Heidentum angehören. Zur Kunstdichtung sind auch die sog. _Eddalieder_
zu zählen, die allerdings einfachere Formen anwenden, aber aus dem
Anschauungskreise der Skalden nicht heraustreten, jedenfalls nicht als
blosse Volksdichtung betrachtet werden dürfen. Die Skaldengedichte sind
in doppelter Weise für die nordische Mythologie von Belang, ihrer Form
und ihres Inhalts willen. Das eigentliche Thema der Skaldengesänge
ist Fürstenlob, aber das Hauptgewicht fällt neben allerlei metrischen
Künsteleien auf die sprachliche Einkleidung. Der Skald gefällt sich in
der Umschreibung einfacher Begriffe, im Ungewöhnlichen. Synonymik ist
sehr beliebt, Odin wird lieber mit einem seiner Beinamen genannt als
mit seinem gewöhnlichen Namen. Daher sind die Skalden auf möglichst
reichhaltige Sammlung von synonymen Ausdrücken, bei den Göttern auf
vollständige Verzeichnisse aller ihrer Beinamen bedacht. Solche
Beinamen entstammen aber besondern Eigenschaften oder Handlungen der
Götter. Ferner befleissigen sich die Skalden verwickelter Bilder und
Umschreibungen, die mit Vorliebe aus der Götter- und Heldensage geholt
sind. Die Auflösung der _„kenning“_, d. h. der Umschreibung, in die zu
Grunde liegende Sagenvorstellung ist oft sehr schwierig. Jedenfalls
setzt eine solche Verwendung der Göttersage, dass jede Anspielung
sofort verstanden wird, deren genaue Kenntniss bei Dichter und Zuhörer
voraus; um 900 muss die nordische Mythologie in den Kreisen, für welche
die Skalden dichteten, mit allen ihren Feinheiten ganz geläufig gewesen
sein. Endlich haben die Skalden auch geradewegs Mythen dargestellt,
berühren sich also auch im Inhalt unmittelbar mit den sog. Eddaliedern.
Ohne diese aber und ohne Snorri wäre uns die nordische Mythologie
nur mangelhaft bekannt. Denn die dunkeln Anspielungen der Skalden
versteht nur der, welcher in der Mythologie bereits bewandert ist. Um
1240, nach andern schon am Ende des 12. Jahrhunderts, veranstaltete
ein Isländer eine _Sammlung von Götter- und Heldenliedern_[23],
worin alles Aufnahme fand, dessen er habhaft werden konnte. Gedichte
der gleichen Art sind auch sonst vereinzelt auf uns gekommen, ein
Beweis, dass im 12./13. Jahrhundert auf Island noch eine grosse Anzahl
von solchen Gedichten vorhanden war, dass jene Sammlung keineswegs
erschöpfend war. Eine Pergamenthandschrift der Sammlung entdeckte 1643
der isländische Bischof +Brynjolf Sveinsson+; sie wird jetzt auf der
kgl. Bibliothek zu Kopenhagen aufbewahrt und bildet die Hauptquelle
unsres mythologischen Wissens. Brynjolf gab einer Abschrift, die er
vom Codex nehmen liess, ohne jede Gewähr als reine Vermutung den Titel
_Edda_ und schrieb sie dem 1133 verstorbenen isländischen Gelehrten
_Saemund_ zu. Als _„Saemunds Edda“_ wurde eine Sammlung bezeichnet,
die lange nach Saemunds Tod erst zu Stande gekommen war, ein Titel
wurde ihr beigelegt, den sie nie geführt hat. Aber Brynjolfs irrige
Meinung erfreute sich lange Zeit allgemeiner Anerkennung und rief
allerlei neue Irrtümer hervor. Man machte sich Gedanken über Saemunds
Anteil, galt er doch zuweilen sogar als Verfasser. Brynjolfs Hypothese
hat nicht zum wenigsten verschuldet, dass man so lange über die
Bedeutung und die wirkliche Beschaffenheit der Sammlung im Unklaren
blieb. Heutzutage herrscht kein Zweifel mehr über die Ungehörigkeit
der Bezeichnung _„Saemunds Edda“_. Nur in veralteten Lehrbüchern und
in oberflächlichen populären Schriften wird sie angewandt. Von den
Liedern der Sammlung ist jedes für sich allein auf Alter und Herkunft
zu prüfen, sie bilden keinerlei Einheit. Zwar erheben sich alle
Götterlieder auf der gemeinsamen Grundlage der nordischen Mythologie,
im wesentlichen derselben, die hinter den Skaldengedichten steht. Aber
