In einem angelsächsischen Segen[61] gegen Hexenschuss wird das Treiben

walkürenhafter Frauen anschaulich beschrieben: „Laut waren sie, ja

laut, da sie über den Hügel ritten, sie waren hochgemut, als sie über

Land (d. h. durch die Lüfte) ritten. Schirme dich nun, wenn du ihre

Feindschaft bestehen willst: heraus, kleiner Speer, wenn du drinnen

bist! Ich stund unter dem Lindenschilde, unter dem lichten Schilde,

da die mächtigen Weiber ihr Heer ordneten und ihre sausenden Speere

entsandten. Ich will ihnen einen andern fliegenden Speer von vorne

entgegensenden: heraus, kleiner Speer, wenn du drinnen bist!“ -- Die

Krankheit ist als ein Hexen- oder Elbengeschoss (_hægtessan, ylfa

gescot_) gedacht, die Hexen aber sind im epischen Eingang des Spruches

als Kampfjungfrauen geschildert. Laut jauchzend, wol geschart, Speere

schleudernd, reiten sie durch die Lüfte heran, der Angegriffene

deckt sich mit dem Schilde und wirft ihnen seinen Speer entgegen.

Die „mächtigen Frauen“ (_mihtigun wíf_) lassen sich also auf einen

förmlichen Kampf mit dem Gegner ein.

Der _Merseburger Zauberspruch von den Idisi_[62] zeigt, dass auch die

Deutschen solche kampf- und siegbetreibenden Frauen kannten: „Einst

setzten sich Idisi hierher und dorthin. Die einen hefteten Hafte,

die andern hemmten das Heer, noch andre klaubten an den Fesseln:

entspringe den Haftbanden, entfliehe den Feinden!“ Dem Spruche liegt

die Anschauung zu Grunde, dass Idisi durch die Luft gezogen kamen und

sich auf dem Walfelde niederliessen, wo der Kampf zwischen zwei Heeren

bereits entbrannt war. Ein solches Feld mochte _Idisiaviso_ Idisenwiese

heissen, wie J. Grimm das von Tacitus überlieferte Idistaviso bessert.

Nun beginnen sie, in drei Haufen geschart, alsbald ihre Thätigkeit,

indem sie, wie die germanischen Frauen, in Wirklichkeit an den

Ereignissen sich beteiligen. Die erste Gruppe hinter dem befreundeten

Heere legt den gefangenen Feinden Fesseln an. Nach solcher Handlung

mögen auch die nordischen Walküren _Hlokk_ (ahd. _hlancha_, Kette)

und _Herfjotr_ (Heeresfessel) heissen. Die zweite Gruppe hemmt das

Vordringen des feindlichen Heeres, entweder dadurch, dass die Idisi

gleich den germanischen Frauen sich der gegnerischen Schlachtreihe

gerüstet und Speere schleudernd entgegenwarfen, oder dass sie durch

irgendwelche Zauberhandlung den Sturmlauf der Feinde plötzlich hemmten

und in panischen Schrecken (an. _herfjǫturr_) verkehrten. Die dritte

Gruppe endlich erscheint hinter dem Heer der Feinde, um den Gefangenen,

der sich hier befindet, zu befreien. Die Idisi nesteln an den Banden

und sprechen dazu den lösenden Zauber, der die Fesseln abspringen

macht. Solche „_leysigaldr_“ enthalten die nordischen Hǫ́vamól 148 und

der Grógaldr 10, womit bewirkt wird, dass die Bande von Händen und

Füssen fallen. Der Gefangene, auf dessen Befreiung der Spruch hinzielt,

glaubt somit an die hilfreichen Idisi, deren thätiges, unmittelbares

Eingreifen den Freunden Sieg und Freiheit, den Feinden Unsieg und

Fesselung bringt.

