hervorzuheben. Das Marmennill, das Meermännlein, ist ein weissagender
Seezwerg, von dem auf Island eine altbezeugte Sage umläuft. In der
Landnáma II, 5 wird erzählt: „Grim ruderte im Herbste mit seinen
Hausleuten zum Fischen, der Knabe Thorir aber lag vorn im Schiffe
und war in einem Seehundssacke und am Halse zugezogen. Grim fing ein
Meermännlein, und als es heraufkam, fragte Grim: Was weissagst du
uns über unser Schicksal, oder wo sollen wir wohnen auf Island? Das
Männlein antwortete: Euch brauche ich nicht zu weissagen, sondern
dem Knaben, der in dem Seehundssacke liegt; er soll da wohnen und
Land nehmen, wo eure Stute unter dem Gepäck sich niederlegt. Weiter
bekamen sie kein Wort von ihm.“ In der Halfssaga Kap. 7 wird erzählt:
„Den Herbst ruderten Vater und Sohn zum Fischen und sie fingen ein
Meermännlein, welches sie dem König Hjorleif brachten. Der König
übergab es einer Magd am Hofe und hiess es wol pflegen. Niemand bekam
ein Wort von ihm. Die Lichtträger zankten sich einmal und löschten das
Licht aus. Währenddem schüttete Hilde ein Horn über das Kleid der Aesa,
der König schlug sie mit seiner Hand, Aesa aber sagte, der Hund sei
schuld, der auf dem Boden lag. Da schlug der König den Hund. Da lachte
das Meermännlein. Der König fragte, warum er lache. Es antwortete: Weil
du dich dumm angestellt hast, denn diese werden dir das Leben retten.
Der König fragte ihn um mehr, erhielt aber keine Antwort. Da sagte der
König, er wolle das Männlein ans Meer bringen, wenn es ihm sage, was
er zu wissen brauche. Das Männlein sprach, indem es zur See fuhr: Ich
sehe leuchten weit im Süden im Meer, es will der dänische König die
Tochter rächen, er hat draussen eine Unzahl Schiffe, er entbietet den
Hjorleif zum Zweikampf; hüte dich als ein Kluger, wenn du willst; ich
will zurück zur See. Und als sie mit ihm dahin ruderten, wo sie ihn
heraufgezogen hatten, da sprach er: Einen Spruch kann ich sprechen den
Söhnen der Halogaländer, keinen guten, wenn ihr ihn hören wollt. Hier
fährt von Süden her des Svord Tochter, mit Blut begossen, von Dänemark.
Auf dem Haupte hat sie den Helm aufgebunden, das harte Heerzeichen
Hedins. Wenig wird den Burschen hier auf der Fahrt der Hildr zu warten
sein. Brechen wird der Schild, der runde. Ich wandte mein Auge hieher
übers Land zu den Zäunen der Leute. Jeder Mann soll Rüstung und Speer
haben, der grosse Erzsturm hebt an. Übel, mein ich, ergeht es, alle
haben das Jahr teuer erkauft, wenn das Frühjahr kommt. Da liess ihn
König Hjorleif über Bord. Da ergriff ihn ein Mann bei der Hand und
fragte: Was ist dem Manne das Beste? Das Meermännlein antwortete:
Kalt Wasser den Augen, mürb Fleisch den Zähnen, Leinwand dem Körper.
Lasst mich zurück in die See. Kein Mensch zieht mich jemals wieder vom
Meeresboden herauf auf ein Schiff.“ Die neuisländische Sage[102] aber
lautet so: Ein Bauer zog beim Fischen einst einen Seezwerg herauf, der
sich als Meermännchen zu erkennen gab; er hatte einen grossen Kopf und
lange Arme, vom Leibe abwärts aber glich er einem Seehunde. Er wollte
auf die neugierigen Fragen des Bauern keine Auskunft geben, deshalb
nahm ihn dieser trotz allem Sträuben mit sich ans Land. Hier kam die
Frau des Bauern, ein junges lustiges Weib, an den Strand und empfing
ihren Mann mit Küssen und Liebkosungen. Darüber freute sich der Bauer
und sagte ihr viel Schönes, seinen Hund aber schlug er, als dieser ihn
gleichfalls bewillkommnete. Das Meermännchen lachte, als es dies sah.
