Über den Ursprung der Zwerge berichtet die Vǫlospǫ́ 9/10, die Götter

hätten in Urzeiten beraten, wer der Zwerge Schar aus Ymirs Blut

und Gebein erschaffen sollte. Da entstand als trefflichster aller

Zwerge Motsognir, als zweiter Durin. Nach Durins Geheiss machten die

Zwerge in der Erde (aus Erde, wie eine andre Lesart lautet) manche

Menschenbilder. Dann folgt ein Verzeichniss von Zwergnamen. Die Stelle

ist nicht klar. Gemeint ist vermutlich, Götter und Riesen seien aus

Urzeugung entsprungen, die Zwerge und darnach die Menschen aber von

den Göttern geschaffen worden. Wir verstehen aber nicht recht, ob

die „Menschenbilder“ (_mannlíkon_) Zwerge oder rechte Menschen sind,

ob die Menschen etwa als Gebilde elbischer Kunst galten. Strophe 10

lässt sich auch so erklären: die Zwerge Motsognir und Durin machten

menschenähnliche Gebilde, nämlich die verzeichneten Zwerge, sie selber

erwuchsen aus Ymirs Blut und Gebein, d. h. aus Wasser und Stein,

überhaupt aus Erde und sollen nun aus demselben Stoffe weiter schaffen.

Snorri hat die Stelle auch nicht verstanden. Er phantasiert darüber:

„Die Götter gedachten, wie die Zwerge im Erdboden tief unter der

Oberfläche entstanden waren wie Maden im Fleisch. Nach Bestimmung der

Götter erhielten sie menschlichen Verstand und menschliche Gestalt,

aber sie hausen doch wie zuvor in Erde und Steinen.“ Die Sage ist

keinesfalls alt und echt, ebensowenig wie die Erzählung im prosaischen

Anhang des deutschen Heldenbuchs, wornach zuerst die Zwerge von Gott

geschaffen wurden zum Bau des wüsten Landes und Gebirges und zum

Sammeln der Schätze, darauf erst die Riesen zur Bekämpfung der wilden

Tiere und zuletzt die Recken, d. h. die Menschen, um den Zwergen gegen

die übermütig und untreu gewordenen Riesen beizustehn. Diese Sage ist

nur aus den Heldengedichten, aus den dort üblichen Kämpfen mit Zwergen

und Riesen erfunden und hat keine Gewähr höheren Alters. Die Elbe

wurden endlich von der christlichen Volkssage mit den neutralen Engeln

in Verbindung gesetzt. Die im Grunde gutartige, freundliche Elbenschar

schien dem naiven Glauben ebenso merklich von den Engeln wie von den

Teufeln geschieden als zugleich mit beiden verwandt. Da wurden sie denn

als die bei Lucifers Fall neutral gebliebenen Engel erklärt, darum hat

Himmel und Hölle an ihnen teil, sie sind gut und böse.[87]

2. Kobolde.[88]

Elbische Wesen haben Neigung, mit den Menschen in Verkehr zu treten.

