der Germanen[167]. _Tuisto_, der Sohn der Erde hat wol den Himmel
zum Vater. Da Himmel und Erde an ihm Teil haben, da er ihr beider
Wesen in sich vereint, heisst er der Doppelte, Zwiefältige,
vielleicht aber auch Zwitter[168], wenn etwa Mannus von ihm allein
entsprang. _Mannus_ ist der Urmensch, Erzeuger der Menschheit. In
dieser Genealogie bezeichnet aber Mannus den Gott als Menschen. Der
Grundgedanke scheint zu sein, ein Gott in Menschengestalt zeugte die
Stammväter, nach deren Namen die Völker heissen. Wie erklären sich
die Namen dieser drei Stammeshelden _Ingvio_, _Istvio_, _Irmino_[169]?
Wenn Völker oder Geschlechter nach einem ihrer berühmten Ahnen den
Namen empfangen, dann ist dieser Ahne ein vergötterter Mensch, ein
Halbgott, niemals ein rein göttliches Wesen. Steht auch einer der
hohen himmlischen Götter, etwa Tiuȥ, Donar oder Wodan, an der Spitze,
so knüpft doch die Benennung nicht an den Gott selber an, vielmehr
an einen Nachkommen. Ein Halbgott, ein Heros vermittelt zwischen dem
Gott und den Sterblichen. Müllenhoff meint (Schmidts Zeitschrift 8,
222), „entweder ward dem Gott eigens ein Name beigelegt, der nur ein
nahes Verhältniss zu dem Volke oder Geschlecht ausdrückt, oder das
Volk oder Geschlecht bezog auf sich einen schon vorhandenen, im Wesen
des Gottes begründeten Beinamen“. Andächtige Stimmung, religiöser
Brauch soll die meisten der altgermanischen Völkernamen geschaffen
haben. Geistvoll weiss Müllenhoff diese „hieratischen Kultnamen“
auszulegen. Doch unumstösslich feste Beweise sind nicht erbracht.
Laistner schlug einen andern Weg zur germanischen Namendeutung
ein und gelangte zu einer bestimmten, aus treffender Beobachtung
geschöpften Gesamtansicht über ihren Ursprung. Das Volk in Verband
und Versammlung, in Sippeverhältniss und Heerordnung, nach Seelenzahl
und Ausbreitung, also einfache natürliche Zustände sind Quellen der
Namen. Ohne jede Herleitung im einzelnen zu billigen, möchte ich
Laistners Erklärungsweise der gezwungenen Müllenhoffs vorziehen. An
sprachlicher Begründung steht sie hinter letzterer nicht zurück, aber
sie ist insofern ungefährlicher, als sie nicht gleich auf unsichere
Voraussetzung hin die germanische Mythologie mit allerlei weit- und
tiefgreifenden Vermutungen bereichert. Im gegebenen Fall fragt es sich
also, nannten sich diese drei Hauptvölker nach den Beinamen eines
Gottes, und so erklärt Müllenhoff, oder haben sie aus ihren eigenen
Benennungen drei Helden gemacht, und diese als des Gottes Söhne,
vielleicht auch manchmal als des Gottes Beinamen (z. B. _Saxnôt_ als
Sachsengott) ausgegeben, heisst das Volk nach dem Gott oder der Gott
nach dem Volk? Mit Laistner und andern entscheiden wir uns für letztere
Ansicht, welche auch der J. Grimms wieder näher kommt. Müllenhoff
glaubte die zu Grunde liegenden Namen des Gottes als _ingvaȥ_ der
Ankömmling, _ermnaȥ_ der Erhabene, _istvaȥ_ der Verehrungswürdige
(nach Scherer der Gott des Herdfeuers, nach Hoffory der Flammende)
erklären zu dürfen. Die Ingvaeonen, Erminonen, Istvaeonen seien
Kultgenossenschaften, Völker, die gemeinschaftlich einen Gott unter
diesen Namen anbeteten und sich gemeinsamer Abkunft von ihm rühmten. In
Ingvaȥ und Ermnaȥ erkannte er den Tiuȥ, in Istvaȥ den Wodan, während
Hoffory auch diesen auf Tiuȥ bezog. Nach Laistner sind die Ingvaeonen
die Einheimischen, die Erminonen das Grossvolk, die Istvaeonen die
Echten, Vollbürtigen. Welcher Deutung man auch beipflichte, die
Hauptfrage bleibt sich gleich, was für Götter sind mit den Stammvätern
gemeint. Leicht ist die Entscheidung für die erstgenannten. Die
Ingvaeonen wohnten auf der deutschen Halbinsel zwischen Ost- und
