Die Sage lässt den gespenstischen Reiter im Windsgebraus einem Weibe

nachjagen.[301] Besonders den Waldfrauen stellt der wilde Jäger nach.

Als stürmische Werbung oder als Verfolgung kann dieser Aberglaube

ausgelegt werden. Auf hohem weissem Rosse, von Hunden begleitet,

zieht der Wode durchs Land, um die Unterirdischen zu erjagen. Einmal

vermochte er lange nichts zu fangen, bis ihm ein Bauer riet, sich zu

waschen und das Pferd stallen zu lassen. Der Wode that es. Bald kam er

wieder zurück und hatte mehrere Unterirdische gefangen, die mit ihren

langen blonden Haaren zusammengebunden von seinem Pferde herabhingen.

Nach schwedischem Glauben jagt Oden die Waldfrau, die mit flatterndem

Haare vor ihm flieht. Einmal sah man ihn von seiner nächtlichen Fahrt

zurückkommen. Das getötete Weib hatte er über dem Sattel hängen.

In Zusammenhang mit diesen Sagen steht wol die Geschichte von

_Odr_.[302] Freyja vermählte sich dem Manne, der Odr hiess. Odr aber

zog fort in ferne Lande; Freyja blieb weinend zurück und ihre Thränen

sind rotes Gold. Freyja hat viele Namen; das kommt daher, dass sie sich

selbst verschieden benannte, als sie zu fremden Völkern kam, um den

Odr zu suchen. Das Verhältniss ist freilich umgekehrt, indem das Weib

den Mann zu erjagen sucht. Ausserdem ist alles Wilde und Stürmische

aus der Sage gewichen, die im Lichte einer milden und neuen Dichtung

erglänzt.[303] Trotzdem darf daraus vielleicht ein mittelbares Zeugniss

für das frühe Vorkommen dieser Sagenform auch im Norden entnommen

werden.

Die Seelen gehen in den Wind und ziehen im Winde um. Aber sie fahren

auch in Berge ein. Solcher Totenberge ist die Volkssage voll und sie

bringt den Umzug des Seelenheeres oft damit in Verbindung, indem es

aus Bergen hervorgeht und hernach wieder in Bergen verschwindet.

