Gemeint ist der im Hochgebirg heulende, tosende Sturm. Glockebôȥ

(ebenda 864 ff.), der Glockenschläger, ist der Sturmwind, der die

Glocken in Schwingung versetzt, und zu ihm steht Klingelbolt (870

ff.). Vielleicht kommt in diesen Namen auch der Hass der Riesen gegen

Glockenschall zum Ausdruck.

Von _Kári_ d. h. der windbewegten Luft[134] stammen Eis und Schnee,

_Vindsvatr_ ist des Winters Vater. Die winterlichen Mächte sind mithin

die Kinder der Winterstürme, die Winterriesen dürfen den Windriesen

zugezählt werden. Die nordischen Gedichte nennen uns _hrímþursar_,

Reifriesen[135]; mit _hrím_ sind mehrere Riesennamen zusammengesetzt

wie Hrimnir, Hrimgrimnir, Hrimgerd. Ymir-Örgelmir ist der Ahnherr der

Reifriesen, er ging aus den chaotischen Eis- und Reifmassen hervor, die

winterliche Kälte wird in diesen Riesengestalten persönlich.

5. Berg- und Waldriesen.

Die Volkssage vergleicht Berge mit Riesenleibern oder sie bevölkert

die Bergwelt mit Riesen. Im Norden heissen die Jotunen Berg-,

Fels-, Stein-, Lavabauern oder Höhlenbewohner.[136] Das unwirtliche

Hochgebirge und die Klippen sind die Heimat des Riesenvolkes, von dort

her machen sie ihre verderblichen Einfälle in das von Menschen bebaute

Land; wer in die wilde Einöde wandert, begibt sich ins Gebiet und in

die Macht der furchtbaren Unholde. Ein schöner stattlicher Bergkönig

Norwegens, von dem die Kjalnesinga saga Kap. Nr. 12/4 berichtet, ist

_Dofri_, der Gebieter des Dovregebirges, der drinnen in prächtigen

Räumen mit vielem Volke wohnt; der Eingang lag unter einem Gipfel in

einem Felsen. Er war nicht unfreundlich. Mit seiner schönen Tochter

Frid lebte Bui, der Sohn des Königs Harald Harfagri von Jul bis

Sommersanfang in Liebe zusammen. Ihrem Sohne Jokull war die Bergriesin

Gnípa (d. h. Berggipfel) weniger hold gesinnt.

Bergbewohnende Riesen sind die 12 Riesen im Nibelungenlied, die

Schilbung und Nibelung dienen, und im Hürnen Seyfrid der Riese

_Kuperan_, welcher den Schlüssel zum Drachenstein in Bewahrung hat.

_Hyndla_, die Höhlenbewohnerin, ist eine Riesin, die auf dem Wolfe,

dem Reittier der Unholdinnen, ausreitet. Sie heisst als Riesin _brúþr

jǫtons_ (51) und _íviþja_ (49), d. h. Waldriesin. Einem Riesenweibe

(_gýgr_), die im Steine wohnt, begegnen wir im Lied von Brynhilds

Todesfahrt. Die Unholdin sucht den Weg zu sperren, wird aber von

Brynhild zum Weichen gebracht. Die Riesentochter _Gunlod_, die aber

schön und anmutig ist, weilt als Hüterin des kostbaren Metes im Berge.