sonst zeigt sich kein engerer Zusammenhang. Nach neuester Schätzung
reicht kein Götterlied über 875 hinauf, die Mehrzahl gehört erst
dem 10. Jahrhundert, also dem letzten heidnischen an. Man kann eine
Anzahl von Odinsliedern neben Thors- und Freysliedern erkennen. Zu den
Odinsliedern zählt die Vǫlospǫ́, die den Anfang der Welt, die letzten
Schicksale der Götter, die Erneuerung der Welt enthält. Im Lied von
Baldrs Träumen erkundet Odin die Zukunft von der Seherin, die er aus
dem Todesschlafe weckt. Das Grimnirlied, das Wafthrudnirlied, die
Hǫ́vamǫ́l zeigen Odin im Besitz aller Weisheit. Die Thorslieder führen
uns den starken Gott im Kampf mit Riesen (Lied von Thrym, von Hymir),
in der Wissenswette mit dem unholden Zwerg Alwis vor. Das Harbardslied
lässt den Gegensatz des Thors- und Odinsglaubens hervortreten. Vom
Himmelsgott, wie er um die schöne Gerd werben lässt, berichtet das
Skirnirlied. In der Rigsþula erscheint der Gott unter dem Namen Rig
als Erzeuger der menschlichen Stände. In der Lokasenna tritt der
schmähsüchtige Loki mit argen Vorwürfen den Asen gegenüber, bis ihn
Thor verstummen macht. So bietet uns die Sammlung schöne und lebendige
Schildereien der Asenwelt, wir erblicken die einzelnen Göttergestalten
in voller Thätigkeit, in allen erdenklichen Beziehungen.
Unsre Kenntniss der nordischen Mythologie beruht somit auf der
Liedersammlung, auf den Anspielungen der Skalden, welche den Inhalt
der erzählenden Götterlieder teils bestätigen, teils auch ergänzen
und erweitern. Sie wird aber noch besonders befestigt und vermehrt
durch des isländischen Staatsmannes, Geschichtschreibers und Skalden
+Snorri Sturluson+ (1178-1241) Arbeiten. Snorri schrieb um 1230 eine
_„Edda“_, d. h. Poetik. Von Snorris Werk, das diesen Titel mit Recht
führt, übertrug ihn Brynjolf irrig auf die Sammlung von Liedern,
weil zwischen beiden Werken allerdings Beziehungen bestehen, die
aber natürlich mit dem Titel gar nichts zu schaffen haben. Snorri
verfasste ein skaldisches Lehrbuch, worin er auf Grund ausgebreiteter
Kenntniss der älteren Skaldengedichte die Regeln der Skaldenkunst
erörterte. Die Mythologie ist aber dem Skalden zunächst nötig. Daher
entwirft Snorri einen leicht fasslichen, fliessend geschriebenen
Abriss der nordischen Göttersage, die der Skald beherrschen muss.
Er schöpft dabei aus denselben Liedern, die uns in der Sammlung
(in _„Saemunds Edda“_) erhalten sind, und führt zum Belege seiner
Erzählungen einzelne Strophen daraus an. Er schöpft aber auch
unmittelbar aus Skaldengedichten, deren mythische Unterlage er in
kurzen Zügen uns wiederherstellt. Endlich waren ihm manche Quellen
zugänglich, die wir nicht mehr besitzen. Snorris Edda ist also ein
nicht zu unterschätzendes Hilfsmittel der mythologischen Forschung.
Aber man darf sie auch nicht überschätzen. Snorri stellt die nordische
Mythologie nach seinem eignen Ermessen, nach seiner eignen gelehrten
Auffassung dar. Wenn möglich müssen wir auf die Urquellen selber
zurückgreifen, nicht unbedingt auf Snorri uns verlassen. Schon dadurch
ergibt sich manche Berichtigung. Snorri hat einiges missverstanden,
einiges zugefügt. Er schildert die Göttersage im erhabenen Rahmen
der Weltschöpfung und des Weltbrandes, über denen der ewige Allvater
steht. Darin folgt er gewiss den Anschauungen der Skalden des 10.
Jahrhunderts, wenn er auch noch einige neue christliche Gedanken
einfügte. Nie darf ausser Acht bleiben, dass die nordische Mythologie
der Snorra Edda die systematische Bearbeitung eines isländischen
Gelehrten des 13. Jahrhunderts ist, die mit der Mythologie der
Skalden des 10. Jahrhunderts nicht in allen Stücken für gleichwertig
genommen, die unter keinen Umständen in eine germanische Mythologie
zurückgetragen werden darf.