Die Zwerge kommen zuweilen aus den Bergen herab und gesellen sich

hilfreich oder doch zuschauend zu den arbeitenden Menschen. Wilde Leute

verdingen sich als Knechte oder Mägde, wobei die Arbeit zusehends

gedeiht. Oft sprechen Elbe in den Bauernhütten zu Gast ein. Aber

am innigsten und traulichsten wird der Bund dann, wenn der Alb als

Hausgeist, als ständiger Genosse sich einlegt. Der altdeutsche Name

solcher Hausgeister war +Kobold+. Das Wort begegnet zwar nur im

Mhd. und Nhd., aber darf als älter erschlossen werden. Vielleicht

ist frz. _gobelin_ daher zu leiten, zweifellos hängt ags. _cofgodas

lares_ und _cofgodu penates_ damit zusammen. Kobold ist eigentlich

_kobwalt_, der des Kobens waltet; ags. _cofa_, an. _kofi_, mhd. _kobe_

ist Hütte, Verschlag. Mithin ist Kobold eine treffende Benennung

des Hausgeistes.[89] Neben dieser allgemeinen, nur in Deutschland

nachweislichen Bezeichnung führt der Hausgeist noch eine Menge anderer

Namen, die seinem Thun und Treiben entstammen. Er wird geradewegs mit

kosenden Eigennamen gerufen wie Heinz, Hinze, Chimke (Joachimchen),

Wolterken, Robin u. s. w. oder man heisst ihn nach Merkmalen seiner

Tracht Hütchen, Hopfenhütel, Stiefel. Endlich wird er als polternder

Rumpelgeist mit Namen wie Rumpelstilz, Klopfer, Bullermann, Mummhart,

Nisse (dänisch, zum Verbum _nisse_, sich geschäftig machen) oder als

Schrecker mit Namen wie Butzemann, Busemann[90], Puck, Tattermann,

Popanz belegt. An die Verwandlungsfähigkeit dienstbarer Hausgeister

mahnt das Märchen vom gestiefelten Kater, der Name Katzenveit und

Ekerken (Eichhörnchen).

In Gestalt, Aussehen und Tracht gleichen die Kobolde den Zwergen.

Sie tragen Hütchen, oft von roter Farbe, und gefeite Stiefel. Ein

Kobold erscheint alt und runzlig, aber nicht furchtbar, mit langem

weissem Bart und mit einer Kapuze auf dem Haupt (Bartsch, Sagen aus

Mecklenburg 1, 68). Als Marder, Schlange[91], Katze zeigt sich der

Kobold, meist aber bleibt er unsichtbar. Kobolde wohnen gern in

Stall, Scheune und Keller des Menschen, dem sie sich zugesellen, und

verrichten Hausgeschäfte, vorzüglich in Küche und Stall. Der Kobold

ist ein diensamer, fleissiger Geist, der seine Freude daran hat, den

Knechten und Mägden bei der Hausarbeit beizuspringen und insgeheim

einen Teil davon zu verrichten. Er trägt in der Küche Wasser, haut

Holz, holt Bier, kocht, striegelt die Pferde und strählt ihre Mähnen,

giebt dem Vieh Futter vor, mistet den Stall aus. Wo er ist, nimmt das

Vieh zu und alles gedeiht und gelingt. Sein Dasein bringt Glück ins

Haus, sein Abgang nimmt das Glück fort. Die Magd hat oft den Kobold

zum heimlichen Gehülfen. Dann geht ihr alles rasch von statten, ihre

Arbeit wird zum grössten Teil vom Kobold gethan. Dafür fordert der

Kobold ein geringes Opfer. Täglich muss an einer bestimmten Stelle ein

Schüsselchen Milch oder ein Speisenapf bereit stehen.[92] Vergisst sie

das einmal, so muss sie in Zukunft nicht nur ihre Arbeit selbst wieder

thun, sondern sie hat nun auch eine unglückliche Hand, indem sie sich

im heissen Wasser verbrennt, Töpfe und Geschirr zerbricht, das Essen

umschüttet. Darüber hört man den Kobold lachen und kichern. Er führt

auch Aufsicht im Haushalt und bestraft faules und nachlässiges Gesinde.

