Wie Thor auf seinen Fahrten oft von einem dienenden Paar Thjalfi und

Roskwa begleitet wird, so folgen auch Freyr Dienstleute _Byggwir_

(Nebenform _Beyggwir_) und sein Weib _Beyla_.[214] Beide erscheinen nur

in der Lokasenna und werden von dem argen Schelter auch beschuldigt.

Byggwir rühmt sich, von Göttern und Menschen hurtig genannt zu werden.

Loki wirft ihm vor, an der Mühle (bei Knechtsarbeit) schwatze er. Er

habe den Leuten nie die Speise zuzuteilen vermocht; als die Männer sich

schlugen, hätten sie ihn im Stroh nicht finden können. Beyla sei mit

Freveln befleckt; kein ärgeres Scheusal als diese mistbesudelte Magd

sei noch zu den Asen gekommen. Vertreten etwa die Dienstleute Freys wie

die Thors die friedliche Bauerschaft, die von Krieger und Edeling wie

Thor selbst im Harbardslied verhöhnt wird? Im Gefolge des Gottes des

Ackerbaues würden sie recht wol passen.

2. Sagen.

Unter den Eddaliedern, die fast alle entsprechend ihrem

norwegisch-isländischen Ursprung zur Verherrlichung Odins und Thors

dienen, gehen zwei auf den Himmelsgott, die _Rigsþula_, welche bei

Heimdall zu erwähnen ist, und die _Skírnismǫ́l_.[215] Ihre Grundlage,

die Verehrung des Himmelsherrn, weist auf eine ältere Zeit oder auf

eine andere Heimat, als für die Odins- und Thorslieder vorauszusetzen

ist. Doch trifft dies nur auf die darin behandelten Mythen zu, nicht

auf die Lieder in ihrer überlieferten Gestalt.

Vom Hochsitz des Himmels blickte einst Freyr über alle Welt. Da sah er

im Riesenheim eine schöne Maid, Gerd; vom Glanz ihrer Arme leuchtete

Himmel und Meer. Freyr wurde schwermütig aus Liebesgram. Auf Njords

Geheiss ging Skirnir, Freys vertrauter Diener, zu ihm und fragte nach

dem Grund seiner Trauer. Freyr gestand, wie er von Liebe zu Gerd

ergriffen wurde.

Inniger hat niemals seit der Urzeit Tagen

Ein Mann ein Mädchen geliebt,

Doch von Asen und Elben kein einziger will es,

Dass wir beide zusammen sind.

Da erbot sich Skirnir, die Fahrt zu thun auf des Gottes Ross, das die

Waberlohe durchläuft, mit des Gottes Schwert, das von selber wider der

Thursen Tross sich schwingt. So kam Skirnir nach Riesenheim zu Gymirs

Gehöft. Bissige Hunde waren am Zaune angebunden, auf einem Hügel sass

ein Wächter, der alle Wege bewachte. Der versagte ihm die Zwiesprache

mit Gerd. Doch Skirnirs mutiger Sinn liess sich nicht einschüchtern.

Gerd vernahm lautes Getöse, es erzitterte das Gehöft. Skirnir stieg

vom Rosse und trat ein. Skirnir brachte nun seine Werbung vor und

bot elf goldene Äpfel und einen Ring. Doch Gerd wollte nichts davon

wissen. Da bedrohte sie Skirnir mit dem Schwert, wieder umsonst. Nun

übte Skirnir Beschwörung und Zauberzwang, er verwünschte Gerd unter die

greulichsten Riesen, ans Ende der Welt, zur Hölle, an die Seite eines

unerträglichen Gatten, falls sie Freys Werbung nicht annehme. Da wagt

Gerd nimmer zu widerstehen, sie reicht dem Boten zur Versöhnung den

gefüllten Metbecher: „Nicht ahnte ich, dass einst der Wanenspross meine

Liebe gewänne.“ Skirnir verlangt, Gerd solle eine Zusammenkunft mit

Freyr anberaumen. „Barri (der Knospende) heisst ein heimlich trauter

Hain, nach neun Nächten wird dort Gerd Njords Sohne Liebesgenuss

gönnen.“ Da ritt Skirnir mit diesem Bescheid zum ungeduldig harrenden

Freyr heim.

„Lang ist eine Nacht, lang sind zweie,

Wie geduld ich mich drei?

