In die Welt der riesischen Meerungeheuer eröffnet das ags. Gedicht

Beowulf einen Einblick. Schon in früher Jugend erwarb sich Beowulf

Ruhm bei seinem mehrtägigen Wettschwimmen mit Breca. Mit dem Schwerte

musste er sich der Angriffe der Meerfische (_hronfixas_, _merefixas_)

erwehren, die ihn auf den Grund zu ziehen trachteten. In den Wogen

erschlug er neun Nixe (_niceras nigene_). Dadurch ist er vorbereitet

auf seine grösste Heldenthat, den Kampf mit Grendel und seiner Mutter.

In die Halle Heorot, welche der Dänenkönig Hrodgar erbaut hatte, drang

allnächtlich Grendel, ein Unhold, der die Insassen mordete und den Saal

verödete, bis Beowulf der Geatenheld übers Meer den Dänen zu Hilfe

eilte, mit Grendel kämpfte, ihn auf den Tod verwundete, endlich in

seine Behausung auf dem Meeresgrund drang, dort Grendels Mutter tötete

und dem Unhold selber das Haupt abschlug. Die schwierigen Fragen, die

mit dem Beowulfmythus und Gedicht[119] zusammenhängen, berühren uns

hier nicht, wir entnehmen daraus nur, was die Angelsachsen und wol

überhaupt die Seegermanen unter Wasserdämonen sich vorstellten. Mit

Grendel d. h. Schlange ist ein Dämon der zerstörenden Gewässer gemeint,

sei es der Sturmfluten an der Nordseeküste, sei es der fieberbringenden

Sümpfe, die infolge der Überflutungen sich bildeten. Einseitig fasste

Müllenhoff Grendel als Sturmflut, Uhland und Laistner erklärten ihn als

Verkörperung der Seuchen und Plagen einer versumpften und verpesteten

Meerbucht, die geräuschlos zur Nachtzeit im Nebel aufsteigen und den

Menschen beschleichen. Kögel findet mit Recht beide Plagen, Sturmflut

und Sumpffieber in Grendel verleiblicht. Grendel ist nach den Worten

des Gedichtes der kundbare Grenzgänger, der Moore, Sumpf und Strand

(_móras, fen and fæsten_) inne hat. Immer wieder wird die neblige

moorige Heimat hervorgehoben (_héold mistige móras_). Vom Moor unter

den Nebelklippen (_of móre under misthleoþum_) kommt Grendel zum

Metsal geschritten, er watet in Wolken gehüllt daher (_wód under

wolcnum_). Wie ein Nebelstreif zieht sich also der Unhold unhörbar

leise aus dem Moor zur Halle hin, worin die Helden schlafen. Er wird

als Riese (_eoten_) bezeichnet, sein Haupt ist furchtbar, seine

Hand läuft in stahlharte Krallen aus, sein Blut schmelzt Schwerter.

Grendels wölfische Mutter (_brimwylf, grundwyrgen_), die mit ihm in der

grausigen Meerflut (_wæteregesan_) haust, folgt des Sohnes Spuren und

sucht ihn zu rächen. Höchst anschaulich wird die Wohnstätte der Unholde

geschildert. Sie haben inne verstecktes Land, windige Landzungen,

fürchterliche Moorpfade, wo der breite Strom unter dunkle Landstreifen,

unter der Erde sich verliert. Jäh fällt das steinige Land, von düstrem

Walde, von wurzelfesten Bäumen bestanden, die überhängen, plötzlich in

mooriges, sumpfiges Meer ab. Da mag man nächtliches Wunder schauen,

Feuer in der Flut. Noch niemand hat den unheimlichen Grund erforscht.

Der von Hunden gehetzte, geweihstolze Hirsch lässt eher am Ufer das

Leben, als dass er in den schaurigen Wald flüchtet. Nicht geheuer ist

der Ort, dunkles Wogengemisch steigt zu den Wolken, wenn der Wind leide

Unwetter zusammentreibt, bis dass die Luft düstert, die Himmel weinen.

