hätten in Urzeiten beraten, wer der Zwerge Schar aus Ymirs Blut
und Gebein erschaffen sollte. Da entstand als trefflichster aller
Zwerge Motsognir, als zweiter Durin. Nach Durins Geheiss machten die
Zwerge in der Erde (aus Erde, wie eine andre Lesart lautet) manche
Menschenbilder. Dann folgt ein Verzeichniss von Zwergnamen. Die Stelle
ist nicht klar. Gemeint ist vermutlich, Götter und Riesen seien aus
Urzeugung entsprungen, die Zwerge und darnach die Menschen aber von
den Göttern geschaffen worden. Wir verstehen aber nicht recht, ob
die „Menschenbilder“ (_mannlíkon_) Zwerge oder rechte Menschen sind,
ob die Menschen etwa als Gebilde elbischer Kunst galten. Strophe 10
lässt sich auch so erklären: die Zwerge Motsognir und Durin machten
menschenähnliche Gebilde, nämlich die verzeichneten Zwerge, sie selber
erwuchsen aus Ymirs Blut und Gebein, d. h. aus Wasser und Stein,
überhaupt aus Erde und sollen nun aus demselben Stoffe weiter schaffen.
Snorri hat die Stelle auch nicht verstanden. Er phantasiert darüber:
„Die Götter gedachten, wie die Zwerge im Erdboden tief unter der
Oberfläche entstanden waren wie Maden im Fleisch. Nach Bestimmung der
Götter erhielten sie menschlichen Verstand und menschliche Gestalt,
aber sie hausen doch wie zuvor in Erde und Steinen.“ Die Sage ist
keinesfalls alt und echt, ebensowenig wie die Erzählung im prosaischen
Anhang des deutschen Heldenbuchs, wornach zuerst die Zwerge von Gott
geschaffen wurden zum Bau des wüsten Landes und Gebirges und zum
Sammeln der Schätze, darauf erst die Riesen zur Bekämpfung der wilden
Tiere und zuletzt die Recken, d. h. die Menschen, um den Zwergen gegen
die übermütig und untreu gewordenen Riesen beizustehn. Diese Sage ist
nur aus den Heldengedichten, aus den dort üblichen Kämpfen mit Zwergen
und Riesen erfunden und hat keine Gewähr höheren Alters. Die Elbe
wurden endlich von der christlichen Volkssage mit den neutralen Engeln
in Verbindung gesetzt. Die im Grunde gutartige, freundliche Elbenschar
schien dem naiven Glauben ebenso merklich von den Engeln wie von den
Teufeln geschieden als zugleich mit beiden verwandt. Da wurden sie denn
als die bei Lucifers Fall neutral gebliebenen Engel erklärt, darum hat
Himmel und Hölle an ihnen teil, sie sind gut und böse.[87]
2. Kobolde.[88]
Elbische Wesen haben Neigung, mit den Menschen in Verkehr zu treten.
Die Zwerge kommen zuweilen aus den Bergen herab und gesellen sich
hilfreich oder doch zuschauend zu den arbeitenden Menschen. Wilde Leute
verdingen sich als Knechte oder Mägde, wobei die Arbeit zusehends
gedeiht. Oft sprechen Elbe in den Bauernhütten zu Gast ein. Aber
am innigsten und traulichsten wird der Bund dann, wenn der Alb als
Hausgeist, als ständiger Genosse sich einlegt. Der altdeutsche Name
solcher Hausgeister war +Kobold+. Das Wort begegnet zwar nur im
Mhd. und Nhd., aber darf als älter erschlossen werden. Vielleicht
ist frz. _gobelin_ daher zu leiten, zweifellos hängt ags. _cofgodas
lares_ und _cofgodu penates_ damit zusammen. Kobold ist eigentlich
_kobwalt_, der des Kobens waltet; ags. _cofa_, an. _kofi_, mhd. _kobe_
ist Hütte, Verschlag. Mithin ist Kobold eine treffende Benennung
des Hausgeistes.[89] Neben dieser allgemeinen, nur in Deutschland
nachweislichen Bezeichnung führt der Hausgeist noch eine Menge anderer
Namen, die seinem Thun und Treiben entstammen. Er wird geradewegs mit
kosenden Eigennamen gerufen wie Heinz, Hinze, Chimke (Joachimchen),
Wolterken, Robin u. s. w. oder man heisst ihn nach Merkmalen seiner
Tracht Hütchen, Hopfenhütel, Stiefel. Endlich wird er als polternder
Rumpelgeist mit Namen wie Rumpelstilz, Klopfer, Bullermann, Mummhart,
Nisse (dänisch, zum Verbum _nisse_, sich geschäftig machen) oder als
Schrecker mit Namen wie Butzemann, Busemann[90], Puck, Tattermann,
Popanz belegt. An die Verwandlungsfähigkeit dienstbarer Hausgeister
mahnt das Märchen vom gestiefelten Kater, der Name Katzenveit und
Ekerken (Eichhörnchen).
