Weisheit, Erfinder der Runen. Dass auch Wodan den Geist erregte, ist
sehr wahrscheinlich. Die geistige Seite seines Wesens mag im Norden
erweitert und vertieft, schwerlich aber erst neu geschaffen worden
sein. Schon die interpretatio romana mit Mercurius deutet dies an.
Eine der wichtigsten Errungenschaften der Germanen aus dem Verkehr
mit den Römern im 1. oder 2. Jahrh. nach Chr. ist die Runenschrift,
welche aus dem lateinischen Alphabet stammt. Galt vielleicht Wodan
als Erfinder der Schrift[327], als Träger der geistigen Kultur, als
Erwecker des Helden- und Dichtergeistes? Unmittelbar beweisen lässt
sich die Vorstellung von Wodan, dem Gotte der Erfindung, der geistigen
Gewandtheit und Überlegenheit nicht, doch innere Gründe sprechen dafür.
Das Bild des +deutschen Wodan+ stellt sich demnach etwa so dar: Wodan,
der Gemahl der Frija, thront im Himmel als Höchster der Götter. Könige
und Helden führen ihre Abstammung auf ihn zurück. Er waltet über Sieg
und Heldentum und empfängt darum Opfer. Siegvater ist auch Walvater,
die Schlachttoten fallen ihm zum Opfer. Wodan fördert neben dem
Waffensieg auch den Sieg der Kultur, des Geistes; er ist im Besitz
heilkräftiger Sprüche. Als Sturmgott haust er im Schooss der Berge,
aus denen er hervorbricht. Auf hohem Ross, mit Mantel und breitem
Hut, führt er das wütende Heer, die Schaar der Seelengeister. Sein
Auszug kündet Krieg, aber er bringt auch den Feldern Fruchtbarkeit.
Er ist ein stürmischer Liebhaber, verfolgt Frauen und lässt sich gern
auf Liebesabenteuer ein. So verkörpert er mehr den kriegerischen
Edeling und abenteuernden Sänger wild bewegter Kampfeszeit als den
friedlichen Bauern. Der listenreiche, geistesgewaltige, wutgrimme
Gott ist das Idealbild des germanischen Heerkönigs, wie er besonders
den istväischen, später fränkischen Stämmen als tüchtigster und
trefflichster, vom Standpunkt reiner Moral freilich nicht immer
makelloser Held voranleuchtete.[328]
4. Odin im Norden.
Nur mühsam gelang es, aus verstreuten Zügen ein einigermaassen
zusammenhängendes und anschauliches Bild von Wodan zu gewinnen.
Immerhin war es möglich, die Grundlinien zu ziehen. Umso lebendiger
und farbenprächtiger tritt Odin aus den reichen nordischen,
norwegisch-isländischen Quellen uns entgegen. Die nordische
Überlieferung gibt einerseits eine willkommene Ergänzung zur dürftigen
deutschen. Sicherlich darf das meiste davon auch für Wodan in
Anspruch genommen werden. Die blassen Umrisse erfüllen sich mit Farbe
und Leben. Was in Deutschland aus versprengten Trümmern zu ahnen
ist, bietet sich im Norden in voller glänzender Beleuchtung. Ein
Vergleich mit der Wodanskizze wird ohne weiteres immer zeigen, was
unbedenklich aus den nordischen Schilderungen Odins herübergenommen
werden darf. Andererseits wird sich sehr viel Neues ergeben, was auf
den niederdeutschen Wodan der ersten nachchristlichen Jahrhunderte
nun und nimmermehr passt, was als nordische Zuthat zu betrachten ist,
gleichviel wie man seine Entstehung sich denken mag. Dahin gehört
ausser Walhall und den Walküren, wobei ja immerhin die Behauptung
deutschen Ursprunges zur Not versucht werden kann, mit Sicherheit Odins
Stellung in der Weltentwicklung, seine Thätigkeit als Schöpfer, sein
Untergang im Weltbrand, seine Beziehung zur Weltesche. Das Schweigen
der deutschen Überlieferung ist hier nicht zufällig, sondern notwendig.
