Riesen beigelegt, sie stehen gleich Bergen und hohen Bäumen, starr und
unbeholfen. In den Riesen waltet volle ungebändigte Naturkraft, die
zu wildem, trotzigem Übermut entarten kann. Die Riesen zumal in den
älteren Quellen erscheinen wolgebildet und von vollkommenem Wuchs,
so Aegir, Thrym und Thjazi. Thrym, ein behaglicher stattlicher Mann,
der Thursenbeherrscher, sitzt auf dem Hügel und flicht seinen Hunden
goldene Halsbänder, glättet seinen Rossen die Mähne; Aegir führt
gastliche Wirtschaft. Einzelne Riesinnen sind sogar ausnehmend schön,
so Gerd, von deren glänzenden Armen Luft und Wasser wiederleuchten.
Skadi des Thjazi Tochter ist ebenso schön, der Gunlod naht Odin in
Minne. Dem edlen Äussern entspricht auch ihr wolbestelltes Innere.
Erfahrung, Vielwissenheit, Gutmütigkeit und Gastfreundschaft schmücken
das Riesengeschlecht, der kindliche Frohsinn friedlicher einfacher
Verhältnisse lagert über ihnen, und daraus entspringt ihre Treue.
_Barnteitr_, froh wie ein Kind, ist Aegir. Ihr hohes in die Urzeit
hinaufreichendes Alter gewährt den Riesen tiefe Weisheit. _Hundvíss_,
vielwissend, _fjǫlkunnigr_, vielkundig werden sie genannt. Wafthrudnir,
von dem Odin Kunde der Vorzeit erfragt, ist _enn alsvinne jǫtonn_,
der allweise Riese, dem Örgelmir und Bergelmir wird das Beiwort _enn
fróþe_, der Kluge gegeben. Fenja und Menja sind _framvísar_, Zukunft
wissend. _Trolltryggr_, treu wie ein Riese, ist eine sprichwörtliche
Redensart, welche auf die unverbrüchliche Treue der Riesen hinweist.
Übermütig, hochgemut (_stórúþegr_) ist Hrungnir, ebenso heisst ein
deutscher Riese in der Virginal 890 _Hôhermuot_. _Þrúþmóþegr_,
thatkräftig, _harþmóþegr_, rauh, _ámáttegr_, übermächtig werden Riesen
genannt. Aus ihrer gutmütigen Ruhe aufgereizt geraten die Riesen
aber in grossen Zorn, _jǫtonmóþr_. Deutsche Gedichte und Volkssagen
schildern solchen Zustand. Wenn die Riesen im Zorne entbrennen, so
schleudern sie Felsen, reiben Flamme aus Steinen, drücken Wasser aus
Steinen, entwurzeln Bäume, flechten Tannen wie Weiden und stampfen
mit dem Fuss bis ans Knie in die Erde. Widolt im König Rother
wird seines unbändigen Wesens halber in Fesseln gelegt und nur im
Kampf gegen den Feind losgelassen. Steine und Felsen, Baumstämme
sind des Riesengeschlechtes Waffen, allenfalls auch Steinschilde,
Steinkeulen, Stahlstangen. In der Bewaffnung verkörpert der Riese dem
wolgerüsteten, mit Speer und Schwert bewehrten Helden gegenüber ein
uraltes vergangenes Geschlecht, das noch keine kunstvollen Waffen
zu schmieden verstand. Neben den wolgestalteten, gutartigen Riesen
stehen aber ebensoviele ungestaltige, bösartige. Die nordischen
Riesennamen Swart, Alswart, Swarthöfdi (Schwarzkopf), Surt, Blain
(dunkel), Syrpa (die Schmutzfarbige) geben den Unholden hässliche,
abschreckende Farbe, Lodin (der Zottige) und Lodinfingra (die
Zottelfingrige) zeigen sie behaart und zottig, Liota ist die Garstige.