Seltsame, menschenähnliche, einsam aufragende Felsen riefen Sagen von

versteinerten Riesen[137] hervor, die ebenso im Norden wie im Süden

begegnen. Die Riesen sind entweder, wie auch andere Nachtunholde, vom

Sonnenstrahl getroffen oder wegen irgend welcher Unthat verflucht zu

Stein gewandelt. Die Riesin Hrimgerd im Lied von Helgi Hjorwardsson

wird vom Sonnenstrahl versteinert, der hl. Olaf verfluchte Trolle, die

dem Christentum feindlich waren, in Klippen. In der deutschen Sage wird

meist ein allgemein sittlicher Grund solcher Versteinerungen angegeben,

grosser Übermut oder gottlose Grausamkeit. So in der Sage vom

_Watzmann_.[138] Der war ein alter Riesenkönig, der für seine blutige

Wildheit mit Weib und Kind zu dem vielzackigen, gewaltigen Bergstock

verwünscht ward. Bei einer unmenschlich grausamen That des Wüterichs,

der als wilder Jäger geschildert ist, endete Gottes Langmut. Ein

dumpfes Brausen erhob sich, ein Donnern in den Höhen, ein Heulen in den

Klüften, und des Königs eigne Hunde würgten ihn, sein Weib und seine

sieben Kinder, dass ihr Blut zu Thal strömte. Ihre Leiber aber wuchsen

versteinernd zu Bergen. So steht noch der eisumstarrte König Watzmann,

neben ihm der kleinere Zinken, sein Weib, um ihn die sieben Kinder,

tief unten die weiten Becken zweier Seen, in welche einst das Blut der

Grausamen floss. Gewitter, Bergsturz, Überschwemmung wirken oft in den

Bergriesensagen zusammen, wie ja auch Hrungnir Gewitter- und Bergriese

in einer Person ist. Wegen Übermuts ist die Riesenkönigin _Frau Hütt_

bei Innsbruck verzaubert. Ebenso im Sinthale in Tirol der Riese

_Serles_, der wegen seines Wütens samt seinem Weib und seinem Berater

zu den drei Felszacken versteinert ist, die über der Brennerstrasse

aufsteigen.

Die Vorrede zum Heldenbuch nennt eine Riesin namens _Runse_, Eckes

Vaterschwester.[139] Runse ist abgeleitet aus _runs_, etwas das rinnt,

worin etwas rinnt, also sowol Erguss, Fluss, als Rinnsal. Die Runse ist

eine Riesin des Tiroler Hochgebirges, ein wildes wüstes Waldweib von

schreckhaftem Aussehen; doch sind ihre Wirkungen noch schrecklicher,

jene Schlammgüsse nämlich, die bei heftigem Regen aus den Hochgebirgen

niederstürzen und Erde, Bäume, Hütten und Felsen fortreissend über

Abhänge und Thäler die grausigsten Verwüstungen schütten. Solche

Runsen hausen in den Tiroler und Schweizer Alpen leider viele. Auch

die norwegischen Gebirge scheinen solche böse Riesinnen zu kennen,

denn _Leirwor_, die Schlammige, Lehmige, mag niemand anders als eine

nordische Runse sein. Neben dem Steinriesen Hrungnir steht der

Lehmriese (_leirbrímir_) Mokkurkalfi, den Thjalfi zu Fall bringt. Auf

Felssturz und Lehmrutsch, in dunkle Nebelwolke gehüllt, mag die Sage

anspielen.

Im Mühlenlied der Snorra Edda, im Grottasǫngr, treten zwei Riesinnen

namens _Fenja_ und _Menja_ hervor. König Frodi hatte die Mädchen in

Schweden gekauft und führte sie nach Dänemark heim, wo sie Magddienste

verrichten mussten. Sie allein waren stark genug, die Mühle Grotti

zu treiben.[140] Grotti aber war eine Wunschmühle, Frodi befahl den

Mägden, rastlos Gold, Frieden und Glück zu mahlen. Aber die erzürnten

Riesinnen mahlten Unfrieden, dass Frodi von seinen Feinden überfallen

und getötet ward. Daran ist in der prosaischen Einleitung eine zweite

Sage angehängt. Der Seekönig Mysing nimmt die Mühle und die Mägde an

sich und befiehlt, Salz zu mahlen. Sie mahlten, bis das Schiff sank.

Seitdem ist dort ein Strudel, wo die See durch das Loch des Mühlsteines

fiel. Seitdem ist auch das Meer salzig. Sagen von Wunschmühlen, die

durch unrechten Gebrauch ihren Segen in Unheil verkehren, sind auch

sonst vorhanden. Ebenso Geschichten, warum das Meer Strudel bildet und

salzig schmeckt. Die Riesinnen gedenken ihrer Abstammung von Hrungnir,

Thjazi und andern Bergriesen. Neun Winter lang wuchsen sie unter der

Erde auf, mächtige Thaten vollführten sie und verrückten selbst Berge.