Allbekannt sind die bergentrückten, schlafenden Könige und Helden,

eine oft wiederholte Neubildung des allgemeinen Aberglaubens. Im Jahr

1117 wurde Graf Emicho getötet. Er ging wie alle eines gewaltsamen

Todes Verstorbenen ins wütende Heer ein. Bei Worms zeigte es sich

1123. Mehrere Tage lang kamen Schaaren bewaffneter Reiter aus einem

Berge hervor und kehrten dahin wieder zurück. Einer aus der Schaar

wird beschworen und gibt Auskunft: sie seien die Geister gefallener

Krieger.[304] Man glaubt auch vom Wind, er ruhe in Bergen und breche

dann zu Zeiten daraus hervor. Dass Wode das Totenreich im Schooss der

Berge beherrschte, nachdem er die Toten in sein Heer versammelte, darf

als sehr wahrscheinlich gelten, obschon trotz den vielen Sagen von

bergversunkenen Helden und Heerscharen kein bestimmtes Zeugniss von

Wode im Berge spricht. Aber man darf einerseits auf die zahlreichen

Wodansberge in Niederdeutschland und Mitteldeutschland hinweisen,

die nicht bloss als Kultstätten Wodans, sondern auch als Aufenthalt

Wodans gedacht werden können, andererseits auf die nordische Sage, wo

Odin sich den Alten vom Berge, Bergesgott[305] nennt. König Sveigdir

fuhr aus, Odin und das Heim der Götter zu suchen. Im östlichen

Schweden heisst ein Gehöft zum Steine (_at Steini_), der Stein ist

so gross wie ein ansehnliches Haus. Abends nach Sonnenuntergang, als

Sveigdir vom Trunk zum Schlafhaus ging, erblickte er einen Zwerg

unter dem Steine sitzen. Sveigdir und seine Leute waren angetrunken

und liefen zum Steine. Der Zwerg stand am Eingang, rief Sveigdir an,

hereinzukommen, wenn er Odin besuchen wolle. Sveigdir lief in den

Stein, der sich alsbald hinter ihm zuthat. Niemals kehrte Sveigdir

zurück.[306] Merkwürdig ist auch die Benennung _Walhall_ für einige

schwedische Berge.[307] Schwerlich sind sie nach der himmlischen

Halle genannt. Vergeblich sucht man nach einem Grund solcher

Übertragung. Man begreift, dass geräumige irdische Säle und Hallen, um

ihre besondere Pracht anzudeuten, auf Island und in Grönland Walhall

heissen. Aber warum ein Berg? Vielmehr dürfte gerade am Bergnamen das

Ursprüngliche haften. Walhall ist die Halle der Kampftoten. Die Seelen

der Erschlagenen hausen aber im Berge und ziehen im wütenden Heer.

Die Schilderung von Odins himmlischer Halle, die von einem Gitter mit

wunderbarer Pforte umschlossen, von einem reissenden Fluss umströmt

ist, lässt noch deutlich erkennen, dass darunter die Hölle, das

unterirdische Totenland gemeint ist, das erst später in himmlisches

Licht erhoben wurde, ohne darin seine düstere Herkunft verleugnen zu

können.[308] Odin in Walhall stand wol ursprünglich dem Wode, der mit

dem Totenheer im Berge sitzt, gleich. Auch hierin waltet die Nachtseite

in Odins Art vor, der als Odr gleich Wode aus dem finstern Sturm- und

Seelengott hervorging. Ebenso zeigt sich dieser Zug in der nordischen

Benennung Odins als des Herren der Gespenster und Gehängten.[309] Die

eines _gewaltsamen Todes_ starben, kommen ins wilde Heer, nach Walhall

in den Berg. Vergeistigt und vertieft erscheint der Gedanke im Walhall

nordischer Skalden: die den _Heldentod_ starben, gehen nach Walhall zu

Odin.

Der Wode hat Einfluss auf Ackerbau und Gedeihen der Frucht.

In Mecklenburg liess man einige Ähren stehen, die zur Garbe

zusammengebunden wurden. Die Schnitter traten im Kreis darum und

riefen: _Wode, Wode, hole dinem rosse nu voder!_ Sie opferten also

dem Beherrscher des Windes.[310] Denn vom Winde hängt die Saat

vielfach ab und es ist gut, ihn günstig zu stimmen. Auf adligen Höfen

wurde, wenn der Roggen ab war, den Schnittern Wodelbier gereicht. Auf

Wodenstag soll man keinen Lein jäten, damit Wodens Pferd den Samen

nicht zertrete. Im Schaumburgischen schlägt man beim Erntebier mit

den Sensen zusammen und ruft dabei: _Wold, Wold, Wold!_ Unterbleibt

die Feierlichkeit, so ist das nächste Jahr Misswachs an Heu und

Getreide. Am Steinhuder See entzünden die Burschen nach der Ernte ein

Feuer und rufen, wenn die Flamme lodert, unter Hutschwenken: _Wauden,

Wauden!_ In _Wold_ und _Wauden_ soll nur der Göttername verderbt sein.

In Baiern[311] gehört der Ährenbüschel für den _Waudlgaul_, Bier,

Milch und Brot, das man dabei stehen lässt, für die _Waudlhunde_,

die in der dritten Nacht kommen und fressen. Wer nichts stehn lässt,

über dessen Felder geht ein gespenstischer Kornverderber. Im vorigen

Jahrhundert galt noch ein Erntefest, die _Waudlsmähe_ genannt, wo

man den schwarzen Rossen des Waude Futter aussetzte. Waude ist wol

als _Woude_ = _Wuote_ zu verstehen. Entsprechend wird von Passau bis

Pressburg das _Wudfutter_ ausgesetzt. Das Volk im Aargau freut sich,

wenn das _Guetisheer_ schön singt, denn dann gibts ein fruchtbares

Jahr. In Schonen und Blekingen blieb es lang Sitte, dass die Ernter

auf dem Acker eine Gabe für Odens Pferde zurück liessen; ebenso in

Småland. Der Wode auf seinem Rosse dahin reitend, von seinen Hunden

begleitet, brachte also nach dem Volksglauben den Äckern Fruchtbarkeit

und wurde darum mit Opfer verehrt. Da der Brauch gleichmässig übers

ganze germanische Gebiet sich erstreckt, reicht er sicherlich in

hohes Altertum zurück. Dazu stimmt, dass Odin nach dem Zeugniss der

Ynglingasaga in Schweden schon zur Zeit des Heidentums beim Winteropfer

um Jahressegen und Wachstum angerufen wurde. Im færöischen Liede vermag

Odin in einer Nacht ein Getreidefeld aufwachsen zu lassen.[312]

