Mythologie frühestens dem 9. Jahrhundert, meistens sogar erst dem 10.
angehören, so darf die von den geschichtlichen Verhältnissen notwendig
verlangte Folgerung nicht ausser Acht bleiben. Die vorhergehenden
Jahrhunderte sind die der Wikingerzeit, da die Drachenschiffe
der Nordländer anfangs zu Heerung und Beute, später zu dauernder
Niederlassung die umliegenden Lande aufsuchten[14]. Nach Russland, an
die pommersche, friesische, fränkische Küste, nach England, Irland, den
Färöern, Island (von 874) liefen die Schiffe aus. Schon im Anfang des
7. Jahrhunderts ist von einem Seezug der Dänen nach Frankreich, von
einer Landung nordischer Schiffe auf Tory Island in Irland die Rede.
Aber es währte lange, bis die Fahrten regelmässiger und zahlreicher
wurden. Um 800 hatten die Wikinger-Einfälle in England und Irland
bereits bedrohlich zugenommen, 852 wurde eine förmliche Herrschaft
in Dublin aufgerichtet. Die Berührung mit fremden, christlichen, an
Kultur hochentwickelten Völkern musste zu wechselseitigen Einwirkungen
führen. Wol erschienen die Nordleute zuerst sengend und brennend und
verschwanden schnell wieder mit der gewonnenen Beute, aber es wurde
mitunter auch mit dem fremden Volke verhandelt. Entführte Frauen,
Kinder, die solchen Raubehen entsprangen, trugen zur Vermischung
der verschiedenartigsten Elemente bei. Nach erfolgter dauernder
Niederlassung ergaben sich engste Beziehungen zwischen den Einwohnern
und den Nordleuten. Mit den Stammlanden wurde der Verkehr lebhaft
unterhalten. So kam es, dass einzelne Nordleute lange vor der Bekehrung
der Heimatlande auswärts Christen wurden. Sie lernten christlichen
Brauch kennen, sie hörten und sahen viel Neues, ihr geistiges Leben
empfing mannigfache Anregung. Wie die Deutschen nach den Berührungen
mit den Römern, nach der Wanderungszeit anders geworden waren als
zuvor, so ist auch die nordische Kultur nach der Wikingerzeit eine
neue, und aus der neuen Zeit heraus empfängt die nordische Mythologie
ihre Erklärung. Längst war die Ähnlichkeit antiker und christlicher
Sagen und Vorstellungen mit einzelnen Zügen nordischer Mythologie
erkannt, aber nicht erklärt worden. Der norwegische Altertumsforscher
+Sofus Bugge+ begründete in seinen _Studien über die Entstehung der
nordischen Götter- und Heldensagen_ 1889 eine neue sachlich und
geschichtlich durchaus gerechtfertigte Auffassung dieser Thatsachen,
fand aber mehr Widerspruch als Anerkennung. In Deutschland that sich
Müllenhoff mit groben, polternden Ausfällen gegen die historische
Erklärung hervor. Die Gegner warfen sich auf zweifelhafte Einzelheiten,
auf die freilich arg willkürlichen und anfechtbaren Etymologien, um
dadurch die ganze Lehre zu stürzen. Die Aufmerksamkeit wurde von der
Hauptsache abgelenkt. Nachdem der Streit ruhiger geworden, erheben sich
immer mehr schüchterne und kühnere Zustimmungen. Die einleuchtende
Wahrheit von Bugges Grundgedanken ist einmal nicht wegzuleugnen.
Die Frage dreht sich eigentlich gar nimmer ernstlich darum, ob die
nordische Mythologie überhaupt fremde Bestandteile aufnahm, sondern
nur, wie viele und auf welche Art. Die Baldrsage, Odin am Galgen, den
Weltbaum, diese Mythenkreise erklärt Bugge entstanden unter Einwirkung
antiker und christlicher Vorstellungen, welche die nordischen Wikinger
in England und Irland kennen lernten. Die Mythologie der nordischen
Skalden ist ein Erzeugniss der Wikingerzeit; es kann daher nicht Wunder
nehmen, wenn die vielen fremden Strömungen, denen damals die Nordleute
unterworfen waren, auch in ihren Sagen sich abspiegeln. Einen kräftigen
Stoss gegen Bugge gedachte der Isländer Finnur Jónsson im _arkiv for
nordisk filologi_ 6, 121 ff.; 9, 1 ff. zu thun. In seiner _oldnorske og
oldislandske litteraturs historie_ führt er den Gedanken weiter aus.
