Der Glaube an Gespenstererscheinungen führt notwendig allmälig zur

Annahme bestimmter Aufenthaltsorte der Geister. Die Erscheinungen

Lebender erklären sich dadurch, dass der Seele zeitweilige Trennung vom

Körper zugeschrieben wird. Totenerscheinungen rufen andere Meinungen

hervor. Die Seele ist entschwebt, sie lebt und webt im wehenden Winde.

Aber sie wird nicht nur in stetiger Bewegung, sondern auch in Ruhe

gedacht. Wo weilt dann die Seele? Zunächst haftet sie auch dann noch

immer am Leichnam. Wo der tote Körper begraben liegt, zeigt sich das

Gespenst am häufigsten. So weit geht die Einbildung, dass sie geradezu

den toten Leib wieder aufstehen lässt, dass das Gespenst die volle

Leiblichkeit des lebenden Menschen besitzt. Die Wiedergänger der

nordischen Sagen sind so gedacht, sie müssen gewöhnlich noch einmal

umgebracht und zu Asche verbrannt werden, dass sie nicht mehr Schaden

anrichten. In den Grabhügeln der nordischen Sagen sieht man oft die

Draugen der darin beigesetzten Kämpen sitzen. Eine besondere Heldenthat

war es, einzudringen, das Gespenst zu bestehen und ihm seine Schätze,

die im Hügel aufgespeichert waren, oder seine kostbaren Waffen zu

entreissen. Aber solche rohe Vorstellungen sind im Vergleich zu andern

selten. Der Leib verwest zu Staub, beim Verbrennen der Leichen wird

er sofort vernichtet und die Seele geht mit Flammen und Rauch in die

Lüfte. Finden trotzdem spukhafte Erscheinungen statt, so muss die

sichtbar werdende leibliche Hülle eine überirdische, geisterhafte

sein. Die bewegliche Seele ist auch nicht immer ins enge Grab gebannt.

Eine höher entwickelte Religion kennt ein Seelenreich, einen Hades,

die heidnischen Germanen glaubten an eine Schattenwelt, an die Hölle,

in der die Seelen der Abgeschiedenen weilten. Tapfere Edelinge gingen

in die Gemeinschaft der Götter ein. Auch zu Elben und Riesen, zu

den unheimlichen Geistern des Waldes und der Wildniss mochten die

Seelen sich gesellen, nachdem einmal Naturbeseelung eingetreten war.

Aber trotz allem, gleichwie im Christentum trotz Himmel und Hölle,

haften im Aberglauben noch Überbleibsel älterer Vorstellungen, wonach

den Seelen bestimmte Plätze auf Erden angewiesen sind, oft mit der

Auffassung, dass die Seelen zu Zeiten aus dem Totenlande dahin

zurückkehren. Zunächst weilt die Seele am Grabe oder am Wohnort des

Verstorbenen. Ein altbezeugter Glaube der Germanen liess die Toten in

Berge eingehen, vielleicht weil auch der Wind in Bergen ruhend und aus

ihnen hervorbrechend gedacht wurde. Die Njálssaga Kap. 139 erzählt

einen Traum, den Flosi hatte. Er sah wie ein Berg sich aufthat und

ein Mann mit einem Ziegenfell angethan, einen Eisenstab in der Hand,

herauskam. Der rief Flosis Leute bei Namen an und ging hierauf in den

Berg zurück. Diejenigen, deren Namen der Mann angerufen hatte, waren

dem Tod verfallen und kamen bald darauf im Kampfe um. Die Eyrbyggjasaga

Kap. 11 berichtet: Im Herbste fuhr Thorstein nach Hoskuldsey zum

Fischen. Es geschah eines Abends im Herbste, dass ein Schafknecht

Thorsteins nach seinem Vieh ging nördlich von Helgafell. Er sah, wie

sich der Berg im Norden öffnete; er sah im Berge drinnen grosse Feuer

und hörte von dorther grossen Lärm und Hörnerklang, und als er horchte,

ob er nicht einige Worte verstehen könnte, hörte er, dass da Thorstein

begrüsst wurde mit seinen Begleitern, und dass gesagt wurde, er solle

im Hochsitze seinem Vater gegenüber sitzen. Diese Erscheinung erzählte

der Schafknecht der Thora, der Frau des Thorstein, am Abend. Sie

sprach wenig darüber und sagte, es könne dies ein Vorzeichen grösserer

Ereignisse sein. Des folgenden Morgens kamen Leute von Hoskuldsey und

brachten die Botschaft, dass Thorstein beim Fischen ertrunken sei.

