geschmiedet. Man könne damit werfen, soweit man wolle, ohne je das Ziel
zu verfehlen. Der Hammer kehrt von selbst in die Hand des Werfenden
zurück und kann so klein gemacht werden, dass man ihn unter dem Rock
zu tragen vermag. Nur der Handgriff ist etwas zu kurz ausgefallen.
Die Asen erklären den Hammer für das beste der von Brokk verfertigten
Kleinode, er sei der wirksamste Schutz gegen die Riesen.
In der nordischen Dichtung erscheint Thor als Sohn Odins; er musste
sich diesem unterordnen, sobald er zum ersten der Götter geworden
war. Thors Frau heisst +Sif+.[271] Sie reicht beim Gelage der Götter
dem Loki den Becher voll Metes, der aber rühmt sich, selbst mit ihr,
der Strengen und Keuschen, Buhlschaft getrieben zu haben. Der Riese
Hrungnir will sie mit Freyja entführen. Sifs prächtiges Haar hatte
Loki aus Bosheit abgeschnitten. Thor fasste den Loki und wollte ihm
alle Knochen zerschlagen. Da schwur er den Eid, er wolle der Sif von
den Zwergen aus Gold neues Haar anfertigen lassen, das wachsen sollte,
wie natürliches Haar und so geschah es, dass Sif goldenes Haar trägt.
Von Sif hat Thor die Tochter Thrud, die Hrungnir zu entführen suchte.
Sif ist Sippe, nach nordischem Sprachgebrauch Blutsverwandtschaft und
Verschwägerung. Als Schirmer dieser Bande erscheint Thor, weiht er doch
die Ehe mit dem Hammer ein. Die persönlich gedachte Sippe wurde ihm
daher zur Frau gegeben.
In Thors Söhnen +Modi+[272] (Zorn) und +Magni+[272] (Kraft) werden
wie in der Tochter +Thrud+ des Vaters Eigenschaften persönlich. Vater
Magnis heisst Thor vielleicht ursprünglich auch nur bildlich als
der Ursprung der Kraft, als der kräftigste der Asen. Von Magni wird
erzählt, dass ihn Thor mit Jarnsaxa (der mit dem eisernen Schwerte)
erzeugte. Drei Nächte alt war er doch schon so stark, dass er allein
den auf Thors Halse lastenden Fuss Hrungnirs herunterwerfen konnte. In
der neuen Welt werden Modi und Magni den Hammer Mjolnir an des Vaters
Stelle führen. Von Modi ist gar nichts weiter bekannt. Über Thrud
berichtet das Lied vom Zwerg Alwis. Thor wird zweimal Meilis Bruder
genannt. Von diesem Meili, dessen Vater Odin ist, meldet keine Sage.
Die Mutter Thors ist die Erdgöttin, Jord oder Fjorgyn[273], die im
Eichwald Verehrte.
Thors Beruf, die bewohnte Erde und das Reich der Götter durch
Bekämpfung der Riesen zu schirmen, ist in bestimmten Ausdrücken[274]
der Gedichte angezeigt. Im Hymirlied heisst er Freund der Menschen,
Zerschmettrer der Felsbewohner, der der Thursen Tod berät, der Riesin
Betrüber, des Wurmes Alleintöter. Ähnliche Benennungen legen ihm die
Skalden bei, Freund der Götter ist er bei Ulf Uggason, Landesgott bei
Egill. Im Harbardslied 23 sagt Thor: Thursenweiber schlug ich tot im
Osten, die böswillig auf die Berge stiegen. Gross wäre die Anzahl der
Riesen, wenn alle lebten, nicht Menschen gäb es in Midgard mehr. Im
Lied von Thrym 17: bald werden die Thursen thronen in Asgard, holst du
dir nicht deinen Hammer zurück. In solcher Thätigkeit tritt uns Thor
in den meisten der folgenden Sagen entgegen; stets bereit, feindliche
Riesenmächte mit Donner und Blitz zu zerschmettern, fährt er auf seinem
Bocksgespann krachend in die Bergwildniss. Wenn es um die Felsen blitzt
und donnert, stürmt und hagelt, dann ist Thor an der Arbeit und schlägt
die Unholde.
