nordischen Mythologie eine besondere Götterschaar heisst, wird im
Abschnitt Freys berichtet. Merkwürdig ist die in nordischen Quellen
übliche Bezeichnung _hǫpt ok bǫnd_, Hafte und Bande, für die Götter.
Mit Haften und Banden (ahd. _haptbandun_) können nur Fesseln gemeint
sein. Warum aber sind die Götter Fesseln? Vielleicht weil sie allen
Übermut, der die sittliche und natürliche Weltordnung bedroht, sei
es von Seiten der Menschen oder Riesen, in Fesseln schlagen und
niederhalten. Aus Ehrfurcht vor dem Allwalter betraten die Semnonen den
heiligen Hain nur gefesselt (_vinculo ligati_). Derselbe Gedanke mag
den Namen der „fesselnden“ Götter hervorgerufen haben, der die Semnonen
zur freiwilligen Fesselung vor dem Gotte veranlasste. Würde die
Fessel, die dem Übermut von höheren Mächten angelegt ist, gesprengt,
so müssten alle Bande sich lösen, die Welt geht aus den Fugen. Der
Teufel ist gefesselt, kommt er los, so geht die Welt unter. So sind
die zwingenden, hemmenden Fesseln zugleich die haltenden Bande und
Hafte der bestehenden Weltordnung, das Gesetz, das sie erhält. Neben
dem Neutrum _vé_, Heiligtum, steht im Nordischen das schwache Adj.
_vé_, gen. _véa_, der Heilige, wie etwa ahd. der _wîho_, sanctus, neben
_wîh_, templum. Im Singular begegnet _vé_ nur als Eigenname, Odins
Bruder heisst der Heilige (Lokas. 26), im Hymirlied 40 steht aber der
Plural _véar_, die heiligen Götter. Diese Bezeichnung ist schwerlich
altheidnisch.
* * * * *
An Gestalt und Aussehen gleichen die Götter den Menschen. Eine ideale
Menschengestalt schwebt dem Gottesbegriffe vor. Daher mag es vorkommen,
dass wol gestalte und reich gekleidete Männer vom erstaunten Volk
geradezu für Asen angesehen werden. So heisst es in der Landnáma 3 Kap.
10 von den Söhnen des Hjalti: wie sie zum Ding kamen, waren sie so wol
angethan, dass die Leute meinten, die Asen seien gekommen; und in der
Vǫlsungasaga Kap. 26 meint einer von den Leuten des Gjuki, da er den
Sigurd anreiten sieht, einer der Götter fahre daher. Die schöne lichte
Farbe wird bei Heimdall, Baldr und bei der Idun, der weissarmigen
(Lokasenna 17) hervorgehoben, Sif Thors Frau trägt herrliches Goldhaar,
im Übrigen aber erhalten wir keine besondern Einzelschilderungen. Unter
den Göttern sind ältere und jüngere gedacht. Odin ist ein älterer,
bärtiger Mann, doch keineswegs gebrechlich, greisenhaft, vielmehr
stattlich und ehrfurchtgebietend im Waffenschmuck, wie ein bejahrter,
vielerfahrener, aber noch rüstiger und waffenfähiger Volkskönig, Thor
ist eine blühende Mannesgestalt mit rotem Bart, Baldr ein strahlender,
jugendschöner Held. Nach der Geburt wachsen die Göttersöhne oft
wunderschnell zu grosser Kraft hervor, eine Nacht alt macht sich
Wali Odins Sohn zur Rache Baldrs auf, drei Nächte alt befreit Magni
Thors Sohn den Vater von der ungeheuren Last des über ihn gestürzten
Hrungnir. Es finden sich Spuren, dass die Götter besondere Nahrung
genossen. Zwar halten sie Biergelage und Thor isst gierig Lachse
und Ochsenbraten, die wandernden Asen sieden Ochsenfleisch. Aber
andererseits bedarf Odin keiner Kost, mit seinem Teil von Eberfleisch,
das den Einherjern in Walhall vorgesetzt wird, füttert er seine Wölfe,
er selber lebt allein von Wein. Idun verwahrt Äpfel, durch deren
Genuss die alternden Götter sich verjüngen. Odrerir, der begeisternde
Dichtertrank, ist vielleicht ursprünglich ein Verjüngungstrank, der das
Altern verhindert.[151]
Es liegt im lebenskräftigen Götterglauben begründet, dass der Gott
ein höheres, längeres Leben führt als der Mensch. Unsterblichkeit
und Ewigkeit im Vergleich zum kurzlebigen Menschen gebührt dem Gott.
Tiefere Denker mögen allmälig auch das Göttliche als endlich erkennen.