Die Njálssaga Kap. 14 berichtet von einem zauberkundigen Mann namens

Svan, der beim Fischfang umkam. Fischerleute, die zu Kallbakr waren,

meinten, den Svan in den Berg Kallbakshorn eingehen zu sehen, und er

wurde da wol begrüsst. Auf Island glaubte die Nachkommenschaft der Aud

in die Krossholar zu versterben (Landnáma 2, 16), die Verwandtschaft

des Selthorir in die Thorisbjorg (ebenda 2, 5), die Thorsnesingar

glaubten nach Helgafell entrückt zu werden (Eyrbyggja Kap. 4),

Kraku-Hreidar verstarb in das Mälifell (Landnáma 3, 7). Die deutsche

Volkssage bietet Entsprechendes in den Venus- und Hollenbergen, wohin

die Menschen gelockt werden. Zu den „Unterirdischen“ wird mancher auf

Nimmerwiederkehr entrückt. Wenn der Rattenfänger die Kinder in den bei

Hameln gelegenen Köppelberg entführt, so meint die Sage gleichfalls ein

Versterben in den Berg. In der Chronik von Ursberg (MG. 8, 261) wird

zum Jahre 1223 folgende Sage erzählt: Bei Worms sah man einige Tage

hinter einander eine grosse Schar bewaffneter Krieger aus einem Berg

hervor kommen und nach einigen Stunden darin wieder verschwinden. Ein

Mann fasste sich endlich ein Herz und redete einen aus jener Heerschar

an, worauf er den Bescheid erhält, sie seien Geister gefallener Ritter

(_animae militum interfectorum_). Man erkannte auch einen vor kurzem

getöteten Grafen Emicho unter den Gespenstern. Für gewöhnlich bleiben

die Geister gefallener Kämpfer an die Walstatt gebannt, an die Gräber,

aus denen sie bei Nacht zu neuen Kämpfen sich erheben. Das älteste

Beispiel der Gespensterschlachten bietet der Hedeningenkampf, der bis

zum Weltende dauern soll. Der Seelenglaube ist hier wie so häufig

mit Zauberei verknüpft. Hilde geht allnächtlich zum Schlachtfeld und

weckt die Toten wieder auf, dass sie zu den Waffen greifen. In den

Volkssagen der Gegenwart wird oft geschildert, wie im Innern der Berge,

zumal im Schoosse alter Schlossberge, Gespenster mit den versunkenen

Schätzen hausen. Bergentrückte Kaiser, Könige und Helden begegnen auf

dem gesamten germanischen Gebiet. Im Kyffhäuser sitzt Friedrich II.,

später Friedrich Barbarossa, derselbe Friedrich in einer Felsenhöhle

bei Kaiserslautern, Wedekind in einem Hügel beim westfälischen Dorfe

Mehnen, Siegfried im Bergschloss Geroldseck, Heinrich der Vogler im

Sudemerberge bei Goslar, Karl im Untersberg bei Salzburg, Holger

Danske unter dem Fels von Kronborg bei Kopenhagen, Olaf in Schweden

u. s. w. Die einzelnen geschichtlichen Gestalten sind meist spät und

auf gelehrtem Wege in die Volkssage gelangt. Wann, wie und warum

müssen Quellenuntersuchungen im einzelnen Falle feststellen. Die

Mythologie hat nur den allgemeinen Grundgedanken aller dieser Sagen

für sich in Anspruch zu nehmen, dass die Geister der Abgeschiedenen in

Bergen fortleben. Der schwedische Bergname _walhall_ lässt, wie später

ausgeführt wird, vermuten, dass ursprünglich die Totenhalle der im

Berge weilenden Heldengeister (_animae militum interfectorum_ wie im

Wormser Berge) darunter zu verstehen sei. Das wilde Heer, der Sturm,

wird im Berge ruhend gedacht. Von dort bricht dann der Geisterzug

hervor. So zieht der Rodensteiner von einer Burg zur andern und sagt

Krieg und Frieden mit seiner Erscheinung an.

