_„niedere Mythologie“_, die einen früheren Zustand, eine embryonale
Entwicklungsform der späteren Götter- und Dämonenwelt festhalte,
möge die letztere auch in weit älteren geschichtlichen Zeugnissen
überliefert werden. Nicht also bloss Abschwächungen, Niederschläge
der in der Edda u. s. w. vorliegenden ausgebildeten Mythologie des
Heidentums, der Kunstschöpfungen der Dichter, treten uns hier entgegen,
wie +Grimm+ und +J. W. Wolf+ meinten, sondern vielmehr die Keime und
Grundlagen, aus denen die _„höhere Mythologie“_ sich entwickelte.
Wode und das wütende Heer dürfen nicht als verblasste Erinnerung
an Wodan und die Einherjer erklärt werden, sondern als der uralte
und unvergängliche Volksglaube, aus dem zur Zeit des germanischen
Heidentums Wodans Gestalt sich emporhub. Mit +Theodor Waitz+[7]
begründete Schwartz die _ethnographisch-anthropologische_ Betrachtung
von Sitte und Sage, die von +Bastian+[8], +Tylor+[9] u. A. auf Grund
eines umfangreichen Materiales weiter ausgedehnt wurde, und die
darauf ausgeht, an Thatsachen bei den verschiedensten Naturvölkern
den gleichmässigen Verlauf der ältesten Sitten-, Religions- und
Mythenbildung zu veranschaulichen. Sie führt zur Einsicht, dass fast
sämtliche Entwicklungsstufen und Lebensformen, die der geistige
Zustand der Menschheit, der Kulturvölker allmälig durchlaufen hat, in
den heutigen wilden Völkern der Erde noch lebende Vertreter zählen. Die
Beobachtung dieser wilden Völker gewährt ein Hilfsmittel, den Zustand
der civilisierten in seiner Ursprünglichkeit kennen zu lernen, viele
Überbleibsel der niederen Stufen leben in den höheren noch fort. So ist
auch der religiöse Glaube auf niederer Stufe bei den Indogermanen, ja
überhaupt bei allen Völkern ziemlich gleichartig. Er erzeugt sich auch
stets von neuem, da die Voraussetzungen, die kindliche unentwickelte
Vorstellung der Menschen und die Naturerscheinungen, immer dieselben
bleiben. Damit war eine völlige Verschiebung der Thatsachen erreicht.
Das Aufspüren alter Götter im Volksglauben wurde wesentlich beschränkt.
Nur durch zufällige und verhältnissmässig seltene Rückwirkung
konnten einzelne Züge aus der höheren in die niedere Mythologie
übergehen. Selbst die jüngste Volkssage konnte unter Umständen
dieselbe Keimbildung enthalten, aus der in Urzeiten irgend ein Mythus
sich entwickelt hatte. Weniger glücklich ist Schwartz mit seiner
Mythendeutung aus Wetter, Wind und Wolken. Allzu willkürlich wird die
Überlieferung zugestutzt, allzu einseitig und künstlich eine einzige
Entstehungsart behauptet.
+Kuhn+ aber liess sich vom Veda leiten, in welchem eine der
urindogermanischen sehr nahe stehende Mythologie enthalten zu sein
schien, die zugleich den Satz vom physikalischen Ursprung der Mythen
aufs beste bestätigte. In zahlreichen Abhandlungen der _Zeitschrift
für vergleichende Sprachforschung_, in der _Herabkunft des Feuers
und des Göttertranks_ 1859 wurde die Lehre von der vergleichenden
Mythologie begründet. Der Vedaforscher +Max Müller+ war neben Kuhn
am Ausbau der Hypothese beteiligt (vgl. _Oxford essays_). Die
vergleichende Mythologie überträgt die Ergebnisse der vergleichenden
Sprachwissenschaft aufs Gebiet des Götterglaubens und der Göttersage.