Ergötzlich ist die Geschichte (Deutsche Sagen Nr. 75), wie ein Mann

aus Hildesheim, als er auf Reisen geht, sein leichtfertiges Weib dem

Kobold zur Hut befiehlt. Der Kobold erfüllt auch sein Amt treulich und

verscheucht alle Liebhaber der Frau. Aber dem heimkehrenden Ehemann

klagt er, lieber wolle er die Schweine von ganz Sachsen hüten, als

ein einziges solches Weib, so vielerlei Listen und Ränke habe sie

erdacht, ihn zu täuschen, und ihm seine Aufgabe sehr erschwert. Des

Kobolds Gutmütigkeit wandelt sich aber leicht auch in Neckerei und

Schadenfreude, er wird zum Quälgeist und Plagegeist. Ja er trachtet

sogar nach dem Leben dessen, der ihn gekränkt. Ein Küchenjunge, der den

Kobold höhnt und lästert, wird von ihm erwürgt und in kleine Stücke

zerhauen oder an den Bratspiess gesteckt. Zeigt sich der Kobold von

der schlimmen Seite, so ist fast stets die Treulosigkeit und Bosheit

der Menschen daran schuld. Denn die elbischen Geister sind im Grunde

gutartig, höchstens zu harmloser Neckerei aufgelegt; werden sie aber

gereizt, so nehmen sie schreckliche Rache und treiben den Missethäter

in Not und Tod. Hütchen wird so geschildert: „er wollte die Leute gern

überreden, dass es ihm vielmehr um ihren Vorteil als um ihren Schaden

zu thun sei, daher warnte er bald den einen vor Unglück, bald war er

dem andern in einem Vorhaben behilflich. Es schien, als trüge er Lust

und Freude an der Menschen Gemeinschaft, redete mit jedermann, fragte

und antwortete gar gesprächig und freundlich. Niemand fügte er etwas

Leid zu, er wäre denn am ersten beschimpft worden. Wer seiner aber

spottete, dem vergass er solches nicht, sondern bewies ihm wiederum

einen Schimpf.“ Die Kobolde kommen von auswärts ins Haus gezogen, so

Hinzelmann. Auf dem Schlosse Hudemühlen liess er sich zuerst im Jahre

1584 hören, indem er durch blosses Poltern und Lärmen sich zu erkennen

gab. Darnach fing er an, bei hellem Tage unsichtbar mit dem Gesinde

zu reden. Endlich sprach er auch mit dem Hausherrn selber. Als er

gefragt wurde, woher er sei und was er an diesem Ort zu schaffen habe,

sagte er, dass er aus dem Böhmer Wald gekommen wäre. Der Geist schied

freiwillig wieder aus Hudemühlen, nachdem er vier Jahre daselbst sein

Wesen getrieben hatte. Aber solange der Kobold nicht selber seinen

Dienst aufgiebt, weicht er auch nicht aus dem erwählten Hause, so sehr

der Hausherr mit List und Gewalt den lästigen oder unheimlichen Gast

wegzubringen bemüht ist. Nach den Deutschen Sagen Nr. 44 hatte ein

Schäferjunge ein Erdmännlein erlöst. Das stellte sich kurz vor den

Jungen und sprach: Gib mir Arbeit, dass ich etwas zu thun habe. Der

Junge gebot ihm die Schafe zu hüten. Abends sagte das Männlein: Ich

will mit dir gehen. Du hast mich nun einmal angenommen, willst du mich

selber nicht, musst du mir anderswo Herberge schaffen. Da wies ihn

der Junge ins Nachbarshaus. Bei diesem kehrte das Erdmännchen richtig

ein, und der Nachbar konnte es nicht wieder los werden. Bekannt ist

die Geschichte vom Bauern, der seines Kobolds überdrüssig geworden,

weil dieser allerlei Unfug anrichtete. Zuletzt ward er Rats, die

Scheune anzustecken, wo der Kobold seinen Sitz hatte, und ihn zu

verbrennen. Deswegen führte er erst all sein Stroh heraus und bei dem

letzten Karren zündete er die Scheune an, nachdem er den Geist wol

versperrt hatte. Wie sie nun schon in voller Glut stand, sah sich

der Bauer von ungefähr um, siehe, da sass der Kobold hinten auf dem

Karren und sprach: es war Zeit, dass wir herauskamen! Der Schlossherr

von Hudemühlen gedachte Hinzelmanns dadurch los zu werden, dass er

verreiste. Auf der Fahrt bemerkte man eine weisse Feder, die neben dem

Wagen herflog. Es war der Kobold, der dem Herrn überall hin folgte. Um

dem „Futtermännchen“ (dem viehfütternden Kobold) zu entgehen, führte

ein Mann sich ein neues Haus auf, sah aber am letzten Tag vor dem

Auszug Futtermännchen am Bache sein grau Gewand ins Wasser tauchen mit

den Worten: da wisch und wasch ich mein Röckchen aus, morgen beziehn

wir ein neues Haus (Börner, Volkssagen aus dem Orlagau S. 246). Launig

ist die Geschichte vom Kobold, der sich Klosterbrüdern verdingt, wovon

Bartschs Sagen aus Mecklenburg Nr. 86 und das Schwankgedicht vom

Bruder Rausch, das Wilhelm Hertz so köstlich neubelebt hat, Beispiele

darbieten.

Was der Kobold fürs Haus, das ist der +Klabautermann+ fürs Schiff. Er

ist der Schutzgeist des Fahrzeugs, er hilft den Matrosen das Schiff

reinigen, die Segel hissen, die Waren stauen. Oft hört man ihn im

Schiffsräume hämmern und klopfen. Sichtbar wird er selten, meist nur,

wenn dem Schiffe Untergang droht. Für seine Arbeit verlangt er ein

Schälchen mit Milch; legt man ihm Kleider und Schuhe hin, so verlässt

er das Schiff. Der Name, der auch in der Form Kabautermann begegnet,

ist vielleicht aus _kabout_(d. i. _kabolt_,_ kobolt_) entstellt,

etwa aus einer niederdeutschen Koseform _kobolterken_, die auch zur

Benennung Wolterken für die Hausgeister Anlass geben konnte.[93]

Nirgends tritt die Verwandtschaft der seelischen und elbischen Geister

so deutlich hervor wie in den Sagen vom Kobold und vom Klabautermann.