Nordsee, ihr gemeinsamer Kult galt der Nerthus, deren Heiligtum auf
einer Insel der Nordsee sich erhob. Die Angeln und Sachsen gehören
zu den Ingvaeonen. „Ing war zuerst bei den Ostdänen den Menschen
erschienen; später zog er ostwärts über die Wogen; sein Wagen rollte
ihm nach.“[170] Mit Ing, dem Begründer ihres Volkes, fuhren die Angeln
aus ihrer alten schleswigschen Urheimat nach Britannien. Ingwine,
Freunde des Ing heissen die Ostdänen (Béowulf 1045, 1320). Ing war ihr
erster König, an ihn knüpften die Genealogien ihrer Herrscher an. Bei
den norwegischen Skalden heissen die Könige der Schweden _Ynglingar_,
Nachkommen des Yngvi; der Gott Freyr wird auch Yngvi oder Yngvifreyr
genannt. Freyr ist aber sicher der Himmelsgott Tiuȥ. Freyr und Nerthus
gehören zusammen als die Hauptgötter der Ingvaeonen. Sollte auch die
nordische Zusammenstellung von Yngvi und Freyr erst später erfolgt
sein, so dachten doch jedenfalls die Ingvaeonen ihren Ingvo oder
Ingvio als Sohn des herrschenden höchsten Gottes, und der kann zur
Entstehungszeit der Sage nur Tiuȥ gewesen sein, noch nicht Wodan. Man
erkennt mit Hilfe dieser Zeugnisse den eigentlichen Sinn der Genealogie
des Tacitus. In Gedichten wurde der Adel der Ingvaeonen gepriesen, die
Könige und Stämme dieses Bundes rühmten sich gemeinsamen Ursprungs.
Tiuȥ in Menschengestalt war herabgestiegen, Ingvio war sein Sohn und
erster König, das Königtum ist vom höchsten Gotte eingesetzt. Auf
denselben Mythus geht die schöne später ausgebildete anglische Sage von
Skéaf[171] zurück, nur ist sie auf den Stamm der Angeln beschränkt,
wie ja auch die Ostdänen den Ing für sich allein in Anspruch nehmen.
Den Anfang des Königtums und der Kultur knüpften sie an die wundersame
Ankunft eines geheimnissvollen Fremdlings. In steuerlosem Schiff, auf
einer Garbe schlafend, kam ein hilfloses Kind ans Land geschwommen.
Von den Bewohnern wurde es wie ein Wunder aufgenommen und sorgfältig
erzogen. Sie legten ihm den Namen _Skéaf_ bei, nach dem Getreidebündel
(angl. _skéaf_, nds. _skôf_, ahd. _scoup_, mhd. _schoup_), auf dem er
geschlafen hatte. Skéaf wurde zum König der Angeln erwählt und wuchs
an Macht und Ehren. Als er aber aus dem Leben schied, da trugen die
Männer ihn wieder zum brandenden Ufer, wie er gebeten. Dort lag sein
Schiff zur Ausfahrt bereit, und wieder trieb der tote Held hinaus auf
die Wogen. Niemand weiss, woher er kam, wohin er entschwand. Aber eine
edle Königssippe stammte von ihm ab. Es war der Himmelsherrscher selber
gewesen, der in Menschengestalt zu seinem Volke herabstieg und ihm die
Segnungen gesicherten Ansiedelns und Wohnens, den Ackerbau und das
Leben und Besitz schirmende Königtum verlieh. Der Himmelsgott an der
Spitze von Stammtafeln, als Begründer menschlicher Einrichtungen wird
uns auch sonst begegnen, im nordischen Freyr und Heimdall.
Mit Irmino ist ebenfalls Tiuȥ gemeint. Denn für diese Völker ist in
ältester Zeit der Himmelsgott der Höchste, so im uralten Semnonenwald,
so bei den nach dem Süden gewanderten Stämmen der Schwaben, Marcomannen
und Quaden. Bei den Hermunduren steht allerdings bereits Wodan neben
Tiuȥ. Widukind berichtet von einem um 530 bei Scheidungen an der
Unstrut befindlichen Göttermal, einer Säule, der _irminsûl_. _Hirmen
... Mars dicitur_, _Irmino ist Tiu_, sagt Widukind.[172] In Westfalen
auf dem _Eresberg_ war ein Heiligtum, ein Hain und ebenfalls eine
solche Irmensûl, welche Karl der Grosse 772 zerstörte. _Er_ ist Tiu
unter anderem Namen und die Irmensûl muss also auf den Himmelsgott
bezogen werden. Irmineswagen heisst freilich nach später Überlieferung
(Leibnitz ser. 1, 9) das Sternbild.