Ob Seelen auch im Gewässer weilend gedacht wurden, scheint zweifelhaft.

Zwar wird es von Mannhardt, _German. Mythen_ 95, 271 ff., behauptet,

aber wesentlich auf die Ammenrede hin, die kleinen Kinder kämen

aus Brunnen und Teichen. Ob wirklicher alter Volksglaube dahinter

steckt, ist nicht auszumachen. Dass die Seelen Ertrunkener im Wasser

festgehalten werden, versteht sich von selber. Aber in den Sagen tritt

bei den Wasserelben die elementare, keineswegs die seelische Natur

hervor. Der Grund ist wol einzusehen. Das Erdbegräbniss führte zur

Vorstellung, die Seele sei zu den Unterirdischen eingegangen. An die

Wasserelben bot sich nur selten Anknüpfung.

Zusammenhang von Pflanzen- und Menschenseele ist in einem

weitverbreiteten Sagenzuge ersichtlich. Aus den Gräbern spriessen

Blumen, Sträucher und Bäume hervor, worin die Seelen der im Grabe

Ruhenden offenbar werden. Über den Gräbern Unschuldiger, Verkannter

leuchten Lilien, über denen Liebender verschlingen sich Rose und

Rebe. So erzählen zahllose Volkslieder und die Sage von Tristan und

Isolde[37].

5. Seelenkult.

Der Kultus, der den Seelengeistern gewidmet wird, dient zur Abwehr und

zur Pflege. Beim Tode eines Menschen wird seit Alters auf bestimmte

Bräuche geachtet, welche das Wiedergehen verhindern sollen.[38] Dem

Toten werden Mund und Augen geschlossen, damit der böse Blick nicht

schade, damit die ausgehauchte Seele nicht wieder zurückkehre. Schon

in der heidnischen Zeit des Nordens war es Sitte, den Kopf des Toten

zu verhüllen und den Leib mit einem Tuche zu bedecken. Zuvor waren

Lippen und Augen geschlossen worden und zwar von rückwärts; niemand

wagte der Leiche von vorne zu nahen, ehe diese Teile geschlossen waren.

Der Tote durfte nicht zu der Thüre hinaus, zu welcher die Lebenden

ein- und ausgingen. Man legte daher in der Wand, die hinter dem Kopfe

war, ein Stück nieder und trug ihn hier rückwärts hinaus. Oder man

grub unter dem Grunde der südlichen Wand ein Loch, durch welches der

Leichnam gezogen ward. In Deutschland wurde derselbe Brauch bei den

Leichen von Missethätern und Selbstmördern beobachtet, die nicht zur

Thür, sondern unter der Schwelle oder der Wand hinausgeschleppt wurden.