In den Deutschen Sagen Nr. 72 schliesst der Bericht vom Kobold: „Man

glaubt, sie seien rechte Menschen in Gestalt kleiner Kinder mit einem

bunten Röcklein. Darzu etliche setzen, dass sie teils Messer im Rücken

hätten, teils noch anders und gar greulich gestaltet wären, je nachdem

sie so und so, mit diesem oder jenem Instrument vor Zeiten umgebracht

worden wären, denn sie halten sie für die Seelen der vorweilen im

Hause Ermordeten.“[94] Der Klabautermann aber ist die Seele eines

toten Kindes, die in einen Baumstamm fuhr. Wird der Baum gefällt und

zum Schiffsbau verwendet, so kommt damit die Seele des Kindes als

Klabautermann aufs Schiff.[95]

3. Nixe.

Das Wasser, wo immer es sich darbot, in Quell und Bach, in Fluss und

See, im weiten Meer, war von Geisterwesen bevölkert, die teils in

menschenähnlicher, teils auch in tierischer Gestalt gedacht wurden.

Gründe zu solchen Vorstellungen waren mehrfach vorhanden, die Seelen

Ertrunkener lebten im Wasser fort, sie waren von den Wassergeistern

hinabgezogen worden. Die wundersamen Tiergestalten, die zumal aus dem

Meere emportauchen, regten die Sagenbildung an. Aber wie die sanften

Windelbe hinter den Sturm- und Wetterriesen zurückstehen, so gibt es

auch weniger Wasserelbe als Wasserriesen. Wo die entfesselte elementare

Gewalt dem Menschen entgegen brauste, dichtete er eher Riesen- als

Elbensagen. Im Binnenland, an kleinen Teichen und Bächen, herrschen

mehr Elbe, am Meer, am breiten Strom und weiten See dagegen Riesen.

Die allgemeine Benennung des Wassergeistes ist Nix.[96] Das Wort

findet ebenso auf elbische (besonders im Femininum Nixe), wie auf

riesische Wesen Anwendung. Ohne weiteres deutlich sind Bezeichnungen

wie _waȥȥerholde_, _merminne_, _mermeit_, _merwîp_, _merwunder_,

_wassermann_, _wasserjungfer_, _seejungfer_, _seeweibel,_ im

Nordischen heissen die Wasserwesen _haffrú_, _sækona_, _havmand_,

_strömkarl_, _vattenelfvor_, _quernknurrer_, _Grim_ und _fossegrim_.

Die Wassermädchen werden als Mümlein (mhd. _muome_, nds. _watermöme_)

vertraulich angeredet oder mit Eigennamen wie Wasserlisse[97] belegt.

Von den Wasserelben erfahren wir mehr aus der jüngeren Volkssage

denn aus der alten Überlieferung, welche uns dagegen riesische Wesen

vorführt. Doch ist anzunehmen, dass die Wasserelbe früher in der

Heidenzeit kaum anders vorgestellt wurden als in der Volkssage der

Gegenwart. Der Wassermann wird meist ältlich und langbärtig gedacht.

Er trägt einen grünen Hut, und wenn er bleckt, sieht man seine grünen

Zähne. Seine Zwerggestalt wird selten hervorgehoben, die Sage schildert

ihn gewöhnlich in menschlicher Grösse. Nach schwedischem Glauben wohnt

er zwischen den Seerosen, in mondhellen Nächten sitzt er auf den

Blättern und lässt sein Spiel erklingen (J. Grimm, Myth. 3, 142). Die

Nixen sind von blendender Schönheit. Sie sitzen in der Sonne, ihre

goldenen Haare kämmend. Von den berückenden Nixen, die im Wasser schöne

Gründe und Säle bewohnen, weiss besonders die thüringische Sage[98]