Schwieriger ist es, über den Stammvater der Istvaeonen ins Reine zu
kommen. Während Ingvaeonen und Erminonen sicher auf Tiuȥ ihr Geschlecht
zurückführen, während Namen mit Ingvio und Irmino zusammengesetzt noch
lange fortleben, ist Istvio verschollen. Unter den Istvaeonen sind
die Bewohner der Rheinlande gemeint. Da bei ihnen Wodan aufkam, liegt
es nahe, Abstammung von Wodan ihnen zuzuschreiben. Aber die Erwägung
hält kaum Stand. Die Lieder, in welchen die Völker gemeinsamer Abkunft
sich rühmen, reichen in graues Altertum. Die gemeinschaftlichen
Namen scheinen in der Römerzeit bereits in Auflösung begriffen, neue
Bundesgenossenschaften erstehen. Der Wodandienst, dem freilich in der
Römerzeit die Istvaeonen anhängen, ist für die den Liedern zu Grunde
liegenden Verhältnisse nicht notwendig vorauszusetzen, damals war er
vielleicht noch gar nicht vorhanden. Die drei Stammväter als Brüder
gedacht ordnen sich einer Einheit unter, die Westgermanen, obwol unter
sich in verschiedene Gruppen eingeteilt, fühlten wol dereinst ihre
Zusammengehörigkeit, wenigstens geht ein solcher Gedanke durch das
Gedicht, dem jene Sage entstammt, hindurch. Wenn zwei der einander
gleichgestellten Brüder auf den Himmelsgott weisen, wird auch der
Dritte keinem andern zuzuteilen sein. Tiuȥ, aus dem Himmel unter die
Menschen herabsteigend, ward der Vater der westgermanischen Hauptvölker.
„Die einzelnen Völkerschaften eines Stammes, wie eine grosse Familie
und Blutsverwandtschaft sich betrachtend, vereinigten sich jährlich
zu einer gemeinsamen Feier und erneuerten ihre Gemeinschaft bei einem
blutigen Opfer; den Gott sahen sie für ihren Vater und den Gründer
ihres Geschlechtes an, die Göttin für ihre Mutter, beide, da jener des
Himmels waltete, diese die Erde segnete, für ihre Ernährer, Herrscher
und Beschützer.“[173] Das Bundesheiligtum der Ingvaeonen war die
Nerthusinsel, das der Erminonen der Semnonenwald. Bei den Istvaeonen
waren vermutlich die Marser Pfleger des Heiligtums der Göttin Tanfana,
das Germanicus 14 n. Chr. zerstörte, wodurch auch Volk und Name der
Marser vernichtet wurden.
Der nordische Tyr[174] nennt sich den Sohn des Hymir, der ostwärts
über den stürmischen Wogen am Himmelsrande wohnt. Der Tag steigt im
Osten aus den Gewässern hervor. Loki rühmt sich, mit Tyrs Weib gebuhlt
zu haben; sonst wird nirgends mehr seine Gattin genannt. Die jüngere
Auffassung ordnet ihn als Sohn dem Odin unter. Snorre berichtet: „Tyr
ist überaus kühn und mutig, und hat die Hauptentscheidung über den
Sieg in den Schlachten. Daher ist es gut, wenn tapfere Männer ihn
anrufen. Eine gebräuchliche Redensart ist es, von jemand, der andere
an Mut übertrifft, zu sagen, er sei kühn wie Tyr. Damals hat er einen
Beweis seiner Unerschrockenheit und Tapferkeit gegeben, als die Asen
den Fenriswolf dazu bringen wollten, sich die Fessel Gleipnir anlegen
zu lassen. Der Wolf wollte ihnen nicht glauben, dass sie ihn wieder
lösen würden, und so mussten sie ihm als Pfand die Hand Tyrs in den
Rachen legen. Als nun die Asen ihn wirklich nicht befreien wollten,
biss er ihm die Hand ab an jener Stelle, die seitdem Wolfsglied (das
Handgelenk) heisst, und der Gott besitzt nun nur eine Hand. Er ist
auch so weise, dass man von einem besonders klugen Manne zu sagen
pflegt, er sei weise wie Tyr. Nicht aber kann man von ihm behaupten,
dass er sich es angelegen sein lässt, Frieden zwischen den Menschen zu
stiften.“ Beim Götterkampf stehen Tyr und der Höllenhund Garm einander
gegenüber und beide erleiden den Tod. Siegrunen soll man aufs Schwert
ritzen und dabei zweimal Tyrs Namen sprechen; der Schwertsegen wird
durch Tyr wirksam. Könige leiten ihr Geschlecht von Tyr ab.