Diesen allgemeinen Eigenschaften gesellen sich besondere. Jarnhaus
(Eisenschädel), Hardhaus (Hartschädel) erweisen die Hartnäckigkeit der
ungeschlachten Gesellen, Wagnhofdi muss einen Kopf wie einen Wagen so
gross gehabt haben, Skalli ist ein grosser Kahlkopf. Die Nase war von
ungewöhnlicher Grösse und Dicke, wovon Nefja (die Benaste) ihren Namen
trug. Skinnnefja die Pelznasige, Hornnefja die Hornnasige, Jarnnef
der Eisennasige verraten solche Entstellung. Bei Henginkjapt und
Henginkepta hängt der Kiefer herab, Muli ist der Grossmäulige. Um Wange
und Kinn starrte ein struppiger Bart, kalter Hauch wehte daraus, wie
die Namen Þistilbarð (Distelbart) und Kallrani (kalter Rüssel) lehren.
Vom Riesen Hrungnir wird berichtet, sein Kopf und Herz seien aus Stein
gewesen. Auf den weitausschreitenden Gang zielen Namen wie Stígandi,
Hástigi, Steiger und Hochsteiger, auf den zermalmenden Griff der
breiten Hände die Namen Greip, Hardgreip, Widgrip, auf Riesenstärke,
die gewaltige Thaten vollbringt, Sterkir, Starkad, Hardwerk, Fjolwerk,
Storwerk. Neben dem Gattungsnamen _etanaȥ_ weist auch der besondere
Eigenname Wolvesmage (Virginal 882) auf die wölfische Gefrässigkeit.
So sind die Riesen in ihrem Äusseren und ihrem Gebahren unerfreulich,
schrecklich, feindselig. Sowol nordische wie deutsche Überlieferung
hebt nicht nur die Missgestalt, sondern auch die Ungestalt einzelner
Riesen hervor. Eines dreiköpfigen Thursen gedenkt das Skirnirlied 31,
eines sechsköpfigen das Wafthrudnirlied 33; im Hymirlied 35 bricht
die vielköpfige Riesenschaar aus den Berghöhlen hervor, Hymirs Mutter
hat gar neunhundert Köpfe. _Drîhouptige tursen_, siebenköpfige Riesen
erwähnen auch deutsche Märchen. Die Zahl der Arme, Hände, Elbogen
werden verdoppelt und verdreifacht (J. Grimm, Myth. 360). Kaum aus
unverfälschter germanischer Sage, vielmehr aus fremden orientalischen
Einwirkungen mögen solche Vorstellungen entstanden sein. In den
hässlichen, schrecklichen Riesen wohnt auch böse Gesinnung. An Stelle
der Weisheit tritt Stumpfsinn, im Nordischen ist _dumbr_ und _stumi_,
stumm und dumm, im Deutschen _tumbo_ eine Bezeichnung der Riesen. Der
dumme Riese und sein christlicher Vertreter, der dumme Teufel wird
nicht allein durch Heldenkraft, sondern auch durch List und Schlauheit
überwunden.
Den Riesen ist im allgemeinen der Wohnsitz in dem Elemente, das sie
verkörpern, zugeteilt. Jedoch kennt die Sage auch ein besonderes
Riesenland (Rother 767), im Norden _jǫtonheimr_. Die Norweger verlegten
Riesenheim in den Norden oder Osten, aufs unwirtliche unzugängliche
Hochgebirge. Auf der Grenze ist Grjótúnagard, Bezirk der Steingehege.
Dort wohnt das Thursenvolk, als dessen Beherrscher (_þursa dróttenn_)
Thrym bezeichnet wird. Sonst werden die Riesen mit andern Unholden wol
auch in _Utgard_ unter dem Beherrscher Utgardloki wohnhaft gedacht.
In den nordischen Quellen sind die Riesen in die Göttersage verwoben,
in den deutschen Gedichten erscheinen sie als besonders starke,
wilde und gefährliche Männer. Hier wie dort stehen sie meistens der
Weltordnung feindlich gegenüber.
