküre erweckte also den jungen Mann erst zum Bewusstsein seiner

Heldenschaft. Oft schirmte sie ihn seitdem in Schlachten. Wie einst

eine Riesin den Schiffen Helgis Schaden thun wollte, wehrten es die

Walküren. Schliesslich vermählten sich Helgi und Swawa. Dass Swawa

nach wie vor Walküre blieb, wie der Aufzeichner des Helgiliedes sagt,

ist unglaublich. Dass sie aber, wie auch sonst irdische Königsfrauen,

in der Not zum Schutze des Geliebten wieder zu den Waffen griff, wäre

wol zu verstehen. Auch im Lied von Helgi Hundingsbani erscheint Sigrun

mit den behelmten Mädchen dem Helden auf einer Seefahrt. Sie ruft

seinen Schutz an. Ihr Vater Hogni will sie dem Hodbrodd vermählen.

Helgi erkämpft sich selber die Braut. Wie er mit einer gewaltigen

Flotte übers Meer segelte, überfiel sie ein gefährliches Unwetter. Es

leuchtete in den Wolken und Blitze fuhren in die Schiffe, da sahen sie

in der Luft neun Walküren reiten und erkannten Sigrun. Der Sturm legte

sich alsbald. Wie der Streit entbrannte, kamen vom Himmel behelmte

Jungfrauen und schirmten Helgi. Also überall wacht die Walküre über dem

Geliebten und entscheidet über den Ausgang des Kampfes. Das verlorene

Lied von Helgi dem Haddingenheld erzählte von der Walküre Kara, die

im Kampf als Schwan über ihm schwebte. In der Schlacht wider Hromund

schwang Helgi das Schwert zu hoch und verwundete die Geliebte auf den

Tod. Da war das Glück von ihm genommen und er erlag dem Feind.

Saxos Erzählungen von solchen walkürenhaften Jungfrauen entsprechen

genau den eben angeführten. Thorild, die Wittwe des Schwedenkönigs

Hunding hasste ihre jungen Stiefsöhne Regner und Thorald, würdigte

sie zum Hirtendienst herab und suchte sie in mancherlei Gefahren

zu verwickeln. Da machte sich Svanhvit, die Tochter Haddings mit

ihren Schwestern, die sie zum Gefolge erkoren hatte, nach Schweden

auf, um den Untergang jener edlen Sprösslinge abzuwehren. Sie fand

die Jünglinge, welche zur Nachtzeit die Herden hüten mussten, von

mancherlei gespensterhaften Wesen umschwärmt. Regner trat zur Jungfrau

und sagte, sie seien Hutknechte über die Herde des Königs. Svanhvit

aber sagte: Von Königen, nicht von Knechten stammst du, das verrät mir

der leuchtende Glanz deiner Augen. Sie riet den Jünglingen, eiligst von

diesem unheimlichen Wege zu weichen, damit sie nicht dem nächtlichen

Spuk zur Beute würden. Regner erwiderte, er fürchte keine gespenstische

Macht. Vergebens suchte die Jungfrau seinen Mut wankend zu machen.

Svanhvit bewunderte die Entschlossenheit des Jünglings, und indem

von ihrer jungfräulichen Gestalt das Dunkel wich und ein wunderbarer

Lichtglanz sich über sie verbreitete, bot sie Regnern als Brautgeschenk

ein herrliches Schwert dar, mit dem er die Nachtgespenster bekämpfen

könne und das er auch in Zukunft als Held würdig gebrauchen solle.

Regner kämpfte nun die ganze Nacht hindurch mit diesem Schwert gegen

die Ungetüme. Später wurde Regner König von Schweden und Svanhvit seine

Gemahlin. Noch einmal beschützt ihn Svanhvit in einem Kriege, als

der Feind die schwedischen Schiffe anzubohren versuchte. Als Regner

stirbt, folgt ihm sein Weib in kurzem aus Kummer.

Svanhvit ist eine Walküre, welche die schlummernde Kraft jugendlicher

Heldensöhne weckt. Ihre Erscheinung ruft den hindämmernden Jüngling

auf, er empfängt von ihr das wunderbare Heldenschwert und wird mit ihr

in unzertrennlicher Liebe verbunden. Auf ihren Luftrossen schwebend

erweisen die Walküren ihre schützende Gegenwart gegen dämonische Wesen,

die ihren Günstlingen zu schaden drohen.[357]

* * * * *

Im Heldenzank des ersten Liedes von Helgi dem Hundingstöter Str. 39

schilt Sinfjotli den Gudmund einen weibischen Wicht. Er sei eine Hexe

gewesen, habe zum Weib verwandelt Kinder geboren, er häuft die denkbar

ärgsten Schmähungen auf ihn. Da heisst es auch:

Eine Walküre warst du, widriges Scheusal,

Ekel und boshaft, in Allvaters Hause;

Die Einherjer mussten alle sich schlagen,

Verderbliches Weib, um deinetwillen.

Nirgends sonst begegnet die hier auftauchende Vorstellung, dass die

Walküren unter den Einherjern Zwist und Schlägereien veranlassten.