Ein Monat oft schien mir minder lang

Als des Harrens halbe Nacht.“

Das Gedicht, etwa um 900 in Norwegen verfasst, hat zur Grundlage den

Mythus vom Bund des Lichtgottes mit der tragbaren Erde, den Sieg des

Lichtes über das Dunkel, des Frühlings über den Winter. Doch ist

alles dichterisch, menschlich schön geschildert. Was in dem Lied

an Odin und Runenkunde erinnert, ist später hineingetragen, wol

vom norwegischen Dichter. Denn der Stoff gehört ursprünglich nach

Schweden und kennt Freyr noch in unumschränkter Herrschaft. Die Sage

gehört dem Himmelsgott selber, Skirnir, der Erhellende, Aufklärende

ist ein Beiwort des Gottes, worunter später eine besondere, von ihm

verschiedene Gestalt verstanden wurde. Grimn, 43 wird Freyr selber _enn

skíre_, der Lichte, Schimmernde genannt. In der Lokas. 42 wird auch

noch darauf angespielt, als ob Freyr selber die Fahrt ausgeführt hätte:

Mit Gold erwarbst du Gymirs Tochter

Und gabst dein Schwert dahin.

Vielleicht waren einmal auch Riesenkämpfe damit verbunden. Gerd nennt

Freyr den Mörder ihres Bruders (_bróþorbane_). In den nordischen

Gedichten heisst Freyr mehrmals des brüllenden Sturmriesen Beli Mörder

(_Belja bane_). Gylfag. Kap. 37 erwähnt kurz diese That, allerdings

schon mit der Voraussetzung, dass Freyr damals sein gutes Schwert

bereits weggegeben habe. Deshalb sei er im Kampf mit Beli waffenlos

gewesen und habe den Unhold mit der Faust oder mit einem Hirschgeweih

getötet.[216] Der Wächter im Riesenheim, der Skirnir aufzuhalten

sucht, deutet auf einstigen Widerstand. Man darf den ursprünglichen

Mythus von des Himmelsgottes Werbung wol dahin ergänzen, dass er erst

nach Kämpfen mit Riesen, welche Gerd gefangen hielten, die Braut

gewann. Dabei ging das Schwert verloren.

Auf denselben Mythus geht das Lied von _Swipdag_[217] zurück. Der

junge Swipdag soll um die schöne Menglod werben. Er geht zum Grabhügel

seiner toten Mutter Groa und beschwört sie, ihm dabei zu helfen. Die

Tote erwacht und spricht Segen gegen jede Not und Gefahr über ihren

Sohn aus. Vielleicht gab sie ihm auch, wie im spätern Volkslied, Ross

und Schwert. So gerüstet macht sich Swipdag auf den Weg und gelangt

zu Menglods Burg, die auf der Spitze eines Speeres sich dreht und von

lodernden Flammen umgeben ist. Er stösst auf den Wächter der Burg,

Fiolswid und nennt sich, seinen wahren Namen verhehlend, Windkald,

Warkalds Sohn, Fiolkalds Enkel. Vom Wächter hört er, dass Menglod des

Saales Herrin ist. Eine hohe Mauer umzieht die Burg, das kunstvoll

gearbeitete Thor erfasst den Eindringling wie feste Fessel. Hunde

umkreisen das Gehöft und wehren den Eintritt. Nur eine Speise könnte

sie kirren, aber unmöglich ist sie zu bekommen. Nur einem Einzigen

öffnen sich Menglods Arme, dem Swipdag ist die sonnenhelle Maid zum

Gemahl bestimmt. Da gibt sich der Held zu erkennen, freudig umwedeln

ihn die wilden Hunde, das Haus thut sich auf, Fjolswid eilt, ihn zu

melden. Menglod fragt nach Wahrzeichen, Namen und Abkunft.

„Swipdag heiss ich, Solbjart hiess mein Vater,

Dorther ging ich auf windigem Weg.“

„Heil dir, Wandrer! Mein Wunsch ist erfüllt;

Komm und empfange den Kuss!

Ersehnter Anblick beseligt jeden,

Der heisse Liebe hegt.

Lange sass ich auf Lyfjaberg,

Deiner harrend von Tag zu Tag;

Nun ward Gewährung dem Wunsch endlich,

Da du, Held, dich der Halle genaht.