Steine wälzten sie übers Gehege der Riesen, dass die Erde erbebte;

grosse Blöcke schleuderten sie zu den Menschen. Im Lande der Schweden

aber übten sie Walkürenthaten, der harte Speer ziemte ihren Händen

besser als die Mahlstange. Die Übertragung der Walkürenschaft auf

Riesinnen konnte wol erst verhältnissmässig spät geschehen und ist

schwerlich ein alter, echter Zug.[141] Im übrigen gebärden sich Fenja

und Menja durchaus als Bergriesinnen, die Felsblöcke herabstürzen und

Bergrutsch verursachen. Auf die Etymologie des Namens Fenja (zu fen,

Meer) gestützt deutete Uhland die Mädchen als Wasserriesinnen, als

Aegirs Töchter, als Meereswogen und Bergströme. Die Auslegung ist

allzu künstlich und widerspricht der thatsächlichen Schilderung von

der Art der beiden Riesentöchter. Die Mühle und die Mahlmägde stehen

überhaupt schwerlich in altem ursprünglichem mythischem Zusammenhang.

Besondere +Waldriesen+ sind nur in geringer Anzahl vorhanden und

meistens ihrem Wesen nach eher zu den Windriesen zu stellen. Vielleicht

mag der germanische Urwald dichter von Riesen bevölkert gewesen

sein als die heutigen Wälder, in denen elbische Waldgeister vor den

riesischen vorherrschen. Das Hyndlalied 34 erwähnt einen _Widolf_

als Ahnherrn der _vǫlor_, der Weissagerinnen, ohne weiteres von ihm

zu sagen. _Vitolfus_ bei Saxo ist ein in der Heilkunst erfahrener,

durch Nebel trügender Waldeinsiedler. Der Riese _Widolt_ im König

Rother, ein furchtbarer Kämpfer, der mit der Stahlstange zuschlägt

und für gewöhnlich in Ketten gefesselt ist, kommt Widolf im Namen

nahe. Gemeint ist wol ein Waldriese (an. _viđr_, ahd. _witu_, Gehölz),

ein wilder Mann[142], dessen fürchterliche Erscheinung der deutschen

Sage wol bekannt ist. Er ist ein gewaltiger Riese, von weitem gleicht

er einer Fichte, die ganz mit Moos überkleidet ist. Wenn er auf dem

Wege eines Stockes benötigt, so reisst er den nächsten Baumstamm

aus. Manchmal stürmt er im brausenden Winde einher und verfolgt wie

der wilde Jäger elbische Waldfrauen. Der Riesenname _Welderich_,

Beherrscher der Wälder, der im gedruckten Heldenbuche vorkommt,

entstammt demselben Vorstellungskreise. Waldriesinnen sind wol mit den

nordischen _íviþjur_ gemeint. Auch _járnviþja_ ist so zu erklären.

_Járnviþr_ bedeutet Eisenwald, wie auch in Deutschland Wälder von hohem

Alter und unvergänglicher Dauer genannt sind. _Járnviþja_ ist die

Bewohnerin eines solchen Waldes, die Urwaldriesin. In Südtirol sind

die Waldfrauen von ungeheurer Gestalt, am ganzen Körper behaart und

beborstet; ihr Antlitz ist verzerrt, ihr Mund von einem Ohr zum andern

gezogen. Ihr schwarzes Haupthaar hängt voll Baumbart und reicht rauh

und struppig über den Rücken. Joppen von Baumrinden und Schürzen von

Wildkatzenpelzen bilden ihre Kleidung.

Sie leben in Gesellschaft in Wäldern zusammen und sind an den

heimischen Wald gebunden. Wird er geschlagen, so schwinden sie. Wie

die Namen erweisen, sind sie eigentlich persönlich gewordene Bäume:

Hochrinta (hohe Rinde), Stutzforche (Stutzföhre), Rohrinta (rauhe

Rinde) sind sie benannt. Auf Tiergestalt zielt der Name Stutzemutze

(Stutzkatze). Im ganzen aber gebärden sich die Waldriesinnen genau so

wie die Waldelbinnen, nur in ihrer äusseren Erscheinung, nicht in ihrer

Art sind sie verschieden.