Obwol des Tyr Macht im Norden stark beschränkt ist, treten doch noch
deutlich alle wesentlichen Eigenschaften des Tiuȥ zu Tage, im 6. Jahrh.
galt er ja nach Prokop noch als der höchste Gott bei den Skandinaviern,
damals war weder Thor noch Odin in Norwegen an seine Stelle gerückt.
Der alte Name des Himmelsgottes erhielt sich in Norwegen, in Schweden
wurde er Freyr genannt.
* * * * *
Auf den Tyrskult der nordischen Wikinger vom Hardangerfjord, die im 9.
Jahrh. in Irland heerten, christliche Kirchen und Klöster verbrannten
und die Diener des Christengottes töteten, lässt eine geistvolle, aber
kühne Vermutung Zimmers[175] schliessen. Die irische Sprache bezeichnet
das Thun und Treiben, die Heerfahrt der Wikinger mit dem Worte _dîberc_
(gespr. _dîwerc_). Aus dem irischen Wortschatz ist _dîberc_ nicht
zu erklären. Da viele nordische Wörter zur Zeit der Heerfahrten ins
Irische übergingen, kann auch _dîberc_ aus dem Nordischen entlehnt
sein. _Týverk_, Werke des Tyr, Werke des Kriegsgottes, nannten die
heidnischen Wikinger ihre Thaten, und die Iren machten daraus _dîberc_,
deren Wirkung sie ja genugsam verspürten und fürchteten. Bei den
Norwegern, die im 9. Jahrh. in Irland heerten, herrschte somit noch
Tyrsdienst vor, der später vor Thors und Freys Dienste zurücktrat.
* * * * *
Zur Erinnerung an die Schlacht bei Flodden in Northumbrien, in der 1513
die Schotten von den Engländern besiegt wurden, feierte man lange in
Hawick (Roxboroughshire) ein Volksfest mit Wettreiten. Als Kehrreim
eines dabei gesungenen Liedes begegnen die dem Volke unverständlichen
Worte „_Teer yebus, ye Teer ye Odin_.“ Sie sind zu deuten „_Týr hæb
us, ye Týr ye Odin_!“ Tyr habe uns, Tyr und Odin! Man kann darin einen
alten northumbrisehen Kampfruf vermuten, welcher in der späteren
Wikingerzeit aufkam. Denn die Götter sind in nordischer, nicht in
englischer Namensform angerufen.[176]
* * * * *
Alle Germanen haben den _dies Martis_ nach Tiuȥ benannt, nur die Baiern
haben eine andere Bezeichnung: _Ertag_, woran noch die heutige Mundart
festhält.[177] Spätere Formen sind _Eri-_, _Erch_-, _Erichtag_. J.
Grimm vermutet, dass in diesem Ertag ein anderer Name des Himmelsgottes
verborgen sei. Bedenklich ist nur, dass kein Genitiv, also Erestag wie
Wodans-Donars-Ziestag steht. Vielleicht darf der sächsische Eresberg
herangezogen werden. Merkwürdig sind einige Runennamen, ᛏ ist im Ags.
_tír_ Ruhm (ahd. _zêri_, _ziere_), im Nordischen aber Týr nach dem
Gotte benannt. Die Rune ᛠ mit dem Lautwert ea heisst im Ags. _ear_ und
_tir_, in deutschen Runenalphabeten begegnet entsprechend _aer_ und
_ziu_ für die Rune. Darf man daran die etwas kühne Vermutung knüpfen,
die deutschen Schreiber wurden an die zwei Namen des Himmelsgottes Er
und Ziu durch das ags. _ear_ und _tír_, nord. _Týr_ erinnert? Mogk
schliesst, _Er_, _Ear_ war ein Beiname des Himmelsgottes bei Sachsen
und Baiern, Ertag ist gleich Ziestag. Das Wort soll dem indischen
_arya_ verwandt sein, das im Sinne von freundlich im Rigveda den
Göttern beigelegt wird.
* * * * *
In der altsächsischen Abschwörungsformel vom Jahr 772 stehen die
Götternamen „_Thuner ende Wôden ende Saxnôte_“, denen der Täufling
entsagen soll. _Saxnôt_[178] ist jedenfalls einer der drei germanischen
Hauptgötter, also Tiu, weil er den zwei anderen gleich gestellt wird.