Lang hab ich Sehnsucht nach dem Liebsten erduldet,

Wie nach meiner Minne du;

Wahr jetzt wird es, dass wonnige Tage

Uns beiden für immer blühn.“

Der mythische Gehalt des Gedichtes kommt in den Namen der handelnden

Personen deutlich zum Ausdruck. _Swipdagr_ ist der rasche Tag, Menglod

die des Halsschmuckes Frohe, ein Beiname der Freyja oder Frigg,

ursprünglich der Gemahlin des Himmelsgottes. Diese ist bald als die

Erdgöttin, bald als die himmlische Sonnenjungfrau gedacht und letzteres

scheint hier der Fall zu sein. Ostwärts am Himmelsrand schläft Jungfrau

Sonne hinter hohem Berge, vom flammenden Zaune der Morgenröte umgeben

und jedem Unberufenen unzugänglich. In früher Dämmerung, im Morgenwind

als Windkald, Kalds Sohn erscheint der Freier. Die Hindernisse fallen,

als sein wahres Wesen, sein wirklicher Name offenbar wird: Svipdagr,

Solbjarts, des Sonnenhellen Sohn. Mit Märchenzügen ausgestattet, mit

allerlei fremdartiger, mythologischer Gelehrsamkeit versetzt, schimmert

trotzdem die Grundbedeutung des Stoffes hervor.[218]

Auch von Njord geht eine Sage.[219] Er hatte Skadi, des Riesen Thjazi

Tochter zur Frau. Thjazi war von den Asen getötet worden. Skadi seine

Tochter rüstete sich mit dem Heergewand, um ihn zu rächen. Die Asen

boten ihr zur Sühne einen aus ihrer Mitte zum Gemahl, den sie selbst

wählen dürfe. Doch sollte sie nur die Füsse der Auszuwählenden sehen.

Sie bemerkte nun einen mit sehr schönen Füssen und wählte ihn, in

der Meinung, es sei Baldr, der Gewählte war jedoch Njord. Sie wollte

die Wohnstätte behalten, welche ihr Vater gehabt hatte, die auf dem

Gebirge, das Thrymheim heisst, belegen ist. Njord aber wollte in der

Nähe der See seinen Aufenthalt nehmen. Sie verglichen sich dahin, dass

sie neun Nächte in Thrymheim weilen wollten und dann drei Nächte zu

Noatun. Als Njord aber vom Gebirge nach Noatun zurückkam, da sprach er

also:

Nicht lieb ich die Berge, nicht lange dort weilt ich,

Neun Nächte nur;

Süsser schien mir der Sang des Schwans

Als der wilden Wölfe Geheul.

Skadi aber erwiderte:

Mir stört den Schlaf am Strande des Meeres

Der krächzenden Vögel Gekreisch;

Am Morgen weckt mich die Möve täglich,

Die wiederkehrt vom Wald.

Darauf ging Skadi hinauf aufs Gebirge und wohnte in Thrymheim; sie

läuft viel auf Schneeschuhen und schiesst Wild mit ihrem Bogen. Daher

heisst sie Göttin oder Dise des Schneeschuhs.

Die gleiche Geschichte knüpft Saxo an Hadding, den Vater Frothos, der

das Fröblot einsetzte, und Regnhild, sowol die verdeckte Wahl des

Bräutigams, dessen Füsse nur sichtbar sind, als auch die Scheidung. Die

lateinischen Verse Saxos stimmen zu den isländischen der Edda.[220]

Ob der Mythus auf Njord als den Gott der Schifffahrt, aufs offene

Meer ausgelegt werden darf, das nur drei Monate lang frei, die übrigen

neun Monate aber im Banne der winterlichen, im Gebirg, im Riesenland

heimischen Stürme gehalten wird?

Auf eine für uns unverständliche Sage spielt Loki (Lokas. 34) an:

Schweige du, Njord, dich schickte man ostwärts

Zu den Göttern als Geisel fort,

Als Harntopf brauchten dich Hymirs Töchter

Und machten dir in den Mund.

