Die fränkische Kirche that zunächst für die Ausbreitung des

Christentums fast nichts, wesshalb die dem fränkischen Reiche

unterworfenen deutschen Stämme noch lange am Heidentum festhielten.

Erst die Wirksamkeit der ins Frankenreich eingewanderten

iroschottischen Mönche belebte die kirchlichen Verhältnisse und

erstreckte sich auch auf die Mission. So erschien der hl. Fridolin

um 530 am Oberrhein, aber um die Mitte des 6. Jahrhunderts waren die

Alemannen noch Heiden. Erst Kolumba und Gallus richteten von 610 ab

mehr unter ihnen aus. In Baiern überwog das Heidentum bis zum Ende des

7. Jahrhunderts. Erst der Herzog Theodo machte 696 mit der Bekehrung

Ernst, indem er den Bischof Ruprecht von Worms ins Land rief. Nur in

Friesland nahm die fränkische Kirche selber die Missionsthätigkeit

auf, wobei freilich auch Rücksichten des Handels und der Politik

mitwirkten. Wichtiger, auch für die Bekehrung der Deutschen, war die

Christianisierung der Angelsachsen, die sich von Anfang an ernstlicher

und innerlicher als bei den Franken und in unmittelbarer Abhängigkeit

von Rom vollzog. Im Auftrag Gregors I. ging 597 Augustinus nach

England. An König Edelbert von Kent fand der päpstliche Sendbote

einen treuen und verlässigen Helfer. Zwar ging das Bekehrungswerk der

angelsächsischen Königreiche nicht ohne Kämpfe von statten. Neben

dem Heidentum machten den römischen Geistlichen auch die zum Teil

andersgläubigen irischen Mönche, die auf eigene Faust bekehrten, zu

schaffen. Aber schon um die Mitte des 7. Jahrhunderts war England

christlich geworden. Kaum waren die heimatlichen Verhältnisse geregelt,

so machten sich englische Sendboten zu den Friesen, Franken, Alemannen,

Baiern und Sachsen auf. Die fränkische Kirche war zu selbständig und

zu weltlich, hatte auch das Bekehrungsgeschäft zu lässig betrieben.

Die iroschottischen Mönche lehrten ketzerische Ansichten. Der Papst

aber strebte eine zielbewusste, einheitliche und gründliche Bekehrung

aller Deutschen an. Dazu bot sich die englische Geistlichkeit als

geeignetes Werkzeug dar. Winfrid-Bonifatius, der von 716 bis zu

seinem 755 erfolgten Märtyrertod unter Friesen, Franken, Hessen,

Thüringern, Sachsen, Baiern eifrig und wiederholt auftrat, brachte die

Christianisierung des fränkischen Reiches zum Abschluss auf der festen

Grundlage der römisch-katholischen Kirche. Im 8. Jahrhundert wird das

bereits stark erschütterte deutsche Heidentum vollends gebrochen.

Am längsten bewahrten die Sachsen ihre Freiheit und ihr Heidentum.

Missionsversuche, auch der des Bonifatius, hatten nichts gefruchtet.

Karls des Grossen Sachsenkriege von 772 bis 804 fügten das Sachsenvolk

dem Reichsverbande ein. Mit strengen Gesetzen wurde die Kirchenordnung

befestigt und das Heidentum bekämpft. Um 800 waren somit die

westgermanischen Stämme dem Christentum unterworfen, das Heidentum war

als öffentlicher, staatlicher Glaube gebrochen und fristete nur noch

im Volksaberglauben ein elendes Dasein. Mit dem Untergang der freien

heidnischen Sachsen war auch die letzte Widerstandskraft der Friesen

vollends dahin.