Das deutsche Heidentum bot zu solchen Vorstellungen nicht die geringste
Voraussetzung.
+Odins Wanderungen und Kämpfe mit Nebenbuhlern.+
Odin ist der oberste der Götter in den norwegisch-isländischen
Skaldengedichten, im Kreis der sog. Eddalieder. Am Königshofe, bei
den Gefolgsleuten und Dichtern steht er im höchsten Ansehen. Aber
der norwegische Volksglaube lässt Thor hervortreten und betrachtet
selbst den schwedischen Freyr als Eindringling. Die Sage meldet von
der Einwanderung der Asen und Wanen im Norden[329], während Thor seit
Urzeiten dort wohnt. Schon Saxo kennt Thracien und Byzanz als Ursitz
der Asen, Snorre bringt die Asen mit Asien in Verbindung und lässt
sie aus Scythien und der Türkei durch Gardariki (Russland) in die
nördlichen Länder wandern. Dass hier gelehrte Fabeleien vorliegen,
bedarf keiner weiteren Ausführung. Aber wenn die Ynglingasaga Odin an
Saxland (Westfalen) heftet, beginnen wahre Erinnerungen aufzutauchen.
Von Saxland zieht Odin nordwärts zur See und nimmt sich Wohnstätte
auf einem nach ihm benannten Eiland, auf Odinsey in Fünen. Von dort
entsendet er Gefjon nördlich über den Sund, um Länder zu suchen.
Diese pflügt zunächst ein Stück aus Schweden ab und zieht es ins Meer
hinaus, Seeland. Odin aber, da er von den guten Ländereien in Schweden
vernahm, fuhr selber dorthin und vertrug sich mit König Gylfi, der
sich keine Kraft zum Widerstand gegen die Asen zutraute. Am See im
alten Sigtun liess sich Odin nieder und richtete daselbst eine grosse
Opferstätte nach der Gewohnheit der Asen ein. Seinen Tempelpriestern
(d. h. den andern Göttern) wies er Wohnsitze zu: Njord wohnte in
Noatun, Freyr in Uppsalir, Heimdall in Himinbjorg, Thor in Thrudwang,
Baldr in Breidablik. Die Namen der Göttersitze haben allein für Odin
und Freyr Bedeutung: Sigtun und Uppsala werden als alte Kultstätten
bezeichnet. Entsprechend dieser Wanderungssage wird einmal Odin
Sachsengott, Freyr Schwedengott genannt.[330] Im Bericht scheint
Verwirrung eingerissen. Der Krieg zwischen Asen und Wanen findet in
der asiatischen Urheimat statt, weil die Asen als Asiaten, die Wanen
als Leute vom Tanakvisl oder Vanakvisl (Tanais), der ins schwarze Meer
mündend Asien und Europa trennt, gemeint sind. Und so wandern die Wanen
zugleich und im Gefolge der Asen nach Schweden, während eigentlich die
schwedischen Könige ihren altheimischen Glauben an Freyr dem neuen aus
Dänemark herdringenden Odinglauben entgegengesetzt haben werden.[331]
Handelnd ist übrigens bei der ganzen Eroberung nur Odin. Vermutlich
gelangte der Wodankult aus Niederdeutschland nach Dänemark. In Fünen,
Seeland, dann in Schonen auf der Südspitze Skandinaviens schlug er
Wurzeln. Den uralten Opferstätten wie Lund, Ringsted, Hleidra, Wiborg
traten neue, ausschliesslich Odin geweihte zur Seite, _Odinsvé_,
jetzt _Odense_ in Fünen und _Onsved_ in Seeland.[332] Der dänische
Königsstamm der Skjoldungar geht, freilich erst bei Snorri in der
Edda und Ynglingasaga, durch Skjoldr auf Odin zurück. Von Schonen
aus gelangte Odinsdienst nach Schweden und Norwegen. In Schweden
sind viele Örter nach Odin benannt: _Odenswi_, _Odensö_, _Odensnäs_,
_Odensjö_, _Odensberg, Odensala_ u. ä. Weniger volkstümlich wurde Odin
in Norwegen, weshalb verhältnissmässig nur wenige Ortsnamen dort für
ihn zeugen. Umso sieghafter erhub er sich im Skaldenlied. Die Zeit der
Einwanderung des deutschen Wodanglaubens in Dänemark und Skandinavien,
welche in den erwähnten halbgelehrten Berichten noch nachklingt, lässt
sich nicht bestimmen. Nur im allgemeinen darf behauptet werden, dass
Odin schon längere Zeit vor den ältesten Skalden, also etwa um 800
bereits in Norwegen bekannt gewesen sein muss. Das Heldenzeitalter
des norwegischen Stammes stellte Odin, den Gott des Krieges und des
Geistes, in den Mittelpunkt der Dichtung.