* * * * *

Es bleiben noch einige Riesen übrig, welche in die eben besprochenen

Hauptklassen sich nicht einfügen. Sie sind späte Allegorieen, welche

keine lebendigen Sagen hervorgebracht haben. _Feuerriesen_ erscheinen

in Fornjots Geschlecht, in Logis Sprösslingen. Logi, die Lohe, treffen

wir nur ein einziges Mal bei Thors Fahrt zu Utgardloki. Loki erbietet

sich, mit einem der Utgardleute um die Wette zu essen. Da tritt Logi

dem Loki gegenüber. Ein grosser Trog, mit Fleisch gefüllt, ward

herbeigebracht und auf den Fussboden der Halle gesetzt. Loki war am

einen Ende, Logi am andern. Jeder von beiden ass nun, so rasch er

konnte, in der Mitte des Troges kamen sie zusammen. Da hatte Loki

alles Fleisch verzehrt bis auf die Knochen, Logi aber hatte ausser dem

Fleisch auch die Knochen mitsamt dem Troge verschlungen und hatte also

die Wette gewonnen. Diese schwankartige Erzählung soll das fressende

Feuer, dessen Gier nichts verschont, andeuten. Die Riesennamen _Eldr_

(Feuer), _Herkir_ (zu _harka_, Feuer), _Brandingi_ (Sohn des Brandes),

_Hripstod_ (zu _hripuđr_, Feuer?), _Hyrja_ (zu _hyrr_, Feuer) zeigen

Versuche zur Personificierung des Elementes. Die Riesin _Hyrrokin_, die

auf einem schlangengezäumten Wolfe heranreitet und das Leichenschiff

Baldrs mit einem Stosse in die See treibt, nachdem die Götter sich

vergeblich damit abgemüht hatten, ist der feurige Wirbelwind.[143]

Endlich ist _Surt_ zu nennen.[144] Surts Lohe (_Surta loge_) ist der

Weltbrand, in dem dereinst alles endigen wird. Von Mittag her kommt

Surt gefahren mit Feuer, von seinem Schwerte geht Glanz aus: vor

ihm und hinter ihm ist brennendes Feuer. Auf Island sind Erdbrände

vulkanischen Ursprungs gefährliche Ereignisse, welche dem Wirken der

Riesen zugeschrieben werden. So erzählt die Landnáma 2 Kap. 5: „Thorir

war da alt und blödsichtig geworden, als er spät am Abend hinausging,

und er sah, dass ein Mann von aussen her nach Kaldaros hereinruderte in

einem Eisennachen, gross und bösartig. Der ging hinauf zu dem Hofe, der

Hrip hiess, und grub da beim Stadelthore. In der Nacht aber schlug ein

Erdfeuer dort auf und da brannte Borgarhraun; dort stand der Hof, wo

jetzt der Lavahaufen ist.“

* * * * *

Der Streit zwischen Sommer und Winter[145] ist von alters her

allegorisiert worden. In Frühlingsfeiern treten die beiden Gegner

persönlich auf und streiten um den Vorrang, den der Sommer schliesslich

siegreich behauptet. Aber die persönlich vorgestellten Träger der

sommerlichen und winterlichen Macht und Abzeichen lassen sich nicht

in den lebendigen Glauben und Kult des germanischen Heidentums

zurückführen, obschon Ansätze in den nordischen Quellen vorhanden sind.

_Swasud_ (der Milde) und _Windswal_ (der Windkalte) sind zwei Riesen,

deren Söhne nach dem Wafthrudnirlied 27 _Vetr_ (Winter) und _Sumar_

heissen. Nach Gylfaginning Kap. 19 ist _Wasad_ (Kummerbringer zu an.

_vás_, Mühe, Kummer) Vetrs Ahne, Windswals Vater. „Diese Sippe war rauh

und kaltherzig, der Winter hat ihre Art geerbt.“

Der Stammbaum der _Nólt_ (Nacht), deren Sprössling _Dagr_ (Tag) ist,

geht auf Riesen zurück. Das Nähere darüber wird unten im Abschnitt über

die Weltschöpfung mitgeteilt.

6. Spuren vom Riesenkult.

Ein _Riesenkult_ ist nur schwach bezeugt. In einigen Beschwörungen

werden Riesen angerufen zu Fluch und Segen. Die Zauberin Busla ruft

Trolle, Bergriesen und Hrimthursen herbei, dass sie dem König Hring

Schaden thun (Bósasaga Kap. 5). Im deutschen Wettersegen werden

Mermeut und Fasolt beschworen, das Unwetter abzuwenden. Im Skirnirlied

35 wird Gerd verwünscht, dem Riesen Hrimgrimnir im Totenland bei den

Hrimthursen anheimzufallen, wofern sie nicht Freys Werbung sich füge.