Das Lager des Leichnams wird vernichtet, das Stroh verbrannt, das

„_rêbrett_“ (ahd. _hrêo_, Leiche), worauf der Tote bis zum völligen

Erkalten gelegt worden war, im baierischen Wald aufs Feld oder in den

Wald gestellt. Nichts soll zurückbleiben, was das leibliche Erscheinen

des Totengespenstes hervorrufen könnte. Auch der entschwebenden Seele

wird der Ausgang möglichst erleichtert, indem beim Tode Fenster und

Thüren geöffnet wurden. Liegt ein Toter trotzdem nicht ruhig im

Grabe, so muss der Leichnam mit einem Pfahl durchbohrt, der Kopf

abgestossen oder der ganze Leib verbrannt werden. Im Norden waren

„_bautasteine_“, Stosssteine, üblich, vielleicht um den Leichnam im

Grabe festzubannen. Die sächsischen _dâdsisas_, Totenlieder, hatten

nach Kögel, _Geschichte der deutschen Litteratur_ I, 1, 52 den Zweck,

den Geist des Verstorbenen mit Zaubersang an der Rückkehr auf die

Erde zu hindern. Diesem Bannen steht das Beschwören und Aufwecken

der Gespenster gegenüber, das aber nur mit schlimmer Zauberei und

in besonderen Fällen, um die Zukunft zu erforschen, um Feinden zu

schaden, ausgeübt wurde. Dass der Mensch die Geisterwelt um Rat und

Beistand anrief, wo sein beschränkter gebundener Geist versagte, ist

begreiflich. Auf Gräbern und überall, wo Geister hausten, war dazu

der rechte Ort. Bei den heidnischen Sachsen wurde nach dem _indiculus

superstitionum_ das _sacrilegium ad sepulchra mortuorum_ verboten,

noch ums Jahr 1000 eifert Burkhard von Worms gegen die _oblationes

quae in quibusdam locis ad sepulchra mortuorum fiunt_. Diese Opfer

und sonstigen Totenfeiern können ebenso gut dem Gedächtniss der

Abgeschiedenen wie einer Beschwörung gelten. Eine Anzahl andrer

Bräuche ist freundlicher. Da herrscht die Absicht vor, dem Toten Gutes

zu erweisen, sein Loos zu erleichtern. Aus der Anschauung, dass der

tote Leib eine weite Reise ins Totenreich anzutreten habe, entspringen

Begräbnissbräuche, die von den Urzeiten bis herab zur Neuzeit reichen.

Die ältesten Gräberfunde lehren, dass man dem Toten Waffen, Werkzeuge,

Schmucksachen, Trinkhörner mitgab, damit er sie gebrauche. Frauen,

Sklaven, Tiere folgten dem Herrn auf dem Totenweg. Namentlich wurde ein

eigener Totenschuh (an. _helskór_) mit ins Grab gegeben, damit der Tote

über Dornicht und Steinicht ungefährdet schreiten könne.[39] Wikinger

wurden in ihren Schiffen am Lande begraben oder aufs Meer hinausgeführt

und verbrannt. Vielleicht liegt der Gedanke einer Seelenüberfahrt zu

Grunde. Denn die germanische Hölle ist von der bewohnten Menschenerde

durch einen breiten Grenzstrom geschieden. Solchen Bräuchen schwebt

ein bestimmter Ort vor, an welchen die Seele feierlich verwiesen wird.

Auch den beruhigten Seelen ist zuweilen Wiederkehr an den Ort ihres

einstigen Lebens verstattet. Freundlich, ohne zu schädigen, erscheinen

die Seelen, freundlich werden sie mit Opferspenden empfangen. Das

_erfiǫl_, das Erbbier, der Leichenschmaus war ursprünglich auch zu

Ehren des Toten, den man dabei gegenwärtig glaubte, gemeint. Zu

bestimmten Zeiten, in stürmischen Nächten, im Herbst, Mittwinter und

Frühling, wenn die Winde heulen und toben, waren Totenfeste, die auch

im Christentum fortleben und im Allerseelentag geregelt erscheinen. Da

wurde den Seelen auf den Gräbern geopfert, ja sogar in den Häusern, die

ihnen für die Nacht von den Lebenden eingeräumt wurden, richtete man

ihnen ein Gastmahl zurecht.

6. Ahnenkult.

Aus Seelenglauben und Seelenkult entsteht leicht ein förmlicher

Ahnenkult[40], wie der der römischen _manes divi_. In manchen

Religionen steht der Ahnenkult obenan. Die Seelen der abgeschiedenen

Ahnen wachen als Schutzgeister oder Schutzgötter über ihrer Sippe.

