Nach der Ynglingasaga Kap. 13 wird der König Wanlandi von Schweden

von der Mare getötet. Sie tritt dem Schlafenden dermaassen auf die

Beine, dass sie fast zerbrachen, und drückt ihm darauf den Schädel

ein. Die Thätigkeit der Mara wird als ein Quälen (_mara kvalđi_)

oder Treten (_mara trađ_) geschildert. Ebenso ist die fränkische

_cauche-mar_ (zu _calcare_) eine tretende Mare. Der Alptraum bietet

den denkbar reichsten Stoff zu einer ganzen Dämonologie dar[27]. Der

Alp erscheint in den verschiedensten Gestalten, bald menschlich, bald

tierisch, bald als Ungeheuer, dessen Aussehen in der Wirklichkeit

nichts Entsprechendes hat. Um Mitternacht als Nachtalp, aber auch um

Mittag als Tagalp, als _daemon meridianus_, überfallen die Gespenster

den Menschen, der sich zum Schlafen nieder gelegt, quälen und ängstigen

ihn oft so arg, dass er darüber krank wird und stirbt. Durch Astlöcher,

Ritzen oder Schlüssellöcher schlüpfen die Maren in die Stuben, werfen

sich dem Schlafenden auf den Leib und drücken ihm Brust und Kehle

zusammen, dass er weder Luft bekommt noch schreien kann. Sie kriechen

dabei dem Menschen von unten herauf bis an den Hals oder sie stecken

ihm ihre Zunge in den Hals, dass er nicht mehr schreien kann. Auch

Pferde und andres Vieh werden vom Alp geplagt; sie schwitzen und

schnauben dann stark und sind ganz zerzaust; ihre Haare sind verknotet

und verfilzt, zu Weichselzöpfen gedreht. Die nds. _walriderske_

benützt die Pferde zum Reiten. Selbst Menschen werden von den Maren

geritten, zum Teil indem sie dabei in Rossgestalt verwandelt werden.

Die Sagen von plötzlich aufhockenden Gespenstern, die den Wanderer

bis zur Erschöpfung peinigen, gehören in den Kreis des Marenglaubens.

Auch leblose Dinge, Steine und Bäume, werden gedrückt. Bei den Bäumen

zeigen zitterndes Laub und verwachsene Zweige den Alpdruck an. Der Alp

kann nur auf demselben Wege wieder hinaus, auf dem er hereingekommen

ist. Wenn man daher das Loch verstopft, durch welches er einschlüpfte,

so ist er gefangen; ebenso wenn man ihn anruft oder beim Namen nennt.

Dann erscheint er morgens in seiner wahren Gestalt, meist als nacktes

Weib, in der Gestalt des Menschen, der den Alpdruck bewirkt hatte.

Man kann den Alp oder die Mare solange gefangen halten, bis der

verstopfte Ausweg sich wieder aufthut, worauf das gespenstische Wesen

sofort verschwindet. Die deutsche Volkssage lässt die Maren aus dem

„Engelland“, d. h. aus dem Seelen- und Geisterreich stammen, sofern sie

nicht aus der nächsten Umgebung, aus der Zahl der Mitmenschen herkommen.