Von Odin wird erzählt, dass er eine zeitlang von Weib und Reich
verbannt war, während ein Anderer seine Stelle vertrat. So verschieden
die Sagen auch im Einzelnen ausgestaltet sind, im Grundgedanken treffen
sie zusammen und in dieser gemeinsamen Grundlage wird wol auch ein
Stück alter Überlieferung stecken. Die Ynglingasaga bemerkt bloss in
Kürze: Odin hatte zwei Brüder, der eine hiess We, der andre Wili. Diese
Brüder führten die Herrschaft, solang er fort war. Einmal blieb Odin
so lange aus, dass die Asen die Hoffnung auf seine Rückkehr aufgaben.
Da teilten die Brüder sich in sein Erbe, sein Weib Frigg hatten sie
gemeinsam.[333] Aber bald nachher kam Odin heim und nahm sein Weib
wieder zu sich. Die Einkleidung dieser Sage ist wol ziemlich jung,
wie die Dreiheit mit den Namen Wili und We. Der zweite Bericht knüpft
an die Baldrsage an und steht am ausführlichsten bei Saxo.[334] Nach
Baldrs Fall wird dem Odin vom Finnen Rossthjof geweissagt, er werde
mit Rinda, der Tochter des Russenkönigs, einen Sohn erzeugen, der vom
Schicksal bestimmt sei, Baldr zu rächen. Durch einen tiefhängenden Hut
macht sich Odin unkenntlich und tritt bei Rindas Vater in Dienst.
Er wird Heerführer, schlägt die Feinde in die Flucht und wirbt beim
König, der es wol aufnimmt. Aber die Königstochter ist spröde, statt
des Kusses gibt sie ihm eine Ohrfeige. Im nächsten Jahr kehrt er als
Goldschmied unter dem Namen Rosterus wieder. Er fertigt prächtiges
Geschmeide; wie er aber nochmals einen Kuss verlangt, erhält er die
zweite Maulschelle. Zum dritten Mal kommt er als kriegsgeübter Kämpe.
Nachdem er sich als ausgezeichneter Reiter bewährt, naht er wieder der
Jungfrau. Er wird aber so heftig zurückgestossen, dass sein Kinn den
Erdboden berührt. Jetzt greift er zu Zauberlist. Er ritzt Runen auf
Baumrinde, berührt Rinda damit und macht sie dadurch wahnsinnig. In
Mädchentracht stellt der unermüdliche Wanderer sich hierauf am Hofe
ein. Er nennt sich Wecha und gibt sich für heilkundig aus. Wecha wird
unter die Dienerinnen der Rinda aufgenommen. Der Erkrankten erbietet
er sich zu helfen, doch sei die Arznei so bitter, dass man sie binden
müsse. Als das geschieht, vollbringt Odin seinen Willen und zeugt den
Bous, der einst Baldr rächt. Die Götter aber, die nach Saxo in Byzanz
wohnen, finden diese Handlung des Gottes unwürdig und verstossen ihn
aus ihrer Mitte. Den Ollerus (Ullr) bekleiden sie mit seiner Macht
und seinem Namen. Odin versteht es, unter den Göttern von neuem sich
Anhänger zu verschaffen und es endlich nach zehn Jahren zu bewirken,
dass Ollerus aus Byzanz flüchten muss; in Schweden, wo dieser seine
Herrschaft aufs neue zu begründen sucht, wird er von Dänen erschlagen.