2. Wode und Wodan.

Wie hängen nun _Wode_ und _Wodan_ zusammen? Beide Namen gehören

zusammen, beide Gestalten sind im Norden nimmer auseinander gehalten.

Nur in einer Sage, die allerdings schon alt ist, begegnete _Odr_,

sonst konnten wir den deutschen Sagen von Wode im Norden immer nur

solche von Odin gegenüber halten. Die Vorstellungen, welche mit Wode

verknüpft sind, wurzeln durchweg im uralten Volksaberglauben. Wode und

sein wütendes Heer erscheinen nur als eine offenbar uralte und allen

Germanen vom Süden bis zum Norden bekannte besondere Form der unter

einem Führer umziehenden Geisterschar, die dem Seelenglauben aller

Völker zugehört. Hat die Schar einen Führer, so ist dieser entweder

durch den Hang zu fassbaren Einzelgestalten, wie er in der Volkssage

waltet, als besonderer Vertreter der Gesamtheit entstanden oder in

Anlehnung an bestimmte örtliche und geschichtliche Vorkommnisse neu

hinzugetreten, so wenn Könige, Helden, Feldherrn, Burgherrn aller

Zeiten einander nach von der Volkssage mit der Führerschaft des

Totenheeres betraut werden. Der letztere Fall kann bei Wode kaum in

Frage kommen, dass etwa ein germanischer Gott zum Heerführer wurde und

nach ihm die Schaar den Namen trug. Andererseits gehören Wode und das

wütende Heer unlöslich zusammen. Die Sprache lehrt, dass _*wôdaȥ_ wütig

und _*wôdjan_ wüten denselben Begriff als Eigenschaftswort und Zeitwort

enthalten. Die Erklärung liegt nahe, dass die Germanen das Heer der

Seelen als das wütende benannten, wie es auch das wilde heisst, womit

auch sein Erscheinen in der Wut des Sturmes angezeigt ist. Aus dem

gleichen Begriff, welcher den Namen der Geisterschaar schuf, leitete

sich die Bezeichnung des Führers ab. Das Eigenschaftswort erhielt nach

und nach den Rang eines Eigennamens. Wode ist als das wütende Heer in

einer bestimmten Person verkörpert zu deuten, wie ja der Sturm auch

als Riese persönlich wird, und diese auf dem allgemeinen, daneben

in zahllosen Sonderbildungen fortwuchernden Aberglauben begründete

Volkssage dürfte schon in der germanischen Urzeit entstanden sein.

Wie eine längere Form neben der verkürzten steht _Wodan_[313] neben

_Wode_. Man möchte zunächst geneigt sein, Wode als jüngere Verkürzung

aus Woden, Wodan wie schwedisch Ode aus Oden, Odin zu nehmen, besonders

da Wode nur aus späterer Überlieferung vorliegt. Und dann wäre auch der

Schluss erlaubt, Wodan lebe in Wode noch fort. Nachdem aber gerade die

alte nordische Überlieferung zwischen _Odr_ und _Odin_ unterscheidet,

müssen _Wode_ und _Wodan_ entsprechend auseinander gehalten werden.

Überblickt man die gesamten Nachrichten von Wodan-Odin, so ergibt

sich, dass Wode allerdings in Wodan aufging, aber daneben zeigt

Wodan ganz andere Züge, welche wir an Wode vermissen. Wode ist ein

Gespenst, Wodan ein Gott, in Wode ist nur die dunkle, nächtige Seite

hervorgekehrt, bei Wodan die helle, lichte. Dem Wode wird kein andrer

Dienst gespendet als den übrigen Seelengeistern, Wodan wird um Sieg

und Heldentum angerufen und lenkt vom hohen Himmel die Geschicke der

Völker. Aber in Wodan fehlt trotzdem nicht der dunkle Untergrund.

