Die alte und neue nordische Sage berichtet viel von der _fylgja_,

_forynja_, _fyreferd_, _hamingja_, von Erscheinungen, in welchen der

Seelenglauben am deutlichsten zum Ausdruck gelangt. _fylgja_ bedeutet

Folgerin; gemeint ist ein jedem Menschen beiwohnendes geisterhaftes

Wesen, die Seele, welche zuweilen sichtbar wird. Die Fylgja zeigt sich

ihrem Besitzer und andern Menschen meistens vor wichtigen Ereignissen,

namentlich vor dem Tode. Sie erscheint in der vollen eignen Gestalt

ihres Inhabers als Doppelgänger, zweites Gesicht, oder in beliebiger

Tiergestalt. Die Fylgja offenbart sich gerne im Traum, geistersichtige

Leute vermögen sie aber auch im Wachen zu sehen. So gleicht die

Fylgja einerseits völlig den _hugir_, den Seelen, andererseits ist

sie aber auch als _fylgjukona_, als _dís_, als ein übernatürliches

Wesen weiblichen Geschlechtes gedacht. Wie ein Schutzengel ist

sie dem einzelnen Menschen (_mannsfylgja_) oder auch einer ganzen

Sippe (_kynfylgja_, _æltarfylgja_) gesellt, manchmal sind sogar

mehrere Fylgjur einem Menschen oder einem Geschlechte beigegeben. So

vollzieht sich also die Ablösung eines selbständigen Geisterwesens

aus dem Seelenglauben, eine spätere Neubildung auf allgemeinem

Hintergrund. Die Seele wird zu einem Schutzgeiste in Frauengestalt,

zu einer Schicksalsgöttin. Manche Leute haben stärkere Fylgjur,

stärkere Schutzgeister und darum mehr Glück als andre. In den Fylgjur

verkörpern sich gewissermaassen die eignen Seelen der einzelnen

Menschen und zugleich die Seelen der abgeschiedenen Ahnen, aber als

selbständige Wesen gedacht. Zusammenhang mit dem Seelenglauben bricht

aber immer noch hervor. Von Olaf Tryggwason heisst es, seine Fylgjen

seien besonders schön und glänzend gewesen (Olafssaga des Oddr Kap. 5).

In der jüngeren Olafssaga Tryggvasonar Kap. 215 steht eine merkwürdige

Geschichte von einem Isländer namens Thidrandi. Dieser hörte einmal

in einer mondhellen Nacht an die Thüre seines Hauses anklopfen und

trat, obwol gewarnt, mit einem Schwerte bewaffnet hinaus. Da sah

er von Norden her neun Weiber in schwarzen Gewändern mit gezogenen

Schwertern in den Händen heranreiten; von Süden her kamen auch neun

Weiber geritten, alle in lichten Gewändern und auf weissen Rossen.

Thidrandi wollte wieder ins Haus zurück, wurde aber von den schwarzen

Frauen angegriffen und auf den Tod verwundet. Morgens fand man ihn,

und er erzählte alles, ehe er starb. Thorhall aber erklärte die Frauen

für die Schutzgeister des Geschlechtes (_fylgjur yđrar frænda_). Die

schwarzen Frauen (_dísir_) seien die dem Heidentum, die weissen die dem

Christentum geneigten Geister. Die heidnisch gesinnten verlangten noch

vor der Bekehrung ein Opfer und holten darum den Thidrandi zu sich.