In der ostsächsischen Stammtafel begegnet _Saxnéat_ als Wodens Sohn.
Die dem späteren Wodankult ergebenen Sachsen des Festlands und in
Britannien ordneten den Tiu nachmals Woden unter, wie auch im Norden
Tyr Odins Sohn ist. Saxnôt war ein Beiname des Tiu unter den Sachsen.
Der Sinn des Namens ist klar: Schwertgenoss. Sax ist das Kurzschwert,
das Messer. Es fragt sich nur, wie entstand der dem schwertfrohen
Tiu durchaus passende Beiname. Der Volksname _Saxon_ erscheint wie
eine Kurzform zum vollen _Saxnôtas_. Schwertgenossen wie die ags.
_Sweordweras_ nannten sich die Stammesangehörigen, und den Tiu stellten
sie an die Spitze ihres Bundes, indem sie den Schwertgott auch als
ihren Schwertgenoss bezeichneten.[179] Der Gott nahm auch hier den
Namen von seinem Volk, nicht umgekehrt. Dass Tiu ursprünglich Saxnôt
hiess, wäre unbegreiflich, dass aber das Volk in Waffen so sich nannte,
versteht man leicht.
2. Spuren von Mythen.
Beim Himmelsgott stehen nach idg. Glauben die _Dioskuren_, die
ritterlichen Zwillinge, das reissige Brüderpaar, an die frühzeitig
reiche Sagen anknüpften, welche wir namentlich aus indischer und
griechischer Überlieferung kennen lernen. Vom Stamm der Nahanarvali
weiss Tacitus den Kult der Zwillinge zu berichten. Ein alter Hain mit
einem Priester, der das Haar nach Weiberart trägt, ist dem Dienst
einer Gottheit geweiht, deren Namen _Alkîȥ_ lautet, deren Wesen den
Dioskuren entspricht. Müllenhoff glaubt, das göttliche Brüderpaar in
der germanischen Heldensage mehrfach nachweisen zu können.[180]
Lassen sich überhaupt noch reicher entfaltete germanische Tiuȥsagen
erkennen? Wo unsere Quellen reichlicher fliessen, ist Tiuȥ bereits
stark verblasst und zurückgedrängt. Der mit ihm einst verbundene
Sagenkreis ist daher teils verschwunden, teils verändert. Sein Reich
und Weib, die Frija besitzt Wodan-Odin. Nur mit oft gewagten und
unsicheren Rückschlüssen gewinnen wir eine ungefähre Vorstellung
von den altgermanischen Tiuȥmythen, welche mit den indogermanischen
vermutlich auf gleicher Stufe standen.
Der Tag in Auf- und Niedergang mit allen dazu gehörigen Erscheinungen
ist Grundlage und Ausgangspunkt für viele Sagen vom Himmelsgott.
Die Hymnen des Rigveda, deren Dichter von lebendigem Naturgefühl
beseelt sind, zeigen, wie sich solche Mythen unmittelbar aus der
Naturerscheinung heraus entfalten. Sie dürfen darum als lehrreiches
Beispiel für derlei Vorgänge bei andern idg. Stämmen herangezogen
werden. Zwielicht, Morgenröte, Sonne, Tag sind der gläubigen und
poetischen Naturbetrachtung verschiedene Dinge, deren Zusammenwirken
wol erkannt, aber auch in verschiedenen bildlichen Gestaltungen
auseinandergehalten wird. Daraus lösen sich die Zwillinge, die _Açvins_
(d. h. die Ritter), die im Zwielicht erscheinen, die _Ushas_ (Ἠώς),
die holde Jungfrau, die rosige Morgenröte, _Sûryâ_, die Sonnengöttin,
mit der Morgenröte auch öfters eins gedacht; nach Zwielicht und
aufleuchtender Röte tritt der volle strahlende Tag, der hehre _Dyâus_
selber hervor, dem alle untergeordnet sind. Die Erscheinungen
beim anbrechenden Tage setzt die Einbildungskraft des Dichters in
mehrfache Beziehungen zu einander. Alle möglichen Sagen können daraus
entspringen. Am Abend wiederholt sich das Ereigniss. Da schwinden die
holden, freundlichen Lichtgötter dahin vor den unholden, feindseligen
und verhassten Mächten der Finsterniss. Die Sagen von Frija, wenn
wir sie wieder ihrem ersten und echten Gemahl, dem Tiuȥ zurückgeben,
gründen sich offenbar auf den uralten Tagesmythus. Sofern dem Tiuȥ, und
den Alkîȥ hiebei eine thätige Rolle zugewiesen ist, müssen sie hier
Erwähnung finden. Ihre ursprüngliche Fassung ist ebenso notwendig, um
die Gestalt des germanischen Himmelsgottes zu beleben, als auch zum
rechten Verständniss von Frijas Gesinnung und Handlungsweise, nachdem
sie Wodans Frau geworden. Doch darüber erst später.