Man muss hier von dem Zusammenhang der Sage absehen und nur das
festhalten, dass Ullr einmal an Odins Stelle und mit seinem Namen
herrschte.
Frigg hatte sich einem Diener hingegeben, damit er eine goldene
Bildsäule Odins zerstöre, deren Gold sie zu ihrem Schmuck verwandte.
Darüber grämte sich Odin so sehr, dass er das Land verliess und
freiwillig in die Verbannung ging. An seiner Stelle herrschte
_Mitodin_, ein berühmter Zauberer, der das Opfer neu ordnete, indem
er befahl, jedem Gotte einzeln, nicht mehr allen gemeinschaftlich zu
opfern. Als Odin zurückkehrte, musste Mitodin nach Fünen (Pheonia)
fliehen, wo ihn das Volk erschlug. Er rächte sich noch nach seinem
Tode, indem aus seinem Grabe die Pest hervorging, bis man die Leiche
ausgrub, den Kopf lostrennte und einen spitzen Pfahl durch den Leib
trieb. Frigg starb, Odin setzte alle falschen Götter ab, die unter
Mitodin aufgekommen waren, und vernichtete ihre Priester, die Magier,
mit einem einzigen Blick wie Schatten.[335] Die Geschichte von Mitodin
ist ein deutliches Seitenstück zu der von Ollerus. Beide werden als
zauberkundig bezeichnet, von beiden heisst es, sie hätten nicht bloss
Odins Weib und Macht, sondern sogar seinen Namen besessen, beide
entfliehen vor dem heimkehrenden Odin nach Dänemark oder Schweden,
also nach Saxos Meinung aus Byzanz in den Norden und werden dort
erschlagen. Besondere Beachtung verdient auch der Umstand, dass
beide neue Opferbräuche einführen wollen, Ollerus allerdings erst in
Schweden, wo er gleich wie in einer neuen Welt den Glauben an sich
einzusetzen versuchte. Wir haben es mit zwei Fassungen einer und
derselben Erzählung zu thun, deren Grundzüge auf zwei sich bekämpfende
Kulte, den Odinkult und den eines anderen Gottes hinweisen. Durch
Saxos Verlegung der Asenherrschaft nach Byzanz ist es schwer zu
entscheiden, was vor allem zu wissen Not thäte, in welchen Ländern
des Nordens sich in der Ursage die Kultkämpfe abspielten. Ullr
(got. _wulþus_), der Herrliche, scheint einmal der Name einer hohen
Gottheit gewesen zu sein. Mitothin darf kaum als Mit-Odin, Mithelfer,
Mitregent ausgelegt werden. Saxo verstand ein Wort „_mituth-inn_“
d. i. *_mituth_, *_mitoth_ mit angehängtem Artikel als Namen. Mitoth
bedeutet die richtende und das Schicksal bestimmende Gottheit. Somit
ist die Sage dahin auszulegen, dass der Odinglaube zeitweilig von einem
andern Kult verdrängt wurde, aber hernach wieder zu Ehren kam. Dabei
lässt sich eine zwiefache Erklärung finden. Im Norden ist der Odinkult
ursprünglich fremd, aus Deutschland eingeführt. _Ullr mitoth-inn_
könnte eine nordische Gottheit sein, die vor dem eindringenden
Odinglauben zurückwich. Andererseits ist schon der deutsche Wodan
ein Gewaltherr, der den alten Himmels- oder Hauptgott der Germanen,
Tiuȥ, seiner Macht und seiner Frau beraubte. Also der deutsche Wodan
und der nordische Odin, beide sind Eindringlinge in Besitz und Recht
anderer, älterer Götter. Eine Erinnerung daran lebt in der nordischen
Sage fort. Dass die Sache so dargestellt wird, dass Odin der im Recht
Gekränkte, später aber aufs neue Eingesetzte ist, beweist, dass der
Bericht unter Anhängern Odins entstand. Für Eroberung und Gewaltthat
stellt sich immer ein beschönigender Rechtsgrund ein. So lässt z. B.