Möglichst viele griechische und indische Götternamen wurden
zusammengestellt und aus einer gemeinsamen indogermanischen Form
abgeleitet. Damit ergab sich eine erstaunlich reiche indogermanische
Sagenwelt, eine unwahrscheinlich hoch entwickelte geistige Kultur
des Urvolkes. Die mit grosser Zuversicht auftretende vergleichende
Mythologie hat mit völliger Entsagung geendet. Die Etymologien hielten
nicht Stich und damit schon fällt die eigentliche Grundlage. Bis auf
ganz vereinzelte Gleichungen, wie Dyaus-Zeus-Tiuȥ, deren sachliche
Berechtigung selbst noch bestritten wird, sind heute die meisten
Resultate der vergleichenden Mythologie ebenso verschollen wie die
von den Symbolikern dereinst unter den Hauptreligionen aufgestellten
Ähnlichkeiten. Die Methode der vergleichenden Sprachwissenschaft schien
die sicherste Gewähr zu bieten, aber die Hoffnung täuschte. Wenn die
Vedamythologie[10] nicht als reinster Vertreter der indogermanischen
gelten darf, wenn sie nicht die arische Theogonie ist, so kann ihr
Inhalt auch nichts für die andern indogermanischen Völker Bindendes
lehren. Die Vedamythen sind für sich allein aus ihrer eigenartigen
Umgebung heraus zu erklären. Aber Kuhn und M. Müller entnahmen aus dem
Veda eine allgemein giltige Mythendeutung. Die vedischen Mythen hängen
aufs engste mit Naturerscheinungen zusammen, ja sie scheinen geradewegs
aus der Naturanschauung hervorgegangen zu sein. Kuhn entwickelte die
eine Seite der Natursymbolik, das Gewitter; Müller die andere, die
Sonne vom Aufgang zum Niedergang. M. Müllers Sonnenlehre ist von
Müllenhoff auf Tiuȥ, Frija und die Alkîȥ angewandt worden. Im Abschnitt
über Tiuȥ ist sie auch in diesem Handbuch trotz mancher Zweifel
berücksichtigt.
Die Entstehung der Vedamythologie bezeichnet M. Müller so, dass blosse
Namen von Naturerscheinungen meteorischer Art allmälig verdunkelt,
personificiert und vergöttert worden seien. Der Satz: „der Himmel
regnet, donnert, blitzt“, endigt schliesslich mit dem Glauben an Zeus,
an einen persönlich gedachten Gott des lichten Himmels, in dessen
Hand die Elemente liegen. Die Sprache beruht auf Vergleichungen,
auf Bildern. Allmälig tritt die Metapher dem Bewusstsein zurück, so
entsteht eine Sage, kein blosser Vergleich. „Die Sonne folgt der
Morgenröte“ entwickelt den Mythus: der Sonnengott folgt liebend der
Morgenröte; es entsteht eine Werbungssage. „Die Sonne geht unter“
= der Sonnengott altert oder stirbt. „Aus dem Schoose der Nacht
enttaucht die Sonne“ = die Nacht gebiert ein strahlendes Kind. Die
poetische Sprache gibt oft zweien mit nur einer gleichen Eigenschaft
ausgestatteten Gegenständen die Bezeichnung, die ursprünglich nur
einem derselben zukam. Sie sagt z. B. Sonnenstrahlen sind wie Zügel,
Finger, Hände, roten Kühen gleichen die roten Wolken der Abend- und
Morgenröte. Später heisst es: sie sind es wirklich, und dann entsteht
der Mythus von Ross und Reiter, von der rosenfingrigen Eos, von den
Kühen, die der Dämon des Dunkels raubt, die aber morgens wieder
ausgetrieben werden. Müller räumt der Sprache einen grossen, aber auch
gesuchten Einfluss bei Schöpfung der Mythen zu. Die Götter des Lichts,
welche das Grauen der Nacht verscheuchen, sind die Beschützer und
Freunde des Menschen. Zu dieser Glaubensidee erhub sich bereits das
indogermanische Urvolk. Bei der Mythenbildung ist auch die sogenannte
„Hypostase“ von Belang, dass aus einer Urgestalt mehrere hervorgehen
als einzelne Verkörperungen ihrer Eigenschaften und Beinamen. Der
Himmel ist der helle (Zeus), der blitzende, donnernde, welche Namen und