Damit fällt ein schlimmes Licht auf die Schenkinnen in Walhall. Ob etwa

nur vereinzelte Auffassung des Urhebers des Liedes oder allgemeinere

Anschauung vorliegt, ist beim Mangel andrer Zeugnisse unmöglich zu

entscheiden.

* * * * *

Geschichtliche Zeugnisse melden von germanischen Frauen, welche

gewappnet in den Reihen der Männer mitkämpften.[358] Die nordischen

Frauen waren besonders kampflustig. In der Wikingerzeit standen

Schiffe öfters unter dem Befehl von Frauen und Mädchen, welche wie

Männer gerüstet die Führerschaft übernahmen. So kamen im 10. Jahrh.

nordische Schiffe von einer rotblonden Maid befehligt nach Irland. Die

nordischen Sagen sind voll von solchen Schildmädchen. Am berühmtesten

ist die Herwor der isländischen Sage und Alfhild bei Saxo. In der

Brawallaschlacht kämpfen mehrere Schildmädchen mit. Von Alfhild wird

anmutend berichtet, wie sie der Held Alf bezwingt. Da kehrt sie zur

Frauentracht zurück und wird sein Weib. Man sieht im Schildmädchen,

dem gar nichts Wunderbares anhaftet, eine Gestalt der Dichtung aus dem

wirklichen Leben herauswachsen. Das Schildmädchen ist von der Walküre

genau zu scheiden. Nur die Waffen sind beiden gemeinsam, aber nicht die

Art. Die Schildmagd hüllt sich trotzig in Männergewand und verteidigt

ihr Magdtum, die Walküre reitet durch die Luft und übers Meer, um den

erkorenen Liebling zu grüssen und zu schirmen. Die irdische, Helden

liebende Walküre, die Wunschtochter Odins, steht gleichsam in der Mitte

zwischen der echten Walküre, die nur zu Odin oder Walhall gehört, die

ein göttliches Wesen ist, und der Schildmagd. Wol aber mag sie aus

letzterer hervorgegangen sein. Heldentum nimmt Odin in Dienst; wie die

tapferen Helden, freilich erst nach dem Tode, Walvaters Wunschsöhne

werden, so hebt er die Kampfjungfrau schon im Leben zur Schar seiner

göttlichen Schlachtlenkerinnen. Er befreit sie aber wol vom Schenkamt

und verwendet sie nur in Schlacht und Sieg, gleichwie der irdische

König Gefolgsleute hat, die er nicht zu ständigem Herrendienst, sondern

nur zu Kriegsdienst verpflichtet.

* * * * *

In der nordischen Dichtung ist Odins Saal und Reich im Himmel

gedacht, was schon daraus hervorgeht, dass Walhall unter den andern

Himmelsburgen aufgezählt wird. Odin hat einen Hochsitz, von dem aus

er die ganze Welt übersehen kann.[359] Diesen Hochsitz, Hlidskjalf,

nimmt auch Freyr im Skirnirliede ein. Hlidskjalf wird einmal allgemein

nach Asgard, in die Götterwelt verlegt, einmal auch nach Walaksjalf,

worunter wahrscheinlich nur ein andrer Name für Walhall zu verstehen

ist. Dass der höchste Gott, und als solchen kennt den Odin ja die

nordische Dichtung, im Himmel thront, muss schon an und für sich

angenommen werden. So ist alles Dunkel vom Walgott genommen, er strahlt

im Abglanze irdischen Prachtlebens. Als Walhall wird auch eine irdische

Königsburg, die Atlis bezeichnet, weil sie an Pracht der Götterhalle

nicht nachsteht, und die Dingbude eines mächtigen Häuptlings auf

Island.[360]

+Odin fordert Opfer.+

Was in der Schlacht fällt, ist Odins Opfer. Mit Speerwurf wurde

das Heer dem Gotte zugeeignet. Den ersten Weltkrieg, den zwischen

Asen und Wanen, hatte Odin eröffnet, indem er seinen Speer ins Heer

schleuderte.[361] Es war alter Brauch, den Speer über die Schar der

Feinde zu schiessen, um sich selber das Glück zuzuwenden (_til heilla

sér_).[362] In der Schlacht, die am Ende des 10. Jahrh. zwischen dem

Schwedenkönig Eirik und seinem Neffen Styrbjorn vorfiel, weihte sich

Eirik, um den Sieg zu erlangen, dem Odin und gelobte, nach zehn Jahren

ihm als Opfer zu sterben. Da nahte ihm ein grosser Mann mit einem

Schlapphut und gab ihm einen Rohrstengel. Den solle er übers feindliche

Kriegsvolk werfen mit den Worten: Odin hat euch alle! Mit diesem Wurfe

kam Blindheit über Styrbjorn und sein Heer und ein Bergsturz erschlug

sie.[363]

Gissur weihte die feindliche Schlachtordnung dem Untergang mit den

Worten: Erschreckt ist euer König, dem Tod verfallen euer Herzog,

hinfällig eure Kriegsfahne, gram ist euch Odin. Lasse so Odin mein

Geschoss fliegen, wie ich vorhersage.[364]

Handbuch der Germanischen Mythologie · 第 28 / 68 段