Der Bauer fragte, warum es lache. Das Meermännchen erwiderte: Über die
Dummheit. Als der Bauer vom Strande nach Hause ging, strauchelte er und
fiel über einen kleinen Erdhügel. Da fluchte er fürchterlich über die
kleine Unebenheit, und dass sie jemals geschaffen sei und auf seinem
Lande sei. Da lachte das Meermännchen, welches vom Bauern gegen seinen
Willen mitgeschleppt worden war, und sagte: Unklug ist der Bauer. Drei
Nächte behielt der Bauer das Meermännchen bei sich. Da kamen einige
Kaufmannsgehilfen und hielten ihre Waren feil. Der Bauer hatte noch
nie so starkbesohlte und dicke schwarze Schuhe bekommen können, wie er
gern haben wollte. Diese Kaufleute aber behaupteten, die allerbesten
zu haben; der Bauer hatte unter hundert Paaren die Auswahl, allein er
meinte, sie seien alle zu dünn und würden gleich reissen. Da lachte das
Meermännchen und sagte: Mancher irrt sich, der sich für weise hält.
Weder mit Güte noch mit Gewalt bekam der Bauer mehr Belehrungen aus dem
Meermännchen heraus, als hier erzählt ist; nur unter der Bedingung,
dass der Bauer es wieder an dieselbe Stelle in der See hinausfahren
wollte, wo er es heraufgezogen hatte, und es dort auf seinem Ruderblatt
hocken liess, wollte es alle seine Fragen beantworten, aber sonst auf
keinen Fall. Nach drei Nächten willfahrte ihm der Bauer. Als nun das
Meermännchen auf dem Ruderblatt sass, fragte es der Bauer, welche
Ausrüstung die Fischer haben müssten, um beim Fange Glück zu haben. Das
Meermännchen antwortete: Von gekautem und geknetetem Eisen soll man
Angeln schmieden. Die Angelschmiede soll stehen, wo man das Brausen
von Wasser und See hören kann, und die Angelschnur soll aus grauem
Ochsenleder und einem Zaum aus roher Pferdehaut gemacht sein. Als
Köder soll man Vogelgekröse und Flunderfleisch nehmen, mitten am Haken
Menschenfleisch, und wenn du dann nicht viel fischst, kann dein Leben
nicht mehr lange währen. Verkehrt gebogen muss die Angel des Fischers
sein. Da fragte der Bauer, über welche Dummheiten das Meermännchen
gelacht habe, als er seiner Frau geschmeichelt und den Hund geschlagen
habe. Das Meermännchen antwortete: Über deine Dummheit, Bauer; denn
der Hund liebt dich, wie sein Leben, die Frau aber wünscht deinen
Tod und ist dir untreu. Der Erdhügel, den du verfluchtest, ist dein
Schatzhügel, denn grosser Reichtum liegt darunter; deshalb warst du
unklug, Bauer, und deshalb lachte ich über dich. Die schwarzen Schuhe
aber werden dein Leben lang halten, denn dir sind nur noch wenige Tage
vergönnt; drei Tage werden sie wol halten. Damit stürzte sich das
Meermännchen vom Ruderblatt ins Wasser und sie trennten sich. Aber
alles, was das Meermännchen gesagt hatte, bewährte sich später.
4. Wald- und Feldgeister.[103]
Über das Fortleben der Seelen in Pflanzen wurde bereits berichtet.
Aus solcher Beseelung folgt, dass der Wald besonders als
Aufenthalt zahlreicher Geister galt. Die Etymologie des Wortes
Hexe (Waldunholdin) wies auf den Wald. Aber auch sonst finden
wir überall in Deutschland und Skandinavien, wo Wälder aufragen,
Sagen von _Waldleuten_, _Wildleuten_, _Holzleuten_, _Moosleuten_.