_fylgjur_ und _dísir_ werden also einander gleichgestellt und gelten

als die aus den Seelengeistern hervorgegangenen Schutzgeister einer

Sippe. Die Scheidung in schwarze und weisse, unholde und holde dürfte

der christlichen Absicht der Erzählung zuzuschreiben sein. Ähnlich

sagt Gisli in der Gislasaga Súrssonar 41: „Ich habe zwei Traumweiber

(_draumkonur_); die eine ist gut gegen mich, die andre aber sagt mir

immer das vorher, was mir eine Verschlechterung meines Geschickes zu

sein scheint und prophezeit mir Böses.“ Die Fylgjur zeigen sich hier,

wol auch unter christlichem Einfluss, als guter und böser Engel eines

Menschen. Die Fylgjur erscheinen auch sonst als bewaffnete Frauen. Der

Skald Hallfred sah einmal ein Weib in einer Brünne über die Wogen hin

zum Schiffe schreiten. Es war seine _fylgjukona_ (Fornsögur hrsg. von

Gudbrand Vigfusson S. 114). Dem Asmund erscheinen im Traume bewaffnete

Frauen, seine Schutzgöttinnen (_spádísir_), die ihm Hilfe im Kampfe

verheissen (Fornaldarsögur 2, 483). Dem Wigaglum tritt die Schutzgöttin

(_hamingja_) des Wigfuss behelmt entgegen und bietet ihm ihre Nachfolge

an (Vigaglúmssaga Kap. 9). Den Zusammenhang der Fylgjen mit den

Seelengeistern lehren deutlich die Atlamól 27, wo die dísir zugleich

als tote Weiber (_konor dauđar_) bezeichnet sind. Glaumwor warnt den

Gunnar vor der Fahrt zu Atli durch Erzählung ihrer Träume:

Mir schiens, als träten bei Nacht tote Frauen hier ein,

In dürftige Kleider gehüllt, die dich entführen wollten;

Es luden zu ihren Bänken die leidigen Weiber dich ein;

Die Schicksalsjungfrauen, glaub ich, haben den Schutz dir aufgesagt.

Die Fylgjur in ihrer Eigenschaft als selbständige Schutzgeister gingen

beim herannahenden oder eingetretenen Tode eines Mannes auf einen

beliebigen Verwandten, dem sie sich antrugen, über. So übernimmt

Wigaglum die Fylgja des Wigfuss, dem Hedin bot sich die Fylgja seines

Bruders Helgi Hjorwardsson an, welcher darin ein Zeichen seines nahen

Todes sieht. Bei Gunnar und Thidrandi herrscht die Vorstellung, dass

die Fylgjur den Todgeweihten zu sich holen, d. h. seine Seele geht zu

den Toten ein. In der Njálssaga Kap. 41 erblickt Njál die Fylgja des

Thord in Gestalt eines getöteten Bockes; also vollzieht sich hiernach

an der Fylgja das Schicksal ihres Besitzers.

2. Verwandlungsfähigkeit: Werwölfe, Berserker.

Statt Fylgja begegnet auch der Ausdruck _hamingja_, im Sinne von

Schutzgeist, Glück. _Hamingja_ ist abgeleitet von _hamr_, Hülle,

Gestalt. Mit _hamr_ wird aber namentlich die Gestalt bezeichnet, in

welcher die verwandelte Seele sich zeigt. So heisst in den Atlamǫ́l 18

der Adler, von welchem Kostbera, Hognis Frau, träumt, des Atli _hamr_,

wie ebenda 19 des Atli _hugr_. Fylgja wird also die Seele genannt, weil

sie dem Menschen, so lang er lebt, überallhin folgt, Hamingja ihrer

vielgestaltigen Verwandlungsfähigkeit halber. Bereits im nordischen

Heidentum bestand nun der Glaube, dass einzelne Leute fähig wären,

beliebig ihre Gestalt zu wechseln. Verwandlungssagen entstammen dem

Seelenglauben. Was hier unwillkürlich, im Traume oder unter besonderen

Umständen, sich ereignete, geschieht nun auch willkürlich, meist

mit Hilfe von Zauberkünsten, wodurch die Verwandlungsfähigkeit der

Seele nach Belieben benutzt werden kann. Solche Leute heissen _eigi

einhamir_, nicht eingestaltig; ihre Fähigkeit ist _at skipta hǫmum_,

die Gestalten zu tauschen, _at hamast_ sich zu häuten, die Hülle zu

wechseln. Sie sind _hamramr_ oder _hamhleypa_, gestaltenläufig, sie

sind der _hamfar_, der Fahrt in Verwandlungen mächtig. Die Annahme der

fremden Gestalt geschieht nicht nur in der Art des Seelenglaubens,

dass die Seele aus dem Leibe ausschlüpft und eine beliebige Hülle

umthut, vielmehr auch so, dass das Umwerfen eines äusserlichen Gewandes

den Wechsel der Gestalt hervorbringt. So hat Freyja ein Federgewand

(_fjađrhamr_), das sie dem Loki borgt, so haben die Valkyrjen

Schwan-und Krähenhemden. Odin hat ein Adlergewand (_arnarhamr_).

