dadurch viele mächtige Männer zur Auswanderung bewogen. Hrolf war ein
grosser Häuptling. Er waltete auf der Insel Mostr bei Südhördaland
eines Tempels des Thor und war ein grosser Freund des Gottes. Er war
gross und stark, schön von Aussehen und hatte einen grossen Bart; darum
hiess er Mostrarskegg (Mostrbart). Er war der vornehmste Mann auf der
Insel. Im Frühjahr verschaffte Hrolf dem Björn Ketilsson, der von König
Harald geächtet war, ein gutes Langschiff mit tüchtiger Bemannung und
gab ihm seinen eigenen Sohn Hallstein zur Begleitung mit. Als König
Harald hörte, dass Hrolf Björn den Ächter unterstützte, schickte er
Boten zu ihm und liess ihm sagen, er solle aus dem Lande weichen wie
Björn oder zum König kommen und alles seiner Gewalt unterwerfen. Das
war 10 Jahre, nachdem Ingolf Arnarson nach Island gefahren war (um
874); die Leute, die von Island kamen, lobten die Beschaffenheit des
Landes. Thorolf Mostrarskegg stellte ein grosses Opfer an und befragte
Thor, seinen vertrauten Freund, ob er sich mit dem König versöhnen
solle oder ausser Lands fahren und anderes Schicksal suchen. Das
Ergebniss der Befragung wies den Thorolf nach Island. Darauf nahm er
ein grosses Seeschiff und rüstete sich zur Islandsfahrt; alle seine
Hausleute und die ganze Wirtschaft führte er mit sich. Er brach den
Tempel ab und nahm fast alles dazu verwendete Bauholz mit, auch die
Erde unter dem Altar, worauf Thor gestanden war. So segelte Thorolf
in See mit günstigem Wind, er fand das Land und schiffte der Südseite
entlang und dann westlich um Reykjanes herum. Da liess der Wind nach
und sie sahen, dass grosse Buchten landeinwärts sich aufthaten.
Thorolf warf die Hochsitzpfeiler, die im Tempel gestanden, über Bord;
auf einem derselben war Thors Bild eingeschnitzt. Er sagte, er wolle
sich auf Island an der Stelle ansiedeln, wo Thor ihn ans Land kommen
lasse. Die Pfeiler trieben rasch in die westliche Bucht. Es erhub sich
eine Brise und sie fuhren westlich um Snjofellsnes in die Bucht. Sie
sahen, dass die Bucht lang und breit war und von grossen Gebirgszügen
auf beiden Seiten umgeben. Thorolf gab der Bucht einen Namen und nannte
sie Breidifjord. Er nahm Land ungefähr inmitten der Südseite der
Bucht und legte sein Schiff in die kleine Bucht, die später Hofsvag
(Tempelbucht) genannt wurde. Sie untersuchten das Land und fanden an
der Spitze eines Vorgebirges im Norden der Bucht, dass Thor mit den
Säulen ans Land gekommen war. Das wurde seitdem Thorsnes genannt.
Darauf fuhr Thorolf mit Feuer über sein Land, auswärts von der Stafa
an bis hinein zu dem Fluss, den er Thorsa nannte, und siedelte da
seine Schiffsleute an. Er erbaute ein grosses Gehöft bei Hofsvag und
nannte es Hofstadt. Da liess er einen grossen Tempel Thor zu Ehren
errichten. Thorolf nannte das Land zwischen dem Vigrafjord und Hofsvag
Thorsnes. Auf dem Vorgebirge steht ein Berg; dem wandte Thorolf so
grosse Verehrung zu, dass niemand ihn ungewaschen ansehen durfte, und
weder Tiere noch Menschen sollten auf dem Berge getötet werden, es gehe
denn von selber zu Grunde. Den Berg nannte er Helgafell und glaubte,
er werde dort hineinfahren, wenn er sterbe, seine Verwandten aber ins
Vorgebirge. Auf der äussersten Spitze des Vorgebirges, wo Thor ans
Land gekommen war, liess er alle Gerichte halten und setzte dort ein
Heradsding (Gauversamlung) ein. Da war eine so heilige Stätte, dass
er auf keine Weise das Feld verunreinigen lassen wollte, weder mit
Feindesblut, noch auch dadurch, dass jemand seine Notdurft verrichte.