Bei Saxo[275] ist Thor wie bei den Skalden geschildert. Er führt eine
grosse Keule, gegen die nichts Stand hält. Er bekämpft und bändigt
Riesenungeheuer. Wenn man ihn um Hilfe anruft, ist er sogleich zur
Stelle, wie die Asen nur Thors Namen aussprechen dürfen, um ihn
bei sich zu haben. Als Urheber der Bergstürze wälzt er Felsblöcke
zermalmend aufs Heer der Feinde. Seine Freunde gelten als seine Söhne.
Saxo gewährt auch einen Zug, den wir sonst vermissen. Halfdan ist ein
Thorsheld, ein Sohn Thors. Während sonst nur Freyr, Tyr und Odin an
der Spitze der Heldengeschlechter stehen, während sonst allein Odin in
menschlicher Gestalt zu seinen erkorenen Lieblingen herabsteigt, thut
es hier auch einmal Thor.
4. Sagen von Thor.
Das Gesamtbild des Gottes tritt aus den Skaldengedichten uns entgegen,
welche die Thätigkeit Thors im Kreise der Asen zeigen. Wenn auch manche
Züge von den Skalden neu hinzugebracht wurden, im Grunde herrscht doch
dieselbe Auffassung Thors, wie im Volksglauben. Nur ist Thor weniger
als der Schützer der Sterblichen, vielmehr als der Schirmer der Götter
und der von ihnen geordneten Welt gezeichnet. Immer erneuern die
Riesen ihre Angriffe auf die Welt, unablässig hat Thor zu thun, um sie
niederzuhalten.
+Thor und Thrym+.
Am Ende des 9. Jahrhunderts wurde in Norwegen das beste aller
Eddalieder, das +Lied von Thrym+[276] gedichtet. Wild war Thor, als er
erwachte und Mjolnir vermisste. Er klagt dem listigen Loki seine Not:
noch ahnt es keiner auf Erden noch im Himmel -- der Ase ist seines
Hammers beraubt! Sie gingen zu Freyja, um ihr Fluggewand zu borgen.
Damit flog Loki nach Riesenheim. Auf dem Hügel sass Thrym und fragte
Loki nach Zeitung von Asen und Elben. Auf Lokis Frage nach dem Hammer
erwiderte Thrym, er sei acht Meilen tief in der Erde geborgen; nicht
gebe er ihn heraus, es sei denn, das Freyja zur Frau ihm gebracht
werde. Mit diesem Bescheid kam Loki zurück. Sie stellten an Freyja
das Ansinnen, mit dem Brautschleier zur Reise nach Riesenheim sich zu
schmücken. Aber zornig wies sie es ab. Alle Götter und Göttinnen gingen
zu Rat, Heimdall sprach: Schmücken wir Thor mit dem Brautschleier
und mit Freyjas Halsband; lasst Weibergewänder ihm ums Knie wallen,
Schlüssel am Gürtel klirren, die Brust ziert ihm mit bunten Steinen.
Thor zögerte, weibisch würden ihn dann die Asen heissen. Da sagte Loki:
Bald werden die Thursen thronen in Asgard, holst du dir nicht deinen
Hammer wieder. Da liess sich Thor verkleiden. Als Magd begleitete ihn
Loki. Sie bestiegen das Bocksgespann, die Berge barsten, es brannte
die Erde, als Thor ins Thursenland fuhr. Thrym liess alles festlich
zum Empfang zurichten; denn er ist reich. Am Abend beim Mahle ass Thor
einen Ochsen und acht Lachse, alles Würzwerk und trank drei Tonnen
Metes. Thrym verwunderte sich ob solcher Gefrässigkeit. Doch Loki, die
findige Magd sagte, acht Nächte hindurch habe Freyja aus Sehnsucht
gar nichts mehr gegessen. Der Riese wollte die Braut küssen, entsetzt
vor den funkelnden Augen sprang er in den Sal zurück. Loki wusste
wieder Auskunft, aus lauter Sehnsucht habe Freyja acht Nächte nimmer
geschlafen, darum glühe ihr Auge. Herein trat des Thursen Schwester,
die Braut um ein Geschenk zu bitten. Thrym befahl Mjolnir zu holen,
die Braut zu weihen legte er ihn in des Mädchens Schoos. Da lachte dem
Thor das Herz in der Brust, als er seinen Hammer erblickte. Den Thrym
erschlug er zuerst, darauf das ganze Geschlecht der Riesen. Des Thursen
Schwester bekam Schläge anstatt des Geschenkes, Hammerhiebe statt der
Ringe. So holte sich Odins Sohn seinen Hammer zurück.