Der ganze Zusammenhang der Vorstellungen von der Frija geht zurück
auf den Mythus einer Sonnengöttin, entsprechend der arischen Sûryâ.
Der Mythus dieser Göttin aber steht in engster Beziehung zu den
reichen, schätzebewahrenden Açvins. Als Götter der Morgenfrühe, des
Zwielichts, sind sie von allen Göttern zuerst zur Stelle, nehmen die
Morgenröte, die Sûryâ oder die Ushas, die Tochter des Sûryâ (Helios)
oder des Savitar, auf ihren Wagen, und führen sie als glückliche Freier
oder Brautwerber für Soma davon. Die Einholung der Braut auf dem
Wagen bildete einen Hauptteil der Hochzeitsfeier. Im Rigveda ist aber
ein doppeltes Verhältniss der reissigen Brüder zu Sûryâ angenommen:
des Sonnengottes holde Tochter hat sich selbst der Helden Schönheit
auserwählt und beide Jünglinge sich zu Gatten erkoren. Im grossen
Hochzeitshymnus aber halten die Açvins als Brautwerber für Soma bei
Savitar um dessen Tochter Sûryâ an und dieser lässt die von Herzen
zustimmende Braut ins Heim des Gatten führen. Der doppelte Mythus
entwickelte sich auch bei den andern Indogermanen. Die Naturerscheinung
bedingt die Ausbildung solcher Sagen. Die Götter des Zwielichts tauchen
zuerst aus der Nacht empor. Ihnen folgt die liebliche Morgenröte. Aber
auch der Tag- und Sonnengott kann in Liebesverhältniss zur Morgenröte
gedacht werden. Dann holen die Jünglinge die geschmückte Braut ein
und bringen sie dem Gott des Tages und der Sonne, der nun in seine
volle Herrschaft eintrat. Endlich können die zwei verschiedenen
Vorstellungen von den Dioskuren als Freiern oder Werbern zu einer
dritten verschmelzen: ausgesandt, um ihrem Vater die Braut heimzuholen,
entbrennen sie selber in Liebe zur leuchtenden Jungfrau und suchen
sie für sich zu behalten. Mit Geschmeide gewinnen sie die Gunst der
Göttin. Für diesen Frevel trifft sie des Himmelsherrn rächende Strafe.
Auf der schmuckfrohen Himmels- und Sonnengöttin, im Norden Frigg und
Freyja, Menglod (die des Halsbandes sich erfreuende), lastet freilich
der Vorwurf der Buhlerei oder ehelichen Untreue. Um das Geschmeide zu
gewinnen, gab sich die Göttin denen hin, die es geschmiedet. Um die
unverständlich gewordenen und versprengten Trümmer wieder zu einem
Ganzen zusammen zu fügen, erklärt Müllenhoff ein Stück deutscher
Heldensage für ursprünglichen Göttermythus, die Sagen vom Gotenkönig
Ermanrîk sollen zum Teil einst dem Himmelsgott, dem „_Irmintiu_“ gehört
haben. Eine Vereinigung der nordischen Geschichte von Svanhild und
ihren Brüdern mit der deutschen Sage von den zwei Harlungen Ambrico
und Frîdila, in denen die Zeussöhne, die Dioskuren stecken sollen,
wird den Mythus ergeben: Die schatzreichen +Harlunge+ führen die
Sonnenjungfrau ihrem Vater „Irmintiu“ zu. Sie werden beschuldigt,
selber nach der Braut getrachtet zu haben. Darum lässt der Himmelsgott
sie ergreifen und aufhängen. Ihren Reichtum, das Harlungengold,
nimmt er an sich. Dieser von Müllenhoff und Roediger geistvoll aus
der Heldensage erschlossene Göttermythus entbehrt völliger und
überzeugender Begründung, ebenso die weiteren daran geknüpften
Folgerungen, auf deren Vorführung wir verzichten.