Eigenschaften in vielen Mythologien die Vorstellung eines besonderen
Gewittergottes neben dem Lichtgott hervorriefen. So ergeben sich
zahllose Möglichkeiten von Mythendeutungen. Zwei Grundsätze wurden
von den Vertretern der vergleichenden Mythologie als unumstösslich
erwiesene Thatsachen betrachtet: dass die Hauptgöttergestalten und eine
Anzahl von Mythen in der Urzeit und Gemeinschaft des arischen Stammes
entstanden seien, dass die Mythen aus meteorischen Erscheinungen
hervorgingen. Der Grundgedanke der vedischen und damit indogermanischen
Mythologie ist ein Kampf der Lichtgötter mit den Dämonen der
Finsterniss, zwischen Tag und Nacht, Sonne und Gewitterwolke. Wenn
auch schwer bedrängt und fast besiegt ringt sich doch das Licht
immer wieder empor. Die allgemeine Anschauung von himmlischen
Lichtgöttern mag allerdings sehr wahrscheinlich als indogermanisch
gelten. +Mannhardt+, der eine Zeit lang ein eifriger Anhänger der
vergleichenden Schule war, unternahm es, in Einzeluntersuchungen
(_germanische Mythen_ 1858) und in zusammenhängender Betrachtung (_die
Götterwelt der deutschen und nordischen Völker_ 1860) die germanische
Mythologie von diesem Standpunkte aus zu bearbeiten. Sein Buch blieb
der einzige wissenschaftlich begründete Versuch, es rief keine neue
Bewegung hervor, es bildet im Gegentheil den Abschluss der eigentlich
vergleichenden Mythologie in ihrer Anwendung auf die germanische
Überlieferung. Man erkennt klar daraus, wie viel oder wie wenig mit
dieser Methode zu erreichen war.
6. Die Lehre vom Dämonenglauben.
+Wilhelm Mannhardt+[11], der aus einem einstigen Anhänger J.W.
Wolfs zur vergleichenden Schule übergetreten war, verleugnete
schliesslich auch diese und begründete eine selbständige Lehre, die
_Volksglauben und Volksbrauch_, namentlich soweit er mit dem Ackerbau
zusammenhängt, obenan stellt. Auf Grund umfassender Sammlungen, auf
Grund sorgsamer Erforschung alter und neuer Überlieferung bekennt er
sich zur Anschauung, dass Wald-, Feld- und Hausgeister der Einbildung
des Volkes zuerst lebendig wurden, dass diese Gestalten dem niedere
Volke auch stets lebendig blieben, gleichviel welche Mythen die
fortschreitende Kultur unter den höheren Kreisen zeitigte. Diese
im Kerne sich gleichbleibende Volksmythologie war der gemeinsame
Besitz der ungeteilten Indogermanen. Die Annahme einer ausgebildeten
indogermanischen Götter- und Heldensage gibt Mannhardt zuletzt fast
ganz auf. Nur einige wenige gemeinsame Götternamen und Vorstellungen
wie Dyaus-Zeus lässt er gelten.
Die Untersuchung der Wald- und Feldkulte zeigt, dass diese einen
gemeinsamen Grundstock von Anschauungen und darauf beruhenden
Gebräuchen enthalten, der sich bei allen europäischen Völkern
findet, welch verschiedene Religions- und Göttersysteme sie auch
haben mögen. Die Dämonen des Erntefeldes, des Waldes, des Baumes,
die „Vegetationsgeister“ machen die Grundvorstellung aus in den
Glaubensüberlieferungen der alten und neuen Kulturvölker Europas. Nur
wenig ist von dem Mythenkreis der Dichter und Priester, der wie der
Glaube der Gebildeten über dem der Ungebildeten, d. h. der geistig und
gesellschaftlich Niedrigeren sich erhebt, in diese Überlieferungen
eingedrungen. Am meisten noch hat das katholische Christentum sich mit
ihnen vermischt, sie teilweise umgeformt oder verhüllt.
Die modernen Volkssagen und Volksbräuche sind die unmittelbaren
Abkömmlinge jener urzeitlichen, wennschon auch viele spätere
Neubildungen oft erst aus der christlichen Zeit darunter begegnen.
