Thor, wie er zu Geirröd fuhr. Snorri gibt eine kurzgefasste Sage, worin
zwei Strophen einfacherer Art vorkommen, die auf ein zweites Gedicht
neben der schwülstigen Drapa hinweisen.[282] Loki war einst in Freyjas
Falkengewand ausgeflogen und zu Geirröds Gehöft gekommen. Er sah dort
eine grosse Halle, setzte sich aufs Dach und blickte zum Rauchloch
hinein. Geirröd befahl den Vogel zu fangen. Ein Mann stieg hinauf und
fing den mit Zauberei festgeklebten Vogel. Geirröd verschloss ihn in
eine Kiste und liess ihn drei Monate lang hungern. Dann nahm er ihn
heraus und jetzt gab sich Loki zu erkennen. Um sein Leben zu lösen,
musste er Geirröd schwören, Thor ohne seinen Hammer, seine eisernen
Handschuhe und seinen Kraftgürtel in seine Gewalt zu bringen. Thor
liess sich auch wirklich bereden. Unterwegs kehrte er bei der Riesin
Grid, der Mutter Widars des Schweigsamen ein, und sie gab ihm darüber
Bescheid, welch schlimmer Unhold Geirröd sei. Mit ihrem eigenen Gürtel
und Stab und mit ihren Eisenhandschuhen versah sie Thor. Der gelangte
zum mächtigen Flusse Wimur, er umgürtete sich mit dem Kraftgürtel und
stützte sich auf Grids Stab, Loki hielt sich an seinem Gürtel fest.
Wie er in die Mitte des Stromes gekommen war, wuchs das Wasser bis
zu seinen Schultern. Da sah Thor, wie Gjalp, Geirröds Tochter, oben
in den Bergklippen mit gespreizten Beinen über dem Flusse stand und
sein Anschwellen verursachte. Thor warf mit einem grossen Stein nach
ihr und traf sie. Glücklich erreichte er das Ufer und bekam einen
Vogelbeerstrauch zu fassen, an dem er sich herauszog. Daher stammt
das Sprichwort: Der Vogelbeerbaum ist Thors Rettung. In Geirröds
Gasthaus wurde ihm ein Stuhl angewiesen. Da wurde er gewahr, dass er
sich plötzlich unter ihm zum Dach emporhob. Thor stemmte den Stab
gegen das Dach und drückte den Stuhl nieder. Da entstand ein heftiges
Geschrei und darauf hörte man ein Knacken. Geirröds Töchter Gjalp und
Greip hatten unter dem Stuhle gesessen; Thor hatte beiden das Rückgrat
zerbrochen. Darauf liess Geirröd Thor in die Halle rufen, um sich
mit ihm im Kampfspiel zu messen. In der Halle brannten grosse Feuer.
Geirröd fasste ein glühendes Eisenstück mit der Zange und warf es auf
Thor. Der aber fing es mit seinen Eisenhandschuhen auf und hob es in
die Luft. Geirröd sprang hinter eine Säule, sich zu schützen. Thor aber
schmetterte das Eisen durch die Säule, dass es den Geirröd und die
Hallenwand durchschlug und draussen noch tief in die Erde fuhr.
Uhlands Auslegung, Geirröd sei ein Glutriese, das verderbliche
schädigende Gewitter, das sich bei brennender Sommerhitze mit
Wolkenbruch und Überschwellen der Bergströme, die den Anbau zu
verschlingen drohen, entlade, genügt nicht zur Erklärung der
Einzelheiten, die sich nur äusserst gezwungen fügen. Man muss die
Fahrt zu Geirröd mit der Geschichte von der Fahrt nach Utgard zusammen
nehmen, um einen richtigen Standpunkt für die Erklärung zu gewinnen.
