Yngl. Kap. 5 erzählt, Odin zog von Saxland nordwärts zur See und

nimmt sich Wohnstätte auf einem nach ihm benannten Eiland (_Odinsvé_,

_Odense_ in Fünen). In Schweden herrscht König Gylfi. Odin sandte

Gefjon zu ihm, um Ackerland zu fordern. Sie pflügt ein Stück Land

heraus und zieht es ins Meer. Es ist die Insel Selund; in Schweden

bildete sich an Stelle des Landstückes der Mälarsee, dessen Buchten

gerade so liegen als die Landzungen auf Selund. Odin aber, von der

Trefflichkeit des schwedischen Ackerlandes unterrichtet, fährt selbst

nach Schweden. Da Gylfi keine Kraft zum Widerstand gegen die Asen sich

zutraut, verträgt er sich mit ihnen. Odin und die Seinigen messen sich

mit Gylfi in mancherlei List und Blendwerk[187], die Asen sind aber

stets die Mächtigern. Am See im alten Sigtún lässt sich Odin nieder,

richtet daselbst eine grosse Opferstätte nach Gewohnheit der Asen ein

und weist auch seinen Genossen Wohnsitze an. Freyr herrscht in Uppsala.

Die Sagen vom Wanenkrieg und von der Einwanderung der Asen

nach Schweden haben unter sich Ähnlichkeit; trotz mancherlei

unverständlichen Einzelheiten, trotz der jungen Fassung der

Ynglingasaga darf ein gemeinsamer alter Kern erschlossen werden. Beide

Berichte sind den Asen feindlich und erkennen nur widerstrebend ihre

Macht an. Hier kämpfen die Schwedengötter, Freyr und Njord, die Wanen

gegen die Asen, dort der Schwedenkönig. Es kommt zum Vergleich, wonach

die angefahrenen Asen im Lande Opferstätten erhalten, aber sie müssen

dagegen zur Anerkennung der Landesgötter sich bequemen. Asen und Wanen,

Odin und Freyr herrschen zusammen. Ein geschichtlicher Vorgang scheint

zu Grunde zu liegen, ein uralter Kultkrieg zwischen den Anhängern

eines festgewurzelten altheiligen Glaubens und den Vertretern einer

neuen aus der Fremde stammenden Religion. Der Gegensatz zwischen

Freyr und Odin, dem Himmelsherrn und dem Sturmgott, jener gewaltige

Umschwung, dem der germanische Götterglaube in den ersten Jahrhunderten

unterworfen ist, kommt auch hier freilich unter wesentlich anderen

Umständen zum Ausdruck. Der norwegische Volksgott ist der Himmelsgott

in seiner Eigenschaft als Donnerer, Thor; in Schweden muss frühzeitig

der ingvaeische Freyr, der Begründer und Stifter des Königtums festen

Fuss gefasst haben, wahrscheinlich durch die Handelsbeziehungen der

Schweden zu den ingvaeonischen Völkerschaften. Von Schweden griff er

nach Norwegen hinüber. Das Zusammentreffen des Gottesdienstes der

Schweden und Norweger rief keine Fehde hervor. Wenigstens sind keine

Spuren gewaltsamer Ausbreitung des Freysdienstes vorhanden. Als aber

der deutsche Wodansglaube über Dänemark nach Skandinavien vordrang,

was jedenfalls vor 800 geschah, da traf er in Schweden eine starke

nationale Gegenströmung. Die schwedischen Könige, die Söhne Freys,

wollten anfangs nichts von Odin wissen. Es mag bis zu Kämpfen zwischen

den Anhängern des Alten und des Neuen gekommen sein, woraus die Sage

einen Krieg zwischen Asen und Wanen machte. Ein Ausgleich gewährte den

Asen im Schwedenland Opfer und Tempel, aber Freyr verschwand nicht vor

Odin, er trat ihm gleichberechtigt zur Seite.

* * * * *

Die nordischen Denkmäler, sowol die Edda und ihr Liederkreis als auch

die Geschichtsquellen geben ein lebendiges und anschauliches Bild

von Njord und Freyr, den die jüngere Olafssaga Tryggvasonar Kap. 173

als _blótguđ Svía_, Opfergott der Schweden bezeichnet, von dem viele

Sagen in Umlauf wären. Man muss nur die euhemeristische Auffassung

Snorris und Saxos, denen die Götter zauberkundige Könige sind, oder die

christliche Färbung einzelner Darstellungen in Abzug bringen.

