Roskwa begleitet wird, so folgen auch Freyr Dienstleute _Byggwir_
(Nebenform _Beyggwir_) und sein Weib _Beyla_.[214] Beide erscheinen nur
in der Lokasenna und werden von dem argen Schelter auch beschuldigt.
Byggwir rühmt sich, von Göttern und Menschen hurtig genannt zu werden.
Loki wirft ihm vor, an der Mühle (bei Knechtsarbeit) schwatze er. Er
habe den Leuten nie die Speise zuzuteilen vermocht; als die Männer sich
schlugen, hätten sie ihn im Stroh nicht finden können. Beyla sei mit
Freveln befleckt; kein ärgeres Scheusal als diese mistbesudelte Magd
sei noch zu den Asen gekommen. Vertreten etwa die Dienstleute Freys wie
die Thors die friedliche Bauerschaft, die von Krieger und Edeling wie
Thor selbst im Harbardslied verhöhnt wird? Im Gefolge des Gottes des
Ackerbaues würden sie recht wol passen.
2. Sagen.
Unter den Eddaliedern, die fast alle entsprechend ihrem
norwegisch-isländischen Ursprung zur Verherrlichung Odins und Thors
dienen, gehen zwei auf den Himmelsgott, die _Rigsþula_, welche bei
Heimdall zu erwähnen ist, und die _Skírnismǫ́l_.[215] Ihre Grundlage,
die Verehrung des Himmelsherrn, weist auf eine ältere Zeit oder auf
eine andere Heimat, als für die Odins- und Thorslieder vorauszusetzen
ist. Doch trifft dies nur auf die darin behandelten Mythen zu, nicht
auf die Lieder in ihrer überlieferten Gestalt.
Vom Hochsitz des Himmels blickte einst Freyr über alle Welt. Da sah er
im Riesenheim eine schöne Maid, Gerd; vom Glanz ihrer Arme leuchtete
Himmel und Meer. Freyr wurde schwermütig aus Liebesgram. Auf Njords
Geheiss ging Skirnir, Freys vertrauter Diener, zu ihm und fragte nach
dem Grund seiner Trauer. Freyr gestand, wie er von Liebe zu Gerd
ergriffen wurde.
Inniger hat niemals seit der Urzeit Tagen
Ein Mann ein Mädchen geliebt,
Doch von Asen und Elben kein einziger will es,
Dass wir beide zusammen sind.
Da erbot sich Skirnir, die Fahrt zu thun auf des Gottes Ross, das die
Waberlohe durchläuft, mit des Gottes Schwert, das von selber wider der
Thursen Tross sich schwingt. So kam Skirnir nach Riesenheim zu Gymirs
Gehöft. Bissige Hunde waren am Zaune angebunden, auf einem Hügel sass
ein Wächter, der alle Wege bewachte. Der versagte ihm die Zwiesprache
mit Gerd. Doch Skirnirs mutiger Sinn liess sich nicht einschüchtern.
Gerd vernahm lautes Getöse, es erzitterte das Gehöft. Skirnir stieg
vom Rosse und trat ein. Skirnir brachte nun seine Werbung vor und
bot elf goldene Äpfel und einen Ring. Doch Gerd wollte nichts davon
wissen. Da bedrohte sie Skirnir mit dem Schwert, wieder umsonst. Nun
übte Skirnir Beschwörung und Zauberzwang, er verwünschte Gerd unter die
greulichsten Riesen, ans Ende der Welt, zur Hölle, an die Seite eines
unerträglichen Gatten, falls sie Freys Werbung nicht annehme. Da wagt
Gerd nimmer zu widerstehen, sie reicht dem Boten zur Versöhnung den
gefüllten Metbecher: „Nicht ahnte ich, dass einst der Wanenspross meine
Liebe gewänne.“ Skirnir verlangt, Gerd solle eine Zusammenkunft mit
Freyr anberaumen. „Barri (der Knospende) heisst ein heimlich trauter
Hain, nach neun Nächten wird dort Gerd Njords Sohne Liebesgenuss
gönnen.“ Da ritt Skirnir mit diesem Bescheid zum ungeduldig harrenden
Freyr heim.
„Lang ist eine Nacht, lang sind zweie,
Wie geduld ich mich drei?