auch die gotische Heldensage Dietrich von Bern nur sein Vatererbe, aus
dem er vertrieben worden war, zurückgewinnen, nicht der Wahrheit gemäss
Italien erobern. So behauptet die Göttersage, Odin ist der Oberste und
Höchste; wenn ein Andrer vor ihm herrschte, kann das nur durch List
und Unrecht geschehen sein. So erschliesst sich der Mythus von Odins
Verbannung und Vertretung auf dieselbe Weise, wie der vom Wanenkrieg
als ein Kampf zwischen altem und neuem Glauben, aus dem letzterer
siegreich hervorgeht. Dieser Kern ist nicht berührt, so verschieden
die Ausbildung im einzelnen und die Anknüpfung an andere Sagen sich
vollzog. Odin im Streite mit Nebenbuhlern kann auch auf den Gegensatz
zwischen dem nordisch-germanischen Kulte und einem älteren, vor der
germanischen Bevölkerung im Norden heimischen Glauben, etwa dem der
Finnen und Lappen zurückgehen, wie im Abschnitt über Ullr ausgeführt
werden soll. Jedenfalls liegen Glaubenskämpfe hinter diesen Sagen,
alter und neuer Glaube desselben Volkes oder die Kulte verschiedener
Völker.
+Odin in nordischer Sage.+
In der Ynglingasaga Kap. 6 ff. schildert Snorri Odins Wesen mit
folgenden Worten: Als Asa-Odin nach den Nordlanden kam und mit ihm
die Diar, da wird mit Wahrheit berichtet, dass sie Künste übten und
lehrten, welche die Menschen seitdem lange vollbracht haben. Odin war
der vornehmste von allen und von ihm lernten sie alle Künste, weil er
zuerst alle wusste und die meisten. Aber das ist zu sagen, weshalb er
so gelehrt war. Dazu veranlassten diese Gründe: er war so schön und
vornehm anzuschauen, wenn er bei seinen Freunden sass, dass allen das
Herz darüber lachte; aber wenn er im Heer war, da schien er seinen
Feinden grimmig. Und das hatte darin seinen Grund, dass er Gestalt und
Aussehen wechseln konnte, wie er nur wollte. Eine andere Kunst war
die, dass er beredt und glatt sprach, dass das allein allen, die es
hörten, wahr däuchte. Er redete immer im Versmaasse, so wie man jetzt
das spricht, was Skaldenkunst heisst. Er und seine Hofgoden heissen
Liederschmiede, weil von ihnen diese Kunst in den Nordlanden ausging.
Odin wusste zu bewirken, dass in Kämpfen seine Feinde blind und taub
und schreckerfüllt wurden und ihre Waffen nicht mehr als blosse Gerten
einschnitten; aber seine Leuten fuhren ohne Brünnen und waren wütend
wie Hunde oder Wölfe, sie bissen in ihre Schilde und waren stark wie
Bären oder Stiere. Sie erschlugen das Volk, weder Feuer noch Eisen
hatte ihnen etwas an. Das nennt man Berserkergang. Odin wechselte die
Gestalt; da lag sein Leib wie schlafend oder tot, er aber war Vogel
oder Tier, Fisch oder Wurm und fuhr im Augenblick in ferne Lande in
seinen eigenen oder andrer Leute Sachen. Das auch verstand er mit
blossen Worten auszurichten: Feuer zu löschen, See zu beruhigen, Wind
zu wenden, wie er wollte. Odin besass ein Schiff, das Skidbladnir
hiess, womit er über grosse Meere fuhr; das konnte man wie ein Tuch
zusammenfalten.[336] Odin hatte das Haupt des Mimir bei sich; das
sagte ihm mancherlei Kunden aus andern Welten. Aber zuweilen weckte
er tote Leute aus der Erde auf oder setzte sich unter Gehängte; darum
wurde er Herr der Gespenster oder Herr der Gehängten genannt. Er hatte