Der Volksglaube wird zwar immer neu geboren, aber jedesmal auch
in veränderter Gestalt, den Verhältnissen angepasst. Aus dem
Volksglauben wachsen dann oft höhere Mythen hervor. So wird der
Sturmgeist Wode zum Gott der Helden und Dichter, zu Wodan. Besteht
einmal der Glaube an lichte, himmlische Götter, so mögen sie manche
Gestalt aus der Dämonenschar zu sich hinauf ziehen. Entkleidet man
einzelne Götter ihres herrlichen Aufputzes, so kommen wieder die
altbekannten Spukgestalten zum Vorschein. Im allgemeinen Gedanken
berührt sich also Mannhardt mit Schwartz, dass der Kunstmythus aus
dem Volksglauben und nicht umgekehrt dieser aus jenem hervorging.
Die Möglichkeit, dass beide unabhängig seit Alters neben einander
her liefen und nur zeitweilig auf einander einwirkten, wird nicht
erörtert. Im _Roggenwolf_ 1865 erklärt Mannhardt die Elementargeister
für Windgeister. Die Windfurchen im Korn waren die Spuren der in Tier-
und Menschengestalt hindurchlaufenden Geister. In den _Korndämonen_
denkt er daneben an Seelengeister. Im _Baumkult der Germanen_ 1875,
in den _antiken Wald- und Feldkulten_ 1877, in den _mythologischen
Forschungen_ wird dagegen die Pflanzenseele als Ursprung mythologischer
Vorstellungen hingestellt. Aus der Beobachtung des Wachstums in der
Pflanzenwelt habe der Mensch auf Wesensgleichheit geschlossen und
einen Pflanzengeist erdacht. Die Pflanzenseele entwickelte weiterhin
den Glauben an dämonische Wesen überhaupt. Mit seiner Mythenerklärung
irrt Mannhardt sicher; diese Gedankenreihe ist viel zu künstlich
und abstract. In seinen früheren Arbeiten stand er in diesem Punkte
der Wahrheit näher. Ferner erregt die Behauptung indogermanischer
Korndämonen Bedenken, da sie sehr entwickelten Ackerbau voraussetzt,
während wir die Indogermanen als ein schweifendes Hirtenvolk zu denken
haben.
Die vergleichende Schule zumal bei Kühn und Müller nahm die kunstvollen
Göttermythen zum Ausgang, deren Ursprung aus Wind und Wolken und
Himmelslicht abgelesen wurde. Schwartz hatte mit richtigem Gefühl
die Volkssage in den Vordergrund gestellt, blieb aber in der rein
meteorischen Auslegung befangen. Mit Mannhardt tritt immer mehr
der Volksglaube als die ursprüngliche Religion in den Mittelpunkt,
dem gegenüber zumal bei den Griechen der Götterglauben wie eine
künstlerisch stilisierte Neugestaltung desselben Grundgedankens
erscheint. +Elard Hugo Meyer+ baute diese Ansicht aus. Er nimmt
verschiedene Entwicklungsstufen der mythischen Gestalten an nach dem
Grundsatze, dass das menschliche Denkvermögen vom Einfachen bis zum
künstlerisch höher Ausgebildeten aufsteige.
Die erste Stufe des Volksglaubens ist die Vorstellung von
Seelengeistern, von Gespenstern. Der Geisterglaube wurzelt tief und
unausrottbar im Menschen, Vorgänge im Leben, Traum, Alpdruck, Tod
wirken zusammen, um überall bei wilden und gebildeten Völkern zumal
unter dem Eindruck der Furcht den ziemlich gleichmässig gestalteten
Geisterglauben hervorzurufen. Auf der zweiten Stufe stehen die
Naturdämonen. Die Natur wird beseelt, wo Leben und Bewegung herrschen,
im Gewitter, im Wind und Wolkenzug weben vielgestaltige Dämonen. Auf
erster Stufe enttauchen also die Geister unmittelbar aus dem Innern des
Menschen, auf zweiter Stufe tritt die Phantasie mehr in Thätigkeit.