+Thor belebt die Böcke.+
Thor fährt mit dem Bocksgespann aus, mit ihm Loki. Bei einem Bauern
Egill kehren sie ein. Thor schlachtet die Böcke, die abgezogen und im
Kessel gesotten werden. Er ladet den Bauern mit Weib und Kindern zum
Essen ein und heisst sie die Knochen aufs Bocksfell werfen. Thjalfi
des Bauern Sohn spaltete mit seinem Messer das Schenkelbein des einen
Bockes, um das Mark zu erlangen. Am andern Morgen schwang Thor den
Hammer über die Felle, da standen die Böcke lebendig wieder auf, doch
einer lahmte am Hinterfuss. Thor merkte das und sagte, der Bauer oder
seine Angehörigen müssten nicht vorsichtig mit dem Knochen umgegangen
sein. Zornig fasste er den Hammer; der Bauer flehte um Gnade und gab
zur Busse seine Kinder Thjalfi und Roskwa, die Thor fortan treulich
dienten. Derartige Wiederbelebungen kennen Märchen, Sagen und Legenden
sehr häufig, aus der Volkssage schöpfte auch hier die norwegische
Göttersage.[283]
+Thor in Utgard.+
Thor mit Thjalfi, Roskwa und Loki begab sich nach Zurücklassung der
Böcke weiter gen Riesenheim. Sie kamen zum Meer und schwammen hinüber.
Als sie am jenseitigen Ufer eine Weile gegangen waren, gelangten
sie in einen grossen Wald, in dem sie bis zum Abend fortwanderten.
Thjalfi trug die Vorratstasche. Ihr Nachtlager nahmen sie in einem
grossen Haus, dessen Thür weit offen stand. Um Mitternacht entstand
ein grosses Erdbeben. Sie flüchteten in einen Anbau, den sie rechts im
Hause fanden. Thor hielt mit dem Hammer in der Hand am Eingang Wache.
Sie hörten grosses Brausen und Rauschen. Morgens ging Thor hinaus und
sah im Wald einen Riesen, der gewaltig schnarchte. Er gürtete sich mit
Stärke, da erwachte der Mann, Thor verzagte und schlug nicht zu. Jener
nannte sich Skrymir (Grosssprecher). „Dich brauch ich nicht um den
Namen zu fragen; ich weiss, dass du Asathor bist. Aber wohin hast du
meinen Handschuh geschleppt?“ Da merkte Thor, dass sie darin genächtigt
hatten. Das Nebenhaus war der Däumling. Skrymir wanderte mit den
Gesellen und schnürte ihre Vorratssäcke alle in ein Bündel zusammen,
dass er auf den Rücken warf. Abends legte er sich unter eine Eiche und
schlief alsbald ein. Thor wollte mit seinen Genossen zu Nacht essen,
aber vergebens versuchte er die Riemen des Bündels aufzuknoten. Zornig
fasste er seinen Hammer und schlug Skrymir aufs Haupt. Der erwachte
und fragte, ob ein Blatt ihm aufs Haupt gefallen sei. Um Mitternacht
wiederholte Thor den Schlag auf den Wirbel, dass das Hammerende tief
eindrang. Erwacht fragte Skrymir: Fiel mir eine Eichel auf den Kopf?
Zum dritten Mal, kurz vor Tag, schwang Thor den Hammer auf Skrymirs
Schläfe, dass er bis zum Schafte eindrang. Skrymir stand auf und rieb
seine Wange: Es müssen Vögel auf dem Baum sitzen, eine Feder fiel
mir auf den Kopf. Wachst du, Thor? Es ist Zeit aufzustehen. Ihr habt
nimmer weit bis nach Utgard. Dort werdet ihr noch grössere Leute sehen.
Überhebt euch nicht zu sehr. Damit warf er seinen Bündel auf den Rücken
und ging in den Wald hinein. Die Asen wünschten ihm keine gute Reise.
Thor wanderte mit seinen Gefährten weiter, bis sie zu einer hohen
Burg gelangten. Der Eingang war mit einer Gitterthüre verschlossen.