So sind die griechischen Götter ewig, aber neben dieser vorherrschenden
Betrachtung taucht auch der Gedanke an ihren Untergang auf. Über die
Sterblichkeit oder Unsterblichkeit der germanischen Götter wissen wir
nichts; denn die nordischen Verhältnisse dürfen nicht verallgemeinert
werden. In der nordischen Göttersage freilich sind fast alle Götter dem
Waltode geweiht, zuerst wird Baldr getötet, am Weltende aber erwartet
die Walhallgötter der Schlachttod. Da der Untergang der nordischen
Götter mit dem Weltuntergang zusammenhängt, letzterer aber ungermanisch
ist, dürfen wol auch die germanischen Götter wie die griechischen und
indogermanischen ewig gedacht werden.
Die germanischen Götter erscheinen reitend oder gehend, nur Thor
fährt auf seinem mit zwei Böcken bespannten Wagen. Darum werden
Namen verschiedener Götterpferde aufgezählt. Selbst göttliche Frauen
bedienen sich, den Walküren gleich, der Rosse. Bei den Menschen aber
werden Gottheiten feierlich im Wagen umhergeführt, wie die Nerthus
und Freyr in Schweden. Altertümlicher ist gewiss das Wagengespann;
die berittenen Götter entstammen wiederum deutlich der germanischen
Heldenzeit, die Kämpfe werden zu Fuss oder zu Ross, nur äusserst
selten und schwerlich auf echt heimischer Sage begründet zu Wagen wie
z. B. in der Brawallaschlacht ausgefochten. Wenn die Götter ausreiten
oder ausfahren, so erbebt die Erde. Aus den Mähnen und vom Gebiss
der Götterrosse träufelt befruchtender Thau aufs Gefilde herab. Die
Götter reiten und fahren durch die Lüfte und auf dem Wasser, wie auf
dem Lande. Wenn sich die Götter, meist in unscheinbarer Gestalt,
unter die Menschen mischten, so erschienen und verschwanden sie
plötzlich. Fürs Verschwinden gebraucht die nordische Sprache das Wort
_hverfan_, _Óþinn hvarf þá_, Odin verschwand da, heisst es am Schlusse
des Grimnirliedes. Vermutlich galt überhaupt das gemeingermanische
Zeitwort _hweru̯an_ hiefür. Die Verwandlungsfähigkeit haben die
Götter mit allen überirdischen Wesen gemeinsam, jedoch machen sie
verhältnissmässig selten und dann mehr in zauberischer Weise davon
Gebrauch. Die Götter werden im allgemeinen als heiter, wolgemut
(_teitr_, _glađr_) und mild (_blíđr_, _sváss_, _hollr_) geschildert.
Sie sind dem Menschen gnädig gesinnt. Dem Thor lacht vor Freude das
Herz in der Brust (_hló hugr í brjósti_), aber sein Zorn bricht oft
auch furchtbar hervor. Wenn er unwillig zürnt, lässt er die Brauen
über die Augen sinken, macht finstere Brauen und schüttelt den Bart.
Für Odin ist neben aller Heldenschaft doch auch Tücke und Hinterlist
Freund und Feind gegenüber bezeichnend. Das Leben der Götter verläuft
wie das der Menschen. Sie befragen das Loos, führen Kriege, halten
festliche Gelage, üben sich in den Waffen, halten Gericht, ergötzen
sich am Brettspiel und lassen sich in Liebeshändel ein. Verzehrende
Sehnsucht erfasst Freys Gemüt; Odin ist in allen Liebesränken wol
erfahren. Die Götter haben auch Gefolgsleute und Diener. Skirnir ist
Freys Schuhknecht, Fulla der Frigg Kammermagd. Über die Macht der
Götter treffen wir abweichende Anschauungen. Sie sind die Lenker des
Schicksals, das ja _metodo_ und _regano giskapu_ ist, andererseits
ist aber auch das Schicksal unabhängig und selbständig gedacht
(_wurdgiskapu_). In der nordischen Sage sind die Götter dem Verhängniss
unterworfen. Die germanischen Götter und Wurd verhalten sich wol
ähnlich zu einander wie die griechischen und die Moira. Das Schicksal
gilt bald als Willensäusserung der Götter, bald steht es selbständig
neben, ja über den Göttern. _Regnator omnium_, Allwalter, war der
Semnonengott, die Bezeichnung lässt unumschränkte Allmacht vermuten.