Dass Freyr der herrschende Himmelsgott ist, zeigt noch seine Benennung

Götterfürst, _folkvalde goþa_ (Skirn. 3) an.

Freyr[188] ist der erste von allen Helden,

Die die Burg der Asen birgt;

Keines Mannes Frau und kein Mädchen kränkt er,

Und macht die Gefesselten frei.

Freyr ist der trefflichste unter den Göttern. Er waltet über Regen und

Sonnenschein und über den Pflanzenwuchs der Erde. Gut ist es, ihn

um Fruchtbarkeit und Frieden anzuflehen, denn er vermag den Menschen

Frieden und Wolstand zu gewähren. Alfheim, Elbenheim ist sein Wohnsitz.

Denn auch die Elbe wirken in den Naturkräften, die das Wachstum

befördern. Neben der mild-friedlichen Thätigkeit des Himmelsgottes,

die seinem uranfänglichen Wesen entspricht, steht aber auch die

kriegerische. Freyr besitzt ein Schwert, das in des Furchtlosen Hand

von selber in Schwung gerät, und ein Ross, das mutig die wabernde

Lohe durcheilt. Er ist der beste aller kühnen Reiter (_baztr allra

baldriþa_). Bei der Werbung um Gerd gibt er Ross und Schwert hin, darum

steht er seiner guten Waffe beraubt im letzten Kampf und erliegt vor

dem Feuerriesen Surt. Zu Baldrs Leichenbrand fährt er auf einem Wagen,

den der goldborstige Eber zieht. Der Wagen gebührt dem Himmelsgott

von Alters her, doch ein goldborstiger Eber wurde ihm erst später

durch ein Missverständniss beigelegt. Der Zwerg Sindri schmiedete die

besten Kleinode, Odins Speer, Thors Hammer, das Schiff Skidbladnir, den

Ring Draupnir, Sifs Goldhaar, endlich Freys Eber, von dem er sagte,

dass er bei Tag und bei Nacht schneller als ein Pferd durch Luft und

Wasser zu laufen vermöge, und niemals werde die Nacht so finster

sein, dass nicht dort, wo der Eber sich befinde, genügende Helle sich

verbreite -- so leuchte es von seinen Borsten. Schon im 10. Jahrh.

berichtet das Skaldengedicht Húsdrápa, dass Freyr auf goldborstigem

Eber ritt. Aber wie kommen Zwerge dazu, neben Waffen und Schmucksachen

ein lebendiges Geschöpf zu schmieden? Unter den beliebten Tierbildern

auf Helmen stehen Adler und Eber obenan. Die Angelsachsen trugen

goldene Eberhelme. Im Norden begegnen _Hildisvín_ und _Hildigǫtr_,

Kriegseber, als Helmnamen. Zweifellos gebührte dem Himmelsgott ein

goldener Eberhelm und der war ein Zwergengeschmeide. Später wurde der

allgoldene _Hildigǫltr_ wörtlich genommen, und so bildete sich die Sage

vom Eber[189]. Unter goldenem Eberhelm, mit dem Wunderschwert bewehrt

reitet Freyr sein mutiges Ross, und so dachten sich wol einst alle

Germanen den Himmelsgott.

Skidbladnir (mit hölzernen Rudern?) ist der Schiffe bestes. Stets hat

es günstigen Fahrwind nach der Richtung, in der man reisen will, sobald

das Segel aufgehisst wird. Alle Götter finden darin Platz, aber man

kann es auch zusammenfalten und in die Tasche stecken. Die Wanen,

insbesondere Njord haben auch mit der Schifffahrt zu thun; darum ist

dem Gott ein Wunderschiff, das in seinen Eigenschaften an Märchendinge

erinnert, beigelegt. Die mythische Deutung will darin die Seglerin der

Lüfte, die Wolke sehen, die in nichts zusammenschwinden kann.