Auf den abstürzenden Klippen lagert allerlei Gewürm, wunderliche

Seedrachen und Nixe, welche dem Schiffer oft gefährlich werden. Beowulf

steigt kühn in die greuliche Flut und gelangt zum Grunde, wo ihn die

Wölfin (Grendels Mutter) packt. Vor ihren Griffen und den scharfen

Zähnen der Seetiere beschützt ihn seine Brünne. Das Meerweib trägt ihn

in ihre Behausung, welche bedacht ist und dem Wasser keinen Zutritt

verstattet. Mit blinkendem Glanze leuchtet drinn ein Feuer.

Aus den Wasserriesen erhebt sich freundlicher gestaltet der Beherrscher

des Meeres, _Aegir_, der Wassermann.[120] Von Natur zwar riesisch,

kann er doch mit den Asen in Gastfreundschaft kommen. Er ist, wie die

Einleitung der sog. Bragarœður berichtet, in Asgard beim Gastmahle der

Götter zugegen und empfängt von Bragi reiche Belehrung. Die Götter

aber besuchen wiederum den Aegir in seiner Heimstätte, wo er ihnen in

einem gewaltigen Kessel Bier braut und ein Mahl zurüstet. Daher heisst

er beim Skald Egill im Lied auf seinen ertrunkenen Sohn geradewegs

Bierbrauer der Lichtgötter (_ǫlsmiþr allra tíva_). Der meilentiefe

Braukessel ist aber ursprünglich in der Gewalt des Hymir und muss erst

durch Thor herbeigeschafft werden. Aegir scheint das der Schifffahrt

offene Meer zu verkörpern. Sein Verkehr mit den Asen und das Beiwort

„_barnteitr_“, fröhlich wie ein Kind, kennzeichnen den Riesen als

gutartig und umgänglich, wol im Gegensatz zu Hymir. Freilich nimmt

das Gelage bei Aegir ein schlimmes Ende, weil Loki die Friedensstätte

durch Todschlag entweiht und die anwesenden Götter lästert. Auch hatte

sich Aegir nur durch des streitbaren Thor Befehl dazu verstanden,

das Gelage zuzurüsten, und sann auf Rache an den Asen. Er hatte

im Stillen gehofft, die Fahrt zu Hymir werde dem Thor verderblich

sein. Aegir hatte zwei Diener, Fimafeng und Eldir. Statt des Feuers

diente helles Gold zur Beleuchtung; das Bier trug sich selber auf. Im

Grunde des Meeres sind alle die Schätze gehäuft, welche die gierige

Flut verschlang. Im Leuchten des windstillen Meeres aber mochte man

den Glanz des versunkenen Goldes spielen sehen. Aegirs friedliches,

freundliches Wesen wird durch sein raubgieriges Weib, die Ran,

ergänzt. Freund und Feind ist dem Schiffer die See, beide Seiten kommen

in Aegir und Ran zum Ausdruck.

In der SE. 1, 206 wird Hlésey, die dänische Insel Läsö im Kattegat,

als Heimat des Aegir bezeichnet. Hlér gilt als andrer Name Aegirs.

Die Wogen heissen ebenso Töchter des Aegir wie des Hlér (SE. 2, 180).

Vermutlich kannten die Dänen und West-Norweger den Meerriesen unter

diesem Namen, dessen Etymologie nicht sicher zu bestimmen ist.[121]

Ein weiterer Name dieses Meerriesen ist _Gymir_[122], wie im

Eingang der Lokasenna ausgesprochen wird und aus den skaldischen

Umschreibungen, in denen der Name allein vorkommt, deutlich erhellt.

Das Meer heisst Gymirs Wohnung (_Gymis flet_), die Brandung ist sein

Lied (_Gymis ljóþ_), die Ran sein zukunftkundiges Weib (_Gymis vǫlva_).

Ob Gymir, Gerds Vater, der aus dem Skirnirlied bekannte Riese, derselbe

ist, muss unentschieden bleiben. Weinhold fasste die Gerd als Meernixe,

welche den Fluten entsteigend im stillen Hain am Gestade mit dem Gotte

Freyr sich vermählt.

