Im älteren isländischen Kristenrecht Kap. 16 heisst es: Wenn jemand

sich mit Verhexung (_fordæđuskap_) abgibt, so steht Waldgang darauf;

das sind Verhexungen, wenn jemand durch seine Worte oder Zauberei

Leuten oder Vieh Krankheit oder Tod bereitet. In den norwegischen

Borgarþingslǫg 1, 16 heisst es: Das ist die übelste Hexe (_fordæđa

værst_), die Kuh oder Kalb, Weib oder Kind beschädigt. Wenn Hexenwerk

(_fordæđuskapr_) gefunden wird in den Betten oder Polstern der

Leute, Haar oder Krötenfüsse, Menschennägel oder sonst Dinge, welche

geeignet scheinen zur Zauberei, so soll man drei Weibern Schuld geben

zu gleichem Recht, bei denen Wahrscheinlichkeit vorzuliegen scheint.

Zur Eisenprobe hat sie dafür zu treten. Wird sie durchs Eisen rein,

so ist sie der Sache unschuldig; wird sie durchs Eisen unrein, so

heisst sie der Sache überführt, Vermögen und Frieden verwirkt, und

fünftägigen Frieden vom Eisen weg, zu schlagen und zu töten jedem,

der sie ergreifen kann. Wenn einem Weibe Trollenschaft (_trylska_)

nachgesagt wird in der Gegend, da soll sie dazu haben das Zeugniss

von sechs Weibern, dass sie nicht trollenmässig (_trylsk_) ist. Der

Sache ist sie unschuldig, wenn das erbracht wird. Wenn sie das aber

nicht erbringt, dann gehe sie fort aus der Gegend mit ihrem Vermögen;

nicht waltet sie dessen selbst, dass sie ein Unhold ist (d. h. sie ist

von Natur Troll). Von der Trollkona sagen die Eiðsifjaþingslǫg 1,

46: Wenn das einer Frau vorgeworfen wird, dass sie einen Mann reite

oder dessen Dienstleute, wenn sie dessen überwiesen wird, da ist sie

bussfällig um drei Mark. Die norwegischen und isländischen Rechte des

12. Jahrhunderts denken sich also die Hexen als schädliche Zauberweiber

und Maren, welche um des angerichteten Schadens willen strafbar sind.

So mag sie schon das Heidentum verfolgt haben. Vom Vorwurf der Ketzerei

und des Teufelsbundes ist keine Spur vorhanden.

* * * * *

Zwei nordische Sagen aus dem 14. Jahrhundert unterliegen dem Verdacht,

nicht altheidnischen, sondern gewöhnlichen mittelalterlichen

Hexenglauben, wie er um 1300 bereits bestand, darzubieten, wenn schon

in besonderer Einkleidung. Thorsteinn lag im Ried verborgen und hörte

einen Knaben in den Hügel rufen: Mutter, reiche mir Stecken und

Handschuhe, ich will zum Geisterritt (_gandreiđ_); es ist Festzeit

unten in der Welt! Da wurde aus dem Hügel alsbald der Stecken gereicht,

der Knabe bestieg ihn, zog die Handschuhe an und ritt, wie die Kinder

pflegen. Thorstein nahte sich dem Hügel und rief dieselben Worte;

sogleich kamen Stecken und Handschuhe heraus, Thorstein stieg auf

den Stecken und ritt dem Knaben nach. Sie gelangten zu einem Fluss,

stürzten sich hinein und fuhren zu einer Felsenburg, wo viele Leute

an Tafeln sassen und alle Wein tranken aus Silberbechern, König und

Königin waren auf einem goldenen Thron. Thorstein, den sein Stock

unsichtbar gemacht hatte, erkühnte sich, einen kostbaren Ring und

ein Tuch zu ergreifen, verlor aber darüber den Stock, wurde von

allen erblickt und verfolgt. Glücklicherweise kam sein unsichtbarer

Reisegefährte auf dem andern Stock, den nun Thorstein mit bestieg, und

so entrannen beide.[75] Wir haben die Sage vom belauschten Hexenmahl,

die neben anderen zahlreichen Beispielen auch im Simplicissimus 2, 17

vorkommt. Die nordische Darstellung hat das Teuflische verschleiert,

ist aber darin kaum ursprünglich. In einem zweiten Bericht tritt

die unholde Seite mehr hervor. Ketil erwachte nachts von heftigem

Geräusch im Walde, lief heraus und sah eine Zauberin (_tröllkona_)