Besondere Bedeutung aber haben die Wolfsgewänder, die _úlfahamir_,

deren Anlegen den Menschen zum Wolfe verwandelt. Der Werwolfsglaube[46]

ist seit Alters den westarischen Völkern, namentlich den Slaven und

Germanen vertraut. Er beruht auf den allgemeinen Vorstellungen der

vielgestaltigen Seelen, wie die Fylgjur, die Mannahugir gar oft als

Wölfe auftreten[47]. zum Teil vielleicht auch auf dem epidemischen

Wolfswahnsinn[48], der pathologischen Lykanthropie. Werwolf bedeutet

Mannwolf, λυκάνθρωπος[49]. Das Wort begegnet im ags. _werewulf_,

in Deutschland zuerst bei Burkhard von Worms (_credidisti, ut

quandocunque homo ille voluerit, in lupum transformari possit, quod

vulgaris stultitia werwolf vocat_). Das frz. _loup-garou_ ging aus

altfränkischem _werewulf_ hervor[50]. Die nordische Sprache gebraucht

dafür _vargr_ oder _vargulf_, neunord. _varulf_. _verulfr_ begegnet

als Schwertname in der Snorra Edda 1, 565, vermutlich als deutsches

oder englisches Lehnwort. In der Vǫlsungasaga Kap. 8 wird erzählt,

wie Sigmund und Sinfjotli einmal in einem Waldhause zwei Männer mit

dicken Goldringen schlafend fanden. Die waren ins Missgeschick geraten;

denn Wolfshemden (_úlfahamir_) hingen über ihnen. Jeden zehnten Tag

vermochten sie aus den Wolfshemden zu kommen. Es waren Königssöhne.

Sigmund und Sinfjotli fuhren in die Gewänder und konnten nimmer

heraus. Es folgte ihnen dieselbe Eigenschaft wie zuvor. Sie liessen

Wolfsstimmen hören, verstunden aber beide ihre Stimmen. Sie fielen

nun wie rechte Wölfe Menschen an und zerrissen sie. Sigmund biss den

Sinfjotli fast zu Tode. Nachmals aber fuhren sie wieder zu dem Hause

und warteten, bis sie aus den Wolfsgewändern kamen, die sie dann zu

Asche verbrannten. Die Sage mag auf einem alten Missverständniss

beruhen. Warg, Wolf hiess der Geächtete in der germanischen

Rechtssprache. Warg wurde wörtlich als Wolf verstanden, und so bildete

sich die Werwolfsgeschichte. Jedenfalls aber wird der Werwolfsglaube

dadurch als altgermanisch erwiesen. Nach der neueren Volkssage

verwandeln sich Menschen, sowol Männer als Frauen, zeitweilig in Wölfe,

indem sie sich einen Gürtel, aus Wolfsleder oder Menschenhaut gemacht,

um den blossen Leib schnallen. Wird der Gürtel gelöst, so nehmen sie

wieder Menschengestalt an. Das Wolfshemd ist also zu einem Wolfsgürtel

zusammengeschrumpft. Der Werwolf fällt dann in Herden und greift auch

Menschen an. Der Zauber reicht aber nicht übers Leben hinaus. Wird ein

Werwolf verwundet oder getötet, so findet man einen wunden oder toten

Menschen. Wie alle Seelen und Maren hält er dem Namensanruf nicht

stand, der Zauber weicht sofort, und statt des Wolfes sieht man einen

nackten Menschen vor sich. Der „Böxenwolf“ in Westfalen und Hessen

hockt auf wie die Mare, d. h. er springt den Leuten auf den Rücken und

lässt sich tragen.

Zu den Werwölfen scheinen ursprünglich die _Berserker_ der nordischen

Sagen gehört zu haben, obwol der rechte Sinn den Quellen abhanden

kam[51]. Berserker sind Menschen, die plötzliche Wutanfälle haben.