Im Beowulf 697 heisst es: Der Herr verlieh ihm Glück im Kampfe, das

Gewebe des Kampfglückes (_wígspéda gewiofu_). Der Ausdruck entspringt

der Vorstellung, dass das Schicksal der Schlacht von höheren Mächten

gewoben werde. Ebenso erklären sich die nordischen Bilder Siegesgewebe

(_sigrvefr_) und Speergewebe (_darradar vefr_). Darauf gründet sich das

bekannte Lied der Njálssaga Kap. 158 (_corpus poeticum boreale_ 1, 281

ff.), das sich auf die 1014 zwischen Brian König von Irland und seinem

Sohne Sigtrygg gelieferte Schlacht von Clontarf bezieht. Der Dichter

des Liedes malt die allgemeine Vorstellung des Schicksalsgewebes ins

einzelne aus und gefällt sich in grausigen Schildereien. Ein Mann zu

Caithnes in Schottland sah zwölf Frauen in eine Kammer reiten und

darin verschwinden. Durch ein Fenster beobachtete er, wie die Frauen

ein Gewebe aufgespannt hatten, wobei Menschenhäupter als Gewichte,

Menschendärme als Aufzug und Einschlag, Schwerter als Spule und Pfeile

als Kamm dienten. Bei ihrem Geschäfte sangen sie unter anderm: „Mit

Schwertern schlagen wir dieses Siegesgewebe. Hildr, Hjorthrimul,

Sangriðr, Svipul kamen zu weben mit gezogenen Schwertern. Schaft

wird zerkrachen, Schild zerbersten, die Axt in die Rüstung dringen.

Winden wir, winden wir das Gewebe des Speeres! Folgen wir dem König

(dem siegreichen Sigtrygg)! Blutige Schilde wird man sehen, da Gunnr

und Gondull dem Könige halfen. Winden wir, winden wir das Gewebe

des Speeres, das der junge König vor sich hatte! Voran wollen wir

gehen und in die Schlachtreihe schreiten, wo unsre Freunde die Waffen

kreuzen. Winden wir, winden wir das Gewebe des Speeres, wo die Fahnen

kämpfender Männer wehen! Nicht lassen wir zu, dass sein (Sigtiyggs)

Leben vergehe. Die Walküren haben des Kampfes Kür (_eigu valkyrjur

vals_ [var. _vígs_] _um kosti_). Die Nordleute sollen siegen und die

Iren unterliegen. Das Gewebe ist gewoben, das Feld gerötet. Schrecklich

anzusehen ziehen blutige Wolken am Himmel. Wol sangen wir dem jungen

König viele Siegeslieder. Nun reiten wir auf den Hengsten mit gezogenen

Schwertern fort von hier.“ Da rissen sie das Gewebe von oben herunter

und jede behielt, was sie festhielt. Hierauf bestiegen sie ihre

Hengste, sechs ritten südwärts, sechs nordwärts. Das Gedicht gehört

der christlichen Zeit an, daher sind verschiedene Vorstellungen mit

einander vermischt. Einerseits sind die siegspendenden, todbringenden

Schicksalsweberinnen, wie sie allen Germanen bekannt waren, gemeint.

Darum handeln diese Frauen frei und ohne Auftrag. Wie die deutschen

Idisi gedenken sie, gewaffnet dem feindlichen Heere entgegen zu

schreiten. Sieg und Tod ruht in ihrer Hand, sie verteilen die Loose

nach eigner Wahl auf ihre Günstlinge und deren Gegner. Andererseits

gibt der Verfasser des Liedes den Frauen die Namen, welche sonst Odins

Mädchen führen. Aber mit Ausnahme dieser völlig äusserlichen Anknüpfung

herrscht die alte gemeingermanische Vorstellung, wonach die Walküren

frei, ohne Geheiss und Dienstverhältniss, walten und weben.

* * * * *

Saxo[63] weiss von Waldfrauen, die sich rühmen, die Entscheidung der

Kriege zu lenken, unsichtbar den Kämpfen beizuwohnen und heimlich ihren

Freunden die erbetene Hilfe zu leisten. Sie bethätigen ihre Kunst an

Hother, den sie begaben und beraten.