Ein Monat oft schien mir minder lang
Als des Harrens halbe Nacht.“
Das Gedicht, etwa um 900 in Norwegen verfasst, hat zur Grundlage den
Mythus vom Bund des Lichtgottes mit der tragbaren Erde, den Sieg des
Lichtes über das Dunkel, des Frühlings über den Winter. Doch ist
alles dichterisch, menschlich schön geschildert. Was in dem Lied
an Odin und Runenkunde erinnert, ist später hineingetragen, wol
vom norwegischen Dichter. Denn der Stoff gehört ursprünglich nach
Schweden und kennt Freyr noch in unumschränkter Herrschaft. Die Sage
gehört dem Himmelsgott selber, Skirnir, der Erhellende, Aufklärende
ist ein Beiwort des Gottes, worunter später eine besondere, von ihm
verschiedene Gestalt verstanden wurde. Grimn, 43 wird Freyr selber _enn
skíre_, der Lichte, Schimmernde genannt. In der Lokas. 42 wird auch
noch darauf angespielt, als ob Freyr selber die Fahrt ausgeführt hätte:
Mit Gold erwarbst du Gymirs Tochter
Und gabst dein Schwert dahin.
Vielleicht waren einmal auch Riesenkämpfe damit verbunden. Gerd nennt
Freyr den Mörder ihres Bruders (_bróþorbane_). In den nordischen
Gedichten heisst Freyr mehrmals des brüllenden Sturmriesen Beli Mörder
(_Belja bane_). Gylfag. Kap. 37 erwähnt kurz diese That, allerdings
schon mit der Voraussetzung, dass Freyr damals sein gutes Schwert
bereits weggegeben habe. Deshalb sei er im Kampf mit Beli waffenlos
gewesen und habe den Unhold mit der Faust oder mit einem Hirschgeweih
getötet.[216] Der Wächter im Riesenheim, der Skirnir aufzuhalten
sucht, deutet auf einstigen Widerstand. Man darf den ursprünglichen
Mythus von des Himmelsgottes Werbung wol dahin ergänzen, dass er erst
nach Kämpfen mit Riesen, welche Gerd gefangen hielten, die Braut
gewann. Dabei ging das Schwert verloren.
Auf denselben Mythus geht das Lied von _Swipdag_[217] zurück. Der
junge Swipdag soll um die schöne Menglod werben. Er geht zum Grabhügel
seiner toten Mutter Groa und beschwört sie, ihm dabei zu helfen. Die
Tote erwacht und spricht Segen gegen jede Not und Gefahr über ihren
Sohn aus. Vielleicht gab sie ihm auch, wie im spätern Volkslied, Ross
und Schwert. So gerüstet macht sich Swipdag auf den Weg und gelangt
zu Menglods Burg, die auf der Spitze eines Speeres sich dreht und von
lodernden Flammen umgeben ist. Er stösst auf den Wächter der Burg,
Fiolswid und nennt sich, seinen wahren Namen verhehlend, Windkald,
Warkalds Sohn, Fiolkalds Enkel. Vom Wächter hört er, dass Menglod des
Saales Herrin ist. Eine hohe Mauer umzieht die Burg, das kunstvoll
gearbeitete Thor erfasst den Eindringling wie feste Fessel. Hunde
umkreisen das Gehöft und wehren den Eintritt. Nur eine Speise könnte
sie kirren, aber unmöglich ist sie zu bekommen. Nur einem Einzigen
öffnen sich Menglods Arme, dem Swipdag ist die sonnenhelle Maid zum
Gemahl bestimmt. Da gibt sich der Held zu erkennen, freudig umwedeln
ihn die wilden Hunde, das Haus thut sich auf, Fjolswid eilt, ihn zu
melden. Menglod fragt nach Wahrzeichen, Namen und Abkunft.
„Swipdag heiss ich, Solbjart hiess mein Vater,
Dorther ging ich auf windigem Weg.“
„Heil dir, Wandrer! Mein Wunsch ist erfüllt;
Komm und empfange den Kuss!
Ersehnter Anblick beseligt jeden,
Der heisse Liebe hegt.
Lange sass ich auf Lyfjaberg,
Deiner harrend von Tag zu Tag;
Nun ward Gewährung dem Wunsch endlich,
Da du, Held, dich der Halle genaht.