Nur in der norddeutschen Tiefebene gehen auch diese Gestalten im
allgemeinen Begriff der Unterirdischen auf. In Oberdeutschland wird
von den _saligen Fräulein_, den _wilden Leuten_, _Waldfänken_ und
_Schrätlein_ erzählt, in Mitteldeutschland von den _Holz_-, _Moos_-,
_Buschfräulein_, im Norden vom _skougmann_, _skogsrå_, von der
_skogsfru_ und _skogssnufa_. In Schleswig ist von der _Hollunderfrau
(Frau Elhorn),_ in Schoonen ebenso von der _Hillefroa_ die Rede, in
Schweden von der _Askafroa_ (Eschenfrau) und _Löfviska_ (Laubfrau);
da sind also Bäume persönlich gedacht. Die Vorstellung von der
Baumseele hat sich nach verschiedenen Seiten hin entfaltet. So
lebt die Seele im Baume als ihrem Leibe, den sie nicht verlassen
kann. Der Baum ist wie ein menschlicher Körper gedacht, er blutet,
wenn er verwundet wird. Wie der Leib so ist der Baum die Hülle der
Seele, die einerseits fest daran gebunden, andererseits aber auch
als ungebunden frei erscheint. Der Baumgeist tritt aus der Pflanze
heraus, entschwebt dem Baume, der dann weniger als Körper, vielmehr
als Wohnsitz eines geisterhaften Wesens gilt. Im Rauschen des Windes,
in den wundersamen Lauten, welche die Stille des Waldes durchhallen,
in spukhaften tierischen und menschlichen Gestalten macht sich der
Baumgeist bemerklich. Der Wald ist erfüllt von einer ungezählten Schar
gespenstischer Wesen, die bald elbisch, bald riesisch, je nach den
örtlichen Verhältnissen, nach den elementaren Zuständen erscheinen. Im
hochstämmigen, sturmbewegten, schaurigen Bergwald werden mehr Riesen
hausen, im lichten, freundlichen, sonn- und mondbeglänzten Hain treiben
Elbe ihr Wesen. Wie die Natur sich dem Menschen gibt, so bildet er
seine Sagen. Die wilden Leute, die Moos- und Holzleute, die Waldmänner
und Waldfrauen erinnern oft in ihrer Gestalt an ihren Ursprung. Sie
haben behaarten Körper, altes, runzliges Gesicht und sind ganz in Moos
gehüllt. Langes flatterndes Haar, grosse herabhängende Brüste eignen
den Elbinnen, welche seltener die anmutige Seite hervorkehren. Die
Waldelbe sind aufs engste mit den Windelben verknüpft. Der Sturmwind,
der wilde Jäger, hat es besonders auf die Moosweiblein abgesehen.
Braust er durch den Wald, so jagt er die Holzfräulein. Manchem Jäger
oder Holzhauer sind die schutzflehenden Weiblein schon begegnet;
und es war alter Brauch, die Baumstümpfe mit Kreuzen zu bezeichnen,
damit die verfolgten Elbinnen darauf Rast und Schutz vor dem wilden
Jäger fänden. Den Waldgeistern wird grosser Einfluss auf Sendung von
Seuchen und auf deren Heilung beigemessen. In Gestalt von Würmern,
Schmetterlingen oder Ungeziefer kriechen die schädigenden Elbe aus den
Bäumen heraus und in den Körper der Menschen hinein. Um sie wieder
los zu werden, verwünscht man sie in den tiefen Wald, ins Gehölz, in
den Baum oder Busch zurück. Sympathetische Kuren suchen die Seuchen
in den Baum zurückzubannen, darein zu verpflöcken. Die Waldgeister
wissen aber auch Heilgeheimnisse, welche sie zuweilen den Menschen
mitteilen. Zur Pestzeit laufen Holzfräulein aus dem Wald und empfehlen
bestimmte Kräuter, deren Genuss vor der Pest schützt. Wildmännlein
können mit List gefangen werden, indem man sie berauscht, dann geben
sie verborgene Kunde, ähnlich wie das Meermännlein. Auf diese Art
erfuhr ein Tiroler, was gegen die Pest nütze. Wate hat nach der Gudrun
529 von einem _wilden wîbe_ die Heilkunst erlernt. Im Eckenlied 174
ff. gräbt das von Fasolt gejagte wilde Fräulein eine Wurzel und
bestreicht damit den wunden Dietrich und sein Ross, wovon Weh und
Müdigkeit schwinden. Ein Wichtlein rühmt sich einem Bauern gegenüber,
es hätte ihm für Menschen und Vieh heilsame Kräuter zeigen können. Die
Waldgeister sind ihrer elbischen Art gemäss auf kleine Kinder aus,
welche sie stehlen. Sie streben ferner Verbindung mit den Menschen an.