Die physikalische Erklärung kommt wieder vollauf zur Geltung, nur
mit dem Fortschritt gegenüber der früheren Verwendung, dass nicht
einfach eine Verkörperung der Elemente stattfindet, sondern eine
Übertragung des bereits bestehenden Geisterglaubens in die bewegte
Natur. Das geheimnissvolle Leben und Weben, das der Mensch in der
Natur wahrnimmt, das mittelbaren und unmittelbaren Einfluss auf sein
Wol und Weh hat, wird dem Walten unsichtbarer Mächte zugeschrieben.
Und solche Wesen sind ja im Seelenglauben bereits vorhanden. Besonders
Windgeister wirken überall in Wald und Feld, in Wolken und Wassern.
Die Anthropologie hat einen fördersamen Beitrag zur Einsicht in
die Entstehung mythischer Gebilde geliefert mit dem Nachweis der
Seele und der Naturbeseelung, worin die gesamte niedere Mythologie
eigentlich beschlossen ist. Ihr Ursprung ist damit auch notwendig
überall aus der Wechselwirkung zwischen menschlicher Empfindung und
der Natur erfolgt. Bei den meteorischen Auslegungen verliert sich
Meyer freilich bald in die unwahrscheinlichen Künsteleien der älteren
Schule. Nur die allgemeine Grundlage eines Volksglaubens oder einer
Sage vermag die physikalische Deutung befriedigend nachzuweisen;
sobald Einzelheiten ausgelegt werden, verlieren wir festen Boden.
Vom niederen Dämonenglauben unterscheidet Meyer einen höheren,
den die höheren Stände aus dem gewöhnlichen Volksglauben dadurch
erschufen, dass sie geistige und sittliche Motive einwoben. Wir
treffen demnach hier nicht mehr auf Vorstellungen, die mit zwingender
Notwendigkeit aus überall gegebenen Voraussetzungen gleichmässig
erwuchsen, vielmehr auf wesentlich willkürlich erzeugte individuelle,
dichterische Schöpfungen. Der höhere Dämonenglauben, der noch unter
den ungetrennten Indogermanen im wesentlichen entstand, entfaltete
die dritte Stufe: Götter-und Heroenglauben. Aus derselben Grundlage
erwuchs unter der Pflege der Priester der Göttermythus, beim Adel
und beim weltlichen Sänger der Heldenmythus. Daher erklären sich
die längst erkannten Berührungspunkte zwischen der Göttersage
und den mythischen Bestandteilen der Heldensage, nicht aus einem
Abhängigkeitsverhältniss, das die Helden zu „Hypostasen“ von Göttern
macht, sondern aus beiderseitigem gemeinsamem Hintergrund. In den
_Indogermanischen Mythen_ 1883 und 1887 wird ein stark ausgeprägter
idg. Dämonenmythus angenommen, Sagen von Donner-und Blitzwesen,
vom Sturmdämon, von Wolkenfrauen. Ebenso in der _Germanischen
Mythologie_ 1891. Der Dreiklang der Lufterscheinung, Gewölk, Wind
und Gewitter, regt die Einbildungskraft zur Schöpfung bestimmter
typischer Gestalten an, welche dann bei den einzelnen indogermanischen
Völkern weiterhin zu Göttern und Helden individualisiert werden. Wie
Müllenhoff räumt also auch Meyer der Heldensage eine wichtige Stelle
in der mythologischen Überlieferung ein. Er erkennt aber, zumal in
der germanischen Mythologie, die kaum lösbare Schwierigkeit ihrer
Verwertung an. Weder auf die eine noch auf die andre Art ist je zu
hoffen, dass Einigung darüber erzielt werde, was aus der Heldensage
als mythisch auszuscheiden, wie es mit der übrigen mythologischen
Überlieferung zu verknüpfen sei. Bedenken erregt ferner die Art, wie
Meyer die einzelnen Götter aus den höheren Dämonen ableitet. Gewiss
bestehen Berührungen zwischen Göttern und Dämonen. Namentlich Wodan
ist aus der Gespensterschar zu den Himmlischen entrückt worden.