Neben den Frauen, die das Schlachtgeschick weben und lenken, begegnen

solche, die es, meist im Traume, verkünden. Dem Asmund träumte, dass

Weiber mit Kriegswaffen über ihm standen und sagten: Was soll dein

Zagen? du bist bestimmt, allen andern voranzuleuchten und nun fürchtest

du dich vor elf Männern? Wir sind deine _spádísir_ und werden dir

Beistand gegen jene Männer leisten, mit denen du zu thun hast.[64]

Bevor Harald Hardráði nach England zieht, zeigt sich dem Gyrd im Traume

ein Weib, in der einen Hand ein kurzes Schwert, in der andern einen

Trog, um Blut aufzufangen, ein andres Weib auf einem Wolfe sitzend,

der einen Mannsleichnam zwischen den bluttriefenden Kiefern trägt,

erscheint dem Thord.[65]

In der Sturlungasaga 7, 28 träumt ein Mann, er käme in ein grosses

Haus, worin zwei blutige Weiber sassen, welche ruderten. Zugleich

schien Blut zu den Fenstern herein zu regnen. Das eine Weib sang:

„Rudern wir, rudern wir, es regnet Blut, Gunnr und Gondul, vor dem

Fall der Männer. Wir werden herrschen in Raptahlid, wo die Leute uns

verehren und verfluchen.“ Das Gesicht zeigt die künftigen Unruhen

und Kämpfe auf Island an. In der Víga-Glúmssaga 21, 3 sieht Glum

ebenfalls im Traume eine Schar Frauen mit einem Trog voll Blut, das sie

übers Land giessen. Er erzählt: Ich sah eine Schar göttlicher Wesen

(_gođreiđ_) über Land reiten; Schwerter werden brechen, es naht grauer

Geere Gruss, weil die kampfgrimmen Göttinnen (_ásynjur_) -- des freuen

sich Krieger -- Blut erschlagener Männer ausgossen.

Überall erscheinen bewaffnete, blutvergiessende Frauen, wodurch

bevorstehende Kämpfe angezeigt werden.

* * * * *

Die Marenart der Walküren tritt aus den Nachrichten einiger Sǫgur des

13. Jahrhunderts zu Tage. _Herfjǫtur_ ist ein Walkürenname, zugleich

aber wird damit eine dämonische Lähmung bezeichnet, von welcher

dem Tode verfallene Leute im Kampfe oder auf der Flucht plötzlich

befallen wurden.[66] In der Sverrissaga Kap. 68 heisst es: „Da wussten

sie nicht, woran es liege, dass das Schiff nicht vorangehe; einige

meinten, _herfjǫturr_ sei da über sie gekommen, und sie seien alle

todgeweiht; in Wahrheit aber war es das, dass der Anker über Bord

hing.“ In der Sturlungasaga 7, 188 wird von Thorleif erzählt, wie er

seine Feinde erblickte und schnell in die Berge davon laufen wollte.

Aber da kam _herfjǫturr_ über ihn und er musste ihnen ganz langsam

entgegen gehen, dass sie ihn erschlugen. In derselben Saga 7, 148

befinden sich Gudmund und Svarthofdi auf der Flucht vor Illugi. Gudmund

kam nur langsam vorwärts; da fragte Svarthofdi, ob _herfjǫturr_ über

ihm sei. Er leugnete es. Illugi holte den Gudmund ein und versetzte

ihm den Todesstreich. Nach der Harðarsaga Kap. 35 kommt _herfjǫturr_

mehrmals über den von seinen Feinden umzingelten Hord. Es gelingt

ihm zwar wiederholt, die Zauberfessel (_galdraband_, wie am Rande

_herfjǫturr_ erklärt ist) abzuschütteln, aber schliesslich wird er doch

überwältigt und erschlagen. Ohne weiteres ist der Zusammenhang dieser

„Heeresfessel“ mit dem plötzlichen Überfall der Mare ersichtlich. Hier

wie dort die bange Beklemmung, das lähmende Entsetzen, der von Dämonen

verursachte „_panische_“ Schrecken. Selten vermag der Angefallene

sich der Mare zu erwehren. Dass „Heeresfessel“ zugleich Walküre

ist, beweist, dass ihre Art zum Teil im Gespensterglauben wurzelt.

Die Idisi, welche „_heri lezidun_“, fielen vielleicht ebenso als

Heeresfessel auf die Schar der Feinde.