Die Vorstellung von der Vielgestaltigkeit des Alps ist in der Art des

Alptraums begründet. Der eine fühlt und sieht den Traumgast als Tier,

als Hund oder Katze, als Wurm, als furchtbares Scheusal, der andere

als einen Menschen, der die Züge von lebenden oder toten Bekannten

annimmt, als altes Weib oder blühendes Mädchen. Wem er heute Entsetzen

einflösst, dem naht er morgen in lieblicher Erscheinung, sogar ein und

derselbe Traum kann einen Wechsel der Gestalten zeigen. Von besonderer

Bedeutung für die Sagenbildung ist die Form des Traumes, welche den Alp

als Buhlgeist, als _Incubus_ und _Succubus_, zeigt; daraus begreift

man leicht, wie die Sage dazu kam, die elbischen Wesen überhaupt als

lüstern und minnegierig darzustellen, vom geschlechtlichen Verkehr

zwischen Elben und Menschen zu erzählen. Dieses Traumerlebniss braucht

dann nur in eine höhere Auffassung gerückt zu werden, um den wüsten

Buhlteufel, der schlafende Weiber überfällt, oder die teuflische

Buhlerin, die sich im Traume mit Männern vermischt, zu Alb und Albin zu

wandeln, die in Liebessehnsucht aus ihrer fernen Heimat herabsteigen,

um mit Sterblichen einen Bund einzugehen. Hierin hat die Phantasie wol

den dankbarsten Stoff erhalten, der in reichster Fülle und in zahllosen

Umbildungen nach den verschiedensten Richtungen hin ausgesponnen

werden kann. Sage und Dichtung können sich hier zu den herrlichsten

Schöpfungen erheben, denen ihr einfacher Ursprung kaum mehr anzusehen

ist. Zeus und Semele, Lohengrin und Elsa, des Albkönigs Tochter, die

im Mondenschein mit dem zu seiner Menschenbraut verlangenden Jüngling

tanzt und ihm den Tod gibt, die weisse Jungfrau, die auf alten Burgen

oder sonst an Orten, die nicht geheuer sind, auf den menschlichen

Befreier und Geliebten harrt, die verwunschene Königstochter, die sich

in den Armen des Märchenhelden in Schreckgestalten verwandelt, aber

endlich entzaubert den Mutigen mit ihrer Hingabe beglückt, kurz jene

unzähligen Liebespaare aus Sage und Mythus, in denen das Göttliche

und Menschliche sich vereinigt, können schliesslich als Blüten

betrachtet werden, die aus jenem unscheinbaren Keim aufsprossten, als

verschiedenartige Wendungen der Albenehe. Der vom Alp Heimgesuchte

befreit sich endlich von der unheimlichen, drückenden Macht auf irgend

eine Weise, indem das Erwachen herbeigeführt und damit der Bangigkeit

des Schläfers, die sich zum höchsten Grade der Spannung gesteigert

hatte, ein Ende bereitet wird. Ebenso vielgestaltig wie der Alp

selber ist der Gegenzauber, der ihn zum Weichen bringt. Es kann ein

von aussenher kommendes Geräusch, der Weckruf eines Genossen, der

Hahnenschrei, ein greller Lichtschein, die anbrechende Morgenröte,

kurz überhaupt jedes Mittel sein, das den Menschen aufweckt. Daher

scheuen die Maren und alle Elbe meistens das Licht und den Tag und

räumen bei Dazwischenkunft eines Dritten das Feld. Die Traumgestalten,

die _Draugen_, halten der Wirklichkeit nicht Stand, alle Gespenster

verwehen gewöhnlich wie die Träume und aus denselben Ursachen. Den

Alptraum im besonderen scheucht namentlich der Aufschrei, an dem der

Geängstigte erwacht. Oft kommt es vor, dass er dabei ein Kissen oder

Bettstroh krampfhaft umklammert hält, woraus der Glaube entstand,

der Alp könne gefangen werden, verwandle sich jedoch dabei in einen

Strohhalm, eine Bettfeder oder sonst einen unscheinbaren Gegenstand.