In diesem Zustande gebärden sie sich wie wilde Tiere, sie heulen,

sperren den Rachen auf und recken die Zunge heraus, stossen Schaum

aus dem Munde, knirschen mit den Zähnen und beissen in die Schilde.

Zugleich werden sie übernatürlich stark und meinen für Feuer und Eisen

unverwundbar zu sein; in ihrer Wut verschonen sie nichts, was ihnen in

den Weg kommt, nach überstandenem Anfall aber sind sie um so schwächer

und nahezu völlig kraftlos; durch Anrufen bei ihrem Namen wird der

Zustand beseitigt, wie das Beschreien auch sonst zauberische oder

übernatürliche Vorgänge und Verrichtungen stört. Von Verwandlungen

in fremde Gestalten ist zwar bei den Berserkern nicht mehr die

Rede, trotzdem heissen sie _eigi einhamr_, _hamramr_. Ihr Wutanfall

wird als ein leiblich und seelisch ganz verschiedenartiger Zustand

aufgefasst. Ursprünglich war diese tierische Wut eben mit Verwandlung

in tierische, Wolfs- oder Bärengestalt verbunden. Darauf deuten noch

einige Spuren. König Harald Hárfagr hatte in seiner Umgebung eine

Schar von Berserkern, die _úlfheđnar_, die Wolfsgewandigen, hiessen.

Ulfheðinn und Ulfhamr kommen als Mannsnamen vor. Die Überlieferung

deutet diese Bezeichnung der Berserker allerdings dahin, dass die

Kämpen Wolfspelze über den Brünnen getragen hätten. Indessen ist dies

ein Missverständniss. Einst waren Leute in _úlfahamir_, in Wolfshäuten,

also Werwölfe gemeint. Sveinbjörn Egilsson im Lexicon poeticum S. 51

erklärt Berserkr als der Bärengewandige (aus _berr_, Bär und _serkr_,

das Gewand). _Berserkir_ und _úlfheđnar_ sind also Menschen in Bären-

und Wolfsgestalt. Daher die tierische Wut, die ihnen anhaftet. Dem

Namen Ulfheðinn entspricht der Name Bjarnheðinn. Einen solchen

„Berserkr“ im wahren Sinn führt uns die Sage von Hrolf Kraki leibhaftig

vor. Hrolf wird von seinen Feinden überfallen. Mutig tritt er mit

seinen Helden in den Kampf gegen Hjorward ein; alle seine Recken mit

Ausnahme des Bodwar Bjarki begleiten den König Hrolf. In diesem Kampfe

sahen Hjorward und seine Mannen, dass ein grosser und starker Bär dicht

vor König Hrolf herging. Hieb- und Schusswaffen glitten ohne Wirkung

an ihm ab, er stürzte Männer und Rosse nieder und zermalmte die Leute

mit Klauen und Zähnen, so dass sich klägliches Geheul in Hjorwards

Heer erhob. Hjalti, ein Recke Hrolfs und Freund Bodwars, sah sich um

und vermisste noch immer seinen Freund Bodwar. Da lief er zurück zur

Königshalle und hier sah er Bodwar ganz müssig sitzen. Hjalti schalt

den Bodwar, dass er ruhig in der Halle bleibe, während der König

Hrolf in Not sei, und bedrohte ihn. Da erhub sich Bodwar seufzend

und ging mit hinaus zum Kampfe. Alsbald verschwand der Bär. Der

Kampf aber endigte mit Hrolfs und seiner Recken Fall. In dieser Sage

kämpft also die Seele, die Fylgja oder Hamingja eines tapferen Helden

in Bärengestalt, während sein Leib in der Halle zurückbleibt. Die

Geschichte mag als Grundtypus der Berserkersagen gelten, sie erwächst

aber unmittelbar aus dem Seelenglauben.