Dem Aegir steht _Hymir_[123], der Dämmrer, gegenüber. Er verkündigt

sich als Frost- und Eisriesen, als Beherrscher des lichtlosen,

nebligen, fahlgrauen nördlichen Eismeeres. Seine Art entspricht seiner

Heimat. Genaueres über ihn hören wir nur aus dem Hymirliede, wie Thor

und Tyr sich aufmachen, den Kessel zu Aegirs Gelage ihm zu entführen.

Der Erzählung gesellten sich Züge vom Märchen des Besuches beim wilden,

unholden Menschenfresser. Hier beachten wir nur die Schilderung seines

Wesens. Im Osten der stürmischen Wogen am Himmelsrande haust der weise

Hymir, der einen meilentiefen Kessel (d. h. das Meer im Verschluss

winterlicher Eisdecke) besitzt. Bei ihm sind seine neunhundertköpfige

Urahne und seine brauenweisse Geliebte, die Mutter Tyrs. Der hässliche,

rauhe Hymir kommt spät vom Waidwerk heim, Eiszapfen klirren, sein

Bart ist gefroren. Vor des Riesen Blick zerbirst Balken und Pfeiler,

dass acht Kessel vom Standbrett herunterkollern. Am andern Tag rudern

sie zur eisig kalten Fischerfahrt hinaus. Zwei Walfische zieht der

Riese auf einmal an der Angel heraus. Er verlangt von Thor Arbeit und

Stärkeproben. Einen Glaskelch soll Thor zerbrechen, aber leichter

zerschlägt er die Pfeiler, bis endlich an Hymirs hartem Schädel der

Kelch zerschellt. Nun darf Thor den Braukessel forttragen. Hymirs

Töchter (_Hymes meyjar_) werden in der Lokasenna 34 erwähnt, ohne dass

ihre Bedeutung völlig klar würde. Wenn Aegirs und Hlers Töchter die

Wogen bezeichnen, wird es wol auch mit Hymirs ähnliche Bewandtniss

haben. Man denkt an die Gletscherbäche, die aus den Eisbergen ins Meer

sich ergiessen.

Von einzelnen Meer- oder Wasserriesen lassen sich noch folgende

hervorheben. In der Gudrun tritt der alte _Wate_ hervor, in der

Wielandssage der Riese _Vadi_, der Vater des kunstreichen Schmiedes,

bei den Angelsachsen finden wir _Wada_, der die Hælsinge beherrschte.

Zu Grunde liegt diesen Berichten eine Sage der Seegermanen vom Riesen

_Wado_, dem Sohne einer Meerminne.[124] Ein riesenmässiger Greis mit

ellenbreitem Barte, unbändigen Grimmes voll, mit fürchterlicher Stimme

begabt, bei deren Klange das Land erbebte, das Meer aufbrauste und

die Mauern einzustürzen drohten, wanderte am Meeresstrande auf und ab

und trug wol auch zuweilen auf seinen Schultern Menschen über Sunde

hinweg. Der regelmässige Wechsel von Ebbe und Flut war die Wirkung

dieses watenden Riesen, dessen rasendem Zorne nichts widerstand. In

den norwegischen Aluwasserfällen hauste der wilde _Starkad_, ein

vielkundiger Riese (_hundvíss jǫtunn_).[125] Der hatte acht Hände

und schlug mit vier Schwertern auf einmal. Von ihm wird erzählt,

wie er mit Hergrim, einem Halbtroll, der bald bei Riesen, bald bei

Menschen weilte, um den Besitz eines Weibes kämpfte. Im Namen Hergrim

klingt wol der Fossegrim an, die Sage meldet also vom Streit zweier

Stromriesen. Nachmals raubte Starkad die Alfhild, die Tochter König

Alfs aus Alfheim, also eine Elbin. Der Vater rief Thor um Hilfe an,

Thor aber erschlug den Jotun. Der Wasserriese zeigt sich hier als

Liebhaber, wie auch andre Sagen solche Züge hervorheben. Natürlich

ist Thor sein Erbfeind. Das Lied von Helgi dem Hjorwardsson 12 ff.

führt uns eine unholde Meerriesin namens +Hrimgerd+ vor. Helgi hatte

im Hatafjord den Beherrscher der Bucht, den Riesen Hati getötet.