Dem Lied ist trefflicher Aufbau und gute Zeichnung der einzelnen
Gestalten nachzurühmen. Die Handlung entwickelt sich rasch, die Sprache
ist einfach und kraftvoll. Thor erscheint hilflos und ungeschickt,
sobald es nicht aufs Zuschlagen ankommt. Da muss der listenreiche
Loki aushelfen. Der gewaltige Recke in Weiberkleidern musste überaus
komisch wirken; seine Rolle als Braut spielt er ungeschickt genug.
Ihm, dem ehrlichen, offnen Helden widerstrebt List und Trug. Aber
als seine Faust den Hammer umspannt, da tritt er wieder in seiner
vollen Furchtbarkeit hervor. Der Sage eine natursymbolische Auslegung
zu geben, etwa Thrym als Winterriesen zu fassen, der dem Donnerer
den Blitzhammer entwendet, ist nicht begründet. Das altnordische
Kunstgedicht wurde volkstümlich. In der Weise von „_Tord von
Havsyard_“, die in norwegischer und dänischer Fassung überliefert ist,
lebte es im Mittelalter unter dem Volke fort.
+Thor und Hrungnir+.
Thor der Schrecken der Riesen fuhr von Flammen umringt ins Steingebirg
zum Höhlenbewohner. Jords Sohn fuhr zum Kampf, unter ihm erdröhnte des
Mondes Pfad, der Himmel. Die Luft war von Feuer erfüllt, Hagel ging zu
Grunde, die Erde zerbarst, als die Böcke den Gott des Wagens zum Streit
mit Hrungnir zogen. Nicht scheute Thor den bergbewohnenden Riesen. Die
Berge erbebten und stürzten, das Meer flammte auf. Der Riese verzagte,
als er den kampfkühnen Gott erblickte, den gelben Schild warf er unter
seine Fusssohlen, so wollte es das Schicksal; nicht lange brauchte
der Felsenmensch auf den Wurf des Hammers zu warten. Der Riesentöter
brachte den Unhold über seinem Schild zu Fall, dass er vor dem scharfen
Hammer sich neigte. Doch ein harter Splitter der Steinwaffe des
Riesen fuhr in den Schädel Thors, da steckte der blutige Stein, bis
die Wundenheilerin mit Zauber ihn löste. Dem Skaldenlied Thjodolfs (um
855-930) tritt Snorris Bericht ergänzend zur Seite.[277] Thor war gen
Osten gezogen, Unholde zu schlagen, Odin aber ritt nach Jotunheim. Er
kam zu einem Riesen, der Hrungnir hiess. Der fragte, was das für ein
Mann sei, der mit goldenem Helm durch Luft und Meer reite, und meinte,
dass er ein gutes Ross habe. Odin erwiderte, in Riesenheim sei kein
gleich gutes. Hrungnir sagte, sein Hengst Gullfaxi sei noch stärker.
Zornig sprang er aufs Pferd und gedachte Odin zu fangen. Doch Odin
entkam, der Riese verfolgte ihn bis nach Asgard. Als er zur Hallenthür
trat, luden ihn die Asen zum Trinkgelage ein. Er ging in den Sal und
erhielt die Schalen, aus denen Thor seinen Durst zu stillen pflegte.