Der Waldmann ist auf Weiber lüstern und stellt ihnen nach. Burkhard
von Worms weiss von Waldfrauen (_agrestes feminae, quas silvaticas
vocant_), die nach Belieben sichtbar und unsichtbar sind und sich mit
ihren Liebhabern ergötzen. Die rauhe Else wie die _skogssnufa_ naht
sich dem am nächtigen Feuer liegenden Wolfdietrich und begehrt nach
seiner Minne. Nach einer badischen Sage verliebt sich ein Jäger in
ein schönes wildes Weib, das in einer Höhle wohnt, und erlangt ein
Kind von ihr. Eine wilde Frau aus dem Unterberg, die ungemein schönes
und langes Haar hatte, nahm einen Bauern, der sich in sie verliebte,
zu sich in die Lagerstätte (Deutsche Sagen No. 50). Die Waldgeister
zeigen sich den Menschen gern dienstbar und gehen sogar allmälig in
Hausgeister über. Sie helfen zur Erntezeit den Arbeitsleuten, sie
verdingen sich dem Bauern für ständig, besorgen das Vieh im Stall und
bringen dem ganzen Hauswesen Glück und Gedeihen. Mit der Dienstleistung
der wilden Leute ist meist die Geschichte vom Todansagen verknüpft. In
vielen Wendungen ist sie bezeugt. Ein Hausgenosse hört auf dem Heimweg
oder sonst irgendwo eine Stimme, welche ihn auffordert, einem ihm
bisher unbekannten Wesen den Tod eines andern anzusagen. Wie er daheim
verwundert das Erlebniss berichtet und die ihm aufgetragenen Namen
ausspricht, da verschwindet mit lautem Wehruf der Knecht oder die Magd,
welche bis dahin unbekannter Herkunft beim Hausherrn in Dienst standen.
Die Wildleute riefen dadurch ihren Genossen, welcher sich zu den
Menschen verdingt hatte, in ihre Gemeinschaft zurück. Denn der Alb muss
weichen, sobald sein Name genannt worden ist. Die Waldgeister haben
die Waldtiere in Hut und Pflege, so gehören die Gemsen in Tirol den
wilden Leuten, die schwedische skogsfru ist Herrin der Jagdtiere und
der Jagd. Sie fordert eine Spende vom Jäger. Tiergestalt wird bei den
Waldgeistern verhältnissmässig selten erwähnt. Die Holzfrauen sitzen
zuweilen als Eulen auf den Bäumen; die seligen Fräulein auf hoher
Alpspitze beschützen in Geiergestalt die Gemsen. Die Tiroler Fanggen
erscheinen als Wildkatzen. Die dänische und schwedische Waldfrau trägt
Tierfelle und Kuhschwanz, also halbtierische Gestalt.
Der Zusammenhang der Waldleute mit Seelen und Maren ist deutlich
ausgesprochen. Der Baumgeist wird in manchen Sagen aus der Seele eines
Menschen, welcher darunter begraben liegt, abgeleitet. Die Seele des
Verstorbenen geht in den Baum über und erfüllt ihn gleichsam mit
menschlichem Leben, so dass Blut in seinem Geäder umläuft und beim
Anhieb herausfliesst. Aus dem Munde eines im Kampfe gefallenen Königs
erwächst eine hohe Eiche. Wenn jemand eines gewaltsamen Todes stirbt,
haust die Seele des Erschlagenen bei Tage im nahen Baum, bei Nacht
schweift sie in einem gewissen Bannkreis um den Blutbaum umher. In
einem Waldschlosse bei Nürnberg wurden drei Jungfern verflucht und vom
Blitze getötet; ihre Seelen fuhren in drei grosse Bäume. Ein Jäger
hatte sich an einer Eiche erhängt. Der Herr, der seine Leiche fand,
befahl, den Baum zu fällen. Aber Blut quoll unter den Axthieben hervor
und rote Adern durchzogen den Stamm. Da verbrannten die Leute Stamm
und Leichnam. Seitdem pirscht der Tote mit seinen Hunden gespenstisch
im Walde umher. So lässt sich die Seele überhaupt in Tier- oder
Menschengestalt ausserhalb des Baumes in dessen Nähe sehen. Der Baum
gilt ferner als Lebensbaum, als Sitz des Schutzgeistes eines Menschen,
gleichsam als sein Doppelgänger in der Pflanzenwelt. So lange der Baum
grünt und blüht, gedeiht der Mensch, wenn der Baum verdorrt oder
stürzt, geht der Mensch zu Grunde. Fortreisende verknüpfen oft ihr
Leben mit einem in der Heimat eingepflanzten Baume. Wie der einzelne
einen Schicksals- und Geburtsbaum hat, so auch die ganze Sippe. Die
Dorflinde, der schwedische _vårdträd_ mag damit zusammenhängen. Der
Hausbaum ist auch Sitz des Hausgeistes, des Ahnherrn, der seine
Nachkommen beschützt. In allen diesen Vorstellungen spielen Baumseelen
und Menschenseelen in einander, aus dem einen Aberglauben fliesst der
andre, der Baumgeist und Waldgeist tritt von dem Augenblicke ins Leben,
wo das Bewusstsein vom seelischen Ursprunge entschwindet.