Hymir ist der Eisriese, der im Osten am Himmelsrand wohnt, der

Beherrscher des Polarmeeres. Njord wird einmal zu ihm gefahren sein,

wobei ihm etwas zustiess, das dem bösartigen, alles verdrehenden

Loki zu dem hässlichen Vorwurf Anlass gab. Dass Njord das offne Meer

bedeute, in das des Eisriesen Töchter, die Gletscherbäche fliessen,

kann nicht als befriedigende Lösung des Rätsels gelten. Um überhaupt

auslegen zu können, müsste man den Hergang der Begebenheit, die

vielleicht harmlos war und nur von Loki ins Arge gekehrt wird, genau

kennen.

* * * * *

König _Frodi_[221], Fridleifs Sohn, aus dem götterentsprossten Stamm

der Skjoldungen, herrschte über Dänemark. In seinen Tagen begann der

Frodifrieden, das glückliche goldene Zeitalter des Nordens. Kein Mann

that dem andern Schaden, Diebe und Räuber gab es nicht, ein Goldring

lag unberührt lange auf der Heide. Mit Fruchtbarkeit war das Land

gesegnet. Frodi liess von zwei gekauften Mägden, den Riesinnen Fenja

und Menja mit zwei mächtigen Mühlsteinen rast- und ruhelos Gold, Glück

und Frieden mahlen. Aber sie mahlten Unfrieden, ein Seekönig brach

mit Mord und Brand ins Land und zerstörte Frodis Frieden. In düstrem,

ahnungsvollem Gesang verkündigten die Mädchen den nahen Umschwung des

zum Übermaasse gesteigerten Glückes. Gerade aus dem Gold geht das

Unheil hervor. Snorri stellt den Frodifrieden und Freyr zusammen; er

fasst ja auch Freyr und seinen Sohn Fiolnir als menschliche Könige

auf. Während Freyr Schweden mit blühendem Wolstand beglückt, schenkt

Frodi Dänemark die Segnung goldenen Friedens. Saxo erzählt von sechs

Dänenkönigen namens Frotho, er verteilt auf mehrere Gestalten, was die

Sage vom Friedfrodi wusste. Unterscheiden doch auch die nordischen

Stammtafeln des Skjoldungengeschlechts zwischen zwei Friedensfürsten

des Namens Frodi, zwischen Friedensfrodi und Frodi dem Friedsamen.

Von Frotho I., dem Sohne des Hadding, welchem die an Njords Ehe mit

Skadi erinnernde Sage zugeschrieben war, berichtet Saxo, er habe

einen Drachen besiegt und einen grossen Hort gewonnen. Dadurch wurde

er sehr reich. Er pflegte seine Speise mit Goldstaub zu bestreuen.

Frotho III. ist der eigentliche Friedenskönig. Zu seiner Zeit brauchte

niemand seine Habseligkeiten unter Schloss und Riegel zu verwahren.

Der siegreiche König gebot allen Völkern Frieden, der dreissig Jahre

lang währte. Goldene Ringe und Ketten, welche der König aufhängen

liess, wagte niemand zu stehlen. Dem Wanderer war erlaubt, überall das

zu seiner Erfrischung und zu seinem Fortkommen Nötige zu nehmen. Als

Frotho durch eine Zaubrerin ums Leben gekommen war, verheimlichte das

Gefolge, wie die Schweden beim Tode des Freyr, seinen Tod und führte

die Leiche drei Jahre auf einem Wagen im Lande umher (Freys Umfahrt!).

Endlich wurde er bei einer Brücke in Seeland begraben. Man erkennt im

dänischen Frodi, welcher im _milden Fruote_ mhd. Gedichte wiederkehrt,

deutlich dieselbe Gottheit wie im schwedischen Freyr, nur ist der Gott

Saxos Auffassung gemäss als irdischer König gedacht. Frodi ist die

schwache Form des Adj. _fróþr_, weise. Die Wanen heissen aber weise

(Vafþr. 39, Skírn. 17, 18) und Zukunft wissend (Þrymskv. 14); Freyr

wird _enn fróþe afe_, der weise Mann (Skírn. I, 2) genannt. Was Saxo

von Fridlev, Frothos III. Sohn erzählt, der Riesen tötet und Frögertha,

Amunds von Norwegen Tochter zum Weib gewinnt, darf vielleicht auf Freys

Werbung um Gerd bezogen werden. Überall blicken versprengte Trümmer aus

der dänischen Königssage hervor, die sich, zu einem Ganzen vereinigt,

merkwürdig genau mit den nordischen Mythen von Freyr und Njord decken.