Neben den Skaldengedichten gewähren die _Sögur_, besonders die
Geschichtsquellen, reiche Belehrung über Religion und Mythologie. Die
Geschichte der Besiedelung Islands liegt vor in Aris _Íslendingabók_
(verfasst um 1134) und in der _Landnámabók_. Darin ist häufig
vom Glauben und Kult der Ansiedler Islands die Rede, Thors- und
Freysdienst stehen obenan, Odin wird kaum erwähnt. Ebenso schildern
die isländischen _Familiensögur_, die im 9./10. Jahrhundert spielen,
viele heidnische Bräuche. Diese Sagen sind allerdings erst im 13.
Jahrhundert in litterarische feste Form gebracht worden, manches mag
auf Rechnung der Sagaschreiber kommen. Aber zu Grunde liegt eine alte
mündliche Überlieferung, die in gewissen Kunstformen seit dem Heidentum
jene Geschichten bewahrt hatte. Darum verdienen die Nachrichten,
welche uns die Sögur vom 10. Jahrhundert geben, in der Hauptsache
Glauben. Die _norwegische Königsgeschichte_ wurde im 13. Jahrhundert
ebenso zu schönen Prosadarstellungen verarbeitet auf Grund von alten
Skaldengedichten, die meistens als Beleg auch mitgeteilt werden,
und aus mündlicher Überlieferung. Snorris _Heimskringla_ ist das
bedeutendste Werk. Die Geschichte der heidnischen Könige, namentlich
aber die der beiden Bekehrer Olaf Tryggwason und Olaf Haraldsson gibt
genugsam Anlass, heidnischen Glauben und heidnische Sage zu schildern.
In den Königssagen, soweit sie auf Skaldenliedern beruhen, tritt auch
Odin hervor; am Königshofe ward ja von Odin gesungen und gesagt. Jedoch
im norwegischen Volke selber zeigt sich auch hier Thorsdienst als
eigentlicher Feind des Christentums. Den Thorsdienst der norwegischen
Bauern müssen die Bekehrer mit weit stärkeren Mitteln bekämpfen,
als die Odindichtung der Skalden. Die _nordischen Rechtsquellen_
befassen sich mehrfach mit dem Heidenglauben, aber mehr mit dem
niedern Volksglauben, wie es auch die südgermanischen Gesetze thun.
Im Heidentum war mit besondern Satzungen auf den Schutz des Glaubens
Bezug genommen, in der christlichen Zeit eifern die Gesetze gegen
Überbleibsel heidnischer Bräuche.
Endlich gibt es auch rein mythische Sagen wie z. B. die _Ynglingasaga_,
die _Volsungasaga_, worin wie in den Skaldengedichten Götter- und
Heldensage unmittelbar behandelt sind. Mit solchen mythischen
Geschichten ist auch des Dänen +Saxo Grammaticus+ um 1200 verfasste
_historia danica_ erfüllt. Saxo schreibt in 16 Büchern eine bis 1187
reichende Geschichte Dänemarks, die 9 ersten Bücher beruhen auf Sagen,
zum Teil auf nordischer Göttersage. Saxo schreibt einen schwülstigen
Stil und hat sich der Überlieferung gegenüber manche Freiheit erlaubt.
Aber trotzdem sind seine Nachrichten für einige mythologische Dinge von
grossem Wert. Saxo schöpfte aus dänischer und norwegisch-isländischer
Sage, öfters beide mit einander vermischend[24]. Wie Snorri huldigt
auch Saxo dem Euhemerismus, die Götter sind als Menschen aufgefasst.
Soweit Saxo mit nordischer Göttersage sich beschäftigt, stützt er sich
vorwiegend auf isländisch-norwegische Quellen. Darum stimmen seine
Mitteilungen wesentlich zu denen der nordischen Skaldengedichte und
Sögur, nur selten begegnen selbständige Züge dänischer Herkunft.