Aus dem Kreise des Marenglaubens stammen die Züge, dass die wilden
Leute in Südtirol gelegentlich dem Wandrer auch aufhocken und sich
dabei so furchtbar schwer machen, dass mancher der Last erlag oder
doch krank wurde, ferner dass ein Moosweibchen einen Bauer anfällt und
dergestalt drückt, dass er, obgleich stark von Natur, krank und elend
wurde.
Wie Bäume und Wälder von Geistern beseelt waren, so auch Getreide und
Felder. Korngeister[104] spielen in Bräuchen und Sagen der Bauern
eine grosse Rolle. Meistens erscheinen sie in Tiergestalt; als Hasen,
Hirsche, Rehe, Schweine, Ziegen und Böcke, Katzen, Hunde, Wölfe
hausen sie im Kornfeld, als Mann, Frau oder Kind schreiten sie durchs
Gefild. Das nämliche Wesen, das im Wachstum des Waldes wirksam ist,
zeigt sich auch im Leben des Korn- und Flachsfeldes und der Graswiese
regsam. Mit den Bäumen wächst die Gestalt des Waldgeistes gerne
ins Riesenhafte, im Felde überragt der Alb selten das gewöhnliche
menschliche oder tierische Maass. Die Namen sind ohne Weiteres klar:
Roggenwolf, Getreidewolf, Kornhund, Roggenhund, Heupudel, Kornkatze,
Haferbock, Roggensau und Kornmutter, Kornfrau, Kornmume, Roggenmume,
Hafermann, Getreidemann, der Alte, das Kornkind, das Ährenkind. Die
Kornweiber gelten auch als Kinderscheuchen. Die Feldgeister verleugnen
ihren Ursprung aus den Windelben (und im Winde leben die Seelen fort)
nicht. Wenn der Wind das Getreide wogen macht, dann wird gesagt: die
Kornmutter geht über das Getreide, die Wölfe laufen im Getreide,
die wilden Schweine laufen drauf, die Wetterkatzen sind drinn. Die
gespenstischen Wesen erblickte der Mensch in Gestalt von Tieren, die
ihm oft genug im Ackerfeld begegneten. Die Pflanze galt gleich wie der
Baum als der Leib des Geistes, dann aber auch nur als sein Wohnsitz,
den er beliebig verlassen konnte. So entsteigen nach dem Alexanderlied,
das freilich hier nicht germanischen Glauben abspiegelt, den Blumen
wunderliebliche Elbinnen, die nur so lange am Leben bleiben, als
ihre Blume blüht, mit deren Abwelken aber dahinsterben. In einem
überall nachweislichen Erntebrauch tritt der Glaube an Feldgeister
am deutlichsten zu Tage. Beim Schneiden oder Mähen des Ackerstückes
flüchtete der Geist immer tiefer ins Getreide, er suchte den Schnittern
zu entrinnen. Mit den letzten Halmen in der letzten Garbe wurde er
gefangen. Damit verband sich nun allerhand Aberglaube. Entweder wurde
er mit dem Abschneiden der letzten Ähren getötet oder beim Ausdreschen
erschlagen, oder er wurde feierlich und ehrenvoll heimgeführt und
zwar in Gestalt einer Getreidepuppe. Aus Wald- und Feldgeistern
erhuben sich dann überhaupt Vegetationsgeister, die in Frühlings-,
Sommer- und Herbstfesten eine bedeutsame Rolle spielen, worüber in
Mannhardts Studien ausführlich berichtet wird. Von den Feldgeistern
wird gelegentlich die Wechselbalgsage erzählt; so sucht die märkische
Roggenmutter einer arbeitenden Bäuerin ihr Kind auf dem offnen Felde zu
entwenden und dafür das eigne unterzuschieben (Deutsche Sagen Nr. 90).