Unter Ludwig dem Frommen wurde die Bekehrung des Nordens in Angriff

genommen. Das Erzbistum Hamburg ward 831 errichtet und dem Anskar, dem

Apostel des Nordens, verliehen. Anskar und nach seinem 865 erfolgten

Tode Rimbert verbreiteten das Christentum nach Schleswig und Jütland,

ja sogar in einigen Küstenplätzen Schwedens. Aber im 10. Jahrhundert

ging die Bekehrung Dänemarks und Schwedens wieder stark zurück. Erst

als die Monarchie in Dänemark erstarkt war und König Svein (995-1014)

England eroberte, König Knut (1014-1035) die Herrschaft dort zu

behaupten wusste, trat ein entschiedener und dauernder Umschwung zu

Gunsten des Christentums ein. Denn ein rein christliches Reich war mit

Dänemark vereinigt worden. Schon die Staatsklugheit erforderte, das

Christentum in Dänemark zur ausschliessliehen Herrschaft zu bringen.

König Knut suchte das Ideal eines christlichen Herrschers, wie solches

die Kirche aufstellte, in sich zu verwirklichen. Die englische und die

deutsche Kirche wetteiferten mit einander, in Dänemark die Mission

vollends durchzuführen und das Heidentum auszurotten. Die Schweden

sind am Ende des 10. Jahrhunderts noch entschieden Heiden. Noch in der

ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts war die grosse Masse des Volkes

heidnisch, nur wenige Christen waren vorhanden. Einzelne Könige waren

der neuen Lehre geneigt, wodurch der Mission Vorschub geleistet wurde.

Die Lage des Landes brachte es mit sich, dass länger als in Norwegen

und Dänemark, teilweise bis ins 13. Jahrhundert herab das Heidentum

Bestand hatte. Leider fehlen aber genaue und ausführliche Nachrichten

vom schwedischen Heidentum.

Um so reichlicher fliessen die Quellen für Norwegen und Island. Im

9. Jahrhundert hatten sich viele Norweger in England und Irland

angesiedelt und freiwillig das Christentum angenommen. Der Übertritt

war meistens wol ein äusserlicher, um unbehindert mit der christlichen

Bevölkerung verkehren zu können. Aufgabe des Heidentums war nicht

notwendig. Viele waren Christen unter Christen, Heiden unter Heiden,

manche verleugneten überhaupt jeden religiösen Glauben, sowol den

neuen wie den alten, und verliessen sich nur noch auf sich selber.

Wenn bei solchen Leuten heidnische und christliche Vorstellungen

sich vermischen, wenn sie ihre Mythologie nur als Dichtung, nicht

als Gegenstand gläubiger Verehrung betrachten, kann das nicht Wunder

nehmen. Die Eindrücke, welche die Wikinger in der Fremde empfingen,

wirkten auch aufs Heimatland zurück, aber äusserten sich natürlich

am meisten im geistigen Leben derer, die ständig draussen blieben.