Auch aus dem späteren Mittelalter und aus der Neuzeit bietet sich
im Norden reiche Überlieferung dar. Wir haben einen grossen Schatz
nordischer Volkslieder und isländischer Reimereien, in denen die
Gestalten des Aberglaubens, Trolle, Riesen, Zwerge, Elfen, Nixen und
Meerweiber ihr Wesen treiben. Die eigentliche Göttersage wird selten
und unselbständig in diesen Poesien behandelt. Zwar erscheint die
_þrymskviþa_ sowol als isländische Reimerei in den _þrymlur_, als auch
als norwegisch-dänische Volksweise _„Tord af Hafsgaard“_; Thors Fahrt
nach Utgard behandeln die _Lokarímur_. Im färöischen _Lokkatáttur_
finden wir Odin, Hönir und Loki in ein Märchen verflochten. Aber es
handelt sich hier stets um ein künstliches litterarisch vermitteltes
Fortleben der Heidengötter. An Volkssagen, die im 19. Jahrhundert
gesammelt wurden, gewährten die nordischen Länder höchst ergiebige
Ausbeute[25].
ERSTES HAUPTSTÜCK.
Die Gestalten des Volksaberglaubens (die niedere Mythologie).
1. Der Geisterglaube und seine nächsten Ursachen.
Volksaberglaube und Volkssage verhalten sich ähnlich wie Götterglaube
und Göttersage. Aus allgemeinen weitverbreiteten Grundtypen erwachsen
örtlich und zeitlich sehr verschiedenartige Sagen, die natürlich
bei aller Abweichung im einzelnen im Kerne doch übereinstimmen. Wo
Geschichten mit verwickelter Handlung und merkwürdigen Einzelheiten
an getrennten Orten auftauchen, ist Entlehnung und Wanderung mehr
wahrscheinlich als selbständige unabhängige Entstehung. Der Volksglaube
scheint unwillkürlich aus der Veranlagung des menschlichen Gemütes
zu entstehen. Wol beruht auch er auf einer Anzahl überlieferter
Thatsachen, er vererbt sich mündlich in den Geschlechtern und vermehrt
sich somit allmälig ungeheuer. Aber er wird gewissermaassen mit jedem
Menschen auch neu geboren, dieselbe Anlage, aus der die Urbilder
entkeimten, schafft immer neue Vorstellungen ähnlicher Art. Der
Volksglaube bleibt nicht unverändert bestehen, er formt sich immer neu.
Die Volkssage der heidnischen Germanen ist nicht unmittelbar auf uns
gelangt. Zwar die nordischen Quellen bieten auch hier sehr vieles, in
Deutschland wird manches mittelbar durch gelegentliche Anspielungen und
durch das Vorhandensein der entsprechenden sprachlichen Bezeichnungen
bezeugt. Jedoch der Volksglaube der Heidenzeit lebt vielfach im
Mittelalter und in der Neuzeit fort. Wie die einfachen Gebilde der
neueren Volkssage waren nach Ausweis der nordischen Denkmäler auch
die der altheidnischen beschaffen, so dass es wol erlaubt scheint,
zur Aufhellung verschwundener Zeiten die Gegenwart heranzuziehen.
Nur muss Vorsicht walten. Eine neue Volkssage kann nur als Vertreter
einer altheidnischen gelten, wenn der typische Volksglaube, dem sie
entstammt, auch fürs Heidentum wahrscheinlich ist. Damit ist nicht
gesagt, dass sie genau so, wie sie jetzt uns vorliegt, auch damals
lautete. Der heutige Volksglaube und noch weit mehr die Sage enthalten
neben uralten Typen aber auch unzählige Neubildungen, die erst im
Mittelalter und in der Neuzeit, häufig auch aus dem Verkehr mit andern
Völkern aufkamen. Altheidnischer Glaube kann dem Christentum angepasst
worden sein, viele Bräuche sind aber auch erst vom Christentum
veranlasst. Die Hauptaufgabe, Altes und Neues aus einander los zu
lösen, hat die Volkskunde noch kaum in Angriff genommen. Der Aberglaube
und die daraus entwickelte Sage sind überaus einfach in Form und
Gehalt, ohne besondere Wartung und Pflege entspringt der Glaube den
Vorgängen im Leben des Menschen und in der Naturumgebung. Die einfachen
Grundvorstellungen können sich mitunter verwickelter gestalten, jedoch
kaum ohne Einwirkung bewusst schaffender Kunstdichtung. Wenn man
eine wolgeordnete, vollständige Sagensammlung betrachtet, so treten
besonders vier Gruppen von übermenschlichen Wesen hervor, _Maren_,
_Seelen_, _Elbe und Riesen_, wovon die beiden ersten mit dem Menschen
in unmittelbarem Verkehre stehen, während die letztgenannten in der
Natur wirken. Weil Begriff und Benennung dieser Wesen gemeingermanisch
ist, weil sie in den nordischen Sagen des Heidentums ebenso weben und
leben wie in der deutschen und nordischen Überlieferung der Gegenwart,
so ist ihre Zugehörigkeit zum Bestand des heidnischen Volksglaubens
zweifellos. Die Anthropologie lehrt, dass sie überhaupt allgemein
menschlich sind. Soweit ihr Ursprung zu erklären ist, werden wir auch
auf allgemein menschliche Anlagen, die überall gleichmässig vorhanden
sind und gleichartig wirken müssen, hingeführt.