Lang hab ich Sehnsucht nach dem Liebsten erduldet,
Wie nach meiner Minne du;
Wahr jetzt wird es, dass wonnige Tage
Uns beiden für immer blühn.“
Der mythische Gehalt des Gedichtes kommt in den Namen der handelnden
Personen deutlich zum Ausdruck. _Swipdagr_ ist der rasche Tag, Menglod
die des Halsschmuckes Frohe, ein Beiname der Freyja oder Frigg,
ursprünglich der Gemahlin des Himmelsgottes. Diese ist bald als die
Erdgöttin, bald als die himmlische Sonnenjungfrau gedacht und letzteres
scheint hier der Fall zu sein. Ostwärts am Himmelsrand schläft Jungfrau
Sonne hinter hohem Berge, vom flammenden Zaune der Morgenröte umgeben
und jedem Unberufenen unzugänglich. In früher Dämmerung, im Morgenwind
als Windkald, Kalds Sohn erscheint der Freier. Die Hindernisse fallen,
als sein wahres Wesen, sein wirklicher Name offenbar wird: Svipdagr,
Solbjarts, des Sonnenhellen Sohn. Mit Märchenzügen ausgestattet, mit
allerlei fremdartiger, mythologischer Gelehrsamkeit versetzt, schimmert
trotzdem die Grundbedeutung des Stoffes hervor.[218]
Auch von Njord geht eine Sage.[219] Er hatte Skadi, des Riesen Thjazi
Tochter zur Frau. Thjazi war von den Asen getötet worden. Skadi seine
Tochter rüstete sich mit dem Heergewand, um ihn zu rächen. Die Asen
boten ihr zur Sühne einen aus ihrer Mitte zum Gemahl, den sie selbst
wählen dürfe. Doch sollte sie nur die Füsse der Auszuwählenden sehen.
Sie bemerkte nun einen mit sehr schönen Füssen und wählte ihn, in
der Meinung, es sei Baldr, der Gewählte war jedoch Njord. Sie wollte
die Wohnstätte behalten, welche ihr Vater gehabt hatte, die auf dem
Gebirge, das Thrymheim heisst, belegen ist. Njord aber wollte in der
Nähe der See seinen Aufenthalt nehmen. Sie verglichen sich dahin, dass
sie neun Nächte in Thrymheim weilen wollten und dann drei Nächte zu
Noatun. Als Njord aber vom Gebirge nach Noatun zurückkam, da sprach er
also:
Nicht lieb ich die Berge, nicht lange dort weilt ich,
Neun Nächte nur;
Süsser schien mir der Sang des Schwans
Als der wilden Wölfe Geheul.
Skadi aber erwiderte:
Mir stört den Schlaf am Strande des Meeres
Der krächzenden Vögel Gekreisch;
Am Morgen weckt mich die Möve täglich,
Die wiederkehrt vom Wald.
Darauf ging Skadi hinauf aufs Gebirge und wohnte in Thrymheim; sie
läuft viel auf Schneeschuhen und schiesst Wild mit ihrem Bogen. Daher
heisst sie Göttin oder Dise des Schneeschuhs.
Die gleiche Geschichte knüpft Saxo an Hadding, den Vater Frothos, der
das Fröblot einsetzte, und Regnhild, sowol die verdeckte Wahl des
Bräutigams, dessen Füsse nur sichtbar sind, als auch die Scheidung. Die
lateinischen Verse Saxos stimmen zu den isländischen der Edda.[220]
Ob der Mythus auf Njord als den Gott der Schifffahrt, aufs offene
Meer ausgelegt werden darf, das nur drei Monate lang frei, die übrigen
neun Monate aber im Banne der winterlichen, im Gebirg, im Riesenland
heimischen Stürme gehalten wird?
Auf eine für uns unverständliche Sage spielt Loki (Lokas. 34) an:
Schweige du, Njord, dich schickte man ostwärts
Zu den Göttern als Geisel fort,
Als Harntopf brauchten dich Hymirs Töchter
Und machten dir in den Mund.