Jiriczek berichtete in der _Beilage zur allgemeinen Zeitung_ 1894 Nr.
79 in gedrängter Kürze darüber. Solange man den Götterliedern der Edda
ein unmöglich hohes Alter zuschrieb, solange die kulturgeschichtliche
Bedeutung der Wikingerzeit noch nicht erkannt und gewürdigt war, lag
die Annahme fremder Bestandteile in der nordischen Mythologie völlig
fern. Jetzt aber fallen diese Lieder nach dem einstimmigen Urteil der
Kenner in eine Zeit, in welcher Einwirkungen aus England und Irland
sehr wahrscheinlich sind. Aber neben den Eddaliedern besitzen wir die
eigentlichen Skaldenlieder. Bragi, der älteste norwegische Skald,
dichtete vor 840, die Skalden König Haralds zum Teil vor 875. Die
unter ihrem Namen überlieferten Preislieder auf Könige und Fürsten
setzen dieselbe Mythologie voraus, der wir in der Edda begegnen.
Die Skaldengedichte sind teils unmittelbar mythischen Inhalts. Die
Skalden beschreiben Schilde, die sie zum Geschenk erhielten, auf denen
Mythen abgebildet waren, oder sie bedienen sich der höchst künstlichen
Bildersprache, deren ewige schwierige Anspielungen genauste Kenntniss
der Mythen beim Hörerkreise, also wenn auch nicht beim Volke, so doch
bei den Königsleuten, bei der höfischen Gesellschaft voraussetzen.
Nun sagt Finnur Jónsson, die Wikingerzüge seien in der ersten Hälfte
des 9. Jahrhunderts nur Sommerstreifzüge gewesen, überwintert wurde
in Irland erst 835, in England 851. Gegenseitige Einwirkungen der
Nordleute, Iren und Angelsachsen seien doch erst infolge längeren
freundlichen Verkehres möglich. Da nun in Bragis Gedichten in der
ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts die nordische Mythologie vorliegt,
so kann sie nicht unter westlichen Einflüssen stehen, sondern
sie muss sich in Norwegen selber unberührt von der Wikingerzeit
entwickelt haben. Der Hypothese Bugges ist der Boden entzogen, die
Übereinstimmungen nordischer Mythen mit antiken und christlichen
Vorstellungen dürfen nicht in seinem Sinne als Entlehnungen erklärt
werden. Finnur Jónsson hat mit Recht die geschichtliche Vorfrage
beleuchtet, die vor allem beleuchtet werden muss. Das Vergleichen
der Überlieferung selber führt zu keiner sicheren Entscheidung, wenn
nicht zuvor erwiesen ist, ob fremde Einflüsse überhaupt möglich waren
oder nicht. War die nordische Mythologie, die wir aus den Eddaliedern
des 10. Jahrhunderts kennen, bereits im 9. Jahrhundert, ja schon um
800 vorhanden, geht sie ursprünglich allein aus Norwegen hervor, dann
ist allerdings englisch-irischer Einfluss weniger wahrscheinlich,
immerhin aber nicht ganz ausgeschlossen. Schon im 7./8. Jahrhundert
holten sich die Nordleute die Nibelungensage und den Wodanglauben
aus Deutschland. Beginnen auch erst am Ende des 8. Jahrhunderts
Westfahrten in grösserem Maassstabe, so sind doch einzelne Züge weit
älter. In seinem _bidrag til den ældste skaldedigtnings historie_ 1894
widmete Bugge der Sache eingehende Untersuchung. Unter Hinweis auf
mehrere Abhandlungen Zimmers, welcher nordische Einflüsse im Irischen
aufdeckte, erklärt Bugge die Behauptung, vor 840 sei keine Einwirkung
aus dem Westen auf Norwegen möglich, für hinfällig. Schon die erste
Hälfte des 9. Jahrhunderts kann sehr wol die nordische Mythologie
der Skalden gezeitigt haben. Aber weit schwerer wiegt der Umstand,
dass die dem Skald Bragi zugeschriebenen und daher ins 9. Jahrhundert
verlegten Strophen erst in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts und
vermutlich auf den westlichen Inseln gedichtet wurden. Also wird die
nordische Mythologie durch überlieferte Denkmäler gar nicht für den
Anfang des 9. Jahrhunderts, sondern frühestens fürs Ende erwiesen. Die