Der Schluss liegt nahe: +Wodan ist der vergöttlichte Wode.+ Helles

Himmelslicht fiel auf den Sturmgeist, der als Gott in den Himmelssaal

aufstieg und über die älteren Götter den Sieg davon trug. Wenn Wode

gemeingermanisch ist, Wodan aber nur einzelnen Stämmen gehört, so darf

das nicht etwa so ausgelegt werden, als wären in der christlichen Zeit

die hellen und freundlichen Züge des Gottes verblasst, und nur die

finstern übrig geblieben, ja vielleicht noch feindselig gesteigert

und vermehrt worden. Die dunkle Seite in Wodans Wesen ist schon im

Heidentum entwickelt und muss als die ursprünglichste gelten. Wode

aber ist, wie besonders die reiche nordische Überlieferung vermuten

lässt, teils in Wodan aufgegangen, teils lebte er in der alten Weise

neben ihm fort und hat ihn so auch um Jahrhunderte überdauert. Somit

muss an der Trennung zwischen Wode und Wodan festgehalten werden.

Die Namen gehören freilich zusammen: Wodan ist nichts als eine durch

Ableitungssilbe weitergebildete Form von Wode. Der Anlass hiezu

entzieht sich unserem Ermessen, auch ob irgend ein anderer Sinn mit

dem Namen Wodan sich etwa verband. Vielleicht soll damit nur eine

Verschiedenheit des Gottes von dem im Volksbewusstsein fest wurzelnden

Sturmgeist erzielt werden. Wodans Göttlichkeit, im Vergleich zu Wode

dem Seelenführer, liegt namentlich in +zwei+ Merkmalen: Wodan ist

+Herr des Sieges+ und damit des Völkergeschickes und +des Geistes+;

die letztere Seite ist namentlich im Norden hoch entwickelt, darf

aber wol auch für Deutschland vorausgesetzt werden. Kein Gott bei

den verwandten Indogermanen gleicht Wodan mehr als Hermes-Merkur,

der auf ähnliche Art wie Wodan aus einem Windgott zu einem Gott

des Geistes sich entwickelte. Da Wode in die germanische Urzeit

zurückreicht, nicht aber Wodan, der vielmehr erst in den Jahrhunderten

nach Chr. auf Kosten älterer Götter zu Macht und Ansehen gelangte,

da Wodans Kult von niederdeutschem Gebiet, aus den Völkern, die zur

fränkischen und sächsischen Gruppe gehören, sich verbreitete, und in

ihm offenbar eine neue Zeit höherer Kultur sich verkörpert, darf wol

die Frage aufgeworfen werden, ob nicht Wodan etwa am Unterrhein,

wo römische Kultur auf die germanischen Stämme herüberströmte, aus

Merkur hervorging. Nicht eine Nachahmung römischen Vorbildes soll

damit behauptet, nur die Vermutung, es könnte ein Anstoss zu Wodan

durch die Bekanntschaft mit Merkur gegeben worden sein, ausgesprochen

werden. Der Verkehr zwischen Germanen und Römern in den Rheinlanden

brachte gegenseitige Mitteilungen mit sich. Die deutschen Götternamen

wurden übersetzt und in der interpretatio romana von den Germanen

gutgeheissen.[314] Merkur als Seelenführer, als stürmischer Liebhaber

der Nymphen, als Beförderer der Fruchtbarkeit, gleicht dem Wode;

nimmt man Merkur als Gott des Geistes hinzu, so entsteht Wodan. Die

zweite Seite seiner göttlichen Thätigkeit kann Wodan nicht von Merkur

bekommen haben. Der Hauptgott der Germanen, Tiuȥ, ist Kriegsgott.

Diese Eigenschaft behielt er, auch als Wodan Heervater und Siegvater

geworden war. Vielleicht darf demnach behauptet werden, aus Wode

entwickelte sich am untern Rhein, als Germanen und Römer dort in

ständigen feindlichen oder freundlichen Verkehr traten, als aus diesen

Einwirkungen eine neue und höhere germanische Kultur sich erhub, der

göttliche Wodan, welcher die geistige Thätigkeit von Merkur, die

kriegerische Thätigkeit und seine Stellung als Himmelsgott von Tiuȥ,

den er allmälig abzulösen bestimmt war, entnommen hat.