* * * * *

Jungfrauen erscheinen in Gestalt lichter Schwäne; so zeigen sich mit

Vorliebe ihre Fylgjen. Daraus entstand die Sage von den Schwanmädchen,

die ein Federgewand umthun und damit durch die Lüfte fliegen.

An Waldseen und stillen Weihern lassen sie sich nieder, um die

Schwanhemden abzulegen und in menschlicher Gestalt sich zu zeigen. Wer

das Gewand raubt, dem muss die Maid folgen. Die Walküren sind häufig

zugleich Schwanmädchen. Nicht nur helmgeschmückt, Flammen auf der

Speerspitze, in Glanz und Wetterleuchten reiten sie durch die Luft

auf Wolkenrossen, aus deren Mähnen Thau in die Thäler und Hagel auf

die Wälder fällt, davon den Menschen fruchtbares Jahr kommt, sondern

auch als weisse Schwäne fliegen sie aus. In der Vǿlundarkviþa wird

von solchen Mädchen erzählt. Von Süden her flogen Mädchen durch den

dunkeln Wald, junge Walküren[67], Kampfschicksal zu betreiben (_ørlǫg

drýgja_). Am Seestrand setzten sie sich zur Rast nieder und spannen

herrliche Linnen (d. h. sie wirkten das Schicksalsgewebe). Wölund

und seine Brüder nahmen ihnen ihre Schwanhemden (_álptarhamir_) und

machten sie zu ihren Frauen. Von einem der Mädchen wird gesagt: sie

war schwanenweiss und trug Schwangefieder (_ǫnnor var svanhvít_,

_svanfjađrar dró_). Sieben Winter blieben sie, im achten ergriff sie

Sehnsucht, im neunten trennte sie Not, die Walküren gelüstete es

zum dunkeln Walde, um Kampfschicksal zu betreiben. Saxo erzählt vom

Dänenkönig Fridlev, er habe, als er Nachts aus dem Lager gegangen,

ein seltsames Geräusch in der Luft und dann von oben das Lied dreier

Schwäne vernommen, wodurch er zu einer Heldenthat aufgefordert

wurde. Die Schwäne liessen einen Gürtel mit Runen herabfallen.[68]

Natürlich sind Walküren, Schwanmädchen gemeint, deren Schicksalswort

im Schwanensange aus den Lüften tönt. Die Walküren der Heldendichtung

erscheinen öfters als Schwäne. In der Hrómundarsaga Greipssonar

wird von dem Liebesbund zwischen Helgi und Kara berichtet. Kara in

Schwangestalt liess so kräftige Zauberweisen ertönen, dass die Feinde

sich nicht mehr zu wehren vermochten. Einmal schwebte sie im Kampfe

über Helgi. Da holte er mit seinem Schwerte so weit aus, dass er seine

Geliebte auf den Tod verwundete. Kara fiel tot herab und Helgis Glück

war dahin. Von Agnar, den sie im Kampfe gegen Odins Geheiss mit Sieg

begabte, sagt Brynhild selber, er habe die Hemden (_hamir_) von ihr und

ihren Schwestern unter die Eiche getragen (Helreiþ 7). Er raubte die

Schwanhemden von acht Walküren und zwang sie dadurch, ihm zu Diensten

zu sein. Die bereits erwähnten siegspendenden Waldfrauen (_virgines

sylvestres_) des Saxo sind vielleicht auch Schwanmädchen, die sich ja

in der Vǿlundarkviþa zum dunkeln Walde sehnen. Auf Weihern und Seen

des tiefen Waldes werden Schwanjungfrauen am liebsten sichtbar.

* * * * *

Wurd und die Nornen walten über dem Schicksal und schaffen es, von

den Göttern ist ihr Wirken vollkommen unabhängig. Die Idisi, die das

Schlachtgeschick betreiben, stehen ebenso unabhängig auf sich allein.