zwei Raben, die er sprechen gelernt hatte; diese flogen weit in den
Landen herum und sagten ihm viele Kunden. Von diesen Dingen wurde er
sehr klug. Alle diese Künste lehrte er durch Runen und Lieder, welche
Zauber (_galdrar_) heissen; deshalb werden die Asen Zauberschmiede
(_galdrarsmidir_) genannt. Odin verstand die Kunst, die am meisten
Kraft hat, und übte sie selbst, welche _seiđr_ (Zauberei) heisst. Und
darum vermochte er die Geschicke der Leute und ungeschehene Dinge zu
wissen, den Leuten Tod, Unglück oder Krankheit zu bereiten; so auch den
Leuten Verstand und Kraft zu nehmen und andern zu geben. Aber dieser
Zauberei, wenn sie vollbracht wird, haftet so arges Wesen an, dass
es den Männern nicht ohne Schande dünkte, damit umzugehen; und den
Göttinnen wurde diese Kunst gelehrt. Odin wusste um alle Erdschätze,
wo sie vorhanden waren, und er kannte solche Beschwörungen, dass sich
die Erde vor ihm aufthat und Berge und Steine und Hügel, und er band
mit seinen blossen Worten die, welche dabei wohnten, und ging hinein
und nahm, was er wollte. Durch diese Kräfte wurde er sehr berühmt;
seine Feinde fürchteten ihn, seine Freunde vertrauten ihm und bauten
auf seine Kraft und auf ihn selber. Er lehrte die meisten Künste seinen
Opferpriestern, diese standen ihm zunächst an Klugheit und Zauberei.
Viele andere lernten manches davon und so verbreitete sich die Zauberei
weit und erhielt sich lange.
Odin bestimmte für seine Lande die Gesetze, welche zuvor unter den
Asen gegolten hatten. So bestimmte er, dass man alle toten Männer
verbrennen sollte und mit ihrem Eigentum auf den Holzstoss bringen. Er
sagte, jeder werde mit den Reichtümern nach Valhall kommen, welche er
auf dem Holzstoss habe. Auch werde er das geniessen, was er selber in
die Erde vergraben habe. Die Asche sollte man ins Meer hinaus tragen
oder in die Erde graben. Vornehmen Männern zum Denkmal sollte man einen
Hügel aufwerfen; aber allen Männern, die tapfer waren, sollte man
Bautasteine aufstellen. Und diese Sitte hielt sich lange.
Odin ward in Schweden todkrank; als es zum Sterben ging, liess er sich
mit der Speerspitze bezeichnen und eignete sich alle waffentote Leute
zu. Er sagte, er werde nach Götterheim fahren und dort seine Freunde
begrüssen. Die Schweden glaubten, dass er ins alte Asgard eingegangen
sei und dort ewig leben werde. Da erhob sich von neuem Glauben und
Anrufung an Odin. Oft schien es den Schweden, er zeige sich vor
bevorstehenden grossen Kämpfen, da gab er dem einen Sieg, aber den
andern entbot er zu sich; beide Loose dünkten gut. Odin wurde nach
seinem Tode verbrannt und das Verbrennen ward sehr prächtig zubereitet.
Das war ihr Glaube, je höher der Rauch in die Luft aufsteige, desto
geehrter sei der, welcher verbrannt wurde, im Himmel und umso reicher,
je mehr Gut mit ihm verbrenne.
Bringt man aus diesem Berichte die euhemeristische Auffassung in Abzug,
so bleibt ein lebendiges Bild vom Odinglauben, wie er bei den Dichtern
uns entgegentritt. Alle Haupteigenschaften Odins, seine Beziehungen zu
Schlacht und Sieg, zu Gespenstern und Toten, zu Zauber und Dichtung
sind richtig erkannt und aufgezählt. Für alles gewähren die Sagen
reichliche Belege.