Nachts lagen die Schiffe im Fjord, Atli hatte Wache. Da sprach ihn

Hatis Tochter Hrimgerd, die in Stutengestalt den Wogen entstieg, an,

und es erhub sich ein Scheltgespräch. Hrimgerd verlangt zur Sühne des

erschlagenen Hati, der viele Weiber aus der Umgegend geraubt hatte,

eine Nacht bei Helgi zu schlafen. Also Vater und Tochter sind erpicht

auf Liebesverkehr mit Menschen. Helgi fertigt die Lüsterne derb ab,

der zottige Thurs Lodin passe besser für sie. Hrimgerds Mutter war

vor den Schiffen Helgis an der Mündung der Bucht gelegen und hatte

sie zu verderben gesucht, aber vergeblich. Dagegen ertränkte Hrimgerd

Hlodwards Söhne, Verbündete Helgis. Auch seine Schiffe wollte sie

vernichten, aber Swawa, die Walküre, die lichte Maid wandte das

Verderben. Schliesslich überrascht die Sonne das Riesenweib, das zu

Stein verwandelt am Fjord stehen bleibt.

Über +Ran+, Aegirs Weib, wird unter den germanischen Todesgöttinnen

näheres zu berichten sein. Hier gedenken wir noch solcher Gestalten,

welche in riesischem oder tierischem Leib, als Unhold oder Ungetüm

die verderblichen Seiten des Meeres verkörpern. Von Aegir und Ran

stammen neun Töchter, deren Namen die SE. aufzählt. Die Bedeutung

ist durchsichtig, gemeint sind die Wogen (Udr, Bara, Kolga, Bylgja),

die Brandung, das stürmische Unwetter, die blutgierige (Blóðughadda)

Meerriesin. Der Seesturm erschien wie ein Kampf mit diesen Ungeheuern.

Die neun Mütter Heimdalls, die im Hyndlalied 38 aufgezählt sind,

weisen ebenso auf Eigenschaften der als Riesinnen persönlich

gewordenen Meereswogen. Zu Hrimgerd stellt sich die Meerriesin

(_margýgr_), die in alter und neuer Sage begegnet. Aus dem Meere und

aus grossen Landseen erhebt sich der Wassergeist oft in Rossgestalt

(isl. _nykur_, _vatnahestur_). Der auf dem Wasser sich ballende

Nebel gab wol Anlass zu Sagen, die von aufsteigenden Riesengestalten

berichten. Als _skrimsl_, Ungetüm im allgemeinen, bezeichnen die

Isländer Wassergeister von fabelhafter Gestalt.[126] Das Meer wurde

mit Vorliebe in Tiergestalt verkörpert, wofür die nordischen Quellen

Belege erbringen. Die grosse Seeschlange des Schifferglaubens begegnet

im _midgardsorm_ oder _jǫrmungandr_[127], d. h. der Weltschlange oder

dem grossen Ungetüm, welche Thor bekämpft, und die später Lokis Sippe,

der Teufelsbrut zugezählt wurde. Die Midgardschlange liegt im tiefen

Meer, das alle Länder umgiebt, und ist so gross, dass sie sich mitten

im Meer wie dieses selbst ebenfalls um alle Länder schlingt und sich

in den Schwanz beisst. Im Riesenzorne (_í jǫtonmóþe_) wälzt sie sich

durch die Wogen. Seinem Namen nach (_fen_, Meer), gehört auch der Wolf

Fenrir[128] zu den Wasserriesen. Jedoch sind in seiner Gestalt die

verschiedenartigsten Vorstellungen mit einander vereinigt, und gerade

der Meerriese tritt am wenigsten hervor. Fenrirs Fesselung, wobei Tyr

seinen Arm verlor, entspricht der des Teufels, der gefesselte Wolf ist

nur ein andres Bild des gefesselten Loki. Von Fenrir entstammen die

Wölfe, die Sonne und Mond verschlingen, im Wafthrudnirlied 47 frisst

Fenrir selber die Sonne auf. Ob damit die im Meer versinkende, im

Nebel verschwindende Sonne angedeutet ist, ob der Mythus aus dieser

Naturerscheinung erwuchs, muss dahin gestellt bleiben.