„Denn die Elemente hassen
das Gebild der Menschenhand.“
Darum sind die Riesen gewöhnlich bösartig, auf gewaltsamen Umsturz
bedacht. Im Norden sind die Riesen von den Göttern bezwungen und in
wolthätige Schranken gebannt, gleichwol aber stets von der Hoffnung
beseelt, das urzeitliche Chaos wieder heraufzuführen, ihre verlorene
Herrschaft durch Vernichtung aller göttlicher und menschlicher Ordnung
wieder an sich zu reissen. In deutscher Sage unterliegen die Riesen den
Helden, welche zur Bekämpfung der gewaltthätigen Unholde erschaffen
sind. Die Herrschaft des Geistes über die Natur ist der Grundgedanke
der Riesensagen. Sehr ergiebig ist die noch lebende Volksüberlieferung.
Von Norwegen bis Tirol begegnen die Riesen überall mit denselben Zügen,
mit derselben Wildheit und plumpen Gutmütigkeit. Im Norden und Süden,
im Meer und auf dem Hochgebirge, wo der Mensch die Wut der entfesselten
Elemente mehr verspürt, sind die Riesen hauptsächlich zu Hause, weniger
im mittleren Deutschland. Riesenschlangen und andre Ungetüme entsteigen
den Gewässern. Kleine Sandhügel und erratische Granitblöcke rühren
von Riesen her. In den norwegischen Gebirgen und in den süddeutschen
Alpen ragen die versteinten Leiber der Riesen auf und gewaltige
Naturereignisse bezeugen ihr fortdauerndes Leben. Mit Felsen und Bäumen
bekämpfen sich die Riesen, ungeheure Blöcke schleudern sie gegen
die verhassten Kirchen, ihr Vieh treiben sie mit Bäumen als Gerten
zusammen, ganze Hügel streichen sie von den Schuhen oder schütten sie
daraus, als ob es Sandkörner wären. An vielen Orten werden die Spuren
ihrer Füsse, Finger oder Sitzteile in Steinen gezeigt.
Die Riesen gelten als treffliche Baumeister. Uralte Steinbauten, Burgen
und Wege pflegt das Volk den Riesen oder dem Teufel[112] zuzuschreiben,
wie die griechische Sage von Kyklopenmauern meldet. Dafür zeugt der
Heliand und die angelsächsische Dichtung. Eine hochragende Felsenburg
auf Bergesgipfel wird im Hel. 1397 ein Riesenwerk (uurisilic giuuerc)
genannt.[113] Riesenberge (nds. wrisberg) können als Wohnsitz oder
Bauwerk von Riesen so heissen. Im Beowulf 2718 wird die Drachenhöhle
als _enta geweorc_ bezeichnet, wo Steinbögen auf Pfeilern die Erdhalle
stützen. Riesenwege (_jǫtna vegar_, _entiscen wec_, _trollaskeiđ_)
sind wol alte gepflasterte Heerstrassen, welche die Germanen ebenso
wie die römischen Steinbauten bewunderten und deren Ursprung der
Volksglaube allmälig auf übermenschliche Wesen zurückführte. Aus dieser
Vorstellung erwuchs die Sage vom Riesenbaumeister, welche in der Edda
und in zahlreichen nordischen und deutschen Volkssagen auftaucht. Ein
Riese, ein Unhold, der Teufel, erbietet sich, gegen Lohn einen Bau bis
zu einer bestimmten Zeit auszuführen. Meist verlangt er die Seele des
Hausherrn oder eine Jungfrau, also ein Menschenopfer. Aber durch List
gelingt es, die Arbeit im letzten Augenblick so aufzuhalten, dass zur
gesetzten Frist noch eine Kleinigkeit fehlt. Damit ist der Riese um
seinen Lohn betrogen. Der heilige Olaf liess auf diese Weise vom Troll
sogar eine Kirche bauen.[114]
An einzelne Felsblöcke, die in der Ebene verstreut liegen, an Hügel,
Sanddünen, kleine Inseln knüpfen gerne Riesensagen an, welche die
örtlichen Erscheinungen auf Riesenthaten zurückführen. Wenn im schmalen
Sunde wie etwa zwischen Rügen und Pommern, Seeland und Schonen kleine
Inseln aufragen oder am Gestade Hügel sich erheben, so sind es Spuren
von Dammbauten, welche einst Riesen beabsichtigten, um trocknen Fusses
über das Wasser gehen zu können und nicht immer durchwaten zu müssen.