3. Wodan bei den Deutschen.

Tacitus berichtet von den Germanen, sie verehrten am meisten den

Wodan.[315] Das trifft nicht auf alle Germanen zu, an andern Stellen

zeigt Tacitus selbst ganz andre Gottheiten im Mittelpunkt des Kultes.

Vermutlich sind die Germanen am Unterrhein gemeint, von denen die Römer

am meisten wussten, so dass Wodan nur bei ihnen, bei den rheinischen

oder istvaeischen, nicht auch bei den ingvaeischen und suebischen

Stämmen als höchster Gott für die damalige Zeit angesetzt werden darf.

Noch später sieht man Wodans Macht im Wachstum begriffen, aus dem

Sturm- und Totengott wird der Himmelsherr, der Gott des Krieges und

der geistigen Kultur, der die andern uralten und einfacheren Gestalten

des germanischen Götterhimmels in Schatten stellt. Am untern Rhein und

von da landeinwärts, wo eine Menge römischer Kultur auf die Germanen

überging, kam Wodan auf und hatte im 1. Jahrhundert n. Chr. bereits

den Sieg errungen.[316] Um eine Vorstellung vom Wesen dieses Gottes zu

gewinnen, müssen sorgfältig alle die Züge gesammelt werden, welche auf

einen eigentlichen, dem +Gott Wodan+ geweihten Dienst hinweisen, nicht

bloss mit dem Aberglauben an den stürmenden Wode zusammenhängen. Die

lichte, geistige Seite muss vor der finstern, nächtigen vorherrschen,

wo der göttliche Wodan waltet, wenn auch der dunkle Hintergrund, auf

dem er sich abhebt, nie ganz verschwinden kann.[317]

Unter den deutschen Stämmen im Norden Deutschlands muss Wodan bereits

im 3. und 4. Jahrhundert eine hohe Machtstellung besessen haben.

Auf nds. Gebiet wurde der _dies Mercurii_ dem Wodan gegeben, bei

Sachsen, Friesen, Niederfranken, woran noch heute der Sprachgebrauch

festhält.[318] Auf hochdeutschem Gebiet steht seit Alters dafür der

Name Mittwoch fest, schwerlich weil dadurch ein älterer Wotanstag

verdrängt wurde. Haften doch die andern Götternamen auch in den

hds. Mundarten. Und warum sollte gerade nur hier die Feindseligkeit

der Geistlichen Wodan verdrängt haben, während er sonst ungekränkt

blieb? Mit mehr Wahrscheinlichkeit ist anzunehmen, dass die später

hochdeutschen Stämme, die Südgermanen, zur Zeit der Einführung der

römischen Wochentage einen Gott Wodan, welcher dem Merkur entsprach,

nicht gekannt haben. Die Heimat des Wodansdienstes ist Norddeutschland,

nur in Ausläufern erstreckte er sich nach dem Süden. Ortsnamen wie

_Wodensweg_, _Wodensfeld_, namentlich aber _Wodensberge_ sind besonders

in Niederdeutschland und in England üblich, _Wodensberge_ kommen

jedoch auch auf mds. Gebiete, wol unter fränkischem oder sächsischem

Einfluss vor, ein _Wodensberg_ bei Bonn und in Hessen. Unter den Bergen

sind alte Kultstätten zu verstehen. Für altsächsischen Wodansdienst

zeugt die Abschwörungsformel[319], in welcher die drei germanischen

Hauptgötter, Wodan in der Mitte, vorkommen, sowie das Verbot der

Wodansopfer. Auf alemannisches Gebiet greift der Wodankult ebenfalls

hinüber; allerdings begegnen Zeugnisse erst im 7. Jahrhundert. Die

Schwaben sassen um eine gewaltige Bierkufe und hielten Opfer und Gelage

dem Wodan zu Ehren.[320] Auf der im Abschnitt über Donar besprochenen

Runenspange wird Wodan neben Donar angerufen. Durch fränkischen

Einfluss kann Wodan in den letzten Zeiten des Heidentums auch zu den

Alemannen gelangt sein. Als die römischen Wochentage ins Deutsche

umgesetzt wurden, war er jedenfalls noch nicht bei ihnen. Sonst müsste

irgendwo ein oberdeutscher _Wuotanes tac_ der Mittawecha oder Mittwocha

zur Seite stehen. Im zweiten Merseburger Segensspruch, der wol aus

thüringischem Gebiete stammt, tritt wenigstens Wodans Thätigkeit

deutlich hervor. Einem Götterpferd ist auf der Fahrt ein Unfall

zugestossen. Mehrere Göttinnen, denen, gleich allen Frauen, Heilkunde

eignet, versuchen umsonst den ausgerenkten Fuss durch Besprechen

einzurichten. Da besprach ihn zuletzt Wodan, wie er es wol konnte.