Der gewaltige Giftwurm, dessen Flügelgestalt und Name _Drache_[129]

dem antiken Fabeltier nachgebildet sind, erscheint in der Volkssage

unter dem Eindruck von Naturbegebnissen. Aus Wasser, Nebel, Wolke,

Meteorfeuer lässt die Phantasie diese Drachen hervorgehen. Das Weltmeer

als Schlange wurde eben genannt, Grendel ist vielleicht ursprünglich

auch eine Wasserschlange. Die Drachen liegen auf Gold und schädigen

bei ihrer Ausfahrt Land und Leute. Vornehmste Aufgabe der Helden ist

Bekämpfung dieser Ungetüme, Erlösung von der Landplage, Hebung des

Hortes. Die Volkssage denkt bei den riesigen Würmern an Verwüstung

durch die See, im Binnenlande an plötzlichen Wassersturz anschwellender

Ströme oder Bäche. Schützt Kraft und Einsicht endlich das Land gegen

solche Gefahren, so ist ein grosser Schatz, das Gedeihen der ganzen

Gegend, damit erkämpft. Neben den Meeresdrachen ragen besonders die

des Hochgebirgs hervor, mit denen Dietrich von Bern wie auch mit allen

andern Riesen der Bergwelt viel zu schaffen hat. Wo der Bach vom hohen

Fels herbricht, da springt der grimmige Drache, Schaum vor dem Rachen,

fort und fort auf den Gegner los und sucht ihn zu verschlingen; bei

eines Brunnen Flusse vor dem Gebirge, das sich hoch in die Lüfte

zieht, schiessen grosse Würmer her und hin und trachten, die Helden

zu verbrennen; bei der Herankunft eines solchen, der Ross und Mann zu

verschlingen droht, wird ein Schall gehört, recht wie ein Donnerschlag,

davon das ganze Gebirge ertost. Leicht erkennbar sind diese Ungetüme

gleichbedeutend mit den siedenden donnernden Wasserstürzen selbst. In

den deutschen Sagen der Brüder Grimm Nr. 217 heisst es: Das Alpenvolk

in der Schweiz hat noch viel Sagen bewahrt von Drachen und Würmern,

die vor alter Zeit auf dem Gebirge hausten und oftmals verheerend in

die Thäler herabkamen. Noch jetzt, wenn ein ungestümer Waldstrom über

die Berge stürzt, Bäume und Felsen mit sich reisst, pflegt es in einem

tiefsinnigen Sprüchwort zu sagen: es ist ein Drach ausgefahren.

* * * * *

Von den Wasserriesen reicht einer in uralte gemeingermanische

Sagenüberlieferung zurück, während die andern erst später bei den

einzelnen Völkern erdichtet wurden. In der nordischen Sage spielt er

eine wichtige Rolle, es ist der weise _Mimir_[130], aus dessen Quell

Odin Weisheit schöpft. Sein Verhältniss zu Odin wird später erörtert,

hier ist die gemeingermanische Grundvorstellung dieser Riesengestalt zu

erforschen. Die urgermanische Namensform lautete _Mimiaz_ oder _Mimiô_,

d. h. der Sinnende. Verwandt scheint das ags. Adj. _mimor_, eingedenk,

und das Verbum _mimerien_, das auch nds. _mimeren_, grübeln begegnet.

In Deutschland haftet der Name an Ortsnamen wie _Mimigerdaford_

(Münster), _Mimidun_ (Minden), _Mimileba_ (am Harz und Memleben an

der Unstrut). Das Flüsschen _Mimling_ im Odenwald bezeichnet sich als

Abkömmling des _Mimo_ oder _Mimilo_. Zum Mimirquell stellt sich der

schwedische _Mimes sjö_, _Mimes å_, Mimis Fluss und See. Die deutsche

Heldensage (Biterolf 124 ff.) gedenkt eines klugen Schmiedemeisters,

der zwanzig Meilen hinter Toledo sass, Mime der Alte genannt. Der

schuf die besten Schwerter, die auf der Welt zu finden waren. Wielands

Schwert _Miming_, das Witege führte, war Mime zu Ehren so geheissen.