Wird er in dieser Verwandlung gefangen gehalten, so muss er sich aber

schliesslich wieder in seiner richtigen Gestalt zeigen und mag dann

gestraft, verbannt, unschädlich gemacht werden. Aus dem bannenden

Schrei entwickelte sich die Sage, der Alp müsse beim Anruf oder

bei Namensnennung entweichen. Daher das Verbot, nach Nam und Art

zu fragen, das in der Albenehe gestellt wird, dessen Nichtachtung

den Alben verschwinden macht. Aus der Albenehe können verschiedene

Sagentypen von Buhlschaft, Ehe, Haft und Erlösung erwachsen. Auch die

Geschichten von den Wechselbälgen, den unterschobenen Albenkindern

lassen sich teilweise auf den Alptraum zurückführen. Der Alptraum der

Wöchnerinnen spiegelt oft Gefahr fürs Kind vor, sie sehen das Kindlein

von geisterhaften Wesen bedroht, die nur auf dieselbe Art wie der Alp

verscheucht werden können. Der pathologische Zustand des Alptraumes

scheint allem nach den Menschen zuerst zum Gespensterglauben gebracht

zu haben, aus der Erinnerung an den oft wiederholten Zustand erwuchs

der Aberglaube, aus diesem ging eine reiche Sagenbildung hervor. Lebten

einmal Gespenster in der Vorstellung des Menschen, so bemächtigte

sich ihrer alsbald die Phantasie, die nach weiteren Beziehungen,

insbesondere nach der Herkunft der Maren suchte. Trug der Alp Züge

lebender oder toter Bekannter, so erschien er als deren Geist, deren

Seele. War er unbekannt, so trat er doch von aussen her in die Hütte

des Schlafenden, seine Heimat musste daher auch draussen in der weiten

Natur, in Wald und Feld, in Wasser, Wind, Nebel und Wolke sein. Darum

können auch alle Geister drücken und quälen, denn sie sind ursprünglich

Maren.

3. Seelen und ihre Erscheinungsformen.

Einen gemeingermanischen Ausdruck für den Begriff der seelischen

Geister im allgemeinen finden wir nicht vor. Das Wort Seele ist zwar

west- und ostgermanisch (got. _saiwala_), während die Nordleute

dafür _ǫnd_ gebrauchen. Aber damit ist zunächst nur die geistige,

belebende Kraft, die dem menschlichen Leibe inne wohnt, gemeint.

Die Seelengeister benennt der Volksglaube alter und neuer Zeit nach

ihren einzelnen Erscheinungsformen, in denen die Seele offenbar wird.

Sie äussert sich aber zunächst als Hauch und Atem, als ein luftiges

Gebilde, das völlig unsichtbar ist, oder als Rauch, Dunst, Nebel dem

Auge sich zeigt.[28] Dieser Hauch verweht beim Tode in den Wind,

entschwebt aus dem toten Körper und geht in die Luft auf. Im lat.

_anima_ (gr. ἄνεμος) hält die Sprache unmittelbar den Zusammenhang

zwischen Seele und Wind fest; die Seelen der Abgeschiedenen sind die

Winde, im Winde leben die Geister der Toten fort. Im Windesrauschen

machen sich die Seelengeister, auch wenn sie unsichtbar bleiben,

fühlbar. Die deutsche Volkssage schildert die Seele häufig als

Lufterscheinung.

Die Seele als dunstiges Rauchgebilde kennt die Sage, die Prätorius

in der _Weltbeschreibung_ 2, 161 anführt. Die Sage belehrt auch über

die enge Verknüpfung des Seelen- und Marenglaubens.[29] Zu Hersfeld

dienten zwei Mägde in einem Haus, die pflegten jeden Abend, eh sie zu

Bette schlafen gingen, eine Zeitlang in der Stube stillzusitzen. Den

Hausherrn nahm das Wunder, er blieb daher einmal auf, verbarg sich im

Zimmer und wollte die Sache ablauern. Wie die Mägde nun sich beim Tisch

allein sitzen sahen, hob die eine an und sagte:

Geist thue dich entzücken

Und thue jenen Knecht drücken!

Darauf stieg ihr und der andern Magd gleichsam ein schwarzer Rauch aus

dem Halse und kroch zum Fenster hinaus; die Mägde fielen zugleich in

tiefen Schlaf. Da ging der Hausvater zu der einen, rief sie mit Namen

und schüttelte sie, aber vergebens, sie blieb unbeweglich. Endlich ging

er davon und liess sie. Des Morgens darauf war diejenige Magd tot, die

er gerüttelt hatte, die andere aber, die er nicht angerührt, blieb

lebendig.

Eine isländische Volkssage (bei Jón Árnason 1, 356) erzählt, wie

die Seele eines schlafenden Mannes als dunkles Wölkchen entschwebt,

über die Wiesen eilt, auf einem Stabe ein Bächlein überschreitet und

endlich in einen Hügel einkehrt. Hernach nimmt das Wölkchen denselben

Weg zurück in den Körper des Schlummernden, der erwacht einen Traum

erzählt, welcher der Wanderung des Wölkchens genau entspricht.