Wodan ist also der grösste Zauberer und Wunderer, er ist stärkeren

Heilzaubers mächtig als die übrigen Götter. So geringfügig die Stelle

auch scheint, sie eröffnet doch einen weiten Ausblick, sie zeigt den

deutschen Wodan im Besitz der gleichen Kräfte, um deren willen der

nordische Odin gerühmt wird.

Unter den Angelsachsen war Woden der oberste der Götter.[321] Die Sage

wusste, dass die Stämme einst unter seiner Führung vom Festland nach

Britannien fuhren. Woden ist der Stammvater aller angelsächsischen

Könige. Die Stammtafeln treffen alle in ihm zusammen und spalten sich

erst in seinen Söhnen. Zwar gehen die Ahnenreihen noch weiter als

Woden hinauf, unter seinen Vor- und Nachfahren begegnen Namen, die

teils Wodens Beinamen waren, teils andere Götter, namentlich Tiuȥ und

Fréa bezeichneten. Aber gerade hieraus ist zu lernen, dass ältere

Stammreihen zwar vorhanden waren, jedoch dem Wodensdienst untergeordnet

wurden. Man sieht, wie Woden nach und nach die erste Stelle errang.

Hengist und Horsa selber waren Wodens Söhne. Dem Woden wurde um Sieg

und Heldentum geopfert.[322] Frija war sein Weib.

Als Siegvater, der im Himmel thront, erscheint Wodan auch in der

langobardischen Stammsage.[323] Es gibt eine Insel, die Scadanau

heisst, im Norden; da wohnten viele Völker. Unter diesen war ein

kleines Volk, das man Winniler nannte; und bei ihnen war ein Weib mit

Namen Gambara, die hatte zwei Söhne: der eine hiess Ybor, der andre

Agyo. Die führten mit ihrer Mutter Gambara die Herrschaft über die

Winniler. Es erhoben sich nun gegen sie die Herzoge der Wandalen Ambri

und Assi mit ihrem Volk und sprachen zu den Winnilern: Entweder zahlet

uns Zins oder rüstet euch zum Streit und streitet mit uns. Darauf

antworteten Ybor und Agyo mit ihrer Mutter Gambara und sprachen: Es

ist besser für uns, zum Streit uns zu rüsten, als den Wandalen Zins

zu zahlen. Da baten Ambri und Assi, die Herzoge der Wandalen, Wodan,

dass er ihnen Sieg verleihe über die Winniler. Wodan antwortete und

sprach: Die ich bei Sonnenaufgang zuerst sehen werde, denen will ich

Sieg geben. Zu derselben Zeit gingen auch Gambara und ihre Söhne Ybor

und Agyo, die Fürsten der Winniler waren, hin und baten Frea, Wodans

Frau, dass sie den Winnilern helfe. Da gab Frea den Rat, wenn die Sonne

aufgehe, sollten die Winniler kommen, und die Weiber sollten ihr Haar

wie einen Bart ins Gesicht hängen lassen und mit ihren Männern kommen.

Da ging, als der Himmel hell wurde und die Sonne aufgehen wollte, Frea

die Frau Wodans um das Bett, wo ihr Mann lag, und richtete sein Antlitz

gen Morgen und weckte ihn auf. Und als er aufsah, so erblickte er die

Winniler und ihre Weiber, wie ihnen das Haar um das Gesicht hing. Und

er sprach: Wer sind diese Langbärte? Da sprach Frea zu Wodan: Herr, du

hast ihnen den Namen gegeben, so gib ihnen nun auch den Sieg. Und er

gab ihnen den Sieg, so dass sie nach seinem Ratschluss sich wehrten

und den Sieg erlangten. Seit der Zeit sind die Winniler Langobarden

geworden.