Im Jahre 872 hatte König Harald Hárfagri im Hafrsfjord gesiegt und

die Alleinherrschaft in Norwegen aufgerichtet. Viele Edle und freie

Bauern, die sich in den neuen Verhältnissen nicht zurecht finden

konnten, verliessen Norwegen und suchten auf den britischen Inseln und

auf Island, das kurz zuvor erst von Wikingern entdeckt worden war,

eine neue Heimat. Binnen kurzem erhielt Island seine Bevölkerung,

die teils aus unmittelbar hinüber gefahrenen Norwegern, teils aus

Leuten, die eine Zeit lang auf den britischen Inseln gewohnt hatten,

bestand. König Harald suchte nemlich auch die nordischen Bewohner

jener Inseln sich zu unterwerfen und wagte kriegerische Seezüge gegen

sie. Darum suchten viele auf dem fernen Island sichere Zuflucht

gegen die Übergriffe des norwegischen Königs und fanden sie auch für

Jahrhunderte. Unter den isländischen Ansiedlern waren auch einzelne

Christen, Nordleute, die in England oder Irland den Glauben gewechselt

hatten. Aber sie verschwanden bald unter der überwiegenden Masse

der Heiden. In Norwegen setzte die Bekehrung ein, welche, einmal im

Stammlande siegreich, auch die Neusiedelungen dem Kreuze beugte. Hakon

der Gute, ein Sohn Haralds, der von ca. 935-961 regierte, war in

England erzogen und getauft worden. Er war ein überzeugter Christ und

suchte sein Land zu bekehren. Aber der Erfolg blieb ihm versagt. Olaf

Tryggwason, der 993 ebenfalls in England getauft worden war, zwang

Norwegen von 995 an zum Christentum. Er bekämpfte das Heidentum mit

aller Macht, und mancher tapfere Held büsste seine Treue an den alten

Göttern mit dem Leben. Als Olaf im Jahr 1000 den Tod fand, erfolgte

alsbald ein Rückfall ins Heidentum. Aber Olaf Haraldsson (1014-1031),

nach seinem Fall heilig gesprochen, nahm die Arbeit von neuem auf

und setzte das Christentum mit rücksichtsloser Strenge durch. Die

Isländer, welche seit 981 von mehreren Sendboten heimgesucht worden

waren, entschlossen sich am Allding des Jahres 1000 zur Annahme des

Christentums als Staatsreligion. Die heidnische und christliche

Partei war nahe daran, in offenen Kampf einzutreten. Da gelang es der

Weisheit des Gesetzsprechers Thorgeir, das drohende Unheil abzuwenden,

indem er, um die Einheit des Freistaates und die Unabhängigkeit des

Volkes zu retten, lieber den Heidenglauben dran gab. Eine Trennung

hätte sicherlich Islands Selbständigkeit gefährdet, der norwegischen

Krone willkommenen Anlass gegeben, in die isländischen Verhältnisse

einzugreifen. So ging Islands Übertritt zum Christentum ohne jede

Gewaltthat vor sich, auf kühle Erwägung und kluge Entschliessung der

Führer im Volke. Das Heidentum wurde abgeschafft, aber nicht grausam

verfolgt. Erst viel später mit dem Erstarken der kirchlichen Zucht

machen sich strengere Verbote gegen heidnischen Brauch geltend. Die

nordische Mythologie, die mit der Skaldenkunst aufs innigste verknüpft

war, wurde vom Glaubenswechsel wenig berührt. Nach wie vor fand sie

Pflege. Überhaupt hat die Überlieferung der Heidenzeit durch die

Bekehrung auf Island nicht Not gelitten. Die Annahme des Christentums

hatte keine Verachtung und Feindschaft gegen die alten Sagen im

Gefolge. So konnten noch im 12./13. Jahrhundert genug heidnische Lieder

des 10. Jahrhunderts und Erzählungen aus der Heidenzeit gesammelt,

aufgeschrieben und litterarisch bearbeitet werden.

Die Bekehrung der deutschen Stämme zum Christentum geschah nicht

überall nach denselben Grundsätzen. Wo sich gar noch Eroberungs- und

Unterwerfungsgelüste hinzugesellten, wie bei den Franken gegen Sachsen

und Friesen, wurde alles, was den alten Göttern und deren Dienst

angehörte, mit Feuer und Schwert ausgerottet. Besser stand es dort,

wo die Bekehrung ohne politische Zugabe nur durch die Glaubensboten

stattfand. Diese mussten sich zu milderem Vorgehen bequemen, durften

nicht allzu schroff auftreten und mussten nach einer Bekehrung von

innen heraus trachten. Das war für die Erhaltung alter Bräuche

günstiger. Die berühmte Weisung Gregors an Augustinus, den Bekehrer der

Angelsachsen, zeugt dafür, wie weit die Duldung gehen konnte. Statt

alles Alte zu vernichten und auf den Trümmern Neues zu bauen, zielt

die andre Lehre dahin, das Bestehende möglichst zu schonen und daran

anzuknüpfen.