Beim Todesfall pflegte man Fenster, Thür oder Lucke zu öffnen, damit

die Seele ungehemmt entweichen könne. Nach allgemeinem Aberglauben

entsteht Sturm, wenn sich jemand erhängt. Das wilde Heer fährt durch

die Lüfte und erscheint in stürmischen Nächten. Zwar hat die Volkssage

der Geisterschar meistens bestimmte Gestalt verliehen, Gespenster

ziehen dahin, aber zu Grunde liegt doch der Glaube, dass im Sturme

die Seelen übers Land brausen, dass die wütenden Winde eben die dahin

rasenden Seelen seien. Dass man die Seelen in die Winde verwies, beruht

auf ihrer elementaren Gleichheit.

Die Seelen erscheinen auch als Flämmchen, die vielnamigen Irrlichter

sind ruhelose Geister, die nach christlicher Auffassung wegen eines

ungesühnten Vergehens spuken.

* * * * *

Tiergestalt der Seele ist überaus häufig. Die Seelen entschweben als

Vögel, Raben, Krähen, in christlicher Zeit als weisse Tauben, sie

erscheinen als Schwäne. Käfer, Fliegen, Schmetterlinge entschlüpfen dem

Munde Schlafender. Als Schlange, Wiesel, Maus kriecht die Seele aus

dem Leibe hervor. Auch Kröten und Unken gelten als Seelen und müssen

geschont werden. Schlangen wurden in manchen Bauernhöfen gehegt als

eine Art von Hausgeistern, weil sich die Seelen der Ahnen und früheren

Besitzer darin offenbarten. Der richtige Dienst dieser Geschöpfe hielt

das Glück am Hause fest. Bei Vögeln und kriechenden Tieren erblicken

wir die Seele, wie sie unmittelbar entfliegt oder entschlüpft. Der

Leib des Menschen liegt indessen in todähnlichem Schlafe oder er

geht überhaupt ganz zu Grunde, wenn aus dem Holzstoss der Hexe eine

Krähe, aus dem der Heiligen eine weisse Taube entschwirrt. Zu diesem

Aberglauben von der Tierverwandlung der Seele bieten sich aus alter und

neuer Zeit zahlreiche Beispiele von Volkssagen dar.

Die Seele, die zugleich Mare ist, zeigt des Prätorius

_Weltbeschreibung_ 1, 40; 2, 161 in Tiergestalt. In Thüringen bei

Saalfeld auf einem vornehmen Edelsitze zu Wirbach hat sich Anfangs

des 17. Jahrhunderts Folgendes begeben. Das Gesinde schälte Obst in

der Stube, einer Magd kam der Schlaf an, sie ging von den Andern weg

und legte sich abseits, doch nicht weit davon, auf eine Bank nieder,

um zu ruhen. Wie sie eine Weile still gelegen, kroch ihr zum offnen

Maule heraus ein rotes Mäuslein. Die Leute sahen es meistenteils und

zeigten es sich unter einander. Das Mäuslein lief eilig nach dem gerade

geklefften Fenster, schlich hinaus und blieb eine Zeitlang aus. Dadurch

wurde eine vorwitzige Zofe neugierig gemacht, so sehr es ihr die Andern

verboten, ging hin zu der entseelten Magd, rüttelte und schüttelte an

ihr, bewegte sie auch an eine andre Stelle etwas fürder, ging dann

wieder davon. Bald darnach kam das Mäuslein wieder, lief nach der

vorigen bekannten Stelle, da es aus der Magd Mund gekrochen war, lief

hin und her und wie es nicht ankommen konnte, noch sich zurecht finden,

verschwand es. Die Magd aber war tot und blieb tot. Jene Vorwitzige

bereute vergebens. Im Übrigen war auf demselben Hof ein Knecht

vorhermals oft von der Trud gedrückt worden und konnte keinen Frieden

haben, dies hörte mit dem Tod der Magd auf.[30]