Die Erdhaufen im Wasser und am Lande entstanden dadurch, dass Sand und
Steine durch Löcher aus den Schürzen der Riesen herausfielen. Grosse
Steine, die an solchen Orten liegen, dass das Volk nicht begreifen
kann, wie sie dahin kamen, wurden von Riesen wie Sandkörnchen aus den
Schuhen geschüttet. Damit wird auch humoristisch übertreibend die
gewaltige Grösse des Riesen angezeigt, dem ein ansehnlicher Felsblock
nur wie ein kleines Steinchen im Schuh ist. Manchmal sind die Steine
aber auch von Riesen geworfen, und deutlich erkennt man darin die Spur
ihrer fünf Finger abgedrückt. Meilenweit reicht der Wurf der Riesen,
meilenweit der Schall ihrer Stimme. Der Wurf ist oft feindselig gegen
Menschenwerk, besonders gegen Kirchen gerichtet, verfehlt aber sein
Ziel. Sümpfe und Pfützen sind aus dem Blute entstanden, das aus der
Wunde eines Riesen hervorströmte, wie in der nordischen Schöpfungssage
Ymirs Blut die ganze Welt ertränkt und das Meer erfüllt.
Das riesische Übermaass schildern ziemlich ähnlich die nordische Sage
und ein deutsches Kindermärchen. Skrymir, der sich auf der Fahrt
nach Utgard zu Thor gesellt, wird vom Hammer des Gottes mehrmals im
Schlafe getroffen. Das erste Mal fragt Skrymir, ob ein Blatt Laub auf
ihn herabgefallen sei, das andre Mal, ob ihm eine Eichel ins Gesicht
fiel, das dritte Mal meint er, Vogelmist falle von den Zweigen auf
sein Haupt herab. Thor aber hatte immer mit voller Kraft zugeschlagen.
Im Märchen (bei den Brüdern Grimm Nr. 90) werden Mühlsteine auf den
Riesen im Brunnen hinabgeworfen, und er ruft: „Jagt die Hühner weg,
die da oben im Sande kratzen und mir Körner in die Augen schmeissen!“
Wie der Riese heraussteigt, sagt er: „Seht einmal, ich habe doch ein
schönes Halsband um“, da war es der Mühlenstein, den er um den Hals
trug. Weit verbreitet ist auch die Sage vom Riesenspielzeug, wie eine
Riesentochter den pflügenden Ackermann aufnimmt und in ihrer Schürze
dem Vater heimträgt.
Ganz besonders reich an Riesensagen ist Tirol, wo auch im Mittelalter
die Riesenkämpfe Dietrichs von Bern und seiner Gesellen sich abspielen.