Genaueres. Dass ihr Leib in einen fischartigen Schwanz ausläuft, wie

von der isländischen _haffrú_, dem _meyfiskur_ d. h. Mädchenfisch

erzählt wird, ist schwerlich echt deutscher Glaube. Wenigstens weiss

die unverfälschte Sage nichts davon[99]. Unten im Wasser haben die

Wasserelbe prächtige Paläste, wie die irdischen erbaut, mit Zimmern,

Sälen und Kammern voll mancherlei Reichtum. Dem Gesang ist der _nök_,

der _strömkarl_ oder _fossegrim_, der in rauschenden, brausenden

Wasserfällen wohnt, besonders zugethan. Der Fossegrim lockt an stillen,

dunkeln Abenden die Menschen durch seine Musik an und lehrt Geige oder

Saitenspiel den, der ihm Donnerstag abends mit abgewandtem Haupt ein

weisses Böcklein opfert und in einen nordwärts strömenden Wasserfall

wirft. Ist das Opfer mager, so bringt es der Lehrling nicht weiter als

zum Stimmen der Geige, ist es aber fett, so greift der Fossegrim über

des Spielmanns rechte Hand und führt sie so lange hin und her, bis das

Blut aus allen Fingerspitzen springt; dann ist der Lehrling in seiner

Kunst vollendet und kann spielen, dass die Bäume tanzen und die Wasser

in ihrem Fall still stehen (Faye, norske folkesagn S. 57). Schön ist

die Sage vom Neck, die J. Grimm so erzählt: „Zwei Knaben spielten am

Strom, der Neck sass und schlug seine Harfe, die Kinder riefen ihm zu:

Was sitzest du, Neck, hier und spielst? Du wirst doch nicht selig. Da

fing der Neck bitterlich zu weinen an, warf die Harfe weg und sank in

die Tiefe. Als die Knaben nach Haus kamen, erzählten sie ihrem Vater,

der ein Priester war, was sich zugetragen hatte. Der Vater sagte: Ihr

habt euch an dem Neck versündigt, geht zurück, tröstet ihn und sagt

ihm die Erlösung zu. Da sie zum Strom zurückkehrten, sass der Neck am

Ufer, trauerte und weinte. Die Kinder sagten: Weine nicht so, du Neck,

unser Vater hat gesagt, dass auch dein Erlöser lebt. Da nahm der Neck

froh seine Harfe und spielte lieblich bis lange nach Sonnenuntergang.“

Auch die Wassernixen lassen zur Nachtzeit verlockenden Gesang oder

klagende Töne hören (Bartsch, Sagen aus Mecklenburg 1, 394 u. 399). Die

Wassergeister sind aber im allgemeinen grausam und blutdürstig, sie

fordern Opfer an Menschenleben. Wer ertrinkt, ist von den Wasserelben

gewaltsam in ihre Gemeinschaft entrückt worden. Die üblichen Sagen

erscheinen darum bei den Wassergeistern meist unheimlicher als sonst.

Bezeugt sind die gewöhnlichen Typen[100]. So bieten die Deutschen

Sagen Nr. 68 den Kielkropf als Sendung der Wasserelben, ebenda Nr.