Hrungnir schlürfte, bis er trunken ward, und prahlte, er wolle Walhall
nach Jotunheim schaffen, Asgard versenken und alle Götter töten, Freyja
und Sif ausgenommen; die gedenke er mit sich fortzuführen. Freyja
allein wagte es, ihm einzuschenken; er aber sagte, dass er alles Bier
der Asen austrinken werde. Als nun den Asen seine Prahlerei lästig
ward, da nannten sie den Namen Thors, und alsbald trat auch Thor in
die Halle und schwang den Hammer in der Luft. Er war sehr zornig über
Hrungnirs Besuch. Der behauptete, Odin habe ihn eingeladen und er
stehe in seinem Schutze. Thor sprach, für diese Einladung solle er
büssen, ehe er hinauskomme. Hrungnir antwortete, das sei für Asathor
ein geringer Ruhm, wenn er ihn, den Waffenlosen, töte; „grösser ist
das Wagestück, wenn er den Mut hat, mit mir auf der Länderscheide bei
Grjotunagard (Bezirk der Steingehege) sich zu schlagen; auch war es
eine grosse Thorheit, dass ich meinen Schild und meine Steinkeule zu
Hause liess, denn hätte ich sie bei mir, so könnte man jetzt gleich
den Holmgang versuchen -- so aber müsste ich dich für einen Schurken
erklären, wenn du mich, den Wehrlosen, töten wolltest.“ So wurde
der Zweikampf anberaumt. Neu bei Snorri ist, dass Thor von Thjalfi
begleitet wird und dem Hrungnir ein Lehmriese Mokkurkalfi zur Seite
steht. Den machten die Riesen auf Grjotunagard, neun Meilen hoch,
unter den Armen drei Meilen breit; sie legten das Herz einer Stute,
das sich aber wenig standhaft erwies, in den Riesenleib. Hrungnir aber
trug ein Herz aus hartem Stein. Als Waffe schwang er einen Wetzstein.
So harrten sie Thors. Thjalfi ruft Hrungnir zu, Thor werde in die Erde
fahren und ihn von unten her angreifen, und darum schiebt Hrungnir den
Schild unter die Füsse und stellt sich darauf. Hammer und Wetzstein
treffen sich im Flug, der Stein bricht entzwei; die eine Hälfte fällt
zu Boden, daher stammen alle Wetzsteinfelsen, die andere fliegt Thor
in die Stirne, dass er zusammenbrach. Thjalfi hatte inzwischen den
feigen Mokkurkalfi zu Fall gebracht. Hrungnir war vornüber gestürzt,
sein einer Fuss lag auf Thors Halse. Weder Thjalfi noch die anderen
Asen vermochten ihn wegzuheben. Da trat Magni, der Sohn Thors und der
Jarnsaxa, der damals erst drei Nächte alt war, hinzu. Der warf den Fuss
Hrungnirs von Thors Halse herunter und sprach: Jammerschade ist es,
dass ich so spät herzukam; ich meine, dass ich diesen Riesen mit der
Faust würde erschlagen haben, wenn ich ihn vorher getroffen hätte. Da
stand Thor auf und begrüsste seinen Sohn mit grosser Freude und sagte,
dass er einst ein tüchtiger Mann werden würde. Thor ging heim nach
Thrudwang; das abgebrochene Stück des Wetzsteines steckte noch immer
in seinem Kopfe. Da kam die Seherin Groa herbei, die Frau Aurwandils
des Unverzagten. Sie sang ihre Zauberlieder über ihm, bis der Wetzstein
lose wurde. Da wollte Thor sie mit guter Kunde erfreuen und erzählte
ihr, er sei von Norden über die stürmischen Wogen gewatet und habe den
Aurwandil in einem Korbe auf dem Rücken aus Jotunheim vom hohen Norden
herübergetragen. Eine Zehe Aurwandils, die aus dem Korbe herauslugte,
erfror; die habe er abgebrochen und an den Himmel geworfen und das
Sternbild „Aurwandils Zehe“ daraus geschaffen. Thor fügte hinzu, es
werde nicht lang mehr dauern, bis Aurwandil aus dem Norden heimkomme.
Groa ward hierüber so erfreut, dass sie ihre Zauberlieder vergass, und
so ward der Wetzstein nicht völlig los, er steckt noch immer in Thors
Haupt.
Klar ist der Grundgedanke dieser Thorssage besonders im Skaldenlied,
ein Gewitter, das krachend ins Felsgebirg fährt. Schwieriger sind die
andern Einzelheiten auszulegen. Hrungnir heisst der Lärmer (_rungla_,
lärmen), Mokkurkalfi die Nebelwade (_mokkr_, Nebel, _kalfi_, Wade),
ein Bild der Nebelwolke. Der Riese ist aus Lehm gefertigt, während
Hrungnir im Felsgestein herrscht. Vielleicht ist damit der zähe,
wässrige Lehmboden am dunstigen Fusse des Felsgebirges gemeint. Lehm
und Gestein widerstreben dem Anbau und werden mit Gewalt bezwungen.