In Gestalt, Aussehen und Tracht gleichen die Kobolde den Zwergen.
Sie tragen Hütchen, oft von roter Farbe, und gefeite Stiefel. Ein
Kobold erscheint alt und runzlig, aber nicht furchtbar, mit langem
weissem Bart und mit einer Kapuze auf dem Haupt (Bartsch, Sagen aus
Mecklenburg 1, 68). Als Marder, Schlange[91], Katze zeigt sich der
Kobold, meist aber bleibt er unsichtbar. Kobolde wohnen gern in
Stall, Scheune und Keller des Menschen, dem sie sich zugesellen, und
verrichten Hausgeschäfte, vorzüglich in Küche und Stall. Der Kobold
ist ein diensamer, fleissiger Geist, der seine Freude daran hat, den
Knechten und Mägden bei der Hausarbeit beizuspringen und insgeheim
einen Teil davon zu verrichten. Er trägt in der Küche Wasser, haut
Holz, holt Bier, kocht, striegelt die Pferde und strählt ihre Mähnen,
giebt dem Vieh Futter vor, mistet den Stall aus. Wo er ist, nimmt das
Vieh zu und alles gedeiht und gelingt. Sein Dasein bringt Glück ins
Haus, sein Abgang nimmt das Glück fort. Die Magd hat oft den Kobold
zum heimlichen Gehülfen. Dann geht ihr alles rasch von statten, ihre
Arbeit wird zum grössten Teil vom Kobold gethan. Dafür fordert der
Kobold ein geringes Opfer. Täglich muss an einer bestimmten Stelle ein
Schüsselchen Milch oder ein Speisenapf bereit stehen.[92] Vergisst sie
das einmal, so muss sie in Zukunft nicht nur ihre Arbeit selbst wieder
thun, sondern sie hat nun auch eine unglückliche Hand, indem sie sich
im heissen Wasser verbrennt, Töpfe und Geschirr zerbricht, das Essen
umschüttet. Darüber hört man den Kobold lachen und kichern. Er führt
auch Aufsicht im Haushalt und bestraft faules und nachlässiges Gesinde.
Ergötzlich ist die Geschichte (Deutsche Sagen Nr. 75), wie ein Mann
aus Hildesheim, als er auf Reisen geht, sein leichtfertiges Weib dem
Kobold zur Hut befiehlt. Der Kobold erfüllt auch sein Amt treulich und
verscheucht alle Liebhaber der Frau. Aber dem heimkehrenden Ehemann
klagt er, lieber wolle er die Schweine von ganz Sachsen hüten, als
ein einziges solches Weib, so vielerlei Listen und Ränke habe sie
erdacht, ihn zu täuschen, und ihm seine Aufgabe sehr erschwert. Des
Kobolds Gutmütigkeit wandelt sich aber leicht auch in Neckerei und
Schadenfreude, er wird zum Quälgeist und Plagegeist. Ja er trachtet
sogar nach dem Leben dessen, der ihn gekränkt. Ein Küchenjunge, der den
Kobold höhnt und lästert, wird von ihm erwürgt und in kleine Stücke
zerhauen oder an den Bratspiess gesteckt. Zeigt sich der Kobold von
der schlimmen Seite, so ist fast stets die Treulosigkeit und Bosheit
der Menschen daran schuld. Denn die elbischen Geister sind im Grunde
gutartig, höchstens zu harmloser Neckerei aufgelegt; werden sie aber
gereizt, so nehmen sie schreckliche Rache und treiben den Missethäter
in Not und Tod. Hütchen wird so geschildert: „er wollte die Leute gern
überreden, dass es ihm vielmehr um ihren Vorteil als um ihren Schaden
zu thun sei, daher warnte er bald den einen vor Unglück, bald war er
dem andern in einem Vorhaben behilflich. Es schien, als trüge er Lust
und Freude an der Menschen Gemeinschaft, redete mit jedermann, fragte
und antwortete gar gesprächig und freundlich. Niemand fügte er etwas
Leid zu, er wäre denn am ersten beschimpft worden. Wer seiner aber
spottete, dem vergass er solches nicht, sondern bewies ihm wiederum
einen Schimpf.“ Die Kobolde kommen von auswärts ins Haus gezogen, so