Aber einzelne Erscheinungen dürfen nicht verallgemeinert werden.
Die höhere Mythologie steht immer über der unvertilgbaren niederen,
Wechselwirkungen nach oben und unten sind unvermeidlich, aber der
Beweis, dass die höhere Mythologie in allen Teilen gleichsam organisch
aus der niederen hervorging, ist nicht erbracht.
Die mythologischen Deutungsversuche hefteten sich von jetzt ab
an die niedere Mythologie, da hier entschieden mehr Aussicht auf
befriedigende Lösung der Fragen besteht. +Julius Lippert+ wies in
mehreren Schriften nachdrücklich auf Seelenglauben und Seelenkult als
das eigentliche mythenerzeugende Element in allen Religionen hin;
so in seinen _Religionen der europäischen Kulturvölker_ 1881, in
_Christentum, Volksglaube und Volksbrauch_ 1882, in der _Allgemeinen
Geschichte des Priestertums_ 1883/4. Die Thatsache, dass überall
der Seelenglaube eine grosse Rolle spielt, tritt klar hervor. Aber
Lippert irrt, wenn er im Seelenglauben die einzige Grundlage der
Mythen annimmt und alle Religionen und Mythologien unmittelbar daraus
ableitet. Nur unter Missachtung historischer und philologischer
Ergebnisse, die sich dagegen auflehnen, vermag er seine Behauptung
durchzuführen. Ungleich wertvoller ist +Erwin Rohdes+ _Psyche
Seelenkult und Unsterblichkeitsglaube der Griechen_ 1890. Rohde erweist
das Vorhandensein des Seelenglaubens bereits in den ältesten Zeiten
des Griechentums. Selbst hinter diesen geistig und künstlerisch hoch
entwickelten Lebensformen lagert der finstere Gespensterglaube, der
einmal dem Menschen eingepflanzt und nur zeitweilig unter dem Einfluss
höherer Bildung zurückzudämmen ist.
+Ludwig Laistner+ behandelte mit feinstem poetischem Empfinden
und gründlichster Gelehrsamkeit Vorstellungsgruppen der niederen
Mythologie. _In den Nebelsagen_ 1879 nimmt er die Naturerscheinung zu
Hilfe, der noch in einer uralten Zeit bereits einige Typen erwuchsen,
z. B. die Anschauung des Nebels als Wolf, des Sturmes als Ross. Aber
nur ein paar Typen sind alt, deren Individualisierung den einzelnen
Völkern zumal unter Einwirkung der Naturverhältnisse zufällt. Das
Vermögen, aus Nebelerscheinungen Sagen zu bilden, hielt lange an. Die
deutschen Nebelsagen sind nicht sehr alt; sie können erst entstanden
sein, als unsre Vorväter, ins Bergland einrückend, die mannigfachen
Gestalten des Nebels kennen lernten. Im _Rätsel der Sphinx_ 1889
wird der Ursprung des Geisterglaubens an den Alptraum angeknüpft,
der Alptraum als die Grundlage und der Ausgangspunkt zahlloser
abergläubischer Vorstellungen und Sagen erwiesen. Laistner hat die
psychologische Erklärung von der Mythenentstehung sehr gefördert,
freilich auch zu einseitig angewandt. Höchst beachtenswert sind die
Etymologien, die Laistners Schriften auch dem Sprachforscher überaus
anziehend machen. Die Namen sollen von Anfang an mit den Sagen
verknüpft sein; ihre richtige Etymologie, die ursprünglich durchsichtig
und allgemein verständlich war, weist auf denselben Vorstellungskreis
des Alptraumes hin, dem Sage und Glaube entstammen. Im Verlauf der Zeit
kam der wahre Sinn abhanden. Die Forschung muss ihn wieder herstellen.
Natürlich müssen auch die Etymologien manchen sachlichen und formalen
Widerspruch hervorrufen. Aus dem Kreise der Alptraumgeister entwickeln
sich allmälig auch nach Laistner die übrigen mythologischen Gebilde.
Der Alptraum ist Keim und Kern aller Mythologie.