Hymir ist der Eisriese, der im Osten am Himmelsrand wohnt, der
Beherrscher des Polarmeeres. Njord wird einmal zu ihm gefahren sein,
wobei ihm etwas zustiess, das dem bösartigen, alles verdrehenden
Loki zu dem hässlichen Vorwurf Anlass gab. Dass Njord das offne Meer
bedeute, in das des Eisriesen Töchter, die Gletscherbäche fliessen,
kann nicht als befriedigende Lösung des Rätsels gelten. Um überhaupt
auslegen zu können, müsste man den Hergang der Begebenheit, die
vielleicht harmlos war und nur von Loki ins Arge gekehrt wird, genau
kennen.
* * * * *
König _Frodi_[221], Fridleifs Sohn, aus dem götterentsprossten Stamm
der Skjoldungen, herrschte über Dänemark. In seinen Tagen begann der
Frodifrieden, das glückliche goldene Zeitalter des Nordens. Kein Mann
that dem andern Schaden, Diebe und Räuber gab es nicht, ein Goldring
lag unberührt lange auf der Heide. Mit Fruchtbarkeit war das Land
gesegnet. Frodi liess von zwei gekauften Mägden, den Riesinnen Fenja
und Menja mit zwei mächtigen Mühlsteinen rast- und ruhelos Gold, Glück
und Frieden mahlen. Aber sie mahlten Unfrieden, ein Seekönig brach
mit Mord und Brand ins Land und zerstörte Frodis Frieden. In düstrem,
ahnungsvollem Gesang verkündigten die Mädchen den nahen Umschwung des
zum Übermaasse gesteigerten Glückes. Gerade aus dem Gold geht das
Unheil hervor. Snorri stellt den Frodifrieden und Freyr zusammen; er
fasst ja auch Freyr und seinen Sohn Fiolnir als menschliche Könige
auf. Während Freyr Schweden mit blühendem Wolstand beglückt, schenkt
Frodi Dänemark die Segnung goldenen Friedens. Saxo erzählt von sechs
Dänenkönigen namens Frotho, er verteilt auf mehrere Gestalten, was die
Sage vom Friedfrodi wusste. Unterscheiden doch auch die nordischen
Stammtafeln des Skjoldungengeschlechts zwischen zwei Friedensfürsten
des Namens Frodi, zwischen Friedensfrodi und Frodi dem Friedsamen.
Von Frotho I., dem Sohne des Hadding, welchem die an Njords Ehe mit
Skadi erinnernde Sage zugeschrieben war, berichtet Saxo, er habe
einen Drachen besiegt und einen grossen Hort gewonnen. Dadurch wurde
er sehr reich. Er pflegte seine Speise mit Goldstaub zu bestreuen.
Frotho III. ist der eigentliche Friedenskönig. Zu seiner Zeit brauchte
niemand seine Habseligkeiten unter Schloss und Riegel zu verwahren.
Der siegreiche König gebot allen Völkern Frieden, der dreissig Jahre
lang währte. Goldene Ringe und Ketten, welche der König aufhängen
liess, wagte niemand zu stehlen. Dem Wanderer war erlaubt, überall das
zu seiner Erfrischung und zu seinem Fortkommen Nötige zu nehmen. Als
Frotho durch eine Zaubrerin ums Leben gekommen war, verheimlichte das
Gefolge, wie die Schweden beim Tode des Freyr, seinen Tod und führte
die Leiche drei Jahre auf einem Wagen im Lande umher (Freys Umfahrt!).
Endlich wurde er bei einer Brücke in Seeland begraben. Man erkennt im
dänischen Frodi, welcher im _milden Fruote_ mhd. Gedichte wiederkehrt,
deutlich dieselbe Gottheit wie im schwedischen Freyr, nur ist der Gott
Saxos Auffassung gemäss als irdischer König gedacht. Frodi ist die
schwache Form des Adj. _fróþr_, weise. Die Wanen heissen aber weise
(Vafþr. 39, Skírn. 17, 18) und Zukunft wissend (Þrymskv. 14); Freyr
wird _enn fróþe afe_, der weise Mann (Skírn. I, 2) genannt. Was Saxo
von Fridlev, Frothos III. Sohn erzählt, der Riesen tötet und Frögertha,
Amunds von Norwegen Tochter zum Weib gewinnt, darf vielleicht auf Freys
Werbung um Gerd bezogen werden. Überall blicken versprengte Trümmer aus
der dänischen Königssage hervor, die sich, zu einem Ganzen vereinigt,
merkwürdig genau mit den nordischen Mythen von Freyr und Njord decken.