3. Schicksalsfrauen.

Die nordischen Fylgjur waren zugleich Schutzgeister, gute und böse

Engel, die den Menschen umschwebten. Von hier aus ist nur ein kleiner

Schritt zum Glauben an Schicksalsgeister, den wir bei den heidnischen

Germanen vorfinden. Überall begegnen wir den Schicksalsfrauen, die

das Leben des Menschen von der Geburt bis zum Tode lenken. Aus ihrer

Vielheit erhebt sich auch eine einzige Schicksalsfrau, das persönlich

gewordene Verhängniss. Die ältere und jüngere Vorstellung laufen

neben einander her wie etwa auch das wilde Heer und der wilde Jäger,

der allgemeine und der besondere Begriff. Über die Fylgjen reichen

die Schicksalsfrauen zu den seelischen Geistern. Einzelne Spuren,

namentlich das Erscheinen der Frauen bei Geburt eines Kindes, weisen

auf den Kreis der Maren.[52] Namen und Thätigkeit dieser Wesen sind

hier zu erörtern. Als weise Frauen (ahd. _idisi_ an. _dísir_) wurden

sie bezeichnet.[53] In ahd. Glossen wird parca mit _scephenta_, die

Schaffende, gegeben. Vintler nennt _gâchschepfen_, die den Menschen

das Leben geben. Im Zusammenhang mit andern Ausdrücken ist ersichtlich

damit die Thätigkeit eines Schöffen, der ein Urteil schöpft, gemeint.

Im Norden ist von _urđir_ (Sigurvþarkviþa in skamma 5), in England

von _the thre weirdsisters, the weird lady of the woods_ die Rede. Im

Heliand ist das Schicksal _reganogiskapu_, Schöpfung ratender Mächte,

_metodogiskapu_, Schöpfung der messenden, zumessenden, _wurdigiskapu_,

Schöpfung der _wurd_. Im Norden heissen die Schicksalsfrauen

Nornen.[54] Durch alle germanischen Sprachen geht die Bezeichnung

+wurd+ (as. _wurd_, ahd. _wurt_, ags. _wyrd_, an. _urđr_) durch. Die

Bedeutung ist Geschick, Verhängniss, Tod. Häufig ist Wurd persönlich

gedacht und eine entsprechende Wendung gebraucht. Wurd gehört zur idg.

Wurzel _u̯ert_ (_vertere_), woraus ahd. _wirt_, _wirtel_, die Spindel.

Vielleicht ist Wurd die Spinnerin. Im Ags. heisst es: _Wyrd me þæt

gewæf_, mir wob das Wyrd. Als ein Gewebe wird das Schlachtgeschick

(_wíg spéda gewiofu_) bezeichnet. Von einem Nornenspruch (_kvidr_) und

Urteil (_dómr_) wissen nordische Dichter, von dem Worte der Urd, dem

keiner entgegnet, das unwiderruflich ist (Fjǫlsvinns mǫ́l 47). Das

Schicksal ist _urlagu_ (ahd. _urlag_, as. _orlag_, ags. _orlæg_, afr.

_orloch_, an. _ørlǫg_) d. h. Urgesetz. _ørlǫgsíma_, _ørlǫgþáttr_ sind

im Nordischen die Schicksalsfäden. In zwiefacher Weise also dachten

sich die Germanen das Schicksal, als _Urgesetz_ und als _Gewebe_. Aus

diesen beiden Vorstellungen erklären sich die überlieferten Namen der

Schicksalsfrauen. Sie wissen das uralte Recht und finden und fällen den

Wahrspruch, der dem Menschen sein Verhängniss zumisst; sie spinnen und

weben Glück und Unglück, Gutes und Böses. Das Schicksal richtet und

webt über Götter und Menschen, es ist die geheimnissvolle, hohe Macht,

der selbst die Himmlischen unterworfen sind. Damit ist der Wurd eine

bedeutungsvolle Stellung eingeräumt. Götter und Helden vermögen sie

nicht zu bezwingen noch ihr zu entfliehen, ihr sittlicher Wert beruht

darin, wie sie der Wurd begegnen.[55]