Weinhold (Riesen S. 305) stellt die wesentlichen Züge zusammen: „Da
fährt der Bauer mit allem Zeug in einen gestrüppvollen Hohlweg, und
das ist zum Unglück das Nasenloch des Riesen, der ihn samt Ochsen und
Wagen in die weite Welt hinausniest; da wird von dem Brüllen eines
Riesen in seiner Höhle der ganze Glunkezer Berg morsch und stürzt jetzt
ein, weshalb die andern wilden Männer sich lieber ruhig verhalten; da
ist der Riese so hoch, dass der Bauer, der ihm dient, auf eine Tanne
steigen muss, wenn er ihm was zurufen will; da treffen wir auch noch
alte gute Eigenschaften der ungeheuren Gesellen. Weichherzig weinen
sie über verunglückte Tiere, schützen die Waldvögel und das Alpenvieh,
sagen das Wetter voraus und lehren die Bauern manches Nützliche; denn
sie sahen den Urwald schon neun Mal fällen und wachsen und erfuhren
deshalb so mancherlei. Der und jener Wilde sperrt sich auch ein seliges
Fräulein in den Singkäfig, statt es zu zerreissen, wie ihre Sitte
sonst ist. Auch suchen sich einige den Menschen zu nähern. Mancher
Riese kehrte über den Winter in Bauernhöfen ein und erwies sich im
Sommer darauf für die Herberge dankbar, indem er den Hof vor wilden
Wassern und Bergfällen schirmte. Riesentöchter spannen Liebschaften mit
starken Bauern an und, wenn diese nicht beim ersten Kuss an gebrochenen
Rippen verschieden, heirateten sie sich und wurden die Stammeltern der
Unholde und der Starken, welche an vielen Orten bis in die jüngste
Zeit fortlebten. So bewegt sich die Vorstellung von den Riesen im
Volke noch heute auf denselben Wegen, die ihr im ältesten Heidentume
gebaut wurden.“ Die Riesenart, wie sie in der neuisländischen Sage sich
äussert, schildert Maurer (isl. Volkssagen S. 38 ff.) also: „An Wuchs
und leiblicher Stärke die Menschen weit überragend, sind die Tröll wild
und unbändig, dumm, gefrässig und blutdürstig; andererseits aber sind
sie daneben doch auch wieder geheimen Wissens und Könnens voll, dabei
gutmütig, ehrlich, und zumal treu wie Gold. Gegen Beleidigungen sind
sie sehr empfindlich und suchen solche schwer zu rächen; andererseits
aber erweisen sie sich auch dankbar für empfangene Wolthaten, und
erzeigen sich auch wol ohne solche Veranlassung den Menschen hilfreich.
Als Menschenfresser werden sie oft genug geschildert; andererseits aber
sind auch wieder Liebschaften zwischen Riesen und Menschenweibern,
oder umgekehrt zwischen Menschenmännern und Riesinnen nicht selten.
Wenn auch in mancher Hinsicht verunstaltet, werden die Tröll doch
immer wesentlich menschlich gestaltet gedacht; aber sie erscheinen
gewissermaassen als ein älteres Geschlecht von Menschen, sie sind zumal
dem Christentum feindlich und suchen dessen Fortgang auf jede Weise
zu hemmen. Sie wohnen auf felsigen Gebirgen und in Berghöhlen; leben
von der Jagd, dem Fischfange und allenfalls von der Viehzucht; als
wesentlich nächtliche Geschöpfe vermögen sie das Tageslicht nicht zu
ertragen, und springen in Stein, sowie sie von der Sonne beschienen
werden.“ In vielen Sagen, aber auch in manchen sprichwörtlichen
Redensarten begegnen die erwähnten Eigenschaften der Riesen. Die
Ausdrücke, welche Riesinnen bezeichnen, wie _skessa_, _flagđ_
u. dgl. werden in tadelndem Sinne von Weibern gebraucht, die durch
unordentliche Haltung, heftige Bewegungen, maasslose Heftigkeit Anstoss
geben. Will man bezeichnen, dass einer stier und dumm verwundert eine
Sache anstarre, so braucht man wol den Ausdruck: etwas anglotzen wie
der Riese das Himmelreich, das ihm, dem Christenfeinde, natürlich
völlig verschlossen und fremd ist. Wiederum spricht man in lobendem
Sinne von _tröllatryggđ_, Riesentreue, oder sagt von einem Manne: _hann
er mestr tryggđatröll_, er ist der vollständigste Treuriese; es gilt
auch das Sprichwort: _tröll eru í tryggđum bezt_, die Riesen sind am
besten, soweit Friedensverträge in Frage stehen, _tröll gánga trauđt á
griđ sín_, die Riesen brechen nicht leicht ihr Friedensgelöbniss.