Von der Mitte des 4. Jahrhunderts, da die Westgoten Christen

wurden, bis gegen das Jahr 1000 währt die Bekehrungsgeschichte

der germanischen Völker. Sehr verschiedenartig gestaltet sich der

Kampf des neuen und alten Glaubens, sehr verschiedenartig aber sind

wir auch davon unterrichtet. Meist stehen uns nur mangelhafte,

feindselige Schilderungen zu Gebot, aus denen nur schwer ein

einigermaassen zusammenhängendes Bild zu gewinnen ist. Wir vernehmen

mehr von Kultbräuchen und vom Glauben als von Sagen. Eher eine

Religionsgeschichte als eine Mythologie ist daraus zu gewinnen. Umso

wertvoller sind die unvergleichlichen nordischen Denkmäler, die in

heimischer Sprache und heimischer Gesinnung abgefasst unmittelbar

das nordische Heidentum uns erstehen lassen. Aber alle Anerkennung,

alle Freude an diesem Horte erhabener Poesie darf nicht zu

ungerechtfertigter Verwendung verführen.

2. Die Quellen der germanischen Mythologie.

Die Quellen germanischer Religion und Mythologie[18] bestehen aus

_mittelbaren Zeugnissen_ und aus _unmittelbarer Überlieferung_. Sie

reichen von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart, insofern auch aus

dem heutigen Volksglauben manches für den der heidnischen Zeit zu

lernen ist. Aber von grösster Wichtigkeit sind doch die Quellen der

heidnischen Zeit selber, nur dass wir für die Westgermanen leider

fast immer aus zweiter Hand schöpfen. Die Zeugnisse der römischen

Schriftsteller entbehren der Genauigkeit. Auch stört die oberflächliche

interpretatio romana, welche auf Äusserlichkeiten hin eine römische

Gottheit an Stelle der germanischen nennt. Der Berichterstatter

entgeht dabei kaum der Versuchung, die ihm geläufigen Vorstellungen

auf die völlig verschiedenen germanischen Verhältnisse zu übertragen.

Beobachter, die einem fremden Volke angehören, sind ausser Stand,

objektiv, zuverlässig und erschöpfend zu berichten. Was sie wissen,

hängt von allerlei äussern Zufälligkeiten ab. Ebenso schlechte

Gewährsleute aber sind die späteren christlichen Schriftsteller, die

dem Heidentum feindselig gegenüberstehen, denen alles Verständniss

abgeht und die gerne absichtlich verschweigen. Da wir aber fast allein

auf solche Zeugen angewiesen sind, denen der Geist germanischer

Religion und Mythologie durchaus fremd und unverständlich ist, die es

nicht einmal mit Angabe der Thatsachen genau nehmen, so ist unsere

Kenntniss leider sehr beschränkt und unzuverlässig. Stets muss man

auf genaue Prüfung der einzelnen Zeugen bedacht sein, um darnach die

ihren Mitteilungen zu Grunde liegenden wirklichen Thatsachen möglichst

unverfälscht heraus zu schälen. Solche Kritik ist übrigens ebenso der

unmittelbaren Überlieferung gegenüber von Nöten, besonders wenn es sich

um Verallgemeinerung handelt.

3. Deutsch-englische Quellen.

Von antiken Autoren äussern sich über die germanische Religion +Caesar+

(_Bell. gall._ 6, 21), +Plutarch+ (_Vita Caesaris_ c. 19), +Appian+

(_Roman. hist._ 1, 4, 3), +Strabo+ (_Geographicorum_ lib. 7, 2),

+Plinius+ (in den verlorenen _Bellis Germaniae_), +Tacitus+ (_Germ._

9, 39, 40, 43; _Ann._ I, 51; II, 12; XIII, 55, 57; _Hist._ IV, 14, 22,

61, 65, 73; V, 22 ff.), +Sueton+ (_Vitellius_ c. 14, _Domitian_ c. 16),

+Sozomenus+ (_Hist. eccl._ 6, 37), +Claudianus+ (_Consul. Stilichonis_

1, 288; _Bell. get._ 528, 542), +Orosius+ (_Hist._ 5, 16), +Ammianus

Marcellinus+ (_Hist._ 14, 9; 25, 5, 17), +Agathias+ (2, 6; 28, 5),

+Procopius+ (_Bell. got._ 2, 4 ff.; 15, 25).

Aus der heidnischen Zeit, da die Germanen im Verkehr mit den Römern

standen, bieten sich auch einige wenige unmittelbare Denkmäler.