Hinzelmann. Auf dem Schlosse Hudemühlen liess er sich zuerst im Jahre
1584 hören, indem er durch blosses Poltern und Lärmen sich zu erkennen
gab. Darnach fing er an, bei hellem Tage unsichtbar mit dem Gesinde
zu reden. Endlich sprach er auch mit dem Hausherrn selber. Als er
gefragt wurde, woher er sei und was er an diesem Ort zu schaffen habe,
sagte er, dass er aus dem Böhmer Wald gekommen wäre. Der Geist schied
freiwillig wieder aus Hudemühlen, nachdem er vier Jahre daselbst sein
Wesen getrieben hatte. Aber solange der Kobold nicht selber seinen
Dienst aufgiebt, weicht er auch nicht aus dem erwählten Hause, so sehr
der Hausherr mit List und Gewalt den lästigen oder unheimlichen Gast
wegzubringen bemüht ist. Nach den Deutschen Sagen Nr. 44 hatte ein
Schäferjunge ein Erdmännlein erlöst. Das stellte sich kurz vor den
Jungen und sprach: Gib mir Arbeit, dass ich etwas zu thun habe. Der
Junge gebot ihm die Schafe zu hüten. Abends sagte das Männlein: Ich
will mit dir gehen. Du hast mich nun einmal angenommen, willst du mich
selber nicht, musst du mir anderswo Herberge schaffen. Da wies ihn
der Junge ins Nachbarshaus. Bei diesem kehrte das Erdmännchen richtig
ein, und der Nachbar konnte es nicht wieder los werden. Bekannt ist
die Geschichte vom Bauern, der seines Kobolds überdrüssig geworden,
weil dieser allerlei Unfug anrichtete. Zuletzt ward er Rats, die
Scheune anzustecken, wo der Kobold seinen Sitz hatte, und ihn zu
verbrennen. Deswegen führte er erst all sein Stroh heraus und bei dem
letzten Karren zündete er die Scheune an, nachdem er den Geist wol
versperrt hatte. Wie sie nun schon in voller Glut stand, sah sich
der Bauer von ungefähr um, siehe, da sass der Kobold hinten auf dem
Karren und sprach: es war Zeit, dass wir herauskamen! Der Schlossherr
von Hudemühlen gedachte Hinzelmanns dadurch los zu werden, dass er
verreiste. Auf der Fahrt bemerkte man eine weisse Feder, die neben dem
Wagen herflog. Es war der Kobold, der dem Herrn überall hin folgte. Um
dem „Futtermännchen“ (dem viehfütternden Kobold) zu entgehen, führte
ein Mann sich ein neues Haus auf, sah aber am letzten Tag vor dem
Auszug Futtermännchen am Bache sein grau Gewand ins Wasser tauchen mit
den Worten: da wisch und wasch ich mein Röckchen aus, morgen beziehn
wir ein neues Haus (Börner, Volkssagen aus dem Orlagau S. 246). Launig
ist die Geschichte vom Kobold, der sich Klosterbrüdern verdingt, wovon
Bartschs Sagen aus Mecklenburg Nr. 86 und das Schwankgedicht vom
Bruder Rausch, das Wilhelm Hertz so köstlich neubelebt hat, Beispiele
darbieten.
Was der Kobold fürs Haus, das ist der +Klabautermann+ fürs Schiff. Er
ist der Schutzgeist des Fahrzeugs, er hilft den Matrosen das Schiff
reinigen, die Segel hissen, die Waren stauen. Oft hört man ihn im
Schiffsräume hämmern und klopfen. Sichtbar wird er selten, meist nur,
wenn dem Schiffe Untergang droht. Für seine Arbeit verlangt er ein
Schälchen mit Milch; legt man ihm Kleider und Schuhe hin, so verlässt
er das Schiff. Der Name, der auch in der Form Kabautermann begegnet,
ist vielleicht aus _kabout_(d. i. _kabolt_,_ kobolt_) entstellt,
etwa aus einer niederdeutschen Koseform _kobolterken_, die auch zur
Benennung Wolterken für die Hausgeister Anlass geben konnte.[93]
Nirgends tritt die Verwandtschaft der seelischen und elbischen Geister
so deutlich hervor wie in den Sagen vom Kobold und vom Klabautermann.