mit fliegenden Haaren. Auf sein Befragen sagte sie ihm, er möge sie

nicht aufhalten, sie müsse zum Trollending; dahin komme Skelking, der

Geister König, aus Dumbshaf, Ofóti aus Ofótansfird, Thorgerd Hölgatröll

und andre mächtige Geister von Norden her.[76] Ofóti, ohne Fuss,

erinnert an den Pferdefüssigen. J. Grimm, Myth. 996 gesteht zu, die

nächtliche Unholdenversammlung sei nicht recht im Geiste des nordischen

Heidenglaubens.

Elbe und Wichte.[77]

Die ganze Natur ist von einem Heer geisterhafter Wesen erfüllt,

welche, wie manche Spuren darthun, ursprünglich den Maren und Seelen

entstammen, allmälig jedoch zu Selbständigkeit und Unabhängigkeit

sich entwickeln. Der Zusammenhang mit den Gespenstern ist lose, die

Art dieser Wesen wird mehr durch die Naturumgebung bestimmt, in

welche sie versetzt gedacht sind. Wir erkennen zwei Hauptgruppen,

+Elbe+ und +Riesen+, welche mehr durch ihr Maass als durch ihre Art

verschieden sind. Beide scheinen aus der bewegten und beseelten Natur

hervorgewachsen zu sein, in beiden werden wahrnehmbare Naturkräfte

persönlich, in den Elben aber die sanften, still wirkenden, in den

Riesen die Elementargewalten. Ihre Beziehungen zum Menschen bilden

den Hauptinhalt der von ihnen umlaufenden Sagen. Die Seelen lebten im

Winde fort, sie hausten in der Erde, in Hügeln und Steinen, in Feld

und Flur, im Walde und in Gewässern. Überall dort treffen wir auch

elbische und riesische Wesen. Die Elbe können zunächst unmittelbar aus

den Seelen abgeleitet werden, wie aus ein paar Beispielen ersichtlich.

Thorolf aus Norwegen nannte die von ihm in West-Island in Besitz

genommene Landzunge Thorsnes. Auf dem Vorgebirge stund ein Berg, an

den hatte Thorolf so grossen Glauben, dass niemand ungewaschen dahin

schauen sollte, und nichts sollte man auf dem Berge töten, weder

Vieh noch Menschen. Den Berg nannte er Heiligenberg (_Helgafell_),

und meinte, dass er dahin fahren werde, wenn er sterbe, und ebenso

alle seine Freunde. Auf der Spitze des Vorgebirges war eine grosse

Friedensstätte, deren Boden in keiner Weise beschmutzt werden durfte,

weder mit Blut noch auch sollte man dorthin „_alfrek_“ gehen. _Alfrek_

heisst Elbenvertreibung. Menschenkot ist damit gemeint. Es handelt sich

also um einen Berg, in den Seelen versterben, aus dem man _alfar_ nicht

vertreiben soll. Mithin sind die Abgeschiedenen und die Elbe eins[78].

Ebenso ist der Name _Geirstađa alfr_, Alb von Geirstadt, nur aus dem

Umstande erklärlich, dass die Toten im Erdhügel _alfar_ genannt oder

zu den _alfar_ gezählt wurden. König Olaf von Vestfold wurde, wie der

Olafs þáttr Geirstaða Alfs und andre Quellen berichten, nach seinem

Tode zu Geirstaðir in den Hügel gesetzt und Alb von Geirstadt genannt.

Die Leute opferten dem toten König um gutes Jahr. Die Toten sind

Hügelbewohner (_haugbúar_), die Elbe wohnen in Hügeln. Die Kormakssaga

Kap. 22 erwähnt einen solchen Hügel, in dem Alfar hausen (_hóll er

alfar búa í_). Mit Stierblut wird ihnen Opfer (_alfablót_) dargebracht.