Germanische Söldner im römischen Heerdienst ahmten die Sitte der

_Weihsteine mit Inschriften_ ihren römischen Kameraden nach. Sie

errichteten ihren heimischen Göttern Altäre, oft sogar mit Bildern

geschmückt. Meist wurde die interpretatio romana angewandt, aber durch

Zusatz eines germanischen Beiwortes die deutsche Gottheit bezeichnet

z. B. Mars Thingsus, Hercules Magusanus; manchmal stand der deutsche

Name allein, wobei aber die Skulptur die interpretatio romana zum

Ausdruck bringen konnte, z. B. Nehalennia (mit Isisbildern), Hludana,

Deus Requalivahanus. Die Altäre sind bis zum letzten Meisselstich

römische Arbeit, die Bilder gehören dem Gedankenkreise der römischen

Mythologie an. Man darf sie nicht auf germanische Mythen auslegen. Der

Gewinn, den uns die germanischen Weihaltäre gewähren, ist sehr gering.

Die Schlussfolgerungen sind ganz unsicher, mehr nur ein glückliches

Raten. Denn der einzige Anhaltspunkt bleibt stets das mutmaassliche

germanische Wort. Aber dessen Sinn ist allein mit Hilfe der

Etymologie zu bestimmen, und wenn auch die Etymologie mit annähernder

Sicherheit erschlossen ist, so bleiben doch immer noch viele Zweifel,

welche Bedeutung der Name oder Beiname für die Mythologie hat. So

ist allerdings im Hercules Magusanus der starke Donar unschwer

erkennbar, aber die Formel Mars Thingsus bleibt unerklärt, obschon

die Etymologie von Thingsus keine Schwierigkeit macht. Nehalennia,

Hludana, Requalivahanus lassen mit Aufwand grosser Gelehrsamkeit die

widersprechendsten Auslegungen zu.

In lateinischer Sprache von christlichen Verfassern geschriebene

Werke kommen fürs spätere Heidentum der Westgermanen in Betracht.

Obenan stehen die _Lebensbeschreibungen der Bekehrer_, worin häufig

auf das besiegte Heidentum eingegangen wird. Die _Vita Columbani_ und

die _Vita St. Galli_ wissen Einiges von den heidnischen Bräuchen der

Alemannen. Die _Vita Bonifatii_ und die _Bonifatiusbriefe_ geben über

Mitteldeutschland und Friesland Aufschluss. Von Friesland erzählen die

_Vita Liudgeri_ und die _Vita Willehadi_. Die heidnischen Zustände

der nordischen Völker berührt mehrfach die _Vita Anskarii_. Über

die Skandinavier berichtet _Adam von Bremen_. Die angelsächsische

Bekehrung schildert des Bäda _Historia ecclesiastica_. Reichhaltig,

da sie fortwährend Heidnisches bekämpfen, sind die _kirchlichen

Gesetze, Bussordnungen, Concilsbeschlüsse, Papstbriefe, Predigten,

Taufgelöbnisse_ u. drgl. Sie sind zwar oft nach einem allgemeinen

Schema entworfen und dürfen nicht in allen Einzelheiten fürs

germanische Heidentum in Anspruch genommen werden. Aber sie sind

andererseits auch häufig gerade im Hinblick auf ein bestimmtes Land

und mit Einfügung der landesüblichen Ausdrücke abgefasst. So die

_Sächsische Abschwörungsformel_, die Wodan, Donar und Saxnot nennt,

und das alte Verzeichniss sächsischen Aberglaubens (_Indiculus

superstitionum et paganiarum_), welche aus der Zeit der Sachsenmission

stammen. Hefeles _Konciliengeschichte_, Wasserschlebens _Bussordnungen

der abendländischen Kirche_, Cruels _Geschichte der deutschen Predigt_

gewähren einen guten Überblick über das, was aus solchen Akten für die

Mythologie zu lernen ist.