Da sie diese nicht aufmachen konnten, schlüpften sie zwischen den
Stäben hindurch. In der Halle fanden sie viele grosse Männer. Der
König Utgardaloki nahm ihren Gruss säumig auf und wunderte sich über
Thors Kleinheit. Er schlug den Gästen vor, sich mit seinen Leuten im
Wettspiel zu messen. Loki versuchte sich gegen Logi im Essen; Loki ass
alles Fleisch von den Knochen, Logi aber verzehrte das Fleisch mitsamt
den Knochen und dem Trog dazu. Thjalfi ward von Hugi im Wettlauf
besiegt. Thor sollte ein Horn auf einen Zug ausleeren. Dreimal setzte
er gewaltig an, aber kaum war ein Abgang im Horn bemerkbar. Dann sollte
er Utgardlokis Katze vom Boden aufheben; so gewaltig Thor sich stemmte,
nur einen Fuss der Katze brachte er vom Boden. Endlich sollte er mit
Elli, Utgardlokis Amme ringen. Das alte Weib stand fest, Thor sank
ins Knie. Am andern Morgen brachen die Asen auf, Utgardloki gab ihnen
das Geleite und gestand Thor, er habe Tags zuvor allerlei Blendwerk
vorgemacht. Zuerst als Skrymir habe er das Bündel mit Eisenbändern
verschnürt; darauf vor Thors Hammerhiebe Felsen gehalten, worein grosse
Vertiefungen geschlagen wurden. So war es auch bei den Spielen. Logi
war das fressende Wildfeuer, Hugi, der mit Thjalfi um die Wette lief,
der windschnelle Gedanke. Das Horn konnte Thor nicht leeren, weil sein
eines Ende im Meer lag, die Katze war die grosse Weltschlange, die
Amme Elli das Alter, das noch niemand zu beugen vermochte. Da hob Thor
den Hammer, aber Utgardloki war verschwunden und auch von der Burg war
nichts mehr zu sehen.[284]
Skrymir und Utgardloki sind also mit einander eins, die Sage läuft auf
Trug und Blendwerk hinaus, wogegen Thor machtlos ist. Zur Erläuterung
dient Saxos Bericht, bei welchem _Thorkillus_ den Thor vertritt, aber
im Grunde doch völlig mit ihm zusammenfällt.
König Gorm wollte _Geruths_ Land besuchen, von dessen Beschaffenheit
er durch Isländer gehört hatte. Unglaubliches wurde von den Schätzen
berichtet; gefährlich war die Seefahrt dorthin, man musste weit ins
Meer hinaus segeln, bis Sonne und Sterne ihren Schein verlören und
Finsterniss herrsche. 300 tapfere Jünglinge unter Führung Thorkils,
der schon einmal dort gewesen war und den Weg wusste, begleiteten
Gorm auf 3 Schiffen, die auf Thorkils Rat besonders erbaut und
ausgestattet waren. Über Halogaland hinaus gelangten sie in die
weite See und legten an einer von Trollen bewohnten Insel an, wo sie
3 Leute einbüssten. Dann gings weiter nach Bjarmeland, das mit Eis
und Schnee Sommer und Winter bedeckt ist und kein Getreide trägt.
Schäumende Flüsse eilen durchs Land, das mit finsteren von wilden
Tieren erfüllten Wäldern bestanden ist. Sie landeten und Thorkil
befahl seinen Genossen mit keinem der Landsbewohner zu reden. Früh
am Morgen kam der Riese Guthmund und lud sie zu sich ein. Der suchte
die Dänen durch Zauberspeisen und schöne Weiber in seine Gewalt zu
bringen, aber Thorkil warnte seine Leute, nur vier wurden verführt.
Dann setzte Guthmund die Dänen über den Strom, der von einer goldenen
Brücke überspannt die Welt der Menschen und Geister trennte. Sie
betraten Geruths Land. In dunkelm Nebel lag eine grauenvolle Stadt,
von Gespenstern bewohnt, von wilden Hunden bewacht. In der Stadt
herrschte greulicher Gestank. Sie gelangten zu einer Felsenhöhle, die
sie nur zögernd auf Thorkils Anweisung, nichts anzurühren, betraten.
Die Höhle sah grässlich und abscheulich aus, Thüren und Wände waren
rauchgeschwärzt, das Dach war mit Pfeilen gedeckt, am Boden krochen
Nattern. Auf eisernen Stühlen sassen Gespenster. Auf einem Hochsitz
sass ein alter Mann, sein Leib war durchbohrt und an den Felsen
befestigt. Bei ihm sassen drei Weiber mit zerbrochenem Rücken. Thorkil
erzählte, der starke Gott Thor sei durch Geruths Hochmut erzürnt worden
und hätte ihn mit einem glühenden Eisenkeil an den Fels gefestigt;
zugleich traf Thor mit dem Blitz die drei Weiber.[285] Nachdem die
Dänen noch einen Kampf mit den Gespenstern bestanden, worin die meisten
umkamen, rettete sich der Rest zu Guthmund und von dort nach Dänemark.
Gorm will wissen, welchen Aufenthalt und Lohn die Seele nach dem Tode
habe. Um das zu erkunden, wird Thorkil zu _Ugarthilocus_ entsandt.