Schicksalsfrauen im allgemeinen, Schicksalsfrauen im besondern, im

Gewebe des Kampfglücks, kannte der altgermanische und grossenteils auch

noch der nordische Glauben. Daneben aber treten in den Skaldengedichten

die Walküren hervor, die sich dadurch von den gemeingermanischen

Kampfgöttinnen unterscheiden, dass sie auf Odins Geheiss zur Schlacht

reiten und in Walhall beim Gelage Dienst thun. Ihre Abhängigkeit von

Odin, den sie auf der Walstatt vertreten, ist ein sehr wesentliches

Merkmal. Da ausserhalb des Nordens keine Spur davon auftaucht,

liegt der Schluss nahe, die Walküren als Odins Mädchen gehören der

Skaldendichtung ausschliesslich an, während daneben noch oft auch im

Norden ihre ursprüngliche Selbständigkeit hervorbricht.

5. Hexen.

Im Got. und Ahd. begegnet das Wort _unhulþô_, _unholda_ d. h.

Unholdin.[69] Die got. Bibel bedient sich des Ausdrucks zur

Umschreibung von δαιμόνιον, während die ahd. Denkmäler damit diabolus

übersetzen. Im Mhd. bedeutet _unholde_ Teufelin, Hexe, Zauberin. Dem

germanischen Glauben war somit die Unholdin, ein böser Geist weiblichen

Geschlechtes, geläufig. Erst allmälig bildete sich unter dem Einfluss

des Teufels die männliche Form daneben. Die Unholdin ist eigentlich die

Feindselige, Böse, vom Adj. unhold, feindlich, gebildet. Ob unter der

Unholdin ein gespenstisches oder menschliches Weib gemeint ist, lässt

sich nicht ersehen. Das Wort Hexe[70], welches erst im Gefolge der

Hexenprocesse im 16./17. Jahrhundert weiter ins Volk drang, begegnet

in der ahd. Sprache in zwiefacher Form: _hagaȥussa_, _hegeȥisse, ags.

hægtesse_, mndl. _hagetisse_, _haghedisse_ und _haȥusa_, _haȥus_.

Den Sinn zeigen die Glossen _furia_, _striga_, _eumenis_, _erynnis_

an. Die Etymologie hat zunächst von der kürzeren Form auszugehen.

_Haȥusa_ ist alte Participialbildung zum Verbum ahd. _haȥȥên_, got.

_hatan_, und bedeutet also die Hassende, Feindselige. _Hagaȥusa_ und

die verwandten Wörter scheinen verderbt aus einer Zusammensetzung, die

ahd. *_haga-hazusa_ lauten würde, die feindselige Waldfrau. Der wilde

Wald ist der Wohnort böser Geister. _Holzmuoja, holsrûna_ bezeichnen

ebenso das Waldweib. Mithin sind _unholda_ und _haȥusa_ einander

gleichbedeutend, während _hagaȥusa_ noch den unheimlichen Wald beifügt.

In der Kaiserchronik wird Crescentia gescholten

12201 _du soltest pillîcher dâ ze holz varen,

danne di mægede hie bewarn;

du bist ain unholde_.

Also im Holze hausen die Unholdinnen, die Hexen, die Waldweiber. In

den Kreis der Marenvorstellungen weisen die mhd. Wörter _trute_,

_trut_[71], und das an. _trollkona_, Trollweib. Mit _troll_[72]

bezeichnet die nordische Sprache im allgemeinen die unholden Geister.