Dazu war eine Klippe bestimmt. Einen Sohn Steinn weiht Thorolf seinem
Freund Thor als Hofgoden, nemlich zum Tempelamt, und nannte ihn
Thorstein. Zwischen Thorstein und seinen Nachbarn entsteht Streit um
das von Thorolf eingesetzte Gericht. Es kommt zum Blutvergiessen auf
der Dingstätte, welche dadurch entweiht wird. Thord entschied den
Streit der Parteien dahin, sie sollten sich aussöhnen und in Zukunft
Tempel und Gericht zusammen halten. Die entheiligte Dingstätte wurde
aber weiter landeinwärts verlegt, worüber der Sagaschreiber berichtet:
Man sieht noch den Gerichtsring, in dem die Leute zum Opfertod
verurteilt wurden. Im Ring steht noch der Thorsstein, an dem die
Leute gebrochen wurden, die zum Opfer bestimmt waren, noch sieht man
Blutspuren am Stein.[237]
Von anderen Ansiedlern gehen ähnliche Berichte. Als Helgi der
Magere Land erblickte, fragte er den Thor, wo er Land nehmen solle.
Der Ausspruch wies ihn nach dem Eyjafjord, und erlaubte ihm weder
ostwärts noch westwärts abzulenken. Da fragte ihn sein Sohn Hrolf,
ehe der Fjord sich aufthat, ob denn, falls Thor ihn ins Eismeer zum
Überwintern wiese, er sich auch daran halten würde. Denn den Schiffern
schien es Zeit, aus der See zu kommen, da der Sommer schon sehr zu
Ende ging.[238] Dieser Helgi zeigt eigentümliche Glaubensmischung.
Er war ein Christ und nannte, obschon Thor ihm das Land gewiesen,
seine Wohnstätte doch Kristnes. Bei Seefahrt und in allen schweren
Gefahren rief er aber stets zu Thor. Hreidar gab so viel auf des Gottes
Ausspruch, dass er das von diesem ihm gewiesene Land sogar durch Kampf
zu erlangen trachtete, nachdem es schon besetzt war. Nur mit Mühe
bringt ihn Eirik davon ab.[239]
Asbjorn heiligte das von ihm in Besitz genommene Land dem Thor und
nannte es Thorsmark.[240] Dass die norwegischen Ansiedler ihre
Thors- und Freystempel auch auf Island errichteten, geht ausser den
bestimmten Zeugnissen aus den zahlreichen mit „Hof“ (d. i. Tempel)
zusammengesetzten Ortsnamen hervor; Hof allein kommt oft auf Island
vor, dann Hofgardar, Hofsfell, Hofstadir, Hofsteigr, Hofsvágr.
Nicht nur auf den Hochsitzpfeilern war Thors Bild eingeschnitzt. Grima
des Gamli Weib hatte einen grossen Stuhl, auf der Rücklehne war Thors
Bildniss mit seinem Hammer eingeschnitzt.[241] Der Jarl Eirik führte
Thors Bild am Vordersteven seines Schiffes. Vergeblich suchte er König
Olafs Schiff zu entern. Als er jedoch das Thorsbild wegwarf und durch
ein Kreuz ersetzte, gewann er sofort den Sieg.[242] Aufs Getäfel des
Hauses und auf Schilde wurden Götter- und Heldensagen abgebildet,
in der älteren Zeit haben die Thorssagen entschiedenes Übergewicht.
Die Skalden machten auf solche Darstellungen mit Vorliebe ihre
Gedichte.[243]
Das ausserordentliche Übergewicht der Eigennamen mit Thor -- unter den
Besiedlern Islands begegnen 51 Thorsnamen gegenüber 3 Freysnamen; Odin
fehlt gänzlich -- deutet darauf hin, dass Thor wenigstens in Norwegen
und im 9./10. Jahrhundert auch in Schweden der im Volke am meisten
geehrte war. Der Thorsdienst greift auch tief ins Leben ein, während
der Odinsdienst vorwiegend in der Skaldendichtung am Königshof zu Hause
ist. Mehr als in Norwegen und auf Island tritt allerdings Odinsglaube
in Dänemark und Schweden neben Thor auf.