Um fliessendes Blut zu stillen, lautet ein altdeutscher Segen[146]:

_tumbo saȥ in berke mit tumbemo kinde enarme.

tumb hieȥ ter berch, tumb hieȥ taȥ kint:

ter heilego Tumbo versegene tiusa uunda._

Mit Tumbo (ahd. mhd. _tump_, got. _dumbs_, an. _dumbr_) ist ein

stummer, gefühlloser Steinriese gemeint, der nun auch die Wunde

gefühllos, schmerzlos machen soll. Der starre, stumme Riese sitzt

auf einem Berge mit einem Kinde im Arme. Vielleicht liegt eine

Versteinerungssage zu Grunde, eine seltsame Felsbildung, die einem

riesigen Manne mit einem Kinde im Arme glich. Beachtung verdient auch

die nordische Barðarsaga Dumbssonar, worin der Riesenkönig _Dumbr_

in Norwegen ein _bjargvættr_, ein Schutzgeist genannt wird. Sein

Sohn Bard, welchen Mjöll gebar und Dofri erzog, der also aus den

Schneewehen des norwegischen Hochgebirges herstammt, ging auf Island in

den Snæfellsgletscher ein. Die Leute hielten ihn für einen _heitguđ_

(einen mit Gelübden anzurufenden Gott) und einen kräftigen Schutzgeist

(_bjargvættr_). Dumbr vergleicht sich im Namen dem Tumbo, aber sonst

zeigen sich keinerlei Ähnlichkeiten. Unter den Riesennamen zählt die

SE. 1, 471 und 551 auch Dumbr auf.

ZWEITES HAUPTSTÜCK.

Der Götterglaube.

Namen und Art der Götter.