Im Kultus der Sippe und des Hauses mögen neben den Naturgeistern

namentlich an den Gedächtnisstagen der Toten, am „Allerseelenfest“

auch die Ahnen besonders verehrt worden sein. Nachweisen lassen

sich aber nur einzelne wenige Erscheinungen des Ahnendienstes. Wer

die Heldensage im Sinne von E.H. Meyer erklärt, muss eigentlich für

die Urzeit auch einen bedeutungsvollen Ahnenkult annehmen. Aber die

Heldensage knüpft meistens an die geschichtlichen Gestalten an, deren

Thaten im Gedächtniss der Sänger und Dichter haften, schwerlich an

ihre Apotheose. In vereinzelten Fällen freilich scheint eine solche

wirklich erfolgt zu sein. Nach Jordanes wurden die Ahnen der gotischen

Königsgeschlechter als höhere Wesen betrachtet, ja geradezu als Götter

(_ansîz_, wie lat. _dîvi_) bezeichnet.[41] Damit vergleicht sich eine

schwedische Sage. Adam von Bremen sagt von den Schweden: sie verehren

auch vergötterte Menschen, die sie wegen ausserordentlicher Thaten mit

der Unsterblichkeit beschenken, wie sie das nach dem Leben des heiligen

Anskar (Kap. 26) mit dem Könige Erich gemacht haben.[42] Im Leben

Anskars[43] wird erzählt, dass ein Mann auftrat und König und Volk der

Schweden verkündigte, er habe einer Versammlung der Götter, die man für

die Besitzer des Landes dort hielt, beigewohnt und sei abgesandt, um

König und Volk folgendes anzuzeigen: „Ihr habt euch lange unsrer Gunst

erfreut, ihr habt lange Zeit unter unserem Schutze das Land eurer

Väter, eurer Heimat in Glück, Frieden und Überfluss inne gehabt, habt

uns auch nach Gebühr Opfer und Gelübde dargebracht, und euer Dienst

war uns lieb. Jetzt aber lasset ihr die gewohnten Opfer eingehen,

bringt freiwillige, aber nur lässig dar, und erhebet -- was uns noch

mehr missfällt -- einen fremden Gott neben uns. Wollet ihr also unsere

Gunst wieder erlangen, so vermehret die unterlassenen Opfer, bringet

grössere Gelübde dar, lasset auch nicht den Dienst eines andern Gottes,

dessen Lehre der unsrigen entgegengesetzt ist, bei euch zu und zollet

ihm keine Verehrung. Verlanget ihr aber mehr Götter, und sind wir euch

nicht genug, so nehmen wir hiemit nach einstimmigem Beschluss euren

einstigen König Erich in unsre Gemeinschaft auf, so dass er fortan

einer der Götter ist.“ Da erbauten sie dem König Erich, der unlängst

verstorben war, einen Tempel und begannen ihm als einem Gotte Gelübde

und Opfer darzubringen.

Die nordischen Denkmäler bieten noch einige weitere Beispiele eines

Ahnenkultes dar, welcher vom ganzen Volk der Person des Fürsten, von

der einzelnen Sippe den abgeschiedenen Familiengliedern förmlich und

feierlich geweiht wurde, und eben hierdurch vom allgemeinen Seelenkult

sich merklich unterscheidet. Von einem norwegischen Manne namens

Thorolf, Thorsteins Sohn, heisst es in der Landnáma 1, 14, er sei der

Enkel Grims gewesen, der wegen seiner Beliebtheit nach seinem Tode mit

Opfer verehrt wurde (_er blótinn vas dauđr fyrir þokkasæld_). In der

Herwararsaga Kap. 1 ehren die Männer den toten Gudmund mit Opfern und

bezeichneten ihn als ihren Gott. In der Ynglingasaga gilt Freyr als ein

sterblicher König, dem erst nach seinem Tode göttliche Ehren erwiesen

wurden. Lehrreich ist die Geschichte von König Olaf Geirstada-alf

(Flatcyjarbók 2, 6 ff.). Im Lande herrschte einmal grosse Hungersnot;

König Olaf weissagte, sie werde nicht eher endigen, als bis er selber

gestorben und in einem umhegten Hügel beigesetzt sei. Nach seinem Tode

wurde er im Hügel mit vielen Schätzen bestattet. Man opferte ihm um

Fruchtbarkeit und nannte ihn den Alb von Geirstad (_þeir blótođo Ólaf

konung til árs sér ok kǫllođo hann Geirstađa-alf_). Der verstorbene

König wird also schon mit seinem Namen unter die Landgeister versetzt,

seine Grabstätte ist sein Heiligtum. Unter diesem Gesichtspunkte

gewinnt auch der isländische Glaube vom Versterben in die Berge neue

Bedeutung. Thorolf und seine Nachkommen gingen nach Helgafell, die

Nachkommen der Aud in die Krosshólar. Diese Berge aber waren geheiligte

Opferstätten. Mithin scheinen Könige und Helden vergöttert und in

ihren Hügeln durch Opfer und Gebet verehrt worden zu sein; innerhalb

einzelner Sippen erhielt sich aber auch ein Ahnenkultus, dessen Stätte

die Familiengräber (im Schwedischen _ätthögar_ genannt) oder nahe

gelegene Berge und Hügel waren, worin die Seelen der abgeschiedenen

Sippen sich aufhielten. Elbe und Wichte, die Naturgeister, welche

ursprünglich überhaupt von den Seelengeistern abstammen, hingen früher

vielleicht noch enger mit dem Ahnenkult der einzelnen Sippen zusammen,

als es aus der Überlieferung den Anschein hat.