Skaldendichtung entstand unter Einwirkung einer reichen Kulturströmung
aus England und Irland. Sie ist in Wirklichkeit nicht älter als die
Eddadichtung, mithin kann sie so wenig wie diese ohne Rücksicht auf
die Zustände der Wikingerzeit beurteilt werden. Finnur Jónsson sucht
die Entstehung der Eddalieder und älteren Skaldengedichte möglichst
nach Norwegen zu verlegen, weil die norwegische Urheimat weniger den
Verdacht fremder Einflüsse aufkommen lässt. Gudbrand Vigfusson hatte
den Gedanken hingeworfen, viele dieser Gedichte seien in den nordischen
Neusiedelungen auf den Inseln des Westmeeres verfasst worden. Diese
Behauptung wurde freilich stark angefochten. Jedoch dürfte sich
immerhin westlicher Ursprung und damit höchste Wahrscheinlichkeit der
Entlehnung fremder Züge für dieses oder jenes Gedicht noch nachweisen
lassen. Bugges Gründe sind sehr zahlreich, sachlich und formal. Alle
halten zwar nicht Stand, aber doch genug, um die blosse Behauptung
und den unbedingten Glauben der Gegner, dass die unter dem Namen der
ältesten Skalden laufenden Gedichte wirklich von ihnen herstammen,
stark zu erschüttern. Die Frage nach der Ächtheit der Asalehre ist
somit in ein neues Stadium gerückt, indem die Berechtigung ihrer
Aufstellung überhaupt bestritten wird. Aber auch hier wird der
Bescheid schliesslich günstig ausfallen, obschon sich noch manche
neue Anfechtung erheben wird. Der poetische Wert, die erhabene Grösse
der nordischen Mythologie erleidet nicht die geringste Einbusse mit
dem Nachweis, dass sie weder urnordisch noch urgermanisch, vielmehr
norwegisch ist, ein Erzeugniss der Wikingerzeit, erwachsen unter
fremden Einflüssen, vielfach durch antike und christliche Vorbilder
angeregt, aber erfüllt von nordischem Geist, als Ganzes eine echt
nordische Schöpfung. Die nordische Mythologie ist der krönende
Abschluss der Entwicklungsgeschichte germanischer Mythologie.
In meinem Handbuch habe ich die Skaldengedichte, wo es nötig erschien,
neben den Eddaliedern angeführt und zwar nach dem Zeitansatz der
Litteraturgeschichten Mogks und Finnur Jónssons. Ich wagte nicht, die
neuen Ansätze Bugges für Bragi und Thjodolf aufzunehmen. Noch wäre
es verfrüht, auch muss die ganze ältere Skaldendichtung sorgfältig
daraufhin durchgearbeitet werden. Aber es sei ein für allemal hier
bemerkt, dass wir trotz den scheinbar alten Zeugnissen die Mythologie
der Skalden schwerlich auf 800, vielmehr auf etwa 900 anzusetzen haben.
* * * * *
Eine selbständige Weiterführung der Lehre Bugges bieten +E. H.
Meyers+ Schriften _Völuspá_ 1889 und _Die eddische Kosmogonie_ 1891.
Aus reicher Belesenheit in theologischen Schriften des Mittelalters
zählt Meyer viele ähnliche Züge der christlichen und nordischen
Mythologie auf. Mancher trifft zu, mancher ist gesucht; von neuem
tritt die Thatsache durchgreifender Übereinstimmungen zu Tage. Die
zwei Hauptfragen, die Entstehungszeit der nordischen Mythologie
und die unmittelbaren Vorlagen, aus denen die fremden Bestandteile
übernommen wurden, Fragen, über die volle Gewissheit nie zu erhoffen
ist, sucht Meyer bestimmt zu beantworten. Ein isländischer Theolog,
der Gelehrte Sämund († 1133), verfasste die Vǫlospǫ́, die inhaltlich
überhaupt kein heidnisches, sondern ein rein christliches Werk sei.
Ein beliebtes Thema jener Zeit, die Dichtung von der Weltschöpfung,
vom Sündenfall, von der Erlösung und vom jüngsten Gericht ward in die
nordische Gedankenwelt umgesetzt. Die nordischen Götternamen spielen
darin eine ähnliche Rolle, wie die antiken bei den christlichen
Dichtern des Mittelalters, die in lateinischer Sprache und mit antikem
mythologischem Aufputz Abschnitte aus der Heilsgeschichte vortrugen.