Man möchte daraus schliessen, dass ursprünglich die Seelengeister,

namentlich die in Bergen und Hügeln eingegangenen, Elbe genannt und

erst später unter Elben besondere Geister verstanden wurden. Aber

die Anwendung des Albnamens auf Seelen kann freilich auch nordische

Sonderentwicklung sein und auf späterer Übertragung beruhen. Beim

Kobold und Schiffsgeist ist seelischer Ursprung deutlich bezeugt. Der

Kobold erscheint öfters in Gestalt eines kleinen ermordeten Kindes

(Deutsche Sagen Nr. 72 u. 76), der Klabautermann ist ebenso die Seele

eines Kindes (Zeitschrift für deutsche Mythologie 2, 141). Nachdem

einmal aber die Geister vom seelischen Untergrunde sich losgelöst

hatten, geschah ihre weitere Ausgestaltung durch die schöpferische

Einbildungskraft, welche in Naturerscheinungen Äusserungen der

Geister zu erkennen wähnte. Wo Bewegung, da ist Leben. Wind und Wolke

drängt sich dem Beschauer zunächst auf, aus Wind und Nebel entstanden

zahlreiche Sagen und Meinungen über das Thun und Treiben der Elbe und

Riesen. Die Windfurchen im wogenden Kornfeld, das Waldesrauschen, das

Wogen des Wassers, die Streifen auf der glatten See, alle möglichen

andern ihren Ursachen nach unbekannten Naturerscheinungen, z. B. Kreise

im betauten Grase wurden als Spuren solcher Geisterwesen betrachtet.

Im tosenden Sturm, im Gewitter erblickte man riesische Gewalten.

Das Nebelspiel zumal in Bergländern befruchtete die sagenbildende

Phantasie. Der Nebel, der um Bäume spinnt, über Wassern und auf dem

Felde braut, der über die Haide sich ausdehnt, an den Bergen auf und

nieder steigt und zu Wolken sich ballt, darf als der Ursprung vieler

Sagen und abergläubischen Vorstellungen gelten[79]. Der allgemeine

dem Menschen innewohnende Gespensterglaube hat sich in den Elben

und Riesen, in den Naturgeistern örtlich und sehr verschiedenartig

befestigt und ausgebildet. Aber gemeinsame Züge gehen durch alle

Vielheit und Mannigfaltigkeit hindurch.

Im Englischen begegnet die Form _ælf_, _ylf_, weiblich _ælfen_ die

Elbin. Wie im Norden Asen und Alfen (_æsir ok alfar_) zuweilen neben

einander genannt werden (z. B. im Grimnirliede 4, im Lied von Thrym

6, in der Lokasenna 2), so im Angelsächsischen _ése and ylfe_ (im

Spruch gegen Hexenstich ist von _ésa and ylfa gescot_ die Rede).

Ob die ags. Berg-, Wald-, Feld-, Seeelbinnen, die _munt-_, _dún-_,

_wudu-_, _feld-_, _sæælfenne_, heimischem Glauben entstammen, oder

griechischen Ausdrücken wie _Oreaden_, _Dryaden_, _Najaden_, denen sie

zur Übersetzung dienen, nachgebildet sind, bleibe dahin gestellt. Das

spätere Englisch kennt _elf_, _elfish_, das englische Wort drang im 18.

Jahrhundert durch litterarische Vermittlung ins Deutsche, welches den

Gemeinbegriff „+Alb+“ nur noch in bestimmter eingeschränkter Bedeutung

kannte. Die nordische Sprache bietet von den ältesten Zeiten bis zur

Gegenwart _alfr_, plur. _alfar_, schwed. _elf_ pl. _elfar_, dän. _elv_

pl. _elve_. Die Elbin wird als _alfkona_, dän. _ellekona_ bezeichnet.

Im Schwedischen heissen die Elbinnen auch _elfvor_. In Deutschland

finden wir Wort und Begriff nur im Mittelalter und in der Neuzeit. Mhd.