Die den Göttern zugemessene Macht sehen wir so geteilt, dass einer an
der Spitze der übrigen steht, denen besondere Ämter und Verrichtungen
zugewiesen sind. Die Rangverhältnisse der Götter waren aber keineswegs
gleichmässig geordnet, gerade hier treten bedeutende Unterschiede im
Laufe der Jahrhunderte und bei den einzelnen Völkerschaften hervor,
indem der Vorrang unter den Göttern wechselte, bald bei Tiuȥ, bald
bei Wodan, bald bei Freyr, bald bei Thor stand. Mithin ist auch die
Anzahl der germanischen Götter keine fest bestimmte, sondern eine ewig
wechselvolle. Für die älteste Zeit erkennen wir drei Hauptgötter, deren
Verehrung bei den meisten Stämmen sehr wahrscheinlich ist. Wieviele
Götter aber die einzelnen Stämme daneben verehrten, lässt sich nicht
feststellen. Die Zwölfzahl der Götter spielt weder im deutschen, noch
im nordischen Glauben eine Rolle. Zuerst gedenkt ihrer das Hyndlalied
30:
Elf noch lebten vom Asenstamme,
Als Baldrs Leiche auf den Brandstoss sank.
Die Stelle steht in dem Abschnitt, der als kurze Woluspa (Vǫlospǫ́
en skamma) bezeichnet wird und wol erst der zweiten Hälfte des
12. Jahrhunderts zugehört.[152] Die Zwölfzahl entstammt gelehrter
Nachahmung des antiken Götterkreises. Sie wird von Snorri Sturluson
in der Ynglingasaga Kap. 2 u. 7 und in der Gylfaginning Kap. 20 (SE.
1, 82) wiederholt, ist aber so wenig begründet, dass die Anzahl der
wirklich bezeugten Asen damit gar nicht übereinstimmt. Wir haben es
sicher mit einem späten gelehrten Versuche des 12./13. Jahrhunderts zu
thun, der keine weitere Beachtung verdient.
Die Wohnstätte der Götter ist im lichten Himmel oder auf hohen Bergen
gedacht, die in den Himmel hinein ragen und weite Überschau gewähren.
_Ásgarđr_, _gođheimr_ (Götterheim), _heilakt land_ (heiliges Land),
_ragna sjǫt_ (Göttersitz), _hodd gođa_ (Götterbezirk) lauten die
Bezeichnungen bei den nordischen Dichtern. Auf den Himmel weisen
unmittelbar die Namen _uppheimr_, _upplǫnd_, wie in mhd. Gedichten der
Himmel _oberland_ heisst, wo die _uppregin_ hausen. _Tiuȥ_ und die
_tívar_ gehören schon des Namens halber in den Himmel. Wodan, Odin und
Freyr schauen vom himmlischen Hochsitz aus auf die Welt herab. Von den
Namen der Götterwohnungen, welche das Grimnirlied aufzählt, bezeichnen
einige den weiten glänzenden Himmel (_Breidablik_, _Glitnir_,
_Bilskirnir_). Auf himmelhoch ragendes Gebirg deutet Heimdalls Wohnsitz
_Himinbjorg_. Die Götterberge brauchen nicht immer als Kultstätten,
sie können auch als Wohnsitz gedacht sein. Nach der SE. liegt Asgard
inmitten der Erde, wol als hochragender Götterberg, dessen Gipfel durch
die Wolkendecke in ewig heitere Klarheit ragt. Auch der Göttersitz
Olymp ist Berg und Himmelsraum zugleich.
Die einzelnen Götter.
I. Tiuȥ.
1. Des Gottes Art und sein Kult.
Der idg. _Diēus_, der Gott des strahlenden Himmels und Tages, wurde
auch bei den Germanen verehrt. In den ältesten Zeiten, von denen die
Geschichtsquellen spärliche Kunde gewähren, war +Tiuȥ+ noch Erster
der Götter.[153] Die Mythen vom indogermanischen Himmelsgotte lassen
noch deutlich die Naturerscheinung als Hintergrund der Sagenbildung
erkennen. Mit Friede und Fruchtbarkeit segnet der Himmel die Erde.
Einige Sagen und der Kult, den die Schweden noch lange Zeit dem Gotte
widmeten, zeigen auch den germanischen Gott in seiner natürlichen
Wirksamkeit. Sofern er nicht davon losgelöst wurde, darf sein Wesen
auch aus der zu Grunde liegenden Vorstellung gedeutet werden. Daneben
entwickelte sich aber eine völlig neue Seite seiner Thätigkeit,
welche bei den meisten Stämmen fast einzig überwog. Nachdem Kampf und
Kriegsfahrt zur ersten und wichtigsten Lebensaufgabe der Germanen
geworden war, wandelte sich die leuchtende, in erhabener Ruhe über
den Wolken in lichten Himmelshöhen thronende Gestalt des idg.