Snorri führte dann etwa hundert Jahre später Sämunds Arbeit in seiner
Edda vollends aus. Der eigentliche Inhalt der Vǫlospǫ́ gehört also gar
nicht der nordischen Mythologie an. Die isländische Litteratur- und
Kulturgeschichte, ebenso allgemeine Erwägungen sprechen entschieden
gegen diese Auffassung. Der Inhalt der Vǫlospǫ́ ist nordische
Mythologie des 10. Jhs.; wir haben es mit einer Dichtung des
ausgehenden Heidentums zu thun unbeschadet der fremden Elemente.
Gegen Bugge ist des Schweden +V. Rydbergs+ geistvolles Buch
_„undersökningar i germanisk mythologi“_, 2 Bde. Stockholm 1886/9,
gerichtet. Zwar finden sich manche brauchbare Einfälle, aber im
Grundgedanken ist das Buch vollkommen verfehlt, indem es noch einmal
die wissenschaftlich überwundene vergleichende Mythologie in der
kühnsten Weise aufleben lässt. Die Edda wird frischweg mit dem
Veda, der Veda mit der Edda verglichen, beide auseinander ergänzt,
berichtigt, kombiniert und aus einer unmöglichen und unglaublichen
Urquelle geleitet. Wie die Edda oder der Veda samt der darin
enthaltenen Mythologie je für sich entstand, diese erste und wichtigste
Frage verschwindet völlig beim luftigen Brückenbau, den der dichterisch
hochbegabte Verfasser ohne Bedenken zwischen beiden herstellt.
10. Die neuesten Darstellungen germanischer Mythologie.
Auf Grund der aufgezählten Werke wurden neuerdings zusammenfassende
Darstellungen der germanischen Mythologie im grösseren Maassstab
unternommen von +E. H. Meyer+ (_Germanische Mythologie_ 1891) und
+Mogk+ (_im Grundriss der germanischen Philologie_ 1, 982 ff.).
Wir erhalten daraus einen Überblick, wie sich die germanische
Mythologie im Lichte der heute geltenden Anschauungen ausnimmt.
Meyer teilt nach seinen Grundsätzen die mythologische Überlieferung
in Seelen- und Marenglauben, endlich in den Dämonenglauben ein,
woraus er die Götter hervorgehen lässt. Die Eddamythologie musste
er als theologische Dichtung ausschliessen. Bei den Dämonen drängt
sich noch zu sehr die meteorische Deutung hervor. Aber trotz
solchen tief eingreifenden Irrtümern ist seine Mythologie eine
hochbedeutende Leistung. Mit bewundernswertem Fleisse ist das gesamte
wissenschaftliche Material bis in die entlegensten Einzelheiten
herangezogen und verzeichnet. Sein Buch ist eine wahre Fundgrube und
leistet neben der Mythologie J. Grimms, deren vierte Ausgabe mit
dem Nachtragsbande wir ja ebenfalls Meyer verdanken, dem Mythologen
die wichtigsten Dienste. Bei Mogk ist der klare, vorsichtige Aufbau
zu rühmen. Auch er beginnt mit der niederen Mythologie, sucht aber
kein unmittelbares Abhängigkeitsverhältniss zwischen ihr und dem
Götterglauben herzustellen. Hauptgewicht liegt auf der Quellenkritik,
die vor übereilten Behauptungen und vorschnellen Deutungen bewahrt.
Entlehnung wird in gewissen Grenzen zugegeben. +Kauffmanns+ kleine
deutsche Mythologie (_Sammlung Göschen_ Nr. 15) 1. Auflage 1890, 2.
Auflage 1893 schliesst die niedere Mythologie völlig aus und strebt
nur eine Übersicht über das an, was die alten Quellen unmittelbar vom
Götterglauben berichten. Die germanischen Götternamen der römischen
Inschriften werden nach Gebühr berücksichtigt. Die Baldrsage erklärt
Kauffmann euhemeristisch, Sagenhelden seien zu Göttern erhoben worden.
Ein grosser Waldesgott der Germanen wird aus Namenetymologien, aus
Widar, Hönir, Wali, Mitothin, Heimdall, Requalivahanus erschlossen.
Aus jugendlicher Blödigkeit habe er sich plötzlich zu Heldenschaft,
zum erhabenen Richteramt erhoben, die verborgene Kraft bewährend, aus
dem Dunkel hervorleuchtend. +Mein eignes Büchlein+ _„Götterglaube
und Göttersagen der Germanen“_ Dresden 1894 verhält sich zu diesem
Handbuche wie ein Entwurf zur Ausführung, die aber zugleich auch vieles
zu berichtigen hat.