Endlich finden wir bereits im nordischen Heidentum _kveldriđur_,

Abendreiterinnen, _myrkriđur_, Dunkelreiterinnen, also nachtfahrende

Zauberweiber. In der Eyrbyggja saga Kap. 16 ist die _kveldriđa_ wie die

nds. _walriderske_ völlig Mare; es wird ihr Schuld gegeben, dass sie

Menschen reite und dadurch beschädige. _Túnriđur_, Zaunreiterinnen,

heissen die übers eingezäunte Gehege reitenden Hexen. Im Mhd. werden

_nahtvarn_, _nahtvrouwen_, d. h. nachtfahrende Frauen genannt, den

nordischen _kveld_- und _myrkriđur_ entsprechend. Die Ausdrücke

_flagđ_, _skass_, _skessa_ d. h. Unhold, werden im Norden ebenso

auf Riesinnen wie auf alle andern unholden Weiber angewandt. Dem

germanischen Heidentum sind also Hexen wol bekannt, nachtfahrende

gespenstische Weiber, die auf Schaden aus sind, die zu den unholden

Geistern des schauerlichen wilden Waldes gehören. Sie berühren sich in

ihrer Thätigkeit mit den Maren, den Urgespenstern, die gleichwie die

Seelen überall auftauchen. Unter Unholdinnen waren die Seelen lebender

oder verstorbener Zauberweiber verstanden. Wie die Hexen im deutschen

Volksglauben in Tiergestalt, als Katzen, Hunde, Hasen, Ratten, Mäuse,

als Kröten, als Eulen und Elstern u. s. w. erscheinen, so heisst auch

auf Island die Zauberin _hamhleypa_, die in andrer Gestalt Laufende,

die Verwandlungsfähige. Das Wesen der Unholdinnen beruht aber in

ihrer feindseligen Bosheit, in ihrem Hang, Übles zu thun und Schaden

anzurichten. Sie fallen darin mit den _seiđkonur_ zusammen, den

Zauberinnen, welche ihre Kunst zum Schaden anderer üben und darum schon

im Heidentum verachtet, gehasst, ja sogar mitunter verfolgt wurden. In

den Hexengeschichten und Sagen wird namentlich nach drei Seiten hin

ihre verderbliche Thätigkeit geschildert, dass sie zur Nacht ausfahren,

dass sie Wetter zaubern und Felder verderben, dass sie Menschen und

Tiere mit Siechtum behexen. Bei Orientalen, Griechen und Römern

herrscht ein ganz ähnlicher Glaube an _Empusen, Lamien_ und _Strigen_.

Es entsteht die Streitfrage, ob der in Deutschland seit der Bekehrung

herrschende Hexenwahn germanisch oder römisch sei, im letzteren Falle

eingeführt durch die Römer in Gallien und Germanien und später durch

die Geistlichen. J. Grimm leitete das Hexenwesen vornehmlich aus

germanischer Urzeit, Soldan dagegen völlig aus der Fremde. Die Wahrheit

wird in der Mitte liegen. Auf gemeinsamer Grundlage, auf dem Maren- und

Seelenglauben erwachsen, müssen Hexengeschichten überall ähnliche Züge

aufweisen. Im 13. Jahrhundert treten ganz neue Motive hinzu, die starke

Entwicklung des Teufelsglaubens. Menschen fielen von Gott ab und gingen

einen Bund mit dem Teufel ein. Teufelsbündler und Ketzer, Zauberer und

Giftmischer wurden allmälig gerichtlich verfolgt; während früher in

der geistlichen Gesetzgebung alles Zauberwerk für blossen sträflichen

Aberglauben erklärt worden war, betrachtete man es jetzt als wirkliche

Thatsache. Im 15. Jahrhundert wurden in Deutschland zuerst Hexen

verbrannt. Durch die Bulle _„summis desiderantes“_, die Papst Innocenz

VIII. am 5. December 1484 erliess, auf deren Grund Jacob Sprenger 1489

den berüchtigten Hexenhammer, _malleus maleficarum_, abfasste, wurden

die Hexenprocesse mächtig angeschürt. Im 15., 16., 17. Jahrhundert

loderten zahllose Scheiterhaufen, erst im Anfang des 18. Jahrhunderts

nahm das Unheil ab. Die Hexerei war nunmehr zum Teufelsbund und

Teufelsdienst gemacht. Die Hexe schwor Gott und Christum ab, sie

ergab sich dem Teufel mit Leib und Seele, betete ihn an als Gott und

Herrn, lebte mit ihm in buhlerischer Verbindung, aber ohne Freude und

Frucht. Die Hexe muss Schaden und Unheil stiften, weil ihr der Teufel

gebietet. Sie bedient sich allerlei Mittel hierzu: gebrauter Tränke,

Pulver, Kräuter, Salben. Mit der Hexensalbe bestreicht sie sich, sowie

den Besen und die Gabel zur nächtlichen Fahrt durch die Lüfte. Auch

durch Spruch und Fluch, durch den Blick selbst kann sie schaden. Bei

den grossen Versammlungen, die an bestimmten Tagen auf den besondern

überall vorkommenden Hexenbergen, auf Wiesen und unter alten Bäumen

stattfanden, geht es zu wie bei den Ketzerversammlungen. Alles zielt

auf Verhöhnung und Schändung der christlichen Ritualien. Zuerst wird

die Teufelsmesse gehalten, dann folgt ein Mahl, dann Tanz und wildeste

Unzucht.[73] Dass dieser von der Kirche behauptete und verfolgte

Hexenwahn, der wesentlich als Teufelsbund gerichtet ward, nicht ohne

weiteres ans germanische Heidentum angeknüpft werden kann, ist klar.