Die Feldgeister hängen mit Seelen und Maren zusammen. Sie überfallen
in der Mittagszeit, wenn die Feldarbeiter ruhen, Männer und Frauen mit
Alpdruck und machen sie krank.[105] Manchmal hält man die Korngeister
für die Seelen Verstorbener, die auf der Gemeindemark umgehen müssen.
War es doch alter Glaube, dass die Seelen in Pflanzen weiterleben,
daran schloss sich unschwer die weitere Folgerung, dass sie darum
keineswegs unlöslich an die Pflanze gebunden seien, vielmehr frei
umherschweifen könnten.
Die Feldgeister gehen segnend über Äcker und Wiesen, unter ihren
Tritten gedeiht die Frucht. Aber sie verkehren ihren Segen auch in
Schaden. Besonders in der Gestalt des _Bilwis_[106] verkörpert die
Volkssage solche böse Geister. Ursprung und Sinn des Namens, der in
mhd. Zeit auftritt und viel verderbt in nhd. Zeit noch fortlebt, der
im Nds. _belwit_ lautet, sind nicht erklärt. Seiner Art nach ist
der Bilwis ein plagendes, schreckendes, Haar und Bart wirrendes,
Getreide zerschneidendes Gespenst, das in weiblicher und männlicher
Gestalt auftritt. Er vereinigt in sich Elben- und Hexenart; Hexe und
Bilwis werden in späterer Zeit geradewegs gleichbedeutend gebraucht.
Der Bilwis wohnt im „_pilbispavm_“, wo er Opfer empfängt; er steht
mithin zu den Waldgeistern. Er verfilzt die Haare, Hans Sachs
gebraucht _verbilbitzen_ im Sinn von Haar verwirren. Dem Bilwis ist
auch das verderbliche lähmende Elbengeschoss eigentümlich, mit dem
er die Menschen siech macht. Als Mar erscheint er, wenn „_für dy
pilbis_“ empfohlen wird, den Kindern beschriebene Zettel mit den
Worten „_procul recedant somnia et noxia phantasmata_“ an den Hals
zu hängen. Der Bilwis ist endlich der Geist eines bösen Menschen,
der dem Nachbar schaden will, also seelisch. Die Bilwissagen haften
vornehmlich im östlichen Deutschland, in Baiern, Franken, Vogtland
und Schlesien, weshalb auch slavischer Ursprung des Wortes vermutet
wurde. Am schlimmsten bethätigt sich das Gespenst im Bilwisschnitt
oder Bockschnitt, im Durchschnitt des Getreidefeldes. Man findet oft
fussbreite, niedergelegte Streifen im Korn, ein Schaden, der als das
Werk des bösen Geistes bezeichnet wird. Auf einem Bocke reitet der
Bilwis durchs Feld, oder der Bilwisschnitter geht Mitternachts, an
den Fuss eine Sichel gebunden und Zauberformeln murmelnd, durch den
reifenden Acker. Aus dem Teil des Feldes, den er durchritten oder
durchschritten hatte, fliegen alle Körner dem Bilwis zu, und dem
rechten Eigentümer bleiben die leeren Hülsen. Dem Zauber zu begegnen,
gibt es Mittel. So wie die Bilwissagen uns vorliegen, sind sie
schwerlich alt. Aber sie lehren, dass man an saatverderbende wie an
saatfördernde Elbe glaubte. Dem Bauer musste vor allem daran gelegen
sein, mit den Feldgeistern sich gut zu stellen.
Die Riesen.[107]
Riesen und Elbe sind weniger der Art als dem Maasse nach verschieden.
Während diese vorwiegend die still und unsichtbar wirkenden
Naturgeister sind, verkörpern die Riesen die rohen, ungezähmten
Elementargewalten, das Ungeheure und Ungestüme, Finstre und Feindselige
in der Natur. Bei den Riesen tritt der Zusammenhang mit Maren und
Seelen mehr zurück, indem sie Gestalt und Wesen fast völlig aus dem
Element, dem sie entspringen, zugeteilt erhalten. Wie die entfesselten
Naturgewalten Angst und Schrecken unter den Menschen verbreiten, so
sind die Riesen auch meistens feindselig und bösartig. Sie trachten
nach Umsturz und Zerstörung, sie bedrohen die Weltordnung und sind die
geschworenen Feinde der Götter und Menschen, welche die Erde wohnlich
und wirtlich zu machen und zu erhalten bedacht sind. Gegen solche
Kulturbestrebungen kehren sich hauptsächlich die Angriffe der Riesen.