Njords[190] Wesen deckt sich mit Freyr. Er wohnt zu Noatun

(Schiffsstätte, Hafen) und lenkt dort des Windes Lauf und beruhigt

Meer, Sturm und Feuer. Ihn soll man bei Seefahrt und Jagd anrufen. So

reich und begütert ist er, dass er jedem Land und fahrende Habe geben

kann, wenn er will, und darum soll man ihn deswegen anrufen. Mit seiner

Schwester zeugte er Freyr und Freyja. Ein isländisches Sprichwort war:

reich wie Njord.[191]

Was die Geschichtsquellen über Njord und Freyr berichten, deckt sich

vollkommen mit den Angaben der Edda. Die Ynglingasaga Kap. 11 sagt

von Njord, zu seinen Zeiten sei so guter Friede und fruchtbares Jahr

gewesen, dass die Schweden meinten, Njord gebiete über Fruchtbarkeit

und Reichtum der Menschen.

Der Ynglingasaga (Kap. 12) ist Freyr ein milder, reicher Herrscher,

unter dem Friede und Fruchtbarkeit blühen. Zu Uppsala[192] war sein

Hauptsitz. Zu seinen Zeiten war Frodis Friede, und gutes Jahr in allen

Landen: die Schweden schrieben es dem Freyr zu. Freyr hiess mit anderem

Namen Yngvi; Yngvi blieb lange ein Ehrenname in seinem Geschlecht,

seine Nachkommen hiessen Ynglinger. Als Freyr erkrankte, da liess man

nur wenige Leute zu ihm. Ein grosser Hügel mit einer Thüre und drei

Fenstern wurde erbaut. Dort hinein schafften sie den toten Freyr und

sagten den Schweden, er sei noch am Leben. So gings drei Jahre. Reiche

Schätze wurden geopfert, Friede und Fruchtbarkeit dauerte fort. Als

das Volk seinen Tod endlich erfuhr, wollten sie seinen Leichnam nicht

verbrennen; sie glaubten, die gute Zeit werde anhalten, so lange Freyr

in Schweden wäre. Da nannten sie Freyr den Gott der Welt und opferten

ihm alle Zeit um Frieden und Fruchtbarkeit.

Tapfere Fürsten heissen Sprösslinge Freys, wie sie auch Tyrs Nachkommen

genannt werden.[193]

In den Tagen Haralds Harfagri kam Hrafnkell nach Island.[194] Er nahm

Land in Besitz, opferte und errichtete einen Tempel. Hrafnkell verehrte

keinen Gott mehr als Freyr, und weihte ihm die Hälfte seiner besten

Habe zu eigen. Darum erhielt er auch den Beinamen _Freysgodi_, Priester

des Freyr. Unter seinen Besitztümern erschien ihm ein grauer Hengst mit

schwarzen Streifen am Rücken am meisten wert. Er nannte ihn _Freyfaxi_,

und schenkte auch ihn zur Hälfte seinem Freunde Freyr. Diesen Hengst

liebte er sehr und gelobte, den zu töten, der gegen seinen Willen

ihn reite. Einar Thorbjorns Sohn, der als Hirte bei Hrafnkell sich

verdingt, erhält die strenge Weisung, das Verbot nicht zu brechen.

Wie er trotzdem einmal, um verlaufene Schafe zu suchen, den Hengst

besteigt, läuft dieser zu Hrafnkell und zeigt ihm das Geschehene mit

lautem Wiehern an. Am andern Tag reitet Hrafnkell zu Einar hinaus,

stellt ihn zu Rede und schlägt ihn seinem Gelübde gemäss zu tod. Daraus

entstand eine grosse Fehde zwischen Hrafnkell und den Verwandten

Einars, die mit Hrafnkells Vertreibung von Haus und Hof endigt. Seine

Feinde liessen den Hengst und die andern Rosse vorführen. Sie schienen

ihnen tüchtig und gut zur Arbeit, am besten aber Freyfaxi, der so

viel Unheil verursacht hatte. Damit er aber nicht noch mehr Todschlag

verschulde, soll ihn der, dem er gehört (Freyr), zu sich nehmen. Sie

führten ihn daher auf eine steile Klippe, verhüllten seinen Kopf,

banden einen schweren Stein um seinen Hals und stürzten ihn in den

unten vorbeifliessenden Strom. Zur Erinnerung wurde der Ort Klippe des

Freyfaxi genannt. Drüber erhob sich der von Hrafnkell erbaute Tempel.

Nachdem sie die Götterbilder ihres Schmuckes beraubt hatten, legten sie

Feuer ans Heiligtum und verbrannten alles zusammen. Wie Hrafnkell dies

erfuhr, entsagte er allem Opfer und Götterglauben.