Sie segeln wieder ins Land der ewigen Finsterniss. Von zwei Trollen,
die in einer Höhle am Feuer sitzen, wird Thorkil der Weg gewiesen.
In einer Höhle liegt Ugarthilocus an Händen und Füssen mit eisernen
Ketten gefesselt. Sein Haar war wie spitziges Horn oder Schwerter und
verbreitete entsetzlichen Geruch.[286] Als sie eines auszogen, werden
sie von giftigen Nattern und Trollen angegriffen und verfolgt. Thorkil
allein bleibt am Leben und rettet sich, indem er zum Christengott ruft.
Bei Saxo erscheint Thors Fahrt zu Geirröd und zu Utgardaloki
deutlich als Besuch in der Unterwelt und ist mit allen Schrecken
der Hölle ausgemalt. Mag auch einiges von Saxo aufgetragen sein, in
der Hauptsache ist er doch von der Darstellung seiner isländischen
Quellen geleitet, welche mehr als die uns bekannte Überlieferung
das Schauerliche hervorkehrten. Damit wird der Weg zum Verständniss
gewiesen; nicht von irgend welchen Naturvorgängen hat die Erklärung
auszugehen, vielmehr von der im klassischen Altertum und im
christlichen Mittelalter gleich beliebten Höllenfahrt, die dem Thor,
wie dem Hercules und Märchenhelden gerne zugeschrieben wird.
_Útgarþr_ ist die Aussenwelt, die Wildniss, wo keine Menschen
wohnen, wo alles wüst und öde ist. Ins unbewohnte Land verweist der
Volksglauben gern die Unholde. Im Norden und Osten, im Eismeer und
in der Bergwildniss hausten nach norwegischem Glauben die Trolle und
Riesen, bei den wilden, als Zaubrer verschrieenen Lappen und Finnen.
Trollabotnar d. i. Trollengründe heisst die schaurige Einöde des
Polarmeeres.[287] Die Fahrt ins Trollenreich ist auf Thor übertragen.
Aber zugleich auch der Besuch in der Unterwelt, die durch tiefe Wasser
und dunkle Wälder von der Oberwelt getrennt ist. Nach der Ansicht des
Mittelalters liegt der Teufel in Banden bis zum Anbruch des jüngsten
Tages. Der gefesselte Loki ist eine deutliche Nachahmung dieser
Vorstellung.[288] Der Sage ist Thor Beschirmer der Welt, Midgards, den
Einbruch der Riesen und Trolle schlägt er siegreich zurück. Aber sobald
er das Heim der Trolle und das Reich der Hölle betritt, wird seine
Macht vor dem trügenden Blendwerk der bösen Feinde zu Schanden.
Mit Thors Fahrten bringt Saxo den Besuch bei Gudmund[289] in
Verbindung. Von König Gudmund auf Glaesisvellir, dem Gefilde
des Glanzes, erzählen erst spätere isländische Quellen des 14.
Jahrhunderts, die zum Teil von Saxo unabhängig sind. Gudmund, dessen
Reich bei Bjarmeland gedacht wird, ist offenbar in der Volkssage ein
Elbenkönig. Unsterblichkeit, Wonne und Reichtum herrscht dort, seine
Tochter Ingeborg entzückt Helgi Thorirs Sohn zu sich. Aber der Elben
Rache bringt dem Menschen, der wieder zur Erde zurückkehrt, Tod und
Verderben. Dem König Olaf Tryggvason reicht Helgi ein Geschenk der
tückischen Elben, ein goldenes Horn, das beim Kreuzeszeichen mit Getöse
zerspringt. Helgi selber ist geblendet. Wir haben somit eine alte
Elbensage, schon zu Saxos Zeit an einen König Gudmund geknüpft. Thor
hat schwerlich damit zu schaffen gehabt.
Unverkennbar geht die Entwicklung Thors in diesen Geschichten immer
mehr abwärts. Das ist nicht die Auffassung, die ein gläubiges Volk
dem gefürchteten, gewaltigen Gott entgegenbringt. Erst in den Zeiten,
da der Heidenglaube wankte, konnten solche Erzählungen entstehen, wo
der Gott gleich wie jeder andre starke Mann im Märchen zum blossen
Zeitvertreib, zur Unterhaltung geschildert wurde.