Sie sind die Dämone des kalten und nächtigen Winters, des ewigen
Eises, des unwirtbaren Felsgebirges, des Sturmwinds, des verheerenden
Gewitters, des wilden Meeres. Das älteste Geschlecht sind die Riesen.
Indem sie nach nordischer Auffassung aus dem Chaos unmittelbar
erwachsen, stellen sie die Naturmächte dar, welche vom Geiste noch
nicht bewältigt sind. Sie sind daher voll unbändiger Kraft, wild und
roh wie die Brandung des Meeres, das Geheul des Sturmes und die Wüste
des Felsgebirges. Die Üppigkeit der Natur hat noch keine Beschränkung
gefunden; darum sind ihre Leiber über alles Maass an Kraft, Grösse
und Zahl der Glieder ausgestattet. Zuweilen ist aber ein Unterschied
zwischen Riesen und Elben nur schwer anzugeben, indem dieselbe
Naturkraft bald harmlos, bald gewaltsam sich äussert. Die Sage deutet
dies dadurch an, dass der Zwerg zum Riesen aufwächst oder der Riese
zum Zwerg einschrumpft. In einem Schweizer Dorf, dass durch Bergsturz
verschüttet wurde, kehrte am Vorabend des Unglücks ein wandernder Zwerg
bei Sturm und Regen ein und bat um Herberge. Er wurde von den Meisten
mit Hohn abgewiesen, nur ein altes, armes, frommes Ehepaar am Ende
des Dorfes gewährte dem wegmüden, regentriefenden Wanderer gastliche
Aufnahme. Noch in der Nacht nahm er Abschied, um zur Fluh hinauf zu
steigen. Bei Tagesanbruch wütete Unwetter, ein gewaltiger Fels löste
sich vom Bergjoch los und rollte mit Bäumen, Steinen und Erde zum Dorfe
hinab, Menschen und Vieh unter den Trümmern der Hütten und Ställe
begrabend. Nur das Hüttchen der beiden Alten ward verschont. Mitten
im Sturme sahen sie ein grosses Erdstück nahen, oben darauf hüpfte
lustig das Zwerglein, als wenn es ritte, ruderte mit einem mächtigen
Fichtenstamm, und der Fels staute das Wasser und wehrte es von der
Hütte ab, dass sie unverletzt stand. Aber das Zwerglein schwoll immer
grösser und höher, ward zu einem ungeheuren Riesen und zerfloss in
Luft.[108] In der Nähe von Schleswig sah ein Schäfer plötzlich einen
Mann vor sich aus der Erde steigen, der immer grösser und grösser
ward, bis er endlich als ein Riese auf der Erde stand; bald aber ward
er wieder kleiner und kleiner und sank langsam in die Erde hinein. Im
wilden Mieminger-Alpsee in Tirol wohnt eine Wassernixe. Bisweilen lässt
sie sich blicken und schwebt wie ein Nebel über dem kleinen See, wächst
hoch auf und macht sich wieder klein. Solche Sagen bilden sich wol
aus der wechselnden Nebelsäule, die als gespenstische Gestalt gefasst
wird. Saxo im Buch 1, S. 36 berichtet von der Riesin Harthgrepa (an.
Hardgreip), der hart Zugreifenden. Sie konnte sich in jede Gestalt und
Grösse verwandeln, bald war sie himmelhoch, bald klein und niedrig.
Die Waldfrauen der Tiroler Sage, welche vom wilden Jäger gehetzt
werden, erscheinen in doppelter Gestalt, bald elbisch, bald riesisch,
so besonders die sog. Fanggen in Südtirol. Aus Hreidmars Geschlecht
stammen Fafnir, der Riesenwurm, und Regin, der ein Zwerg von Wuchs war.
Trotzdem heisst Regin im Fafnirliede 38 _enn hrímkaldr jǫtonn_, der
eiskalte Riese, was im Hinblick auf die eben erörterten Vermischungen
riesischen und elbischen Wesens nicht so unmöglich klingt und
keineswegs notwendig nach _Fǫ́fnismǫ́l_ 34 geändert zu werden braucht.
Jedoch sind solche Mischungen verhältnissmässig selten, Elbe und Riesen
sind in den alten Quellen meistens nach Gebühr verschieden gestaltet
und verschieden geartet.