Zum Gottesbegriff kann nur ein höher veranlagtes, geistig

fortgeschrittenes Volk gelangen. Zweifellos sind die religiösen

Grundlagen oft dieselben wie beim Geisterglauben, ein Zusammenhang

zwischen Gott und Naturgeist ist nicht abzuleugnen. Der Machtbereich

des letzteren erscheint beim Gotte nur vermehrt und erweitert, die

Eigenschaften mehrerer Dämonen sind manchmal vereinigt auf ein höheres

Wesen übertragen, ohne dass die Elbe und Riesen deshalb aufhörten,

die vielmehr im Gefolge des Gottes oder auch als seine Feinde weiter

leben. Gerade aber diese Anschauung setzt einen höheren Gedankenflug

voraus, der Gottesbegriff bedeutet den Sieg des Geistes über den

rohen Stoff. Der Naturdämon lebt ganz _in_ seinem Element; ist er

mit übermenschlicher Fähigkeit begabt, so ist er doch beschränkt

wie sein Wirkungskreis. Selbst seine äussere Erscheinung ist durch

seinen Ursprung bestimmt. Der Gott aber thront _über_ den Elementen

als ordnender, richtender Herrscher. Seine Gestalt ist die des

edlen Heldenkönigs, blühend in Schönheit und Kraft oder Ehrfurcht

erweckend durch Weisheit und reiche Erfahrung. Die Göttin erscheint

als hehre und anmutige königliche Frau. Der Gott, wie er in der

Vorstellung der Völker lebt, vereinigt alles Vollkommene in einer

glänzenden, mächtigen, geisterfüllten Persönlichkeit. Er ist das

Ideal der sterblichen Helden und Fürsten. Der Gottesdienst gewinnt

ungleich höhere Bedeutung: Seelen und Elbe empfangen Opfer, weil sie

ins alltägliche, gewöhnliche Leben, in die Wirtschaft hemmend und

fördernd eingreifen, die Götter aber lenken die Geschicke des gesamten

Volkes, Staat und Recht ist von ihnen gesetzt und wird von ihnen

geschützt, sie verkörpern die sittliche Macht. Die Indogermanen waren

bereits zum Gottesbegriff gelangt, und eine gemeinsame Grundlage, so

verschieden die spätere Entwicklung bei den einzelnen Völkern sich auch

vollzog, liegt überall vor. Es war ein Glaube an das Walten lichter

Götter (indisch _dêvas_), an deren Spitze der Beherrscher des hellen

Tageshimmels stand. Die natürlichen Feinde des Lichtes sind die Mächte

der Finsterniss, in deren Schutze die Unholde ihr Wesen treiben. Nicht

immer blieb der Himmelsgott in seiner führenden Stellung. Zwar Zeus

hat sie behauptet, aber der indische Dyâus räumte bald andern den

Platz, schon die ältesten Urkunden zeigen ihn zurückgedrängt. Ebenso

geschah es bei den Germanen. Schon hieraus sieht man, wie sehr der

Götterstaat dem Wechsel unterliegt. Die allgemeinen Grundtypen des

Seelen- und Elbenglaubens sind allerdings gemeingermanisch, schon

bei den Riesen aber beginnen die besonderen Gebilde, bedingt durch

die Naturverhältnisse, in denen die verschiednen Stämme lebten. Noch

viel stärker aber sind die Unterschiede im Götterglauben, in dem fast

jeder Stamm eigene Wege wandelte. Nur Weniges, aus der vorgermanischen

Urzeit ererbt, gehört allen Germanen gemeinsam und darf daher in

die vorgeschichtliche Periode vor Beginn der bestimmten Nachrichten

zurückverlegt werden. Drei Göttergestalten sind allein mit Sicherheit

zum Urbestand des germanischen Himmels zu rechnen: der des Donners

mächtige Himmelsgott (Jupiter tonans) in die zwei Gestalten des _Tiuȥ_

und _Ponaraȥ_ gespalten und seine Gattin _Frijô_, die Liebliche. Alles

Andere scheint Sonderbildung der einzelnen Stämme und Kultverbände

zu sein. Die folgenreichste Neuerung im Glauben unsrer Väter, das

allmälige Aufkommen des _Wôđanaȥ_, sein Sieg über _Tiuȥ_ vollzieht sich

im Gesichtskreis unsrer Beobachtungen. Eine runde, feste Götterzahl

ist weder für die Urzeit noch für später nachweisbar. Der Grundzug

des germanischen Götterglaubens ist kriegerisch. Das Schicksal des

Volkes entscheidet die Schlacht. Daher ist die Göttersage von Kämpfen

erfüllt, um Sieg wird die Gottheit angerufen. Siegesglück ist die

höchste Spende, die der Gott verleiht. Im Heldenzeitalter treten die

germanischen Stämme in die Geschichte, von Heldengeist ist ihre älteste

Dichtung erfüllt, dasselbe Gepräge trägt Götterglaube und Göttersage.

Nur selten in abgelegenen Ländern wird der hohe himmlische Herrscher

ebenso eifrig als Herr des Friedens wie als Herr des Sieges gepriesen

und angerufen.

* * * * *

Die gemeingermanische Bezeichnung der Gottheit lautet got. _guþ_

pl. _guda_, as. ags. ahd. _gođ_, _got_, an. _gođ_, _guđ_. Die

urgermanische Grundform ist als _guđam_, pl. _guđô_ anzusetzen[147].

Aus dem Gotischen und Nordischen ergibt sich, dass die Form des Wortes

ursprünglich neutral war und wol meist in der Mehrzahl vorkam. Erst

im Christentum gewann der allgemeine Begriff bestimmte Bedeutung und

wurde als Masculinum gebraucht. Dem germanischen Heidentum lag im Worte

„Gott“ der Begriff „Gottheit, göttliches Wesen“. Die Etymologie führt

auf eine indogermanische Participialbildung _ghutóm_ zur Wurzel _gheu_,

_ghu_, welche im Sanskrit und Avestischen namentlich im sakralen Sinne

verwendet wird und das Anrufen der Götter bezeichnet. _Ghutom_ ist

das mit Opfer und Gebet angerufene Wesen, erweist mithin uralten, vom

höheren Gottesbegriff untrennbaren Gottesdienst. Ein Femininum zu Gott

konnte sich erst spät einstellen, nachdem das ursprüngliche, sächliche

Geschlecht verblasste und dafür das männliche aufkam. Darum entbehren

wir auch einer gemeingermanischen Femininbildung. Im Westgermanischen

entstand zu Gott später Göttin (ags. _gyden_, ahd. _gutin_, mhd.

_gutinne_, _gotinne_, _götinne_), im Nordischen _gyđja_, womit sowol

die Priesterin wie die Göttin bezeichnet wird.