Weiher der bewohnten Erde, der die Welt heiligt und weiht, Freund
der Menschen ist Thor. Auf einem jütischen und einem fühn’schen
Runenstein wird Thor angerufen, das Denkmal, die Runen zu weihen. Auf
anderen dänischen und schwedischen Steinen ist den Runen das deutliche
Abbild eines Hammers beigegeben, das wahrscheinlich symbolisch
denselben Wunsch darstellt, Thor möge das Erinnerungsmal weihen und
beschützen.[244] Dass der Hammer auch sonst in Gebräuchen eine Rolle
spielt, stützt diese Anschauung.
Thrym, der Thursenbeherrscher gebietet, als er die vermeintliche Freyja
sich vermählen will:
Bringt nun den Hammer, die Braut zu weihen,
den Mjolnir legt in des Mädchens Schooss,
in Wars Namen weiht unsern Bund.[245]
Bei der Hochzeit wurde Thors Gedächtniss vor den andern Göttern
getrunken, was auf seine Beziehung zur Ehe hinweist.[246] Spätere
norwegische Volkssage knüpft Thors Wanderungen auf Erden an Hochzeiten
an.[247] Als König Hakon gezwungen wird, am Opfer zu Hladir
teilzunehmen, machte er das Zeichen des Kreuzes über das ihm gereichte
Trinkhorn, was die Verwunderung der heidnischen Bauern erregte. Da
sagte der Jarl Sigurd: Der König thut so wie alle, die auf ihre eigene
Kraft und Stärke vertrauen und ihren Becher dem Thor weihen; er machte
das Hammerzeichen darüber, ehe er trank.[248] Man trug kleine Hämmer
als Amulet und Schmuck. Vermutlich hatten die Thorsbilder Hämmer in
der Hand, mit denen der Hofgode feierliche Weihen vollzog. Unter den
Siegeszeichen, welche der Dänenprinz Magnus Nielson († 1134) von
seinem schwedischen Feldzug heim brachte, befanden sich Metallhämmer
von schwerem Gewicht, die man Thorshämmer nannte.[249] Seit alter
Zeit waren diese bei den Bewohnern einer Insel (Gutland) Gegenstand
besonderer Verehrung gewesen. Das Bild des heiligen Olaf, auf welchen
die norwegische Volkssage manche Züge Thors übertrug, hatte eine Axt
in der Hand, mit welcher die Wallfahrer sich zu bestreichen pflegten.
Bei Baldrs Tod wird berichtet, Thor weihte den Scheiterhaufen mit dem
Hammer Mjolnir. Hammerwurf heiligt nach altdeutschem Recht den Erwerb,
vielleicht mit Beziehung auf Donar.[250] Sein Verhältniss zum Recht
im Norden kommt darin zum Ausdruck, dass der Thorsdag[251] das Ding
eröffnet und dass im feierlichen Eid der allmächtige Ase Thor angerufen
wird. Mit Ase schlechthin war überhaupt Thor gemeint, als der höchste
und mächtigste der Asen.[252]
So beschützt Thor als der liebe Freund das Leben des Menschen von dem
Augenblick, wo der Knabe mit Wasser begossen den Namen nach dem Gotte
beigelegt erhielt, bis die Flamme über dem Toten zusammenschlug oder
der Hügel ihn überwölbte. Ja noch das Denkmal wurde in seinen Schutz
gestellt.
Die Normannen[253] hielten am Thorsdienst fest. Vor der Heerfahrt
wurden dem Thor Menschenopfer gebracht. Mit einer Axt wurde dem
Opfer der Schädel zerschmettert und das Gehirn bloss gelegt. Aus dem
zuckenden Herzen wurde der Ausgang des Unternehmens erforscht. Dann
bemalten sich die Opfergenossen mit dem Blut ihr Gesicht und liessen
die Schiffe auslaufen. Weitere Zeugnisse bieten die bereits erwähnten
Ortsnamen _Turville_. Maugier, Richards II. Sohn auf der Insel Jersey,
hat mit dem Götzen _„Turet“_ einen Bund.[254] Thor genoss demnach unter
den Normannen die grösste und häufigste Verehrung, sonst wäre nicht
die Erinnerung an ihn allein noch bis in die französische Zeit gut
erhalten geblieben.
Dass Thor um Sieg angerufen wird, weiss auch eine nordische Quelle.