Bergsturz, Erdrutsch, Wasser und Nebel, alle Erscheinungen eines
im Gebirge wütenden Gewitters mögen zusammengewirkt haben bei der
Vorstellung, dass währenddem Thor den Riesen schlug. Schön erklärt
Uhland: „Den Lehmhügel hinan, am Abhang des Gebirgs, regt sich der
mühsame Anbau, oben herein ragt das ungeheure Felshorn, an dem eine
Gewitterwolke blitzt und donnert, dass plötzlich der ganze Gebirgsstock
erbebt. Die Feldarbeiter blicken empor und siehe! der Fels wird zum
Steinriesen, in der Wolke steht der feurige Wagenlenker Thor, den
malmenden Hammer schleudernd. Da fühlt Thjalfi, dass er nicht allein
arbeite, ein gewaltiger Gott ist hilfreich mit ihm, und während er das
Geringe schafft, vollbringt jener das Grosse und hat das Schwerste
schon vorgearbeitet.“ Weniger ungezwungen fügt sich das übrige der
Naturdeutung. Groa (zu _gróa_ wachsen und grünen, zuwachsen und heilen)
soll das wachsende Saatengrün vorstellen, das vergeblich bemüht ist,
die Steine des Feldes zu bedecken, Thors Wunde zu heilen. _Aurwandil_
ist gleich Saxos jugendlichem Helden Horwendil. Im Ags. ist _éarendel_
ein Name des Morgensternes, im Ahd. begegnet der Name _Orentil_, mhd.
_Orendel_, der Held der gegen Ende des 12. Jahrhunderts verfassten
Spielmannsdichtung. Ob man alle diese Einzelheiten als Trümmer eines
altgermanischen Mythus betrachten darf, ist sehr fraglich. Aurwandil
in der nordischen Sage ist ein Licht- oder Frühlingswesen, das der
Donnerer aus der Macht winterlicher Eisriesen zu seiner harrenden
Gattin zurückführt. Der Zusammenhang der verschiedenen Mythen wie in
Snorris Erzählung fehlt bei Thjodolf und ist auch schwerlich alt.
Thors Kampf mit Hrungnir war berühmt, öfters wird in den Eddaliedern
und bei den Skalden darauf angespielt. Schon bei Bragi heisst Thor
Hrungnirs Schädelzerschmetterer.[278]
+Thor und Hymir+.
Einst kam Thor zu einem Riesen mit Namen Hymir. Dieser fuhr morgens
zum Fischfang. Thor verlangte, ihn zu begleiten; der Riese meinte,
von einem so kleinen Burschen wenig Vorteil zu haben. Thor aber wurde
zornig und wollte doch mit. Er fragte, was sie als Köder mitnehmen
sollten. Hymir sagte, er solle sich selbst einen verschaffen. Da
packte Thor einen Stier Hymirs und riss ihm den Kopf ab. Dann setzte
er sich im Boden des Fahrzeugs nieder und Hymir merkte, dass er
gewaltig zu rudern verstand. Bald sagte der Riese, dass sie zu den
Fischplätzen gekommen seien, wo er zu angeln gewohnt sei, und hiess ihn
mit Rudern aufhören. Thor aber sprach, dass er viel weiter hinaus zu
rudern gedenke, worauf Hymir erwiderte, dies sei gefährlich wegen der
Midgardschlange. Thor ruderte also weiter zu Hymirs Missvergnügen. Thor
machte die Angelschnur zurecht und steckte den Stierkopf an den Haken,
der sofort zu Grunde sank. Die Schlange schnappte nach der Angel und
der Haken blieb ihr im Gaumen stecken. Da zerrte sie so mächtig an der
Leine, dass Thors beide Fäuste auf den Bord des Bootes aufschlugen.