7. Die Wanderung der Mythen.
Die Symboliker hatten aus allgemeinen Ähnlichkeiten eine Urreligion
erschlossen, welche mit der Menschheit von der Urheimat aus über den
Erdball verbreitet worden war. Die Anhänger der vergleichenden Richtung
vertraten eine ähnliche Anschauung, nur mit Beschränkung auf den
indogermanischen Stamm. Auch sie glaubten an eine ziemlich ausgebildete
indogermanische Mythologie, die mit den einzelnen Völkern wanderte und
nach der Trennung allerdings sich auch verschiedenartig entfaltete.
Kulte und Mythen aller Zeiten und Völker stehen in geheimnissvoller
Wechselwirkung, Ähnlichkeiten sind nicht zu verkennen. Wenn sie nicht
auf Zufall und gleichmässiger Entwicklung aus den überall gegebenen
Voraussetzungen der Wechselwirkung zwischen menschlichem Geiste
und Naturumgebung beruhen, wenn ebenso die urmenschliche wie die
urindogermanische Religion als ein Irrtum bezeichnet werden muss,
bleibt nur eine Erklärung: Entstehung an einer bestimmten Stelle
und Ausbreitung von dort aus. +O. Gruppe+, _Die griechischen Kulte
und Mythen in ihren Beziehungen zu den orientalischen Religionen_ I
1887 gelangt nach Verurteilung aller bisherigen Erklärungsversuche
zur Lehre vom „Adaptationismus“, von der Entlehnung und Aufnahme
der irgendwo und irgendwie gestifteten Religionsformen. Die übrige
Menschheit war anfänglich durchaus religionslos. Gruppe sagt S. 151:
„Wir glauben hinsichtlich der auch von uns zugegebenen sachlichen
Übereinstimmungen zwischen den Kulten und Mythen der einzelnen
indogermanischen Völker den Nachweis geführt zu haben, dass sie
erstens nicht in die proethnische Urzeit hinaufreichen können, weil
sie mit dem allgemeinen Kulturzustande jener Periode in unlöslichem
Widerspruch stehen, dass sie aber ferner nicht einmal in die Periode
der einzelnen Völkergruppen zurückgeführt werden dürfen, ja dass
selbst die Anfänge der ethnischen Zeit wenigstens bei den Griechen
ohne einigermaassen ausgebildete Religionsformen gewesen sein müssen.
Damit ist nun negativ erwiesen, dass der von Müller eingeschlagene
Weg, jene sachlichen Übereinstimmungen zu erklären, unrichtig war.
Es kommt nun nur noch darauf an, dass eine andre Art der Erklärung
als die Vererbungshypothese möglich ist, d. h. dass auch nach ihrer
Trennung Inder, Griechen und Germanen zu denselben Religionsformen
gelangen konnten, indem sie sich dieselben von aussen her aneigneten.
Da als die gemeinschaftliche ausserindogermanische Quelle der bei den
indogermanischen Völkern übereinstimmenden Mythen und Kulte nur Ägypten
und das grösstenteils semitische Vorder-Asien in Betracht kommt, so
handelt es sich darum, ob wol Wege denkbar sind, auf denen ursprünglich
vorderasiatische oder ägyptische Religionsformen in grossem Umfange
nach Griechenland, nach Indien und nach Mittel- und Nordeuropa
importiert wurden.“ Also die Semiten haben die übrige Menschheit
überhaupt erst mit Religion beglückt! Was Gruppe S. 180 ff. vom
Entstehen der germanischen Religion sagt, ist höchst unwahrscheinlich.
Er glaubt dem Caesar aufs Wort, dass die Germanen damals nur Sonne,
Mond und Feuer anbeteten. „Wie hat sich das schon in der Zeit geändert,
von der uns die Germania des Tacitus berichtet! Und von dort aus
wieder welcher Abstand zu dem Zustand der germanischen Mythen und
Kulte im Zeitalter der Völkerwanderung! Fast Schritt für Schritt
können wir an der Hand äusserer glaubwürdiger Zeugnisse das Eindringen
südeuropäischer Vorstellungen in Germanien verfolgen.“