Freyfaxi scheint selber dämonischer Art, wie er auch seinen Reiter

bei Hrafnkell anzeigt. Auch sonst kommen Pferde mit Namen Faxi vor,

die abergläubische Verehrung genossen. Man wird an Tacitus Kap. 10

erinnert, die heiligen Rosse seien Mitwisser der Gottheit.

Zu Freyr stehen auch noch andere in besonders naher Freundschaft.[195]

Es wird ein Thorðr Freysgodi erwähnt; ein ganzes Geschlecht trägt den

Namen _Freysgyđlingar_. Der Isländer Thorgrim Freysgodi pflegte im

Herbst dem Freyr Opfer und Gasterei zu halten. Als er meuchlerisch

ermordet wurde, geschah es, dass ausserhalb und südwärts am Grabhügel

Thorgrims nie Schnee haftete und er nie gefror; die Leute meinten, er

sei dem Freyr um der Opfer willen so lieb gewesen, dass der Gott es

zwischen beiden nie zufrieren lassen wollte. Auch hier äussert sich

der milde Himmelsgott deutlich seinem Wesen nach in Sonnenkraft und

Thauluft. In diesem Sinn heissen irdische Helden Freys Freund, _Freys

vinr_, worauf auch der ags. Name _Fréawine_, vielleicht der ahd.

_Frôwin_[196] zielen. Aus letzteren ist der Schluss gerechtfertigt,

dass auch ausserhalb der nordischen Länder mit der Bezeichnung „Herr“,

gleichwie Gott später in christlicher Zeit, schlechthin Tiuȥ gemeint

war, nur dass dort das Beiwort nicht vollständig in den Rang eines

Eigennamens trat.

Thorkell Hafi[197], von Vigaglumr um sein Gut zu Thverá gebracht, sucht

bei seinem Freund Freyr Hilfe. Und ehe Thorkell von Thverá wegzog, ging

er zum Tempel Freys und führte einen alten Ochsen dahin und sprach:

Freyr, der du lange mein treuer Freund gewesen bist, viele Gaben von

mir empfangen und sie wol vergütet hast, dir schenke ich nun diesen

Ochsen darum, dass Glum einst nicht minder wider seinen Willen von

Thverá wegziehen möge, als ich jetzt ziehe; lass mich ein Zeichen

sehen, ob du annimmst oder nicht. Da brüllte der Ochse und fiel tot

nieder. Thorkell glaubte, Freyr habe damit das Gelübde angenommen. Der

Gott erfüllt seine Zusage. Gegen Glum wird am Allding eine Blutklage

anhängig gemacht. Ehe er von daheim wegreitet, sieht er im Traum viele

Leute nach Thverá kommen, den Freyr aufzusuchen, der auf einem Stuhle

sass. Glum fragt die Leute, wer sie seien und erhält zur Antwort: seine

verstorbenen Anverwandten. Sie bitten Freyr, Glum möge aus Thverá nicht

vertrieben werden. Doch umsonst; Freyr antwortet kurz und zornig und

gedenkt des von Thorkell geopferten Ochsen.

Oddr Sindri[198] muss sein Gut an Helgi Asbjarnarson abtreten. Als

sich Oddr zum Wegziehen anschickte, liess er einen Stier schlachten.

Am ersten Zugtag wurden Tische längs der Sitze aufgestellt und das

gekochte Stierfleisch vorgesetzt. Da trat Oddr hinzu und sagte: Hier

ist der Tisch zugerichtet, wie für meine teuersten Freunde; dieses

Gastmahl gebe ich ganz dem Freyr, damit er den, der an meine Stelle

kommt, mit nicht geringerem Kummer von Oddsstadir wegziehen lässt, als

ich jetzt ziehe. Hierauf zog Oddr mit allen den Seinigen ab.

Wie einem vertrauten Freunde wird dem Gott Herzenskummer und Sorge

ausgesprochen. Kann er nicht helfen und Unheil abwehren, so soll er

doch Rache und Vergeltung üben.