Aber ebenso gewiss sind volkstümliche Bestandteile drin enthalten. Die

Hexenrichter suchten den Teufelsbund nachzuweisen und zu brandmarken,

dem Volke schwebten die feindseligen Unholdinnen vor. So tritt im

Aberglauben die teuflische Zugabe auch meistens zurück, die Hexe

erscheint in ihrer ursprünglichen Selbständigkeit. Wie die Namen so

werden auch die Haupteigenschaften dieser Hexengestalt dem germanischen

Heidentum zuzuweisen sein. Von besonderem Wert sind die älteren

nordischen Zeugnisse, weil in ihnen wahrscheinlich unverfälschte und

ursprüngliche Überlieferung vorliegt; in den Hǫ́vomǫ́l 154 ist ein

Zauberspruch gegen _túnriđur_ erwähnt:

Einen zehnten kenn ich, wenn Zauberweiber

Im Fluge durchfahren die Luft:

Bewirken kann ichs, dass sie wenden den Pfad

Nach Hause, der Hüllen beraubt,

Nach Hause, verstörten Verstands.

Im Lied von Helgi dem Hjorwardsson kommt sein Bruder Hedin einsam

aus dem Walde heim, da begegnet ihm ein Trollweib, auf einem Wolfe

reitend, der mit Schlangen gezäumt war. In ähnlichem Aufzuge erscheint

die Riesin Hyrrokin bei Baldrs Begräbniss. In der SE 1, 258 heisst

Thor Bezwinger nachtfahrender Unholdinnen, _konor kveldrunnar_. Ein

solcher Hexenritt wurde als _gandreiđ_ bezeichnet. _Gandar_ sind

Zauberwesen, Gespenster. So heisst in der Njála Kap. 126 _gandreiđ_ die

Erscheinung eines gespenstischen Reiters, welche künftige Ereignisse

anzeigt. In der Fóstbræðrasaga Kap. 9 wird die Seele der schlafenden

Thordis entzückt zum _gandreiđ_, zum _„renna gǫndom“_, Rennen unter

den Geistern, _gandreiđ_ ist gleichbedeutend mit _hamfǫr_, gemeint

sind Zauberfahrten in verwandelter Gestalt, Ausfahrten der von den

leiblichen Banden gelösten Seelen. In den nordischen Sagen verlautet

nichts Genaueres vom Zweck und Ziel des Hexenrittes, nichts von Besen

und Salbe. Aber die allgemeine Vorstellung vom nächtlichen Ausritt

feindseliger Unholdinnen, die ebenso dem Hexenritt der deutschen

Sagen zu Grunde liegt, darf als nordisch-heidnisch und wol auch als

germanisch gelten. Wettermachen ist eine Lieblingsbeschäftigung

nordischer Zauberinnen; die Sagen sind voll von künstlich aufgeregten

Stürmen. _Gerningaveđr_, Zauberwetter begegnet in vielen Geschichten,

meist sind auch die Urheberinnen, die Wetterhexen, dabei genannt.

Krankheiten führt der Volksglaube auf die Einwirkung böser Geister

zurück. Der Mensch oder das Tier ist von dem Unhold besessen

oder von seinem Geschoss getroffen. Bereits im Angelsächsischen

wird der Hexenschuss erwähnt[74], also wurde schon lange vor den

Gerichtsverhandlungen des 15. Jahrhunderts den nachtfahrenden

Unholdinnen die Fähigkeit des Behexens zugeschrieben.

Handbuch der Germanischen Mythologie · 第 11 / 68 段