Eine Göttersage scheint euhemeristisch zur Königssage verwandelt und

dabei aus ihrer ursprünglichen Zusammengehörigkeit losgelöst worden zu

sein.

In den ags. Stammtafeln finden sich mehrfache Erinnerungen an den

germanischen Himmelsgott, indem seine Namen unter den mythischen

Königen vorkommen. Die Tafeln stellen allerdings übereinstimmend

Wóden an die Spitze und gehören einer Zeit an, wo Wóden den alten

Himmelsgott bereits verdrängt hatte. In der Königsreihe von Deira

begegnet unter Wódens Söhnen Uscfrea (Wuscfréa), in Bernicia Ingvi, in

Wessex Fréawine; unter Wódens Vorfahren treffen wir Friðuwald, Fréaláf,

Friðuwulf. Fréa und Friede stehen auch hier in engster Verbindung. Hält

man dazu Frôwin, Freysvinr[222] und was von Nerþus erzählt wird, so ist

der Schluss gerechtfertigt, die Ingvaeonen verehrten den Himmelsherrn

und riefen ihn um Fried und Fruchtbarkeit an. Von den am Ufer und auf

den Inseln der Nord- und Ostsee ansässigen Ingvaeonen, vielleicht auch

durch die Ostdänen in Südschweden, kam dieser Kult auf friedlichem

Weg, durch Handelsverkehr vermittelt, zu den Schweden und schlug tiefe

Wurzeln. Darum schirmen die Wanen Ackerbau und Schifffahrt und spenden

aus friedlichem Gewerbe, aus Landwirtschaft und aus Handel und Wandel

Wolstand und Glück.

III. Der Himmelsgott als Donnerer.

1. Donar bei den Deutschen.

Der Himmelsgott hat Blitz und Donner in seiner Gewalt, _Juppiter

tonans_, Ζεὺς κεραύνιος καταιβάτης. Der Donnerkeil ist seine Waffe,

die er mit dem Blitzstrahl herunterwirft. Keilförmige Steine fahren

nach dem Volksglauben mit dem zündenden Blitz in den Boden. Der Donner

gleicht dem Fahren eines Wagens über ein Gewölbe; so sagt Hesychius

δοκεῖ ὄχημα τοῦ Διὸς ἡ βροντὴ εἶναι. Der liebe Gott fährt, sagt noch

heute das Volk beim Rollen des Donners. Vom Himmelsgott hat sich die

Gestalt des Donnerers bei den Germanen besonders abgelöst.

+Donar+[223], der Herr des Gewitters, bildet eine Hauptgottheit, welche

alle Stämme verehrten, denn gleichmässig ist ihm überall der _dies

Jovis_[224] zugeteilt worden. Die ältere interpretatio romana gibt ihn

mit _Hercules_[225], die spätere mit _Juppiter_[226] wieder. Obwol

allen Germanen gemeinsam, ist Donar doch nicht überall zu gleicher

Bedeutung gelangt. Zu schönster und reichster Entwicklung gedieh der

Donarkult bei den Norwegern, bei den Deutschen scheint Donar zuerst

hinter Tiuȥ, später hinter Wodan zurückgestanden zu sein. Vom deutschen

Donar erhalten wir nur eine dürftige, unvollkommene Vorstellung.

Donar ist der stärkste und tapferste der Götter. Ihn besangen die in

die Schlacht ziehenden Kämpfer.[227] In heiligen Wäldern war sein

Weihtum. Mächtige, uralte Eichen, wie die bei Geismar[228] in Hessen,

die Winfrid fällte, waren ihm geheiligt. Dort versammelten sich die

Stämme vor wichtigen Unternehmungen. Aber nicht allein die kriegerische

Seite wird bei Donar hervorgekehrt, im Gegenteil waltet der starke

Gott namentlich über Leben und Eigentum der Menschen, über Recht

und Frieden. Mit dem Donarstag sind noch heute allerlei Gebräuche

verknüpft und schon in alter Zeit war es so. Den Germanen erschien ein

dem Donar gehöriger Tag von besonderer Bedeutung. Auf einer mit Runen

beschriebenen Kleiderspange, die auf alemannischem Boden gefunden

wurde, begegnet Donar neben Wodan. Zur Weihe und Heiligung vielleicht

der Ehe wird er angerufen.[229] Der Donnerkeil erscheint als eine

geschleuderte Waffe, als eine Wurfaxt. Streithämmer zu Wurf und Schlag

gehören zu den beliebten Waffen germanischer Völker. Naheliegend ist

der Vergleich, dass der Donnergott einen ursprünglich steinernen Hammer

führt, und so erscheint auch allezeit Thor. Bestimmte Zeugnisse, dass

der deutsche Donar mit dem Hammer bewaffnet war, fehlen. Doch ist

vielleicht beim ags. Thunor eine feurige Streitaxt anzunehmen.[230]