Pferd und Ochse fielen dem Freyr als Opfer. Aber auch der „Heerdeneber“

_sonargǫltr_ (Sievers, Beiträge 16, 540 ff.), der stattlichste und

stärkste Eber, umsomehr als wegen des missverstandenen Eberhelms

Freyr selber einen Eber besass. Mit Beziehung hierauf sagt die

Hervararsaga[199] vom König Heidrek, er habe den grössten Eber Freyr

geopfert. Am Julfest wurden mit Handauflegen auf die Borsten dieses

heiligen, zum Opfer bestimmten Ebers Gelübde beschworen. Zwölf

Urteilsprecher hatte Heidrek zu seinem goldfarbigen heiligen Eber

bestellt, auf dessen Borsten in allen wichtigen Rechtssachen geschworen

werden sollte. Das Eberopfer gehörte wol nicht von Anfang an dem

Himmelsgott, das vornehmere Rossopfer hat darauf mehr Anspruch, sondern

gewann erst später auf Freyr Bezug.

In der Geschichte König Olafs Tryggvason[200] wird ein Heiligtum des

Freyr zu Drontheim erwähnt. Im Umkreis wurden dem Gott heilige Pferde

unterhalten. Das Volk rief ihn um Frieden und Fruchtbarkeit an und

liess sich die Zukunft von ihm offenbaren. Der junge und entstellte

Bericht, wie Olaf die Drontheimer bekehrte, enthält doch einen wahren

Gedanken, es wird auf die völlige Gleichheit des drontheimischen Kultes

mit dem schwedischen hingewiesen und die Herkunft des Freysdienstes

aus Schweden behauptet. Nachdem der König im wesentlichen die

euhemeristische Erzählung der Ynglingasaga vortrug, fährt er fort, dem

Freyr seien zur Unterhaltung zwei Holzfiguren in den Grabhügel gegeben

worden. Später drangen einmal Räuber hinein, um die geopferten Schätze

zu stehlen. Von plötzlicher Furcht ergriffen wagten sie nichts ausser

den zwei hölzernen Götzen mitzunehmen. Diesen opferten nunmehr die

Schweden an Freys Stelle. Der eine Götze aber wurde nach Drontheim

gesandt, wo ihm der gleiche Dienst gewidmet wurde.

Gunnar Helmingr[201], ein des Todschlags beschuldigter Mann, flüchtete

aus Norwegen nach Schweden. Damals wurde noch den Göttern geopfert, vor

allen dem Freyr. Das Götzenbild des Freyr redete mit den Leuten, auf

Eingebung des bösen Feindes berichtet der Sagaschreiber, und hatte ein

junges Weib zu seinem Dienst. Sie galt als des Gottes Frau und war über

Freys Heiligtum gesetzt. Gunnar flehte sie um Schutz an. Obwol der Gott

dem Fremdling nicht günstig schien, behielt ihn die Priesterin doch bei

sich. Die Zeit kam heran, da die Frau das Götzenbild auf einem Wagen

im Lande herumführen sollte, damit Freyr den Leuten fruchtbares Jahr

bringe. Die Priesterin sass beim Gott auf dem Wagen, die Dienstleute,

unter ihnen Gunnar, gingen zu Fuss voraus. Als sie einmal übers Gebirge

fuhren, erhob sich ein grosses Unwetter. Nach und nach liessen alle

bis auf Gunnar den Wagen im Stich. Gunnar führte die Zugtiere, als er

aber müde wurde, setzte er sich auf den Wagen. Die Frau sagte: Sieh

zu, sonst erhebt sich Freyr gegen dich! Gunnar versuchte noch einige

Zeit zu gehen, als er aber wieder müde ward, sprach er: So will ichs

versuchen, Freyr zu widerstehen, wenn er mich angreift. Er ringt mit

Freyr und ist nahe daran, zu unterliegen. Da gelobt er nach Norwegen

zurückzukehren, mit König Olaf sich zu versöhnen und den wahren Glauben

anzunehmen, und es glückt ihm, Freyr zu fällen. Der böse Geist lief

aus dem Götzenbild, das Gunnar in Stücke schlug. Dann ging er zum Wagen

und befahl der Frau, sie solle ihn für den Gott ausgeben, wozu sie

gern bereit war. So fuhr Gunnar als Freyr zu den Leuten. Das Wetter

hellte sich auf und sie kamen zu dem Gastgebot, das ihnen angerichtet

war. Dort waren viele von den Leuten, die zuvor dem Wagen nachgelaufen

waren. Dem Volke dünkte es viel wert, wie Freyr seine Macht zeige, dass

er in solchem Unwetter, da alle ihn verliessen, doch mit seiner Frau

zu den Höfen käme, und dass er nun unter den Leuten wandle und wie

andre Menschen trinke. So besuchten sie den Winter über die Gastereien.