Die _Geschichtschreiber der germanischen Stämme_ kommen, wo sie von

der Urzeit berichten, häufig auf Mythen zu sprechen; so Jordanes in

der _gotischen Geschichte_, Gregor von Tours in der _fränkischen_,

Paulus Diaconus in der _langobardischen_, Bäda in der _englischen_,

Widukind in der _sächsischen_, Dietmar von Merseburg in seiner

_Chronik_ und andere mehr. Am ergiebigsten sind auch hier die

_nordischen Geschichtsquellen_. Wie die kirchlichen, so haben auch die

_weltlichen Rechtsquellen_ oft Veranlassung, heidnische Zustände zu

erwähnen. So Karls des Grossen _Capitulatio de partibus Saxoniae_ und

viele _angelsächsische Gesetze_. Viele _Orts- und Personennamen_ sind

mit mythischen Bestandteilen gebildet, z. B. mit Wodan, Donar, Fro,

Ans, Alb u. ä. zusammengesetzt, und verstatten dadurch einen Schluss

auf den Vorstellungskreis, dem sie entstammen. _Wochentagsnamen_ und

_Pflanzennamen_ gehören ebenfalls hierher. Die _ältere Sprache_, die

namentlich in den ahd. Glossen uns aufbewahrt ist, in Einzelheiten

auch die Sprache der erst in der christlichen Zeit abgefassten

epischen Gedichte, z. B. der altsächsische Heliand und die zahlreichen

angelsächsischen Stabreimgedichte, enthalten viele Ausdrücke aus

dem Heidentum. Manche Vorstellungen, z. B. die der Schicksalsfrau

Wurd, Bezeichnungen von Göttern und Geistern, viele Thatsachen des

Götterdienstes, des Priester-, Opfer- und Tempelwesens werden mit

Hilfe der Sprache als gemeingermanisch erwiesen. In den ältesten,

dem Heidentum zunächst stehenden Denkmälern halten sich viele uralte

Ausdrücke, deren echter heidnischer Begriff so gut als möglich ins

Christliche umgesetzt ist, die später grossenteils verschwanden.

Die unmittelbare Überlieferung in deutscher Sprache ist sehr dürftig

und auch nicht vollkommen verständlich. Die _Runeninschrift auf der

Nordendorfer Spange_ ruft Wodan und Donar zu irgend einer Weihhandlung

an. Am meisten bieten immerhin die Zaubersprüche, in Deutschland die

beiden berühmten _Merseburger Sprüche_, in denen Götter und Göttinnen

genannt sind, ferner einige jüngere Sagen, in welchen heidnische und

christliche Bestandteile durch einander laufen[19]. Aus England bieten

sich mehrere ebenso wertvolle _Zauberformeln_ dar, die auf Woden, die

Erdgöttin und die Kampfjungfrauen Bezug nehmen. Die Auslegung dieser

rein heidnischen oder christlich-heidnischen Segen ist aber in vielen

Einzelheiten sehr unsicher. Lachmann, Müllenhoff, E.H. Meyer und

andere suchen die Heldensage in grösserem Umfang für die Göttersage

zu verwerten. Aber noch ist keine allseitig befriedigende Lösung der

Frage gefunden, wieviel und was die Mythologie, d. h. die Geschichte

der Göttersage und des Heidenglaubens, aus der Heldensage für sich in

Anspruch nehmen darf.

_Volkssage und Volksaberglaube des Mittelalters und der Neuzeit_

bilden eine wichtige Quelle für die Mythologie. Ihre Verwertung ist

aber mit bedeutenden Schwierigkeiten verknüpft. Zunächst muss das

Verhältniss zwischen höherer und niederer Mythologie richtig gestellt

werden. Hierauf muss die Volksüberlieferung für sich allein auf

ihre Verwendbarkeit sorgsam geprüft werden. Vieles, was wir nur aus

Volkssagen der Gegenwart wissen, _kann_ bereits germanisch-heidnisch

gewesen sein, aber nicht alles _muss_ aus der Urzeit herstammen. Die

Volksüberlieferung ist in ständigem Flusse begriffen, Neubildungen

und Entlehnungen sind an der Tagesordnung. Unsre nächste Aufgabe

geht dahin, zu bestimmen, welche niedere Mythologie im Heidentum

neben der höheren herlief. Sofern sie mit der altheidnischen in

den Grundzügen übereinstimmt, muss die spätere Volkssage ergänzend

herangezogen werden. Um festzustellen, wieviel alt und heidnisch

ist, dient wieder an erster Stelle die Sprache, welche lehrt, ob ein

Begriff gemeingermanisch ist. Ferner ist Gewicht darauf zu legen,

eine Sage oder Vorstellung in möglichst alten Quellen nachzuweisen.