Styrbjorn erhob gegen König Eirik Ansprüche auf den schwedischen
Thron. In der entscheidenden Schlacht bei Fyrisvellir unterlag er nach
verzweifeltem Kampf und fiel mit den meisten seiner Leute. Vor der
Schlacht hatte Styrbjorn den Thor um Sieg angerufen, Eirik aber dem
Odin sich verlobt, nach zehn Jahren als Opfer zu sterben. Odins Hilfe
war mächtiger als die Thors.[255]
Als König Olaf auf der norwegischen Insel Mostr weilt, erscheint ihm
der heilige Martinus im Traum und sagt: Das war hier zu Land wie
anderwärts Sitte, dass bei Gelagen und Gilden Thor und Odin und den
Asen Bier gespendet und der Becher geweiht wurde. Von nun an soll es
zu Gottes und der Heiligen Ehren geschehen.[256] Zu Olafs des Heiligen
Zeiten tranken die Leute im innern Drontheim nach altem Brauch Thors
und der Asen Minne. Rinder und Rosse wurden geschlachtet und die
Tempelsäulen mit dem Blute gerötet. Das Opfer wurde um fruchtbares Jahr
angestellt.[257]
Im norwegischen Gudbrandsdal lebte ein mächtiger und angesehener
Häuptling namens Gudbrand. Der unterhielt einen Tempel des Thor,
welcher den Thalleuten in allen Nöten gar wol half. Im Tempel stand
ein Thorsbild mit dem Hammer in der Hand, gross und innen hohl. Gold
und Silber dient dem Götzen zum Schmuck. Täglich werden ihm vier
Brote und Fleisch gebracht und davon lässt er nichts übrig. Olaf der
Heilige gedachte die Bewohner von Gudbrandsdal zu bekehren. Zu einer
Dingversammlung, in der Olaf mit den Bauern unterhandeln wollte, wurde
das von Gold glänzende Bild herausgeschleppt. Alle neigten sich davor.
Höhnisch forderte Gudbrand den König auf, seinen Gott herbeizurufen.
Olaf rief: Schaut nach Osten, da fährt unser Gott mit gewaltigem
Lichte! Eben ging die Sonne auf und alle schauten dorthin. Da schlug
des Königs Begleiter mit einer Keule auf den Götzen, dass er in Stücke
brach. Mäuse, Nattern und Würmer liefen heraus. So bekehrte Olaf die
Thalleute und ihren Häuptling.[258]
Was Adam von Bremen[259] über den Thorsdienst in Schweden berichtet,
stimmt völlig zu den nordischen Quellen. Thor ist der Mächtigste, Odin
und Freyr stehen hinter ihm zurück. Blitz und Donner, Regen, Wind und
klares Wetter sind ihm unterthan und darum auch die Fruchtbarkeit. Thor
donnert, um die Erde zu segnen, nicht um zu vernichten. Er ist Herr des
wolthätigen und befruchtenden Gewitters. Deswegen berührt er sich mit
Freyr, der sein schwedisches Ackerland mit Sonnenschein segnet. Bei
drohender Krankheit und Hungersnot wird dem Thor geopfert. Auch hiefür
bietet sich ein isländisches Zeugniss.[260] Die Winlandsfahrer litten
einmal Hungersnot und baten vergeblich den Christengott um Hilfe.
Thorhall aber rief seinen vertrauten Freund Thor, den Rotbärtigen
an. Der sandte auch einen Walfisch an den Strand. Der dem Heidentum
feindselige Sagaschreiber fügt freilich bei, sie seien vom Genuss des
Fleisches alle krank geworden. Aber Thorhall sagt mit gerechtem Stolz,
sein treuer Freund Thor habe ihm selten Hilfe verweigert.