Wurd schickt Gutes und Böses, die Schicksalsfrauen, wo sie in Mehrzahl

auftreten, teilen sich dagegen meistens nach ihren Gaben in gute

und böse, freundliche und feindliche Gewalten. Zornige (_grimmar_),

feindselige (_ljótar_) Nornen erwähnen die nordischen Skalden; die

Gylfaginning Kap. 15 führt den Gegensatz durch: „Wenn die Nornen über

das Geschick der Menschen entscheiden (_ráđa ørlǫgom manna_), so

verteilen sie’s sehr ungleich: den einen verleihen sie ein Leben voll

Glück und Ansehen, andern dagegen wenig Freude und Ruhm; den einen

ein langes Leben, andern ein kurzes. Die guten Nornen, die von edler

Abkunft sind, schaffen ein glückliches Los. Wenn aber Menschen ins

Unglück geraten, so veranlassen es böse Nornen.“ Nach dem Reginlied

24 stehen _tálardísir_, Trugdisen, zu Seiten des auf der Fahrt

strauchelnden Kriegers; sie wünschen ihn wund zu sehen. Wo also nicht

der Glaube an die erhabene Wurd vorherrscht, wird Glück und Unglück

aus dem Walten guter und böser Geister erklärt. Den Wirkungskreis der

Nornen lassen die nordischen Quellen überblicken. Nach dem Fafnirliede

12 gibt es Nornen, hilfreich in der Not (_nauþgǫnglar_), welche den

Müttern bei Geburt der Söhne beistehen. Ebenso walten _dísir_ bei der

Geburt (Sigrdrífumǫ́l 9). Sie bestimmen für Mutter und Kind Leben oder

Tod. Im Lied von Helgi dem Hundingstöter werfen sie dem neugeborenen

Kinde den Schicksalsfaden. „Nacht wars im Hofe; Nornen kamen, die

dem Edeling das Schicksal schufen (_aldr um skópu_). Sie bestimmten

dem Fürsten, berühmt zu werden und der beste unter den Helden. Mit

Macht schlangen sie die Schicksalsfäden (_sneru ørlǫgþáttu_), während

es Burgen brach in Bralund; sie wickelten den goldenen Faden aus

einander und befestigten ihn mitten im Mondsal (d. h. im Himmel).

Sie bargen die Enden ostwärts und westwärts, wo das Land des Königs

inmitten lag; eine Schlinge, der sie ewige Dauer gebot, schwang eine

der Nornen gen Norden.“ Die Nornen weben ein Gewebe, das nach Ost und

West und gen Norden, also weit über die Lande und hinauf zum Himmel

reicht. So soll sich Helgis Heldenruhm ausbreiten. Die Vǫlospǫ́ 20

gedenkt der drei weisen Jungfrauen, deren Sal am Stamme der Weltesche

Yggdrasil steht, sie bestimmten Satzungen (_lǫg lǫgþo_), erkoren

Leben den Menschenkindern (_líf kuro alda bǫrnom_), Schicksal der

Männer (_ørlǫg seggja_). Der Glaube an gute und böse Schicksalsfrauen

tritt in einem weitverbreiteten Märchenzug zu Tage. An die Wiege des

neugeborenen Kindes kommen mehrere weise Frauen, die es mit guten

Eigenschaften begaben, nur eine zürnt und wünscht Böses. In der

erst um 1400 entstandenen Nornagests saga Kap. 11 besitzen wir eine

nordische Wendung. Landfahrende _völvur_ oder _spákonur_, weissagende

Frauen kamen zu Nornagests Vater; das Kind lag in der Wiege, über ihm

brannten zwei Kerzen. Nachdem die zwei ersten Weiber es begabt und

ihm Glückseligkeit vor andern seines Geschlechtes versichert hatten,

erhob sich zornig die jüngste Norn (_in yngsta nornin_), die man im

Gedränge von ihrem Sitze geworfen hatte, dass sie zur Erde gefallen

war, und rief: Ich schaffe, dass das Kind nicht länger leben soll, als

die neben ihm angezündete Kerze brennt! Schnell griff die älteste Völva

nach der Kerze, löschte sie aus und gab sie der Mutter, vermahnend, sie

nicht eher wieder anzustecken, als an des Kindes letztem Lebenstag,

welches davon den Namen Nornengast empfing. Die Erzählung ist mehrfach

verdächtig. Nornen und Vǫlvur, Schicksal schaffende und Schicksal

verkündende Frauen, sind mit einander verwechselt. Die Geschichte

selber aber gleicht der griechischen Sage von Meleager. Dieser war noch

wenige Tage alt, als die drei Moiren zu dem Bette seiner Mutter traten.