Riesische Wesen in Tiergestalt sind nicht selten. Dahin gehören der
Midgardswurm, der Adler Hräswelg, von dessen Schwingen die Winde
ausgehen, der Wolf Fenrir, die Sonnen- und Mondwölfe. Riesennamen
wie Kǫtt (Kater), Hyndla und Mella (Hündin), Trana (Kranich), Kráka
(Krähe) weisen aufs Tierreich. Die Sage meldet auch von Verwandlungen:
so erscheint Thjazi als Riesenadler, Fafnir nimmt Wurmsgestalt an
und liegt auf dem Hort, im hürnen Seyfrid 22 wird der Drache zu
einem Menschen, zunächst für einen Tag, nach fünf Jahren soll er für
immer menschliche Gestalt gewinnen. Die Verwandlungsfähigkeit der
Riesen ist aber im allgemeinen seltener als die der Elbe und wol von
dorther entlehnt. Dem ungeschlachten Riesen steht die geschmeidige
Beweglichkeit des Albs nicht wol an. Wie die Elemente zu Riesen wurden,
lehrt eine ziemlich junge norwegische Sage, worin die gewöhnlichen
Bezeichnungen, welche die Sprache für die Naturerscheinungen
besitzt, persönlich genommen und in Verwandtschaftsverhältniss zu
einander gesetzt sind. Auf ähnliche Weise dürften auch die älteren
Riesengestalten entstanden sein. Als die ältesten Bewohner Norwegens
gelten die Riesen, Forniots Geschlecht. Des Stammvaters Namen und Art
ist noch nicht sicher aufgeklärt[115], über seine Nachkommenschaft[116]
aber kann kein Zweifel aufkommen, ihr Wesen ist durchsichtig. Von
Forniot stammen die Söhne Hler, Logi und Kari; der erste, auch Aegir
genannt, waltete über das Meer, der zweite über die feurige Lohe,
der dritte über die Winde. Logi bedeutet Lohe, Kari Wind. Von Kari
entspringen Jokul (Gletscher), von diesem Snær (Schnee), dessen Kinder
waren Thorri (Januarmonat), Fonn (Schneehaufe), Drifa (Schneetrift),
Mjoll (feiner glänzender Schnee). Nach anderem Bericht ist Frosti
(der Frost) des Snær Vater. Kalt weht es aus diesem Zweige des
Riesengeschlechtes von dem norwegischen Hochgebirge herunter. Über
die untersten Ansätze der Mythenbildung, die Personificierung blosser
Begriffe, geht eine Sage vom König Snær oder Snio hinaus, welche
Uhland (Schriften 6, 23) so auslegt: „Wenn bei Saxo der Dänenkönig
Snio seinen vermummten Boten nach einer schönen Königin in Schweden
ausschickt, wenn der Bote ihr leise, leise zusingt: Snio liebt dich,
und sie ebenso, kaum hörbar, entgegenflüstert: Ich lieb ihn wieder,
und wenn sie dann die verstohlene Zusammenkunft auf den Anfang des
Winters bestimmt; wenn nach der Saga von Sturlaug dieser norwegische
Jarl und nachmalige König in Schweden seinen Pflegbruder Frosti nach
der schönen, lichtgelockten Mjoll, der Tochter des Finnenkönigs Snær,
aussendet und Frosti die mit ihm Entfliehende unter dem Gürtel fassen
muss, worauf sie rasch im Winde hinfahren; oder wenn nach dänischen
Chroniken Snio ein Hirte des Riesen Lä (Hler) auf Läsö ist, so erahnt
man wol noch bald das leise Gesäusel der niederfallenden Flocken, bald
den stürmischen Flug des glänzenden Schneegestöbers, bald den dichten
Trieb der Schneewolkenherde vom Meere her, dem Gebiete des Hlers, in
seltsame Märchenbilder verwandelt.“ Von Logi, der mit dem Namenshelden
der norwegischen Landschaft Halogaland als Halogi zusammengeworfen
wird, erfahren wir noch, dass seine Frau Glod, die Glut, hiess; seine
Töchter waren Eysa und Eimyrja, Glutasche. Von Hlers Sippe, seinen
Wellentöchtern wird unten Näheres zu berichten sein. So waltet also das
Riesengeschlecht in Luft, Feuer und Wasser. Besonders der Wind, der von
den Gletschern herunter weht und Schnee daher treibt und aufhäuft, ist
ihr Element.