Göttervaters zum schwertfrohen Helden. Denn sein eigen Ebenbild in
höchster Vollkommenheit malt sich ein Volk in seinem Gotte aus. Der
Gott steht in Beziehung zur Hauptbeschäftigung seines Volkes, er lenkt
das Schicksal, das Los der Schlachten. Tiuȥ, wurde zum Kriegsgott.
In dieser Eigenschaft lernten ihn die Römer kennen, welche ihn als
_Mars_ umschrieben. Bei den Tencterern[154] ist er der vornehmste
der Götter. Auch die Rheinländer, die im ersten Jahrhundert n. Chr.
bereits dem Wodan sich zuwandten, brachten doch auch dem Tiuȥ besondere
Tiere, wahrscheinlich Pferde zum Opfer.[155] Am feierlichsten wurde
dem allwaltenden herrschenden Gott, dem alles gehorcht, bei den
Semnonen[156], dem ältesten und edelsten Stamme des Suebenvolkes
gedient. Ein Hain von uralten heiligen Schauern durchweht war ihm
geweiht. Nur mit Fesseln durfte man den Wald betreten, wer fiel, durfte
nicht aufstehen, sondern musste sich hinauswälzen. Der schrecklichen,
strafenden und rächenden Gewalt des Gottes, der Herr über Leib und
Leben ist, dessen heilige Rechte niemand verletzen darf, geschieht mit
diesem Brauch, durch welchen jeder wie ein Opfer hilflos in des Gottes
Hand sich stellt, volle Genugthuung. Es ist ein Bundesheiligtum, das
zu bestimmter Zeit von den einzelnen verbündeten Stämmen beschickt
wird, um dem Gotte ein feierliches Menschenopfer darzubringen. Der
Glaube verlegt den Ursprung des Volkes dorthin. Die Semnonen und durch
sie auch ihre Stammverwandten betrachteten sich demnach offenbar
als Abkömmlinge des Allwaltenden. Im Kriege, den Hermunduren und
Chatten[157] um den Besitz der heiligen Salzquellen führten, opferten
die Sieger dem Tiuȥ und Wodan alle Männer und Pferde des feindlichen
Heeres. Bei den Norwegern galt im 6. Jahrhundert das Menschenopfer
als Höchstes; den ersten Kriegsgefangenen gaben sie dem Tiuȥ, den
sie damals noch für den vornehmsten der Götter hielten[158]. Auch
die Goten weihten dem Tiuȥ, dem Lenker der Schlachten, der blutige
Opfer forderte, das Leben der Gefangenen, dem Gotte gehörten die
ersten Beutestücke, an den Baumstämmen seines Haines wurden die
eroberten Waffen aufgehängt.[159] Abzeichen des Kriegsgottes war das
Schwert, bei dem die Quaden wie beim Gotte selber Eide schwuren.[160]
Vielleicht ist die Sage vom Marsschwert, worin Attila das Zeichen der
Weltherrschaft sah, gotischen Ursprungs.[161] Denn gotische Lieder
erzählten von Attila, als wäre er ein germanischer Heerkönig gewesen.
Man würde begreifen, dass des Tiuȥ Schwert dem Menschen, der es als
des Gottes erkorener Liebling führte, steten Sieg und gewaltige Macht
verlieh. Nach Tacitus tanzten Jünglinge kunstvoll zwischen Schwertern
und feindlich drohenden Speeren. Als Brauch der Zünfte hat sich der
Schwerttanz bis ins späte Mittelalter herab erhalten. Die Tänzer
führten kunstreiche Fechterschläge aus, ahmten den Schwertkampf nach
und bildeten aus den zusammengehaltenen Klingen mannigfache Figuren.
Der Tanz verlangte Übung und Gewandtheit.[162] Die Beziehung des Tiuȥ
zum Schwert lässt vermuten, dass dieses Heldenspiel ihm zu Ehren
geschah. Die weissen Rosse, die auf Staatskosten in Hainen gehegt, nur
zum Dienste der Gottheit, nie zu dem der Menschen gebraucht werden,
aus deren Wiehern Priester und König oder Fürst weissagen, waren wol
Eigentum des Himmelsgottes.[163] Wenigstens haben die im Norden aus
Tiuȥ abgezweigten Götter Freyr, Baldr, Heimdall besondere Rosse.