Je näher die Überlieferung der heidnischen Zeit gerückt wird, desto

grösser ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie bereits im Heidentum

vorhanden war. Besonders wertvoll sind die Parallelen, welche sich

aus den altnordischen Quellen in reicher Fülle ergeben. Viele Sagen

erscheinen überhaupt mit dem nordischen Götterglauben gleichzeitig.

Begegnen sie, selbst in jüngerer Fassung, in Deutschland und England

wieder, so ist die Annahme gemeinsamer Herkunft aus dem Heidentum

erlaubt, zumal wenn die Sprache den Grundbegriff als urgermanisch

erweist. Gleichheit von Märchen und eigenartigen Sagen deutet zwar auf

Wanderung und Entlehnung, aber anders ist die Übereinstimmung typischer

und abergläubischer Vorstellungen wie der Seelengeister, Maren, Elbe

und Riesen zu beurteilen. Ältere Sammlungen zur Volkskunde sind des

Gervasius von Tilbury _otia imperialia_ um 1211, des Caesarius von

Heisterbach († 1240) _dialogus miraculorum_, des Hans Vintler _Blumen

der Tugend_[20] um 1411, die _Zimmerische Chronik_ 1566, die Werke des

Prätorius im 17. Jahrhundert, die _gestriegelte Rockenphilosophie_

1706. Die methodische Sammlung aus den älteren Aufzeichnungen und aus

der mündlichen Überlieferung der Gegenwart unternahmen die Brüder

Grimm in den _Kinder- und Hausmärchen_ 1812-14, in den _deutschen

Sagen_ 1816-18, J. Grimm im _Aberglauben_ (in der ersten Ausgabe der

Mythologie 1835; wiederholt im 3. Bande 1878 S. 401-508). An dem

in diesen Arbeiten gegebenen unübertrefflichen Muster erstand die

wissenschaftliche Sammlung und Sichtung der Volksüberlieferung, eine

Aufgabe, die jetzt von Vereinen besorgt wird[21].

4. Nordische Quellen.[22]

Der Wert der nordischen Überlieferung beruht vor allem darauf, dass

sie unmittelbar in heimischer Form geboten wird. Zwei Hauptströmungen

sind zu unterscheiden: die Nachrichten der Skalden, die teilweise dem

ausgehenden 9. und dem 10. Jahrhundert angehören, obschon sie erst am

Ende des 12. Jahrhunderts und im 13. Jahrhundert zur Niederschrift

kamen, und die Nachrichten der in Prosa verfassten Geschichtsquellen,

der _Sögur_. Aus letzteren gewinnen wir ein Bild des _Glaubens_, bei

den Skalden erfahren wir die _Sagen_. Religion und Mythologie sind aber

teilweise verschieden, die nordische Mythologie in ihrer Gesamtheit ist

nicht unmittelbar aus dem lebendigen Kult und Glauben des norwegischen

Volkes hervorgegangen. Die nordische Mythologie, die im Kreise der

Skalden, der höfischen Kunstdichter, entstand, enthält mehr fremde

Bestandteile, stellt die aus Deutschland zugewanderte Gestalt Odins

in den Mittelpunkt, während die Religion des nordischen Volkes die

altheimischen Götter nicht zurückdrängen lässt, Fremdes eher ablehnt.

Der Gegensatz des abenteuernden Wikings und des sesshaften Mannes,

des Edelings und des Bauern gelangt in der nordischen Mythologie und

Religion zum Ausdruck.

Handbuch der Germanischen Mythologie · 第 6 / 68 段