Thor rüstete sich mit seiner ganzen Asenstärke. So gewaltig stemmte
er sich entgegen, dass er mit beiden Füssen den Boden des Fahrzeugs
durchbrach und auf den Meergrund zu stehen kam. Nun zog er die Schlange
zu sich herauf an den Bord des Schiffes. Thor richtete seine blitzenden
Augen auf das Ungetüm, das ihn anstarrte und Gift schnaubte. Der
Riese erschrak, als er die Schlange erblickte und die See ins Schiff
stürzte. Als Thor nach dem Hammer griff, schnitt der Riese am Bord
die Angelschnur entzwei, dass die Schlange ins Meer zurücksank. Thor
warf mit dem Hammer und schlug ihr Haupt ab. Den Riesen aber traf er
dermaassen ans Ohr, dass er kopfüber ins Meer stürzte. Thor watete zum
Lande zurück.[279]
Thors Kampf mit der grossen Seeschlange ist öfters von den Skalden
besungen worden, im 10. Jahrh. von Ulf Uggason (um 984) und Eystein
Valdason. Der Vernichter der Trolle wurde dem Ungeheuer des Meeres
gegenübergestellt. Übrigens beruht der abenteuerliche Fang des Wurmes
mit Angel und Köder auf christlicher Vorstellung, wie Gottvater oder
Christus den erdumgürtenden Leviathan mit der Angel fangen.
Ein norwegischer Skald dichtete am Ende des 10. Jahrhunderts das
Hymirlied[280], wo ebenfalls der Fang des Wurmes geschildert wird
(Str. 17-25), nur dass hier der seltsame Fisch „wieder lebendig ins
Meer zurücksinkt“. Denn am Ende der Tage erst soll er von Thor getötet
werden. Ausserdem hat der Verfasser des Hymirliedes noch eine Anzahl
weiterer Sagen herangezogen, ohne jedoch eine innere Verbindung
zwischen ihnen herstellen zu können. Die wichtigste, am meisten
ausgeführte, ist die Einholung von Hymirs Kessel. Die Asen wollen
bei Aegir dem Meerriesen Gelage halten. Aber ihm fehlt ein Kessel,
der gross genug ist, das nötige Bier zu brauen. Die Asen sollen ihn
liefern, Thor soll ihn besorgen. Dazu weiss Tyr Rat. Sein Stiefvater
Hymir, der am äussersten Himmelsrande wohnt, hat einen meilentiefen
Kessel. Von Asgard aus fahren sie einen vollen Tag, bis zu Egill, dem
Vater des Thjalfi und der Roskwa, wo sie die Böcke einstellen. Dann
schreiten sie zu Hymirs Halle. Dort fand Tyr die verhasste Ahne mit
900 Häuptern. Aber die lichte Frau, Tyrs Mutter brachte den Gästen
Bier. Spät kam der Riese vom Waidwerk heim; Eiszapfen klirrten, wie
er in den Sal trat, sein Bart war gefroren. Die schöne Frau sucht
ihn freundlich zu stimmen für die Gäste, die ängstlich hinter einer
Säule sich verstecken. Vor dem Blicke Hymirs birst der Balken und vom
Brett herab kollern Kessel. Hervor treten die Gäste, ungern sieht
Hymir den Thor, ihm ahnt Schlimmes. Beim Nachtmahl isst Thor allein
zwei Ochsen. Am andern Tag fahren Thor und Hymir zum Fischen. Bei der
Heimkehr hebt Thor das ganze Boot samt Inhalt auf und trägt es zum
Gehöft. Der Riese versucht Thors Stärke und gibt ihm einen Kelch,
den soll er zerschmettern. Steinerne Pfeiler zerbrechen, der Becher
bleibt ganz, bis auf der jungen Frau Rat Thor ihn am harten Schädel
Hymirs zerschellt. Jetzt darf er den Kessel mitnehmen. Umsonst setzt
Tyr zweimal an ihn zu heben, Thor aber schwingt ihn aufs Haupt. Thor
und Tyr fahren heimwärts. Da folgt ihnen vielköpfiges Volk, aus den
Berghöhlen hervorbrechend. Alle erschlägt Thor mit dem Hammer. Einer
der Böcke hinkt, wofür Thor Egils Kinder zur Busse empfängt. So
brachten sie den gewaltigen Kessel zu den Asen, die nun in Aegirs
Halle zechen. Scheidet man diese letzte Sage vom hinkenden Bock aus,
so bleibt als Grundlage dieser Geschichte ein Märchen übrig, das an
Thors Namen geknüpft wurde. Zwei Brüder kommen zur Behausung eines
menschenfressenden Riesen in Abwesenheit des Hausherrn und werden
dort von einer mitleidigen Frau verborgen. Der Riese kehrt später
heim und riecht die Fremden. Aber die barmherzige Frau weiss ihn
mit schmeichelnden Worten zu besänftigen. Die Brüder kommen aus dem
Versteck und erhalten Erlaubniss auf des Riesen Hof zu bleiben. Der
kleine schwache Mensch betrügt oder besiegt zuletzt den gewaltigen
Riesen. Wie Aegir das offene Meer beherrscht, so Hymir das Eismeer.