11. Das Ziel des vorliegenden Handbuches.
Hiermit erübrigt noch die Bestimmung der Ziele des gegenwärtigen
Handbuchs. Mythologie ist eigentlich nur Göttersage, ein Handbuch
der Mythologie hat demnach möglichst vollständig und übersichtlich
die Göttersage darzustellen, wobei zwei Hauptpunkte in Betracht
kommen: richtige Auslegung und wenn nötig Ergänzung der mangelhaften
Überlieferung, richtige Anordnung des also gewonnenen Stoffes, womit
Fragen über Ursprung, Alter, gegenseitiges Verhältniss verschiedener
Berichte erledigt werden. Es wird Vorführung der erhaltenen oder
erschlossenen Göttersage nach ihrer Entwicklungsgeschichte angestrebt,
aber Mythendeutung, überhaupt Hinausgreifen über die Zeit der Denkmäler
möglichst vermieden. Wir müssen uns zunächst in den Grenzen unsrer
thatsächlichen Kenntnisse zurechtfinden, ehe wir mit haltlosen
Vermutungen darüber hinausschweifen.
„Unter Mythologie verstehen wir die Summe der Bilder und Dichtungen,
in denen ein Volk seine religiös-poetischen Anschauungen von der
es umgebenden Natur und den in ihr wirkenden Kräften, die es als
persönliche Wesen auffasste, ausgeprägt hat; wir verstehen darunter
auch die Wissenschaft, die bestrebt ist, den Gehalt, Gang und Umfang
der in diesen Dichtungen enthaltenen, inneren geistigen Entwicklung
darzulegen und deren Aufgabe daher notwendig eine historische ist.“[15]
Diese Begriffsbestimmung sieht vom niederen Volksglauben ab, sie
betrifft hauptsächlich die Helden-und Göttersage, allenfalls noch die
Naturdämonen, die wichtigen Seelengeister schliesst sie aus. Zu den
religiös-poetischen Anschauungen von der umgebenden Natur ergänzt E.
H. Meyer mit Recht die aus Vorgängen des Menschenlebens entstandenen
Vorstellungen des niederen Volksglaubens.
Es wird überhaupt rätlich sein, die Begriffe _Mythologie und Religion,
Sage und Glauben_ aus einander zu halten.[16] Ein Handbuch der
Mythologie muss auch die Religion enthalten, denn meistens erwächst
doch die Sage aus dem Glauben. Mit dem Glauben ist der Kult unlöslich
verknüpft. Wer an Geister und Götter glaubt, wird ihnen auch mit Opfer
und Gebet dienen, um ihren Grimm zu sühnen, ihre hilfreiche Gunst zu
gewinnen. Häufige Irrtümer scheinen daraus entstanden zu sein, dass
Religion und Mythologie nicht scharf aus einander gehalten wurden.
Die Geister und Götter, an die man glaubt, können zum Teil aus dem
psychologischen Leben des Menschen und aus den Einwirkungen der Natur
erklärt werden. Aber die _Sage_, die _Mythologie_ ist bereits eine
weitere, höhere Stufe. Die Mythologie erwächst nicht unmittelbar
aus poetischer Naturanschauung, die Naturerscheinungen setzten sich
nicht unmittelbar in dichterische Bilder und Gleichnisse um, deren
Reihenfolge zu einer fortschreitenden Handlung ward. Man darf einen
Mythus, eine Sage nicht ohne weiteres in Naturvorgänge auflösen wollen.
Zwischen den letzten Ursachen und der Mythologie liegt Glaube und Kult
inmitten. Die Religion mag allenfalls als das notwendige Ergebniss
unbewussten, unwillkürlichen Denkens gelten, in der Mythologie darf
die bewusste willkürliche, individuelle und subjective Dichtung nicht
unterschätzt werden. Die Mythologie ist das geistige Erzeugniss
der Priester und Dichter, eine Poesie, die sich auf den gegebenen
religiösen Thatsachen aufbaut. Manchmal mag ein Zusammenhang zwischen
den Ursachen des Glaubens und der Mythologie unverloren sein. Im
bewusst festgehaltenen Verein mit den Ursachen der Religion kann
eine Mythologie bleiben, z. B. die des Veda. Im allgemeinen aber
entschwindet das Verständniss der letzten Ursachen des Glaubens dem
Bewusstsein sehr bald, und dann fällt die Sage der freigestaltenden
Phantasie der Dichter anheim. Demnach scheint Mythendeutung nur dann
berechtigt, wenn sie zunächst auf Feststellung des religiösen Kernes
ausgeht und diesen allenfalls unter günstigen Umständen auslegt.