In den Deutschen Sagen Nr. 72 schliesst der Bericht vom Kobold: „Man
glaubt, sie seien rechte Menschen in Gestalt kleiner Kinder mit einem
bunten Röcklein. Darzu etliche setzen, dass sie teils Messer im Rücken
hätten, teils noch anders und gar greulich gestaltet wären, je nachdem
sie so und so, mit diesem oder jenem Instrument vor Zeiten umgebracht
worden wären, denn sie halten sie für die Seelen der vorweilen im
Hause Ermordeten.“[94] Der Klabautermann aber ist die Seele eines
toten Kindes, die in einen Baumstamm fuhr. Wird der Baum gefällt und
zum Schiffsbau verwendet, so kommt damit die Seele des Kindes als
Klabautermann aufs Schiff.[95]
3. Nixe.
Das Wasser, wo immer es sich darbot, in Quell und Bach, in Fluss und
See, im weiten Meer, war von Geisterwesen bevölkert, die teils in
menschenähnlicher, teils auch in tierischer Gestalt gedacht wurden.
Gründe zu solchen Vorstellungen waren mehrfach vorhanden, die Seelen
Ertrunkener lebten im Wasser fort, sie waren von den Wassergeistern
hinabgezogen worden. Die wundersamen Tiergestalten, die zumal aus dem
Meere emportauchen, regten die Sagenbildung an. Aber wie die sanften
Windelbe hinter den Sturm- und Wetterriesen zurückstehen, so gibt es
auch weniger Wasserelbe als Wasserriesen. Wo die entfesselte elementare
Gewalt dem Menschen entgegen brauste, dichtete er eher Riesen- als
Elbensagen. Im Binnenland, an kleinen Teichen und Bächen, herrschen
mehr Elbe, am Meer, am breiten Strom und weiten See dagegen Riesen.
Die allgemeine Benennung des Wassergeistes ist Nix.[96] Das Wort
findet ebenso auf elbische (besonders im Femininum Nixe), wie auf
riesische Wesen Anwendung. Ohne weiteres deutlich sind Bezeichnungen
wie _waȥȥerholde_, _merminne_, _mermeit_, _merwîp_, _merwunder_,
_wassermann_, _wasserjungfer_, _seejungfer_, _seeweibel,_ im
Nordischen heissen die Wasserwesen _haffrú_, _sækona_, _havmand_,
_strömkarl_, _vattenelfvor_, _quernknurrer_, _Grim_ und _fossegrim_.
Die Wassermädchen werden als Mümlein (mhd. _muome_, nds. _watermöme_)
vertraulich angeredet oder mit Eigennamen wie Wasserlisse[97] belegt.
Von den Wasserelben erfahren wir mehr aus der jüngeren Volkssage
denn aus der alten Überlieferung, welche uns dagegen riesische Wesen
vorführt. Doch ist anzunehmen, dass die Wasserelbe früher in der
Heidenzeit kaum anders vorgestellt wurden als in der Volkssage der
Gegenwart. Der Wassermann wird meist ältlich und langbärtig gedacht.