Nach den geschichtlichen Zeugnissen ist offenbar Thor der eigentliche
Hauptgott des Nordens, jedenfalls des norwegischen Stammes, dem
gegenüber Odin sehr zurücktritt. Der echte und wahre Volksglauben
kennt nur Thor und neben ihm Freyr, der vermutlich in Urzeiten bei den
Schweden ebenso verehrt wurde wie in der geschichtlichen Zeit Thor
bei den Norwegern. Beide sind im Grunde eins, der Himmelsgott nur
nach Stammesart und Landesbeschaffenheit verschieden. „Während der
alte Landas des gebirgigen Norwegens mit dem Donnerkeile Steinriesen
zermalmt, segnet der milde Freyr sein schwedisches Ackerland mit Regen
und Sonnenschein“ (Uhland 6, 424). Anders freilich ist das Bild, das
die Skaldenkunst gewährt. Da ist Odin der Hauptgott. Aber dieser
Odinsglaube gehört den Höfen und Edelingen. Die Betrachtung Odins wird
lehren, dass er erst spät im Norden einwanderte. Seine Herrschaft blieb
im wesentlichen auf die Kunstdichtung und deren Pfleger beschränkt. Das
Volk und alle, die vom Königshofe unabhängig waren, hielten an Thor und
Freyr fest. In Sage und Dichtung jener Zeit kommt diese Verschiedenheit
auch zum Bewusstsein.
* * * * *
Den Gegensatz zwischen Thor, dem Beschützer und Förderer des
friedliebenden Bauernstandes und Odin, dem Vertreter des kriegliebenden
und abenteuerlustigen Adels bringt das Harbardslied[261] in
trefflicher Weise zur Darstellung. Aus dem Ostland kommt Thor zu
einem Sund; auf der andern Seite erblickt er einen Fährmann, den er
um Überfahrt anruft. Es ist Odin, der sich unter dem Namen Harbard
versteckt; er behandelt den Ankömmling geringschätzig als Bauern und
Landstreicher. Nach mancherlei beleidigenden Scheltreden halten sie
ihre Thaten einander gegenüber. Während Harbard-Odin in Kriegs- und
Liebesabenteuern sich tummelte, was er mit geistiger Überlegenheit
hervorhebt, vollführte der ehrliche Thor nützliche Thaten.
Thursenweiber schlug er im Osten tot, damit das Riesengeschlecht nicht
überhand nehme. Einen Fluss, der die Menschenwelt vom Riesenland
trennt, verteidigte er gegen den Angriff der Söhne Swarangs, die
Felsblöcke schleuderten. Thor zwang sie zum Frieden. Auf Hlesey
erwürgte er Berserkerweiber, die argen Frevel verübt. Wölfinnen waren
sie mehr als Weiber, Thors Schiff stürzten sie um, schwangen ihre
Eisenkeulen und verscheuchten den Thjalfi. Endlich fertigt Harbard den
Harrenden mit spöttischen Reden ab und heisst ihn zu Fuss den Weg um
den Sund suchen. Der norwegische Verfasser des ziemlich alten Liedes
hat seinen Stoff sehr gut behandelt, Bauer und Edeling, Thor und Odin
vorzüglich charakterisiert. Mit voller Freiheit und Selbständigkeit
sprang er mit der Überlieferung um und gewährt doch ein lebenswahres
Bild. Odin nimmt die Jarle, die auf der Walstatt fallen, aber Thor der
Knechte Tross. Damit stellt der Dichter dem glänzenden Walhall der
Krieger eine freundliche Heimstätte der in redlicher ruhmloser Arbeit
sich abmühenden Bauern bei ihrem Schirmer Thor gegenüber.
Wie hier zu Fuss mit dem Korb auf dem Rücken, so erscheint auch sonst
Thor, wenn er nicht auf dem Wagen fährt. Nie besteigt er ein Ross.
Während die andern Götter zum Gericht unter der Weltesche reiten,
durchwatet Thor täglich zwei Flüsse und wandert einen weiten Weg.[262]
Der Gegensatz zwischen Odin und Thor kommt auch in der Sage von
Starkad[263] zum Ausdruck. Odin hatte unter dem Namen Hrossharsgrani
den Starkad erzogen. Einst träumte diesem, dass sein Pflegevater ihn
an eine abgelegene Stelle im Walde führte, wo elf Asen sassen, die
Hrossharsgrani als Odin grüssten. Sie sollten Starkads Schicksal
bestimmen. Thor, der ihm als einem Riesensohn ungünstig war,
verweigerte ihm Nachkommenschaft. Odin gab ihm drei Menschenalter, Thor
sagte, er solle in jedem ein Nidingswerk vollführen; Odin bestimmte
ihm die besten Waffen, Thor versagte ihm Landbesitz; Odin schenkte ihm
fahrend Gut im Überfluss, Thor legte hinzu, dass er niemals genug haben
solle. Odin gab ihm Sieg in jedem Streit, Thor fügte bei, dass er aus
jedem eine tiefe Wunde davontragen solle; Odin gab ihm Skaldenkunst,
Thor liess ihn seine Lieder vergessen; Odin machte ihn beliebt bei
den Mächtigen, Thor verhasst beim Volk. Das wilde Reckentum, das
schon Tacitus (Germ. 31) an den chattischen Kriegern hervorhebt,
den Helden und Dichter, der auf alles andre verzichtet, lässt die
nordische Sage von Odin, dem Heldenvater geweckt werden, während Thor,
dem Kriegsfahrt, um ihrer selbst willen gethan, verhasst ist, den
Berufskämpen mit Fluch belegt.