Durch alle germanischen Sprachen geht ein zweites Wort, dessen

vollen Gehalt die nordische Mythologie erschliesst. Nach Jordanes

Kap. 13 führten die Goten ihren Adel, durch dessen Glück sie siegten

(_quorum quasi fortuna vincebant_) auf Halbgötter (_semideos id

est ansis_) zurück. Die gotische Form im Nom. pl. wäre _ansîȥ_,

der Sing. müsste _ans_ lauten. Diese _ansîȥ_ waren siegspendende

Götter. Die hochdeutschen Stämme haben das Wort in Eigennamen wie

_Anso_, _Anshelm_, _Anshilt_ und ähnlichen bewahrt, die Sachsen und

Angelsachsen in _Oswald_, _Oslaf_, _Osdäg_ u. s. w. Im Ahd. lautet

also das Wort _ans_, im As. Ags. _ôs_, wozu der bewahrte ags. Plural

_êse_ (im Fries. _ees_) stimmt. Auch im Deutschen deklinierte das Wort

in der Mehrzahl nach den i-Stämmen. Im Altnordischen ist _áss_ aus

älterem _ǫ́ss_, _*ǫ́sur_, _*ansuȥ_ hervorgegangen, der Sing, stand

zu den u-Stämmen[148], im Plur. tritt aber auch hier der i-Stamm zu

Tage, _æsir_ aus _*ansîȥ_. Die ursprüngliche Bedeutung ist nicht zu

erschliessen, weil das Wort mit Sicherheit nicht ins Indogermanische

zurückgeführt werden kann. Zur männlichen Form bildete die nordische

Sprache die weibliche _ásynja_. Durch besondere Verhältnisse gewann

der Begriff der Ansen im nordischen Götterglauben nachmals beschränkte

Bedeutung, insofern eine besondere Götterschaar als _æsir_ einer andern

(den _vanir_) gegenüber stand.

Aus indogermanischer Wurzel stammt die an. Bezeichnung _tívar_[149],

die Lichten, von der jedoch sonst keine Spur vorhanden ist. Aus

derselben Wurzel scheint aber der Göttername _Tiuȥ_; (an. _Týr_, ahd.

_Zio_) geleitet zu sein.

Als eine ratende und richtende Versammlung heissen die Götter _regin_

und _metod_. _Regin_ ist im Nordischen und Sächsischen bezeugt. Das

Wort ist aber gemeingermanisch, _ragin_ im Gotischen bedeutet Rat. Die

nordische und wol auch die sächsische Sprache verwenden _regin_ im

Sinne der ratenden Götter nur im Plural. In den Hǫ́konarmǫ́l 18 wird

der Ausdruck noch verdeutlicht: _rǫ́þ ǫll ok regen_, alle ratenden

Mächte. In der Vǫlospǫ́ 6, 9, 23 gehen alle _regin_, die hochheiligen

Götter zu den Ratstühlen (_rökstólar_, _dómstólar_) und holten Rat.

Wir sehen die _regin_ in ihrer Eigenschaft als Ratsversammlung

niedersitzen. Der Begriff wird noch gesteigert als _ginnregin_ die

grossen Götter, und _uppregin_, die oberen, himmlischen Götter. Im

Götterrat wird das Schicksal bestimmt, welches noch im Heliand 2593 und

3348 _regano giskapu_, der Ratenden Schöpfung ist. Im Altsächsischen

und Angelsächsischen wird für Schicksal auch _metodo giskapu_ (Hel.

2190, 4827) und _meotodsceaft_, _metodsceaft_ (Beow. 1077, 1180,

2815) gesagt.[150] _Metod_ wird ags. und as. auch vom Christengott,

ursprünglich wol von der Gottheit überhaupt gebraucht. Dasselbe Wort,

aber in verschiedener Bedeutung begegnet auch im Nordischen (_mjǫtudr_

stm. Verhängniss, Tod) und Gotischen (_mitaþs_ stf. Maass). _Metod_

ist der „Messer“, der einem etwas zumisst, der Richter. Auf denselben

Gedankenkreis leiten _regin_ und _metod_, die Götter sind Rater und

Richter, das Schicksal ist das von ihnen gefundene und gefällte,

festgesetzte und vollzogene Urteil.

Handbuch der Germanischen Mythologie · 第 18 / 68 段