Er trägt einen grünen Hut, und wenn er bleckt, sieht man seine grünen
Zähne. Seine Zwerggestalt wird selten hervorgehoben, die Sage schildert
ihn gewöhnlich in menschlicher Grösse. Nach schwedischem Glauben wohnt
er zwischen den Seerosen, in mondhellen Nächten sitzt er auf den
Blättern und lässt sein Spiel erklingen (J. Grimm, Myth. 3, 142). Die
Nixen sind von blendender Schönheit. Sie sitzen in der Sonne, ihre
goldenen Haare kämmend. Von den berückenden Nixen, die im Wasser schöne
Gründe und Säle bewohnen, weiss besonders die thüringische Sage[98]
Genaueres. Dass ihr Leib in einen fischartigen Schwanz ausläuft, wie
von der isländischen _haffrú_, dem _meyfiskur_ d. h. Mädchenfisch
erzählt wird, ist schwerlich echt deutscher Glaube. Wenigstens weiss
die unverfälschte Sage nichts davon[99]. Unten im Wasser haben die
Wasserelbe prächtige Paläste, wie die irdischen erbaut, mit Zimmern,
Sälen und Kammern voll mancherlei Reichtum. Dem Gesang ist der _nök_,
der _strömkarl_ oder _fossegrim_, der in rauschenden, brausenden
Wasserfällen wohnt, besonders zugethan. Der Fossegrim lockt an stillen,
dunkeln Abenden die Menschen durch seine Musik an und lehrt Geige oder
Saitenspiel den, der ihm Donnerstag abends mit abgewandtem Haupt ein
weisses Böcklein opfert und in einen nordwärts strömenden Wasserfall
wirft. Ist das Opfer mager, so bringt es der Lehrling nicht weiter als
zum Stimmen der Geige, ist es aber fett, so greift der Fossegrim über
des Spielmanns rechte Hand und führt sie so lange hin und her, bis das
Blut aus allen Fingerspitzen springt; dann ist der Lehrling in seiner
Kunst vollendet und kann spielen, dass die Bäume tanzen und die Wasser
in ihrem Fall still stehen (Faye, norske folkesagn S. 57). Schön ist
die Sage vom Neck, die J. Grimm so erzählt: „Zwei Knaben spielten am
Strom, der Neck sass und schlug seine Harfe, die Kinder riefen ihm zu:
Was sitzest du, Neck, hier und spielst? Du wirst doch nicht selig. Da
fing der Neck bitterlich zu weinen an, warf die Harfe weg und sank in
die Tiefe. Als die Knaben nach Haus kamen, erzählten sie ihrem Vater,
der ein Priester war, was sich zugetragen hatte. Der Vater sagte: Ihr
habt euch an dem Neck versündigt, geht zurück, tröstet ihn und sagt
ihm die Erlösung zu. Da sie zum Strom zurückkehrten, sass der Neck am
Ufer, trauerte und weinte. Die Kinder sagten: Weine nicht so, du Neck,
unser Vater hat gesagt, dass auch dein Erlöser lebt. Da nahm der Neck
froh seine Harfe und spielte lieblich bis lange nach Sonnenuntergang.“
Auch die Wassernixen lassen zur Nachtzeit verlockenden Gesang oder
klagende Töne hören (Bartsch, Sagen aus Mecklenburg 1, 394 u. 399). Die
Wassergeister sind aber im allgemeinen grausam und blutdürstig, sie
fordern Opfer an Menschenleben. Wer ertrinkt, ist von den Wasserelben
gewaltsam in ihre Gemeinschaft entrückt worden. Die üblichen Sagen
erscheinen darum bei den Wassergeistern meist unheimlicher als sonst.
Bezeugt sind die gewöhnlichen Typen[100]. So bieten die Deutschen
Sagen Nr. 68 den Kielkropf als Sendung der Wasserelben, ebenda Nr.
31, 58, 65, 69, 305 steht die Geschichte von der Menschenfrau, welche
der Nixenfrau in Kindsnöten hilft. Die wilden Züge zeigen sich
darin, dass der Nix seine Kinder tötet, wie aus aufquellendem Blute
ersichtlich wird, und dass er auch der Helferin am liebsten ein Leid
anthun möchte. Der Wassermann erscheint zuweilen in menschlicher
Gestalt und Kleidung, um in der Stadt Einkäufe zu machen. Zu Laibach
kam er einst zum Tanz unter die Linde auf den Markt als schöner,
wolgekleideter Jüngling. Er grüsste die ganze Versammlung höflich und
bot jedem Anwesenden die Hand, welche aber ganz weich und eiskalt war
und bei der Berührung jedem ein seltsames Grausen erregte. Er zog
eine leichtfertige Magd zum Tanz auf und schweifte mit ihr allmälig