Gleicher Glaube setzt somit keineswegs gleiche, höchstens ähnliche
Sage voraus. Deutsche und Nordleute haben im Grunde einen ähnlichen,
im einzelnen vielleicht gleichen Glauben besessen, aber darum ist
die nordische Mythologie nicht mit der deutschen gleich, sie muss im
Zusammenhang mit nordischer Kultur und Dichtung beurteilt werden.
Aus dem Götterglauben erwächst die Göttersage, aus dem Volksaberglauben
die Volkssage. Hier liegen die Verhältnisse einfacher. Aus den
vielen Wendungen, die aus neuer und alter Zeit, aus Nord und Süd
vorliegen, tritt fast immer der Typus, die gemeinsame Grundlage der
überall besonders erzählten Sage, klar zu Tag, sein Zusammenhang mit
dem Volksaberglauben ist beinah überall ersichtlich. Diese Typen
und ihren abergläubischen Kern, also Volkssage und Volksglauben hat
unser Handbuch ebenfalls darzustellen, sofern ihr Vorhandensein im
Heidentum wahrscheinlich ist. Die Göttersage, die höhere Mythologie,
ist natürlich ebenso verwickelter und schwieriger als die Volkssage,
die niedere Mythologie, wie die Kunstdichtung mit andern Maassen zu
messen ist als die kunstlose Volksdichtung. In einem Fall sind die
Verhältnisse einfach und durchsichtig, im anderen entziehen sie sich
als individuelle Vorgänge der Dichterseele unsrem Blick. Dazu kommt
der Umstand, dass bereits die beiderseitigen Voraussetzungen, die
religiösen Thatsachen, im Götterglauben willkürlicher gestaltet und
höher entwickelt sind als im Volksglauben. Die Wissenschaft muss oft
Entsagung üben. Es ist besser und nützlicher, bei der Göttersage
einzuhalten, wo die Erklärung versagt, als eine Erklärung zu erzwingen.
Denn nur zu schnell verliert man Grund und Boden. Der Forschung wird
besser gedient, wenn die Lösung einer Frage nur so weit geführt wird,
als sie wahrscheinlich ist, wenn die Grenzen unseres Wissens, seis auch
nur vorläufig, nicht überschritten werden, als wenn man sich und andern
Ergebnisse vortäuscht, deren Haltlosigkeit bald genug erhellt.
Werden Glaube und Sage in eine förmliche Lehre gebracht, so entsteht
Theologie. Nur bei Vorherrschaft des Priestertums wird eine
dogmatische Lehre, die zugleich Eigentum eines besonderen Standes
bleibt, sich entfalten. Brahmanen und Druiden haben die Religion und
Mythologie ihrer Völker zur Theologie ausgebildet, bei den Germanen
geschah dieser Schritt nicht. Eine Götterlehre brachte das Heidentum
nicht hervor. Aber in andrer Weise fand die nordische Mythologie in der
ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts eine systematische Bearbeitung durch
Snorri Sturluson. Zwar leiten ihn nicht theologisch-dogmatische, wol
aber gelehrte Absichten, die auf ein einheitliches System hinauslaufen,
wonach die nordische Mythologie darzustellen sei. Allzulange hat der
geschichtlichen Erkenntniss nordischen Glaubens und nordischer Sage der
Umstand geschadet, dass man Snorris Auffassung nicht vom Stoffe selber
schied.
* * * * *
J. Grimms Deutsche Mythologie will den Glauben der Deutschen
wiederherstellen, wobei die nordische nur als Hilfswissenschaft dient,
Simrocks Handbuch der deutschen Mythologie nimmt den Inhalt der
nordischen Quellen einfach für Deutschland herüber. Die neueren Werke
von E. H. Meyer, Mogk, Kauffmann erweitern den Begriff deutsch zu
germanisch. So will auch dieses Handbuch verstanden sein. So gut als
möglich soll auf dem Hintergrund germanischer Glaubensvorstellungen
die deutsche und nordische Mythologie gleichermaassen zu ihrem Rechte
kommen, aber mit starker Betonung beiderseitiger Selbständigkeit. Wird
das Verhältniss zwischen germanisch, deutsch und nordisch auch nur
einigermaassen richtig erfasst, so ergibt sich von selber ein Einblick
in die Entwicklungsgeschichte im ersten Jahrtausend.