Die Volkssage schreibt den Riesen hohes Alter zu. Noch im späten
Mittelalter gelten Zwerge und Riesen für älter als die Menschen. Die
nordische Mythologie versetzt die Riesen in das uranfängliche Chaos,
aus dem sich der Urriese Ymir (auch Örgelmir oder Brimir genannt)
als erstes leibliches Gebilde erhebt. Somit sind die Riesen auch
älter als die Götter, und die nordische Sage führt diese Thatsache
folgerichtig dahin aus, dass von den Riesen vor allen tiefste Weisheit
über urweltliche Zustände und Ereignisse zu erholen ist. Ymir, der aus
der Mischung der Elemente unmittelbar erwuchs, ist der Ahnherr aller
Riesen. Selbst die Götter sind den Riesen verschwägert. Bur nahm eine
Riesin, Bestla des Bolthorn Tochter, zur Frau. Mimir scheint ihr Bruder
und Bolthorns Sohn gewesen zu sein. Von Bur und Bestla entstammten aber
Odin, Wili und We. Jedoch die ganze Schöpfungssage und das Verhältniss
der Götter und Riesen steht unter fremden Einflüssen, wie später
ausgeführt wird.
Wie die Elbe so haben auch die Riesen zuweilen etwas Scheues,
Heidnisches an sich, sie gebärden sich wie ein bedrängter Volksstamm,
der im Begriff steht, die alte Heimat den neuen mächtigen Ankömmlingen
zu überlassen. In der Sage vom Riesenspielzeug betrachtet die
Riesentochter die Menschen als kleine Erdwürmer, der alte Riese
aber weiss, dass sein eignes starkes Geschlecht den unscheinbaren
Geschöpfen unterliegen muss. Dem Christentum sind die Riesen feind,
sie schleudern Felsen gegen Kirchen. Aber sie müssen weichen. Als der
heilige Gallus in stiller Nacht die Netze zum Fischen auswarf, vernahm
er die Zwiesprache zwischen einem Bergriesen und einem Wasserriesen,
die darüber Klage führten, dass der neue Glaube ihre Macht breche,
dass sie selber aber ihren Feinden, den Gottesmännern, welche sich mit
dem Gebet schützten, nicht an könnten. Da bekreuzigte sich Gallus und
bannte sie aus der Gegend[117]. So feindselig die Riesen aber auch im
allgemeinen dem neuen Glauben entgegen stehen, so macht sich doch auch
wie bei den Elben zuweilen die Sehnsucht bemerkbar, seiner Segnungen
teilhaftig zu werden. In der Sage von Þorstein uxafót Kap. 6 richtet
ein Erdriese (jarðbúi), der ihn in einem Kampfe unterstützt hatte, die
Worte an Thorstein: „Du wirst auch einen Glaubenswechsel mitmachen,
und dieser Glaube ist viel besser für die, die ihn annehmen können.
Aber die müssen zurückbleiben, die nicht hiezu geschaffen sind, und so
sind wie ich; denn ich und meine Brüder waren Erdriesen. Nun schiene
mir aber viel daran zu liegen, dass du meinen Namen unter die Taufe
brächtest, wenn es dir beschieden wäre, einen Sohn zu bekommen.“ Ebenso
verlangt der Riese Armann, der dem Hallward im Traume erschien, „wenn
es dir möglich wird, sollst du meinen Namen unter die Taufe und unter
das Christentum bringen“[118].
3. Wasserriesen.