Ein anderer von Müllenhoff auf ähnliche kühne Weise aufgebauter Mythus
zeigt die Dioskuren als ein Brüderpaar, die +Hartunge+; Hartnît, der
ältere erstreitet gegen ein riesisches, winterliches Geschlecht, die
Isunge, ein schönes göttliches Weib. In seiner goldglänzenden Rüstung
verfällt er später einem Drachen, der ihn verschlingt. Der jüngere
Hartung, Harthere erschlägt dann den Drachen, legt die Rüstung und
Waffen Hartnîts an, bändigt und besteigt sein Ross, und wird darauf von
der trauernden Wittwe an des Bruders Statt als Gemahl angenommen. Auch
sonst noch sollen die lichtspendenden, streitbaren, rossebändigenden
Jünglinge in Brüderparen der Heldensage wiederkehren.
Wenn der nordische Tyr es mit dem Wolfe zu thun hat und am Ende der
Tage mit dem Höllenhunde kämpft, mag vielleicht eine alte mythische
Vorstellung hierin nachklingen. Mit einem Wolf, dem Ungeheuer der
Finsterniss, kämpfen die Açvins und der griechische Sonnengott Apollo,
der ja sogar den Beinamen Wolfstöter (λυκοκτόνος) führt.
Über Vermutungen gelangt der Versuch, germanische Tiuzsagen wieder
herzustellen, nicht hinaus. Sehr gewagt scheint es, Sagenzüge, die
längst alle Beziehung und allen Zusammenhang verloren, wieder an den
Himmelsgott anzuknüpfen. Denn keine Gewähr ist vorhanden, dass diese
Stoffe einst wirklich, nicht nur in unserer Einbildung, zu Tiuz und den
Alkîȥ gehört haben. Nur eine einzige Sage, wie der Himmelsgott sein
Weib errang, hat sich in lebendiger Darstellung erhalten, doch auch in
bestimmter Beziehung zum schwedischen Freyr. Unter seinem Namen soll
sie mitgeteilt werden.
II. Freyr.
1. Des Gottes Art und sein Kult.
Auf einer Insel der Nordsee, in heiligem Hain erhub sich das
Stammesheiligtum der Ingvaeonen. Dort befand sich ein mit Teppichen
verhängter Wagen, dem nur der Priester nahen durfte. Zu gewisser Zeit
wurde die Gottheit _Nerþus_ auf einem mit Kühen bespannten Wagen unter
dem Geleit des Priesters umhergeführt. Wohin der Umzug kam, überall
herrschte Friede und Festesfreude. Bei der Rückkehr ins Heiligtum
wurde die Gottheit im See gebadet; die dienenden Knechte wurden
ertränkt, damit kein frevles Auge das Geheimniss erschaue.[181] Was
hier von einer Göttin _Nerþus_ erzählt wird, stimmt auffallend zu
dem, was nordische Quellen von Njord und seinem Sohn Freyr[182], die
in Schweden verehrt wurden, berichten. An ihren Namen knüpft die
goldene Friedenszeit, das glückliche Zeitalter des Nordens, hier wie
dort wird die Friede spendende Gottheit auf einem Wagen unter dem
Volk umhergeführt. _Njǫrþr_, aus *_nerþuȥ_ entstanden, ist lautlich
gleich _Nerthus_, wie die besten Tacitushandschriften bieten. Nur ist
im Norden ein Gott, bei Tacitus eine Göttin mit dem Namen belegt. Die
urgermanischen u-Stämme lauten im Fem. und Masc. gleich, also ist jede
der beiden Verwendungen sprachlich möglich. Das gemeingermanische
Wort _nertu_, ‚guter Wille‘, wurde als Eigenschaftsbenennung auf
Personen übertragen, _nerþuȥ_ meint die wolthätige, holde Gottheit und
kann ebenso einem Gott wie einer Göttin zuerteilt werden.[183] Bei
Tacitus ist wol von der vielnamigen und vielgestaltigen Hauptgöttin
der Germanen, von der mütterlichen Erde die Rede, die dem Himmelsgott
als Gattin und Schwester gesellt war. Zieht die holde Göttin durch
die Fluren, so geleitet sie als Vertreter des Gottes der Priester;
wenn der Gott umfährt, steht ihm die Priesterin zur Seite, wie bei
Freyr in Schweden. Beiwörter der Gottheit wandelten sich im Norden
zu Eigennamen. Njord und Freyr, einst der holde (_nerþuȥ_) und der
herrschende oder der frohe (_fraujaȥ_) Himmelsgott, sind als Vater und
Sohn gedacht, aber im Grunde ihres Wesens einander völlig gleich. Mit
seiner Schwester erzeugt Njord den Freyr.