+Thor und die Riesinnen.+
Auf einige Mythen sind nur Anspielungen bekannt. Thor rühmt sich, den
Thjazi, den trotzigen Riesen erschlagen und seine Augen zum Himmel
hinaufgeworfen zu haben.[290] Bragi rühmt Thor als den Zerschmettrer
der neun Häupter des Thrivaldi. Nach dem Skald Vetrlidi zerbrach Thor
die Beine der Riesin Leikn. Thorbjorn Disarskald nennt in einer Strophe
mehrere Kämpfe mit den Thursenweibern Keila, Kjallandi, Búseyra,
Svívor, Hengjan-Kjapta und Lut.
Thor hat in der nordischen Skaldendichtung eine Menge Beinamen, welche
nur zum Teil verständlich sind, seiner Thätigkeit und den von ihm
umlaufenden Sagen entstammen. Weshalb er Bjorn heisst, ist nicht
bekannt. Seine Namen Hlorridi und Vingnir werden aus der Blitzflamme
und dem Schwingen des Hammers gedeutet. Thor wird Pflegesohn
oder Pflegevater des Vingnir und der Hlora genannt, natürlich im
Zusammenhang mit den erwähnten Beinamen.[291]
+Thor und Alwis+.
Wie Thor die Riesen mit Gewalt meistert, so bezwingt er den Zwerg
Alwis[292] mit List und geistiger Ueberlegenheit. Der Zwerg Alwis kommt
zur Nachtzeit auf die Erde, um die ihm verlobte Maid abzuholen. Da
tritt ihm Thor entgegen und fragt nach seinem Begehren. Alwis will zu
Wingthor, um von ihm die Tochter zu empfangen. Thor war nicht daheim,
als andere seine Tochter versprachen; er erkennt das Verlöbniss nicht
an. Dem scheltenden Zwerg gibt Thor sich zu erkennen, worauf jener
demütig seine Werbung wiederholt. Thor will die Tochter vergeben, wenn
Alwis ihm Auskunft aus allen Welten erteile. Nun wird das Lied, wie
sonst noch manche Eddagedichte lehrhaft, indem Alwis Bescheid gibt, wie
Erde, Himmel und Gestirne, Wolken, Wind und Windstille, Meer, Feuer,
Baum, Nacht, Saat und Bier bei Menschen, Asen, Wanen, Jotunen, Alfen
und Zwergen benannt seien. Am Schluss gesteht Thor, er habe niemals
mehr Weisheit in einer Brust gefunden. Doch überlistet ist der Zwerg,
da er oberhalb der Erde von Tag und Sonnenschein überfallen wurde.
Denn dadurch erstarrt er zu totem Gestein. Die Tochter Thors, welche
im Gedicht nicht vorkommt, wird die in der Snorra Edda genannte Thrud
sein. Wie in den Söhnen Modi und Magni Eigenschaften des Vaters, Macht
und Mut persönlich werden, so auch in der Tochter Thrud seine Stärke.
Im Skaldenlied Bragis findet sich eine Anspielung auf eine verlorene
Sage, wonach aber Hrungnir der Riese die Thrud geraubt hätte. Ob
die Zwerggeschichte nur ein späterer Ableger der alten Riesensage
ist, steht dahin. Dem Kraftwesen Thors entspricht der Kampf gegen
räuberische Riesen jedenfalls besser, als die Überlistung von Zwergen.
Aber wenn einmal Thor die Trolle und Riesen schlägt, kommt die Sage
auch leicht dahin, lichtscheue bleiche Erdzwerge ihm gegenüber zu
stellen. Uhland deutet sinnig Thors Tochter als das Saatkorn, das den
Unterirdischen überantwortet wird, beim fruchtbaren Gewitterregen
aufkeimt und dadurch zum Lichte zurückkehrt. Aber in solchen
Sinnbildern ist der Ursprung dieser späten zu Thors Art wenig passenden
Geschichte nicht zu suchen.
5. Thor im neueren Volksglauben.
Thors Andenken blieb im nordischen Volke bis auf die Gegenwart
erhalten, in der Volksweise von Tord af Havsgard, welche norwegisch,
schwedisch und dänisch vorliegt, in der telemarkischen Sage von Urebö,
worin eine Felswüste auf Thors Hammerschlag zurückgeführt wird. Am
meisten Erinnerungen scheint Schweden zu bieten.[293] Vor allem aber
hält die Bezeichnung des Donners im Ostnordischen die Erinnerung an
Thor fest. Während im An. der Donner mit _þruma_ bezeichnet wird und
das gemeingermanische Wort nur im Namen des Gottes weiterlebt, weist
dän. _torden_ schwed. _tordön_ auf _þorduna_ d. i. Thors Getöse zurück.