* * * * *
Urgermanisch, aus vorgermanischer Zeit stammend, ist nur ein kleiner
Teil religiöser Vorstellungen. So der Götterbegriff, Tiuȥ und eine
Schar von Lichtgöttern (_tîwôȥ_ an. _tívar_) um ihn. Seine Beinamen
mögen sich schon frühzeitig zu besondern Gestalten entwickelt haben,
wie z. B. Donar. Ausserdem ist der allgemeine, typische Grundstock der
niederen Religion und Mythologie gemeingermanisch. Rituelle Formen,
Opferbräuche, Besprechungen u. drgl.;machten den Kultus aus. Im übrigen
aber löst sich die germanische Mythologie in eine grosse Anzahl von
örtlichen Kulten auf, die mehr oder weniger Ausbreitung und Lebensdauer
gewannen. Am kräftigsten gedieh der istväische Wodansdienst. Die
Eigenart der germanischen Stämme und Völker zeigt sich auch darin, wie
sie einigen wenigen gemeinsamen Typen besondere Gestalt und Bildung
verliehen.
Man darf die mythologische Überlieferung nicht aus den örtlichen
und zeitlichen Verhältnissen, worin sie uns entgegentritt, loslösen
und verallgemeinern. Diesen Satz sprach Müllenhoff aus, und doch
verstiess er selber dagegen, wenn er aus den verschiedensten örtlich
und zeitlich bestimmten Mythen Schlüsse zog, die an Kühnheit denen der
vergleichenden Mythologen nicht nachstanden, nur dass sie mühsamer und
mit Aufwand grosser Gelehrsamkeit gewonnen waren. Hält man wirklich
daran fest, so ergibt sich von selber eine Entwicklungsgeschichte,
die jeder Zeit und jedem Stamme das Eigentum belässt, das gemeinsame
Uralte oder Entlehnte aber nur dort hervorhebt, wo es wirklich bezeugt
ist. Anders waren Glaube und Sage zur Zeit des Tacitus, anders zur
Zeit der Bekehrung, anders im Norden als im Süden, nie waren alle
diese verschiedenen Züge in einer urdeutschen, urnordischen oder gar
urgermanischen Mythologie vereinigt.
II. Die Quellen der Mythologie.
1. Die germanischen Stämme im Heidentum und zur Zeit der Bekehrung.
Unter dem Namen Germanen versteht man seit Caesar eine Reihe von
Völkerstämmen, die seit vorgeschichtlicher Zeit, nachweisbar seit dem
Zeitalter Alexanders des Grossen, in dem norddeutschen Tieflande,
zwischen der Weichsel und dem Rhein, auf den Inseln der Ostsee und im
südlichen Skandinavien ansässig waren. Durch gemeinsame körperliche
und geistige Eigenschaften, durch Spracheinheit und durch die gleiche
Grundlage ihres politisch-wirtschaftlichen und sittlich-religiösen
Lebens heben sich die Germanen deutlich von allen andern Völkern
als eine eigentümliche Volkseinheit ab. Die Germanen zählen zum
indogermanischen Volksstamm, dessen Ursitze die heutige Wissenschaft,
sofern überhaupt noch die Lehre von der Wanderung gilt, an den
mittleren Lauf der Wolga verlegt. Die Westindogermanen breiteten
sich westwärts aus in das Mündungsgebiet des Dnjepr, Dnjestr und
der Donau, in die waldbedeckte Tiefebene, welche durchs Schwarze
Meer im Osten, den Balkan im Süden, die transsylvanischen Alpen im
Nordwesten, die Karpathen im Norden, umgrenzt ist. Die Indogermanen
waren schweifende Hirten mit niedriger Kultur und wenig entwickelten
Götterbegriffen. Die Westindogermanen wurden zu sesshaften, Ackerbau
treibenden Viehzüchtern. Aus der europäischen Urheimat gelangten die
Griechen über den Balkan, die Italer der Save, die Kelten der Donau
entlang in ihre späteren Sitze, Slaven und Germanen rückten nordöstlich
der Karpathen den Dnjepr und Dnjestr aufwärts in ihre nördlichen,
zum Teil bis heute behaupteten Länder. Die Germanen waren zur Zeit,
da die Geschichte zuerst ihrer gedenkt, im Osten von den Slaven und
Balten, im Norden Skandinaviens von den Finnen, im Westen und Süden