Der Gespensterglauben drängt sich dem Menschen durch Wahrnehmungen
auf, die er an sich selber und an seinen Mitmenschen macht. Die
subjektiven Vorgänge des Traumschlafes, die objektiven des Todes wirken
zusammen zur Vorstellung eines geisterhaften Wesens, das plötzlich
aus der Unsichtbarkeit hervortritt und auf geheimnissvolle Weise
sich fühlbar macht. Im Schlafe erscheinen die Gestalten Lebender und
Toter, sie verkehren wie im wirklichen Dasein, nur häufig freier und
ungebundener. Besonders die Erscheinung längst Verstorbener erregt
und beunruhigt das Gemüt. Im Alptraum wird dem Schlafenden aber
unmittelbar die beängstigende Macht solcher Traumgestalten fühlbar.
Das Traumbild an sich hätte schwerlich den Glauben an die Wirklichkeit
des Erschauten hervorgerufen, wol aber der Alptraum, der die
geheimnissvolle Einwirkung übermenschlicher Wesen immer von Neuem dem
Bewusstsein aufdrängte.[26] Der Alpdruck ruft die verschiedenartigsten
Vorstellungen hervor, je nachdem der Schlafende von einem Tier oder
Menschen, der mitunter bekannte Züge anzunehmen pflegt, sich gequält
wähnt. Die bange Furcht steht an der Schwelle urmenschlichen Glaubens,
Kultes und Mythus. Die Druckgeister mit ihrer merkwürdigen Vielgestalt
schienen verwandlungsfähige schädigende Wesen, die jeder verspürt
hatte, von denen jeder zu erzählen wusste, deren objektive Wirklichkeit
der kindlichen Einbildungskraft zweifellos sein musste. Die Furcht
vor dem Alp legte den Gedanken an Maassregeln zu seiner Abwehr nahe,
aus dem Glauben an seine Macht entsprangen Bräuche, die ihn schadlos
machen sollten, also ein wesentlich auf Abwehr gerichteter Kult. Die
Alpsage aber erging sich in Schilderungen besonderer Traumerlebnisse,
wie dieser oder jener den Unhold gesehen, wie er sich seiner erwehrt
hatte. Auch musste die Sage seine Herkunft zu ergründen trachten.
Denn der Traum zeigte das Gespenst ja nur, wie es plötzlich über den
Schlafenden herfiel, ohne zu erklären, woher es kam und wohin es wieder
entschwand. Zur Erklärung boten sich von selber andere Wahrnehmungen.
Der Alp trug häufig bekannte Züge lebender oder toter Mitmenschen.
Diese selber in ihrer gewöhnlichen Gestalt konnten aber nicht den
Träumenden heimsuchen, und doch war auch die Erscheinung nicht von
ihnen völlig zu trennen. Der Traum ist nicht nur leidend, indem der
Schlafende die Besuche Andrer empfängt, sondern auch thätig, indem
der Schlafende auf wunderbare Weise im Augenblick die weitesten
Entfernungen zurücklegt. War einmal durch den Alptraum die Einbildung
aufgeregt, so mochte auch der gewöhnliche Traum zum Nachdenken Anlass
geben. In sich selber trug der Mensch ein Rätsel, die Fähigkeit,
zeitweilig im Schlafe die leiblichen Fesseln abzustreifen und los und
ledig frei umher zu schweifen. Endlich schien der Tod eine gewisse
Deutung zu gewähren. Aus dem toten Leib ist der belebende Hauch, der
Atem, die Seele entwichen. Der Leib zerfällt in Staub und Asche.
Kehrt ein Verstorbener, wie er leibte und lebte, wieder, so muss
es sein Geist sein, jene entwichene Seele, die beim Tode nicht zu
Grunde ging, die fort besteht und leiblich umgehen, erscheinen kann.