Die Sage vom Binger Mäuseturm (nach Grimm, _Deutsche Sagen_ 1 Nr. 242)

zeigt Mäuse als Seelen verbrannter Menschen. Zu Bingen ragt mitten aus

dem Rhein ein hoher Turm, von dem nachstehende Sage umgeht. Im Jahr

974 ward grosse Teurung in Deutschland, so dass die Menschen aus Not

Katzen und Hunde assen und doch viele Leute Hungers starben. Da war

ein Bischof zu Mainz, der hiess Hatto der Andere, ein Geizhals, dachte

nur daran, seinen Schatz zu mehren und sah zu, wie die armen Leute auf

der Gasse niederfielen und bei Haufen zu den Brotbänken liefen und das

Brot nahmen mit Gewalt. Aber kein Erbarmen kam in den Bischof und er

sprach: „Lasset alle Arme und Dürftige sammeln in einer Scheune vor

der Stadt, ich will sie speisen“. Und wie sie in die Scheune gegangen

waren, schloss er die Thüre zu, steckte mit Feuer an und verbrannte die

Scheune samt den armen Leuten, Jung und Alt, Mann und Weib. Als nun die

Menschen unter den Flammen wimmerten und jammerten, rief Bischof Hatto:

„Hört, hört, wie die Mäuse pfeifen“. Allein Gott der Herr plagte ihn

bald, dass die Mäuse Tag und Nacht über ihn liefen und an ihm frassen,

und vermochte sich mit aller seiner Gewalt nicht wider sie zu behalten

und bewahren. Da wusste er endlich keinen andern Rat, als er liess

einen Turm bei Bingen mitten im Rhein bauen, der noch heutigen Tags zu

sehen ist, und meinte sich darin zu fristen, aber die Mäuse schwammen

durch den Strom heran, erklommen den Turm und frassen den Bischof

lebendig auf.[31]

* * * * *

Eine alte Sage dieser Art bietet Paulus Diaconus 3, 34: Der fränkische

König Guntram war eines gar guten, friedliebenden Herzens. Einmal war

er auf die Jagd gegangen, und seine Diener hatten sich hierhin und

dahin zerstreut; bloss ein einziger, sein liebster und getreuster,

blieb noch bei ihm. Da befiel den König grosse Müdigkeit; er setzte

sich unter einen Baum, neigte das Haupt in des Freundes Schoos und

schloss die Augenlieder zum Schlummer. Als er nun entschlafen war,

schlich aus Guntrams Munde ein Tierlein hervor in Schlangenweise, lief

fort bis zu einem nahe fliessenden Bach, an dessen Rand stand es still

und wollte gern hinüber. Das hatte alles des Königs Gesell, in dessen

Schoos er ruhte, mit angesehen, zog sein Schwert aus der Scheide und

legte es über den Bach hin. Auf dem Schwerte schritt nun das Tierlein

hinüber und ging hin zum Loch eines Berges, da hinein schloff es.

Nach einigen Stunden kehrte es zurück, und lief über die nämliche

Schwertbrücke wieder in den Mund des Königs. Der König erwachte und

sagte zu seinem Gesellen: Ich muss dir meinen Traum erzählen und das

wunderbare Gesicht, das ich gehabt. Ich erblickte einen grossen,

grossen Fluss, darüber war eine eiserne Brücke gebaut; auf der Brücke

gelangte ich hinüber und ging in die Höhle eines hohen Berges; in

der Höhle lag ein unsäglicher Schatz und Hort der alten Vorfahren.

Da erzählte der Gesell ihm alles, was er unter der Zeit des Schlafes

gesehen hatte, und wie der Traum mit der wirklichen Erscheinung

übereinstimmte. Darauf ward an jenem Ort nachgegraben und in dem Berg

eine grosse Menge Goldes und Silbers gefunden, das vor Zeiten dahin

verborgen war.[32]