Wahrscheinlich gehörten schon dem Tiuȥ Schwert, Goldhelm und Ross, er
war gerüstet wie ein Königsheld. Dem Hufe des göttlichen Rosses war
vielleicht einst die Wunderkraft zu eigen, Quellen zu öffnen, ein Zug,
der in vielen späteren Sagen und Legenden vorkommt.[164]
Dass die Friesen dem Tiuȥ dienten, wird durch einen inschriftlichen
Fund, aus dem man aber nicht zu viel herauslesen darf, bestätigt.[165]
Der unter Severus Alexander am Hadrianswall in Britannien stehende
friesische Keil (_cuneus Frisiorum_) war aus germanischen Söldnern
gebildet, die vorwiegend aus den friesischen Ländern stammten.
Leute aus Twenthe setzten dem _Mars Thingsus_ einen Weihstein. Die
germanische Form des Beiwortes ist etwa _þingsaȥ_ und stellt sich
natürlich als Ableitung zu _þing_. Die Grundbedeutung des Wortes
ist Versammlung, besonders Gerichtsversammlung, ferner Ort und Zeit
derselben. Unter Thingleuten sind aber auch die Angehörigen eines
Verbandes verstanden; _þingmanna liđ_, der Thingleute Schar, heissen
die von den anglischen und dänischen Königen in England im 11.
Jahrhundert zur Landesverteidigung gehaltenen Mietstruppen. Soll mit
dem Beiwort Tiuȥ in seiner Eigenschaft als Gott der Gerichtsversammlung
bezeichnet werden, „als Befehlshaber und Praesident des in Heer und
Thing versammelten Volkes“ (Scherer)? Römische Truppenteile weihten
ihren Schutzgöttern Inschriften, den _genii legionis_, _cohortis_,
_alae_, _vexillariorum_. Diesen Brauch ahmten die Tuihanten offenbar
nach und setzten dem Mars ihrer Truppe einen Stein. Der Mars ihres
Verbandes war aber nicht der römische Gott, sondern der ihres Volkes.
Den heimischen Glauben behielten die Germanen in römischen Diensten
bei. Der Mars, _der die friesische Truppe beschützt_, -- nichts
anderes will das Beiwort besagen -- ist damit deutlich vom römischen
unterschieden und nach der üblichen interpretatio romana wol als der
germanische Tiuȥ zu betrachten. In der Heimat und in der Fremde, an
der Dingstätte und im Lager wurde der waltende Tiuȥ von den Friesen
angerufen.
Am Ende des 8. Jahrhunderts taucht die Benennung _Cyuuari-Suâpa_
auf.[166] Als _Ziuleute_ sollen sich die Schwaben, die Abkömmlinge
der Semnonen, bezeichnet haben. Ihr Hauptsitz Augsburg hiess auch
_Ciesburc_, Burg des Ziu. Die Möglichkeit ist nicht abzuleugnen, dass
dasjenige Volk, dem einst das erminonische Heiligtum gehörte, das vor
den übrigen dem Himmelsgott als dem Vater des Stammes zunächst stand,
am längsten seinem Dienste treu blieb und in der neuen Heimat einen
Ziutempel unterhielt. Neuerdings wird aber die Echtheit der Nachricht
angefochten. Im karolingischen Zeitalter entstand eine fabelhafte
Chronik von Augsburg. Die Stadt ist eine Gründung der Schwaben, die
lang vor den Römern da gesessen haben sollen. Das Römerheer, die
_legio Martia_, erlitt eine schwere Niederlage bei Augsburg. Ziesburg
scheint in Anlehnung an Eresburg ersonnen: während Karl die Eresburg
bezwang, brach sich die römische Macht an der Ziesburg. Dem Augsburger
war für _dies Martis_ der schwäbische Ziestag und der bairische Ertag
geläufig, so mochte er sich das Verhältniss _Ertag_, _Eresburg_:
_Ziestag_, _Ziesburg_ ausdenken. Als Bewohner der von der legio Martis
belagerten Stadt ergaben sich dem gelehrten Chronisten _Marticolae
Ziuuari_. Vielleicht ist dieser Ausdruck jedoch überhaupt gar nicht
über die Wessobrunner Handschrift hinausgelangt, wo er aus „Recyuuari“
Riesser, Bewohner des Riess, verschrieben zu sein scheint. Mindestens
ist der „hieratische“ Namen der Schwaben und der ihrer „Ziuburg“ mit
Vorsicht aufzunehmen, weil er vielleicht nur durch Schreiberirrtum und
gelehrte Fabelei im Ausgang des 8. Jahrhunderts zu Stande kam und mit
der Heidenzeit und dem echten Götterglauben der einst dem Tiuȥkult
zugethanen Semnonen-Sueben nichts mehr zu schaffen hat.