bis zur Laibach, wo er mit ihr hinein sprang. Die Nixen kommen auch
öfters ans Land auf den Markt, um Einkäufe zu machen, oder zu Tanz
und andern Lustbarkeiten. Sie sind wie schöne Mädchen gestaltet und
nur an ihren stets nassen Kleidersäumen erkenntlich. Jünglinge werden
von Liebe zu ihnen ergriffen, die Nixen erwidern ihre Gefühle. Aber
sie müssen immer zur bestimmten Stunde in ihre Heimat zurück. Um sie
länger da zu behalten, wird irgend eine List angewandt. Erschrocken
eilen die Verspäteten zu ihrem heimischen Gewässer und verschwinden
darin. Da steigt Blut auf und zeigt, wie grausam ihr Säumen bestraft
wurde. Von vielen Gewässern geht die Sage, sie hätten ein Recht auf ein
jährliches Opfer, das sie auch erzwingen. An bestimmten Stellen zieht
der Nix oder die Nixe den Schwimmer hinunter. Die Leichen der also
Ertränkten, wenn sie gefunden werden, weisen blutunterlaufene Mäler
auf, wo der Wassergeist zugriff. Der Bräutigam eines schönen Fräuleins
war in die Elbe gefallen und drei Tage nicht aufgefunden worden. Ein
Schwarzkünstler erklärt, er sei in der Macht der Nixe, die ihn zur Ehe
zwingen wolle. Da sich der Jüngling weigerte, fand man bald darauf
seinen Leichnam voll blauer Flecke. Ein Bauer, der in die Behausung des
Wassermanns kam, sah eine Stube voll umgekehrter Töpfe, die Öffnung
bodenwärts. Es waren die Seelen der Ertrunkenen, die also aufgehoben
wurden, um nicht entwischen zu können. Das Opfer an die Wasserelbe
bezeugt Prokop _bell. goth._ 2, 25: Die Franken warfen im Jahre 539
die gefangenen gotischen Weiber und Kinder in den Po, um dadurch die
Zukunft zu erforschen. Denn die Wassergeister wissen wie alle Elbe die
Zukunft voraus. So verehrten die Alamannen nach Agathias 28, 4 die
Flusswirbel _(ῥεῖθρα ποταμῶν)_ und nach Plutarchs _Lebensbeschreibung
Caesars_ Kap. 19 weissagten die Germaninnen aus den Flüssen.
Wasserelbinnen (_wîsiu wîp_, _merwîp_) verkünden Hagen die künftige
Not der Nibelungen in Etzels Lande. Wie sich Sterbliche eine Zeit lang
unter den Elben aufhalten, so weiss auch Prätorius (Deutsche Sagen
Nr. 67) von einer Magd, die drei Jahre lang beim Nix unter dem Wasser
diente, dann aber wieder zu den Menschen zurückkehrte. Eine äusserliche
unpassende Übertragung von der Sage des Bergschmiedes ist die von
einem Wasserschmied (Jahn, Volkssagen aus Pommern 144, 145; Laistner,
Rätsel der Sphinx 2, 64). Die Verwandlungsfähigkeit der Wassergeister
lehrt die nordische Sage vom Nibelungenhort. Der Zwerg Andwari, der
den Schatz gesammelt hatte, war so zauberkundig, dass er zu Zeiten als
Fisch im Wasser lebte. Den seelischen Ursprung der Wassergeister, die
teilweise aus den Ertrunkenen hervorgingen, zeigt die norwegische Sage
von den „_Draugen_“. Die Draugen sind die Erscheinungen Ertrunkener
und zugleich Seegespenster überhaupt, welche dem Seefahrer Tod und
Untergang bedeuten. In seltsam fremdartiger Einkleidung wendet die
heutige isländische Volkssage[101] den Seelenglauben auf Wassergeister
an. Die Seehunde gelten als _Faraos líđar_, Dienstleute des Königs
Pharao, die mit ihm im roten Meer ertranken; sie leben als ein eignes
Volk auf dem Grunde des Meeres und haben eigentlich menschliche
Gestalt, nur dass diese gewöhnlich durch das darüber liegende
Seehundsgewand verdeckt ist. In der Johannisnacht aber dürfen sie ihre
Seehundhaut ablegen, in menschlicher Gestalt steigen sie dann ans Land
und spielen, singen und tanzen fröhlich wie andre Menschen; wer ihnen
die Seehundhaut raubt, der nimmt ihnen die Möglichkeit, ihre Gestalt
zu wechseln, und sie bleiben Menschen. So gewann einst ein Bauer ein
wunderschönes Mädchen zum Weib. Die Haut verwahrte er in einer Kiste.
Im dritten Jahr gelang es seiner Frau, die Kiste zu öffnen und das
Gewand heraus zu nehmen. Da verschwand sie und kehrte zu ihrem Volke
zurück.