Freyr redete fast allein mit seinem Weib, nur wenig mit anderen, er

wollte kein blutiges Opfer annehmen, sondern nur Gold und Silber,

schöne Gewänder und andre Kostbarkeiten. Mit der Zeit wurde Freys Weib

schwanger. Das galt für ein gutes Zeichen. Die Witterung war gut und

alles deutete auf ein fruchtbares Jahr. Weithin verbreitete sich die

Kunde, wie mächtig der Schwedengott sich zeige. Auch König Olaf vernahm

davon, ihm ahnte die Wahrheit. Er schickte Gunnars Bruder Sigurd nach

Schweden, und der erkannte alsbald, wer Freyr war. Bei Nacht und Nebel

entwich Gunnar mit seinem Weib und allen Kleinodien nach Norwegen und

liess sich dort taufen.

Diese Erzählung ist vom christlichen Standpunkt gehässig gefärbt, sie

will den Trug des Heidentums, bei dem der Teufel die Hand im Spiel

hat, in grelles Licht setzen. Doch diese Zuthaten fallen leicht ab.

Bezeugt wird ein schwedischer Brauch: Freyr, von einer Priesterin

begleitet, wird zur Winterszeit auf einem Wagen im Lande umhergeführt.

Wohin er kommt, wird er mit festlichem Gelage aufgenommen, Opfer werden

ihm geschlachtet. Der Umzug segnet die Gaue zu Fruchtbarkeit. Ein

vollkommenes Seitenstück zu dem, was Tacitus von der ingvaeonischen

Nerþus erzählt, liegt hier vor.

Stefnir, der für die Einführung des Christentums auf Island wirkte,

hatte sein Schiff bei Gufaros angelegt. Im Winter wurde es durch

Hochwasser beschädigt. Da lief eine Weise um, des Inhalts, dass die

Macht der Landesgötter es also gefügt. Eine zweite Wendung misst dem

herrschenden Freyr die That bei.[202] Die Landesgötter, Freyr an der

Spitze, wehren dem neuen Glauben den Zugang zu Island.

Dem Wesen des Gottes entsprechend ist das dichterische Bild _Freys

leikr_[203], Spiel des Freyr, wol als Festesfreude, Trinkgelage und

Unterhaltung mit Frauen aufzufassen. Beim Opfer wurde Freys und Njords

Becher[204] um Fried und Fruchtbarkeit getrunken, nachdem zuerst Odins

Becher um des Königs Sieg und Macht geleert worden war. Im ältesten

isländischen Landrecht von 927 wurde der Wortlaut des feierlichen Eides

also festgesetzt: Ich schwöre einen Gesetzeseid, so wahr mir Freyr und

Njord und der allmächtige Gott (Thor) helfe![205] Unter Freys und Thors

Schutz fuhren die Norweger im Ausgang des 9. Jahrhunderts nach Island,

wo sie eine neue Heimat sich begründeten. Ingimund, ein norwegischer

Wiking, erhielt von König Harald ein kleines silbernes Bild des Freyr

zum Geschenk. Eine Volva weissagt Ingimund, er werde nach Island

ausfahren und sich dort niederlassen, wo er das wunderbarer Weise aus

seinem Beutel verschwundene Freysbild wieder finde. Im Vatnsdal auf

Island lag das Bild im Boden an der Stelle, wo die Hauptpfeiler des

Tempels eingegraben wurden.[206] So weist Freyr wie sonst Thor dem

Ansiedler seine Stätte, die alten Götter walten auch über der neuen

Heimat. Freyr hat wie sein Vater Njord auch mit der Schifffahrt zu

thun. Der Skald Hallfred gelobte dem Freyr eine Gabe, falls er Seewind

nach Schweden bekäme, dem Thor oder Odin, falls nach Island heim.[207]

Gegen den norwegischen König Eirik Blutaxt schleudert der isländische

Skald Egill den Fluch: Mögen die Götter ihm den Raub meiner Güter

vergelten! Die waltenden Mächte und Odin sollen den König vertreiben!