Im Schwed. ist ein zweites Wort für Donner _åska_ aus _åsaka_, neben
welchem die Mundart _toraka_ bietet, _åka_ bedeutet Fahren. Der Donner
ist also Thors oder des Asen Fahrt. Noch jetzt also erkennt die Sprache
Asathor an, der in den Wolken dahinfährt.
IV. Wodan-Odin.
1. Wode und das wütende Heer.
Über das ganze germanische Gebiet geht die Sage von einem
gespenstischen Heere, das in stürmischen Nächten durch die Lüfte
braust. Die Erscheinung wird teils als Heerzug, teils als Jagdtross
gedacht. Der einsame Wanderer scheut seine Begegnung, denn oft
wird er auf Nimmerwiedersehen in die wilde Schaar entrückt. Dem
Umzug wird manchmal besondere Bedeutung beigemessen, wie allen
Geistererscheinungen. Krieg und sonstige schwere Ereignisse werden
dadurch angezeigt, aber man schliesst auch auf fruchtbare Jahreszeit.
Im Geisterheere ziehen die Seelen derer, die gewaltsamen Todes
verstarben oder auf denen Fluch und heidnisches Wesen lastet, also
gefallene Krieger, Gerichtete, Ungetaufte u. dgl. In höchstes Altertum
reicht diese Vorstellung hinauf und bis auf die Gegenwart hat sie sich
erhalten. Gern setzt die Sage der Schaar einen besonderen Führer, der
zuweilen dann auch allein umreitet, etwa als wilder Jäger, der der
Windsbraut, einem Weibe oder einem gespenstischen Eber nachjagt. Der
allgemeine Aberglauben vom Seelenheere kann zu zahllosen besondern
Sagen ausgebildet werden, die nach Ort und Zeit sehr verschieden sich
gestalten müssen. Aber die Grundlage bleibt gleich und unverändert,
Seelen, die mit oder ohne Anführer im Sturme dahin brausen oder auch im
ruhigen Windzug wie Nebelstreifen mit wunderbarer Musik vorübergleiten.
Mit Göttern und Helden aller Zeiten ist die Geisterschaar verwebt. Hier
kommen nur die Sagen in Betracht, in denen von einem _wütenden_ Heere
die Rede ist oder von _Wodes_ und Hackelbernds Umzug, wo also Wodan auf
irgend eine Art mit der Erscheinung verknüpft ist. Auch diese besondere
Sagenform ist allen Germanen bekannt. Schon im Mittelalter ist in
Deutschland die Benennung „_wütiges_“, „_wütendes Heer_“ nachweisbar
und sie hat sich bis in die Gegenwart erhalten.[294] Daneben aber ist
aus derselben Grundanschauung auch der Name des Führers gebildet. Dem
oberdeutschen _Wuotes heer_, mitteldeutschen _Wudes heer_ entspricht
auf niederdeutschem Gebiet _Wode_, im Norden _Oden_.[295] Man muss
demnach auf einen Sturmgeist _Wode_ schliessen, dessen Name zu _Wodan_
ebenso sich verhält wie im Norden _Od_, der Gemahl der Freyja, zu
_Odin_. Zu Grund liegt das germanische Beiwort _wôđaz_[296], wütig,
rasend. Als der Wütige, als Wode wurde offenbar schon in Urzeiten der
Sturmwind persönlich gedacht. Mit besonderen Eigenschaften ausgestattet
haftet diese Gestalt fest im Volksglauben. In Westfalen jagt Hakelberg
oder Hakelbernd, der Mantelträger.[297] Die verstreuten Züge der
einzelnen Sagen vereinigen sich zum Bilde eines Reiters, der auf
schwarzem oder weissem Rosse, mit breitem Schlapphut bedeckt[298] und
in einen Mantel gehüllt, zur Nachtzeit durch die Lüfte fährt.