31, 58, 65, 69, 305 steht die Geschichte von der Menschenfrau, welche

der Nixenfrau in Kindsnöten hilft. Die wilden Züge zeigen sich

darin, dass der Nix seine Kinder tötet, wie aus aufquellendem Blute

ersichtlich wird, und dass er auch der Helferin am liebsten ein Leid

anthun möchte. Der Wassermann erscheint zuweilen in menschlicher

Gestalt und Kleidung, um in der Stadt Einkäufe zu machen. Zu Laibach

kam er einst zum Tanz unter die Linde auf den Markt als schöner,

wolgekleideter Jüngling. Er grüsste die ganze Versammlung höflich und

bot jedem Anwesenden die Hand, welche aber ganz weich und eiskalt war

und bei der Berührung jedem ein seltsames Grausen erregte. Er zog

eine leichtfertige Magd zum Tanz auf und schweifte mit ihr allmälig

bis zur Laibach, wo er mit ihr hinein sprang. Die Nixen kommen auch

öfters ans Land auf den Markt, um Einkäufe zu machen, oder zu Tanz

und andern Lustbarkeiten. Sie sind wie schöne Mädchen gestaltet und

nur an ihren stets nassen Kleidersäumen erkenntlich. Jünglinge werden

von Liebe zu ihnen ergriffen, die Nixen erwidern ihre Gefühle. Aber

sie müssen immer zur bestimmten Stunde in ihre Heimat zurück. Um sie

länger da zu behalten, wird irgend eine List angewandt. Erschrocken

eilen die Verspäteten zu ihrem heimischen Gewässer und verschwinden

darin. Da steigt Blut auf und zeigt, wie grausam ihr Säumen bestraft

wurde. Von vielen Gewässern geht die Sage, sie hätten ein Recht auf ein

jährliches Opfer, das sie auch erzwingen. An bestimmten Stellen zieht

der Nix oder die Nixe den Schwimmer hinunter. Die Leichen der also

Ertränkten, wenn sie gefunden werden, weisen blutunterlaufene Mäler

auf, wo der Wassergeist zugriff. Der Bräutigam eines schönen Fräuleins

war in die Elbe gefallen und drei Tage nicht aufgefunden worden. Ein

Schwarzkünstler erklärt, er sei in der Macht der Nixe, die ihn zur Ehe

zwingen wolle. Da sich der Jüngling weigerte, fand man bald darauf

seinen Leichnam voll blauer Flecke. Ein Bauer, der in die Behausung des

Wassermanns kam, sah eine Stube voll umgekehrter Töpfe, die Öffnung

bodenwärts. Es waren die Seelen der Ertrunkenen, die also aufgehoben

wurden, um nicht entwischen zu können. Das Opfer an die Wasserelbe

bezeugt Prokop _bell. goth._ 2, 25: Die Franken warfen im Jahre 539

die gefangenen gotischen Weiber und Kinder in den Po, um dadurch die

Zukunft zu erforschen. Denn die Wassergeister wissen wie alle Elbe die

Zukunft voraus. So verehrten die Alamannen nach Agathias 28, 4 die

Flusswirbel _(ῥεῖθρα ποταμῶν)_ und nach Plutarchs _Lebensbeschreibung

Caesars_ Kap. 19 weissagten die Germaninnen aus den Flüssen.

Wasserelbinnen (_wîsiu wîp_, _merwîp_) verkünden Hagen die künftige

Not der Nibelungen in Etzels Lande. Wie sich Sterbliche eine Zeit lang

unter den Elben aufhalten, so weiss auch Prätorius (Deutsche Sagen

Nr. 67) von einer Magd, die drei Jahre lang beim Nix unter dem Wasser

diente, dann aber wieder zu den Menschen zurückkehrte. Eine äusserliche

unpassende Übertragung von der Sage des Bergschmiedes ist die von

einem Wasserschmied (Jahn, Volkssagen aus Pommern 144, 145; Laistner,

Rätsel der Sphinx 2, 64). Die Verwandlungsfähigkeit der Wassergeister

lehrt die nordische Sage vom Nibelungenhort. Der Zwerg Andwari, der

den Schatz gesammelt hatte, war so zauberkundig, dass er zu Zeiten als

Fisch im Wasser lebte. Den seelischen Ursprung der Wassergeister, die

teilweise aus den Ertrunkenen hervorgingen, zeigt die norwegische Sage

von den „_Draugen_“. Die Draugen sind die Erscheinungen Ertrunkener

und zugleich Seegespenster überhaupt, welche dem Seefahrer Tod und

Untergang bedeuten. In seltsam fremdartiger Einkleidung wendet die

heutige isländische Volkssage[101] den Seelenglauben auf Wassergeister

an. Die Seehunde gelten als _Faraos líđar_, Dienstleute des Königs

Pharao, die mit ihm im roten Meer ertranken; sie leben als ein eignes

Volk auf dem Grunde des Meeres und haben eigentlich menschliche

Gestalt, nur dass diese gewöhnlich durch das darüber liegende

Seehundsgewand verdeckt ist. In der Johannisnacht aber dürfen sie ihre

Seehundhaut ablegen, in menschlicher Gestalt steigen sie dann ans Land

und spielen, singen und tanzen fröhlich wie andre Menschen; wer ihnen

die Seehundhaut raubt, der nimmt ihnen die Möglichkeit, ihre Gestalt

zu wechseln, und sie bleiben Menschen. So gewann einst ein Bauer ein

wunderschönes Mädchen zum Weib. Die Haut verwahrte er in einer Kiste.

Im dritten Jahr gelang es seiner Frau, die Kiste zu öffnen und das

Gewand heraus zu nehmen. Da verschwand sie und kehrte zu ihrem Volke

zurück.

Handbuch der Germanischen Mythologie · 第 14 / 68 段