Die Vorstellung, dass bei starkem Gewitter der Donnergott, mit der

Axt bewehrt, auf einem Wagen dahinfährt, darf bei Angelsachsen[231]

und Ditmarschen[232] vermutet werden. Beziehung auf Donar ist deshalb

möglich, weil Thor im schwedischen Volksglauben in ähnlicher Weise

fortlebt.

In einem Segen gegen Fallsucht, den eine Pariser Handschrift des 12.

Jahrhunderts und eine Münchener Handschrift enthalten, der aber leider

unverständlich ist, wird Donar der Mächtige genannt, der auf Adams (?)

Brücke stund und einen Stein zerspaltete, da kam aber Adams Sohn und

schlug des Teufels Sohn zu einer Staude. Heidnische und christliche

Anschauungen mischen sich hier, Donar weicht vor Christus. Vielleicht

darf der im Segen geschilderte Hergang so gedacht werden, dass der

Blitz krachend in eine Brücke fährt und sie teilweise zerstört, aber

der Christengott naht rettend, der nächste Blitzschlag schmettert in

Busch und Wald, wo er keinen Schaden thut.[233]

2. Thor als Hauptgott des norwegischen Volkes.

Dass Thor im nordischen Volke vor allen anderen Göttern Verehrung

genoss, geht aus vielen Anzeichen unzweifelhaft hervor[234], besonders

Norwegen ist die Heimat des Thorsdienstes, der aber auch in Schweden

und Dänemark nachgewiesen werden kann. Wenn mehrere Götter neben

einander vorkommen, in den Bildern[235] der Tempel, in der feierlichen

Eidesformel, dann steht doch Thor immer voraus. In Moere erhub sich

ein Tempel, in dem mehrere Götterbilder aufgestellt waren, Thor mit

Gold und Silber geschmückt war am meisten geehrt. Der König Olaf

Tryggvason schlägt das Bildniss nieder. In Hladir standen drei Bilder:

Thor auf dem Wagen inmitten, Thorgerd Hörgabrud und Irpa zu beiden

Seiten. Sveinn in Drontheim hatte manche Götzen, den Thor aber ehrte

er am meisten. Zur Zeit Adams von Bremen war Thor als der Mächtigste

inmitten des Odin und Freyr im Tempel zu Uppsala aufgestellt. Wie

Ingimund ein silbernes Freysbild bei sich führt, so trug Hallfred, ein

berühmter Skald, Thors Bildniss aus Zahn geschnitzt im Beutel. In der

Heidenzeit war es Sitte, Eigennamen aus Götternamen[236] zu bilden. Die

Träger solcher Namen wurden dadurch dem besonderen Schutze der Götter

anempfohlen. In der Wahl des Götternamens kommt das Verhältniss zu den

einzelnen Göttern zum Ausdruck. Wenn ein Bjorn, Steinn, eine Dis, Gerd

und andere Thorbjorn, Thorsteinn, Thordís, Thorgerd zubenannt sind,

so werden sie dadurch dem Gotte verlobt, der Gott wird ihr vertrauter

Freund und Beschützer. Entsprechend wurden Namen nach Freyr gewählt,

Freysteinn, Freybjorn, Freydís, Freygerd. Selten sind Namen mit Odin

gebildet, wie Odinkarl in Dänemark, Odindís in Schweden. Entsprechend

kommen die Götternamen auch für Örtlichkeiten vor, die unter den

Schutz der Gottheit gestellt werden. Sehr schön ist diese Sitte bei

der Besiedelung Islands im Ausgang des 9. Jahrhunderts zu beobachten.

Ausfahrt, Reise, Ankunft, das in Besitz genommene Land wird von der

Gottheit gewiesen. An erster Stelle ist Thor der Führer, seltener

Freyr, niemals Odin.

Handbuch der Germanischen Mythologie · 第 22 / 68 段