Die Auslegung des Namens als Langbärte (longibarbi) ist natürlich nur

volksetymologisch. Aber die Sage zeigt, dass Wodan der siegspendende

Gott bei den Langobarden war, dass er um Sieg angerufen wurde. Der

Namensfestigung folgte nach altgermanischem Brauch ein Geschenk. Wie

Odin und Frigg, so walten hier Wodan und Frea mit einander, aber ihre

Gesinnung ist oft entgegengesetzt.

Die langobardische Sage reicht ihrem Ursprung nach jedenfalls noch in

hohes Altertum hinauf, sie entstand, solange die Langobarden noch an

der untern Elbe den Sachsen benachbart sassen, vor ihrem Zug nach dem

Süden, also jedenfalls noch im 4. Jahrhundert. Vermutlich nahmen die

Langobarden den Wodansdienst von den Sachsen an und zählen demnach für

die damalige Zeit zur norddeutschen Völkergruppe, welche Wodan als

höchsten Gott verehrte. Auf Grund der Sage ist auch Wodansdienst der

Wandalen anzunehmen. Dass die Ostgermanen überhaupt noch in ihrer

alten Heimat, also im 2. Jahrhundert von ihren norddeutschen Nachbarn

Wodan übernahmen, ist sehr wol möglich.

* * * * *

Ob sonstige Wodanssagen nachweisbar sind, ist zweifelhaft.

In nordischer Dichtung ist _Gaut_ ein Beiname Odins, in den

angelsächsischen Stammtafeln begegnet _Géat_ unter den Ahnen

Wodens.[324] _Gauts_ (hs. _Gapt_) ist der Ahnherr der Amaler. Der

Name kann unmöglich mit P. A. Munch und J. Grimm als _„Giesser“_

Schöpfer gedeutet werden, er besagt vielmehr wie _Gautatyr_ Volksgott

der Gauten.[325] Diese Gauten, die heutigen Göten in Schweden haben

ihren Hauptgott nach sich selber benannt, wie solches bei Saxnot, bei

Irmino, Ingwio u. ä. schon zu beobachten war. Die Frage ist nur, wer

war ursprünglich der gautische Gott, der Himmelsgott oder Wodan? Wenn

später Odin Gaut heisst, ist damit nicht erwiesen, dass von Anfang

an ihm dieser Name zukam. Von Géat wird einmal ein Liebesabenteuer

erwähnt. Von Odin weiss die nordische Sage viele Liebesgeschichten.

Ist Gaut schon im 4. Jahrhundert, vor der Besiedelung Britanniens,

Wodan, ist überhaupt von Anfang an Wodan damit gemeint als Hauptgott

der Gauten und Goten, die wie Sachsen, Angeln und Jüten frühzeitig an

der Verbreitung Wodans im Norden teilgenommen haben können, dann gehört

schon der Hang zu Liebschaften dem deutschen Wodan zu. Dem Wesen des

Wode, des Wind- und Sturmgeistes, würde dieser Zug vollkommen, ja fast

notwendig entsprechen.

Im Walsungenstamm waltet nach der nur in nordischer Fassung

vorliegenden Sage Wodan über das Geschick der Helden. Aus Not und

Erniedrigung führt er sein Geschlecht zur Entfaltung der Heldentugend.

Dem Sigmund verleiht er ein Wunderschwert und damit Sieg. Aber der Gott

entzieht ihm am Ende seiner Laufbahn die gewährte Gunst, an seinem

Speer zerspringt das Schwert in Stücke. Die Sigmundsage ist fränkischen

Ursprungs. Dass schon bei den Franken Wodan in das Schicksal des Helden

verflochten war, ist möglich. Wodan als Stammvater von königlichen

Helden ist ja bei den Angelsachsen bezeugt. Wie diese, mögen auch

die fränkischen Walsunge Wodanskinder gewesen sein.[326] Nach dieser

Sage, wenn sie auch sicherlich im Norden reichlich ausgeschmückt

wurde, mischte sich bereits Wodan unter die Menschen, wie es an vielen

Beispielen aus nordischer Sage belegt werden kann.

Handbuch der Germanischen Mythologie · 第 26 / 68 段