In der Thidrekssaga ist Mimir der Lehrmeister und Erzieher Sigfrids.

Saxo erwähnt noch einen Waldgeist namens Miming (_Mimingo silvarum

satyro_), der wunderbares Geschmeide, Schwert und Armring besitzt.

Mimir in den nordischen Quellen ist Riese, in der Heldensage aber

erscheint er als Zwerg und kunstreicher Alb. Elbische und riesische

Wesen gehen ja häufig in einander über. Tiefe Weisheit ist überall mit

diesem Wesen verknüpft. Seine Behausung ist Wald und Wildniss, Gewässer

sind nach ihm benannt. Im Norden ist er von der Quelle unzertrennlich,

Beherrscher der Gewässer ist Mimir wol von Anfang an. Seen, Flüsse,

Wälder und Bäume, die mit seinem Namen in Verbindung stehen, belehren,

dass wir keinen Meerriesen, sondern +den Herrn der Binnengewässer+

vor uns haben. Damit treten wir der Urgestalt des _Mimiaz_ näher.

Die Germanen dachten sich darunter einen urweisen Wasserriesen, der

im geheimnissvollen Dunkel tiefer Haine an murmelnden Quellen oder

zauberisch wallenden Bergseen zu Hause war. Seine Söhne, die Flüsse,

strömten zu den Menschen. Wer ihrem Ursprung nachging, bis in die

Nacht des Urwalds zum geheiligten Baume, aus dessen Wurzeln der Quell

hervorsprudelte, wo „Mimir sein Haupt barg“, vorzudringen vermochte,

der stand am Urquell alles Wissens. Der alte, erfahrene, kunstreiche

Wald- und Brunnengeist beriet selbst Odin, er war Lehrer und Meister

der besten Helden und stattete sie mit köstlichem Rüstzeug aus.

4. Wind- und Wetterriesen.

Aus Wind und Wetter gingen Riesen hervor. Der brausende Sturm gab zu

verschiedenen mythischen Gebilden Anlass. Im Winde zogen die Seelen,

das wütende Heer, im Sturm erschien der wilde Jäger, der Wode. Kaum

ist eine Sage der Gegenwart häufiger und vielfältiger bezeugt als

diese[131]. Unter Wodan wird noch mehr davon zu berichten sein, hier

sollen nur einige Gestalten herausgehoben werden, in denen der +Sturm

als Riese+ verkörpert wird. In der Schweiz heisst die wilde Jagd das

_Dürstengejeg_. Das Volk hört den _Dürst_ in den Sommernächten am Jura

jagen und die Hunde mit seinem Hoho anfrischen; Unvorsichtige, die

ihm nicht aus dem Wege weichen, überrumpelt er. Wenn die Alemannen

den _thurs_ umreiten hören, so die Dänen den _jotun_. Auf der Insel

Möen jagt der _Grönjette_, der bärtige Riese, jede Nacht zu Pferde,

eine Meute Hunde um sich herum. Er jagt nach der Meerfrau, die er

schliesslich einholt und quer vor sich übers Pferd wirft. Im Süden und

Norden sieht also die Sage gleichmässig im wilden Jäger einen riesigen

Reiter und nennt ihn noch nach seinen alten Namen. Die allgemeinen

Bezeichnungen des Riesengespenstes als Nachtjäger, Helljäger, die

vielen geschichtlichen Personen, die damit verknüpft wurden, berühren

uns in dieser Mythologie nicht weiter, wo nur auf den _Riesenjäger_ und

auf den _Wode_ Gewicht fällt. Jedoch ältere Sagen aus dem Mittelalter,

die auf derselben Vorstellung beruhen, verdienen Beachtung. In einem

Wettersegen des 11. Jahrhunderts wird _Mermeu_t, der übers Wetter

gesetzt ist, ein Riese (_daemon et satanas_) beschworen, keinen Hagel

übers Feld zu bringen.[132] In einem späteren Segen steht: _„Ich peut

dir Fasolt, dass du das wetter verfirst mir und meinen nachpauren ân

schaden“._ Dieser _Fasolt_ ist also ein Wetterherr. Im Eckenlied wird

Näheres von ihm erzählt, und er zeigt sich deutlich als Sturmriese,

als wilder Jäger. Fasolt, dessen Leib Riesenlänge hat, der langes

Frauenhaar trägt, dem wilde Lande unterthan sind, kommt daher geritten

mit lautem Horneston, von Hunden umgeben. Er jagt eine schöne Jungfrau,

die in Dietrichs Schutz flüchtet. Im Kampfe mit Dietrich bricht Fasolt

starke Baumzweige ab, mit denen er auf seinen Gegner losschlägt.