Die eine verkündigte, er werde tapfer, die andre, er werde grossmütig

sein, die dritte, er werde so lange leben, als der eben jetzt auf dem

Herde liegende Brand vom Feuer nicht verzehrt sei. Seine Mutter hob

diesen Brand sorgfältig auf. Als sie aber in der Folge erfuhr, dass

Meleager ihre Brüder erschlagen habe, eilte sie im Drange der Rache

mit dem Brande nach dem Feuer und liess ihn von demselben verzehren.

Meleager starb nun schnell hinweg. Bei der auffallenden Ähnlichkeit und

späten Abfassungszeit der Nornagests saga ist gelehrte Nachahmung sehr

wahrscheinlich. Die Geschichte darf mithin fürs nordische Heidentum

nicht verwertet werden. Bei Saxo Buch VI S. 272 wird vom König Fridlev

erzählt, wie er in den Tempel der drei weisen Frauen (_nymphae_) trat,

die dort auf Stühlen sassen. Denn es war Sitte, nach der Geburt eines

Kindes die „_oracula parcarum_“ zu erkunden. Nachdem der König, um

seines Sohnes Olaf Zukunft zu befragen, feierliche Gelübde gethan

hatte, verhiessen die zwei ersten dem Kinde Reichtum und Glück, die

dritte der Schwestern aber Geiz. Aus deutscher Volkssage bieten sich

zahlreiche übereinstimmende Geschichten dar.[56] Aber ihre Herkunft

aus germanischem Heidentum ist wenig glaubhaft, vielmehr Zusammenhang

mit antikem Parzen- und romanischem Feenglauben. Burchard von Worms

gedenkt zuerst der Parzen. Auf den Färöern heisst noch heute das erste

Gericht, das die Mutter nach der Geburt des Kindes zu sich nimmt,

_nornagreytur_[57], Nornengrütze. Vermutlich ist damit eigentlich ein

Opfer gemeint, das nach der Geburt den erwarteten Nornen angerichtet

wurde.

Wurd wird oft gleichbedeutend mit Tod verwendet, man meinte also

das Eingreifen der Schicksalsgöttin im Tode zu erkennen. So heisst

es im Heliand: Wurd nahm ihn weg, Wurd nahte, Wurd ist vorhanden,

und im Beowulf: Wyrd nahm ihn weg, Wyrd war ihm sehr nahe. In der

Eyrbyggjasaga Kap. 52 erscheint ein _urđarmáni_, ein Mond der Urd,

ein gespenstischer Halbmond, welcher Menschensterben anzeigt. Die

neuisländische Volkssage kennt ein Ungetüm namens _urdarköttur_, Katze

der Urd, dessen Anblick Tod bringt (Jón Árnason, _Pjóđsögur_ 1, 613).

Auf Island erhielt der Nornenglauben überhaupt besondere Ausbildung.

Nach Vǫolospǫ́ 19 erhebt sich Yggdrasil über dem Brunnen der Urd.

Die Gylfaginning Kap. 16 berichtet, dass die Nornen täglich aus dem

Brunnen die Esche begiessen, welche dadurch vor dem Vertrocknen und

Faulen bewahrt wird. Im Brunnen werden zwei weisse Schwäne gehalten,

von denen diese Vögel abstammen sollen. Zu diesem Bilde wirken die

verschiedenartigen Vorstellungen von heiligen Bäumen und Quellen,

Wald- und Wasserfrauen, Schwanmädchen zusammen. Alle diese Gestalten

finden in der höchsten der weisen Frauen, in Urd ihre Verkörperung.

Nach dem Fafnirliede 13 gibt es Nornen verschiedener Herkunft, vom

Asen-, Alfen- und Zwergengeschlecht. In der Vǫlospǫ́ 8 wird die Ankunft

dreier übermächtiger Mädchen aus Jotunheim erwähnt, wodurch das goldene

Zeitalter der Götter seinen Abschluss findet. Wenn damit die Nornen

gemeint sind, wird ihnen riesische Abstammung, Riesenart zugemessen.