Berggeister von Riesenart werden in isländischen Quellen des 13.

Jahrhunderts als Asen bezeichnet. So Barðr, der Sohn des Riesen Dumbr

und Zögling des Riesen Dofri, von dem eine eigene Sage geht, wie er in

den Tagen Haralds aus Norwegen nach Island gefahren sei. „Die Leute

meinen, dass er in den fernen Snæfell eingegangen sei, und dort eine

grosse Höhle bezogen habe; denn das war mehr seine Art, in Höhlen zu

sein als in Häusern, weil er in den Höhlen des Dofri auferzogen war; er

war auch an Wuchs und Stärke den Unholden ähnlicher als den Menschen.“

„Er wurde darum Barðr _Snæfellsass_ genannt, weil sie dort auf dem

Gebirge an ihn glaubten und ihn für einen anzurufenden Gott (_heitguđ_)

hielten; er zeigte sich auch manchem Manne als ein sehr kräftiger

Schutzgeist (_bjargvættr_).“ In der Njálssaga Kap. 124 begegnet ein

_Svínfellsáss_, der mit Flosi Thordarson unkeuschen Umgang hatte.

Gudbrand Vigfusson (_corpus_ 1, 418) geht zu weit, wenn er diese Wesen

für Ahnengeister erklärt und schliesst, die in Bergen hausenden Toten

seien ursprünglich als Asen bezeichnet worden. Der vergötterte Ahnherr

des nahe wohnhaften Geschlechtes sei als áss im Snæfell und Svínfell

verehrt worden; Asen und Elben (wegen dem Geirstaða-alf) seien die

ältesten Benennungen der Ahnengeister. Die Beispiele stehen vereinzelt,

die Quellen sind zu wenig verlässig, um so kühne Schlüsse zu

verstatten. Richtiger urteilt Maurer (_Bekehrung_ 2, 246), wenn er eine

späte Verwirrung annimmt, welche zwischen dem Kultus der eigentlichen

Götter und der niederen Dämonen nicht mehr genau zu unterscheiden

vermochte und daher auch den Asennamen auf riesische Berggeister

anwandte.

7. Glauben an eine Wiedergeburt.

Der Seelenglaube führt die Menschen zum Unsterblichkeitsglauben, zum

Glauben an die Seelenwanderung und zu ähnlichen Vorstellungen, die

freilich im niederen Volksglauben der Reinheit, Erhabenheit und Tiefe

entbehren. In der Hölle oder bei den Göttern leben die Seelen ewig

fort, im Übrigen wird über die Zeit, welche einzelnen Gespenstern

zugemessen ist, nichts Bestimmtes gesagt. Die meisten Spukgestalten

gehen nur so lange um, bis sie beruhigt, erlöst sind. In den ältesten

Zeiten, ehe man an Himmel und Hölle glaubte, dauerte das Leben der

Seelengeister, solange sie im Gedächtniss der Menschen hafteten.

Der Begriff der Ewigkeit und Unsterblichkeit setzt eine ziemlich

hohe Stufe des Denkvermögens voraus. Die Gespenster waren oft so roh

sinnlich gedacht, dass man von ihrer völligen Vernichtung zu erzählen

wusste. Nach Asinius Pollio waren die Germanen des Ariovist deshalb

so mutig und verwegen und solche Todesverächter, weil sie wieder

aufzuleben hofften (θανάτου χαταφρονηταὶ δι’ ἐλπίδα ἀναβιώσεως).[44]

Ob das Wiederaufleben für eine andere Welt, für ein Walhall, oder für

diese Welt galt, wird nicht gesagt. An eine Wiedergeburt im Sinne der

Seelenwanderung, dass die Seele eines Toten im Leibe eines neugeborenen

Kindes wieder erscheint, glaubten die Germanen.[45] So heisst es am

Ende des Liedes von Helgi dem Hjorwardsson, Helgi und Swawa seien

wiedergeboren worden; ausführlicher am Ende des zweiten Liedes von

Helgi dem Hundingstöter: „Das war in alter Zeit Glaube, dass Menschen

wiedergeboren werden könnten; jetzt aber heisst das Altweiberwahn.