Was in deutscher Überlieferung mehrfach vom wilden Jäger in irgend
welcher Gestalt berichtet wird, ist im Norden an Odins Namen geknüpft,
weshalb zu vermuten, dass es einst von Wode galt. Der gespenstische
Reiter spricht zuweilen bei einem Schmiede vor, um sein Ross beschlagen
zu lassen. In Winter 1208 wohnte ein Schmied zu Nesjar. Es geschah
eines Abends, dass ein Mann geritten kam, ihn um Herberge bat und sein
Pferd beschlagen liess. Der Hauswirt war bereit. Sie standen lange vor
Tag auf und begannen zu schmieden. Der Hauswirt fragte: Wo warst du
vorige Nacht? Der Gast antwortete: In Medaldal, nördlich in Thelemark.
Der Schmied wollte das nicht glauben, weil es unmöglich sei. Er begann
nun zu schmieden, doch es ging nicht vorwärts, wie er wollte. Da sagte
der Gast: Schmiede du so, wie es von selber werden will. Da wurden
grössere Hufeisen daraus, als der Schmied je zuvor gesehen hatte.
Sie passten aber genau dem Pferde und er beschlug es. Da sprach der
Gast: Du bist ein unverständiger und unweiser Mann. Warum fragst du
nichts? Der Schmied sprach: Was für ein Mann bist du oder woher bist du
gekommen oder wohin willst du gehen? Er antwortete: Von Norden bin ich
aus dem Lande her gekommen und hier habe ich nun mich lange in Norwegen
aufgehalten, und ich habe jetzt vor, südwärts ins Schwedenreich zu
fahren, und lange bin ich jetzt auf Schiffen gewesen, aber nun muss
ich mich auf einige Zeit ans Pferd gewöhnen. Der Schmied sprach: Wohin
gedenkst du heut Abend? Südwärts nach Sparmork, sagte er. Das kann
nicht wahr sein, sagte der Hauswirt, denn das kann man kaum in sieben
Tagen reiten. Der Gast bestieg das Pferd. Der Hauswirt sprach: Wer
bist du? Er antwortete: Hast du den Odin nennen hören? Hier kannst du
ihn jetzt sehen, und wenn du dem nicht glaubst, was ich gesagt habe,
so sieh nun, wie ich mit meinem Pferde über den Zaun setze. Das Pferd
hufte da; er gab ihm die Sporen und setzte über den Zaun, ohne ihn
zu berühren. Sieben Ellen hoch war der Zaun. Darauf sah der Schmied
seinen Gast nicht mehr. Vier Nächte darauf wurde eine grosse Schlacht
geschlagen.[299] Unter den deutschen Seitenstücken ist die Sage vom
Rodensteiner hervorzuheben, der, wenn ein Krieg bevorsteht, bei
grauender Nacht in die Burg Schnellert zieht. Ein Zeuge im Jahre 1758
sagte aus: Vorzeiten solle sich dieser Geist auch in Grumbach (eine
Stunde von Schnellert) vor einem Haus, worin ehedessen ein Schmied
gewohnt, gemeldet haben und gemeiniglich allda die Pferde beschlagen
lassen.
Von einem Teufelsgespenst werden in Sagen des Mittelalters häufig
Helden mittelst eines wunderbaren Rosses oder Mantels weithin durch
die Lüfte getragen. Vermutlich nahm sie Wode auf sein Ross und hüllte
sie in seinen Mantel. So ist es in einer nordischen Odinssage der
Fall. Des Jünglings Hadding, der verlassen umher irrte, auf Rache für
seinen erschlagenen Vater sinnend, nahm sich ein alter, einäugiger Mann
an. Als einmal Hadding fliehen musste, brachte ihn derselbe Greis auf
seinem Rosse nach seiner Wohnung, erquickte ihn durch ein köstliches
Getränk und verhiess ihm davon einen Zuwachs seiner Körperkraft.
Zugleich verkündigte er ihm die Zukunft und gab ihm an, wie er sich
verhalten solle. Darauf brachte der Alte den Jüngling auf dem Pferde
zur vorigen Stelle zurück. Hadding, der durch die Öffnung des Gewandes,
mit dem er bedeckt war, schüchtern hinaus blickte, sah, wie das Ross
über dem Meer hineilte. Auf des Alten Warnung aber wandte er die
erstaunten Augen von dem schauderhaften Wege. Hier also zeigt sich der
gespenstische Schimmelreiter dem Menschen gnädig und hilfreich.[300]