Eine Göttersage scheint euhemeristisch zur Königssage verwandelt und
dabei aus ihrer ursprünglichen Zusammengehörigkeit losgelöst worden zu
sein.
In den ags. Stammtafeln finden sich mehrfache Erinnerungen an den
germanischen Himmelsgott, indem seine Namen unter den mythischen
Königen vorkommen. Die Tafeln stellen allerdings übereinstimmend
Wóden an die Spitze und gehören einer Zeit an, wo Wóden den alten
Himmelsgott bereits verdrängt hatte. In der Königsreihe von Deira
begegnet unter Wódens Söhnen Uscfrea (Wuscfréa), in Bernicia Ingvi, in
Wessex Fréawine; unter Wódens Vorfahren treffen wir Friðuwald, Fréaláf,
Friðuwulf. Fréa und Friede stehen auch hier in engster Verbindung. Hält
man dazu Frôwin, Freysvinr[222] und was von Nerþus erzählt wird, so ist
der Schluss gerechtfertigt, die Ingvaeonen verehrten den Himmelsherrn
und riefen ihn um Fried und Fruchtbarkeit an. Von den am Ufer und auf
den Inseln der Nord- und Ostsee ansässigen Ingvaeonen, vielleicht auch
durch die Ostdänen in Südschweden, kam dieser Kult auf friedlichem
Weg, durch Handelsverkehr vermittelt, zu den Schweden und schlug tiefe
Wurzeln. Darum schirmen die Wanen Ackerbau und Schifffahrt und spenden
aus friedlichem Gewerbe, aus Landwirtschaft und aus Handel und Wandel
Wolstand und Glück.
III. Der Himmelsgott als Donnerer.
1. Donar bei den Deutschen.
Der Himmelsgott hat Blitz und Donner in seiner Gewalt, _Juppiter
tonans_, Ζεὺς κεραύνιος καταιβάτης. Der Donnerkeil ist seine Waffe,
die er mit dem Blitzstrahl herunterwirft. Keilförmige Steine fahren
nach dem Volksglauben mit dem zündenden Blitz in den Boden. Der Donner
gleicht dem Fahren eines Wagens über ein Gewölbe; so sagt Hesychius
δοκεῖ ὄχημα τοῦ Διὸς ἡ βροντὴ εἶναι. Der liebe Gott fährt, sagt noch
heute das Volk beim Rollen des Donners. Vom Himmelsgott hat sich die
Gestalt des Donnerers bei den Germanen besonders abgelöst.
+Donar+[223], der Herr des Gewitters, bildet eine Hauptgottheit, welche
alle Stämme verehrten, denn gleichmässig ist ihm überall der _dies
Jovis_[224] zugeteilt worden. Die ältere interpretatio romana gibt ihn
mit _Hercules_[225], die spätere mit _Juppiter_[226] wieder. Obwol
allen Germanen gemeinsam, ist Donar doch nicht überall zu gleicher
Bedeutung gelangt. Zu schönster und reichster Entwicklung gedieh der
Donarkult bei den Norwegern, bei den Deutschen scheint Donar zuerst
hinter Tiuȥ, später hinter Wodan zurückgestanden zu sein. Vom deutschen
Donar erhalten wir nur eine dürftige, unvollkommene Vorstellung.
Donar ist der stärkste und tapferste der Götter. Ihn besangen die in
die Schlacht ziehenden Kämpfer.[227] In heiligen Wäldern war sein
Weihtum. Mächtige, uralte Eichen, wie die bei Geismar[228] in Hessen,
die Winfrid fällte, waren ihm geheiligt. Dort versammelten sich die
Stämme vor wichtigen Unternehmungen. Aber nicht allein die kriegerische
Seite wird bei Donar hervorgekehrt, im Gegenteil waltet der starke
Gott namentlich über Leben und Eigentum der Menschen, über Recht
und Frieden. Mit dem Donarstag sind noch heute allerlei Gebräuche
verknüpft und schon in alter Zeit war es so. Den Germanen erschien ein
dem Donar gehöriger Tag von besonderer Bedeutung. Auf einer mit Runen
beschriebenen Kleiderspange, die auf alemannischem Boden gefunden
wurde, begegnet Donar neben Wodan. Zur Weihe und Heiligung vielleicht
der Ehe wird er angerufen.[229] Der Donnerkeil erscheint als eine
geschleuderte Waffe, als eine Wurfaxt. Streithämmer zu Wurf und Schlag
gehören zu den beliebten Waffen germanischer Völker. Naheliegend ist
der Vergleich, dass der Donnergott einen ursprünglich steinernen Hammer
führt, und so erscheint auch allezeit Thor. Bestimmte Zeugnisse, dass
der deutsche Donar mit dem Hammer bewaffnet war, fehlen. Doch ist
vielleicht beim ags. Thunor eine feurige Streitaxt anzunehmen.[230]
Die Vorstellung, dass bei starkem Gewitter der Donnergott, mit der
Axt bewehrt, auf einem Wagen dahinfährt, darf bei Angelsachsen[231]
und Ditmarschen[232] vermutet werden. Beziehung auf Donar ist deshalb
möglich, weil Thor im schwedischen Volksglauben in ähnlicher Weise
fortlebt.