Wenn Tote in Tiergestalt als schwarze oder feurige Hunde, als Schweine,

als schnaubende und tobende Pferde und Stiere oder sonst irgendwie

spuken, so haben wir bereits eine Weiterbildung der ursprünglichen

Vorstellung, welche die Seele als fliegendes oder kriechendes

Tierlein aus dem Munde entweichen lässt. Der Seele wird überhaupt

jede erdenkliche Verwandlungsfähigkeit zugeschrieben. Dadurch haftet

an allen Tieren aber auch etwas Gespenstisches, Unheimliches, denn

sie können verwandelte, verzauberte Seelen sein. So erzählt die

_Ynglingasaga_ Kap. 7 von Odin: „Odin wechselte die Gestalt; da lag der

Körper wie schlafend oder tot, er aber war da Vogel oder Tier, Fisch

oder Wurm, und fuhr in einem Augenblick in fern gelegene Lande, in

seinen Geschäften oder in denen Anderer.“

* * * * *

In den nordischen Quellen heisst der Geist, die Seele des Menschen

_hugr_. Solche _mannahugir_, Menschenseelen, erscheinen aber in eigner

Gestalt. Odins Raben Huginn und Muninn, Denkkraft und Erinnerung,

durchfliegen Tag für Tag die ganze Welt, um dem Gotte Bericht zu

erstatten von allem, was geschieht. Ursprünglich war wol Odins in

Rabengestalt verzückte Seele, sein hugr, gemeint. Die Tiergestalt der

Seele scheint im einzelnen Fall oft mit Rücksicht auf die Eigenschaften

und Stimmungen des betreffenden Menschen gewählt zu sein. Die hugir

angesehener und tapferer Männer treten in der Gestalt eines Bären,

Adlers oder Wolfes, eines starken Stieres, in romantischen Sagen als

Löwen und Leoparden auf, die Seelen listiger Leute in der Gestalt

von Füchsen, die Seelen schöner Frauen als Schwäne. Ein Isländer

träumte von Wölfen, welche ihn und sein Gefolge anfielen. „Das sind

_mannahugir_“, so wird der Traum gedeutet (_þorđar saga hređu_ 37).

Die germanische Sage berichtet von vielen Träumen, in denen das

zukünftige Schicksal sich enthüllt. Die handelnden Personen oder besser

ihre Seelen erscheinen darin gewöhnlich in Tiergestalt. Kriemhild

träumt noch mitten in den Ehren und dem Glanz ihrer Jugend, bevor noch

Siegfried auf dem Hofe zu Worms erschienen, ihr künftiges Geschick,

wie sie einen schönen Falken gezogen, den ihr zween Aare mörderisch

ergreifen; und ihre Mutter, der sie den Traum vertraut, gibt ihm die

rechte, traurige Deutung.[33]

* * * * *

Die Seele geht auch in menschlicher Gestalt um, als „zweites Gesicht“

oder als Gespenst, der Volksglaube erblickt leibliche Erscheinungen

Lebender und Toter. Die nordische Sprache bezeichnet Totenerscheinungen

als Wiedergänger (an. _aptrganga_, neuisl. _aptur-gaungur_, dän.

_gjenganger_, schwed. _återgăngare_), als Geister, die aus dem Reich

des Todes zu den Lebenden zurückkehren. Die altisländischen Sagen sind

voll von Gespenstergeschichten. Die nhd. Sprache gebraucht die Worte

Gespenst und Spuk; die gemeingermanische Bezeichnung, welche noch im

Norden fortlebt, war _draugaȥ_ (an. _draugr_, neunord. _draug_, as.

_gidrôg_, ahd. _gitroc_). Die neuisländischen Ausdrücke _uppvakníngar_

(Aufweckungen) und _sendíngar_ (Sendungen) beziehen sich auf solche

Gespenster, die mit Zauber aufgeweckt und Andern zum Schaden zugesandt

werden. Für gewöhnlich spuken die Draugen in eigner Sache. Die Lebenden

müssen trachten, sie zur Ruhe zu bringen.

Das Wort „Traum“ geht auf eine urgermanische Form _„draugwmós“_,

_„draumas“_ zurück.[34] Zu Grunde liegt die idg. Wurzel _dhreugh_, skr.

_druh_ schädigen, woraus ags. _bedreogan_, ahd. _triugan_, trügen sich

entwickelt haben. Weiter gehört an. _draugr_, ahd. _troc_, _gitroc_,

as. _gidrôg_ Totenerscheinung, Gespenst hierher. Die Gespenster gehen

ja in den meisten Sagen feindselig und schädigend um, so sind sie

auch mit ihrem altgermanischen Namen als böse Unholde bezeichnet.