von den Kelten, welche bis zum 3. Jahrh. vor Chr. das deutsche
Mittelgebirge inne hatten, umgeben. Sie zerfallen in die West-, Ost-
und Nordgermanen, aus denen die spätern deutschen und englischen, die
gotischen und wandalischen, die nordischen (schwedischen, dänischen
und norwegischen) Völker hervorgingen. Zur Zeit der ersten Römerkriege
scheinen unter den Westgermanen drei grosse Kultgenossenschaften mit
gemeinsamem Heiligtum und gemeinschaftlicher Stammsage bestanden
zu haben, die Ingwaeonen an der Nordsee mit dem Nerthustempel, die
Istwaeonen am Rhein mit dem Tamfanatempel und späteren Wodankult,
die Erminonen im Binnenland mit dem Haine des allwaltenden Tiuȥ. Die
zahlreichen Stämme können hier nicht aufgezählt, ebensowenig kann ihre
spätere Entfaltung zu den grösseren Bünden der Franken und Alamannen
geschildert werden. Die Geschichte der Germanen im Westen und Süden
wird bestimmt durch das Zurückweichen der Kelten und das Vordringen
der Römer. Die Germanen breiteten sich nach Süden Rheinaufwärts und
zur Donau hin aus. Die Ostgermanen verliessen in der zweiten Hälfte
des 2. Jahrhunderts nach Chr. ihre Sitze zwischen Oder und Weichsel
und wanderten wieder südwärts zum Schwarzen Meer, wo von 214 ab ihre
Kämpfe mit Ostrom anheben. Von ihrem Heidentum ist wenig bekannt, denn
die römischen Geschichtschreiber des 1. Jahrhunderts wissen mehr von
den ihnen naheliegenden Westgermanen als von den fernen Ostgermanen.
Und als die Goten am Schwarzen Meere auftauchten, wandten sie sich bald
dem Christentum zu. Übers Heidentum der Westgermanen hören wir auch nur
vereinzelte gelegentliche Bemerkungen der antiken Geschichtschreiber,
später berichten christliche Quellen davon. Also kein unmittelbares,
unverfälschtes Zeugniss, keine selbständige zusammenhängende Mitteilung
steht zur Verfügung. Am besten sind wir immerhin vom Heidentum der
westlichen und nordwestlichen deutschen sowie der englischen Stämme
unterrichtet. Reichlich und unmittelbar fliesst die nordische,
norwegisch-isländische Überlieferung. Die Völkerwanderung, der
Untergang des römischen, der Aufgang des fränkischen Reiches bewirken
die Anordnung der deutschen Stämme, die in der Hauptsache noch heute
besteht. Um 500 rückten die Franken vom untern Rhein ins Maingebiet
und drängten die Alemannen südwärts bis zu den Vogesen und Alpen, zur
selben Zeit ergossen sich die Markomannen aus Böhmen, dem Laufe der
Donau folgend, über die Hochebene und tief in die Alpen hinein in
ihre neue Heimat, welche sie unter dem Namen Bajuwaren (Bewohner des
Landes Baja, d. i. Bojohemum, Böhmen) behaupteten. Vom Frankenreiche
gelangte das Christentum allmälig zu den übrigen Westgermanen und
wurde unter mehr oder weniger harten Kämpfen früher oder später, je
nachdem das einzelne Volk dem Frankenreiche unterworfen war oder
nicht, befestigt.[17] Das Reich der Merowinger erhub sich um 500 als
ein katholisch-christliches, wodurch der Untergang des germanischen
Heidentums in allen Reichslanden besiegelt war. In den südlichen
Ländern war ohnedem schon durch die Berührung mit Italien dem Übertritt
zum Christentum in zahlreichen Einzelfällen vorgearbeitet. Aber die
völlige Ausrottung des Heidentums ging nur sehr langsam von statten,
die niedere Mythologie ist sowieso dem Wechsel der priesterlichen und
staatlichen Religion verhältnissmässig wenig unterworfen, so dass die
altheidnischen Grundzüge, wenn schon vielfach vermehrt und verändert,
auch unter dem neuen Glauben bis zur Gegenwart sich erhielten oder sich
immer neu erzeugten.