Von Helgi und Sigrun erzählt man, dass sie wiedergeboren seien, er

hiess da Helgi Haddingjaskati und sie Kara.“ Im kurzen Sigurdliede 45

wünscht Hogni von Brynhild: verwehrt sei ihr ewig die Wiedergeburt.

In der Gautrekssaga Kap. 7 wird Starkad ein wiedergeborener Riese

(_endrborinn jǫtunn_) genannt. In der Sturlungasaga IX, 42 wird

Thorgils von den Leuten für den wiedergeborenen Kolbeinn gehalten.

Besondere Beachtung verdient, was sich die Zeitgenossen einst von

König Olaf dem Heiligen erzählten. Vor Olafs Geburt erschien der

längst verstorbene König Olaf Geirstada-alf einem Manne im Traum

und befahl diesem, aus seinem Grabhügel Waffen und einen Gürtel zu

nehmen und letzteren der schwangeren Fürstin Asta in den Wehstunden

umzuspannen, dafür aber die Namengebung sich auszubedingen. Der Mann

that so und nannte das Kind, den künftigen Bekehrer Norwegens, nach der

Traumerscheinung Olaf. Man glaubte, Olaf Geirstada-alf sei in seinem

Namensvetter wiedergeboren. Als König Olaf auf seiner Fahrt einmal zu

dem Hügelgrabe des alten Olaf gekommen war, fragte ihn einer seiner

Mannen: Bist du hier begraben gewesen? Olaf antwortete: Nie hatte meine

Seele zwei Körper. Er leugnet auch, früher gesagt zu haben: Es war eine

Zeit, da wir hier waren und von hier wegkamen. Der christliche, heilig

gesprochene König muss natürlich den heidnischen Aberglauben, der an

seinem Ursprung haftet, von sich abzuwälzen suchen. Der Erzählung

liegt ein noch fortlebender norwegischer Aberglaube zu Grunde. Man

wählte Namen Verstorbener, um die Toten wieder aufleben zu lassen.

Wenn eine schwangere Frau von einem Verstorbenen träumt, so hält man

dafür, dass dieser nach einem Namen umgeht -- _gaaer efter navnet_ --,

dass er einen Namensvetter sucht und dass das Kind nach ihm getauft

werden muss. So erscheint dem Thorstein uxafót ein Grabhügelbewohner

im Traum, sagt ihm seinen Übertritt zum Christentum voraus und bittet

ihn, einen Sohn mit seinem, des Toten Namen zu taufen --, offenbar

um als Wiedergeborener der christlichen Seligkeit teilhaftig zu

werden. Der sterbende Asbjorn bittet, nach ihm zu taufen -- _at láta

heita eptir honum_ -- d. h. ihm durch Benützung seines Namens zur

Wiedergeburt zu verhelfen. Der sterbende Jokull schenkt seinem Mörder

das Leben und bittet ihn, zum Danke dafür einst seinen künftigen Sohn

oder einen seiner Enkel Jokull zu nennen. Die alte und neue nordische

Sage enthält viele Beispiele dieses mit der Wiedergeburt verknüpften

Namensaberglaubens.

* * * * *

Der Seelenglauben dauerte unter dem Christentum ungeschwächt fort,

allzu tief wurzelt die Gespensterfurcht im Herzen des Menschen.

Ruhelose Seelen, die man zur eignen Sicherheit bannen muss, die aber

trotz allem nach Ruhe verlangen, kannte schon das Heidentum. Eine

gewisse sittliche Auffassung mag auch darin bestanden haben, dass

unholde Geister namentlich aus den Seelen böser Menschen hervorgingen,

während die guten in die Gemeinschaft der Götter und guten Geister,

ins allgemeine Totenland oder sonst an einen stillen Ort gelangten.

Unter dem Christentum bildete sich aber neu die Vorstellung der „armen“

Seele, die zur Strafe spuken muss und vom Höllenfeuer angeglüht ist.

Wie für alles Unholde ergab sich auch für die Gespenster unmittelbarer

Zusammenhang mit Hölle und Teufel.

Übermenschliche Wesen, die aus Maren und Seelen hervorgingen.

1. Die nordischen Fylgjur.

Handbuch der Germanischen Mythologie · 第 9 / 68 段