* * * * *
Aus der Zeit des Glaubenswechsels wird berichtet[264]: Nun kam das
Christentum nach Island und Thorgils nahm den Glauben unter den ersten
an. Er träumte eines Nachts, dass Thor zu ihm komme mit böser Miene und
sagte, er habe ihn betrogen. Du hast dich übel betragen wider mich, du
hast mir das Schlechteste ausgewählt und das Silber, das ich besass,
in einen Sumpf geworfen. Thorgils sprach: Gott wird mir helfen und ich
bin froh, dass unsere Gemeinschaft zerriss. Als Thorgils erwachte, war
sein Mastschwein tot. Er liess es begraben und niemand etwas davon
essen. Thor erschien dem Thorgils abermals im Traume und sagte, er
werde ihn ebenso leicht an der Nase kriegen wie sein Schwein. Thorgils
antwortete, Gott werde das bestimmen. Thor drohte ihm Viehschaden
anzuthun. In der nächsten Nacht fiel auch ein alter Ochse. Da sass
Thorgils in der darauffolgenden Nacht selber bei seinem Vieh. Am Morgen
als er heim kam, war er weit herum ganz schwarz geworden. Die Leute
hielten es für sicher, dass er mit Thor zusammengetroffen sei. Das
Viehsterben liess nach. Thorgils fuhr später nach Grönland und hatte
dabei neue Anfechtungen auszustehen. Thorgils wartete auf guten Wind
und träumte, ein grosser rotbärtiger Mann komme zu ihm und spräche:
Die Fahrt, die du vor hast, wird beschwerlich werden. Übel wird es
dir gehen, wenn du nicht wieder zu meinem Glauben zurückkehrst. Dann
aber will ich wieder für dich sorgen. Thorgils sagte, er wolle seine
Fürsorge nimmer haben und hiess ihn entweichen. Meine Fahrt geht,
wie der allmächtige Gott will. Da schien ihm, als führe ihn Thor auf
Klippen, an denen die Brandung sich brach. In solchen Wogen sollst du
sein und nimmer herauskommen, du kehrest denn zu mir zurück. Nein,
sagte Thorgils, hebe dich fort, du leidiger Feind. Der wird mir helfen,
der uns alle mit seinem Blute erlöste. Da erwachte er und erzählte den
Traum seiner Frau. Die sagte, ich würde daheim bleiben, wenn ich so
geträumt hätte, und die andern Leute sollen nichts davon erfahren.
Nun erhob sich Fahrwind und sie segelten ab. Als sie ausser Sicht des
Landes waren, legte sich der Wind und sie trieben so lange umher, bis
Mangel an Trank und Speise eintrat. Thorgils träumte vom selben Mann:
ging es nicht, wie ich sagte? Lange redete Thor mit Thorgils, der
aber jagte ihn mit harten Worten von sich. Es begann zu herbsten und
einige Leute meinten, man solle Thor anrufen. Thorgils verbot es. In
der Nacht erschien Thor und sprach: Da zeigte es sich, wie treu du mir
warst, als die Männer mich anrufen wollten. Aber ich habe nun deinen
Leuten geholfen; ihr seid alle in äusserster Bedrängniss, wenn ich
nicht helfe. In sieben Nächten sollst du einen Hafen erreichen, wenn
du ernstlich zu mir zurückkehrst. Thorgils sprach: Wenn ich auch nie
einen Hafen erreiche, ich will dir nichts Gutes thun. Thor antwortete:
Willst du mir nichts Gutes thun, dann gib mir wenigstens meinen Besitz.