* * * * *
Wenn Odin in feierlicher Weise auftritt, dann erscheint er in
glänzender kriegerischer Rüstung wie schon Tiuȥ und Freyr, nur dass er
als Hauptwaffe nicht das Schwert, sondern den Speer führt.[337] Unter
dem Goldhelm in schöner Brünne mit weissem Schilde reitet er an der
Spitze der Götter und Helden zum letzten Kampf. In der Hand hält er den
Speer Gungnir, ein Zwerggeschmeide mit der Eigenschaft, dass er niemals
im Stosse innehält. Die Wölfe und Raben, die Tiere des Walgefildes
und Sturmes, begleiten ihn. Sleipnir, der Springer, ist der beste und
rascheste Hengst, er ist grau von Farbe und hat acht Füsse. Damit soll
wol die grosse Geschwindigkeit angezeigt werden. Einmal heisst es
von Odin, dass er behelmt mit dem Schwert in der Hand auf dem Berge
stand. Auf seinen Wanderfahrten trägt Odin tiefhängenden Hut und blauen
Mantel. Häufig wird seine Einäugigkeit hervorgehoben.
* * * * *
Draupnir, der Träufler, ist ein kostbarer Ring, der Reichtum
mehrt.[338] Im Skirnirlied erscheint er in Freys Besitz. Skirnir bietet
ihn der Gerd:
21 So geb ich den Ring dir, gerötet vom Feuer,
In dem Odins Sohn zu Asche ward;
Von ihm tropfen acht ebenso schwere
Jede neunte Nacht.
Anderwärts gilt Draupnir als Eigentum Odins, dem ihn Zwerge zugleich
mit dem Speer Gungnir schmiedeten. Dem Ringe eignete von Anfang an das
Vermögen, sich zu vermehren. Andererseits heisst auch Baldr Besitzer
des Draupnir. In der Edda wird dies so gewendet, dass Odin diesen
Ring auf Baldrs Scheiterhaufen legte; daraufhin habe er erst die
wunderbare Eigenschaft der Vermehrung erhalten. Baldr sandte ihn aus
der Hölle an Odin zurück. Der Ring, wie immer man ihn auslegen will,
als Sinnbild der Fruchtbarkeit oder der Sonne, gehörte sicherlich einst
von rechtswegen Freyr oder Baldr, d. h. dem alten Himmelsgott, und ging
erst von ihm auf Odin über.
* * * * *
Im Norden gab es drei Hauptopferzeiten: im Anfang und in der Mitte des
Winters um Fruchtbarkeit und Wachstum, im Anfang des Sommers um Sieg.
An den Höfen der Könige und Häuptlinge wurde jedenfalls das Siegesopfer
an Odin gerichtet. Jarl Hakon, der bereits getauft war, fiel wieder
zum Heidentum zurück. Auf einer Heerfahrt in Gautland stellte er ein
grosses Opfer an. Da flogen zwei Raben vorbei und krächzten laut; da
meinte der Jarl zu wissen, dass Odin das Opfer angenommen habe und dass
nun passende Zeit zum Schlagen sei.[339] Angang eines schwarzen Raben
gilt für Helden, die zum Kampfe ziehen, glückverheissend, wol weil
Odin ihn sandte.[340] Beim Opfermahl des Drontheimer Jarls Sigurd wird
zuerst Odins Becher um Sieg und Macht für den König getrunken, darnach
Njords und Freys Becher um Fruchtbarkeit und Frieden.[341] Also wie die
Angelsachsen Woden um Sieg und Heldentum opfern, geschieht es auch im
Norden, dass Odin um Sieg angerufen wird. Als König Olaf der Heilige
in Drontheim weilte, erfuhr er, dass die Bauern noch Trinkgelage nach
heidnischem Brauch hielten; alle Minne wurde dem Thor geweiht und dem
Odin und der Freyja und allen Asen.[342] In der jungen Bósasaga K. 12
wird bei der Hochzeit Thors, Odins und Freyjas Minne getrunken. In der
Verwünschung werden gleichfalls Odin, Thor und Freyr angerufen.[343]
Die Dreiheit Wodan, Donar, Tiu oder Freyr als dessen Vertreter scheint
überhaupt uralt zu sein.
+Walhall und die Walküren.+