Freyr und Njord mögen den Volksbedrücker elend machen! Der Landesgott

(Thor) thue ihm, der heilige Rechte brach, leides![208] Wie in der

Eidformel stehen Freyr, Njord und der Landase bei einander. Alles das

lehrt, dass die Verehrung Freys und Njords tief im Volksleben wurzelte.

In den nordischen Ländern erhoben sich daher auch viele Freystempel,

viele Örtlichkeiten wurden nach dem Gotte benannt und so seinem Schutze

anempfohlen.[209]

Im Eyjafjord auf Island war eine Örtlichkeit in Erinnerung an Schweden

Uppsalir genannt. Dort stand ein Tempel des Freyr, der so heilig

gehalten wurde, dass kein zur Verbannung oder Acht Verurteilter

daselbst weilen durfte.[210]

Was Adam von Bremen und Saxo berichten, stimmt völlig zu den nordischen

Quellen. Frö ist Gott der Schweden, sein Hauptsitz ist Uppsala, wo

ihm Menschen und Tiere zum Opfer geschlachtet werden. Beim grossen

Jahresopfer findet Tanz und Spiel statt, überhaupt war der Freysdienst

in mancher Augen weichlich. Um Frieden und Glück wird Freyr angerufen,

auch bei Hochzeiten wurden ihm Opfer gebracht. Die schwedischen Helden

hiessen Frös Freunde und Verwandte.[211]

Der Begründer des Ynglingerstammes heisst _Yngvefreyr_, _Ingefreyr_,

_Ingunarfreyr_[212] schon in älteren Gedichten, in der Haustlong 10,

Haleygiatal 13, Lokas. 43. Dass der Stammvater aus dem Namen des

Geschlechtes erwuchs, wie Scyld, Skjoldr an der Spitze der dänischen

Scyldingas, Skjoldungar, ist klar. Ob er Beziehungen zum Ingvo als

Stammvater der Ingvaeonen hat, kann nicht mit voller Bestimmtheit

behauptet werden, doch ist die Wahrscheinlichkeit gross. Ingwine

heissen in ags. Dichtung die Ostdänen, die in Südschweden ansässig

waren. Ihr Stammheld ist Ing genannt, ihr König _Fréa Ingwina_.

Norwegische Verfasser leiten nun allerdings die Ynglinger von den

schwedischen Königen zu Uppsala ab. Die aber hiessen Scylfingas,

Skilfingar, Stuhlkönige (ags. _scylf_, an. _skjǫlf_, Bank, Hochsitz).

Der norwegische Königsstamm, der mit Harald Harfagri zur Einherrschaft

kam, zählte sich zu den Ynglingern; die Sage berichtet den allmäligen

Zug des Geschlechtes von Uppsala bis Skiringssal im norwegischen

Vestfold. In Wirklichkeit waren die Ynglinger Ostdänen, Ingwine.

Ingunarfreyr scheint aus älterem *Ingunafreyr verderbt. _Ingunafreyr_

entspricht genau dem _Fréa Ingwina_, Yngve, Inge dem ags. Ing. Der

Herr der Ingwine, der Ostdänen, hiess Yngwe. Inglinger sind Ingwes

Söhne. Wie die Ingvaeonen in Ingwo den Begründer ihres Volkes ehrten,

so die daraus hervorgegangenen Ingwine den Ingwe als Stammvater ihrer

Könige.[213] Dass Ingwo-Ingwe für des höchsten Himmelsgottes Sohn galt,

ist sehr wahrscheinlich. Aber erst durch Missverständniss warf der

Skald Thiodolf im Ausgang des 9. Jahrhunderts den _Ingunafreyr_, Ingwe

den Stifter der Ynglingar, mit dem Schwedengott _Freyr_ zu Uppsala

zusammen, und verlegte dadurch den Ursprung der Ynglinger nach Uppsala.

Daher erscheint Yngve als Beiname Freys bei Snorri, Yngve als Njords

Vater bei Ari, dem ersten um 1130 schreibenden isländischen Historiker.

Dass übrigens schon im _Fréa Ingwine_ der ingwaeonische Himmelsherr

anklang, ist durch diese Erklärung nicht ausgeschlossen.

* * * * *

Handbuch der Germanischen Mythologie · 第 21 / 68 段