_alp_ plur. _elbe_ und _elber_, meint das Marengespenst. Das Adjectiv

_elbisch_ bedeutet marenhaft und von Elben verwirrt. Wir werden also

etwas weiter auf die sinnberückende Macht der Elben gewiesen. So singt

auch Heinrich von Morungen von der berückend schönen Geliebten, sie

habe ihn wie die Elbin (_diu elbe_) mit ihrem Blicke bezaubert:

_von der elbe wirt untsên vil manic man:

só bin ich von grôȥir liebe untsên

von der bestin di ie kein man liep gewan._

Im Mitteldeutschen wird Alf als Schimpfwort gebraucht und bedeutet

Thor, Narr. Die zahlreichen altdeutschen Eigennamen[80], die mit Alb

gebildet sind, wie _Albing_, _Albirih_, _Albgôȥ_, _Albgast_, _Albhart_,

_Albgêr_, _Albwin_, _Albhild_, _Alblint_, _Albloug_, _Albswint_

u. ä. stellen sich den ags. wie _Älfhere_, _Älfwine_, _Älfréd_,

_Älfríc_ zur Seite und beweisen, dass man sich ursprünglich dabei

nichts Böses noch Gehässiges dachte. Wer die Elbe zu Freunden hatte

(_Albwine_), wer ihres Rates genoss (_Älfréd_), wer sie beherrschte

(_Alberich_), dem musste es glücken. Die Namen zeigen, dass man auf

ein freundliches Verhältniss zu den Elben bedacht war, dass man ihrer

Hilfe begehrte. Die Elbe waren vorwiegend gute und holde Geister. Die

ostgotischen Namen _Albi_[81] und _Albila_ scheinen Koseformen zu

einem mit Alb-ähnlich wie im Westgermanischen gebildeten Vollnamen.

Als gemeingermanisch darf mithin Wort und Begriff _alƀaȥ_ gelten,

dessen Mehrzahl teils nach den A-Stämmen (an. _alfar_), teils nach den

i-Stämmen (mhd. _elbe_) gebildet wurde[82].

Die Grundbedeutung des Wortes +Wicht+ ist Geschöpf, Wesen, Ding.

Ahd. und mhd. ist das Wort männlich und sächlich, der Plural zum

Neutrum lautet _wihti_ und _wihtir_. Mhd. _wihtelîn_, _wihtelmennelîn_

bezeichnet, wie noch heute in den Mundarten Wichtlein und Wichtelmann,

Zwerge und Kobolde. Das got. _waihts_ und das nordische _vættr_

sind weiblichen Geschlechtes. Im Nordischen ist dieser Ausdruck

in mythologischem Sinne besonders häufig. _Landvættir_ sind die

Schutzgeister des Landes, _hollar vættir_ sind holde, freundliche,

_meinvættir_ unholde, feindliche Geister, böse Wichte (mhd. _bæseȥ

wihtel_).

Neben den uralten allgemeinen Benennungen Alb und Wicht gibt es noch

zahlreiche andere, welche ein besonderes elbisches Wesen nach seiner

Thätigkeit und Art charakterisieren (so z. B. Zwerg, Nix, Kobold). Die

einzelnen germanischen Stämme älterer und jüngerer Zeit haben viele

solche Namen für Wichte und Elbe geschaffen. Ein allgemeiner Ausdruck

für elbische Wesen war ahd. _scrat_ oder _scrato_, mhd. _schrat_,

_schrate_, dazu _schretel_, _schrättele_; daneben steht die mhd.

Form _schraȥ_, _schraz_, _schrâwaȥ_ und die Koseform _schretzel_,

_schrezlein_, aus dem Altnordischen gehört _skratti_ hierher[83].

Die Etymologie ist völlig dunkel. Der Schrat ist ein drückender Alp,

ein verfluchter Geist, d. h. also eine arme Seele, ein Hausgeist,

ein kleiner Zwerg, ein Poltergeist, ein Waldmann, also alle Seiten

elbischer Art vereinigen sich in diesem rätselhaften Wesen.

Handbuch der Germanischen Mythologie · 第 12 / 68 段