1. Die Benennungen der Riesen.
Die gewöhnlichen Bezeichnungen der Riesen sind folgende. An. _jǫtonn_
(lappisch _jetanas_), ags. _eoten_, as. _etan_ (aus Ortsnamen wie
_Etanasfeld_, _Etenesleba_ erschlossen) weisen auf urgerm. _etanaȥ,_
vermutlich zu _etan_, essen, gehörig, also _edax_, gefrässig.[109]
Im Neunds. weist J. Grimm das Femininum _eteninne_, Riesin nach.
An. _þurs_ (finn. _tursas_) ist vielleicht aus älterem _þuris_
hervorgegangen. Im Abecedarium Nordmannicum (Müllenhoff-Scherer,
Denkmäler No. V) wird die Rune þ mit _thuris_ bezeichnet, und auf
dieselbe Urform weisen ahd. _duris_, _thuris_, mhd. _dürs_, _türs_,
alem. _dürsch_. In Eigennamen wie _Thurismuth_, _Turisind_ begegnet
das Wort auch bei Goten und Langobarden. Aus älterem _þuris_ ist auch
ags. _þyrs_ entwickelt. Mhd. ist ausserdem die schwache Form _türse_,
vielleicht auch schon ahd. _turso_ vorhanden; dazu steht der Ortsname
_Tursinriut_, Tirschenreut. Über die Formen des Wortes im Neunordischen
und Neudeutschen (z. B. nds. _dros_ mit Metathesis aus _durs_) sind
die Mundartwörterbücher nachzulesen. Die germanische Grundform darf
mithin als _þurisaȥ_ angesetzt werden, und diese scheint aus dem
adj. _þuraȥ_[110], skrt. _turas_, stark, kraftvoll abzustammen. Der
_þurs_ ist also der Starke. Auf skrt. _vṛšan_, stark, kräftig, weist
der nur im Deutschen belegte Ausdruck „Riese“ (ahd. _risi_ und _riso_
aus _wrisi_, wie as. _wrisil_ und _wrisilîc_ lehren) hin. Im An., wo
das Wort namentlich in der Zusammensetzung _bergrisi_ vorkommt, ist
es vermutlich aus dem Nds. entlehnt. Im Mhd. findet sich _hiune_,
mds. _hûne_ für Riese, im Neuniederdeutschen _hüne_[111] ist das Wort
bewahrt. Ein entsprechendes älteres *_hunio_ ist nicht nachweislich,
wol aber wahrscheinlich. Viele altgermanische Eigennamen enthalten
den Stamm wie z. B. _Hûn_, _Hûnila_, _Hûnarîx_, _Hûnirîx_, _Hûnimund,
Hûnolt_ u. s. w. Mit dem Volksnamen der Hunnen (ahd. _Hûni_, mhd.
_Hiune_) fand frühzeitige Vermischung statt, schwerlich aber ist das
germanische Wort dorther zu leiten. Schon längst ist auf an. _húnn_,
Bär hingewiesen, ein Wort, das in der Form _hûnoȥ_ als gemeingermanisch
anzusetzen ist. _Hû-na_ entstammt einer Wurzel, welche mit anderer
Ableitungssilbe im Aind. und Apers. als _çû-ra_, im Griech. als κῦρος
κύριος wiederkehrt. Der Sinn geht auch hier auf Kraft und Kühnheit.
_Hûnaȥ_ ist also wie _þurisaȥ_ und _wriso_ der Starke, Kräftige.
Das Ags. gewährt noch _ent_, plur. _entas_ für Riesen, einmal als
Übersetzung von _gigas_. In den baierischen Mundarten erscheint ein
verstärkendes Präfix _enz_- mit dem Begriff von ungeheuer, gewaltig,
und dazu das adj. _enzerisch_ (Schmeller, Bayer. Wb. 1², 117).
Vielleicht gehört auch der _Enzensberg_, _Enzinsperig_ als Riesenberg
hierher. Aber sicher ist hds. _enz_ neben ags. _ent_ keineswegs. Die
neunordischen Sprachen gebrauchten die allgemeine Bezeichnung der
Unholde, _troll_, mhd. _trol_, _trolle_, die ursprünglich dem Kreise
der Marenvorstellungen zukommt, mit Vorliebe für die Riesen. Frühzeitig
wurde im Ags. und Ahd. _gigant_ entlehnt und sogar in ungelehrten
Werken z. B. im Beowulf neben den heimischen Benennungen angewandt.
2. Gestalt, Aussehen und Art der Riesen.