Thorgils dachte darüber nach und fand, dass Thor damit einen Ochsen
meine, den er ihm geschenkt hatte, solang er noch ein Kalb gewesen
war. Thorgils befahl den Ochsen über Bord zu werfen. Denn es sei kein
Wunder, wenn es schlimm gehe, solange Thors Gut an Bord sei. Der
glaubenseifrige Mann wird auch schliesslich gerettet. Die Geschichte
lässt deutlich durchschimmern, dass der Abfall von den alten Göttern
und namentlich von Thor als schwerer Treubruch empfunden wurde. Wie
Thor sonst als Beschützer und Mehrer des Eigentums galt, so rächt er
sich an den Ungetreuen durch Beschädigung und Schmälerung. Wie er sonst
günstigen Wind sendet, so schickt er seinen Feinden Gegenwind oder
hemmt ihre Fahrt durch Windstille. Raud auf Raudsey, einer Insel vor
der norwegischen Landschaft Halogaland, war ein grosser Opferer. Durch
vieles Opfern hatte er ein Bildniss Thors im Tempel so bezaubert, dass
der böse Feind aus dem Götzen mit ihm redete und diesen so bewegte,
dass er am Tage mit ihm herumgehend sich zeigte, und Raud führte
ihn oft mit sich auf der Insel herum. Als Olaf Tryggvason der Insel
naht, verkündigt Thor seinem Freunde des Königs Ankunft. Thor erhebt
die Bartstimme und bläst in den Bart, infolge dessen der König durch
heftiges Gegenwetter mehrmals abgetrieben wird. Dem Bekehrungsversuche
Olafs hält Raud entgegen: Du setzest deine Rede überzeugend, König;
indessen habe ich wenig Lust, den Glauben zu verlassen, den ich gehabt
habe und den mich mein Pflegevater gelehrt hat; und man kann nicht
sagen, dass unser Gott Thor, der hier im Tempel wohnt, wenig vermöge,
denn er verkündigt noch ungeschehene Dinge und ist mir in aller Not
von erprobter Verlässigkeit, und darum mag ich unsere Freundschaft
nicht brechen, solange er mir die Treue hält. Wie der König droht,
meint Raud, das schlage bei ihm nicht an, fordert aber denselben auf,
seine Kraft in einem Kampfe mit Thor zu erproben. Hierauf lässt sich
Olaf ein und besiegt den Götzen.[265] Auch auf Island trat Thor selber
den christlichen Bekehrern entgegen. Dankbrands des Priesters Schiff
war zerbrochen. Steinvor, welche ihrerseits den Priester zum Heidentum
bekehren wollte, sagte zu ihm: Hast du gehört, dass Thor Christus zum
Zweikampf forderte, aber Christus wollte sich mit Thor nicht schlagen.
Weisst du, wer dein Schiff zerschlug? Thor, der die Kinder der Riesin
fällt, zerbrach das Schiff. Er sandte Sturm, der es in Späne schlug.
Christus vermochte nicht zu helfen.[266]
Derselbe Gedanke, dass Thor persönlich den neuen Gott und seine
Vertreter bekämpft, kommt ziemlich übereinstimmend in diesen beiden
Erzählungen zum Ausdruck.