Der Sturmriese fällt Bäume, räumt den Wald aus und lässt ihn laut

erschallen, wie die Riesennamen der Virginal Vellenwalt, Rûmenwalt,

Schelledenwalt andeuten. Das spätmhd. Gedicht vom _Wunderer_ schildert

einen ähnlichen wilden Unhold, der mit Hunden die Jungfrau Sälde

hetzt und sie fressen will, aber vom Berner im Kampf erschlagen

wird. Überall tritt uns das Bild des Sturmriesen vor Augen, dem

die Windsbraut oder ein elbisches Weib voranfegt. Wenn nach den

Skáldskaparmál Kap. 1 Odin auf Sleipnir mit dem Riesen Hrungnir wettet,

er habe gewiss kein ebenso treffliches Ross, Hrungnir aber zornig

seinen Gullfaxi besteigt und dem Odin nachjagt, wenn die Rosse durch

Luft und Meer über die Spitzen der Hügel hinfliegen, so erschauen wir

ein Wettrennen zwischen dem _Sturmgott_ und seinem riesischen Urbild,

dem _Sturmriesen_. Der Windriese nimmt aber auch tierische Gestalt an.

Als Adler rauscht er durch die Lüfte. So heisst es im Wafthrudnirlied

37:

Der Riese Hraeswelg sitzt am Rande des Himmels

In des edlen Aars Gestalt;

Regt er die Schwingen, so rauscht, wie man sagt,

Der Wind dahin durch die Welt.

Darum erscheinen Riesen überhaupt gern in Adlergewand. Thjazi, der

Sturmriese des nordischen Hochgebirges, sitzt in Adlergestalt im

Gezweig der Eiche und verhindert mit seinem Flügelschlage, dass die

unter dem Baum gelagerten Götter das Fleisch am Feuer gar sieden. Der

Sturm rauscht in den Baumzweigen, das ist die Stimme des Adlerriesen,

welche die Götter vernehmen, der Wind verweht das Kochfeuer und

verhindert so den Sud, bis ihm Anteil an der Speise zugesagt wird. Auch

nach späterem Volksglauben will der Wind Opfer haben und gefüttert

sein. Hernach entführt Thjazi in Adlergestalt die Idun aus Asgard, in

Adlergestalt verfolgt er Loki, welcher Idun zurückholt, und versengt

sein Gefieder im Feuer, das die Asen entfacht, worauf er erschlagen

wird. Thrymheim, die Welt des Getöses (_þrymr_, Lärm, Getöse), wo

die Stürme sausen und brausen, wol nur ein anderer Name des „_weiten

Windheims_“, wie die Vǫlospǫ́ den Himmel als die Heimat der Winde

bezeichnet, ist des Thjazi Wohnsitz. Dem mit dem Dichtermet im Leibe

in Adlergestalt entfliegenden Odin setzt Suttung gleichfallls in

Adlergestalt nach. Wie der Sturmgott mit dem Sturmriesen Hrungnir um

die Wette ritt, so fliegt er hier als Adler mit ihm um die Wette.

Derselbe Gedanke ist bildlich nur anders gewendet.

Die Skalden bezeichnen, vielleicht teilweise aus volkstümlicher

Anschauung schöpfend, den Wind wie ein persönliches Wesen, als den

Brecher (_brjótr_), Schädiger (_skađi_), Fäller (_bani_) des Waldes.

Auch als Hund und Wolf (_hundr_, _vargr_) des Waldes erscheint

der Wind. Bereits bei den Elben war auf die Tiere hinzuweisen, auf

den Roggenwolf und Roggenhund, die beim Winde durchs Korn laufen.