Der Tod belehrt den Menschen über den Unterschied zwischen Leib und
Seele. Dem Schlummernden mag die Seele für kurze Frist entschweben,
dem Toten entfloh sie für immer. Aber ihre wunderbaren Eigenschaften
sind dieselben, sobald sie einmal den Leib verlässt. Aus ähnlichem
Gedankengang haben die Naturvölker den Begriff der Seele als eines
geisterhaften Wesens entwickelt. Überall findet sich Seelen- und
Marenglaube. Eine strenge Scheidung zwischen Seelen und Maren lässt
sich nirgends durchführen. Aus demselben Vorstellungskreise erwachsen
sind beide Erscheinungen einander sehr ähnlich, häufig unzertrennlich.
Maren sind ja eigentlich Seelen als Druckgeister, und andererseits ist
der Begriff des Seelengeistes namentlich auf den Alptraum begründet.
Der Marenglaube mag ursprünglicher und älter sein als der Seelenglaube,
bei den heidnischen Germanen sind jedenfalls beide gleichzeitig
nebeneinander reich entfaltet gewesen.
2. Maren.
Die Gespenster, welche den Menschen im Alptraum heimsuchen, spielen
in der niederen Mythologie eine grosse Rolle, sie sind wahrscheinlich
wegen ihrer handgreiflichen Fühlbarkeit überhaupt die ersten
übermenschlichen Wesen, deren Dasein der Mensch glaubte und fürchtete.
Der Seelenglauben beruht zum grossen Teil auf der Vorstellung von
quälenden Druckgeistern. Erst allmälig entstand weiterhin der Glaube
an Geister, die nicht nur den Menschen quälten und drückten. Zunächst
aber ging der Gespensterglaube aus dem Alptraum hervor. Die älteste
gemeingermanische Bezeichnung des Druckgeistes ist an. _mara_, dän.
_mare_, _nattemare_, holl. _nagtmerrie_, engl. _nightmare_. Im frz.
ist _cauche-mar_, die tretende _mare_, aus fränk, _mara_ gebildet. Mhd.
begegnet _mar_ und _mare_ männlich und weiblich. In Norddeutschland
ist noch heute das Wort _mar_, _mart_, _mahrte_, _nachtmare_ u. a.
üblich. Bei den Oberdeutschen ist das Wort ausgestorben; dafür werden
andere Benennungen im selben Sinn und mit denselben Sagen wie bei
der nds. _mare_ verwendet. So wird das quälende Traumgespenst als
_Alp_ bezeichnet. Der allgemeine Begriff Alp wurde verengert und auf
eine besondere Erscheinung eingeschränkt. Oder man spricht von der
drückenden _trut_, _trude_. _Truden_ sind eigentlich Hexen, zu deren
Beschäftigung das Alpdrücken aber vornehmlich gehört. Bei den Alemannen
wird der Nachtgeist auch als _schrettele_, _schrat_, _schretzlein_
u. s. f. bezeichnet, aus dem altgermanischen Wort für Geist, Gespenst,
das im an. _skrati_, _skratti_, ahd. _scrato_, _scraz_ vorliegt.
Endlich heisst der Druckgeist im Elsass und in einem Teil der Schweiz
_doggele_, ein Deminutivum zu *_dogo_, das zum Verbum *_diuhan_,
drücken gehört (Laistner, Nebelsagen 341). Ohne Weiteres erklären sich
die Namen _druckerle_, _nachtmännle_. So zahlreich und wechselvoll
die Namen sind, die Erscheinung und Wirkung des Gespenstes bleibt
immer dieselbe. Im Heidentum hiess es aber allgemein die _mare_,
offenbar mit besonderer Hervorhebung des weiblichen Geschlechts des
Gespenstes. Ältere Marensagen sind nur wenige vorhanden, aber sie waren
von den späteren in sehr grosser Zahl bekannten kaum verschieden,
denn die stets gleichmässig wiederkehrende Ursache musste auch immer
die gleichen Wirkungen erzielen. Besonders deutlich ist hier das
Verhältniss zwischen Aberglauben und Sage, wie Laistner schön und
treffend hervorhob. Die Traumbegebenheit drängte sich dem Menschen mit
voller Leibhaftigkeit immer wieder auf, des Alps und der Mare war er
sicher, denn er spürte sie. Der Bericht vom Alptraum ruft die Alpsage
ins Leben. Da mischt sich alsbald poetische Erfindung und Ausschmückung
ein, wie um jeden religiösen Kern ein mehr oder weniger freier Mythus
anwächst. Schwierig ist auch hier, zu bestimmen, wo dem Bewusstsein der
Zusammenhang der Sage mit der zu Grunde liegenden Alptraumsituation
entschwindet.