Als Svein, der einen prächtigen Thorstempel besass, auf König Olafs
Tryggvason Betreiben vom Heidentum liess, geriet der Tempel samt
den Götzenbildern in Verfall. Von Sveins Söhnen Svein und Finn ist
letzterer eifriger Christ und naht, um das Thorsbild zu zerschlagen
und zu verbrennen. In der Nacht zuvor erschien Thor zornig und traurig
dem jüngeren Svein und sprach: Nun ist es dahin mit uns gekommen,
dass mit dem Zusammenleben auch die Freundschaft sich verliert. Trage
mich aus dem Tempel in den Wald, damit dein Bruder Finn mich nicht
beschädigt. Als Svein sich weigert, verschwand Thor trauervoll und voll
Schmerz.[267]
Besonders schön ist aber die Geschichte von der Begegnung Thors mit
Olaf Tryggvason, weil da noch einmal der Treubund zwischen dem Gott
und seinem Volk so recht klar und schlicht hervortritt. Wie verhaltene
Sehnsucht nach einer schönen, entschwundenen Vergangenheit mutet
der Bericht an. Thor ist dem Norweger ins Herz gewachsen und nur
schwer und ungern lässt er von ihm, ebenso trauert aber der Gott über
die schmerzliche Trennung von seinen Getreuen. Zugleich leitet die
Erzählung hinüber zu den Thorssagen, deren Hauptinhalt Bezwingung der
Riesen und Trolle ist. Wäre nicht Thor, so vernichteten Trolle die
Welt, sagt ein norwegisches Sprichwort.[268]
Als einmal König Olaf mit guter Brise südwärts der Küste entlang
segelte, stand ein Mann auf einem Felsenvorsprung und rief um Aufnahme
ins Schiff. Olaf steuerte den Orm, das treffliche Drachenschiff, das
er dem zauberkundigen Raud abgenommen hatte, ans Land und der Mann
stieg an Bord. Er war von stattlichem Wuchs, jugendlich, schön von
Aussehen und rotbärtig. Mit dem Gefolge des Königs begann er allerlei
Kurzweil und scherzhaftes Wettspiel, wobei die andern schlecht gegen
ihn bestanden. Er meinte, sie seien unwert, einem so berühmten König zu
folgen und auf einem so schönen Schiffe zu fahren, wie der Drache war,
den der starke Raud besessen hatte. Die Leute fragten ihn, ob er alte
Mären wisse, und als er bejahte, führten sie ihn zum König. Der hiess
ihn eine alte Geschichte zu erzählen. Der Mann antwortete: Damit heb
ich an, o Herr, dass dieses Land, vor dem wir segeln, in alten Zeiten
von Riesen bewohnt war. Aber die Riesen kamen einmal raschen Todes
um, dass sie alle zusammen starben, nur zwei Weiber blieben übrig.
Hernach siedelten sich Leute aus östlichen Landen hier an; aber jene
grossen Weiber thaten ihnen allerlei Schaden und Bedrängniss, bis die
Landsbewohner sich entschlossen, diesen roten Bart um Hilfe anzurufen.
Alsbald ergriff ich meinen Hammer und schlug die beiden Riesinnen zu
Tode. Das Volk dieses Landes blieb dabei, mich um Hilfe anzurufen, wenn
es Not that, bis du, o König, alle meine Freunde vernichtet hast, was
wol der Rache wert wäre. Hiebei blickte er bitter lächelnd nach dem
König zurück, indem er sich so schnell über Bord warf, als ob ein Pfeil
ins Meer schösse, und niemals sahen sie ihn wieder.[269]
3. Thor in der Skaldendichtung.
Snorri entwirft auf Grund der Skaldengedichte folgendes Gesamtbild von
Thor (Gylfag. Kap. 21): Thor steht unter allen Asen obenan; er heisst
auch Asathor oder Wagenthor, weil er auf einem Wagen zu fahren pflegt.
Er ist der stärkste der Asen, stärker als alle Götter und Menschen.
Er herrscht in Thrudwang (Feld der Stärke) oder Thrudheim (Welt der
Stärke). Seine Halle hat den Namen Bilskirnir.[270] In diesem Gebäude
sind 540 Gemächer, es ist das grösste Haus, von dem Menschen wissen.
Thor hat auch zwei Böcke und einen Wagen. Die Böcke heissen Tanngniost
(Zahnknisterer) und Tanngrisnir (Zahnknirscher). Thor benutzt diesen
Wagen, wenn er nach Jotunheim fährt, und die Böcke ziehen den Wagen.
Er besitzt ferner drei Kleinode: das eine ist der Hammer Mjolnir
(Zermalmer), den Reifriesen und Bergriesen kennen, sobald er in die
Luft sich erhebt; und das ist nicht zu verwundern, denn Thor hat mit
dieser Waffe schon manchen Schädel ihrer Vorfahren und Verwandten
zerschmettert. Das zweite Kleinod ist der Kraftgürtel: wenn er diesen
anlegt, wächst ihm die Asenkraft ums doppelte. Das dritte Kleinod, das
überaus wertvoll ist, sind die eisernen Handschuhe; diese kann er nicht
entbehren, wenn er den Schaft des Hammers fasst. Niemand ist jedoch so
weise, dass er alle seine grossen Thaten aufführen könnte, wenn ich
auch soviel davon zu berichten weiss, dass der Abend hereinbrechen
würde, ehe ich alles, wovon ich Kunde besitze, zu Ende erzählt habe.