Mit Freyr und Njord[184] hat es im nordischen Götterkreis besondere
Bewandtniss. Einstimmig nennen alle Zeugnisse Schweden als die Heimat
des Freysdienstes. Von dort wurde er frühzeitig nach Norwegen, nach
Drontheim verpflanzt, jedenfalls vor dem 9. Jahrhundert, denn die
Norweger fahren von 876 ab unter Thors und Freys Schutz nach Island.
In den Liedern und in Snorris Edda heissen Njord, Freyr und Freyja
Wanen, _vanir_[185] im Gegensatz zu den Asen. Die Wanen sind ein
glänzendes, lichtes Geschlecht[186], die mit Jahressegen, Frieden
und Reichtum zu schaffen haben, in Wesen und Benennung von den
kriegerischen Asen unterschieden. Auch Herkunft und Heimat trennt Wanen
und Asen, obwol sie sich später in der Vorstellung nordischer Dichtung
vereinigten. In die Urzeit verlegt die Sage einen Krieg zwischen Asen
und Wanen.
Vǫl. 21. Ich weiss als ersten der Weltenkriege,
als Gullweig sie mit Geeren stiessen
und sie in Hawis Halle verbrannten,
dreimal verbrannten die dreimal geborne,
oft und häufig, doch immer noch lebt sie.
Vǫl. 22. Heid hiess man sie, wo ins Haus sie kam,
die sinnvolle Zaub’rin mit dem Sehergeist;
hirnverrückende Hexenkunst trieb sie,
leidiger Weiber Lust war sie stets.
Vǫl. 23. Da gingen zu Sitze die Götter alle,
die heiligen Herrscher, und hielten Rat:
ob Zins die Asen zahlen sollten
oder alle Götter die Opfer geniessen.
Vǫl. 24. Den Schaft hatte Odin geschleudert ins Heer
-- das auch geschah im ersten Weltkrieg --
da brach der Wall in der Burg der Asen,
die streitbaren Wanen zerstampften das Feld.
In Gullweig, der Goldigen, darf man vielleicht eine Wanin, die Freyja
vermuten. Als die glänzende Frau aus der Schar der Wanen unter den
Asen erschien, an deren Spitze Odin, der Herr der Gespenster, der
Kriegsfürst, der wilde Jäger stand, wurde sie misshandelt. Die Früchte
des Friedens und gedeihlichen Handels, das erworbene Gold fallen als
Raubbeute dem Krieger zu. Der Reichtum, den die milden Götter der
Sommerwonne und des Sonnenglanzes spenden, reizt zu Heerfahrt und
Beutezug. So wird das Gold Ursache des Krieges, Krieger, Bauer und
Kaufmann, Asen und Wanen geraten an einander. Siegreich behaupteten
die Wanen das Feld. Nun berieten die Asen über den Frieden, ob sie den
von den Wanen geforderten Zins erlegen oder ob sie ihnen ihr zweites
Verlangen zugestehen sollten, gleichberechtigt mit den Asen Opfer zu
empfangen. Und so wurde beschlossen. Denn wirklich erscheinen die Wanen
im Kreise der Asen und stehen ihnen an Ehren nicht nach. Ergänzend
berichtet die Ynglingasaga Kap 4: Odin fuhr mit einem Heer gegen die
Wanen, die aber verteidigten ihr Land und waren mehrmals siegreich.
Nachdem beide Teile in längerem Kriege einander Schaden angethan
hatten, kam es zur Versöhnung, Friede wurde geschlossen, Geiseln wurden
gestellt. Die Wanen gaben ihre besten Leute, den reichen Njord und
seinen Sohn Freyr, die Asen dagegen den Hoenir, einen stattlichen und
schönen Mann, doch beschränkten Sinnes, weshalb ihn der weise Mimir als
Beirat begleitete. Den Njord und Freyr setzte Odin zu Opferpriestern
ein. Freyja Njords Tochter war Priesterin, sie übte zuerst unter
den Asen Zauberei (_seiđ_), wie sie bei den Wanen üblich war. Nach
Wanenbrauch, der bei den Asen verboten war, hatte Njord seine Schwester
zur Frau. Ein deutlicher Gegensatz zwischen den kriegerischen,
geistesmächtigen Asen, die im Besitz höherer sittlicher Anschauung sich
befinden, und den vielfach noch im Naturzustand verharrenden Wanen
tritt auch hier zu Tage. Freyja als Zaubrerin fällt offenbar mit der
zauberkundigen Hexe Gullweig zusammen. Den Asen ist ihr Wesen neu und
fremdartig. Nur weiss Snorri nichts von vorhergehender Gewaltthat in
Odins Halle, welche nach der Vǫlospǫ́ den Krieg verursacht hatte.