Der Begriff „Traum“ ist aus etymologischen und sachlichen Erwägungen

von den „Draugen“ nicht zu trennen. Traum bedeutet die Thätigkeit

und Erscheinung der Draugen. Die Gestalten, welche der Träumende

erblickt, besonders sofern sie Züge Verstorbener tragen, gelten der

menschlichen Einbildungskraft als Besuche gespenstischer Wesen,

als Draugenerscheinungen, Traum ist ursprünglich Gespenstertraum.

Den Zusammenhang zwischen Seelenglauben und Traum bestätigt diese

Etymologie aufs beste. Auch die ursprüngliche Konstruktion des

Zeitwortes träumen deutet darauf hin, dass der Traum auf die

unmittelbare Thätigkeit der Gespenster, der Seelengeister zurückgeführt

wurde. Es heisst früher stets: mir träumte, nie subjektiv ich träumte,

im Altnordischen noch deutlicher „_mik dreymđi_“, z. B. _mađr hefir

mik dreymt_, ein Mann ist mir im Traum erschienen. Die Erklärung

des Wortes Traum weist somit auf die vielen wilden Völkern ganz

geläufige Vorstellung hin, dass Seelengeister von aussen kommen, um

den Schlafenden, der sie als Traumbilder sieht, heimzusuchen und zwar

häufig als quälende Druckgeister in feindseliger Absicht.

Der Gespensterglaube entwickelt zahllose Sagen, je nachdem die

Erscheinung gedeutet wird. Die Draugen sind oft nur ohne besondern

Grund auf Schaden aus, meist aber weiss die Sage anzugeben, warum sie

umgehen. Ungesühnte Schuld, Rachsucht, Liebe rauben dem Toten die

Ruhe und nötigen ihn zur Wiederkehr. Auch übermässige Sehnsucht der

Überlebenden ruft Draugen herbei. So in der Lenorensage[35], deren

ältester germanischer Typus in der schönen nordischen Dichtung von

Helgi und Sigrun begegnet. In den Kreis der Gespenstersagen ist auch

das wilde Heer[36] hereingezogen, mit dem die verschiedenartigsten

Vorstellungen verflochten sind. Die eines gewaltsamen Todes verstarben,

Kampftote, Gerichtete, nach christlichem Glauben die Seelen

Ungetaufter, ziehen im wilden Heer. Wenn zur Nachtzeit der brausende

Sturm den Umzug der Geisterschar anzeigt, erblickt die Phantasie die

eigenen Schreckgestalten leibhaftig vor sich. Dem Heere wird gern ein

besonderer Führer gesetzt, in der Heidenzeit der Sturmdämon Wode,

in der christlichen Zeit irgend eine geschichtliche oder sagenhafte

Persönlichkeit wie Dietrich von Bern, Karl der Grosse, Karl V., König

Abel, König Waldemar. Das Heer wird auch als Jagdzug gedacht, ein

gespenstischer Jäger mit und ohne Gefolge, von kläffender Meute

umbellt, jagt durch die Lüfte dahin. Der Reiter ist eine beliebig

ausgemalte Spukgestalt, in manchen Sagen kopflos, den Kopf unterm

Arm, auf kopflosem Pferde sitzend. Aus der Erscheinung wird wie aus

allem Spuk geweissagt. Die vielen aus dem wütenden Heer entwickelten

Sagenformen alter und neuer Zeit zeigen, wie leicht aus einer

Vermischung mehrerer Vorstellungen, hier des Gespensterglaubens und

des Glaubens an Elementargeister, im Verein mit der unerschöpflichen,

wechselvollen Volkssage, welche immer neue Beziehungen zur Gegenwart

aufsucht und altüberkommene Überlieferung mit seltsamen Neubildungen

vermehrt, unzählige Geschichten entstehen können. Die grösste

Mannigfaltigkeit im Einzelnen, in der Hervorhebung bald dieser, bald

jener Grundzüge in der jeweiligen dichterischen Ausschmückung, lässt

doch immer die in allem Wechsel gleichmässig bestehenden Grundlagen

deutlich erkennen.

4. Das Seelenheim.

Handbuch der Germanischen Mythologie · 第 8 / 68 段