Schwerlich ist aber Uhlands Deutung begründet, der Braukessel sei das
offene Meer, das im Winter, wenn Buchten und Sunde zugefroren oder mit
Treibeis bedeckt sind, in Hymirs Verschluss gehalten werde und von den
Göttern des Lichtes und des Gewitters befreit werden müsse. Lust am
Fabulieren, nicht sinnbildliche Naturanschauung schuf die Geschichten,
die Thor und Hymir in Beziehung zu einander zeigen.
+Märchen und Volkssage+, nicht +Naturmythus+ bildet die Grundlage der
meisten von den Skalden behandelten Thorsgeschichten, die uns nur zum
kleinsten Teil in Gestalt der ursprünglichen Dichtungen, meistens nur
in Snorris Nacherzählung erhalten sind.
+Thor und der Riesenbaumeister.+
Um die im Wanenkrieg zerstörte Burg wieder aufzubauen, dangen die Asen
einen Baumeister aus Riesenheim. Der versprach, das Werk im Verlauf
eines Winters auszuführen, wenn man ihm Freyja zum Weib gebe und
Sonne und Mond abtrete. Auf Lokis Vorschlag wurde es bewilligt. Vor
zahlreichen Zeugen war der Vertrag abgeschlossen worden. Thor aber war
abwesend fern im Osten, um Unholde zu erschlagen. Mit dem einzigen
Beistand seines Rosses Swadilfari führte der Riese den Bau rasch aus,
nur noch drei Tage fehlten zum Ziel. Da gerieten die Asen in Angst
und zwangen Loki, der zum Vertrag geraten hatte, Hilfe zu schaffen.
In Stutengestalt lief er dem Hengste des Riesen entgegen. Swadilfari
rannte alsbald der Stute nach und die Nacht über ruhte die Arbeit. Als
der Werkmeister sah, dass er nicht mehr fertig werde, geriet er in
Riesenzorn. Die Asen achteten nimmer der Eide und Verträge, sondern
riefen nach Thor. Alsbald erschien er, schwang den Hammer und zahlte
so den Lohn für die Arbeit, dass er den Riesen totschlug. Loki als
Stute warf bald darauf ein graues Fohlen mit acht Füssen, Sleipnir,
Odins Ross.[281]
Eine oft bezeugte Volkssage von einem Riesen oder Unhold als Baumeister
bildet die Grundlage für diese Erzählung. Die meisten Züge kehren
in den Volkssagen wieder. Ein Bau soll aufgeführt werden, dessen
Herstellung das Maass gewöhnlicher Menschenkraft übersteigt. Ein
Vertrag mit dem Dämon wird abgeschlossen, er verlangt als Lohn Sonne
und Mond, ein Mädchen. Ein Pferd hilft ihm bei der Arbeit. Der Bau
geht geschwind vorwärts, dem Auftraggeber wird seiner Zusagen halber
immer bänger zu Mut. Endlich hilft er sich mit List und betrügt
den Unhold um seinen Lohn. Neu in der Edda ist Lokis Rolle, der
seinem Wesen nach auch hier zwischen den Göttern und ihren Feinden
vermittelt, aber beide betrügt. Aber auch Thor als der Helfer in der
Not ist neu und eigenartig verwertet. Auch er handelt seinem Wesen
entsprechend und schlägt freudig zu, sobald es geht. Wie bei Hrungnirs
Erscheinen in Walhall ist auch hier Thor sofort zur Stelle, wenn die
Asen ihn brauchen. Ähnlich in der Lokasenna 55 ff. Er ist ihr starker
Beschützer, in der Stunde der Gefahr taugt Heldenkraft doch mehr als
Geist und Witz.
+Thor und Geirröd.+