Korngeister in menschlicher und tierischer Gestalt gibt es in Menge.

Elbe und Riesen gehen aber in diesen „Korndämonen“ so unmerklich in

einander über, dass ebenso dieser Abschnitt wie der vorige ihrer zu

gedenken hat.

Riesen des tosenden Gewitters, Gegenbilder Thors, wie die Windriesen

Odin gegenüber stehen, treten in Hrungnir, Geirröd und vielleicht

auch in Thrym hervor. Hrungnir ist mit Thrym gleichbedeutend, der

Lärmer[133], und wol alle gehören nach Thrymheim, das dem Thjazi als

Heimstätte zugewiesen ist. Die Gegnerschaft Thors und Thryms ergibt

sich aus dem Gedichte, das schildert, wie Thrym den Hammer des Gottes

entwendet. Gott und Riese streiten um die Herrschaft über das Gewitter.

Im offnen Kampfe erblicken wir Thor mit Hrungnir und Geirröd. Hrungnir

und Mokkurkalfi (Nebelwade), der Stein-, Lehm- und Nebelriese, der

umnebelte, aus Lehmgrund aufragende Fels im Geröllfelde, werden

besiegt, wenn krachend Gewitter im Gebirge sich verfangen. Es ist das

Unwetter des nackten Felsgebirges, das mit Geröllsturz herniederbraust,

vom Gewitter gerüttelt und gelöst. Leicht vermischt sich die

Vorstellung vom Wetterriesen mit der des Bergriesen, da Wind und Wetter

aus den Bergen hervorbrechen. Der Kampf zwischen Thor und Geirröd

spielt sich in Geirröds Halle ab. Die ganze Halle entlang waren grosse

Feuer entzündet; als Thor vor Geirröd trat, fasste dieser mit einer

Zange ein glühendes Eisenstück und warf es nach Thor. Thor aber fing

das glühende Eisen mit seinen Eisenhandschuhen auf und hob es in die

Luft. Da sprang Geirröd hinter eine Säule, um sich zu schützen, Thor

jedoch schwang das Eisenstück hoch in die Luft und schmetterte es durch

die Säule. Es durchschlug auch den Geirröd und die Wand der Halle und

fuhr ausserhalb tief in die Erde hinein. Das Geschoss ist das Bild des

Blitzes. Blitze zucken gegen einander, wo zwei Gewitter auf einander

stossen. Der Gewittergott überwindet den Gewitterriesen. Aber nur in

diesem Wettkampfe zeigt sich Geirröd als Gewitterriese, im übrigen ist

die Sage reich mit allerlei anderen Zügen ausgestattet.

Noch sind einige Namen zu erwähnen, die aber nicht über die mythische

Keimbildung blosser Personificierung gediehen, wenigstens sind keine

Sagen davon bekannt. Unter den Riesennamen der SE. finden wir einen

_Vindr_; in einer norwegischen Wendung der Sage vom Riesenbaumeister,

der dem hl. Olaf eine Kirche baut, führt der Unhold den Namen _Vind

och Veder_, oder _Bläster_. In Deutschland ist von der _Windin_,

der _windes brût_ oder _windgelle (venti concubina)_ die Rede,

der Wirbelwind ist als ein durch die Luft fahrendes, vom Sturm

umbuhltes Riesenweib gedacht. _Vindsvatr_ (Windkühl) oder _Vindljóni_

(Windmensch) heisst im Norden des _Vętr_ (Winter) Vater. Die Eltern

Lokis, _Fárbauti_, den gefährlich Schlagenden, d. h. den Sturmwind,

und _Nál_, d. h. Nadel am Nadelbaum oder _Laufey_, d. h. Laubinsel

deutet Bugge, Studien 80 als ein dichterisches Bild, das den Ursprung

des Feuerriesen Loki erklären soll: der Sturm schlägt und entfacht

Feuerflammen aus dem Gehölz. In der Virginal 732 tritt ein Riese

Velsenstôȥ auf:

_sîn stimm rekt als ein orgel dôȥ,

sô man sî sêre stimet;

dâ von berc unde tal erschal._

Handbuch der Germanischen Mythologie · 第 17 / 68 段