In einem Segen gegen Fallsucht, den eine Pariser Handschrift des 12.
Jahrhunderts und eine Münchener Handschrift enthalten, der aber leider
unverständlich ist, wird Donar der Mächtige genannt, der auf Adams (?)
Brücke stund und einen Stein zerspaltete, da kam aber Adams Sohn und
schlug des Teufels Sohn zu einer Staude. Heidnische und christliche
Anschauungen mischen sich hier, Donar weicht vor Christus. Vielleicht
darf der im Segen geschilderte Hergang so gedacht werden, dass der
Blitz krachend in eine Brücke fährt und sie teilweise zerstört, aber
der Christengott naht rettend, der nächste Blitzschlag schmettert in
Busch und Wald, wo er keinen Schaden thut.[233]
2. Thor als Hauptgott des norwegischen Volkes.
Dass Thor im nordischen Volke vor allen anderen Göttern Verehrung
genoss, geht aus vielen Anzeichen unzweifelhaft hervor[234], besonders
Norwegen ist die Heimat des Thorsdienstes, der aber auch in Schweden
und Dänemark nachgewiesen werden kann. Wenn mehrere Götter neben
einander vorkommen, in den Bildern[235] der Tempel, in der feierlichen
Eidesformel, dann steht doch Thor immer voraus. In Moere erhub sich
ein Tempel, in dem mehrere Götterbilder aufgestellt waren, Thor mit
Gold und Silber geschmückt war am meisten geehrt. Der König Olaf
Tryggvason schlägt das Bildniss nieder. In Hladir standen drei Bilder:
Thor auf dem Wagen inmitten, Thorgerd Hörgabrud und Irpa zu beiden
Seiten. Sveinn in Drontheim hatte manche Götzen, den Thor aber ehrte
er am meisten. Zur Zeit Adams von Bremen war Thor als der Mächtigste
inmitten des Odin und Freyr im Tempel zu Uppsala aufgestellt. Wie
Ingimund ein silbernes Freysbild bei sich führt, so trug Hallfred, ein
berühmter Skald, Thors Bildniss aus Zahn geschnitzt im Beutel. In der
Heidenzeit war es Sitte, Eigennamen aus Götternamen[236] zu bilden. Die
Träger solcher Namen wurden dadurch dem besonderen Schutze der Götter
anempfohlen. In der Wahl des Götternamens kommt das Verhältniss zu den
einzelnen Göttern zum Ausdruck. Wenn ein Bjorn, Steinn, eine Dis, Gerd
und andere Thorbjorn, Thorsteinn, Thordís, Thorgerd zubenannt sind,
so werden sie dadurch dem Gotte verlobt, der Gott wird ihr vertrauter
Freund und Beschützer. Entsprechend wurden Namen nach Freyr gewählt,
Freysteinn, Freybjorn, Freydís, Freygerd. Selten sind Namen mit Odin
gebildet, wie Odinkarl in Dänemark, Odindís in Schweden. Entsprechend
kommen die Götternamen auch für Örtlichkeiten vor, die unter den
Schutz der Gottheit gestellt werden. Sehr schön ist diese Sitte bei
der Besiedelung Islands im Ausgang des 9. Jahrhunderts zu beobachten.
Ausfahrt, Reise, Ankunft, das in Besitz genommene Land wird von der
Gottheit gewiesen. An erster Stelle ist Thor der Führer, seltener
Freyr, niemals Odin.