Neben Urd nennt die Vǫlospǫ́ 20 in einer späteren Einschaltung

_Verđandi_ und _Skulđ_, was Gylfaginning Kap. 15 wiederholt. Sonst

kommen diese Namen nicht vor. Gelehrte, etymologische Spielerei und

das Bestreben, eine Norne der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft

aufzustellen, veranlassten diese Namen. _Verđandi_ ist Part. Praes. zu

_verđa_, werden, _Urđr_ ward mit dem Praet. _urđum_ desselben Zeitworts

in Zusammenhang gebracht. Bei _Skuld_ schwebt das Hilfsverbum _skula_,

sollen, mit dem das Futurum gebildet wird, vor. Diese isländische

Gelehrsamkeit ist von antiken Vorstellungen[58] beeinflusst und hat

nichts mit dem Heidentum zu schaffen.

Gemeingermanisch sind Schicksalsfrauen und die Wurd, die ja auch

im Norden allein lebensvoll hervortritt. Schon die Dreizahl der

Schicksalsfrauen ist verdächtig, die Nornen der Vergangenheit,

Gegenwart und Zukunft sind aber zweifellos den Parzen nachgeahmt.

4. Walküren.[59]

Zur Zeit, da die Germanen ins Licht der Geschichte treten, vollzieht

sich ihr Schicksal im Kampfe. Sieg oder Unsieg entscheidet über das

Volk. Darum steht neben der Norn die besondere Schicksalsfrau der

Schlacht. Wie jene das Schicksal im Allgemeinen lenkt, so gebietet

diese übers Waffenglück, über Sieg oder Tod auf dem Walfeld.

Allen Germanen gemeinsam ist die Vorstellung von Kampfgöttinnen.

In Wirklichkeit kämpften oft germanische Frauen in Waffen unter

den Heeren. Daher finden wir auch zahlreiche Frauennamen auf wig,

hild, gund, hadu, mit ger, brünne, helm u. s. w. zusammengesetzt,

die das Bild der kampflich gerüsteten Frau uns vorführen. Die

Vorstellungen von Kampfgöttinnen und weiblichen Kämpferinnen mögen

mit einander aufgekommen sein, sie erwuchsen unter gegenseitiger

belebender Wechselwirkung. Die Draugen gefallener Kriegerinnen[60],

Schicksalsfrauen, Schutzgöttinnen vermischten sich zum Bilde der

Walküre. Benennungen solcher Wesen begegnen häufig in den alten

Quellen. Bei den Deutschen hiessen sie _idisi_, bei den Nordleuten

_dísir_, als hehre weise Frauen. Bei den Angelsachsen treffen wir

_sigewíf_, bei den Nordleuten _sigrmeyjar_, _sigrfljód_, also

siegspendende Frauen. Nord, _geirvíf_ und _hjálmvítr_ bezeichnen

Speerschwingerinnen und Helmträgerinnen. Auch Fylgjur und Hamingjur

zeigen sich im Waffenschmuck, vielleicht weil sie Dísir sind, und

darunter vorzugsweise Kampffrauen verstanden wurden. Das Wort +Walküre+

gehört Nordleuten (_valkyrja_) und Angelsachsen (_wælcyrie_) allein an.

Vermutlich ist es in einer der beiden Sprachen, wol der nordischen,

geprägt und von der andern entlehnt, kaum aus dem Urgermanischen

übernommen. Die Bedeutung ist klar: _wal_ ist der Haufe Erschlagener,

dann der einzelne im Kampfe Getötete, _kyrja_ die Kieserin, Wählerin.

Die Walküren wählen die Männer aus, die dem Tode erliegen sollen

(_kjósa feigđ á menn_) und verleihen Sieg (_ráđa sigri_), so schildert

Snorri ihr Amt. Sieg oder Unsieg, Leben oder Tod steht bei der

Schicksalsfrau, die dem einen furchtbar und schauerlich, dem andern

hell und freudig erscheint.

Handbuch der Germanischen Mythologie · 第 10 / 68 段